Zeitgenossen

Ich habe mit Astrid Lindgren und Stephen Hawking zusammengelebt. Leider auch mit Erich Honecker. Das ist allerdings mittlerweile Geschichte. Jetzt lebe ich mit Papst Franziskus zusammen. Wir sind nicht unbedingt Freunde, tatsächlich sind wir einander noch nie begegnet, aber wir leben gemeinsam in einer ziemlich großen WG. Die nennt sich Welt. Wir haben noch viele weitere Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Wenn ich das so aufschreibe, klingt es fast ein bisschen hippiesk. Nicht alles klappt reibungslos, der eine vergisst notorisch, den Müll rauszubringen, der andere kippt seine Schwermetalle ins Meer, und so richtig saubergemacht wurde schon lange nicht mehr. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass WGs dauernd lustige Partys feiern, gibt es einige, die ständig wegen irgendwas beleidigt sind und nicht mitfeiern. Dennoch würde ich niemals ausziehen. Es sind so viele interessante Leute dabei und wir gestalten unser Haus, jeder in seinem Zimmer und manchmal gemeinsam in der Küche. Selbst wenn wir einander noch nie begegnet sind, sind wir Zeitgenossen. Wir gehören zusammen. Wir leben in derselben Zeit. Wir atmen dieselbe Luft. Wir rechnen mit denselben Zahlen, unsere Träume schweben in einem Raum und es ist ein Himmel, der sich über uns spannt. Ich glaube, es tut gut, sich hin und wieder daran zu erinnern.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Gudrun (Donnerstag, 31 Mai 2018 11:10)

    Liebe Susanne Niemeyer, einfach wunderbar und so einfach. Danke für so viele wunderbare Ideen.

  • #2

    Karin (Mittwoch, 06 Juni 2018 13:47)

    Ja, wie wahr Susanne … wir sind eine riesengroße Menschheitsfamilie. Weltenbürger … sagte letztens jemand - oder PILGER - hab ich auch schon gehört.
    Sehr oft ist der Blick bzw. das Herz zu eng. Wenn wir unser Gegenüber als Schwester/ Bruder begreifen … sie / ihn als GESCHENK ansehen, verändert sich unser Empfinden und unser Verhalten. Alle und alles ist dazu da - das es eine Weiterentwicklung gibt. Und die Krisen - der Schmerz - sind meist gute Vorwärtsbringer. DAS erkennt man aber oft erst im Nachhinein. Nachdenkliche Grüße - beste Wünsche! Karin