15 Uhr 03, Gleis 5

Als Gott am Bahnhof ankommt, hat die Blaskapelle gerade Aufstellung genommen und die Pfadfindergruppe "Kleine Füchse" ihre Wimpel ausgerollt. Der Frauenkreis hat fünf Kuchen gebacken, von denen einer vegan ist, weil man sich nicht einig war, wie Gott die Sache handhabt. Die einen sind der Meinung, Gott könne kaum Eier, also seine Schöpfung in spe, verspeisen. Das käme doch wohl einer Abtreibung gleich. Die anderen verdrehen die Augen. Am Himmel türmen sich Wolken, die den Bürgermeister besorgt abwechselnd nach oben und auf sein Manuskript blicken lassen.

Als der Zug einfährt, breitet sich eine heilige Stille aus. Nur die Räder quietschen. Dann öffnen sich die Türen. Eine Dame mit exzentrischem Hut steigt aus. Zwei Männer mit einem quengelndem Kind. Der Zugbegleiter, der sich schnell eine Zigarette anzünden will, davon jedoch wieder Abstand nimmt, als ihn die drohenden Blicke des Frauenkreises treffen. Weiterhin steigen aus ein Rucksackträger samt Hund und Frau Birkendahl, die das Wochenende bei ihrem heimlichen Geliebten verbracht hat und sich nun ertappt fühlt. 

Dann kommt niemand mehr. Der Bürgermeister sieht ratlos von einem zur anderen. Die Blaskapelle gibt zwei unsichere Töne von sich. Gott scheint keine Anstalten zu machen, sich zu erkennen zu geben. Der Hund sagt "Wuff". Das Kind ruft "alle einsteigen!" Die Dame lächelt. Der Frauenkreis ist enttäuscht, egal, wer von diesen Leuten Gott ist. Nur die Wolken zeigen sich unbeeindruckt und ziehen.

Gott sieht einer Taube nach, fühlt sich zu Hause und mischt sich unter die Leute.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Gundolf (Montag, 30 September 2019 13:22)

    Wunderbar, danke für die schönen Zeilen. Sie erinnern mich an die Geschichte mir der Jugendgruppe, die aus er Kirche fliegt und unter der dann ein gewisser Jesus ist.
    Danke.
    Bleigt behütet!