Lieber Martin,

 

Angst vor der Hölle habe ich nicht. Da geht es mir anders als dir. Die Hölle ist aus der Mode gekommen. Feuerschlünde schrecken uns nicht, und der Teufel ist für die meisten nur noch eine Figur aus dem Märchen. Dass wir in der Hölle schmoren könnten, ist also eine Drohung, die uns kalt lässt. Angst haben wir trotzdem. Allerdings nicht vor dem Leben nach dem Tod. Wir bewegen uns gedanklich eher im Leben vor dem Tod. Du hast dich um das Jenseits gesorgt, wir sorgen uns um das Diesseits. Dass ein Gott gnädig auf uns herabsehen möge, das beschäftigt uns weniger. Aber gnädig angesehen werden, das wollen wir auch. Von Kollegen, von der Lehrerin, von Freunden und Bekannten, von unseren Facebookkontakten ebenso wie von den Leuten im Club oder den Zuhörern eines Vortrags. Wir wollen gemocht werden. Wir wollen dazugehören. Wir haben Angst rauszufallen aus der warmen Stube der Gemeinschaft, denn dann wären wir völlig allein. Und allein zu sein, das ist unsere größte Angst. In deiner Zeit war das ein seltener Zustand. Man hatte seine Familie oder man lebte im Kloster. Wer allein war, hatte entweder eine schlimme Krankheit oder das Pech, als Hexe gebrandmarkt oder in irgendeiner anderen Art ausgestoßen zu sein. Angst war zu deiner Zeit etwas sehr Existenzielles. Ich will nicht sagen, dass das heute nicht mehr so ist. Wir haben auch existenzielle Ängste, aber unsere Alltagsängste sind andere als deine. Es ist nicht die Hölle, die uns bedroht. Es ist die Leere. Ich sehe, wie du erstaunt guckst. Die Leere, könntest du sagen, was soll das denn heißen? Die Leere ist gefüllt durch Gottes Wort. Du setzt alles darauf: „Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen; auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort; das ist mein Trost und treuer Hort, des will ich allzeit harren.“ Ehrlich, das imponiert mir. Deine Sprache ist nicht meine Sprache, aber dass das Wort Kraft hat, das glaube ich auch. Kraft, die Welt zu verändern, meine Angst und mich. Ich kann der Leere Worte entgegen setzen, und deshalb habe ich einen großen Vorrat davon angelegt. Du kanntest wahrscheinlich Psalmen auswendig, Gebete, die zehn Gebote. Du wirst ein Ave Maria im Schlaf aufgesagt haben können. Die Bibel war deine Versicherung. Ich habe andere Worte, Lieblingslieder, Gedichte und, ja - auch ein paar Bibelverse. Ich habe eine Schatzkiste voll mächtiger Worte und wenn die Angst kommt, öffne ich sie. Dann flüstere ich ihr Worte ins Ohr, manchmal singe ich sie, manchmal schleudere ich sie ihr entgegen. Die Angst kann drohen, sie kann sich aufbäumen, sie kann sich wichtig machen, solange ich Worte habe, bin ich nicht verloren. Das ist etwas, das ich von dir gelernt habe. Dem Wort kann man trauen. Weil es der Anfang von allem ist. Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Wo Gott ist, nehme ich an, ist die Angst gut aufgehoben. Und ich bin es auch.

 

Deine Susanne

 

Au ja! Ich möchte wissen,

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