Spiegelmoment

Aschermittwoch ist der Tag, an dem Gott vor der Tür steht. Es überrascht mich nicht mehr, weil das jedes Jahr so ist. Draußen liegt Schneematsch, ein paar zerrupfte Luftschlangen kräuseln sich im Bordstein und das Treppenhaus riecht nach abgestandenem Prosecco.

Ich sage: „Komm rein“, und Gott klopft die Schuhe ab, damit kein Matsch auf die Dielen fällt. Das finde ich sehr umsichtig. Wir gehen ins Wohnzimmer und setzen uns. Die ersten Male schlug ich vor, Kaffee zu kochen. Ich war aufgeregt und irgendwie wollte ich auch nicht mit leeren Händen dastehen. Aber Gott lächelte nur und schüttelte den Kopf. Gott wollte nichts. Das wunderte mich.

Als Kind lernte ich, dass Gott immer etwas will. Liebe oder Gehorsam. Ein reines Herz. Seine Gebote sollte man befolgen, obwohl man dabei sowieso nur scheitern konnte. Denn natürlich begehrte ich etwas. Zum Beispiel die Puppe meiner besten Freundin, die sprechen konnte, wenn man auf ihren Bauch drückte. Später habe ich mich nach Lars verzehrt, er knutschte mit dem Mädchen aus der Parallelklasse. Ich hätte fast alles dafür getan, an ihrer Stelle zu sein. Aber das hätte Gott sowieso nicht gefallen. Knutschen war nicht in Gottes Sinne. Gott will, dass man sich aufspart, hatte ich gehört. Später wollte Gott, dass ich die Welt rette, fair gehandelten Kaffee trinke, gegen Atomkraft demonstriere, eine Familie gründe und einen Obdachlosen aufnehme. Manchmal hätte ich am liebsten geschrien: „Mein Gott, reicht es jetzt mal?“

Es reichte nie. Ich bin klein, mein Herz ist rein. Ich schaffte es ja noch nicht mal, meinen Pullover nicht zu bekleckern. Gott, lernte ich, ist unersättlich. Gott schläft nicht. Gott sieht alles. Gott kennt meine verborgensten Gedanken. Ich war Gott ausgeliefert und die einzige Möglichkeit, seine Liebe zu ergattern, war zu tun, was er wollte. Wenn ich ehrlich war, mochte ich Gott nicht. Wie kann man auch jemanden mögen, der einen kontrolliert?

Dann kam der Tag, an dem er zum ersten Mal vor der Tür stand. Als ich ihm öffnete, erstarrte ich. Jetzt hat er mich, dachte ich. Jetzt gibt es kein Entkommen. Ängstlich ließ ich ihn ein.

Er war anders, völlig anders. Nicht aufdringlich. Ein vorsichtiger Besucher, fast scheu. Er sah sich um, in meiner Wohnung und in meinem Leben, auf eine interessierte und zurückhaltende Weise. Ich weiß nicht, warum er kam. Ich weiß nicht, warum er plötzlich an diesem Tag vor meiner Tür stand. Ich hatte ihn nicht gebeten. Viele Male zuvor hatte ich ihn gerufen, hatte ihn angefleht, sich zu zeigen. Dieses Mal nicht. Mein Leben hatte sich gerade in Mittellage eingependelt. Ich brauchte keinen Retter.

Wir setzten uns, und er holte einen Spiegel hervor. Nichts Besonderes, einen ganz gewöhnlichen Taschenspiegel, vielleicht ein bisschen größer. Er stellte ihn so auf den Tisch, dass ich darin mein Gesicht sah. Mein Gesicht gucke ich täglich etwa einhundert Mal an, im Vorübergehen in einem Schaufenster, wenn ich das Haar zum Pferdeschwanz binde oder versuche, ein einigermaßen passables Selfie zu machen. Ich prüfe, ob ich Spinat zwischen den Zähnen habe oder einen Pickel auf der Stirn.

Das hier war anders. Ich tat nichts. Ich bemühte mich nicht, gut auszusehen, ich glaube, ich lächelte nicht einmal. Ich sah die Sommersprossen, ausgeblichen vom Winter, und den Mund, der sich mit den Jahren ein paar Falten zugelegt hat. Ich sah die Narbe am Kinn von dem Fahrradsturz auf dem Schulweg. Über 30 Jahre ist das jetzt her. Und plötzlich sah ich noch mehr. Andere Sachen: Ich sah die Angst, die mich seit ein, zwei Jahren begleitet. Sie ist nicht groß, aber sie ist treu. Sie flüstert mir ein, was alles passieren könnte, wenn ich nicht aufpasse. Ich sah die Sehnsucht, mal wieder verliebt zu sein. Kein Mann stand dahinter, allein das Gefühl. Ich sah die Hilflosigkeit, nicht zu wissen, wie ich mit einem todkranken Freund umgehen kann. Ich sah den Wunsch nach Versöhnung, ganz allgemein. Dauernd gibt es etwas zu kritisieren und das macht so müde. Ich sah ein paar geheime, hässliche Gedanken. Überrascht sah ich auch Wünsche, von denen ich gar nicht wusste, dass sie noch da sind. Offenbar haben sie still und geduldig in der Ecke gestanden und gewartet. Ich sah mich ungeschminkt.

Ich weiß nicht, wieviel Zeit verging, während wir dort saßen. Trotz all der Dinge, die sich im Spiegel zeigten, fühlte ich mich aufgehoben. Vielleicht war es sein Blick, der so ruhig und wohlwollend war. Es lag kein Vorwurf darin, keine Missbilligung, auch keine Forderung. Plötzlich dachte ich: Kann es sein, dass es das ist, was er will? Mein Wohl? Das und nichts anderes? Ich mochte es, wie wir beide mich ansahen. Es fühlte sich warm an, wirklich warm.

Später ging er. Er sagte noch ein paar Worte über das Wetter, das ihm zu schaffen machte. Wegen der Eisbären, weil ihnen das Eis fehlt und das Futter. Ich nickte und murmelte, dass ich es mir schön vorstelle, einmal ihr Fell zu kraulen. Ich hätte ihm gern geholfen mit den Eisbären. Er strich mir über die Stirn, so, als wolle er sagen: Ist schon gut.

Ich sah ihm nach, als er die Treppe hinunterstieg. Ich hätte ihn gern festgehalten, ihn und diesen Moment.

Er kam wieder. Jedes Jahr am Aschermittwoch, mit einem Spiegel.

 

in: Magazin Andere Zeiten 1/2018

   

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