Das ist mein Schreibtisch und das ist mein Stift und das ist mein Blog. Hier schreibe ich einmal die Woche über Gott und die Welt. Der Engel-imbiss ist gar nicht weit von hier. Dort gibt es die besten Pommes mit allerschönstem Elbblick. Ich finde, Texte für die Seele sollen genauso schmecken: wie gute Pommes.


Fr

15

Jul

2016

Pause

Ich geh' angeln. Am 7. August geht es hier weiter.

 

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Mo

11

Jul

2016

Sommer!

Im Sommer sollst du frei sein. Im Sommer sollst du tun, was du willst. Einfach weil Sommer ist. Im Herbst kannst du darüber nachdenken, dass du sterben musst. Im Herbst darfst du die Sinnfrage stellen, über verkorkste Kindertage nachdenken, um verflossene Jugendlieben trauern. Im Herbst darfst du rechtschaffen Trübsal blasen.

Aber im Sommer macht das Leben blau.

Der Sommer lädt ein zum Alltagsglück. Da ist er freigiebig, davon hat er im Überfluss. Im Sommer sollst du barfuß über Wiesen zu laufen, auch wenn du 75 bist. Im Sommer kannst du morgens die Erste im Freibad sein. Im Sommer sollst du Kirschen pflücken und wenn du ein Stadtkind bist, dann heißt es raus aus der Stadt, bis die Finger klebrig sind vom roten Saft. Versetz dich in den Kindheitsmodus. Lutsch Wassereis solange es geht. Im Sommer sollst du schwärmen und tagträumen, im Sommer darfst du hochstapeln und Luftschlösser bauen und alles für möglich halten. Im Sommer hat die Vernunft Urlaub.

Eine Woche Ferien sind genug? Niemals! Freiheit funktioniert nicht häppchenweise. Dein Schreibtisch braucht auch mal eine Pause, der Stuhl will sich erholen von deinem Hinterteil. Dein Anrufbeantworter arbeitet gut. Das Netz hält auch ohne dich. Und die Welt kann gar nichts anfangen mit so vielen Unentbehrlichen.

Der Sommer akzeptiert keine Ausreden. Er richtet sich nicht nach dir. Er ist nicht abrufbar. Der Sommer ist eine Erinnerung ans Paradies. Er kommt, wann er will. Sei bereit.

 

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Sa

02

Jul

2016

Übrigens

Beten ist wie Küssen. Ich küsse auch nicht, weil ich denke, dass es etwas bringt.

 

 

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So

26

Jun

2016

Knobeln im Juni

Als Miss Gott runterkommt, ist es acht Uhr vierzehn. Stadteinwärts staut sich der Verkehr. Die Wettervorhersage meldet Schauer. 117 Menschen in Miss Gotts Blickfeld sind auf dem Weg zur Arbeit, 85 gehen zur Schule, 13 haben keine genaueren Pläne, einer stirbt und zwei kommen zur Welt. Eine Taube fliegt tief.

Miss Gott ist voller Tatendrang. Geht's jetzt los, machen wir was?

Keine Reaktion. 217 ausdruckslose Augenpaare starren durch sie hindurch. Nur der Tote zeigt ein gewisses Interesse nicht ganz uneigennütziger Art: Wo denn jetzt das Paradies sei? 

Aber Miss Gott hat keine Lust, sich mit den Toten zu befassen, die können warten, die haben Zeit. Das Dumme ist nur, dass die Lebendigen nicht viel lebendiger wirken. Leute, was ist los? Miss Gott ist eine Freundin klarer Worte, schon immer gewesen. Sie rüttelt an einem Mädchen und einem pickeligen Bankangestellten. Hallo? Hört ihr mich? Keine Reaktion. Wenn Miss Gott es nicht besser wüsste, würde sie annehmen, es handele sich um Statisten. Was ist los mit euch?, fragt sie und als das nicht hilft, brüllt sie WAS IST LOS MIT EUCH? Ein paar Berge stürzen ein, die Hasen verkriechen sich in ihren Höhlen und die Meere bäumen sich auf vor Schreck. Nur die Menschen zeigen keinerlei Reaktion. 

Miss Gott schüttelt den Kopf über so viel Ignoranz. Was soll's?, denkt sie dann. Versuche ich es eben bei den Ameisen, vielleicht sind die aufgeschlossener. 

Wie das ausgeht, ist nicht überliefert, aber im Wald hört man manchmal, wenn man sehr leise ist, Musik, Gesang und das Klackern der Knobelbecher und Lachen dazu, sehr viel Lachen.

 

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Sa

18

Jun

2016

Was das Leben lebenswert macht

Sich schlaftrunken am Duft des Duschgels erfreuen. In Schreibschrift schreiben. Sprudelndes Wasser trinken. Eine Uhr, die nur in etwa die Zeit angibt. Zuversichtlich sein. Durch die Sonne blonder werdendes Haar. Die Erfindung von Skype. Jemanden singen hören. Früh morgens auf sein und sich als einzige wähnen. Das Fell einer Katze. Höflichkeit. Tee im Allgemeinen und Kluntjes und Sahne im Besonderen. Alte Räume betreten und sich vorstellen, dort gelebt zu haben. Keinen Fußball mögen müssen. Himbeeren im Wald finden, ohne nach ihnen gesucht zu haben. Von einer Reise zurückkehren und die Blumen leben noch. Keine Angst zu haben, dass jemand schießt. Freunde, mit denen es nichts ausmacht, ein halbes Jahr zu schweigen. Mittsommer. Im Feuer gegarte Kartoffeln mit Butter auslöffeln. Saubere Fingernägel. Nachlassender Regen.

 

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So

12

Jun

2016

Heute

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So

05

Jun

2016

Lustifikation

Ich mag Hängematten, weil man darin so wunderbar hängen kann. Neun Stunden Schlaf finde ich ein erstrebenswertes Ziel. Ich brauche auch nicht ständig eine Aufgabe.

Ich sage das lieber nicht ganz so laut, weil der gute Mensch von heute ein Mensch ist, der viel zu tun hat. Je unangenehmer die Pflicht und je größer die Qual an Schreibtisch, Laufband oder Yogamatte, desto mehr Bewunderung. Es ist ein bisschen wie im Mittelalter. Selbstkasteiung ist wieder modern.

Ich finde, da hilft nur Nachsitzen. In Lustifikation. Eine gute Lehrerin darin ist Pippi Langstrumpf. Sie hat sie schließlich auch erfunden. Ein paar Stunden Lustifikation am Tag sind wichtig. Weil die Lippen sonst schmal und die Wangen bleich werden, wenn man immer nur das tut, was getan werden muss. Dann braucht die Seele Vitamine, und zwar ganz dringend.

Ich stelle mir das so vor: Als Gott vor ein paar Fantastilliarden den Menschen gemacht hat, dachte er bei sich: Der soll nicht nur schreiben, rechnen, Grütze kochen, der soll sich auch vergnügen können. Und deshalb schuf er eine Menge Lustbarkeiten.

Aber dann passierte es: Der Teufel wollte auch ein Wörtchen mitreden, weil er seine Felle schon davonschwimmen sah. Glückliche Menschen sind nämlich nicht besonders empfänglich für Versprechen und Verlockungen. Sie haben ja, was sie brauchen. Da erfand er das schlechte Gewissen. Damit hat er dich in seinen Fängen.

Und deshalb ist es wichtig, dass man sie übt, die Lustifikation. Zum Beispiel heute.

 

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So

22

Mai

2016

Selbstprüfung

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So

15

Mai

2016

Pfingsten

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Mo

09

Mai

2016

Hier

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So

01

Mai

2016

Anfangen

Ich stelle mir das so vor, dass Gott selbst keine Ahnung

hatte, wie man eine Welt erschafft. Er hatte das ja auch noch

nie gemacht. Also fing er einfach an, und schließlich kam

doch etwas ganz Interessantes und gar nicht so Schlechtes

dabei heraus. Und er hatte keinen Kurs besucht und konnte

kein Zertifikat vorweisen – jedenfalls soviel man weiß.

Deshalb finde ich, jeder kann etwas versuchen, ein Bild

malen oder einen Gugelhupf backen oder eiskunstlaufen

oder eine Tabellenkalkulation und wenn es nicht gleich

gelingt, na, dann versucht man es noch einmal, weil wir

eben nicht Gott sind, aber vielleicht immerhin seine

Schüler. Irgendwann gelingt etwas, und alles was man dazu

braucht, ist ein bisschen Mut.

 

 

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So

24

Apr

2016

Sonntags Gottesdienst

Auf einem Bettlaken steht Seelenfutter: Eat, pray, love. Ich sehe Bauwagen in allen nur erdenklichen Farben. Rot mit gelben Fensterläden, gelb mit türkisen Rädern und einen Wagen, der ist grün-weiß gepunktet. Das Ganze sieht aus wie Legoland in groß, nur, dass hier und da der Lack abgeblättert ist. Ich habe mich schon oft gefragt, warum Menschen ihre Häuser grau streichen. Oder beige. Oder garnichtfarben. Ist graue Farbe billiger als bunte? Oder ist das ein Statement: Bitte beachten Sie mich nicht, ich tue nichts zur Sache. Ich bin ein durchschnittlicher Bürger und stehe für nichts. Oder haben die Bewohner Angst, man könnte sie in einem gelben Haus für kindisch halten? 

Eine Frau steht vor mir. Ich glaube, sie hat was gesagt.

„Hallo, herzlich willkommen!“, setzt sie nochmal an, dann führt sie mich zu einer Wiese, die mit Kissen und Decken übersät ist. Ein riesiger Flickenteppich, auf dem bereits siebzig oder achtzig Leute Platz genommen haben. Ich setze mich dazu und fühle mich ein bisschen verloren, weil ich keinen kenne. Da geht die Musik los. Sie überfällt mich aus heiterem Himmel. Alle Härchen an meinem Körper stehen Kopf. Trommeln, Trompeten, Gitarren, Akkordeon, es klingt, wie ein riesiges Balkanorchester. Ein paar Leute fangen an zu singen, andere stimmen ein, es werden immer mehr, sie wiederholen nur eine einzige Zeile, und nach und nach verstehe ich, was sie singen: What if God was one of us, just a slob like one of us, try to make his way home. Immer lauter wird der Gesang, immer schneller die Musik. What if God was one of us, wieder und wieder. Nicht möglich, sich dem zu entziehen, lauthals singe ich mit. Ich bin glücklich.

Die Musik bricht ab. Die Stille ist ohrenbetäubend.

„Glücklich“, beginnt Jesus, „sich von dem Leben lösen zu können, das man geplant hat, damit man das Leben findet, das auf einen wartet. Meistens stellen wir uns doch vor, dass wir hier sind und Gott ist ganz weit weg. Es ist aber genau umgekehrt: Gott ist hier und wir sind ganz weit weg. Gott wartet.“ „Wo?“, ruft eine andere. „In deinem eigenen Herz. Wer zu sich kommt, kommt an Gott nicht vorbei. Und umgekehrt auch nicht.“ „Das ist doch nur seichtes Gequatsche! Wir müssen die Welt verändern. Es läuft so viel falsch, den massenhaft gequälten Tieren oder einem gefolterten Oppositionellen wird es kaum helfen, wenn du auf dein Herz hörst. Wir müssen handeln, nicht fühlen!“

Jesus grinst ein bisschen, fast könnte man meinen, es läge Spott darin. Aber seine Augen lächeln mit. „Hast du je davon gehört“, fragt er, „dass es etwas nützt, wenn man über einen kaputten Motor eine neue Karosserie baut? Das Auto wird trotzdem nicht wieder fahren. Oder nützt es etwa, ein Update auf ein völlig veraltetes Betriebssystem zu spielen? Wir müssen von vorn anfangen. Und welcher Anfang liegt näher als du selbst?“

 

aus: Große Freiheit. Die Geschichte des Wasserwandlers

 

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Sa

16

Apr

2016

Alleskönner

Ole ist mein allerkleinster Freund. Er ist vier. Ich bin über vierzig. Wir verstehen uns blendend. Gestern fragte Ole: „Gibt es Alleskönner?“ Ich überlegte, und mir fiel beim besten Willen niemand ein. Nicht mal Großmütter sind Alleskönner, obwohl sie nah dran sind. Also sagte ich: „Vielleicht Gott.“ Ich sah, wie es in Oles Kopf ratterte. Er dachte nach. Ich auch. Wenn Gott alles kann, könnte er Kriege beenden, Brötchen an Bettler verteilen, den Nordpol um ein paar Grad herunterkühlen und den Mördern die Gewehre wegnehmen. Tut er aber nicht. Manche sagen: Er könnte schon, er will nur nicht. Das wiederum will ich mir gar nicht vorstellen. So ein Gott wäre ziemlich kaltherzig. Bleibt nur die Möglichkeit, dass er doch kein Alleskönner ist.

Es gibt Menschen, die tun so, als könnten sie alles. Sie haben immer einen Schraubendreher, fünf Pflaster, ein Apfelkuchenrezept und eine passende Antwort in der Tasche. Sie stellen keine Fragen, weil sie ja schon alles wissen. Sie sind mir unsympathisch. Wenn einer alles kann, braucht er keine anderen mehr. Eine Welt voller Alleskönner wäre eine Welt voller Einzelgänger. Vielleicht dachte Gott: Alles Können ist auf acht Milliarden Menschen besser verteilt, als auf einen einzigen Gott. Ole kann gute Fragen stellen. Und aus Sand Kuchen backen. Ich kann Mut machen und Brötchen schmieren. Wir sind zwei. Das ist doch schon mal ein Anfang.

 

Könnt Ihr auch hören: NDR 2 Moment Mal

 

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So

10

Apr

2016

Tatort

Als Gott den Sonntag geschaffen hatte, machte er auch den Tatort. Dazwischen lagen ein paar Millionen Jahre. Das kam so: Gott schaute irgendwann im 20. Jahrhundert auf die Erde und sah lauter Einzelwesen. Sie hatten eine Menge zu entscheiden: in welchem Stadtteil sie wohnen, welche Yogarichtung sie praktizieren, ob ihr Essen vegan, vegetarisch oder paleo sein soll und worin der Sinn des Lebens besteht. Jeder wollte individuell sein, wogegen grundsätzlich nichts zu sagen ist, aber Gott in seiner großen Weisheit spürte ihre Sehnsucht nach Gemeinschaft. Das Gefühl, einfach so dazuzugehören. Ohne Eintritt. Ohne Aufnahmeprüfung. Ohne etwas leisten zu müssen. Ohne darüber zu diskutieren, ob man nicht doch etwas anderes machen könnte. Einmal in der Woche wollten sie das Gefühl haben, am richtigen Platz zu sein, weil der Nachbar und die Kitaleiterin und Oma genau dasselbe tun. Einmal in der Woche wollten sie Teil eines kollektiven Rituals zu sein. „Sie könnten in die Kirche gehen“, schlug einer der Engel vor und es klang irgendwie vorwurfsvoll. „Sonntags, immer um zehn.“ Gott nickte. Aber er war trotz allem auch Pragmatiker. „Viele trauen dem nicht. Sie fühlen sich dort nicht zu Hause. Deshalb haben sie sich den Tatort gesucht.“ „Einen Krimi?“ „Das spielt keine Rolle. Sie haben das Gefühl, wenigstens einmal in der Woche am richtigen Platz zu sein. Das gefällt mir.“ Der Engel schüttelte den Kopf. Dass der Allmächtige immer so unkonventionelle Wege gehen musste. Wo würde das noch hinführen?

 

Kann man auch hören: NDR 2 Moment mal

 

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Sa

26

Mär

2016

Lebt gut, lacht gut!

 

 

 

 

Hier geht's weiter am 10. April.

 

 

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So

20

Mär

2016

Palmsonntag

Jesus war ein Narr. Er hätte es zu etwas bringen können. Er hätte Karriere machen können. Als Gelehrter. Als Politiker. Vielleicht auch als Therapeut.

Netzwerkend mit den Einflussreichen. Willkommen in den Häusern der Angesehenen. Stattdessen brüskierte er sie alle. Ließ keine Fünfe gerade sein. War anstrengend. Im Zorn warf er ihre Tresen um und ihre Gewohnheiten. Zugleich zeigte er seine Schwächen. Für schöne Frauen und gutes Essen und unglückliche Menschen. Er weinte schon mal in der Öffentlichkeit. Er hielt seinen Spiegel vor ihre Gesichter, so nah, wie sich niemand vor Augen haben wollte. Er störte die Ordnung, die Gewissheit, die Sicherheit. Nicht genug, dass er Kranke heilte. Er zeigte ihnen ihre Stärke. Seine Wunder beschränkte er nicht auf das Notwendige. Er sorgte für guten Wein und Fische im Netz, mehr als man essen könnte. Er spazierte übers Wasser und zeigte einem Freund, wie das geht. Geld interessierte ihn nicht, er rechnete mit Gott. Ärgerlicherweise schien er dennoch kein Moralapostel zu sein. Er wusste zu feiern und zu genießen. Das Himmelreich habe längst begonnen, sagte er. Nämlich hier. Das ist mehr als Mut, das ist Übermut, und der ist unberechenbar. Er hält uns zum Narren. Er stellt uns ein Bein, während wir Karrieren machen, Kompromisse erfinden, der Ordnung dienen oder der Gewöhnung. Er nimmt unsere Eintönigkeit und macht ein Lied draus, und das Lied singt von Freiheit. Wo kommen wir da hin?

 

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So

13

Mär

2016

Kiwitorte und die Wahl

Es ist Sonntagnachmittag. Ich habe diesen Geruch von Bohnenkaffee und Kiwitorte in der Nase, wie es ihn nur bei meinen Großeltern gab. Er wehte mir schon im Treppenhaus entgegen, bevor ich auf dem grünen Sofa Platz nahm.

An solchen Nachmittagen haben wir viel über den Krieg geredet, die Nazizeit. Mein Opa hat sich im Nachhinein immer wieder gefragt, wie es nur so weit kommen konnte. Kopfschüttelnd sehe ich ihn vor mir sitzen, die Stirn zerfurcht.

Ich frage mich, was er heute sagen würde, wenn er wüsste, dass eine Partei zur Wahl steht, die in die Freiheit von Kunst und Presse eingreifen möchte. Die Homosexuelle zählen lassen und Kinder mit Behinderungen von anderen trennen will. Die Schusswaffen gegen Flüchtlinge einsetzen und die „Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern prügeln“ will. Ich frage mich, was er sagen würde, wenn er hörte, dass jeder zehnte Deutsche diese Partei wählen würde.

Ihm bliebe die Torte im Hals stecken. Mir auch.

Ist das wirklich das Deutschland, in dem Ihr leben wollt?

 

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So

06

Mär

2016

Geglückter Tag

An einem geglückten Tag geht die Sonne auf und ich bin dabei.

Auf der Tastatur des Computers wächst Moos. Moos auch auf der Uhr in der Küche und auf dem Display meines Handys. Vögel haben das Kommando der Geräusche übernommen. Die Luft lädt zum Schwimmen ein, sie trägt, wenn ich mich fallen lasse. Ich dümpele dahin, meine Gedanken springen ins kalte Wasser, manchmal fische ich einen heraus und hänge ihn zum Trocknen. Jemand serviert Tee. Die Zeit hat sich längst davon gemacht. Am Abend treffe ich den Schlaf, wir betten uns in Daunen, danken dem Gras, der Gans und dem Glück und holen uns einen Traum vom Himmel.

 

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So

28

Feb

2016

Bringt das was?

Ich war mal in einer römischen Stadt. Den Namen habe ich vergessen. Es lagen viele Steine herum. Man bekam Kopfhörer, in denen eine Stimme erzählte, wie es hier früher aussah, als die Steine noch Häuser waren und in den Häusern Menschen lebten. Der Römer, erfuhr ich, der reiche zumindest, verbrachte viel Zeit im Bad und beim Spiel. Arbeit war eher verpönt, dafür gab es Sklaven. Ich bin nicht für Sklaven. Und ich finde, seinen Abwasch hinzukriegen, gehört irgendwie zum Leben dazu. Aber wenn ich wählen kann, wähle ich ganz klar das Spiel und meinetwegen auch die Badeanstalt.

Ich glaube nicht, dass der Römer gefragt hat, was das bringt. Als ob das ganze Leben etwas bringen müsste. Als ob man andauernd sammeln müsste, Fähigkeiten, Kenntnisse, Erfahrungen, Habseligkeiten. Manchmal ist das sinnvoll, aber alles in allem, würde ich sagen, braucht eine Beschäftigung gar nichts zu bringen.

Ich lese weil ich lese weil ich lese. Füge jedes andere Wort ein: spiele, faulenze, sitze, träume, laufe, bade, pule Erbsen, denke, disputiere, erfinde, bin.

Ich bin weil ich bin weil ich bin. Ich muss nichts bringen.

Wem auch?

 

aus: 7 Tage Leichtsinn. Das kreative Mitmachheft

 

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So

21

Feb

2016

Einfach

Flüchtlinge essen Schwäne. Flüchtlinge entführen Schulkinder. Flüchtlinge erhalten Bordellgutscheine. Das glauben Sie nicht? Es stimmt auch nicht. Aber solche und ähnliche Behauptungen kursieren im Moment im Internet und verbreiten sich schneller als man denken kann. Deshalb gibt es seit letzter Woche eine Gerüchtekarte. Unter www.hoaxmap.org werden auf einer interaktiven Karte Falschmeldungen gesammelt. Dort kann man nachgucken, was dran ist an Meucheleien und Co.

Ich finde das gut. Denn ein Gerücht, das einmal in der Welt ist, wird man so schnell nicht wieder los. Da kann man noch so laut rufen: Ich war’s nicht!

200 Einträge gibt es mittlerweile, von Panzerfäusten über Friedhofsschändungen bis zu Vergewaltigungen ist alles dabei. Und alles ist falsch. Nur was einwandfrei widerlegt ist, wird in die Hoaxmap aufgenommen. Es geht darum Wahrheit und Unwahrheit zu unterscheiden. Man kann es auf den einfachen Satz bringen: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Das steht in den 10 Geboten und die gehören zu den christlichen Werten, die wir hochhalten. Sag nichts Unwahres über deine Mitmenschen. Nun ist genau das ja meistens das Vertrackte an Gerüchten, dass man eben nicht weiß, ob sie wahr sind.

Der Philosoph Sokrates hat mal vorgeschlagen: Lass jede Geschichte, die du erzählst, drei Siebe durchlaufen. Erstens: Ist das, was du erzählst, wahr? Zweitens, erzählst du etwas Gutes? Und: Ist, was du erzählst, förderlich?

Wenn nicht wenigstens eins davon der Fall ist, gilt: Einfach mal die Klappe halten. 

 

Kann man auch hören: NDR2 Moment mal

 

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So

14

Feb

2016

Valentin

Tulpen in Briefkastenschlitze stecken. Für die Kassiererin Erdbeerkuchen backen. Lächeln. Smarties-Smileys legen. Küssen. Dem Neid Lebewohl sagen. Münzen und Milka in Hüte werfen. Sich trauen. Ringelblumensamen verstreuen. Botschaften hinter Scheibenwischer klemmen. Für jemanden Kerzen anzünden. Nicken. Die Dusche putzen. Kleeblätter verschicken. In die Bresche springen. Gott sehen. Von der Autobahnbrücke winken. Tauben mögen. Den eigenen Regenschirm verschenken (wenn es regnet). Wunscherfüller sein. Kreideblumen an Hauswände malen. Irgendwas tun. Glücken.

 

                                                                                        aus: Alle Tage Mut

 

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So

07

Feb

2016

Wäre ein Wunder

Ein Wunder wäre,

wenn all die Pegidaleute nach Hause gingen 

und sagten: "Sieh an, wir haben uns geirrt."

Ein Wunder wäre,

wenn die Männer aus der Silvesternacht

erwachten und fragten: "Was haben wir getan?"

Ein Wunder wäre, wenn die Krieger ihre Waffe zur Seite legten

und schauderten: "Mein Gott, wir könnten wen verletzen."

Ein Wunder wäre, wenn alle unvermittelt ins Freie träten

und in die Sonne blinzelten, ungläubig ob der Stille,

und fragten, ob jemand Kaffee möchte,

ganz gleich wer, auch Zitronenlimonade sei zu haben.

 

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So

31

Jan

2016

Gutmensch

Herr M. ist jetzt auch bei Facebook. Er sieht die Katzenbilder seiner Freunde und Urlaubsschnappschüsse von den Seychellen. Herr M. mag das. Manchmal allerdings liest er Sachen, die er lieber nicht gelesen hätte. Letztens zum Beispiel schrieb eine Elsa in einem Kommentar: „Wie ich sie alle hasse, dieses Gutmenschenpack!“ Abgesehen davon, dass Herr M. den Satz grammatikalisch fragwürdig findet, schämt er sich ein bisschen. Als habe er in einen Teil von Elsas Seele gesehen, den sie besser nicht gezeigt hätte. Hass macht die Welt nicht besser. Herr M. kennt Elsa nicht, aber auf ihrem Profilbild sieht sie eigentlich ganz freundlich aus. Was verleitet sie wohl dazu, gerade die Guten zu hassen? Vielleicht machen sie Elsa Angst.

Herr M. hasst Ungerechtigkeit, fehlenden Respekt, Intoleranz. Er mag keine Häme. Man kann fiese Verbrechen hassen – und sollte es sogar, findet Herr M.

Herr M. ist Christ, jedenfalls theoretisch, und als solcher hat er mal gelernt, dass man eine Tat hassen darf, jedoch nicht den Täter. Wahrscheinlich gibt es Ausnahmen. Aber für den Alltagsgebrauch ist das eine gute Regel. Weil es Herrn M. insgesamt hilfreicher zu sein scheint, böse Taten zu bekämpfen, als Menschen.

Warum man jedoch Gutmenschen bekämpfen sollte, das versteht Herr M. überhaupt nicht. Wer soll denn dann noch übrig bleiben? Die Schlechtmenschen? Herr M. schaudert bei dem Gedanken an eine solche Welt. Zum Glück erinnert er sich an einen anderen Kommentar: „Tut Gutes denen, die euch hassen.“ Er beschließt, bei Elsa anzufangen.

 

kann man auch hören: NDR 2 Moment Mal

 

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Sa

23

Jan

2016

noch zu klären

Wie schmeckt der Frühling? Können Spinnen rückwärts gehen? Hat Gott auch den Tod erschaffen? Was passiert, wenn man einen Tag lang nur „Ja“ sagt? Kann man besser ohne Liebe oder ohne Sicherheit leben? Wie fühlt sich Wollgras an? Ist die Kirche Gottes Sonntagsausflug? Kann man sich selbst entschuldigen? Woran merkt man, dass etwas fehlt? Wer trägt den Himmel? Ist die Angst selber ängstlich? Träumen Quallen? Trägt der Wind die Vögel oder machen viele Vögel Wind? Fühlt sich ein blauer Schal am Hals anders an als ein roter?    

 

aus: Wandeln. Mein Fasten-Wegweiser

 

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Fr

08

Jan

2016

Winterpause

Ich bin bis zum 18. Januar im Schnee.

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So

03

Jan

2016

Alles neu

Das Jahr ist jung. Ich war auch mal jung. Ganz genau erinnere ich mich nicht mehr, aber ich nehme an, ich habe geschrien, wenn ich wütend war, gelacht, wenn sich ein freundlicher Mensch über mich beugte und dass ich inkontinent war, machte mir nichts aus. Meine Neugier war groß. Hielt man mir etwas hin, untersuchte ich es genau. Ich hielt es für selbstverständlich, dass eine Kastanie, ein Löffel oder eine Klorolle gleichermaßen ein Geheimnis bereit halten konnten. Zwischen Polizisten, Prostituierten und Pastoren machte ich keinen Unterschied. Wer lächelte, war gut.

Dann kamen Zwischenprüfungen, verdorbene Fischgerichte, Menschen, die einfach auf Nimmerwiedersehen verschwanden und ich wurde vorsichtiger. Ich glaube, so geht es vielen. Anfänge sind oft voller Zuversicht. Dann beginnt man zu verlernen: zu vertrauen, dass man aufgefangen wird, wenn man springt. Einen Stift anzusetzen, eine Blume, ein Haus, einen Löwen zu malen ohne zu denken: das kann ich nicht. Etwas tun ohne vorher zu fragen, ob es sich lohnt. Sein ohne übertriebene Scham. Es nicht peinlich finden, zu weinen. Einen so selbstbewusst eigenen Stil zu haben, der es erlaubt, eine lila Hose mit einem roten Pullover zu kombinieren.

Gott kam als Kinderseele zur Welt. Das ist merkwürdig. Er hätte diesen Schritt doch genauso gut überspringen können. Ein Gott, der in die Hose macht, kann schnell ein Autoritätsproblem kriegen. Trotzdem hat er sich in eine Krippe gelegt und sich den anderen überlassen. Die ihn wickeln, stillen, füttern. Die ihm zeigen, wie man geht, die ihn an sich drücken. Die ihn schützen vor dem Bösen, vor den Häschern und vor zu steilen Treppen.

Den Himmel, sagte er später, gibt es nur, wenn wir wieder wie Kinder werden. Wenn wir es wagen, klein zu sein, damit wir hineinkriechen können wie in eine Höhle. Weil der Himmel keine Gernegroße braucht und keine Alles-Berechner. Die Erde auch nicht.

Vielleicht wollte er es allen zeigen. Vielleicht wollte er vormachen, wie das geht: Mach dich verletzbar. Nur so bist da echt. Hab Vertrauen. Lass dich tragen. Rechne nicht. Greif zu, wenn sich dir etwas bietet (und lerne, dass du nicht alles haben kannst). Bleib neugierig. Verwirf das Einfache nicht, vielleicht birgt es einen Schatz. Schäm dich nicht für dein Dasein. Lache, wenn du lachen willst und weine, wenn du traurig bist. Vergiss die Wut nicht, sie gehört zu dir. Schlaf ist kein Zeichen von Faulheit. Miss dein Gegenüber nicht an seiner Kleidung (außer, sie glitzert sehr. Da kann man schon mal schwach werden.). Erlaube dir, keinen Brokkoli zu mögen. Fürchte das Scheitern nicht. Male, tanze, singe, wenn du willst. Frag, was du wissen willst. Wer nicht fragt, bleibt dumm. Spar dabei den Tod, das Ende der Welt (oder ihren Anfang), Wunder und andere Alltäglichkeiten nicht aus. Nimm deinen Körper für selbstverständlich. Es gibt dich nicht ohne ihn. Halte vieles für möglich.

 

erschienen in Welt der Frau

 

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So

20

Dez

2015

Heilige Familie

Ich komme aus einer mittelheilen Familie. Geschlagen hat mich niemand und Lametta hing auch immer am Baum. Nur dass es als Scheidungskind immer zwei Bäume gab und spätestens am zweiten Weihnachtstag hatte der Stress Spuren hinterlassen, die auch Marzipankartoffeln nur notdürftig kitten konnten. Aber jetzt mal im Ernst: Gibt es das nicht in fast jeder Familie? Es ist eben nicht alles heil. Und Weihnachten erzählt auch überhaupt nicht davon. Im Gegenteil:

Eine Frau und ein Mann, unverheiratet. Sie ist schwanger. Von wem, das weiß man nicht so genau. Obdachlos irren sie durch die Straßen, auf der Suche nach einem warmen Platz. Schließlich kommt das Kind draußen zur Welt, vor den Türen der geordneten Verhältnisse. Von Kerzenschein wird nicht bereichtet. Schon bald muss die Familie fliehen, politisch verfolgt und ohne Sicherheiten. Mit zwölf läuft dann der Junge zum ersten Mal weg, als pubertärer Revoluzzer herrscht er seine Mutter an: „Was habe ich mit dir zu schaffen?“ Heil klingt das nicht. Trotzdem ist das die heilige Familie.

Wenn Gott an bürgerlichen Verhältnissen in heimeligen Häusern gelegen gewesen wäre, hätte er das anders einfädeln können. Hat er aber nicht. Heilig heißt eben nicht heil. Heilig heißt: Jemand gehört zu Gott. Und Gott scheint nicht danach auszuwählen, ob einer eine vorbildliche Familie, eine weiße Weste oder einen erfolgreichen Lebenswandel vorweisen kann.

Trotzdem will ich nicht aufhören zu träumen. Meinetwegen dürfen Engelskinder und Samtschleifen weiter auf der Mattscheibe flimmern. Drei Nüsse für Aschenbrödel sehe ich auch dieses Jahr. Das sind Märchen und Märchen erzählen von der Sehnsucht, dass am Ende alles gut wird. Dass im großen Festsaal die Lichter angezündet werden und jeder darf hinein. Ich auch. Noch sind wir nicht soweit. Noch müssen wir uns mit Lametta begnügen, noch vergolden wir unsere Realität damit, die nun mal auch Weihnachten nicht aufhört. Aber das ist gut so – denn jeder Streifen Lametta erzählt davon, dass der Traum von einem Zuhause, das beschützt, das birgt und das verzaubert lebt.

Und deshalb öffnet eure Türen. Ladet die Leute von der Straße ein (auch so eine Geschichte aus der Bibel), zumindest aber Tante Agathe, die manchmal wunderlich ist, und trotzdem gern dabei wäre, wenn die anderen feiern. Ich stelle mir vor: Ein großer Tisch und Platz für jeden. Keiner soll draußen bleiben, weil die Gans nicht reicht. Oma ist da und die Nachbarin aus dem vierten Stock auch, weil sie kaum satt wird von ihrer schmalen Rente. Aber ihre Wangen beginnen zu glühen, wenn sie eines der alten Weihnachtslieder anstimmt. Die frisch getrennte Freundin, die zugezogene Arbeitskollegin. Wahlverwandtschaften in dieser Nacht. Eine Nacht, die von Famile erzählt, die nicht ausgrenzt. Damals waren Hirten zu Gast. Unbekannte, die kein festes Dach über dem Kopf hatten, Randfiguren der Gesellschaft. Auch ausländischen Wahrsagern wurde die Tür geöffnet. Offenbar konnte jeder kommen. Ein Kind wurde geboren, und dieses Kind gehörte allen.

Familie ist kein Heileweltwettkampf. Auch nicht an Weihnachten. Wir müssen nicht so tun, als ob wir uns alle lieb hätten. Familie ist Gemeinschaft. Und Gemeinschaft ist nichts Starres. Die Welt ist weit, und wenn sie in dieser Nacht noch ein Stück weiter wird, dann ist wirklich Weihnachten. Die Heilige Familie? Das sind doch wir alle.

 

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So

13

Dez

2015

...

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Sa

05

Dez

2015

Als Gott eine Frau fand

 

„Ich brauche eine Frau“, sagte Gott der Herr und alle Engel erschraken. Damit hatte niemand gerechnet.

„Aber“, hob der erste aller Engel an, „du bist Gott. Du hast für dich keine Frau vorgesehen.“

Gott blitzte ihn ärgerlich an. Wenn ihm etwas missfiel, dann waren es besserwisserische Himmelsbewohner. „Ich habe beschlossen, auf die Erde zu gehen.“

Einen Moment lang herrschte Totenstille (wenn man denn von Totenstille im Himmel sprechen kann). Dann begannen alle gleichzeitig zu reden: „Aber Herr, warum nur?“ „Das gab es noch nie!“ „Hier oben ist es doch so schön!“ „Die Menschen sind roh!“ „Unberechenbar!“ „Hier sind wir in Sicherheit!“ Doch der Herrscher aller Heerscharen ließ sich nicht beirren: „Ich will meinen Geschöpfen nah sein. Ich will fühlen, was sie fühlen. Ich will lieben, wie sie lieben. Ich will sterben, wie sie sterben.“

Voller Entsetzen sogen die Engel die Luft ein. Was der Herr immer mit seinen Geschöpfen hatte. Das war ihnen schon lange ein Dorn im Auge. Sie hatten es doch gut miteinander. Außerdem war es absolut unüblich, dass ein Gott sich unter das Volk mischt. Für Gott gab es den Himmel und für die Menschen die Erde. Das hatte Jahrtausende gut funktioniert. Warum alles durcheinanderbringen?

Aber Gott blieb stur. „Gabriel“, rief er, „such mir eine Frau!“ Gabriel trollte sich grummelnd. Dass der Allmächtige immer so dickköpfig sein musste ... Aber natürlich tat er dennoch wie geheißen und brachte ihm drei geeignete Kandidatinnen.

„Diese“, begann er und zeigte auf eine zierliche Blonde, „ist eine Heilige. Männer interessieren sie nicht. Sie trinkt nicht, flucht nicht und liest erbauliche Gedichte.“ „Langweilig!“, stöhnte Gott.

„Also gut, dann diese“, beeilte sich Gabriel fortzufahren und lenkte Gottes Blick zu einer ernsten Hochgewachsenen. „Sehr intelligent. Sie hat promoviert in Psychologie, Astrophysik und vergleichender Religionswissenschaft. In den aktuellen theologischen Diskussionen kennt sie sich hervorragend aus. Abends besucht sie gelegentlich philosophische Salons.“ „Anstrengend“, winkte Gott der Herr ab. „Hast du nicht jemand weniger Weltfremdes?“

„Wie wäre es mit dieser?“, fragte Gabriel und zeigte auf eine milde Mütterliche. „Sie ist eine wahre Madonna. Opfert sich für andere auf, pflegt Kranke, hat immer ein Ohr für Betrübte und erhebt keinen Anspruch auf ein Privatleben. Man nennt sie auch den Engel des Viertels.“ „Engel habe ich hier schon genug“, brummte Gott der Herr. „Ich will eine normale Frau. Verstehst du? Eine, die wie alle ist. Die da! Was ist mit der?“

„Die? Also, mit der ist nichts. Sie heißt Maria. Nicht mal Marie-Louise oder Nele-Marie. Sie ist mittelmäßig. Durch und durch mittelmäßig. Ihre Haare sind mausbraun. Weder glänzen sie wie Kastanien noch erinnern sie an Schokolade. Wenn sie versucht, Locken hineinzudrehen, hängen sie nach einer halben Stunde wie Linguini auf ihren Schultern. Sie färbt sie nicht mal!“ Der Engel schnaubte. „In der Schule war sie mittelgut. Soweit ich weiß, liest sie ganz gern, aber sie spielt kein Klavier und auch kein Cello. Wenn sie wenigstens singen könnte! Stattdessen schaut sie diese schrecklichen Castingshows und träumt davon, auch einmal entdeckt zu werden. Worin, das weiß sie selber nicht. Sie strengt sich nicht an, hat noch nicht mal Auslandserfahrung. Auch kein Ehrenamt, gar nichts! Ihr größter Traum ist es, auf einem Esel zu reiten. Weil sie eine Reportage über Wanderurlaub in den Cevennen gesehen hat und die Esel so niedlich fand. Dabei könnte sie nicht mal sagen, wo die Cevennen liegen! Und sie hat einen Freund. Du wirst dir ja wohl keine Frau aussuchen, die bereits vergeben ist? Das hast du doch nicht nötig!“ Plötzlich hatte Gabriel eine Idee: „Warum erschaffst du dir nicht eine nach deinem Geschmack?“

Aber Gott ließ sich nicht ablenken. „Erzähl weiter!“

„Sie sind seit einem halben Jahr zusammen“, fuhr Gabriel resigniert fort. „Er arbeitet als Tischler. Einmal schnitzte er ihr eine Blume aus Holz. ‚Die welkt nie’, hat er gesagt. Ihre Mutter fand das romantisch. Es müssen nicht alle studieren, meinte sie und Maria strahlte. Sie ist so gewöhnlich! Ich weiß nicht mal, ob sie gläubig ist. Ihr Freund, ja, der betet manchmal. Aber sie? Hat man noch nichts von gehört. Ich bitte dich. Die willst du doch wohl nicht?“ Unsicher blickte Gabriel zu Gott dem Herrn. Ein Lächeln umspielte dessen Mund und Gabriel schwante nichts Gutes.

„Perfekt“, murmelte Gott. „Sie ist perfekt.“ Fast könnte man meinen, er sei verliebt.

Er sollte aufpassen, dachte Gabriel. Er sollte wirklich aufpassen. Am Ende gerät das ganze schöne Bild von ihm ins Wanken.

 

aus: Jesus klingelt. Neue Weihnachtsgeschichten


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So

29

Nov

2015

Auf Anfang






 

Helle Nächte, leuchtende Tage,

uns allen einen verheißungsvollen Advent!



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So

22

Nov

2015

trösten


Jahreslosung 2016. Gibt es auch als Klappkarte.


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So

15

Nov

2015

Nicht in unserem Namen

Ich bin kein misstrauischer Mensch. Meine Tasche lasse ich unbewacht, wenn ich aufs Zugklo gehe. Wenn mich jemand um einen Euro bittet, öffne ich mein Portemonnaie und habe keine Angst, dass er es mir aus der Hand reißt. Aber es hat sich etwas verändert. Wenn ich heute einen Muslim oder eine Muslima auf der Straße sehe, denke ich nicht mehr „ein Muslim“, sondern „ist der radikal“? Ich weiß, das ist falsch. Aber es passiert.

Es gab eine Zeit, da war das völlig anders. Da habe ich die Schönheit islamischer Dichtung bewundert. Die Weisheit der Sufis gemocht. Den Gesang des Muezzin. Da dachte ich ganz einfach, wir glauben zusammen an den einen Gott, auf unterschiedliche Weise. Ich will das wieder.

Bitte helft mir dabei, liebe Muslime. Bitte sagt laut, dass diese Attentäter nicht in eurem Namen handeln. Dass ihre Taten nichts mit eurer Religion zu tun haben. Ich weiß das, aber ich muss es hören, immer wieder, damit ich daran glauben kann, dass wir mehr sind. Dass wir uns einig sind: Das ist Mord. Und Mord kann niemals gesegnet sein. #notinmyname


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So

08

Nov

2015

Ruhe!

Mein Handy macht ein sonderbares Sauggeräusch, wenn es eine Nachricht verschickt. Die Ampel piepst, sobald sie auf Grün springt. Auch die neuen Autos tun das, wenn man den Rückwärtsgang einlegt. In der Sauna plätschert Sphärenmusik auf mich hinab, und vor der letzten Beerdigung spielte Vivaldi in Dauerschleife den „Herbst“. Es gibt mittlerweile Särge mit eingebauter Musikanlage. Ein Schwede hat das erfunden. Falls die Ewigkeit zu still sein sollte, können Angehörige per Smartphone für die Beschallung des Toten sorgen. Die letzte Ruhe hat ausgedient. Stille scheint nicht mehr zumutbar zu sein. Die Verunsicherung könnte zu groß werden: Was wäre zu hören, wenn nichts mehr zu hören ist?

Ich will Stille. Und zwar jetzt und hier, nicht erst unter der Erde. Ich weiß, das ist ein egoistischer Wunsch, denn den Blinden hilft das Piepsen und den Traurigen die Geige. Und trotzdem: Wie schön wäre es, wenn es einmal am Tag ganz ruhig wäre. Es gibt Luftverschmutzung und Lichtverschmutzung, ich leide unter Lärmverschmutzung. Überall tönt es. Als müssten wir uns ständig versichern, das es uns gibt.

Ich stelle mir vor, wie ein kleiner, hutzeliger Handwerker in blauer Latzhose vor meiner Tür stünde und sagte: „Tschuldigung, aber wir stellen nachher mal die Geräusche ab. So zwischen eins und drei.“ Wer will, kann sich ja vorher eindecken mit den besten Hits der 80er oder einer gehörigen Portion Laubstaubsauger.


erschienen in Welt der Frau, gekürzt


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So

01

Nov

2015

Das Haus

In einer Nacht im Juli, in einer ganz normalen Nacht, in der die Grillen zirpen und die Gräser rauschen, sterben ein Mann, eine Frau und ein Kind. Dunkelheit umfängt sie und keiner von ihnen weiß, was werden wird. Sie sind schließlich noch nie gestorben. Nach einer Weile gewöhnen sich ihre Augen an die Schwärze und am Ende, ganz am Ende ihres Blickfeldes meinen sie, ein Licht zu erkennen.

„Sicher eine Sinnestäuschung“, denkt der Mann.

„Ganz schön weit weg“, denkt die Frau.

Das Kind denkt gar nichts, es geht einfach los.

Sie kommen an ein Haus. Seine Fenster strahlen golden. Die Tür steht offen. Über der Tür hängt ein Schild. „Himmel“ steht darauf.

„Wie albern“, denkt der Mann. Er war sein Leben lang pragmatisch veranlagt und dachte nicht daran, das jetzt aufzugeben. „Als ob der Himmel ein Haus sein könnte. Wie sollen denn da alle hineinpassen?“ Und er fühlt sich in dem bestätigt, was er schon immer gewusst hatte: dass es keinen Himmel geben kann, weil ein Himmel unlogisch ist. Also geht er weiter und verliert sich im Dunkel der Nacht.

Auch die Frau bleibt zögernd vor dem Haus stehen. So hat sie sich das nicht vorgestellt. Die offene Tür verwirrt sie. Kann denn hier einfach jeder rein? Und wieso muss man selbst eintreten, gibt es niemanden, der einen hineinbittet? Wo ist Gott? Die Frau hat gelernt, dass er sie empfangen würde. Dass es ein Himmelstor gäbe und Engel. Und nun ist alles ganz anders. Die Frau ist sehr enttäuscht, so enttäuscht, dass sie sich weigert hineinzugehen: „So nicht“, sagt sie und verliert sich im Dunkel der Nacht.

Das Kind hat viel Zeit gehabt, sich den Himmel auszumalen. Es war lange sehr krank gewesen. Wenn es im Bett lag, stellte es sich Einhörner vor, die unter Bananenpalmen grasten. Manchmal ritt es auf einem Adler. Engel begegneten ihm, die ebenfalls fliegen konnten und auch singen. Großmutter war dort und Stups, sein allererster Hund. Im Himmel gab es genug zu essen, auch die Sachen, die es jetzt nicht mehr essen konnte, weil sein Hals beim Schlucken wehtat und rot und entzündet war. Manchmal träumte das Kind davon, wie es eine riesige Brezel aß. Dann wieder schwamm es im Meer, ohne müde zu werden. Jeden Tag träumte das Kind einen anderen Traum und alle waren schön.

Deshalb ist es nicht erstaunt, vor einem Haus zu stehen. Wer auf Adlers Flügeln reitet, betritt auch ein Haus, dessen Fenster leuchten. Neugierig geht es hinein, du siehst ihm hinterher, bis es verschwindet, aufgenommen vom Licht.


aus: Wie lang ist ewig? Geschichten über das Leben und Davongehen

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So

25

Okt

2015

10 Sachen, die mich tragen

1.    ein Federbett, in das ich jederzeit hineinkriechen kann

2.    Freunde, deren Handynummern auch nachts um zwei funktionieren

3.    ein Liebster

4.    der Himmel über mir (der trotz aller gegenteiligen Anzeichen noch nie eingestürzt ist)

5.    26 Buchstaben zur freien Verfügung 

6.    Nebel im Herbst, der die Luft greifbar macht

7.    der Mut anderer, der leuchtet

8.    das unerklärliche, aber reale Gefühl, meine Toten geborgen zu wissen

9.    das bloße Dasein einer Birke, einer Wollgraswiese oder der Kapuzinerkresse 

10.  das Gefühl, ich bin nicht allein im Raum

 

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So

18

Okt

2015

Du sollst nicht töten. Auch nicht im Zug.

Ich fahre viel Zug. Man kann die Zeit im Zug so schön sinnvoll nutzen. Zum Beispiel, um meditieren zu lernen. Man braucht keine horrende Kursgebühr für irgendein Zenkloster aufzubringen, wo es dann doch nur Reis zum Mittag gibt. Eine Fahrkarte reicht, der Meditationskurs ist dann inklusive.

Man steigt also ein, wählt ein Großraumabteil, nimmt eine aufrechte Sitzposition ein und wartet. Meistens eröffnet den Kurs schon nach wenigen Minuten ein Mann (es kann auch eine Frau sein), der zu seinem Smartphone greift und die Mitreisenden mit Details seines Lebens unterhält. Er tut das so laut, damit auch schwerhörige Reisende nicht ausgeschlossen sind. Ich habe schon eine Trennung, mehrere Krankengeschichten, eine Aktientransaktion und allerlei andere Banalitäten mitgehört, die meinen Geist von dem Buch, das ich zu lesen versuchte, abzogen. Und genau da beginnt der praktische Teil des Kurses: Lass dich nicht ablenken. Fokussiere deine Gedanken auf den Buchstaben A und alle folgenden. Vergiss die Welt um dich herum.

Der Handymann wird irgendwann abgelöst werden von einer monoton sprechenden Mitreisenden, die ihre Sitznachbarin über jegliches Unbill des Bahnfahrens zwischen Nordsee und Adria  aufklärt. Sie hat ohrenscheinlich alles selbst erlebt und fährt immernoch Zug. Wer jetzt aufspringen möchte, der Frau an den Kragen gehen und schreien will: Dann steigen Sie doch aus!, kann Seelenruhe lernen. Das gelingt gut mit Atemübungen.

Schließlich wird irgendjemand sein Mittagessen auspacken. Die Zeiten des Butterbrotes sind dahin und Mittag gibt es mittlerweile sowieso den ganzen Tag. Jetzt gilt es, die Ausdünstungen der frittierten Hähnchenflügel als natürlichen Umgebungsgeruch wahrzunehmen ohne

a)    aufgrund plötzlich auftretenden Heißhungers dem Nachbarn das Essen aus der Hand zu reißen oder

b)    aufgrund eines empfindlichen Magens denselben unkontrolliert zu entleeren.

Sicher eine Übung für Fortgeschrittene, bei der es hilft, Lavendel zu visualisieren.

Wer jemals den Nutzen von Meditation in Frage stellte, wird jetzt begreifen: Es handelt sich um eine Fähigkeit zur Alltagsbewältigung. Das meine ich ganz ernst. Diese Übungsfolge nenne ich mentale Verwandlung: die alltäglichen Widernisse des Lebens als Übungen zu betrachten. Zu denken, das hat alles genau so seinen Sinn, nämlich den, dass ich dadurch etwas lernen kann. Allein dieser Gedanke hilft, ohne handgreiflich zu werden, durchs Leben zu kommen. Und das ist es doch, was zählt.

 

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Fr

09

Okt

2015

Bettwäsche

Ich besitze 14 Sets Bettwäsche und bin noch nie geflohen. Deshalb liegen die Laken wohlsortiert im Wäscheschrank, im Winter hole ich die Rotbestickte heraus und im Sommer lieber die Geblümte. Wenn ich ein Set aufziehe und ein zweites in der Wäsche ist und ein drittes für Gäste parat liegt, bleiben immer noch 11 Sets, die ich nicht akut brauche, es sei denn, es käme überraschend eine Fußballmannschaft zu Besuch, was aber selten passiert.

Wer aus Syrien kommt, hat meistens keine Bettwäsche dabei. Jedenfalls denke ich mir das so, weil Bettwäsche sperrig ist und nicht überlebensnotwendig. Ich habe also einen Bettwäscheüberschuss, jemand anderes ein Defizit, wir könnten uns treffen und die Sache auf kurzem Wege ins Lot bringen.

Im meiner Stadt geschah es so. Eine Tageszeitung veröffentlichte eine Liste der Dinge, die den vielen Flüchtlingen, die täglich kommen, fehlen. Es ging nicht um Häuser, Bankkonten, Lebensversicherungen. Sondern um Alltagssachen wie Hosen, Röcke, Tampons, Duschgel und eben Bettwäsche. Während im Politikteil noch darüber diskutiert wurde, wie mit den Flüchtlingsströmen umzugehen sei, strömten Hunderte in die Zeitungsredaktion und brachten, was gebraucht wurde. Kinder gaben Bälle ab. Männer teilten Jeans. Perlenbesetzte Frauen rollten Koffer voller Toilettenutensilien hinter sich her. Leute brachten Fahrräder, Malzeug und Schreibutensilien. Denn ohne Stift lernt man schwer deutsch.

Ich bin sicher, diese Geschichte ist nicht einzigartig. Deshalb erzähle ich sie. Sprache schafft Wirklichkeit. Wer nur von angezündeten Flüchtlingsunterkünften liest, kann sich irgendwann nichts anderes mehr vorstellen.

Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Manche haben, ohne es zu wissen, Engel beherbergt. Flüchtlinge sind keine Engel. Aber sie sind Menschen. Sie sind keine besseren Menschen, aber auch keine schlechteren. Sie tun das, was ich wahrscheinlich genau so täte, wäre ich nicht in einem Land mit Bettwäscheüberschuss geboren. Sie suchen nach einem besseren Leben. Abraham war Wirtschaftsflüchtling. Sein Sohn Isaak ebenso. Naomi, die Schwiegermutter Ruths, floh ins Nachbarland, um Arbeit zu finden. Jakob suchte Asyl wegen eines Familienstreits. Das wären heute alles keine anerkannten Asylgründe. Und ob Mose, mit einem Totschlag im Gepäck, Asyl erhalten würde, ist ebenso fraglich. Gott war immer mit diesen Leuten. Ach ja, bleibt noch Jesus. Ebenfalls Asylant in seinen ersten Lebensjahren. Hätte Ägypten seine Familie nicht aufgenommen, wäre seine Laufbahn als Gottessohn möglicherweise beendet gewesen, bevor sie richtig begonnen hätte. So gehen die Geschichten, auf die wir uns als christliches Abendland berufen. Wenn das mehr als romantische Märchen sind, dann sollten wir wenigstens für einen Moment in jedem Syrer Jesus sehen und in jeder Albanerin Naomi. Das löst die Flüchtlingsfrage nicht. Aber es erinnert daran, dass zunächst ein Mensch vor uns steht, kein Problem.


(erschienen in Welt der Frau September 2015)

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Fr

02

Okt

2015

Weiterschreiben

"Was macht ihr da eigentlich?" Das war die meistgehörte Frage. Von den anderen, denen, die nicht mitgeschrieben haben, sondern einfach Urlaub machten. Gewandert sind, Yoga gemacht haben oder die Nase in die Sonne hielten, die schwedische oder die türkische. Wir dagegen saßen im Gras, am See, unter Feigenbäumen, im Café, im Sonnenaufgang, in der Hängematte, im Kanu und schrieben. Und lachten. Lachten ziemlich viel. Warum man nun freiwillig in seinem Urlaub über einem schmalen Heft brütet, das war das Rätsel. Ich sag's mal so:


Ich schreibe, damit mir nicht langweilig wird. Nicht, dass die echte Welt, die wirkliche Welt so uninteressant wäre, aber manchmal ist eben einfach Dienstag und der Himmel ist bewölkt und irgendwer muss die Wäsche machen. Dann hilft schreiben. Also nicht, um die Wäsche fertig zu kriegen, sondern um diesen Dienstag doch noch zu etwas Besonderem zu machen. Da tut sich auf diesem weißen Papier eine unendliche Freiheit auf, in der alles, aber auch wirklich alles möglich ist.


Am Ende bleibt ein Heft voller Polaroids aus Buchstaben. Das kann man mitnehmen in den Alltag, für die Dienstage und auch sonst. Schön war's mit so ausnehmend netten Mitschreibern und Mitschreiberinnen. Und das sage ich nicht, weil ich es sagen muss, sondern weil es wirklich so ist. Das Beste: Nächstes Jahr geht es weiter. Ich freue mich jetzt schon.

 

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So

16

Aug

2015

Atem holen

Am 4. Oktober geht es hier weiter. Bis dahin schreibe ich offline.

Euch allen Apfelbacken & Sonnentage!

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So

09

Aug

2015

Mittsommerbilanz

Ich habe es zu Wohlstand gebracht:

auf Butterblumenwiesen, 

auf einem glatten Stein, 

im Boot auf hoher See,

sogar auf Holzwegen.

Ich setze auf die Blattgoldvermehrung der Eichen.

Auch Eschen wachsen hoch im Kurs.

Der Mond versilbert die Nacht.

Meine Millionen leuchten glühwurmhell,

meine Schäfchen liegen im Gras.

Meine Bank heißt Himmel.


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So

02

Aug

2015

Vertreibung aus dem Paradies

In meiner Gießkanne haben Mückenlarven ihren Swimmingpool. Kein Fisch trübt ihr Sein.

Nur was, wenn die Große Gärtnerin befindet, die Rosen brauchen Wasser?

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Mo

27

Jul

2015

Pusteblumen

Bitte erzähl mir von der Auferstehung. Erzähl mir mitten im Sommer, wenn die Linden rauschen. Erzähl mir, wie sie in den Himmel wachsen, ihre Arme ausbreiten und blau machen. Erzähl mir von der Weite jenseits meines kleinen Kopfes, der gut funktioniert, aber nicht alles weiß. Er liebt es, Dinge zu ordnen. Er liebt es, Dinge zu wissen. Dabei vergisst er manchmal, über sich hinauszuschauen. Manchmal ist er ein Hochstapler. Dann besteht er darauf, nur zu glauben, was er sieht. Ach, Kleiner, und was ist mit der Liebe, der Poesie und was ist mit den Träumen? Kannst du die etwa sehen?

Genauso wenig kann er erklären, wie ein Hybridmotor funktioniert oder warum Strom fließt. Er glaubt, was andere wissen; darum erzähl mir. Erzähl mir vom Horizont, der längst nicht endet, wo mein Blickfeld endet. Erzähl von Pusteblumen, die hinüberwehen von dem einen Leben ins andere. Erzähl von Regenbögen und Vergissmeinnicht, von Himmelsleuchten und allem anderen, was das Leben aufbietet, um zu zeigen: Es geht weiter. Dummerchen, sieh nur: Es geht weiter als du denkst. Das hier ist erst die Vorschau!

Erzähl mir von der Auferstehung, damit ich nicht vergesse. Damit ich nicht vergesse, was sein könnte, wenn mein Blick nicht am Boden klebt, hängen bleibt an ungeputzten Schuhen, Gullidecken und allen Abgründen dieser Welt. Erzähl mir, damit ich mein Gesicht in das Leuchten der Geschichten halte, Sonne für dunkle Tage, immer da.

Erzähl mir, wenn die Heckendosen betören mit ihrem Duft und der Weizen sich wiegt. Erzähl mir jetzt, gerade jetzt, wenn die Erde satt ist und der Himmel seine Wolken aufschüttelt. 


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So

19

Jul

2015

Übrigens...

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So

12

Jul

2015

Verwandlung

Wenn die Angst ein Riese ist,

und wenn die Angst in mir drin ist -

bin ich dann nicht selbst ein Riese?



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Mo

06

Jul

2015

Beim Scheitern zu sagen

Ich glaube an den Morgen

der jeden Tag zu einer neuen Chance macht

obwohl alle Erfahrung dagegen spricht.


Ich glaube an den Schlaf

der behutsam zudeckt

was nicht gelungen war.


Ich glaube an die Kraft aller Anfänge

auch wenn mein kleines Herz mutlos ist.


Ich glaube an jenen freundlichen Blick

der mich jeden Tag von neuem ansieht

und nicht aufhört an mich zu glauben.


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So

28

Jun

2015

Sommer!

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So

21

Jun

2015

Geht doch!

Runterzieher schaffen es, eine Hundert-Prozentlaune auf Null zu minimieren. In nur zehn Sekunden. Den Geübten reicht ein einziger Satz. Stell dir vor, du hast diese neuen Sandalen mit roten Riemchen und flachem Absatz. Du freust dich wie eine Königin, weil es normalerweise in Größe 36 nur großmutterpassable Modelle gibt, zeigst sie strahlend und erntest einen gelangweilten Blick: „Ja schön, die haben ja jetzt alle.“ Bäng – vorbei ist das Hochgefühl, vorüber die Freude. Die Botschaft ist klar: Du hast in Null-acht-fünfzehn Schuhe investiert und es nicht mal gemerkt. Armes Hascherl. Nun sind Schuhe nicht der Nabel des Glücks. Aber darum geht es auch nicht. Es geht um die Unfähigkeit, sich mitzufreuen. Oder ist es Unwilligkeit? Für Runterzieher spielt es keine Rolle, ob der Anlass einer Begeisterung klein oder groß ist. „Ach, ein drittes Kind bekommt ihr? Na, hoffentlich schafft ihr das...“ Sie tragen ihre Bedenken vor sich her wie einen Sack Pflanzengift. Klar wollen sie nur das Beste. Sie meinen es gut. Sie denken mit. Jedenfalls ist es das, was sie empört oder gekränkt entgegnen würden würde, wenn man sie auf ihre fehlende Freude anspricht. Und vielleicht glauben sie das sogar. Aber es stimmt nicht. In Wahrheit wollen sie nicht gestört werden. Ihr Leben soll bleiben wie es ist. Und wenn es nicht schön ist, dann sollen es die anderen bitte auch nicht schöner haben. Gemeinsam jammert es sich einfach besser. Ihre Bedenken sind tatsächlich ihre Bedenken. Sie sind es, die es sich nicht erlauben, modische Schuhe zu tragen. Sie selbst haben Angst vor einem dritten Kind (oder sind unzufrieden mit dem eigenen). Sie sind es, die sich etwas wünschen, ohne es sich einzugestehen. Das macht es so schwierig. Mag sein, dass sie manchmal einfach neidisch sind. Vor allem aber mögen sie es nicht, wenn ein anderes Licht ihre dunklen Ecken offenbart. Die unerfüllten Sehnsüchte, die Verletzungen, die Unsicherheit. Dann müssten sie nämlich selber handeln. Davor haben sie Angst. Weil es schiefgehen könnte. Weil sie scheitern könnten. Oder auch einfach nur, weil es fürchterlich anstrengend wäre. Deshalb machen sie lieber madig, was anderen schmeckt. Sie sind der Wurm im Apfel unseres Glücks. So schön wie sie es nicht haben, soll es keiner haben. Man kann da nichts machen. Jeder Versuch, zu erklären, sich zu rechtfertigen, ist zwecklos. Man redet gegen eine Wand. Sie haben sich eingesperrt in ihr mittelgutes Leben und wollen gar nicht befreit werden. Sie wollen, dass man ihnen Gesellschaft leistet. Wenn man selbst in einem Käfig sitzt, will man die anderen nicht vorm Gitter tanzen sehen. Da hilft nur eins: Die Füße in die Hand nehmen und das Weite suchen. Die Freiheit der Möglichkeiten einatmen. Zum Horizont blicken und wissen: da geht was.

Jesus fragte den Gelähmten: „Willst du (überhaupt) gesund werden?“ Zum Glück kann man niemanden zwingen. Aber das eigene lasst uns hegen.


(erschienen in Welt der Frau)

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Sa

13

Jun

2015

Alletagegebet

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So

07

Jun

2015

Kirchentag

Einer von hundert Gründen, warum ich Kirchentag großartig finde: Weil es toll ist, mal nicht in der Minderheit zu sein. Klar gibt es Dinge, die gehen auch zu zweit gut. Tischtennisspielen zum Beispiel. Aber singen ist zu zweitausend einfach geiler.

Man kann jetzt einwenden, dass doch sehr schräge Vögel darunter sind. Mit denen würde ich im normalen Alltag wahrscheinlich auch nicht Tischtennis spielen. Das macht aber rein gar nichts. Ich suche ja keine Freunde fürs Leben. Evangelisch sein ist kein Hobby, sondern eine Haltung. Wir proben für 5 Tage den Himmel, Absturz inklusive. Selbst damit kann ich leben. Unser Netz hat erstaunlichen Halt.




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So

31

Mai

2015

    

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So

24

Mai

2015

Könnte

Ich finde, jeden Tag zu leben, als sei er der letzte, ist ein doofes Motto.

Letzte Tage sind immer voller Wehmut. Der letzte Urlaubstag ist der anstrengendste. Im schlechtesten Fall muss man noch die Ferienwohnung putzen.

Erste Tage dagegen sind voller Verheißung: Was könnte alles kommen?!

Also würde ich lieber jeden Tag so leben, als sei er der erste. Das sind die schöneren Aussichten.

 

aus "einfach leben". Den Rest des Interviews gibt es hier.


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Mo

18

Mai

2015

Vergewisserung

Welches Leben lebst du?

Welche Netze webst du?

Wessen Lieder hörst du?

Welche Worte schwörst du?

Wessen Lachen liebst du?

Welchen Segen gibst du?

Welchen Zufall fängst du?

An wessen Faden hängst du?

Welchen Engel kennst du?



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Sa

09

Mai

2015

Deshalb

Ich bin Christin. So. Jetzt ist es raus. Ich denke, hier darf ich das sagen, ohne auf allzu großes Unverständnis zu stoßen. Ich bin keine von der radikalen Sorte. Die Evolution scheint mir grundsätzlich ein schlüssigeres Konzept als eine Welt, die in sieben Tagen fertig war. Ich missioniere nicht in Fußgängerzonen und von Teufelsaustreibungen halte ich wenig. Routinemäßigen Wunderheilungen stehe ich erst recht skeptisch gegenüber.

Trotzdem ist es mir peinlich. Wenn Leute mitbekommen, dass ich an Gott glaube, bin ich sofort geneigt, das zu entschuldigen. Ich bekräftige dann, dass ich ansonsten ganz normal/klug/reflektiert bin, mich schon mal betrunken habe und gern Karten spiele.

Der Satz „Ich bin Christin“ in etwa so sexy wie das Bekenntnis, Tweedhosen zu tragen. Im ungünstigsten Fall wird mir die Fähigkeit zu denken abgesprochen, dabei glaube ich, mein Gehirn funktioniert einigermaßen. Manchmal werden mir auch die Kreuzzüge zulasten gelegt oder der zweifelhafte Umgang mit Kirchensteuereinnahmen. Beides heiße ich nicht gut. Es ist nämlich definitiv nicht so, dass ich mit dem Gesamtprogramm „Christentum“ zufrieden bin. Aber ich bin auch nicht mit dem Gesamtprogramm des örtlichen Kinos zufrieden und möchte deshalb trotzdem das Filmeschauen nicht aufgeben.

Mir ist auch bewusst, dass die Bibel eine Menge merkwürdiger Zitate enthält, insbesondere, wenn man sie aus dem Zusammenhang reißt. Menstruierende Frauen zum Beispiel werden nicht gerade bevorzugt. Hin und wieder werden Ungläubige getötet. Beides finde ich falsch, das sage ich ganz klar.

Dennoch bin ich Christin. Und trotz allem bin ich das mit einem gewissen Stolz (bevor jetzt jemand Einspruch erhebt: den billige ich auch jedem Mitglied einer anderen Glaubensgemeinschaft zu, solange er ihn nicht als Legitimation benutzt, einem anders Denkenden den Kopf einzuschlagen.) Ich bin stolz darauf, einer Religion anzugehören, die keine Religion der Gewinner ist. Das Leben Jesu beginnt mit einem Desaster (unehelich, obdachlos, verfolgt) und endet in einem Desaster. Gott scheint keine Religion der Helden zu brauchen. Ich bin stolz, einer Religion anzuhängen, die das Leid nicht beschönigt und gar nicht erst verspricht, sie könne es verhindern. Die stattdessen sagt: Das stehen wir durch. Zusammen. Ich bin stolz, einer Religion anzugehören, die sich auf das Wort „Freiheit“ gründet, keinen Grund kennt, Menschen auszuschließen und in jedem Unsympath wie auch in jedem Flüchtling Gott sieht. Ich bin stolz auf eine Religion, die die Rache verbietet, gegen Genuss nichts einzuwenden hat, das Leben als schöne Sache preist und Macht nicht mit Unterdrückung verwechselt („Die Liebe ist die größte von allen“).

Das haben nicht immer alle verstanden. Das klingt regenbogenfarbiger als die Realität. Krieg und Missbrauch, Mauscheleien und Scheinheiligkeit gab es immer, und sie sind auch heute nicht zu leugnen. Aber ich überlasse ihnen doch nicht meine Religion. Und deshalb: bin ich Christin.


(erschienen in: Welt der Frau)


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Mo

04

Mai

2015

Blaumachen

Ich erwarte nichts. Den Grantigen werfe ich ein Lächeln zu. Mittags versuche ich ein Gebet. Ich lasse ein gutes Haar. Ich widerspreche in fremder Sache. Wenn es sein muss, schenke ich reinen Wein ein. Die Wahrheit kleide ich in Liebe. Ich verschenke ein Croissant. Ein paar Träume lasse ich laufen. Den Himmel streiche ich blau.

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So

26

Apr

2015

Mehrwert

 

 

 

 

 

 

Wenn ich zwischen alles wissen und alles träumen können entscheiden müsste, würde ich das Träumen nehmen.

Mehr Möglichkeiten.

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So

19

Apr

2015

Vorrat

Frau Gerneschön sammelt Magnolienblüten, frühe Vögel, Zufälligkeiten und manchmal den Geschmack von Erdbeerkernen. 
- Wo du nur immer Platz dafür findest, man weiß doch ohnehin schon kaum wohin mit all den Sachen.
- Es liegt mir einfach am Herzen.
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Sa

04

Apr

2015

Trotzdem

Kennt ihr diese unbeirrbaren Kinder, die wider alle Argumente immer das letzte Wort haben?

So ist Ostern.


Helle Tage euch allen! Hier geht es weiter am 19. April.



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So

29

Mär

2015

Frühlingsgefühle

Am Anfang, als alle Butterblumen strahlten und die Amseln ihre Liebeslieder sangen, versprach mir einmal ein Mann: „Für dich will ich ein besserer Mensch werden.“ Nun handelte es sich nicht um einen Kleinkriminellen. Er trank selten über die Maßen und hielt seinen Mitmenschen die Türen auf. Deshalb und weil ich verliebt war, wusste ich, was die einzig richtige Antwort ist: „Das brauchst du nicht. Du bist wunderbar.“ Gleichzeitig war ich aber auch nicht dumm. 

Ich wusste, dass die Gefahr groß ist, das „Du bist gut, wie du bist“ durch ein „Du könntest gut sein, wenn“ zu ersetzen. Wenn du dich ändern würdest, nur ein wenig. Wenn du die Zahnpastatube zudrehen, den Müll runterbringen, Möhren essen würdest.

Nur, was dann?

Wir leben im Zeitalter der Selbstoptimierung. Zeitschriften, Seminare und Psychotests suggerieren uns: Es gibt immer etwas zu verbessern. Es hört nie auf. Für die schönere Nase gibt es Chirurgen, für feste Oberarme Trainingspläne. Um bessere Mutter/ Liebhaberin/ Arbeitnehmerin zu sein gibt es Coachs, um eine funktionierende Weltenbürgerin zu sein, Therapien. Und den Zustand der eigenen Selle optimiert man mit einer Meditationsreise nach Bali. Wer nicht glücklich ist, ist selber Schuld.

Früher musste man für seine Erlösung beten. Heute muss man etwas dafür tun. Niemand sagt uns, dass wir Sünder sind. Es ist auch nicht mehr nötig. Denn wir übernehmen das jetzt selbst. Natürlich unter dem Mantel des Wohlmeinens. Wir glauben verheißungsvollen Versprechen, wie es wäre, kommunikativer, verständnisvoller, gelassener oder beweglicher zu sein. Die Botschaft bleibt trotzdem: Du bist nicht okay. Ändere dich.

Damals, als es noch keine Frauenzeitschriften gab, wurde Jesus mal gefragt, was das allerwichtigste Gebot sei. Er sagte: Gott lieben und seinen Nächsten lieben wie sich selbst. Man könnte das übersetzen: Sich angenommen fühlen. Sich selber annehmen. Und deshalb auch andere annehmen können. Wer in einem solchen Meer an Liebe schwimmt, kann nicht untergehen. Schon gar nicht wegen einer offenen Zahnpastatube.


(erschienen in Welt der Frau, gekürzt)


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So

22

Mär

2015

Sonntagsausflug

Wolkenwettrennen gefahren
knapp verloren
trotzdem mit der Sonne
gestrahlt


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Sa

14

Mär

2015

Schönen Sonntag!

Wahrscheinlich werde ich am Ende nicht sagen:

»Verdammt, ich habe zu wenig Staub gewischt.«

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So

08

Mär

2015

Vorhersage

Überwiegend Gott.

Vereinzelt Schauer.

In Tieflagen Nachttrost.



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So

01

Mär

2015

Botschaft

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Fr

20

Feb

2015

Schöne Aussichten

Ich finde es Unsinn, jeden Tag zu leben, als sei er der letzte. Denn was

sollte ich an so einem letzten Tag noch tun, außer mich zurückzulehnen

oder in Depressionen zu fallen oder in einen hektischen Aktivismus wie

an einem letzten Urlaubstag?

Ich bin dafür, jeden Tag so zu leben, als sei er der erste.

Was könnte nicht alles kommen?


(aus: Damit wir klug werden. 100 Experimente mit Gott)

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Mi

18

Feb

2015

Auf Anfang

Du musst dein Leben ändern. Gründlicher Zähne putzen. Nachtgebet Facebook vorziehen. Möhren essen. Mehr schlafen. Lesen, was fesselt. Nase in die Luft halten. Dämonen die Tür weisen. Außer Atem sein, jedenfalls öfter. Der Langeweile standhalten. Ideen finden. Dich finden lassen. Bettwäsche öfter wechseln. Alkohol belanglos finden. Klug sein. Gesicht eincremen nicht vergessen. Manchmal zurücktreten. Dramen mit Skepsis begegnen. Was ausprobieren. Dich nicht entmutigen. Kräutertee versuchen.


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Fr

06

Feb

2015

To do

Ich glaube, jeder hat am Anfang einen Auftrag bekommen. „Du sollst Else glücklich machen.“ „Du sollst Oboe spielen.“ „Du sollst die Formel für Kadmiumperoxyd erfinden.“ Dabei geht es nicht um Leistung. Es ist nicht so, dass jeder den Nobelpreis erringen muss. Die Welt braucht ein paar große Erfinder und viele kleine. Einige sorgen dafür, dass die Menschheit nicht von Viren dahingerafft wird. Andere wissen wie man eine müde Toilettenfrau zum Lächeln bringt. Welche Samen man sät, damit Blüten rostige Zäune leuchten lassen. Wie man einen Streit schlichtet, so dass sich am Ende niemand als Verlierer fühlt. Ich glaube, jeder hat einen Platz bekommen, einen großen Vertrauensvorschuss und eine Stimme, die unmissverständlich flüstert: „Bitteschön. Fang an. Du bist dran.“

Und jetzt könntest du einfach loslegen, aber dann kommt eine Menge dazwischen, eine ganze Kindheit zum Beispiel, Fußballspiele und Hausaufgaben, du gehst ins Schwimmbad, verliebst dich und versuchst, den Führerschein zu machen oder die Steuererklärung. Du musst noch Brot kaufen und Gurken und eh du dich versieht, hast du vergessen, was du eigentlich wolltest. Und dann rufen auch noch allerhand Leute dazwischen, „denk an die Familie“, „das kannst du nicht“ oder „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, und schon hast du ein Dutzend neue Aufträge auf dem Buckel. Und deshalb muss man manchmal einfach „Stopp“ sagen. Muss man aussteigen aus dem Alltagsbetrieb und sich in aller Seelenruhe fragen: Was soll ich tun auf dieser Welt?

 

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So

01

Feb

2015

leicht

eine Daunenfeder, aus dem Bett geschüttelt. Schnee. Das Gefühl, nachdem man jemanden um Verzeihung gebeten hat. Papierflieger. Ein Gewissen, das nichts beschwert. Schaukeln. Lächeln. Die Luft um einen herum. Pusteblumensamen. Man selbst, wenn man Toter Mann spielt. Ein Herz, auf dem nichts liegt. Bibelpapier. Staub. Seifenblasen. Tagträume. Wenn etwas Schweres ausgesprochen ist. Ein Schmetterling. Baisers und Küsse. Der Himmel. Luftmaschen.

 

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So

25

Jan

2015

Das schöne wilde Leben

Mit mir sieht es so aus: Ich mag mein silbernes Wählscheibentelefon und gleichzeitig preise ich Facetime. Manchmal kaufe ich einen Pullover von Marc O’ Polo und frage mich, wieviel von dem horrenden Preis bei der Näherin ankommt. Ich habe kein Auto und unterschreibe Petitionen, um die Welt besser zu machen. Trotzdem bin ich letztes Jahr nach Gomera geflogen und fand es toll. Das sind die Widersprüche des Seins. 

 

Ich glaube, zu den Hauptaufgaben des Lebens gehört es, mit diesen Widersprüchen klar zu kommen. Ihnen weder gleichgültig gegenüber zu stehen, noch daran zu zerbrechen, keine Heilige zu sein.

Ich bin mal für ein paar Tage ins Kloster gefahren. Zwischen Weihrauch und Apfelbäumen dachte ich über das Leben nach und warum ich es nicht schaffe, regelmäßig Yoga zu machen, den Computer zu gegebener Zeit auszuschalten und zu handeln statt zu hadern. Ich weiß, es gibt existenziellere Probleme, aber die Frage ist doch: Warum lebe ich nicht das Leben, von dem ich weiß, dass es mir gut tut? Stattdessen dient sich die Trägheit als beste Freundin an und die Völlerei schiebt Choco Crossies rüber.

Ich klagte einem Mönch meine Unzufriedenheit, aber es schien ihn nicht weiter zu überraschen. Ihm ginge es auch oft so. Jetzt war ich überrascht. Ein Mönch, hätte ich gedacht, wird doch wohl eine Art Fachmann sein, was bewusstes Leben angeht. Aber er sagte nur: „Die Hauptsache ist, dass man sich immer wieder ausrichtet.“

Ich stellte mir eine Kompassnadel und den Nordpol vor, also mich und das gute Leben, und wenn ich hin und wieder nachgucke, ob die Richtung noch stimmt, dann ist alles gut. Das schien eine sehr praktikable Formel zu sein.

Das erste Mal nahm ich bewusst einen solchen Kompass in die Hand, als ich sechzehn war. Gerade hatte der erste Dönerladen in unserer Kleinstadt aufgemacht, das war ein Ereignis. Zeitgleich hatte ich mit meiner besten Freundin beschlossen, in der Fastenzeit Fleisch zu entsagen. Ich war eine echte Fleischfresserin. Wenn die Augen anderer bei Gummibärchen oder Lakritze leuchteten, wollte ich ein Schnitzel. Aber ich hatte einen Film über Massentierhaltung gesehen, und das war stärker als meine Fleischeslust.

Am Vorabend des Aschermittwochs aß ich also den ersten Döner. Es blieb mein einziger. Er schmeckte köstlich. Aber ich konnte hinterher, nach Ostern, trotzdem nicht wieder anfangen, Fleisch zu essen. Die erste Fastenzeit meines Lebens hatte mein Leben verändert.

 

„Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu“, schrieb Odön von Horvath. Manchmal überkommt mich die Angst, mein ganzes Leben im Eigentlich-Modus zu leben und plötzlich klopft der Tod an die Tür und ich rufe entsetzt „noch nicht“, aber er zieht eine Augenbraue hoch und antwortet: „Du hattest doch alle Zeit der Welt.“

In der Bibel steht irgendwo der Satz, wir sollen bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden. Das ist keine Drohung. Das ist eine Erinnerung: Wie willst du leben? Was macht dich glücklich? Wozu bist du auf der Welt?

Die Fastenzeit holt diese riesigen Fragen in den Alltag. Bitteschön, sagt sie, probiere es aus. Für das schönere, bessere, wildere, für das echte Leben. Du bist so frei.

 

(erschienen im Andere Zeiten Magazin 1/2015, gekürzt)

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So

18

Jan

2015

Muss mal gesagt werden

Danke für die Sonne, auch wenn der Januar keinen Frühling vortäuschen kann. Danke für robuste Rosen (die alles geben). Danke für Saunas und flauschige Handtücher. Danke für Blümchenblusen, Kräutertees, die nicht nach Krankenhaus schmecken und Kaminfeuer, die anstandslos brennen. Danke für schöne Aussichten, schnelle Züge, und dass es eine Zeit nach jedem "Auch-das-noch" gibt. Danke für weiche Stifte, Bücher, die nicht enden sollen, danke für Shortbread mit der Kalorienanzahl einer gesamten Brigitte-Diät. Danke für Blaue Stunden, die das Grau eines Tages einfach übermalen. Danke für Nachbarn, die aufhören zu trommeln, danke für Waschmaschinen, komisch dreinschauende Hunde, warme Füße und danke für das Licht, das durchscheinende Licht.

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Sa

10

Jan

2015

Auch ein Gebet

Hör mal, begann ich

und Gott hörte

den Wind in den Eichenbäumen

die fehlenden Worte

die Stille des Entsetzens

den wütenden Herzschlag

das Trotzdem


vor allem das Trotzdem.


Da wusste ich

ich hatte genug gesagt.



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Mi

24

Dez

2014

Stern


Helle Weihnachten Euch allen!


Auf Wiedersehen in 2015.

Am 11. Januar geht es hier weiter.



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So

21

Dez

2014

Leichtsinn

geh auf Wolkenwegen

pflück Goldblumen

kraul der Angst im Nacken

rechne mit Wundern

vergiss dich

frag die Träumenden nach dem Weg

finde Schneckenhäuser

wirf dein Herz

ins Spiel



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So

14

Dez

2014

Such das Weite!

Im Dezember träume ich davon, leicht zu sein. 

Einmal las ich von einer Frau. Sie rechnete ein bisschen und kam zu dem Ergebnis, dass sie sich ihr Leben nicht mehr würde leisten können, wenn sie erst Rentnerin wäre. Deshalb trug sie all ihre Ersparnisse zusammen und baute sich ein winziges Haus, in dem sie fortan leben würde. Es hatte einen einzigen Raum, einen Walnussbaum im Garten und einen Holzofen, damit es warm ist. Aus ihren Habseligkeiten wählte sie, was sie wirklich brauchte und wollte. Den Rest verkaufte sie.

Mir geht diese Frau nicht aus dem Kopf. Was würde ich wählen, wenn ich, sagen wir, hundert Dinge zum Leben behalten dürfte? Essen nicht eingerechnet, aber Möbel, Bücher, Küchengerät, Kleider, Fahrradkorb und Blumenvase. Für welche Dinge würde ich mich entscheiden?

Macht, was man hat, selig? Der Dezember erzählt das Gegenteil. Eigentlich, jedenfalls. Stall, arm, Kind, Flucht. Die alte Geschichte. Gott ist genau da zu finden, wo nichts ist. Wir behängen das Nichts mit Tannenzapfen und goldenen Herzen. 

Können wir die Leere nicht ertragen? Oder ist es die Angst, tatsächlich Gott zu begegnen und erschüttert zu sein, weil diese Begegnung so anders ist als vorgestellt?

So jedenfalls erzählt es die Geschichte. Stall, arm, Kind, Flucht. Siehe oben. Wir dagegen romantisieren. Was geschähe, wenn wir es nicht täten? Wenn die Krippe kahl und leer im Raum stünde, einen ganzen Dezember lang? Wenn sie erinnern würde an das, was fehlt, was wir wirklich und schmerzlich vermissen?

Der Advent ist ja eine Fastenzeit. Das klingt so streng. Die Kirche schon wieder. Immer will sie den Spaß verderben, wenn wir es gerade nett haben. Jeder, der schon mal gefastet hat (egal ob freiwillig oder gezwungen durch einen maladen Darm), kennt das Gefühl der Leichtigkeit nach den ersten schweren Tagen. Plötzlich wieder Schweben können. Empfindsam sein bis in die Fingerspitzen. Hellhörig.

Vielleicht birgt die Leere eine Leichtigkeit, wie wir sie nicht ahnen. Vielleicht wird in der Leere ganz deutlich sichtbar, was Goldstaub nur verdeckt. Sie wissen schon: Ein Stern geht auf, ein Ros’ entspringt.

 

erschienen in Welt der Frau 12/14 (gekürzt)

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Sa

06

Dez

2014

Krippenspiel

„Und das muss der kleine Clemens sein. Hallo, ich bin die Nadja!“ Clemens findet sich überhaupt nicht klein, schließlich ist er letzte Woche vier geworden und deshalb findet er die Nadja schon mal doof. Aber Mama will mit Nadja reden.

Ob sie denn auch Weihnachten und Ostern feiern, will Mama wissen. „Aber ja“, nickt Nadja eifrig. „Die religiöse Erziehung der Kinder ist uns sehr wichtig. Genauer gesagt: die interreligiöse Erziehung. Wir feiern zum Beispiel auch das Zuckerfest.“

Clemens hat keine Ahnung, was interreligiös ist, aber Zuckerfest, findet er, das klingt schon mal gut. Dabei fällt ihm etwas ein und er nestelt in seiner Anoraktasche, bis er schließlich befriedigt einen zerdrückten Kinderriegel hervorzieht. Nadja runzelt die Stirn. „Wir legen großen Wert auf gesunde Snacks. Und das Mittagessen ist vegan. Das ist gut für den Säure-Basen-Haushalt.“ Nadja blickt stolz, als erwarte sie, dass ihr jemand auf die Schulter klopft. Aber Mama nickt nur etwas angespannt und Clemens beißt in seinen Schokoriegel.

„In der Adventszeit stellen wir jedes Jahr unsere schöne Krippe auf“, fährt Nadja fort und zeigt auf einen niedrigen Tisch mit Holzfiguren. „Damit sich die Kinder alles so richtig vorstellen können. Wir haben uns bewusst für unlackierte, wenig bearbeitete Figuren entschieden. Das regt die Fantasie der Kleinen an. Sie wurden von einem israelischen Künstler eigens für uns angefertigt.“ Nadja guckt schon wieder stolz und Mama nickt zerstreut. „Zu Hause haben wir Playmobil ...“ „Benutzen wir gar nicht“, fällt Nadja ihr ins Wort. „Die grellen Farben, das unablässige Lachen ...“ Sie schüttelt bedenklich den Kopf, dass ihre Ohrringe nur so wackeln. Clemens versteht nicht, was an Lachen schlecht ist. Paps sagt immer „Lach doch mal“, wenn Mama mal wieder grummelt, und meistens klappt es.

„Kommen Sie, wir machen einen Rundgang. Clemens darf bei den Spielsachen bleiben."

Er geht zu der Krippe hinüber. Er weiß genau, was eine Krippe ist. Paps hat es ihm erklärt. Da sind ein Mann und eine Frau, genau wie Mama und Paps. Und die kriegen ein Kind. Das hatten sie gar nicht geplant, so wie Clemens auch nicht geplant war. Erst dachten sie: „Hui, was machen wir denn jetzt?“ Aber dann freuten sie sich sehr, weil ein Kind doch eigentlich etwas sehr Niedliches ist. Nur eine Wohnung hatten sie nicht, aber dafür fanden sie einen Stall und ganz viele Leute kamen zu Besuch und alle brachten Geschenke mit.

Aber diese Krippe ist komisch. Die Leute haben gar keine Gesichter, nicht mal einen Mund, so dass sie nicht lachen können. Selbst wenn sie wollten. Alle haben die Schultern komisch hochgezogen und scheinen auf den Boden zu starren. Und Geschenke gibt es auch nicht. Vielleicht ist sie noch nicht fertig, denkt Clemens verwundert.

Als Mama wiederkommt, läuft er ihr stolz entgegen. Aber was ist mit Nadja? Ihr Gesicht ist auf einmal ganz weiß und sie guckt so, wie Opa guckt, wenn er eine Zitrone auslutscht. Er wusste ja gleich, dass sie sonderbar ist. „Die Krippe“, japst sie, „was hast du gemacht?“ Clemens denkt, dass das jetzt aber wirklich eine blöde Frage ist. Das sieht man doch. „Ich habe ihnen Gesichter gemalt. Damit sie sich freuen können. Jetzt lachen alle“, stellt er befriedigt fest. 

Mama atmet einmal tief durch, und dann nimmt sie seine Hand und sagt: „Komm Clemens, wir gehen. Vielen Dank für die Führung. Und“, fügt sie hinzu, „Sie haben Recht. Diese Figuren regen

wirklich die Fantasie der Kinder an. Hervorragendes Konzept."



aus: Jesus klingelt. Neue Weihnachtsgeschichten (gekürzt)

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So

30

Nov

2014

Advent!

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So

23

Nov

2014

Liebe Oma,

ich vergesse nicht, wie du Kartoffeln schälst oder über den Herd wischst,

wie du "ach weg" sagst und wie du wieder und wieder fragst,

ob nicht jemand noch ein Stück will,

Kuchen oder Schokolade oder auch ein Glas Sherry,

während wir längst dasitzen und unsere Bäuche halten;

als wolltest du vorsorgen,

dass wir ein für alle mal genug haben,

wenn du nicht mehr da bist.

Jetzt bist du nicht mehr, und ich hoffe,

jetzt bist du es, der da oben angeboten wird,

Hundeschnauze und Kleckertorte und Ferrero Küsschen und Mettwurstbrote mit Apfelschnitzen.

Ich proste dir zu,

nur ein paar Welten zwischen uns.


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So

16

Nov

2014

Engel

Ein Wunder ist 

ein Engel der aufpasst

dass der dünne Faden

nicht reißt.

Dass der dünne Faden 

nicht reißt

ist ein Wunder.



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So

09

Nov

2014

Sonntagsgedankenspiel

Ich mag den Gedanken, dass der Stein, den ich im Sommer ins Meer warf noch immer dort ist. Also bin auch ich - ein wenig - dort. 
Ich mag den Gedanken, dass denselben Stein letztes Jahr ein kleiner Junge (vielleicht kam er aus Weißrussland) in der Hand hielt. Also sind auch wir - ein wenig - verbunden.
Ich mag den Gedanken, dass über genau diesen Stein vor 50 Jahren ein Fischer, vor 2000 Jahren ein Römer und vor 200 Millionen Jahren ein Saurier ging. Also speichert der Stein - ein wenig - Ewigkeit.

So

02

Nov

2014

November

Hallo Gott

hast du gemerkt

es wird Herbst

Gänse fliegen über die Stadt

und Blätter decken die Autos zu

Wolldecken in den Cafés

der Fluss trägt wieder

sein gedecktes Grau

nachmittags frühe Dämmerung

Denk an das Licht

damit man dich sieht

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So

26

Okt

2014

Winterzeit

Über Vergangenes

1. Erinnern, was schön war
2. aber nicht einbalsamieren
3. denn was einbalsamiert ist, ist tot
4. sondern das Vergangene im Rücken haben (vielleicht wie Abendsonne)
5. oder unter den Füßen
6. Boden der trägt
7. weitergehen und neugierig wie nur was sein
8. auf das Morgen
9. das wächst
10. aus den Samen von gestern.

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Mo

20

Okt

2014

Bestellung

Moin, ich hätte gern ein Pfund Zeit,

darf auch gern ein bisschen mehr sein,

nichts dazu, einfach ohne alles.

Danke, Sie brauchen es nicht einzupacken

ich nehm' es gleich so auf die Hand.



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So

12

Okt

2014

Kurzzeiteremitage

Baum

Fenster

Stille

Draußen verhaltenes Gelb

Drinnen aufgeräumt

Stühle schweigen und die Bücher

Setze mich zu ihnen

wenn es dämmert koche ich Tee

sehe dem Fluss der Minuten zu

Schiffe passieren unterwegs zu anderen Ufern

Ich winke dankend ab

Heute bin ich Einsiedlerin rufe ich ihnen zu

und sie winken zurück


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Sa

13

Sep

2014

...

Ich habe da noch ein paar Sachen zu erledigen...

 

Sommerpause bis 6. Oktober


Einen kleinen Ersatz gibt es täglich unter 10 Sachen

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So

07

Sep

2014

Handwerk

Jeder ist seines Glückes Schmied. 

Aber was ist mit den handwerklich Ungeschickten?

Ich zum Beispiel bin ziemlich dilettantisch, was handwerklich aufwändigere Aufgaben betrifft. Wenn ich die Kommode halb abgeschmirgelt habe, will ich lieber schwimmen gehen. Entweder sie steht dann ein halbes Jahr halbfertig in der Ecke oder ich mach' den Rest so husch-husch und das Ergebnis ist naja. Meine Zukunft als Schreinerin, Töpferin oder eben Schmiedin sähe deshalb nicht so fantastisch aus.

Zum Glück ist das mit dem Glück anders.

Schon ein Stück von Glück ist ziemlich gut. Und deshalb ist es manchmal gerade wichtig, Hammer, Spülbürste oder Ichweißnichtwas aus der Hand zu legen, um ein Stück zu erhaschen.

Jetzt.

Mo

01

Sep

2014

Sternschnuppe, Regenbogen

Heute einen Regenbogen, dann eine Sternschnuppe gesehen; darüber gesprochen, dass Kitsch manchmal nichts anderes ist als ein Bild, das haften bleibt und der Kopf rummeckern kann, wie er will, das Herz aber genau danach verlangt; darüber die Tankstellenabfahrt verpasst und ins große Zittern gekommen, ob dies eine sehr lange Nacht auf dem Standstreifen werden wird, was das Herz auch irgendwie mochte, weil es wild und jung pochte; doch noch zu Hause angekommen, mir keinen Eimer Wasser über den Kopf gekippt und alles in allem sehr zufrieden mit dem Verlauf der Dinge gewesen. 

So

24

Aug

2014

Altweibersommergenüsse

Der Geruch von Pflaumenbäumen und überreifen Pflaumen. Tief stehendes Licht. Stoppelfelder und Krähen. Neue Kartoffeln im Bohneneintopf. Endlich wieder Polizeiruf und Tatort. Kirmes und Kettenkarussell. Der rotblaue Schal. Der Geruch von Feuer statt Grillkohle. Äpfel. Das Leuchten der Dahlien und Astern, das einen vergessen macht, dass der Sommer endet.

So

17

Aug

2014

Supermarkt

Gestern Gott getroffen.

Wir standen an der Kasse, er kaufte

Eier, Milch und einen französischen Comté.

Mein Blick blieb an der Milchtüte hängen.

Es war Vollmilch. Eigentlich klar.



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So

10

Aug

2014

Ausflug ins Paradies

Das Paradies liegt am Wasser. Alles andere hätte mich auch gewundert. Tiefe Wolken hängen am Eingang, das enttäuscht mich ein bisschen. Sonderbar aussehende Menschen kommen mir entgegen und meine erste Lektion ist: Das Paradies ist für alle da. Das hätte ich mir auch denken können, dass das ganze keine Art himmlischer VIP-Club ist. Ich werde in Ruhe gelassen. Ein Mann dackelt hinter seinem Hund her. Das mit der Ruhe gefällt mir, andererseits bin ich schon wieder ein bisschen enttäuscht. Ich hätte eher sowas wie ein ewiges Woodstock erwartet. Andererseits sind auch irdische Woodstocks nicht mein Ding. Meine zweite Lektion ist also: Das Paradies ist alltäglich. Trotzdem müsste jetzt etwas Besonderes, etwas Unvorhergesehenes passieren. Der Himmel reißt auf. In diesem Moment. Ist das jetzt kitschig oder schön. Ich entscheide mich für schön. Auch wenn sich das Paradies jetzt schlagartig füllt. Meine dritte Lektion: Die Hölle sind ja immer die anderen. Das Paradies auch.

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So

03

Aug

2014

Him(mels)beeren

Himbeeren, Blaubeeren, Johannisbeeren,

Preiselbeeren, Erdbeeren, Stachelbeeren,

Brombeeren, Holunderbeeren, Multebeeren.

Gott ist ein Feinschmecker.

 

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So

27

Jul

2014

echt

weinen müssen, wenn man in der Zeitung etwas Schreckliches liest

jemandem “Gesundheit” wünschen, auch wenn man das nicht mehr tut

selbstgebackene Pfannkuchen mit Erdbeermarmelade

den Selbstoptimierungsmodus ausschalten

sich nicht schämen pathetisch zu sein, wenn man glücklich ist

(wenn man unglücklich ist auch)

sich nicht an allen gesellschaftlich erwarteten Stellen rasieren,

einfach, weil man gerade keine Lust hat

etwas mit der Hand schreiben

Tomaten, die nach zwei Wochen schimmeln

Vorziehen, etwas nicht zu tun

Regenbögen immer noch schön finden

 

aus: 10 Sachen

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So

20

Jul

2014

Sonntag

Um sechs aufgestanden. An die Elbe gelaufen. 

Zwei Schiffe kamen und eines fuhr.

Ein Möwenschwarm räumte den Strand auf.

Gott saß am Kai, Sonne fiel auf uns.

Ich lief vorbei und winkte.

 

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Mo

14

Jul

2014

Was Gott nachts tut

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Mo

07

Jul

2014

Aufruf

Heute lesen Sie nichts. Pause. Schauen Sie in den Himmel. Da hängen ein paar Geschichten. Leitern sind aus Zuversicht. Fehltritte werden nicht geahndet. Erwarten Sie nichts. Oder alles. Himmel nochmal!

So

29

Jun

2014

Reklamation

„Guten Tag“, grüßt der Mann und blickt streng. Neben ihm steht eine Frau. Auch sie guckt streng. „Sind Sie Gott?“ Gott nickt. „Wir haben hier eine Mängelliste für Sie.“ Gott sieht sie überrascht an: „Was denn für Mängel?“ „An der Erde. Wissen sie eigentlich, wie gefährlich es dort ist? Sie genügen Ihrer Aufsichtspflicht nicht. Wie leichtsinnig, Dinge in die Welt zu setzen ohne nötige Sicherheitsmaßnahmen.“ Gott muss zugeben, dass er nicht versteht: „Wie meinen Sie das?“ „Ein Student“, beginnt die Frau mit schriller Stimme, „verbrannte sich an seinem Kaffee. Nirgends stand, wie heiß er ist.“ „Ein Kind“, ergänzt der Mann, „fiel von einem Berg. Keiner hatte den Eltern gesagt, dass sie selbst aufpassen müssen.“ „Und ein Urlauber“, ruft wieder die Frau, „schaute zu lange in die Sonne und schädigte dauerhaft seine Augen. Nirgends gab es Warnhinweise. Was sagen Sie dazu?“ „Das“, stottert Gott, „das tut mir Leid. Sehr Leid.“ Die beiden halten ihm ein eng beschriebenes Papier entgegen. „Wir haben einen Maßnahmenkatalog verfasst. Punkt eins: Alle Meere werden großräumig abgesperrt. Damit niemand hineinfällt. Punkt zwei: Feuer ist in Zukunft nur bis 40 Grad erlaubt. Damit sich keiner verbrennt. Punkt drei: Tiger, Löwen und Haifische werden aus der Schöpfung ausgeschlossen. Das ist das Mindeste!“, ruft die Frau. „Was haben Sie sich nur dabei gedacht?“ „Ich hatte einen anderen Plan“, erwiderte Gott kleinlaut. „Er hieß Verantwortung. Jeder für sich selbst und alle füreinander. Er versprach keine Garantie. Aber ich fand ihn trotzdem eine schöne Idee.“

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Sa

21

Jun

2014

Hast du was?

Frau Kleinmünzer saß am Frühstückstisch und starrte in ihren Kaffee. Herr Kleinmünzer, jahrelang geschult im Zusammenleben mit seiner Frau, merkte sofort, dass etwas nicht stimmt. 

 „Liebes“, fragte er, „hast du was?“ „Ach“, seufzte sie, „ich mache mir Sorgen.“ Herr Kleinmünzer 

sann ihren Worten eine Weile nach. „Liebes“, setzte er dann abermals an, „wenn du sagst, du 

machst dir Sorgen, dann heißt das ja, dass sie noch gar nicht da sind.“ 

Seine Frau hob ihren Kopf. Sie kannte die sonderbaren Gedankengänge ihres Mannes. Also fragte sie: „Was willst du damit sagen?“ „Nun“, führte ihr Mann vorsichtig seinen Gedanken weiter, „hast du gern Sorgen?“ „Natürlich nicht!“ Nun wurde es ihr bei aller Liebe aber doch zu bunt. Doch er hob beschwichtigend seine Hand und fuhr fort. „Du machst also etwas, das du nicht gern hast. Du würdest die Sorgen, sobald sie da sind, sogar am liebsten wieder abgeben.“ „Natürlich! Wer würde das nicht?“ 

 „Ja siehst du, Liebes, ich denke mir nur: wenn man sich etwas macht, das man gar nicht mag und das man am liebsten gleich wieder abgeben wollte, dann ist das nicht besonders logisch. Die Sorgen nützen ja auch gar nichts. Sie stehen einfach groß und breit im Raum und versperren dir die Sicht. Du könntest dir also einen Arbeitsschritt sparen und gar nicht erst anfangen, dir Sorgen zu machen. Stattdessen könntest du etwas anderes machen. Eine Freude zum Beispiel. Du könntest dir oder mir eine Freude machen. Wäre das nicht viel schöner?“ 

 

NDR 2, Radiokirche: Moment mal!

 
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So

15

Jun

2014

Man könnte mal wieder

Wann hast du das letzte Mal bäuchlings auf einem Steg gelegen und nach Fischen geschaut? Sonne schien in deinen Nacken. Unter dem Holz gurgelte das Wasser und golden schimmerte der Grund. Wann hast du zuletzt Marshmallows über einem Lagerfeuer gegrillt? Und dir keine Gedanken gemacht um Kalorien oder Rußpartikel sondern nur darum, dass die Zuckerfäden dir nicht die Zunge verbrennen.

Wann hast du aufgehört, deine Schuhe auszuziehen, sobald du ans Meer kommst? Wann hast du zuletzt einem Sonnenaufgang zugesehen, der nicht erst auf Hausdachhöhe begann? Hast den Kaffee kalt werden lassen, die Zeitung vergessen und einfach nur geschaut? Wann warst du zum letzten Mal 48 Stunden offline? Kein Handy, kein Facebook, kein Twitter, kein E-Mailprogramm.

Wo war es zuletzt ganz still? So still, dass du deinen Atem anhalten wolltest, um nicht zu stören. Wann hattest du zum letzten Mal das angenehme Gefühl, niemand weiß, wo du bist und was du gerade machst? So wie in Kindertagen, als die Verabredung galt: Komm rein, wenn die Laternen angehen. Und weg warst du. Und niemand fand das unmöglich. Wann hast du das letzte Mal zum Spaß auf einer Mauer balanciert? Wo fiel dir zuletzt auf, wie der Morgen riecht? Und wie würdest du ihn beschreiben? Grüner Apfel, Regenfeuchte, Harz und Moos?

Wann hast du „man könnte mal wieder“ gesagt und es tatsächlich getan? Es ist Sommer! Wann, wenn nicht jetzt?

 

kann man auch hören: Radiokirche NDR 2

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Sa

07

Jun

2014

Ich liebe es

NDR 2 Moment mal!

 

kann man auch lesen:

 

Ich liebe es, Tee mit Milch und Zucker zu trinken und der Tee hat genau die richtige Farbe. Ich liebe die Ernsthaftigkeit in den Augen meines allerkleinsten Freundes, wenn er Giraffe und Eisbär zum Essen einlädt und ihnen Suppe aus Legosteinen auftut. Ich liebe den Geruch in mancher Nacht, wenn das Meer ganz nah zu sein scheint. Ich liebe das Gefühl frisch geduscht zu sein. Ich liebe Sonntagnachmittage, an denen man nichts anderes tut als zu zweit zu sein und irgendwann ein Stück Käsekuchen zu essen. Ich liebe den Blick aus meinem Fenster, auch wenn er nicht perfekt ist. Es gibt noch eine Menge weiterer Dinge, die ich liebe. Aber eine mürrische Stimme stoppt mich: „Willst du die Liebe etwa auf so einen Kleinkram reduzieren? Die Himmelmacht, die Größte? Heutzutage wird doch alles geliebt: Haftpflichtversicherung, Toilettensitze, Mc Donalds? Ich liebe es.“ Na und? Wer bin ich, dass ich sagen könnte, diese Liebe sei falsch? Vielleicht gibt es tatsächlich Menschen, für die es das Größte ist, vor einer Tüte Pommes zu sitzen, weil es so vertraut und so verlässlich ist. Die Liebe wird doch nicht kleiner, wenn man mehr liebt. Wer redet uns ein, dass die Liebe immer mit einem  Paukenschlag kommen muss? Wer will das denn, sein Leben lang auf die Pauke hauen? Manchmal ist es eben der Widerhall, der erfüllt: Eine Sinfonie aus Käsekuchennachmittagen und Meeresduft, Sonntagsaugenblicken und meinetwegen auch Pommes Frites.

 

 

 

 

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So

01

Jun

2014

10 Erinnerungen ans Paradies

 

 

Das Leuchten der Rosen. Die Zeit der Schnecken.

Die Abwesenheit der Schwere. Der Duft der Lindenblüten (in der Dämmerung).

Die Beharrlichkeit eines Wunschs. Das Warten des Einsetzens der Nacht.

Das Ausstehen eines Kusses. Erdbeeren, Rhabarberbaiser.

Das Aufgehen des Abendsterns. Der Moment, bevor der Traum beginnt

 

 

 

10 Sachen

 

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So

25

Mai

2014

10 Wünsche für die Nacht

 

 

Den Kranken einen ruhigen Schlaf. Den Verwirrten einen goldenen Halm. Den Erschöpften ein Daunenkissen. Den Uralten süße Sekunden. Den Ängstlichen ein Wiegenlied. Den Wachenden ein orangerotes Feuer. Den Unruhigen ein sanftes Schweigen. Den Draußensitzern satte Mücken. Den Gehenden einen leichten Weg. Den Zögernden eine letzte Verlockung.

 

 

www.10sachen.wordpress.com

 

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So

18

Mai

2014

Sonntagnachmittagsruhe

Vögel singen sachte

in der Ferne schweigt ein Hund

Wolken haben

ihre Motoren abgedreht

und lassen sich treiben

Ich auch

 
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So

11

Mai

2014

Sandkastenmodus

Versetz dich in den Sandkastenmodus. Weitere Qualifikationen sind nicht nötig. Tritt aus der Spur. Mach alles etwas anders als sonst. Iss Organgenmarmelade. Schreib mit links. Denk - aus Neugier - das Gegenteil. Fahr rückwärts Bus. Betrachte die Welt aus der Perspektive deines fünfjährigen Ichs. Betrachte dein Gegenüber als Fünfjährigen. Imitiere etwas. Oder jemanden. Wechsel den Sender. Bestell ein anderes Getränk. Betreibe Feldforschung. Schreib ein Sonett. Male Enten. Widersteh der Versuchung, das Ergebnis genial zu finden.

Nimm aufgeschürfte Knie in Kauf. Sei blutiger Anfänger. Erkläre den Irrtum zum festen Bestandteil des Seins. Lass den Zyniker stecken. Er ist ein Spielverderber. Schüttel den Staub von den Füßen. Verändere die Ordnung der Dinge.

Die Welt ist ein Mosaik. Ein einziges Teilchen verändert das Bild.

 

 

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Au ja! Ich möchte wissen,

was es Neues gibt