Bettwäsche

Ich besitze 14 Sets Bettwäsche und bin noch nie geflohen. Deshalb liegen die Laken wohlsortiert im Wäscheschrank, im Winter hole ich die Rotbestickte heraus und im Sommer lieber die Geblümte. Wenn ich ein Set aufziehe und ein zweites in der Wäsche ist und ein drittes für Gäste parat liegt, bleiben immer noch 11 Sets, die ich nicht akut brauche, es sei denn, es käme überraschend eine Fußballmannschaft zu Besuch, was aber selten passiert.

Wer aus Syrien kommt, hat meistens keine Bettwäsche dabei. Jedenfalls denke ich mir das so, weil Bettwäsche sperrig ist und nicht überlebensnotwendig. Ich habe also einen Bettwäscheüberschuss, jemand anderes ein Defizit, wir könnten uns treffen und die Sache auf kurzem Wege ins Lot bringen.

Im meiner Stadt geschah es so. Eine Tageszeitung veröffentlichte eine Liste der Dinge, die den vielen Flüchtlingen, die täglich kommen, fehlen. Es ging nicht um Häuser, Bankkonten, Lebensversicherungen. Sondern um Alltagssachen wie Hosen, Röcke, Tampons, Duschgel und eben Bettwäsche. Während im Politikteil noch darüber diskutiert wurde, wie mit den Flüchtlingsströmen umzugehen sei, strömten Hunderte in die Zeitungsredaktion und brachten, was gebraucht wurde. Kinder gaben Bälle ab. Männer teilten Jeans. Perlenbesetzte Frauen rollten Koffer voller Toilettenutensilien hinter sich her. Leute brachten Fahrräder, Malzeug und Schreibutensilien. Denn ohne Stift lernt man schwer deutsch.

Ich bin sicher, diese Geschichte ist nicht einzigartig. Deshalb erzähle ich sie. Sprache schafft Wirklichkeit. Wer nur von angezündeten Flüchtlingsunterkünften liest, kann sich irgendwann nichts anderes mehr vorstellen.

Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Manche haben, ohne es zu wissen, Engel beherbergt. Flüchtlinge sind keine Engel. Aber sie sind Menschen. Sie sind keine besseren Menschen, aber auch keine schlechteren. Sie tun das, was ich wahrscheinlich genau so täte, wäre ich nicht in einem Land mit Bettwäscheüberschuss geboren. Sie suchen nach einem besseren Leben. Abraham war Wirtschaftsflüchtling. Sein Sohn Isaak ebenso. Naomi, die Schwiegermutter Ruths, floh ins Nachbarland, um Arbeit zu finden. Jakob suchte Asyl wegen eines Familienstreits. Das wären heute alles keine anerkannten Asylgründe. Und ob Mose, mit einem Totschlag im Gepäck, Asyl erhalten würde, ist ebenso fraglich. Gott war immer mit diesen Leuten. Ach ja, bleibt noch Jesus. Ebenfalls Asylant in seinen ersten Lebensjahren. Hätte Ägypten seine Familie nicht aufgenommen, wäre seine Laufbahn als Gottessohn möglicherweise beendet gewesen, bevor sie richtig begonnen hätte. So gehen die Geschichten, auf die wir uns als christliches Abendland berufen. Wenn das mehr als romantische Märchen sind, dann sollten wir wenigstens für einen Moment in jedem Syrer Jesus sehen und in jeder Albanerin Naomi. Das löst die Flüchtlingsfrage nicht. Aber es erinnert daran, dass zunächst ein Mensch vor uns steht, kein Problem.


(erschienen in Welt der Frau September 2015)

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Kommentare: 4
  • #1

    Elke (Freitag, 09 Oktober 2015 21:50)

    Liebe Susanne !
    Danke für die Schurkenim Schnee, schön dass Du wieder schreibst - und gleich so !
    In unserer Stadt gibt es bereits zwei Unterstützerkreise für die Menschen in zwei Flüchtlingsunterkünften.
    Strickpullover werden schon nicht mehr gebraucht, eher Sweatshirts für die jungen Männer.
    Also: Da sind nicht nur die Kleiderschränke, sondern auch schon die Herzen aufgegangen.
    Was mich sehr freut !
    Dir ein schönes Wochenende ! Freundlich grüßt Dich Elke

  • #2

    * freudenwort (Montag, 12 Oktober 2015 09:43)

    ... danke! Langen Atem für Eure Arbeit und heiße Herzen :-)

    Sonnige Grüße von der Elbe, Susanne

  • #3

    Jane (Donnerstag, 22 Oktober 2015 10:37)

    Liebe Susanne,
    kurz vor eine Stunde habe ich Ihre Heimseite gefunden und bin dem Gott sehr-sehr dankbar dafür.

    Herzliche Grüsse aus Estland :)

  • #4

    * freudenwort (Freitag, 23 Oktober 2015 09:19)

    Liebe Jane,
    "Heimseite" ist ein schönes Wort. Gefällt mir :-)
    Viel Freude weiterhin damit - jetzt werde ich hin und wieder dran denken, dass jemand in Estland mitliest!
    Herzliche Grüße von der Elbe, Susanne

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