Hallo aus unseren Wohnzimmern!

Eigentlich machen wir einmal im Monat die Kirche zum Wohnzimmer: Wir tragen die Bänke raus und das Sofa rein, hängen eine Lichterkette auf und befragen mit euch unseren Fragomaten. Weil das gerade nicht möglich ist - hallo Corona! - kommen wir diesmal zu euch. Zumindest virtuell. Und der Fragomat ist auch dabei.

Wir haben uns vor ein paar Tagen im Videochat getroffen, Kerzen angezündet und Jan hat Musik gemacht. Das war holperig, lustig und zumindest ein kleiner Ersatz. Definitiv gefehlt habt Ihr! Deshalb freuen wir uns, wenn ihr Fragen aus unserem virtuellen Fragomaten zieht. Schickt uns eure Antworten - per Video, Kommentar oder Brieftaube: post@freudenwort.de

Wir sammeln sie und machen was draus!


Schreibt uns Eure Antworten: 

Kommentare: 6
  • #6

    Kerstin Knoth (Mittwoch, 01 April 2020 16:30)

    Grüß euch,
    Ich bin die Kerstin! Durch meinen Religionslehrer Herr Prof. Ertl bin ich auf diese Seite gestoßen. Im Folgenden möchte ich zu ein Paar dieser Schlagwörter Stellung ergreifen.
    Auf die Frage "Wie schmeckt Quarantäne" kann ich nur antworten: GUT. Einerseits musst du das erste mal deine schulischen Leistungen selber von zu Hause aus unter Kontrolle haben und mit den verwendeten Programmen kompetent umgehen können, andererseits kannst du dich selbst organisieren, deinen Tag von früh bis spät planen und selbst viele Entscheidungen treffen. Ich mag es zu Hause zu sein, viel kochen und backen zu können und auch zwischendurch mich mit Freunden via Handy auszutauschen, was mit während der richtigen Schulzeit nicht möglich ist. Ab und Zu verspüre ich allerdings den Drang raus zu gehen und mit Menschen zu kommunizieren und mit ihnen etwas zu unternehmen. Um es so zu sagen: Quarantäne schmeckt für mich wie eine leckere Suppe, die leicht versalzen wurde !

    Um ehrlich zu sein, viel mehr Zeit hab ich jetzt auch nicht, als "früher", vor ein paar Wochen. Aber ich denke , dass die Menschen jetzt zum Nachdenken angeregt werden. Sie tun Dinge, für die sie zuvor wenig bis keine Zeit über hatten. Und so auch bei mir. Ich denke viel nach und und wenn mir die Frage gestellt würde, an wen ich gerne einen Brief schreiben würde, dann würde ich sagen: An Mich. An mein früheres Ich. Ich würde mich bedanken, dass ich mich so entwickelt habe, sodass ich zu dem Menschen geworden bin, der ich jetzt bin. Ein großes Lob an mein eigenes Ich würde ich aussprechen, weil ich stolz auf mich bin, das gestärkt überstanden zu haben, was war und ein danke daran zurichten, dass ich versuchte (und noch immer versuche) alles so gut wie möglich positiv zu sehn. Natürlich könnte ich auch seitenlange Briefe an X-andere Personen schreiben können, aber besonders gerne würde ich ihn an mich verfassen. An mein früheres ICH.

    Zuletzt möchte ich noch auf folgendes Statement eingehen: "Was kann man auf einmal ohne schlechtem Gewissen tun?". Ein wenig erschrocken und nachdenklich zugleich finde ich diese Wörter: "auf einmal", also sozusagen jetzt, jetzt wo ja alles anders ist. Was sollte ich denn jetzt tun, was ich vorher nicht konnte? Lange schlafen? Ja da stimme ich zu. Jetzt kann ich schlafen, solange ich will, aber was bringt es mir? Im Prinzip muss ich das, was ich in der Zeit in der Schule geschafft hätte, hinten an meiner investierten Zeit dranhängen. Für mich persönlich macht es keinen Unterschied, ich hatte früher Dinge ohne schlechtem Gewissen getan und so mache ich das heute genauso. Was sollte sich denn ändern? Also um ehrlich zu sein, bei mir nichts. Ich habe jetzt genau so kein schlechtes Gewissen wie vor einem Jahr. Ich denke, die Antwort auf diese Frage hat mit der Lebenseinstellung jeder einzelnen Person zu tun und kann daher nicht verallgemeinert werden.

    Meine Meinung in dem oben präsentierten Kommentar soll lediglich als Gedankenanstoß dienen. Ich möchte weder die Verfasserin der Website noch andere Personen mit meinem meinungsbetonten Text angreifen.

    Liebe Grüße

  • #5

    Judith Manok-Grundler (Dienstag, 31 März 2020 00:55)

    Was sagt die Angst? Was sagt die Zuversicht?

    Die Angst sagt: „Ich will mich verkriechen. Die Decke über den Kopf ziehen. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Das geht nie gut aus, nie. Dass Menschen daraus lernen, ist <Sozialromantik>, Wunschdenken, Ignoranz. Wie Pfeifen im Wald!“

    „Ts, ts, ts“. Die Zuversicht schüttelt den Kopf. „Schau mal zum Fenster raus. Da leuchten Primeln unterm Schnee. 15 Jahre alte Tulpenzwiebeln haben getrieben und blühen. Der Löwenzahn sprengt die Asphaltdecke des Gehwegs und wächst. Kinder lernen laufen – ganz von allein. Und trotz aller menschlichen Dummheit dreht sich die Welt noch immer. Das nennt sich Leben!“

    Judith

  • #4

    Judith Manok-Grundler (Montag, 30 März 2020 11:49)

    "Wie schmeckt Quarantäne?"

    Sie schmeckt bitter wie Brennnesselsaft.
    So eklig wie Lebertran.
    Aufdringlich wie Bärlauch.
    Süß wie eine Handvoll sonnenwarme Himbeeren.
    Zart wie Nugat.
    Prickelnd wie Himbeerbrause, die ich aus der Hand schleckte.
    Verlockend wie der erste Spargel mit Sauce Hollandaise.
    Herzhaft wie ofenwarmes Baguette mit Ziegenkäse und Rotwein.
    Staubig wie Kieselerde.
    Mild wie Sahneeis.
    Sättigend wie Käsespätzle.
    Frisch wie Zitronensorbet.

    Judith

  • #3

    Madita (Sonntag, 29 März 2020 16:27)

    Quarantäne riecht vielmehr nach japanischem Heilpflanzenöl, das das Kopfweh mildert.

    Die Angst sagt: Hilfe, was passiert mit dieser Lunge? Die Zuversicht: Du gehörst potenziell nicht zur Risikogruppe ; )

    Neues: Ruhe kann so sehr schön sein!

    Held*innen: Die Vögel, die durch den Regen trotzig-munter ihr Lied singen.

    Gott: begleitet mich freundlich und zärtlich durch diese Zeit.

    Im Kühlschrank: Orangensaft, Hafermilch, Ziegenkäse, ganz viel Gemüse (das hoffentlich nicht schlecht wird, da verlangsamte Verwendung wegen krank-sein), Eier und Haselnussjogurt.

    Arschtritt: ? Mut zur Ruhe und zum still-sein.

    Lieblingsort: Eindeutig und ohne umschweife – mein Bett!

    Ich bin?

    Ich brauche die Gewissheit gehalten zu sein von Gott, von Menschen und doch das Verständnis für Rückzug und Alleine-Zeit.

    Ich träume davon: wie es wäre nun über die Dolomiten zu wandern oder sonstwo auf der Welt und dazu lese ich Rebecca Solnit: Wanderlust. Die Welt lässt sich auch im Kopf erwandern!

    50€ würde ich wohl einem*r Straßenzeitungsverkäufer*in schenken, die wohl aktuell mit die schlechtesten Abnahmezahlen zu
    verbuchen haben.

    Ohne schlechtes Gewissen: Fünf gerade sein lassen und der Seele und dem Körper Zeit schenken.

    Einen Brief würde ich gerne schicken: An meine verstorbene Großmutter, glaube ich.

    Toilettenpapier alle: Die Nachbarn haben sicher welches übrig ; )

  • #2

    Simone Nandico (Sonntag, 29 März 2020 16:18)

    Wie geht es mir?

    Viele fragen mich jetzt – in Zeiten eines neuen Coronavirus Covid19. Ist es in Ordnung, wenn ich sage, dass das Virus für mich nicht von Bedeutung ist? Ignoriere ich damit eine Pandemie, die für viele einen tödlichen Ausgang hat? Gehöre ich zu den Menschen, die durch Ignoranz andere gefährden? Ich denke nicht. Ich halte mich weitgehend an die Verordnungen und da, wo ich mich nicht daranhalte, tue ich das, um mich zu retten. Ich weiß nicht genau, was an mir ich retten möchte. Ich werde es herausfinden.

    Die Städte und Dörfer, die Straßen und der Pferdehof gegenüber sind still geworden. Wie eine schwere Decke legt sich das Virus über uns. Vermutlich ist geschäftiges Treiben in den Krankenhäusern. Aber das sehe ich nicht. Ich merke, wie ich diese Decke auch über mich ziehe. Mein Körper tut das aktiv, denn er hat keinen Grund dazu. Ich gehe nach wie vor zur Arbeit. Ich bin nicht mehr allein als zu anderen Zeiten. Ich muss keine Lehrerin sein und auch keine unruhigen Kinder beschäftigen. Mir fehlt kein Sport und ich bin keine leidenschaftliche Motorradfahrerin. Mein Alltag hat sich nicht verändert. Ich habe keinen Husten und kein Fieber und ich habe keine Angst.

    Aber diese Decke, diese erdrückende Decke – die ist ein Problem für mich. Füße und Arme schwer wie Blei kann ich mich kaum bewegen. Unter der Decke ist zu wenig Luft und zu wenig Lachen. Ich fühle mich um mehr als zwei Jahre zurückgesetzt. Ich weiß nicht mehr, was Elan ist und Antrieb. Ich weiß nicht mehr was ein sortiertes Leben ist. Ich weiß nicht mehr, wie das ist, wenn Freude den Tag bestimmt und Schlaf die Nacht.
    Viele sagen, ich sei ein kreativer Mensch. Darauf bin ich stolz. Das lässt mich wachsen. Wie kann ich auf Ideen kommen, wenn es so dunkel ist? Wie kann ich gedeihen, wenn ich kein Wasser habe, keinen Dünger, keine Ansprache, wenn ich gefangen bin? Meine Blätter verlieren ihr Grün, die Wurzeln ihre Kraft, meine Pflanze ihren Halt. Ich mag dieses Gefühl nicht. Das werte ich als echten Fortschritt. Dennoch: Siehst Du wie schlecht es mir geht? Ich möchte den Zustand meiner Seele sichtbar machen, würde aber all Euch Lieben damit wieder verschrecken.

    Und so bin ich einfach still. Halte still. Und warte.

    Simone

  • #1

    Gabriele Greef (Freitag, 27 März 2020 16:08)

    Was ich brauche?
    Eine Umarmung
    Seit 6 Wochen ist mein Mann tot. Seit dem 12.3. bin ich alleine, mutterseelenallein. Und so fühle ich mich auch. Es kostet viel Kraft in Trauer alleine die Tage zu durchleben .
    Meine Lichtblicke: Anrufe, Mails, WhatsApp Nachrichten und Briefe und Postkarten von meinen erwachsenen Kindern, von meinen Schwestern, von meiner Freundin und auch von Bekannten.
    Ich bin also nicht wirklich mutterseelenallein.
    Nur abends ist es schwer, ich will meinem Mann etwas sagen, wende mich seinem Sessel zu, und dort ist mein Mann nicht... Da fließen Tränen.


SO GEHT WOHNZIMMERKIRCHE: Als erstes fliegen die Bänke raus. Wir tragen ein Sofa rein und hängen eine Lichterkette auf. Wir bauen in der Kirche unser Wohnzimmer auf. Einen Ort, an dem wir uns zuhause fühlen. Einen Ort, an dem wir einen Gottesdienst feiern, der kein Kompromiss ist, sondern genauso, wie wir das wollen. In der Mitte steht der Fragomat, ein alter Kaugummiautomat, den wir mit großen Fragen füllen. Es gibt kein Vaterunser, weil das nun mal dazugehört. Die Orgel hat heute Abend frei. Wir sitzen in kleinen Gruppen, Kerzen flackern, jemand holt sich ein Bier. Wir singen Lieder von Clueso und was neu Gedichtetes. Am Valentinstag „Fix you“ von Coldplay. Als alle den Refrain „Lights will guide you home“ sangen, war das ein Gänsehautmoment und nicht weniger als ein Gebet. 

 

kommt vorbei!

Nächstes Mal: 27. März - FÄLLT AUS


Das sind wir

David Barth

ist Jugendreferent.

Im Moment außerdem dabei:

Emilia Handke macht "Kirche im Dialog".

Janna Horstmann

ist Vikarin.

Jan Kessler ist freier Kirchenmusiker.

Maja Reifegerst

studiert Soziale Arbeit.

Matthias Lemme ist Pastor und textet.

Susanne Niemeyer schreibt Bücher.