Hier schreibe ich von Gott und der Welt. Halbherziges und Angedachtes, je nachdem. Der "Engelimbiss" ist ein Lieblingsplatz. Dort gibt es die besten Pommes mit allerschönstem Elbblick. Ich finde, Texte für die Seele sollen genauso schmecken: wie gute Pommes.



Unwahrscheinlichkeitsrechnung

Ich warte auf eine Menge Sachen. Ich warte auf eine Mail, den Bus und dass Gott redet. Ich warte auf den Tag, an dem mir mal wieder jemand ein Mixtape schenkt. Manchmal warte ich auf Grün – an der Ampel und im Februar. Ich warte auf den Impfstoff und dann warte ich darauf, aus all meinen Masken eine Patchworkdecke zu nähen. Ich warte auf das Morgengrauen, wenn ich mich schlaflos im Bett wälze. Ich warte darauf, dass sogenannte Querdenker aufhören, ihre Freiheit über die vieler anderer zu stellen. Ich warte auf den Moment, an dem niemand mehr Lust hat, wen in die Luft zu sprengen. An Silvester warte ich auf Mitternacht, weil es so schön ist, so zu tun, als ob alles neu wird. Ich warte darauf, dass Trump seine Niederlage eingesteht und in Rente geht. Auf Schnee warte ich auch.

Dass ein Retter kommt, der das alles im Gepäck hat, fällt mir schwer zu glauben. Ich versuche es trotzdem...

 

Ganzen Text lesen oder hören: Mit allem rechnen. Unwahrscheinlichkeitsrechnung im Advent. Deutschlandfunk

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Weihnachten retten

Wir müssen Weihnachten retten. Das höre ich im Moment ständig. Ich glaube, das müssen wir nicht. Weihnachten braucht keine Rettung, Weihnachten rettet uns. Es hat zweitausend Jahre überstanden. Ist durch den 30-jährigen Krieg gegangen, war bei den Pestkranken, hat sich an die Seite der Verfolgten gestellt und sich nicht darum gekümmert, ob Lametta am Baum hing. Weihnachten hängt nicht davon ab, ob fünf oder zehn zusammen feiern. Weihnachten lässt sich nicht machen. Klöße zur Gans sind schön, aber nicht notwendig.

Die Geschichten sind da. Der Stern ist da. Menschen sind da, an vielen verschiedenen Orten. Die Fantasie ist da, sich auf den Weg zu machen. Ausschau zu halten, was trägt, wenn es nicht das Gewohnte ist. Die Hoffnung ist da, dass es winzige Anfänge gibt, die zur Rettung werden.

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Besondere Helden

Ich kann über ziemlich simple Sachen lachen. Slapstick zum Beispiel wie bei Stan und Oli. „Life of Brian“ finde ich großartig, „Little Britain“ auch. In Kirchen- und Intellektuellenkreisen stoße ich damit regelmäßig auf Irritation. Gegen Alltagsschwermut hilft Loriot zuverlässig. Manchmal stelle ich mir die Welt als Comic vor, auch das ist sehr erheiternd. Wenn gar nichts mehr geht, bleibt immer noch Galgenhumor. Selbstironie sowieso. 

Die Bunderegierung hat Corona-Videos veröffentlich, die ich auch ziemlich witzig finde. Neben Infektionsschutzgesetz, Impfstoff-verteilung und Kontaktbeschränkungen ein Augenzwinkern. #besonderehelden heißt die Serie. Natürlich gibt es viel Kritik.

Ich finde die Videos mutig, weil sie nicht brav sind. Humor muss sich aus der Deckung wagen und damit leben, auch auf die Nase zu fallen. Ein Journalist der Londoner Financial Times twitterte:

“Ich kann damit umgehen, dass die deutsche Antwort auf die Pandemie besser ist als unsere, aber ich glaube, ich kann nicht damit umgehen, dass sie lustiger ist.“ Das ist, glaube ich, ein Ritterschlag.

 

Hier kommt ihr zu den Videos: #besonderehelden 1 #besonderehelden 2 

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Flatrate

Omas Telefonnummer kann ich auswendig. Sie ist mein Leben lang gleichgeblieben. Trotzdem speicherte ich ihre Nummer in meinem ersten Handy. Es wäre nicht nötig gewesen, aber ein Adressbuch ohne Oma wäre mir unvollständig vorgekommen. Wenn Oma sich meldete, hatte ihr Tonfall immer etwas Feierliches. Als erwarte sie, den Bundespräsidenten höchstpersönlich in der Leitung zu haben. Telefonieren war für sie etwas Ernsthaftes. Da lümmelte man nicht auf dem Sofa rum und schon gar nicht machte man nebenbei den Abwasch. Man telefonierte und das möglichst kurz, damit es nicht so teuer würde. Irgendwann versuchte ich Oma zu erklären, was eine Flatrate ist, doch ich merkte, dass sie mir nur halb zuhörte. Sie wollte sich nicht umgewöhnen. Und das machte auch nichts, denn eigentlich liebte ich ja genau diese Ernsthaftigkeit. 

Mittlerweile ist Oma tot. Seit ein paar Jahren schon. Aber ihre Nummer zu löschen, habe ich noch nicht übers Herz gebracht. Es fühlt sich an, als würde ich die Erinnerung auslöschen, als würde ich Oma mit einer Taste aus meinem Leben entfernen, um neuen Speicherplatz zu schaffen. 

Die Nummer bleibt also. Immer, wenn ich jetzt durch mein Adressbuch scrolle und beim Buchstaben O bin, lese ich „Oma“ und muss kurz lächeln. Als bräuchte ich nur auf die Taste zu drücken, und sie wäre da. Würde sich irgendwo aus den Himmeln melden, würde wie immer „Ach, hallo!“ rufen, mit dieser Mischung aus Überraschung und Freude in der Stimme. Eine Sekundenerinnerung, wärmer und lebendiger, als der Name auf ihrem Grabstein, der so förmlich, so endgültig, so golden in Marmor gehauen ist. Die Vorstellung, nur einen Klick weit von Oma entfernt zu sein, ist irgendwie tröstlicher.

 

gesendet in: NDR 90,3 Kirchenleute heute

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Der kleine David und ich

„Das Vergessenwollen verlängert das Exil, 

und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“          

Ba’al Schem Tov

 

Ich erinnere mich an die jüdische Synagoge, an die nichts mehr erinnert, nur noch ein Parkplatz. Ich erinnere mich, dass Oma sagte, „die Juden“ seien irgendwie anders gewesen. Ich erinnere mich an meine erste Klassenfahrt nach Bergen-Belsen und mein Entsetzen. Ich erinnere mich an die Geschichten von Abraham und Mose und dem kleinen David, der Goliath besiegte. Ich erinnere mich, wie ich erst mit 17 Jahren entdeckte, dass es einen jüdischen Friedhof in meiner Stadt gibt. Ich erinnere mich an den Freund, der auf einmal meinte, es gäbe Beweise, dass der Holocaust nie stattgefunden habe. Ich erinnere mich, wie unvorbereitet ich auf so eine Behauptung aus seinem Mund war. Ich erinnere mich an Schweigemärsche am 9. November, und dass einige nicht schweigen wollten, weil Schweigen nichts ändere. Ich erinnere mich, sehr viele Male „Hevenu schalom alejchem“ gesungen zu haben. Ich erinnere mich an meines Großvaters Blick, mit dem er sagte, er verstehe nicht, warum sie einem wie Hitler gefolgt seien. Ich erinnere mich an Jungs auf dem Schulhof, Hakenkreuze und „Deutschland den Deutschen“. Ich erinnere mich an meinen Zorn. Ich erinnere mich, wie ich hörte, Juden hätten das Corona-Virus erschaffen.

Ich erinnere mich, zu widersprechen.

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Sonntagsspaziergang

Mit wem ich gern mal einen Kaffee trinken würde, das ist so eine Frage, bei der ich nie weiterweiß. Kaffee ist überbewertet, finde ich. Man sitzt rum und fühlt sich nach der dritten Tasse zu gleichen Teilen aufgekratzt wie flau. Außerdem ist es im Moment sowieso schwierig, die Cafés sind geschlossen. Wenn ich also wählen dürfte, würde ich lieber durch den Wald streifen, auf Wegen, die niemand geschottert hat, bei einer Eiche stehenbleiben, um einen Gedanken nicht zu verlieren. Mit wem, spielt fast keine Rolle, so lange das Gespräch interessant ist und verschlungene Wege nimmt. Aber gut, vielleicht lieber mit Jesus als mit Buddha (sorry, ist nichts Persönliches), mit Ronja lieber als mit Pippi, mit Teresa von Avila lieber als mit Mutter Teresa, mit D. lieber als mit M., mit Frau Merkel lieber als mit Herrn Merz, mit Snoopy lieber als mit Charlie Brown, mit der Queen lieber als mit Charles, heute lieber als morgen.  

 

 

 

 

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Hallo November

Diesmal übertreibst du aber. Dass es mit dem Nachmittags-kaffee dunkel wird, daran habe ich mich in den letzten 48 Jahren mühevoll gewöhnt. Und dass du Regen magst – geschenkt. Den brauchen wir ja, da bin ich vernünftig. Aber ein Lockdown? Im Ernst? Kein Café, das leuchtturmgleich die schwankenden Seelen heimruft? Kein Theater, das dem Leben eine Bühne gibt? Und Doppelkopfrunden höchstens für Großfamilien? 

Das ist hart. Hast du denn nicht Rilke gelesen? Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben… wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.  Das kannst du nicht wollen. Im Inneren deiner Seele willst doch auch du geliebt werden. Also frage ich dich: Was hast du zu bieten? Dieses Jahr ist deine Chance. Noch nie waren so viele Augen auf dich gerichtet. Wenn du es schaffst, uns alle 30 Tage über Wasser zu halten, könnte das deine Beliebt-heitswerte enorm verbessern. Laubhaufenspringen? Freiluftyoga? Lichtermeereintauchen? Zeig, was du kannst. Wir machen mit!

 

Im November ziehe ich um zu Chrismon: Dort gibt es jeden Tag einen Text: Lichtblick-Blog

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Jetzt

Gibt es jetzt auch hier als Postkarte.

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Hallo Herbst!

 

Gestern saßen wir lachend am Tisch, während die Kanzlerin im Fernsehen inständig darum bat, Kontakte einzuschränken. Die Zahlen sind höher als im Frühjahr, aber so richtig angekommen ist es noch nicht. Der Sommer hat eine Tür geöffnet, und es fällt schwer, sie wieder zu schließen. Dabei ist es drinnen auch schön. Trotzdem fühlt sich eine Seite in mir wie ein Kind, das noch nicht aufhören will zu spielen. Weil es sich nicht vorstellen kann, wann dieses „Morgen“ ist, an dem es weiterspielen wird. Zum Glück bin ich meistenteils erwachsen, was langweiliger klingt als es ist. Im Gegensatz zu meinem fünfjährigen Ich weiß ich nämlich mittlerweile, wie viele Schlupflöcher es gibt, die das Leben lebenswert machen. Hallo Herbst. Ich komme!

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Was du willst

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Sandmännchen und Westpakete

3. Oktober 1990

Ich habe den Fernseher angemacht. Die DDR war für mich LPGs und eine Mauer, die unfassbar anmaßend, aber nicht meine ist. Jetzt steht sie offen.

Ich bin schon drüben gewesen. Ostern, mit Zelt. Mal gucken, was für ein Land das ist. Nicht mein Land, soviel ist klar. Das Wort „Wiedervereinigung“ kenne ich nur aus dem Mund der Ewiggestrigen. Die auch Ostpommern und das Elsass wiederhaben wollen.  Ich hocke in Jeans auf dem Sofa und fühle mich fremd im Jetzt. Was da 400 Kilometer östlich geschieht, ist irgendwie nicht mit mir abgesprochen. Warum scheint es für alle so selbstverständlich, dass aus zwei Staaten einer wird? Können wir uns nicht erstmal kennenlernen? Wer sagt denn, dass wir zueinander passen? Kohl sieht satt und zufrieden aus. Er spricht von blühenden Landschaften und klingt, als habe er eine Putzkolonne losgeschickt, die eben mal alles auf Vordermann bringen soll. Ich pule die Kerne aus ein paar letzten Pflaumen und stecke mir eine in den Mund. "Einigkeit und Recht und Freiheit" singen sie im Fernseher, und ich höre "Deutschland, Deutschland über alles". Ich schalte ab. Wie wird das alles werden?

 

30 Jahre später.

Der Zug von Hamburg fährt durch. Landschaft rauscht vorbei. Ackersenf blüht. In knapp vier Stunden werde ich in Erfurt sein. Neben mir sitzt Matthias. Ostkind, sagt er. Wir haben Bleistifte im Koffer und leere Hefte. Wir werden uns zusammenschreiben: Mario aus Zwickau, Silke aus Ostfriesland, Kirstin aus Berlin, Werner aus Köln, Marion aus Magdeburg und all die anderen. Auf den Fluren tragen wir Masken, in unseren Texten zeigen wir uns. Erzählen, was wir gewonnen haben: Reisefreiheit. Hiddensee. Eierschecke. Ich-sagen. Wir-denken.

Den Polizeiruf 110. Deutsche Geschichte an Originalschauplätzen: Goethe, Luther, Effi Briest. Einen Beruf nach eigener Wahl. Studieren in England. Das Elbsandsteingebirge zum Wandern. Gundermann. Wahlfreiheit. Levis-Jeans. Und immer wieder: Freundschaften. Entweder-oder wird zu sowohl-als-auch. Wir schreiben Liebeserklärungen an die Demokratie. Wir lachen über unsere Nostalgie. Probieren Bambina und Milky Way, und beides ist vor allem quietschsüß. Unter freiem Himmel singen wir von Gedanken, die frei sind. Wir finden Utopien für die nächsten 30 Jahre: Der Himmel ist blau. Das Kind fragt, was eine Grenze ist. Einigkeit und Recht und Freiheit. Heimat ist ein Tuwort.

 

Das Ost-West-Schreiben setzen wir fort: Vom 3.-5. Dezember 2021 mit der Ev. Akademie Thüringen in Neudietendorf.

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Nuancen und Pferdefüße

„Guten Morgen, mein Lieber.“ Der Teufel ist erstklassig gekleidet. Weißes Hemd, schwarzer Blazer, während Gott einen gewagten Mustermix trägt. „Ich bin nicht dein Lieber“, widerspricht er. „Nana, wer wird denn so mürrisch sein? Predigst du nicht immer die Liebe? Aber ich verstehe dich. Seit selbst ‚Gutmensch’ zum Schimpfwort geworden ist, schwimmen dir die Felle davon. Du solltest über dein Konzept nachdenken. Es ist einfach zu komplex.“

Seit einigen tausend Jahren treffen die beiden einander regelmäßig. Auf Initiative des Höchsten. Er nennt das „die andere Seite sehen“, was der Teufel insgeheim lächerlich findet. Einseitigkeit liegt ihm mehr, aber da er sich gern präsentiert, lässt er kein Treffen ausfallen. 

Die Zeit des Schwefels und der Pferdefüße ist vorbei. Seriosität ist das Motto des neuen Jahrtausends, seitdem hantiert er nicht mehr mit der Hölle, sondern mit Statistiken. „Und die Quellen?“, fragt Gott. „Die sind doch total zwielichtig. Wenn du sie dir nicht gleich ausgedacht hast!“ Der Teufel sieht ihn mitleidig an. „Als ob die Leute sich für Quellen interessieren. Ich verstehe mich als Dienstleister. Es prasselt heutzutage so viel auf die Leute ein: Klimawandel, Ausländer, neuartige Viren, vegane Leberwurst. Das überfordert viele. Ich vereinfache den Leuten ihr Leben. Ich sortiere vor.“

„Allerdings völlig einseitig!“

„Das ist mein Markenzeichen. Keine Widersprüche. Kein Sowohl als auch. Schwarz oder weiß.“

„Ich habe den Menschen den Regenbogen gegeben“, schwärmt Gott. „Den lieben sie. Gerade wegen der Vielfalt. Die Welt ist nicht eindeutig. Kannst du dir einen Regenbogen in schwarz-weiß vorstellen?“ „Sie lieben deinen Regenbogen auf Postkarten und Facebook-Bildern. Solange er romantisch ist. Metaphorisch hat er ausgedient. Zu viele Nuancen. Das ermüdet und verunsichert nur. So, jetzt muss ich los. Ich bin mal wieder auf eine von diesen Demos als Redner eingeladen. Bis bald, mein Lieber!“ 

Gott rümpft die Nase. Den Schwefelgeruch wird er nicht los, denkt er. Ich muss ihn aushalten. Das gehört wohl zur Ambiguitätstoleranz dazu. Dann bricht auch er auf. „Ich glaube an euch“, flüstert er seinen Menschen ins Ohr. „So einfältig seid ihr nicht. Wer seit Anbeginn der Welt mit Widersprüchen lebt, hat Übung darin.“

 

So geht’s: Ambiguitätstoleranz: Die Fähigkeit, Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen und ertragen zu können und Diskussionen trotz allem wohlwollend fortführen zu können, ohne dabei aggressiv zu reagieren.

 

in: Welt der Frauen www.welt-der-frauen.at (gekürzt)

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In meinem Kopf

 

Die Einfälle sitzen wie Krähen in meinem Kopf und warten. In dem Moment, wo ich nicht mehr nach ihnen schaue, fliegen sie auf, sonderbar und schön. Die besten Einfälle sind die, die mich selbst überraschen. Sie stellen Zusammenhänge zwischen Dingen her, die ich nicht erwarte. Was hat Rost mit Freiheit zu tun? Ein Ohrensessel mit Demokratie? Was haben Himbeeren mit dem Tod zu tun? Wenn ich wüsste, dass ich sterbe, wäre ich traurig. Ich bin noch nicht satt. Meine Vorbilder fürs Leben sind mein Opa, Angela Merkel und Astrid Lindgren. Alle drei haben mit Emanzipation zu tun. Ein größtes Vorbild habe ich nicht. Vielleicht, weil ich Größe misstraue. Als es mal eine Sonnenfinsternis gab, musste ich mich zwingen, nicht in die Sonne zu schauen. Ich tat es trotzdem, ganz kurz. Ich schaue lieber hin als weg. Manchmal ist das nicht so klug. Wahrscheinlich sind 34% aller Dinge, die ich tue, nicht so klug, befriedigen aber meine Neugier. 

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Urlaub

Im August macht Gott Urlaub auf dem Campingplatz Deichblick. Sein Wohnwagen steht ganz hinten bei den Müllcontainern. Es riecht ein bisschen, besonders mittags, wenn das Thermometer hochklettert auf dreißig Grad und die Luft über dem Asphalt flirrt. Die anderen Plätze sind alle vergeben. An Camper, die lange vor Gott da waren.

"Gebucht bis 2034", sagt Manfred aus Wuppertal und Gott staunt. Solange im voraus denkt er gar nicht. "Musste aber", sagt Manfred. "Wenn du 'n Platz inner ersten Reihe willst, sogar noch länger." Er sei keiner für die erste Reihe, sagt Gott. Nie gewesen. Manfred ploppt ein Bier auf und reicht es Gott rüber. "Prost und nichts für ungut, aber so kommste nie auf 'nen grünen Zweig. Ich hab' hinten bei den Toiletten angefangen. Und jetzt? Reihe drei, sogar mit Vorgarten!" Seine Augen glänzen stolz. "Alles nur, weil ich dem Platzwart ständig in den Ohren lag." "Das kenne ich", seufzt Gott.

"Ach", staunt Manfred und rülpst dezent. "Was machste denn beruflich? Biste etwa auch Platzwart?"

"So ähnlich", sagt Gott, und dann erzählt er von seinem Platz. Dass der ziemlich groß sei, Meer- und Bergblick, Sommer- und Winterbetrieb. "Nur, dass die Leute sich selbst aussuchen, wo sie bleiben wollen. Keine Reservierungen. Keine Stammplätze." Er mische sich da nicht ein. Manchmal trinke er ein Bierchen mit und schaue, dass die Geranien Wasser kriegen.

Manfred schielt unter seiner Kappe hervor. "Und das funktioniert?"

Gott wiegt den Kopf. "Mal besser, mal schlechter. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf."

Ein Wohnwagen der Marke "Luxor Privileg" rollt vorbei. Manfred kratzt sich nachdenklich am Bauch. "Bist wohl so'n Optimist?"

Aus seinem Mund klingt das wie eine seltene Tierart. Gott lächelt. "Schon immer gewesen, Manfred, schon immer gewesen. Prost!"

 

Schönen Sommer! Hier geht es weiter Mitte September.

 

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Schreiben. Auf der Wiese

Fliegen stieben ins Gesicht -

ein Gedicht?
So klappt das nicht.

 

Käfer krabbeln

Leute brabbeln

Sonne sticht - 

ein Gedicht?

Ist nicht in Sicht. 

 

Brauche Schatten 

unter Latten-

zaun und Dach - 

das Gedicht?

Das fällt wohl flach.

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Feinste Wahl

 

 

 

 

Die Betonung ändern.     

Die Welt umrunden      

in meinem Zimmer.     

Die Auslage meiner      

Habseligkeiten betrachten,     

etwas entdecken,     

das längst da ist:     

Ein Kamm, ein Buch, ein Kissen,     

dich.     

Feinste Wahl.     

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Ernstfall

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Gehen_Bleiben

Kippe Name, Telefon und Notizbuch aus. Dann ist der Rucksack leer. Ich lasse ihn stehen. „Du musst Wasser mitnehmen“, sagt Olga. 

„Was ich brauche, finde ich unterwegs.“ Ich tue so, als sei ich mir sicher. 

Die Sonne steht schon tief. Man bricht nicht nachmittags auf. Nachmittags kommt man an. Aber ich will nicht länger warten. Wenn ich jetzt nicht gehe, gehe ich nie.

„Warum willst du eigentlich gehen?“, fragt Olga. Ich suche nach Feindseligkeit in ihrer Stimme, doch da ist nichts. Sie hockt auf der Mauer und lackiert ihre Nägel. Sechs Zehen sind schon rot. Olga nimmt immer Rot. Rosé oder Lavendel kommen nicht in Frage. Olga macht keine halben Sachen. Olga würde auch nie weggehen. Sie ist viel zu sehr hier.

Mit ihren Luchsaugen schaut sie mich an. Sie sagt nicht: Bleib. Gehen ist einfacher als bleiben. Hinter jeder Biegung könnte alles anders sein. Ich lebe gern im Könnte. „Das ist alles?“, fragt Olga überrascht. Und dann: „Soll ich deine Zehen auch machen?“

Ich zögere. Lege meine Füße in ihren Schoß. 

Wir wissen beide: Jetzt kann ich nicht mehr gehen. 

Der Pinsel biegt sich bei jedem Strich. Darunter leuchtet es rot. 

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Kindergebet

 

 

Lieber Gott,

 

hast du auch die Mücken lieb

und die Flöhe auf meinem Hund

und den fetten schwarzen Käfer

und den Mann mit dem großen Mund?

Und im Meer die Feuerqualle

Und die Frau, die so komisch riecht

Und die ekelige Schnecke

Und den Dino, den’s nicht mehr gibt?

 

Zeig mir doch, wie man liebt.

 

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Übermorgen

Heidi Klum feiert Erfolge mit einer Du-bist-schön-wie-du-bist-Show. 

Was ist passiert?

Instagram und Facebook stellen mangels Interesse ihre Dienste ein. 

Was ist passiert?

Die Päpstin schafft ihr Amt ab. Was ist passiert?

Gott veröffentlicht seine private Telefonnummer. Was ist passiert?

Das Gefühl, nicht zu genügen, ist nur noch eine ferne Erinnerung. 

Was ist passiert?

Flüge für Distanzen unter 1500 km starten nicht mehr und keinen stört es. Was ist passiert?

Jeder wird von irgendwem geliebt. Was ist passiert?

Der letzte Mensch, der je einen anderen Menschen getötet hat, stirbt geläutert im Alter von 93 Jahren im Kreise seiner Lieben. 

Was ist passiert?

In einem alten Tagebuch lese ich, dass ich ständig gestresst bin. Das Wort habe ich seit 7 Jahren nicht mehr benutzt. Was ist passiert?

In der Kirche treffen sich jeden Abend 237 Leute. Manchmal auch mehr. Was ist passiert?

Ich bin glücklich. Die anderen auch. Was ist passiert?

 

Zusammen das Heute von Übermorgen her denken. Wohnzimmerkirche Futur II am 12. Juni.

 

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Wunder regnen

Die Hoffnung soll immer zuletzt sterben. Egal, ob Flutkatastrophe oder Lottogewinn, Hirntumor oder Liebeskummer. Immer muss sie ausharren bis zum bitteren Ende. Egal, wie hoch die Chancen stehen. Das arme Ding. 

Ich stelle mir vor, dass sie hier und da gern sagen würde: „Leute, es tut mir leid. Nehmt’s mir nicht übel, aber hier kann ich wirklich nichts mehr ausrichten. Lena
 wird Holger nicht küssen, auch in hundert Jahren nicht. Nicht jeder Lahme wird gehen können. Sorry.“ Sie meint das nicht böse, sie traut sich nur, der Realität ins Auge 
zu sehen. Und deren Augenfarbe ist manchmal eben nicht rosa. Sie würde dann gern weitergehen. Weil sie sieht, was nach der Katastrophe kommt. Denn ein „Danach“ gibt es immer. Darin ist die Hoffnung eine Meisterin. Egal, ob Himmel oder Holger, sie ist schon zwei Schritte voraus. Unsereins kann sie da schnell mal aus dem Blick verlieren. Aber das macht nichts. An der nächsten Ecke wartet sie geduldig, bis man wieder aufgeholt hat, und dann führt sie einen in ein Land, das man sich nicht hätte träumen lassen. Die Hoffnung hat ihre Augen überall, am liebsten aber in der Zukunft. Und da gibt es immer irgendetwas Rosiges. Auch, wenn man selber noch schwarzsieht.

 

100 Seiten Hoffnungstexte. Weil man manchmal einfach was Positives braucht.

Mit Beiträgen von vielen anderen und mir: Vielleicht lässt jemand Wunder regnen. Susanne Breit-Keßler, Frank Muchlinsky (Hrsg.), edition chrismon | Deutsche Bibelgesellschaft

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Nix Neues

 

 

 

 

 

 

 

Nein, das ist keine Bio-Maske, sondern ein Holunderbusch.

Wenn man die Nase reinsteckt, sieht die Welt gleich anders aus. Zumindest riecht sie anders: frisch, zitronig, leicht. Das ist mein Tipp gegen Corona-Blues. Das Leben war selten so viel Jetzt wie jetzt. Alle, die noch nie viel von Planung hielten, sind klar im Vorteil. Ich übe das jeden Tag und helfe mir mit einem einfachen Gedankenspiel: Je einladender ich die Gegenwart gestalte, desto mehr Lust hat die Zukunft zu kommen. 

Und sonst? Habe ich mehr am Schreibtisch als im Zug gesessen, zoomen als Verb in meinen Wortschatz aufgenommen, immer (na gut, meistens) das Positive gesehen, die Sprache der Meisen studiert und ein Buch geschrieben. Jetzt ist es fertig. Wenn Ihr schon mal gucken wollt, wie es aussehen wird, klickt hier. Bald, ganz bald gibt es auch wieder neue Engelimbiss-Texte. Wenn ich aus dem Urlaub zurück bin.

Habt es gut!

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Roséwein und Entenküken

„Ein Glück, dass ich dich treffe“, sage ich und Gott nickt etwas zerstreut. „Geht’s dir nicht gut?“, frage ich ängstlich, denn das wäre es ja, wenn man sich jetzt auch noch Sorgen um Gott machen müsste. Deshalb rede ich lieber gleich weiter. „Es reicht, hörst du? Ich finde, dieses Virus sollte jetzt langsam mal aufgeben.“ Gott nickt und seufzt: „Das finde ich auch.“

„Dann tu was“, rufe ich, denn Seufzen hat noch nie geholfen, etwas zu verändern. „Vernichte es, verwandle es, mach, dass es aufhört!“

Er sei kein Seuchenexperte, sagt Gott, dafür gäbe es Fachleute. Die kennen sich gut mit Viren aus, auf die vertraue er.

„Und wenn sie sich irren?“

Das sei natürlich möglich, sagt Gott. Deshalb vertraue er auch auf die Fragen der anderen, dass sie nicht nachlassen, zuzuhören und mitzudenken.

„Vertrauen …“, murmele ich und klinge vermutlich enttäuscht, weil ich mir etwas Handfesteres wünsche.

„Du willst Sicherheit“, sagt Gott, und ich nicke, obwohl ich weiß, dass Sicherheit eine Sackgasse ist. „Deshalb habe ich das alles hier“ – er macht eine raumgreifende Bewegung, „auf Vertrauen aufgebaut. Ich glaube daran. Ich vertraue darauf, dass ihr klug und mutig genug seid, euer Herz und euren Verstand zu nutzen. Ich glaube an eure Widerständigkeit, die habe ich in eure DNA gelegt, an eure Fragen und euren Zweifel. Vergesst die nicht. Ich vertraue auf euren langen Atem, den habe ich in Jahrtausenden mit euch geübt. Ich vertraue auf eure Wachsamkeit. Es reicht, wenn einige wachen und die anderen sich wecken lassen. Wechselt euch ab. Ich vertraue auf eure Phantasie, denn die habt ihr von mir. Im Übrigen vertraue ich auf Butterblumen, Roséwein und Entenküken und finde, dass es ein paar ausgezeichnete Serien gibt.“

„Du überraschst mich immer wieder“, murmele ich wie zu mir selbst, und mir fällt plötzlich auf, wie hell der Himmel an diesem Abend ist.

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Aufstehen

Ich färbe Eier und male in Goldbuchstaben ein A und ein O.

Ich hole grüne Zweige herein, den Teig knete ich für das Osterbrot. Ich habe Öl gekauft, es riecht nach Rosen, das geht unter die Haut. Ich kenne die Gesänge, angestimmt in einer fernen Welt und ohne Ende gesungen. Dies ist die Nacht.

Ich stehe auf und schleiche mich hinaus, bevor die anderen erwachen. Keine Ahnung, was ich erhoffe, aber der Morgen wird da sein, die Vögel werden da sein, und ich – ich werde auch da sein. Vielleicht begegne ich einem in weißen Kleidern, auch wenn das wahrhaft unwahrscheinlich ist. Aber Ostern ist sowieso nichts für Kopfrechner.

 

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Erinner dich: Brot, Wein, zusammen sein

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Ob Ostern wird

Ob Ostern wird, fragst du ängstlich,

und ich sage, natürlich wird Ostern.

 

Aber wer singt die Lieder,

wer bringt das Licht herein?

Wer steht auf, früh vor der Sonne,

wer segnet die Angst,

wer himmelt die Erde?

 

Du, sage ich, und ich.

Und die anderen

an ihren Küchentischen,

zwischen Legosteinen

und beim Melken der Kuh.

Bei der ersten Schicht in der Tankstelle,

nach unruhigem Traum im Krankenbett,

mit müden Augen am Taxistand.

Im Pausenraum morgens um vier,

zwischen Narzissen und Windrosen,

woimmer und überall.

 

Tägliche Texte schreibe ich gerade auf dem Lichtblick-Blog von Chrismon.

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Stubenhocker

Im Wohnzimmer sitzt ein Engel. Er sagt, er sei ein Stubenhocker. Endlich dürfe man das ohne schlechtes Gewissen sein. Kein Pilateskurs, kein Theater-Abo, der Lesezirkel fällt aus, ebenso der Esperanto-Kurs für Fortgeschrittene, es gibt einfach keine Freizeittermine mehr, die man einhalten muss. Er werde, sagt er, jetzt einfach hier sitzen und vielleicht etwas lesen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht werde er auch nur schauen. Draußen sei vor 20 Minuten eine Meise gelandet und habe geprüft, ob der Zweig trägt. Eine Wolke habe sich in ein Schaf verwandelt. Das Gras sei gewachsen, aber, wendet er ein, da müsse man schon sehr genau hinschauen. Er sieht mich erst mitleidig, dann aufmunternd an. Man könne das lernen, fügt er hinzu und fragt, ob ich mich zu ihm setzen wolle. 

Warum nicht, denke ich. Von einem Engel kann man bestimmt was lernen.

 

Übrigens: Ab morgen schreibe ich für Chrismon täglich einen "Lichtblick". Schaut vorbei!

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Always look on the bright side...

Was mir gerade gut tut:

 

Dinge ordnen. Küchenschrank. Wäsche. Bücher. 

Der Luxus, einfach jeden Tag mit einem Brötchen zu frühstücken. Um 11 Uhr. 

Blumen einpflanzen.

Ungelesene Bücher lesen.

Ausgiebiger an einem Text feilen als sonst.

Die plötzliche Ruhe genießen.

Der Stimme widerstehen, die raunt: Du darfst jetzt nicht genießen. 

Auch dem Aktivismus widerstehen, das ganze offline Leben online stattfinden lassen zu wollen.

Bärlauchpesto machen. 

Bärlauchpesto essen.

Atmen üben.

 

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Haus der Träume

Jakob kann nicht schlafen. Weil die Gedanken in seinem Kopf Hip-Hop tanzen und weil ihm der nächste Tag bevorsteht und ein Date, vor dem er Angst hat. Er steht auf und geht hinaus in die Nacht; ich stelle mir vor, wie er dasteht und in die Sterne guckt, sich eine Zigarette ansteckt und die Füße schneller kalt werden als der Rest.

Da wirft ihn etwas um. Ein Unbekannter reißt ihn zu Boden. Sie ringen miteinander, ich sehe sie kämpfen, keiner gewinnt, denn ums Gewinnen geht es nicht. Ich höre das Keuchen ihres Atems, keiner lässt los, keiner sagt: Lass uns reden. Die beiden ringen miteinander, bis das Morgenrot die Geister der Nacht vertreibt. Der Unbekannte versucht, sich loszureißen. „Ich lasse dich nicht gehen“, ruft Jakob, „gib mir erst deinen Segen.“ Er bekommt ihn, weil er darum gekämpft hat.

Die Geschichte ist uralt und sie ist meine Geschichte.

Ich will Jakob sein, der Gott den Segen abringt. Kein Ringelpiez, kein frommes Gerede, niemand sagt „zauberschön“. Aber es ist echt.

Jakob sagt, Gott sei manchmal zum Greifen nah.

Wohl eher handgreiflich, sage ich.

Das sei die andere Seite, sagt er. Wenn du nicht in einer Wattewelt leben willst. Kann sein, dass er dich umhaut.

 

                                                                                                                                 Weiterhören oder lesen: Haus der Träume im Deutschlandfunk

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Für Ferhat, Gökhan, Hamza, Said Nessar, Mercedes, Sedat, Kalojan, Fatih, Vili, Gabriele

 

 

 

eine Kerze brennt

etwas vergolden

während der Regen

gleichmäßig ans Fenster klopft

hass hat

nicht das letzte Wort

 

 

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Herrschaft

 

 

 

Heute Morgen zeigt der Himmel in Blau, dass es ihn noch gibt.

In einer Parallelwelt erklärt ein Papst, dass es Frauen schaden könne,

wenn sie Priesterinnen werden. Es muss sich um einen zweifelhaften 

Beruf handeln.  Auf Facebook feiert eine Pastorin ihr 42-jähriges Dienstjubiläum.

Sie sieht glücklich aus im Talar. Ihr Lippenstift passt zu ihrem Lachen.

Ich wende mich anderen Dingen zu und lese einen Text, in dem Adjektive

die Herrschaft übernehmen. Sie sind gerissen, weil sie vorgeben, freundlich zu sein.

Aber auch mit Freundlichkeit kann man Subjekte ersticken.

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Januarmorgen

Das Jahr ist nicht mehr ganz frisch. Es hat schon Moos angesetzt, kein Wunder bei dem ganzen Regen, der doch eigentlich Schnee sein sollte. Aber er richtet sich nicht nach mir, vielleicht fühlt er sich flüssig ganz wohl. Im neuen Jahr soll man sich verändern, überall Aufbruch, mir wird schwindelig davon. Ich finde, der Januar ist ein Monat, in dem man erstmal atmen kann. Bevor man losstürmt, wer weiß wohin. Ausatmen. Die Kaffeetasse sehen. Einatmen. Die Kontoauszüge taxieren. Einatmen. Einen Schluck Kaffee trinken. Ausatmen. Die leeren Stifte wegwerfen. Einatmen. Die E-Mails erst in zwei Stunden lesen. Ausatmen. An Harry, Meghan, den Sommerurlaub, das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, Wandfarbe, an nichts und alles denken. Einatmen. Nicht behaupten, dass das eine Meditationsübung sei. Ich schmiege mich in die Halskuhle des Januars und denke, wie weich doch Moos ist.

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Als der Weihnachtsmann auf dem Weg nach Hause ist

Als der Weihnachtsmann auf dem Weg nach Hause ist, trifft er die drei Fremden. Sie halten Pakete in den Händen. „Bisschen spät, Kollegen. Ich hab’ alles abgeliefert: Iphones, Krawatten, Legosteine. Ich sag’ euch: Mir reicht’s! Was habt ihr dabei?“ 

„Gold, Weihrauch und Myrrhe.“ 

Der Weihnachtsmann zieht eine Augenbraue hoch. „Das ist doch nicht euer Ernst! Gold, ja, das geht immer. Aber das andere Zeugs? Was soll man damit anfangen?!

Die drei Fremden lächeln. „Gold ist das Wertvollste, was wir haben“, sagt der erste.

„Weihrauch ist für das, was uns heilig ist“, ergänzt der Zweite. „Und Myrrhe heilt, wenn einer Schmerzen hat“, schließt der dritte. Der Weihnachtsmann seufzt. „Das könnte ich auch brauchen! Für meine Schultern. Dieser schwere Sack! Und innendrinn – wisst ihr, wie es bei mir innen drin aussieht? Daran denkt keiner! Für mich interessiert sich niemand. Alle wollen immer nur haben, haben, haben! Heimlich lachen sie über meinen Bart und dass ich so altmodisch bin. Manchmal glaube ich selber nicht mehr an mich!“ Die Fremden nicken verständnisvoll. „Wir glauben an dich“, sagen sie. „Komm doch mit uns!“ Der Weihnachtsmann guckt die drei traurig an. „Aber ich habe keine Geschenke mehr. Kein einziges!“ „Das macht nichts“, sagt der erste. „Es reicht, dass du da bist“, sagt der zweite. „Vielleicht beschenkt dich das Kind, das wir suchen“, sagt der dritte.

„Was kann so ein Kind denn schon zu geben haben?“ „Finde es heraus.“ Und so sind sie plötzlich zu viert und folgen dem Stern.

Viele schließen sich ihnen an.

 

 

Helle Tage, frohe Nächte und auf Wiedersehen im nächsten Jahr!

 

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Freunde

Die Eichhörnchen, meine Freunde

legen Nüsse in die Krippe

draußen der Schnee

warmer Atem

malt Wölkchen in den Stall

eine Nachtigall ist geblieben

sie singt

gegen die Kälte

in den Straßenschluchten der großen, 

weiten Welt

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Unterwegs

„Woher kommt ihr, wohin wollt ihr?“, fragt man uns.

„Wir haben den Stern gesehen. Er zeigt uns etwas, das ist größer als alles.“

„Was kann schon größer als alles sein?“

„Die Sehnsucht“, sagen wir. 

„Die Sehnsucht kann man nicht greifen.”

Wir widersprechen:

„Die Sehnsucht ist ein Kind, das beschützt werden will.

Die Sehnsucht ist nackt und sie schämt sich nicht.

Die Sehnsucht wartet, wo wir nichts erwarten.“

Draußen wartet die Nacht. 

Der Stern führt uns in die Weite. 

Hinaus aus der Stadt, auf die Felder. Der Weg verschwindet im Gras. 

Erschöpft lassen wir uns nieder.

Einer sammelt Holz.

Eine entzündet das Feuer.

Einer bläst in die Glut.

Wir schweigen lange. 

„Die Sehnsucht ist ein Kind, das beschützt werden will“, wiederholst du.

„Und wenn wir sie finden? Was sind wir bereit zu geben?“

Wir breiten unsere Gaben aus:

Weihrauch, weil die Sehnsucht das Heiligste ist, was wir haben.

Myrrhe, weil Sehnsucht manchmal schmerzhaft ist.

Gold, weil die Sehnsucht das Wertvollste ist.

Wir schauen ins Feuer.

Wir schweigen uns zusammen, bis wir einschlafen,

Schulter an Schulter.

 

Die Könige in der "Wohnzimmerkirche"

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Wild und frei

Wir sitzen im Boot und der Wind zaust die Bäume. Der Himmel ist so blau. In diesem Moment bist du da. Ich könnte dich niemandem erklären, wollte es auch gar nicht. Ich habe keinen Namen für dich und erst recht kein Bild. Manchmal tauchst du mit einer Wucht in meine Gegenwart, die mich wanken lässt. Ich halte das Paddel still und mein Gesicht in deine Richtung. Das Wasser schwappt gegen den Bug und wir wippen zusammen auf den Wellen. Ich höre das Glucksen, sonst nichts. 

Wir reden nicht, ohnehin reden wir selten. Worte sind zwischen uns eher eine Krücke. Ich brauche sie, wenn es mir schlecht geht. Dann rufe ich dich, dann sage ich „lieber Gott“, in Ermangelung einer anderen, einer besseren Anrede. Aber vielleicht ist sie auch gar nicht schlecht, sie drückt Nähe aus und etwas Zärtliches. Anders kann ich dich nicht denken, weil ich dich anders nicht erlebe. Wenn du fern bist, sehne ich mich nach dieser Nähe. 

Ich habe Gebete gelernt. Liebergottmachmichfrommdassichindenhimmelkomm war mein erstes. Es fühlt sich nach Daunenbett an und riecht ein wenig nach Mottenkugeln. Damals holte Oma dich dazu, wenn sie kam und mir Gute Nacht sagte. Ich hatte keine Ahnung, wer du bist, aber Oma schien es zu wissen und das reichte. Sie holte dich, damit ich besser schlafen konnte und vielleicht auch, damit der Marder mir weniger Angst machte. Ich lernte dich also im Bett kennen. Kann sein, dass das unsere Beziehung prägt. 

Später lernte ich mein erstes Erwachsenengebet. Vaterunser murmelten alle zusammen, das klang ernst, und wenn es gut lief, auch feierlich. Alle konnten es, nur ich musste es erst lernen. Ich fühlte mich wie eine Nachzüglerin, als hätte ich die ersten Jahre geschwänzt, hätte zuviel in den Wiesen gespielt, Frösche gejagt und Blaubeeren gepflückt, während die anderen in der Kirche saßen. Ich hörte, dass dieses Gebet wichtig sei, weil es alle schon immer beten. Alle sind eine ziemlich große Menge, dagegen kann man nicht an. Also murmelte ich mit. Am besten gefiel mir die Zeile von der Kraft und der Herrlichkeit in Ewigkeit; nicht, weil es die letzte war, sondern, weil sie wie ein Zauber klang. Wie eine Beschwörungsformel, der ich mich auch heute nicht entziehen kann und du dich ja vielleicht auch nicht. Ich lasse mich gern von dir verzaubern. 

Dann kamen die anderen, die sogenannten freien Gebete. Sie haben keinen Reim und keinen Rhythmus, man sagt einfach, was einem gerade einfällt. Meistens sind es Dinge, die du tun sollst. Vorher bedankt man sich für irgendetwas, ich nehme an, es handelt sich dabei um einen Akt der Höflichkeit. Sie werden laut gesprochen, andere hören, was ich dir sage, das war mir immer schon ein bisschen peinlich (und dass es mir peinlich ist, ist mir auch peinlich.) Vielleicht geht es dir ähnlich. Jedenfalls traf ich dich bei diesen Gebeten nur selten, meistens wartetest du draußen. Ob du nicht reinkommen willst, habe ich gefragt, aber du hast nur den Kopf geschüttelt und mir ein paar Kirschen entgegengehalten. Weil du mich kennst. Weil du weißt, dass ich lieber mit dir Kirschen esse, als die Worte da drinnen zu schlucken, die immer ein bisschen nach Gebrauchsanleitung klingen. Tu dies, tu das, denk an jenes. Sie flirten nicht, sie verhandeln, aber das vertraue ich nur dir an, weil ich ahne, dass nicht jeder versteht, was ich meine. 

Dass du mich verstehst, daran glaube ich. Weil wir zusammen durch die Felder gestreift sind. Haben Ähren gerauft und uns Weizenkörner auf die Zunge gelegt und Worte, an denen wir uns nicht die Zähne ausgebissen haben. Wir haben zusammen an Papas Grab gestanden, ich glaube, du hast geweint. In der Nacht haben wir mit den anderen zur Gitarre gesungen, der Mond schien, und ich dachte, wie schön du singst. Wir haben getanzt bis in den Morgen, Schweiß glänzte auf unserer Haut. Zusammen haben wir Weihrauch gerochen und Leuchtalgen durch die Hände gleiten lassen. Wir haben unterm Nordlicht gestanden, Träumende gesehen und nicht aufgehört zu staunen.

Du bist wild und zärtlich und unendlich frei. Damit lockst du mich. Du holst mich hinaus ins Weite. Meine Sprache endet bei dir. Du bist nicht Vater und nicht Mutter für mich. Du bist kein „Er“, du bist nicht „Sie“ und schon gar nicht bist du „Es“. Du bist jenseits aller Definitionen. Du bist. Unsere Schultern berühren sich manchmal, dann lehne ich mich hin zu dir und bewege mich nicht, solange der Moment dauert. Ich liebe ihn. Ich will ihn festhalten. Ich will dich festhalten, will mein Zelt aufschlagen für uns, will aus dem jetzt ein ewig machen. Ich musste lernen, dass du dich nicht festhalten lässt. Darin bist du eindeutig. Ich habe dich nicht in der Hand. Aber du kommst wieder. Darauf vertraue ich, ich vertraue darauf, dass wir zueinander gehören, ohne uns ständig unseres Daseins versichern zu müssen.

Manchmal rufe ich dich. Flüstere in der Nacht mit lautloser Stimme deinen Namen. Sage dir ein paar Sätze, Geheimnisse oft. Du bist der einzige, dem ich sie alle anvertraue. Meistens schlafe ich darüber ein und dann bis ich doch wieder im Daunenbett. Ich schlafe gern in deiner Gegenwart.

Wie andere mit dir reden, weiß ich nicht. Wahrscheinlich treffen sie dich an anderen Orten, in Kirchen oder Hörsälen, an Tankstellen oder Krankenbetten, beim Stricken oder Bingospielen. Ich weiß, dass du auch da bist, wo ich nicht bin. Dass du an Orten bist, die mir fremd sind. Wo du mir fremd bist. Das ist gut so. 

Ich könnte mich sonst zu sehr an dich gewöhnen.

 

in: Andere Zeiten 3/2019, Buß- und Bettag

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Mauern stürzen

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, einander zu lieben.

Weil Liebe kein Gefühl ist, sondern eine Fähigkeit.

Weil Liebe süßer ist als Milch und Honig.

 

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, zu hoffen.

Weil Hoffnung keine Garantieleistung ist, sondern eine Verheißung.

Vielleicht wird es ganz anders als wir denken.

Vielleicht werden wir ganz anders als wir denken.

 

Der Himmel ist hier.


Wenn wir ihn hier nicht finden, finden wir ihn nirgendwo.


Ich glaube daran, dass wir träumen können.

Weil ein Traum immer der Anfang ist.


Lasst uns zusammen träumen von uns


Die wir sind


Und die wir sein werden


 

Wir sind ein Volk. 

Der Himmel ist: hier 

 

Wohnzimmerkirche am 8. November "Wenn Träume Mauern stürzen". 

 

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Mio sieht was

 

Mio kann Angst sehen. Angst ist orange, ein grelles, beißendes Orange. Mio sieht, wie Schnecken lachen. Er sieht auch, wie sein Kaktus auf der Fensterbank wächst. In einer Nacht im Oktober sieht Mio Gott, vielleicht träumt er auch, da ist er nicht ganz sicher. 

„Das macht keinen Unterschied“, sagt Gott, der einen Hut trägt und das wundert Mio, weil er sich Gott ganz anders vorgestellt hat.

„Das meiste, was man sich vorstellt, ist am Ende ganz anders“, gibt Gott zu bedenken und Mio findet, dass das auch wieder wahr ist. 

„Was willst du?“, fragt Mio.

„Dich“, sagt Gott.

Da ist Mio erstmal sprachlos, weil ihm das so direkt noch keiner gesagt hat. Sein Chef nicht, Merle nicht, nicht mal seine Mutter. Meistens ist es kompliziert, weil es meistens ein Aber gibt. 

„Ich habe dich ausgesucht“, sagt Gott.

„Wann?“, fragt Mio, weil er nichts davon bemerkt hat.

„Schon lange. Schon immer. Schon länger als immer.“

Jetzt würde Mio gern wissen, wofür Gott ihn ausgesucht hat. Aber er scheut sich, zu fragen. Wer weiß, was dann kommt. Wer weiß, ob er das will.

Dann fragt er doch. „Wofür?“

„Du sollst die Welt retten.“

Mio reißt die Augen auf. „Geht’s nicht eine Nummer kleiner?“

„Nein“, sagt Gott. „Bedaure.“

Mio sieht, dass er es ernst meint. Trotz des Hutes.

„Das kann ich nicht!“, ruft Mio. „Wer sollte denn auf mich hören? Ich bin zu jung. Sogar Merle sagt, ich bin sonderbar. Ich kann nicht reden. Jedenfalls verhaspele ich mich an den wichtigen Stellen. Ich habe keine Ahnung, wie man eine Krawatte bindet. Hast du mal geguckt, wie es aussieht da draußen? Die Trumpserdogansvaterlandsverteidigerdieplatzhirschediemeinmöchtegernpanzerdieichzuerst-dielügenpresseerfinderdiehauptsachekohlemacherdie– hast du die gesehen?“

„Darum ja", sagt Gott. "Einer muss ihnen sagen, dass es so nicht geht.“

„Aber nicht ich!“

„Doch!“

„Nein!“

Das Schweigen, das jetzt folgt, ist ein bisschen unangenehm. Die Luft ist orange.

„Hab keine Angst“, sagt Gott. „Ich bin ja bei dir.“

Mio atmet drei Mal ein und wieder aus. Dann atmet er ein viertes Mal. 

„Was siehst du?“, fragt Gott.

„Ich sehe die Nacht, den Schatten der Lampe, ich sehe deinen sonderbaren Hut, ich sehe eine leere Flasche Bier, den Kaktus und dass ich morgen sehr müde sein werde.“

„Sieh darüber hinaus. Was siehst du?“

Mio schluckt. „Ich sehe eine Welt, die tobt. Ich sehe ein Fass, das überläuft. Ich sehe einen brodelnden Kessel. Ich sehe Risse in der Fassade. Ich sehe Zeit, die abläuft. Ihre Füße sind wund. Ich sehe eine Axt im Wald. Ich sehe Menschen, die aufs Kreuz gelegt werden. Ich sehe Asche auf den Häuptern.“

„Ja“, sagt Gott. „Was siehst du noch?“

„Ich sehe einen Zweig, der blüht. Ich sehe Menschen, die tropfenweise das Feuer löschen. Ich sehe Liebende, die sich an einen Strohhalm festhalten. Ich sehe, wie einer eine Lanze bricht. Ich sehe einen Knoten, der sich löst. Ich sehe, Karten, die offen liegen. Ich sehe eine Schwalbe, sie bringt den Sommer. Sie bringt Freiheit. Sie bringt Alletagefrieden. Sie bringt Glück. Es nistet sich ein, überall, wo jemand das Herz öffnet.“

„Ja“, sagt Gott. „Erzähl davon. Vertrau dem, was du siehst.“

„Aber…“, sagt Mio.

Da berührt Gott Mios Lippen, das fühlt sich an wie ein Kuss und Gott legt Worte in Mios Mund, alle Worte, die man braucht. 

Ein Aber ist nicht dabei.

 

(Steht so oder so ähnlich bei Jeremia 1.)

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Was ich gern höre

Stille

die Nationalhymne nachts im Deutschlandfunk

die Europahymne, anschließend

Ich liebe dich

Ungesagtes

die Worte zwischen den Zeilen

meinen Namen

Kirchenglocken

den Ruf des Muezzin, wenn die Nacht weicht

das Gurgeln eines Baches

das Ping einer WhatsApp

Cellomusik

den Eröffnungstango der Nordischen Filmtage

das Knistern alter Schallplatten

Nebelhörner

 

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Hallo Eva,

du bist die Mutter der Neugier. Du willst Erkenntnis. Manche nennen das Sünde.

Ich glaube, sie nehmen dir übel, dass du sie aus ihrem kleinen Paradies vertrieben hast, in dem alles zusammenpasst und es keine Zwischentöne gibt. Zwischentöne sind ihnen unheimlich. Wie, wenn man es nachts im Wald knacken und wispern hört und nicht weiß, ob das Tier, das da ruft, gefährlich ist. 

Schlangen können gefährlich sein. Ich bin bisher nur auf Ringelnattern und Blindschleichen getroffen. Die tun nichts. 

Im Paradies gab es gefährlichere Schlangen. Eigenartig oder?

Ich nehme dir nichts übel. Bei mir brauchst du dich nicht zu entschuldigen. Ich glaube auch nicht, dass du naiv warst. Oder leicht verführbar. Womöglich hattest du einfach ein großes Grundvertrauen. Du hast den Worten der Schlange geglaubt, ihren Argumenten, mit denen sie ja gar nicht falsch lag. Deine Neugier eröffnete einen neuen Horizont, der weiter ist als ein Kindheitsparadies. Du gabst die Sicherheit eines begrenzten Raums zugunsten der Freiheit auf. Ich hätte es genauso gemacht. 

Ich weiß nicht, wie es sich im Paradies lebt, aber auf der Erde gefällt es mir gut. Ich trage deine Kleider auf, jene, die Gott euch damals gab, weil das Leben hier draußen manchmal ruppig und kalt sein kann. Sie halten immer noch warm. 

Mit deinem Wunsch nach Erkenntnis hast du eine Bewegung ausgelöst. So viele Menschen folgen dir. Sie stellen Fragen und suchen Antworten. Sie versuchen, Gut und Böse zu scheiden. Sie bauen hier auf der Erde am Himmel nach den Plänen deiner Erinnerung. Ich gehöre dazu.

Du hattest Mut, Gott kurz den Rücken zu kehren. Ich glaube, du wusstest, er wird nicht verschwinden, wenn du woanders hinguckst. Wenn du die Welt entdeckst. Gott ist gut darin, Rücken zu stärken. 

 

Viele Grüße von unterwegs, deine S.

 

(aus: Was machen Tagträumer nachts?)

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Wieder anfangen

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Lebenszeichen

Spiel

Die Erde ist rund, weil man mit runden Dingen besser jonglieren kann. Ich glaube, Gott ist ein Jongleur, ein ziemlich guter noch dazu. 

Ich habe es auch schon probiert und übe noch. Mir gefällt der Gedanke, niemanden fallen zu lassen. 

 

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Draußen

 

Ich mit dir 

In einem Boot

 

Du zaust die Bäume

Schickst Adler los

Und waghalsige Träume

 

Wir schlafen Haut an Haut

Nur eine Zeltwandweit getrennt

 

Ich werfe meine Netze aus

Angle nach dem Unerreichbaren

Mit Geduld

 

Du lehrst mich barfuß zu vertrauen

Mein Herz ist eine begierige Schülerin

 

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Fragen des Tages

1. Fühlt sich das Glück bei dir wohl?

2. Was hält dich wach?
3. Ist die Inspiration eine Diva?

4. Was hilft?

5. Was verschenkst du?

6. Wann ist das Bekenntnis zu Schwäche eine Ausrede?

7. Könnte Schlaf eine Lösung sein?

8. Willst du das wirklich oder freust du dich nur, gefragt zu werden?

9. Wie schnell muss dein Herz klopfen, damit du dich einlässt? 

 

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Himmelfahrt für alle Tage

Der Himmel ist anders als du denkst.

Der Himmel ist ein Feld, das darauf wartet, bestellt zu werden.

Der Himmel ist eine Wolldecke. Keiner kriegt kalte Füße.

Der Himmel ist ein Augenblick. Nur die Wachen sehen ihn. 

Der Himmel ist ein Apfelkuchen. Jeder gibt ein Stück.

Der Himmel ist ein Sack voll Lose, und jedes ist der Hauptgewinn. 

Der Himmel ist ein Hase, den der Schuss des Jägers nicht erwischt.

Der Himmel ist ein Kopfstand. Nur die Mutigen wagen ihn. 

Der Himmel ist ein Gegenüber, das zum Miteinander wird. 

Der Himmel ist ein Gedicht, und du bist der Reim.

Der Himmel ist ein Engel, der an den Himmel erinnert.

Der Himmel ist die Möglichkeit: Nach oben offen.

 

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Liebes Europa,

 

wenn ich dir schreibe, dann schreibe ich 500 Millionen Menschen. Das ist nicht so leicht, weil ich nicht alle dieser Menschen kenne, nicht mal auf einen Kaffee. Ehrlich gesagt, glaube ich auch, ich würde nicht alle mögen. Wahrscheinlich würde es bei so einem Kaffeetrinken ziemlich schnell Streit geben. Spätestens, wenn wir bei der Politik ankommen, würde es laut. Das kenne ich schon von den Weihnachtsfeiern meiner Kindheit. Und da saßen gerade mal zwei Dutzend Menschen an einem Tisch. Trotzdem haben wir uns jedes Mal wiedergetroffen. Verrückt, nicht?

 

Was auch verrückt ist: Ich finde dich wunderbar. Den finnischen Eigenbrötler oben in Karelien, die französische Bäckerin, mit der ich nur radebrechen kann, auch die Zyprioten, von denen ich noch nie einen getroffen habe, möchte ich nicht missen. Sind halt wie entfernte Cousinen, die kennt man auch nicht alle. Und weißt du, was das erstaunliche ist? Trotz aller Unterschiede raufen wir uns, so lange ich lebe, immer wieder zusammen. Das macht Familie aus. Man muss nicht jeden liebhaben. Aber nur, weil man einen nicht mag, das ganze aufs Spiel setzen?

 

Liebes Europa, manchmal bist du wie eine pingelige Tante. Dann nervst du mit deinen Vorschriften und Bestimmungen. Aber im Herzen bist du eine Romantikerin. Das sieht man schon an deinen verspielten Sternchen. Du bringst Kanelbullar und belgische Pommes auf den Tisch, griechischen Joghurt, Dresdner Eierschecke und polnische Piroggen. Genug für alle, das Teilen üben wir noch. 

Ich bin auch Romantikerin. Das ist nicht das Schlechteste: Wenn Liebe im Spiel ist, ist man eher bereit, zu ringen. Nicht aufzugeben, nur weil es mal nicht so gut läuft.

 

Und deshalb, liebes Europa, halt durch. Ich bin auf deiner Seite.

 

Deine Susanne

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Theologie der verständlichen Worte

 

 

Ich liebe dich.

 

 

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(Keine) Randnotiz

Wir fahren über die Grenze, die keine Grenze mehr ist. Die Bäume gleichen sich, aber im Hotel gibt es Schokostreusel zum Frühstück. 

Abends löffeln wir unsere Suppe; 16 Deutsche an einem Tisch, an den Nachbartischen Niederländer. Alle legen um Punkt acht ihr Besteck zur Seite und schlucken: Stille im ganzen Land. Zwei Minuten Gedenken der niederländischen Opfer im Krieg. 

Was für eine Gnade, denke ich, dass wir das zusammen tun können. Opa hat das Land besetzt, und ich bekomme Tomatensuppe.

Das ist Frieden. Wie dankbar ich dafür bin.

 

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Aufstand

                        Als Klappkarte auf editionahoi

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Vor Ostern

In diesen Nächten

rufst du mich hinaus

In diesen Nächten

schläft die Eule

und der Dämon ruht

In diesen Nächten

wehen die jungen

Buchenblätter

und die Luft schmeckt

nach Werden

 

 

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Scheiter heiter!

Sterben kann jeder. Es ist nichts Besonderes, da nützt auch kein Mahagonisarg, kein Staatsbegräbnis, kein weises letztes Wort. Der Tod ist ein Totalversagen. Und ein Gott, der stirbt – naja. Jedenfalls ist er kein Held.

Ich bin auch keine Heldin.

In der vierten Klasse sollten wir unser Lieblingsbuch mitbringen. Stolz legte ich einen Band Donald Duck auf den Tisch. Ob ich denn nichts anderes lese, fragte meine Lehrerin säuerlich. Doch, stammelte ich, was eine glatte Lüge war. Anderes begann ich erst später zu lesen. Donald, Dagobert, Tick, Trick und Track blieb ich trotzdem treu. (...)

Donald ist mein Held, eben weil er kein Held bist. Er ist die menschlichste aller Enten. In ihm finde ich mich wieder, irgendwo zwischen Kleinmut und Größenwahn. Seine Übertreibungen lehren mich Selbstironie. Ständig stolpert Donald über seine kurzen Beine und seine eigenen Ideale. Er ist cholerisch, lächerlich, gewöhnlich. Keine seiner Fähigkeiten ist besonders ausgeprägt. Donald weiß, was Sinnkrisen sind. Er weiß, wie es ist, „ein Niemand, der allernichtigste Niemand in ganz Entenhausen“ zu sein. Ach Donald, du wirst es nie zu etwas Großem bringen. Dennoch lässt du dich nicht unterkriegen: „Heut morgen ist mir die Zunge in den Rührfix gekommen, gestern Abend ist mir das Seifenpulver in die Rühreier gefallen und vorgestern ... na ja!“

Trotzdem gibt er nicht auf. Donald ist ein Stehaufmännchen.

Jesus auch.

Die Verehrung eines Gekreuzigten hat dem Christentum viel Spott eingebracht. Die erste bildliche Darstellung ist ein römisches Graffito aus dem 2. Jahrhundert. Es stellt einen gekreuzigten Esel dar, versehen mit der Unterschrift: „Alexamenos betet seinen Gott an“. Götter hatten glorreich zu sein. Helden eben. Und nun tauchte einer auf, der durch die schändlichste aller Todesstrafen starb. Nur Nichtrömer und Sklaven durften gekreuzigt werden. Warum sollte man an so einen Gott glauben? Warum sollte man einem Gott vertrauen, der in seiner Mission scheitert? Der jämmerlich und hilflos ausgeliefert ist? Ein Gott, der aufs Kreuz gelegt wird?

Im Laufe der Jahrhunderte haben viele Künstler versucht, die Sache geradezubiegen. Sie haben Jesus am Kreuz einen schönen Körper gegeben. Manchmal hat er ein Sixpack, Bauchmuskeln von denen andere träumen. Aber auch, wenn sein Körper ausgemergelt ist, bleibt er ästhetisch. Scheitern ist okay, solange es nicht zu unappetitlich aussieht. Wer will sich schon Sonntag für Sonntag einen Verlierer anschauen? Das wäre eine Zumutung.

Ich glaube, genau das ist es auch. Ein jämmerlicher Gott ist eine Zumutung, weil er in Abgründe zieht. Er zeigt, was Menschsein heißt. Wir sind keine Helden. Wir sind Scheiternde, mal verschuldet und mal unverschuldet. Mal alltäglich und mal existenziell. Mal brennen die Bratkartoffeln an und mal geht eine Beziehung in die Brüche. Immer bleibt Gott an unserer Seite...

 

gesendet in: Deutschlandfunk, Am Sonntagmorgen. Den ganzen Text zum Hören oder Lesen gibt es hier.

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Liebe Höflichkeit,

 

Sei ehrlich: Ehrlichkeit ist nicht deine Stärke. Du willst nicht authentisch sein. Über dein „wahres Ich“ denkst du nicht nach. Du nimmst dir nicht die Freiheit, jemanden zu mögen oder nicht zu mögen und ob dir eine Begegnung etwas bringt, ist keine Frage für dich. Du bist selbstlos. Im wahrsten Sinn des Wortes. Du berechnest nicht und rechnest dich nicht. Du dienst. Ziemlich altmodisch. Wahrscheinlich wurde dir schon oft geraten, mehr auf dich zu achten. Gefühle zu zeigen. Jemanden abzuweisen. Aber das tust du nicht. Du behandelst alle gleich. Du wünscht jedem einen Guten Morgen und sagst „angenehm“ auch dann, wenn dir der vorgestellte Herr Kunzelmann gar nicht angenehm erscheint. 

Das liebe ich an dir. Deinen Großmut. Du baust ein Gerüst, das stabil bleibt, auch wenn Sympathie und Frieden, Geduld und Verständnis wanken. Du erinnerst daran, dass jeder ein Mensch ist. Und darin, vielleicht nur darin, sind alle gleich. Du hältst auch einem Betrüger die Tür auf. Einem Heiratsschwindler wünschst du Gesundheit und selbst deine Antwort auf den übelsten Hetzbrief beginnst du mit „Sehr geehrte“. Du hältst Maß, wo ich mich nicht mehr mäßigen kann. Du gibst meinen Inhalten eine Form. Dabei redest du mir meinen Zorn nicht aus. Du leihst ihm nur deinen Mantel. 

Ich ahne, dass du manchmal aufgeben willst. Dass du dich fremd und unerwünscht fühlst. Dass du dich in schlaflosen Nächten fragst, ob jene nicht doch Recht haben, die behaupten, du seist überflüssig, ein Relikt vergangener Zeit. Lass dir das nicht einreden. Ich glaube an dich. Wir brauchen dich, wenn wir uns nicht zerfleischen wollen.

Halt durch!

 

Deine S.

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Vor dem Aufbruch

 

 

Auf dem Rollfeld warten Schmetterlinge. Das Licht ist sehr hell, wie auf einem Polaroid, das einem gewöhnlichen Ort etwas Unwirkliches gibt. Wind kommt auf. Er treibt Staub vor sich her. Die Flügel der Schmetterlinge zittern. Die Stille rauscht in meinem Ohr. Wenn das ein Traum wäre, würde jetzt etwas geschehen, ein Dinosaurier würde auftauchen oder ein Popcornverkäufer oder die Passagiere würden an Gate 6 gebeten. Daran, das nichts passiert, merke ich: dies ist kein Traum. Die Schmetterlinge warten. Ich warte. Wenn sie aufflögen, denke ich, würde der Himmel eine Blumenwiese. Dann würde ich aufbrechen. Ich versuche, nicht zu blinzeln, um den Augenblick nicht zu verpassen.

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Bedienungsanleitung

Manchmal wäre eine Bedienungsanleitung für Menschen hilfreich. Wie tickt eine? Welche Schwachstellen hat er, wo ist Vorsicht geboten? Ivar Kroghrud hat genau das gemacht. Er ist einer der erfolgreichsten Gründer und IT-Unternehmer Norwegens und hat eine Bedienungsanleitung für sich selbst geschrieben. Super Idee, finde ich. 

 

Bedienungsanleitung für MICH

 

Morgens ab 6 Uhr betriebsbereit, bei ausreichendem Schlaf auch früher.

Ab 22.30 Uhr in den Ruhemodus fahren, in Ausnahmefällen ist eine längere Betriebsdauer möglich.

Bitte vor Lärm und großer Hitze schützen, Feuchtigkeit fügt keinen Schaden zu (Regenschutz ist vorhanden).

Kann standardmäßig reden, schreiben, Kürbiscurry kochen und ein Zelt aufbauen. Selbstlernend, Erweiterung der Fähigkeiten möglich. 

Nicht kompatibel mit Großmäulern und Duckmäusern. 

Bei Störungen gern nach Ursachen fragen.

Gutes Zureden kann hilfreich sein.

Regelmäßige Gaben von Pfefferminzschokolade erhöhen die Zufriedenheit.

Grundeinstellung: Zuversicht.

Bei plötzlich auftretender Antriebslosigkeit bitte einschicken an: Nordseeinsel Spiekeroog, Düne 3.

 

in: Wandeln. Mein Fastenwegweiser 2019, Andere Zeiten

 

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Momentaufnahme

 

 

 

 

 

 

 

 

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                                   Schreibwerkstatt mit Elfchen

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Ahoi! Alaaf! Helau!

Füße hoch!

Wisst ihr, was Luxus ist? Vergesst teure Autos und Schnürsenkel aus Schlangenleder. Ob das Schnitzel in Blattgold gewickelt ist, ist mir schnuppe. Ich brauche kein Privatjet, weil ich sowieso nicht gern fliege. Verliebt sein kann man genauso gut im Bus und bei Liebeskummer hilft auch keine Limousine. 5-Sterne-Hotels lassen mich kalt, meinen Urlaub verbringe ich am liebsten im Zelt, allerdings einem, das dichthält, das ist auch schon ein Luxus. Aber den meine ich nicht. 

Luxus ist ein Mittagsschlaf. Sich am helllichten Tag aufs Sofa zu legen und sanft davongetragen zu werden in einen Zustand zwischen Wachsein und Traum. Sich nicht gemeint fühlen von den Alltagsgeräuschen, sondern selig schlummern. Schon das Wort „schlummern“ erzählt von der Süße dieses Zustandes. Wer schlummert schläft nicht, wer schlummert trägt keinen Pyjama, wer schlummert, schlüpft nur kurz aus dem Getriebe des Alltags hinaus. 

Als ich Kind war, schlossen die meisten Läden um 12 Uhr 30, die Welt roch nach Erbseneintopf und Blumenkohl, und im Treppenhaus musste man jetzt leise sein. Wehe, wer es wagte, eine Tür zu knallen. Bis 15 Uhr war Mittagsruhe, sehr zum Leidwesen der Kinder. Wir schlichen auf Zehenspitzen durch die Wohnung, wussten nichts mit uns anzufangen und niemand war da, der uns bespaßt hätte. Der Vater meiner besten Freundin kam mittags nach Hause, aß zügig, um sich dann zwanzig Minuten aufs Sofa zu legen. Anschließend fuhr er zurück an seinen Schreibtisch. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, was daran erstrebenswert sein sollte. Manche Genüsse lernt man eben erst mit dem Alter zu schätzen: Bitterschokolade, Pampelmusen, Sonntagsspaziergänge, geputzte Schuhe. Und den Mittagsschlaf. Sich ausklinken. Die Füße hochlegen. Nicht ansprechbar sein. Mitten am Tag das Tagwerk unterbrechen.

Das ist Luxus. Es ist auch ein Akt der Unverfügbarkeit, und ich glaube, solche Momente brauchen wir immer nötiger. Sie sind Lücken, durch die das Unvorhersehbare schlüpft. Entspannung und Ruhe sowieso, auch Freiheit jenseits der Betriebsamkeit und der Unabkömmlichkeit, eine Freiheit jenseits der persönlichen Produktivität. Es ist, als würde man eine dieser alten Schultafeln wischen, vollgeschrieben mit Formeln, Gedanken, Notizen, bevor die nächste Stunde beginnt. 

Jede dritte Frau und jeder vierte Mann würden Umfragen zufolge gerne Mittagsschlaf halten, wenn es denn möglich wäre. So wird der „Powernap“ zumindest in Zeitschriften gepriesen – aber Powernap: Das klingt ja schon wieder nach Anstrengung und Leistung, so, als müsste ich für meinen Mittagsschlaf Laufschuhe anziehen. Den meisten bleibt die Sache irgendwie peinlich: Ein Mensch, der tagsüber schläft – und das auch noch öffentlich – kann doch eigentlich nur ein Faulpelz sein. Es müsste viel mehr Sofas, Bänke, Hängematten, Ohrensessel, Liegen, Kissen geben und Mutige, die sie benutzen. Handy stumm, Augen zu, Kopf in den Standbymodus. Ein Traum!

 

So geht’s:

„Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und bis tief in die Nacht arbeitet und das Brot der Mühsal esst. Den Seinen gibt es Gott im Schlaf.“ Psalm 127,2

 

in: Welt der Frauen 3/2019

 

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Erleuchtung

Als ich gestern in der Kirche saß, schien die Morgensonne in mein Gesicht. Ich roch den leichten Cremegeruch auf meiner Haut, während ich sang. Alles war hell und freundlich. Die Kerzen flackerten in der Sonne, was für ein Überfluss an Licht. Plötzlich fühlte ich mich genau richtig. Nichts zwickte, kein Gedanke stellte sich quer. Und ich dachte: Wie oft passiert das eigentlich, dass alles passt; dass du dich dort, wo du bist, gerade richtig fühlst?

 

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Jagen

Gott streifte durch die Welt, ein irrer Zickzackkurs von Trondheim nach Aserbaidschan, vom Après-Ski in die Stille der Klöster,

in U-Bahnen, auf Feldwegen, zu den Stränden der Seychellen.

Ich konnte ihm nicht folgen, eine Weile versuchte ich es, immer außer Atem, das war kein Leben. 

Eines Tages stand ich traurig am Gleis, ich denke, es war ein Mittwoch. Eine Taube jagte einer störrischen Pommes hinterher,

und ich gab auf.

Ich stieg in die nächste Bahn und fuhr nach Hause. 

Die Leere dort ängstigte mich. Doch nach ein paar Tagen lag die erste Ansichtskarte im Briefkasten.

Palmen waren darauf zu sehen, es folgten Gipfelkreuze, Lavendelfelder.

Und innige Grüße, immer innige Grüße.

 

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Nimm die Härte von deiner Stirn

Nimm die Härte von deiner Stirn. Sag "Ich weiß nicht" auch wenn das schwer auszuhalten ist. Denk trotzdem weiter. Weich sein heißt nicht, schwach zu sein. Erinnere dich, was deine Großmutter dir beigebracht hat oder der Religionslehrer oder vielleicht hast du es auch in einem dieser Lebensratgeber gelesen: Liebe deinen Nächsten, und wenn du nicht lieben kannst, dann begegne jedem Menschen wenigstens mit Respekt. Weil alles, was du denkst und fühlst auch auf dich zurückfällt. Dein Zorn und dein Hass trifft nicht nur die anderen, er lässt auch dich selbst nicht kalt. Lass dich von ihm nicht zerfressen. 

Du bist ein freundlicher Mensch, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt. Lach der Enttäuschung ins Gesicht. Vielleicht heitert sie das auf. Die Gute hat es schließlich auch nicht leicht. Sei nachsichtig. Mit dir und mit den anderen, nicht immer, aber immer wieder. 

Hör nicht auf, daran zu glauben, dass jeder sein Bestes versucht. Manche scheitern öfter. Verständnis zu haben, heißt noch lange nicht, alles gutzuheißen. Gib die Suche nach der Wahrheit nicht auf. Glaub nicht jeder Schlagzeile, die Welt lässt sich nicht in schwarz und weiß aufteilen. Nicht mal du selbst bist schwarz oder weiß. 

Lerne mit dem Zwiespalt zu leben. Nimm dich an, wie Gott es schon tut.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2:  hier zum Hören

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Was machen Tagträumer nachts?

Was machen Tagträumer nachts? Warum scheint der Hinweg immer weiter als der Rückweg? Fürchtet die Dunkelheit das Licht oder sehnt sie sich danach? Wie heißt das Tuwort von Frieden? Wäre es eine Befreiung, unfrei zu sein, weil wir dann aller Entscheidungen enthoben wären? Der wievielte Tropfen macht aus einer Pfütze einen See? 

Wisst ihr noch, wie es sich anfühlte, als das Leben aus tausend Fragen bestand? Als unsere Kinderaugen die Welt entdeckten? Dann wurden wir groß, fingen an, über Steuererklärungen und Mülltrennung nachzudenken und die Fragen verschwanden. Aber vielleicht sind es gar nicht die Fragen, die nicht mehr da sind, sondern unser Kinderherz, das verschwunden ist. Das neugierig die Welt betrachtet und noch alle Antworten für möglich hält.  Suchende sollen wir sein, nicht Sichere. Lasst uns die Welt staunender verlassen, als wir sie betreten haben. Bleibt dem Geheimnis auf der Spur, nicht jedem Nachrichtenschnipsel. Folgt den Fragen und nicht den Antworten, die verführerisch und leicht verdaulich ins Netz locken. Lasst euch nicht einfangen. Taucht tiefer. Gott hat die Sehnsucht in unser Herz gelegt, nicht die Sicherheit.

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Im Januar

Im Januar fühle ich mich wie aus dem Nest geworfen. Zu früh, unvorbereitet, draußen wird es noch immer vor Abend dunkel, keine Blume wagt sich ans Licht, nur ich soll voller Tatendrang einen neues Jahr beginnen, 5 Kilo abnehmen, ein Buch schreiben, für den nächsten Halbmarathon trainieren (weil das jetzt alle tun), tanzen, zeichnen oder das Badezimmer streichen, während die Räume merkwürdig kahl aussehen, so ohne Lichterketten und Kerzenschein. Der Weihnachtsbaum liegt im Rinnstein, keine Sentimentalitäten. Das Leben geht weiter, fast forward. Dabei fühle ich mich im Winterschlafmodus, die Welt kann gern im März wieder anklopfen. Bis dahin würde ich gern einschneien, nicht so dramatisch, wie im Süden, gerade nur soviel, dass alles still und gedämpft ist und angenehm hell. Januartage machen keinen Lärm. Von Natur aus nicht. Sie schweigen vielversprechend. 

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WG gefunden

Ich lebe mit Papst Franziskus zusammen. Leider auch mit Putin. Wir sind einander noch nie begegnet, aber wir leben gemeinsam in einer ziemlich großen WG. Die nennt sich Welt. Wir haben noch viele weitere Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Nicht alles klappt reibungslos, der eine vergisst notorisch, den Müll rauszubringen, der andere kippt seine Schwermetalle ins Meer, und so richtig saubergemacht wurde schon lange nicht mehr. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass WGs dauernd lustige Partys feiern, gibt es einige, die ständig wegen irgendwas beleidigt sind und nicht mitfeiern. 

Dennoch würde ich niemals ausziehen. Es sind so viele interessante Leute dabei und wir gestalten unser Haus, jeder in seinem Zimmer und manchmal gemeinsam in der Küche. 

Klar, gibt es Großmäuler und ein paar fiese Gestalten sind auch dabei. Aber die gibt es überall. Eine starke Gemeinschaft fängt das auf. Trotz aller Gegensätze gehören wir doch zusammen! Wir atmen dieselbe Luft. Wir rechnen mit denselben Zahlen, unsere Träume schweben in einem Raum, und es ist ein Himmel, der sich über uns spannt. 

Unser Vermieter lässt sich übrigens selten blicken. Er scheint darauf zu vertrauen, dass wir verantwortungsvoll mit seinem Eigentum umgehen. Sein Name ist Gott, einfach Gott; ich weiß nicht mal, ob er ein Mann oder eine Frau ist. Am Ende, wenn ich ausziehe, wird es ein Abnahmeprotokoll geben. Damit der nächste einziehen kann, ohne das totale Chaos vorzufinden.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2.
Hier auch zum Anhören: https://www.ndr.de/ndr2/Moment-mal,audio471970.html

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Frohe Weihnachten!

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Advent

Geh ins Dunkel

stell dich ins Licht

Die drinnen bleiben

finden nicht

 

Sing dein Lied

sieh nach dem Stern

Vielleicht liegt das Wunder 

nicht fern

 

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Funkeln

 

Ich glaube nicht an Sternschnuppen, trotzdem wünsche ich mir heimlich was, wenn eine fällt. Dass der Nikolaus nachts von Tür zu Tür geht, widerspricht meiner Erfahrung. Trotzdem schaue ich jedes Jahr verstohlen in meine Schuhe. Dass Schnee auch nichts Anderes als gefrorenes Wasser ist, weiß ich. Trotzdem stelle ich mir vor, jemand streut Kristall über die Dächer. Dass die Lichter, die sich im Dunkel des Morgens in den Pfützen spiegeln, nur Ampeln und Autoscheinwerfer sind, sehe ich. Trotzdem verzaubern sie den Asphalt. Dass der Advent auch nur eine Kulisse ist vor den Baustellen der Welt, sagen manche. Trotzdem funkelt was.

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Ewigkeitssonntag

"Weißt du, was Gottes erstes Wort war?", fragt Opa.

Er kennt lauter Geschichten aus der Bibel. Er hat sie mir alle erzählt. Papa findet das blöd. "Setz dem Kind nicht solche Flausen in den Kopf", sagt er. "Wir leben im 21. Jahrhundert." Opa hat ihm entgegnet, dass diese Geschichten zum Allgemeinwissen unserer Kultur gehören. Ich weiß nicht, was das ist. Aber ich mag die Geschichten.

"Gott sagte ›werde‹." Opa macht eine Pause. "Das ist sein wichtigstes Wort. Es werde Licht. Es werde Land. Es werden Tiere. Und es werden Menschen. So geht es immer weiter. Die Welt ist nicht fertig. Neues kommt. Altes geht. Damit dann wieder Platz für Neues ist. Deshalb müssen wir alle sterben."

Opa ist sehr klug, glaube ich.

"Hast du dein ganzes Leben daran gedacht?"

"Nein", brummt er. "Das darf man auch nicht. Manchmal musst du den Tod aussperren. Du sagst ihm: 'Ich weiß, dass du kommst, aber nicht jetzt.' Und dann spielst du eine Runde Schach oder heiratest ein Mädchen. Während solcher Dinge soll man nämlich an nichts Trauriges denken. Aber ganz vergessen darfst du ihn auch nicht. Er gehört zum Leben."

 

aus: Wie lang ist ewig? Geschichten über das Leben und Davongehen

 

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Gott 

 

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Manna to go

Als Gott in die Küche kommt, sind zwei Engel gerade dabei, den Herd abzubauen. „He“, ruft Gott, „was tut ihr da?“ Küchen sind nicht mehr in Mode, klären die Engel ihn auf. Zwar gibt es Kochshows wie Salz im Meer, aber das echte Essen wird jetzt einfach bestellt. „Ist praktischer so“, sagt der Engel. Küchen werden jetzt als Zeilen gebaut. In den Wohnraum integriert. Jeder, der schon mal Hering gebraten hat weiß, dass er den Geruch nicht im Wohnzimmer haben will. Aber für Hering sind die Restküchen sowieso nicht gedacht. Allenfalls für eine chromblitzende Kaffeemaschine, die sprotzend den morgendlichen Macchiato ausspuckt. „Aber“, stottert Gott, „wer backt mir dann das Manna? Und die Wachteln müssen auch in den Ofen!“ Die Engel halten ihm einen Prospekt entgegen. „Kannst du bestellen. Pizza, Pasta, Couscous-Salat, Manna. Wird alles geliefert.“ Gott wischt den Prospekt beiseite. Er will kein geliefertes Manna, und auf eine Küche verzichten will er auch nicht. Da müsste er ja die ganze Bibel umschreiben. In Zukunft hieße es dann nicht mehr: „Das Himmelreich ist wie ein Sauerteig“, sondern „Das Himmelreich ist wie Lieferando“. Verpackt in drei Lagen Styropor, lauwarm und pappig. 

„Sieh“, versucht es der redegewandtere Engel, „es ist doch viel besser so. Die Menschen haben weniger Arbeit. Insbesondere die Frauen. Die Abschaffung der Küche ist also genau genommen ein Beitrag zum Feminismus!“ Der Engel gratuliert sich innerlich zu diesem genialen Einfall. „Ach Unsinn“, wischt Gott das Argument beiseite. „Als ob es besonders fortschrittlich wäre, nicht mehr für das eigene Essen sorgen zu können! Was kommt als nächstes? Ein mobiler Duschservice? Eine Erinnerungs-App, dass der Mensch sich bewegen soll, weil er genau dafür diese Dinger namens Beine hat?“ Gott hat sich ziemlich in Rage geredet, und der Engel verzichtet lieber auf den Hinweis, dass es so etwas längst gibt. „Versteht ihr denn nicht, was eine Küche alles ist? Sie ist ein Ort des Austauschs, an dem beim Kartoffelschälen Liebeskummer oder Weltpolitik besprochen wird. Die Küche ist der Ort der ungeplanten Begegnungen. In der Küche wartet immer ein Kaffee oder ein Rest Auflauf. Sie ist der Ort der Verheißung, an dem aus Mehl, Salz und Öl Brot oder Nudeln wird. Ein Küchentisch ist versöhnlich, lange nicht so offiziell wie ein Arbeitszimmer und auch nicht so privat wie ein Wohnzimmer, ein Küchentisch ist neutraler Boden. Beichtstuhl, Arbeitsfläche und Nachrichtenaustausch in einem. Ich habe sogar von einer Frau gehört, die ihr Kind auf dem Küchentisch zur Welt gebracht hat! Die Küche ist der Ort des alltäglichen Liebesmahls. Die Küche ist der Ort der Alchemie, der Verwandlung. Die könnt ihr doch nicht einfach abschaffen!“

 

PS: Bis in die frühen neunziger Jahre wurde in den meisten Haushalten täglich selbst gekocht. Heute ist das nur noch in weniger als der Hälfte der Fall, in Großstädten schalten viele Menschen ihren Herd sogar fast nie ein. Laut einer Studie der Schweizer Großbank UBS ist es möglich, dass schon im Jahr 2030 die meisten Mahlzeiten online bestellt und geliefert werden.

 

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Wenn

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Mein perfektes Morgenritual

Nach jeder Nacht

bisher

aufgewacht.

 

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Montagmorgen

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E-Mails

Eine Million britische Pfund

geerbt von einem verschollenen Scheich

Fünf Penisvergrößerungen

Die Aufforderung, meine Bankdaten zu ändern,

vorzugsweise unter diesem Link

Drei Hinweise, dass meine Facebookfreunde warten

Eine Warnung, dass mein Speichervolumen bald 

ausgeschöpft ist

und

Eine Mail von dir

 

 

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Wollpullover

Das Paradies ist ein alter, verwahrloster Garten, in dem die Freiheit wartet. Sie ist wild, unberechenbar und verrückt. Sie verrückt Grenzen. Als „Pippi Langstrumpf“ erschien, entfachte sie einen Sturm der Entrüstung. Nicht bei allen, aber bei jenen, denen ihre Freiheit zu viel des Guten war. Zu wild. Zu radikal. Ein Mädchen, das tut was es will, sei „demoralisierend“und „gesellschaftsschädigender Schund“. Pippi sei „etwas Unbehagliches, das auf der Seele kratzt.“ 

Wie Gott.

Schon klar, Pippi Langstrumpf ist nicht Gott. Aber kann sein, dass Gott ein bisschen wie Pippi Langstrumpf ist. Wild. Frei. Unberechenbar. Einer, der auf der Seele kratzt. 

Meistens soll Gott nett sein. Einer, der tröstet und die Dinge ins Lot bringt. Früher durfte er auch zornig sein und beängstigend, aber die Zeit ist vorbei. Nicht, dass ich ihr nachtrauere, aber nur lieb ist auch keine Lösung. Die Geschichten, die ich von Gott kenne, sind verstörend. Mal ist er der große Schöpfer, dann wieder will er alle vernichten. Mal ist Jesus der verständnisvolle Hirte, mal blafft er die Leute an und schwingt die Peitsche. Und auch Gottes Auserwählte sind sonderbare Charaktere. David, der Ehebrecher. Mose, der Totschläger. Maria von Magdala, angeblich eine Prostituierte. Hiob dagegen, dem Mustersohn der Menschenkinder, nimmt Gott alles weg. Gerecht ist das nicht. Und nachvollziehbar schon gar nicht. Hiob hält trotzdem an Gott fest. Ich auch. Weil ich jemanden will, der auf meiner Seele kratzt. Ich mag auch Wollpullover auf der Haut. Die fühlen sich echter an als Microfaserzeug...

 

Der ganze Text war im Deutschlandfunk zu hören. Hier kann man ihn nachlesen (oder hören). 

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Sommerfazit

 

 

 

 

 

 

Mit Elchen Schnitzeljagd spielen. Verlieren. Stille hören.

Drei Hände Nudeln und eine Tütensuppe reichen für ein

Abendessen zu zweit. Heidekraut oder Kiefernzweige

ergeben einen guten Schwamm. Zelten geht auch ohne Zelt.

Die Nacht zur Nacht machen. Von Eichhörnchen geweckt

werden. Den ersten Tee im Schlafsack trinken. Wer die

Wasserflasche beim Wasserholen fallen lässt, muss in

den See springen. Hirschlausfliegen sind nicht wählerisch. Streichholzschachteln werden wirklich schnell feucht.

Tubenkäse ist besser als sein Ruf. Auf warmen Felsen liegen

und fernsehen. Das Leben auf einen Rucksack reduzieren.

Nichts vermissen. Glück ist draußen. 

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Der Engel, der befreit

In letzter Sekunde kam der Engel.

Peter Simonsen ist sechsundvierzig Jahre alt. Den Fischladen der Eltern hat er hinter sich gelassen. Weil er Coach werden wollte. Was die Leute immer noch sonderlich finden, weil man das Wort kaum aussprechen kann und die Alten denken, er verkaufe jetzt Sofas. Wie man ein Sofa einem Fisch vorziehen kann, verstehen sie nicht. Wenn es Spitz auf Knopf steht, kann man auch auf einem Stuhl sitzen, während ein Fisch immer satt macht. Peter Simonsen hat es aufgegeben, sich zu erklären. Warum man wegzieht, muss man hier oben begründen und fest steht von vornherein: Es gibt keinen Grund. Wer ein Haus hat, gehört hierher. Peters Elternhaus steht seit einhundertsiebzehn Jahren hinterm Deich und der Liguster ist mittlerweile hoch genug, um den Wind zu brechen. Das Boot liegt im Hafen. Schollen wollen die Leute immer, besonders die Touristen. Schön mit Butter und Krabben obendrauf. Eine Schande, da einfach auszusteigen. Vaters vorwurfsvolles Schweigen lässt Peter Simonsen bis heute nicht los.

Als kleiner Junge ist er immer mit raus aufs Meer. Da konnte er noch kaum laufen. Mit vollen Netzen sind sie zurückgekehrt. Er liebte die Gischt und den Wind. Angst hatte er nicht. Das war das Wichtigste, keine Angst zu haben. Aber Respekt. Den würde der Junge noch lernen, dachte der Vater. Bloß erstmal keine Angst haben, der Rest fügt sich. Der kleine Junge war so voller Bewunderung für den Vater, dass es schmerzt. Dass es heute noch schmerzt, daran zu denken. Wie konnte er ihn so enttäuschen?

Er hat ihn verlassen. Verraten hat er ihn und alles, was der Vater aufgebaut hat und weitergeben wollte.

»Hast du nicht«, sagen die Freunde. Aber sie wissen nicht, wie es ist. Es gibt ein Foto von ihm mit viel zu großer Fischermütze. Da steht er vorm Boot und hält einen Kabeljau in die Kamera, größer als seine beiden Arme zusammen. Sein Haar ist zerzaust und die Hand des Va- ters liegt auf seiner Schulter. Das Bild stand all die Jahre auf der Kommode in der Stube. Er weiß nicht, was damit geschehen ist.

Vater ist tot. Er könnte befreit sein. Aber er ist es nicht. Den Vater hat er beerdigt, aber seine Enttäuschung hat er nicht beerdigt. Sie hockt in seinem Zimmer und sieht ihn vorwurfsvoll an. Jeden Tag. Sie beherrscht ihn. Und er ist ganz klein und verzagt.

»Du bist verrückt«, sagen die Freunde und lachen. »Sieh dich an – du hast Erfolg! Du hast dir etwas Eigenes aufgebaut. Was kümmert dich die Vergangenheit?« Sie verstehen nichts. Ihre Eltern sind Lehrer und Rechtsanwältinnen und Therapeuten. Die wissen, was ein Coach ist.

Die Enttäuschung hat ihn in Ketten gelegt. Und die Schuld, so ganz genau kann er das nicht trennen. Sie bewacht ihn. Der Abstand zu den Freunden wird immer größer. Niemand kann sich ihm nähern. Sie sind draußen. Jenseits der Mauer. Noch lassen sie nicht locker. Sie rufen an. Sie fragen, wie es ihm geht. Sie laden ihn ein. Die Freunde sorgen sich. Sie versuchen ihn zu erreichen. Er ist sicher: Das wird aufhören. Die Enttäuschung hat gute Wachen. Vier zu seiner Rechten: Du hast ihn verraten. Du hast das Erbe deines Vaters verraten, flüstern sie. Vier zu seiner Linken: Wer hoch hinauswill, wird tief fallen. Sieh, wohin das führt, flüstern sie. Vier in seinem Rücken: Was du bist, verdankst du ihm. Hast du das vergessen? Vier vor seinem Angesicht: Was glaubst du, wer du bist? Nichts, als ein kleiner Fischer.

Die Freunde sind in großer Sorge um ihn. Wenn man nur etwas tun könnte. Wenn sie nur helfen könnten. Aber sie dringen nicht zu ihm vor. Und weil sie wenig Erfahrung damit haben, wie man einen Gefangenen befreit, bleibt nur Hoffen und Beten. Das ist nicht viel. Aber besser als nichts.

Am Vorabend seines siebenundvierzigsten Geburtstags ist Peter Simonsen allein. Er will nicht feiern. Er wüsste nicht, was. In der Wohnung ist es dunkel. Er liegt auf dem Sofa und schaut in die Schwärze. Sie ist überwältigend. In diesem Moment kommt es ihm vor, als würde er sich nie mehr bewegen können. Niemals mehr. Er schließt die Augen. Wahrscheinlich schläft er ein.

Als der Engel in seine Gedanken tritt, wird es hell. Das ist das erste, was geschieht: dass es hell wird. Dann stößt der Engel ihn in die Seite. Es ist ein heftiger Stoß. Er scheint nicht zimperlich zu sein. »Wach auf«, ruft er. »Komm zu dir!« Peter will gar nicht zu sich kommen, aber er blinzelt trotzdem. Der Stoß tat weh.

»Steh auf«, sagt der Engel und es klingt wie ein Befehl. Peter will ihm die Wachen zeigen, er will ihm zeigen, dass er unmöglich aufstehen kann. Aber verwundert stellt er fest, dass sie schlafen. Dass die Stimmen schweigen. Er nähert sich ihnen vorsichtig, aber: Nichts. Keine Regung. Da fallen die Ketten von ihm ab.

»Zieh deine Schuhe an«, befiehlt der Engel. »Wird Zeit, dass du hier rauskommst.«

»Aber«, sagt Peter.

»Nichts aber«, sagt der Engel.

Da steht Peter auf. Der Engel sieht ihm geduldig zu. »Den Mantel«, erinnert ihn der Engel. »Nimm den Mantel. Der schützt dich.«

Mantel, denkt Peter. Mantel ist gut.

»Und jetzt folge mir.«

Peter blickt sich um. Von der Enttäuschung keine Spur. Hat sie sich versteckt? Für gewöhnlich lauert sie immer irgendwo.

»Lass sie«, sagt der Engel. »Wir gehen jetzt raus. Ins Leben.«

Peter stolpert aus seiner Gefangenschaft. Er weiß nicht, wie ihm geschieht. Er weiß nicht, ob er wacht oder träumt. Das eiserne Tor der Schuld öffnet sich. Der Engel führt ihn hinaus. Niemand stellt sich ihnen entgegen. Nicht mal der Vater.

Es ist fünf Uhr morgens. Peter Simonsen schlägt die Augen auf. Es ist hell. Die Vögel erwarten ihn. Der Engel ist verschwunden. Ist das wahr, denkt er oder habe ich geträumt?

Er weiß es nicht. Er weiß nur: Er ist frei.

Wie das zugegangen ist, kann er keinem erklären. 

 

aus: Fliegen lernen. Engelsgeschichten aus der BibelIllustration: Ariane Camus

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Pause

Ich geh' schreiben. Hier geht es weiter am 16. September. Hej då!

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Stolpern

„Agentur für Engel“ steht auf dem Schild. Schlicht und pragmatisch hat es jemand mit zwei Schrauben an die Wand gebracht. Im Treppenhaus riecht es nach scharfem Putzmittel. Die Agentur befindet sich im dritten Stock. 

„Guten Tag“, sage ich zu der Person hinter dem Tresen. Unwillkürlich frage ich mich, ob das jetzt auch schon ein Engel ist. „Das fragen sich alle“, schnarrt ihre Stimme. „Was wollen Sie denn?“

„Einen Engel“, sage ich schüchtern, weil mir der Wunsch auf einmal verwegen vorkommt und ich gar nicht weiß, ob ich mir das leisten kann. Ich habe ja keine Ahnung, wie so etwas abläuft. „Schutzengel sind aus, die wollen alle“, entgegnet die Stimme. „Der Verkündigungsengel ist auf Urlaub, Saisonarbeit, Sie verstehen. Der Drachenkämpfer ist im frühzeitigen Ruhestand mangels Nachfrage. Wo gibt es heute schon noch Drachen? Die Paradiesengel sind nicht abkömmlich. Rachengel bieten wir ungern an, die machen eine schlechte Presse. Und die Friedensengel haben Burnout. Einen Stolperengel können Sie haben!“

„Bitte was? Was soll ich denn damit?“

Sie sieht mich streng an. „Die Frage ist nicht, was Sie damit sollen, sondern was der Engel von Ihnen will.“

Langsam schwant mir, warum diese Agentur nicht bekannter ist. „Also was ist? Nehmen Sie ihn?“

Ich nicke eilig, weil ich Angst habe, dass auch dieser Engel gleich vergriffen sein könnte. „Gut“, sagt die Person hinter dem Tresen und schreibt weiter in ihr Buch. Nichts passiert. Ich schaue mich suchend um.  „Und?“, frage ich schließlich. „Wo ist mein Engel?“

„Er wird Sie finden.“ Ihr Kopf senkt sich wieder und mir bleibt nichts anderes übrig, als zu gehen. 

Seit diesem Tag schaue ich mich öfter verstohlen um. Irgendwo ist er und bringt mich ins Wanken. 

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Sommergebet

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Kleine Geschichte von 1 Dämon

Der Dämon sitzt auf seiner Kiste und starrt. Gestern hat er 15 hartgekochte Eier gegessen und 7 Bananen. Das Leben als Dämon ist hart. Er mag keine Eier. Und auch keine Bananen. Bananen ekeln ihn Allein schon der Geruch. Eigentlich würde er gern mal Heidelbeerquark essen. Aber das gesteht er sich nicht ein. Also hockt er sich halt mit seinen Bananen auf meine Schulter und mampft. Schön ist das nicht. Für keinen. 

Farbe

Gott ist Maler von Beruf, das wissen die Wenigsten, und wenn sie es hören, dann denken sie an Van Gogh und an Sonnenblumen. Aber das ist ein Irrtum. Gott ist ein ganz gewöhnlicher Anstreicher, allerdings ein sehr guter. Welche Farbe denn mein Leben haben solle, fragt er, und ich wähle Rot wegen der Lust. Und Blau wegen der Tiefe. Und Grün für die Verstecke. "Gute Wahl", nickt er, und ich frage mich kurz, ob er das immer sagt.

 

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Sonntagsrätsel

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Grüße aus dem Sommer

 

 

Deines Lebens Traum:

 

"Ich träume davon, dich glücklich zu machen. In meinem Traum scheint die Sonne und alles ist Licht. Die Nacht ist deine Freundin. Du brauchst dich nicht mehr vor Spinnen zu fürchten, und Schlaf deckt dich zu. die Liebe ist eingezogen, um zu bleiben. Die Härchen auf deinem Arm schimmern hell. Gestern ist der Bruder von Morgen und Heute bist du. Dein Kleid hat Streifen und machmal kannst du zaubern."

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Bote

Gestern sprach mich ein Fremder an

dankte 

und ließ mich zurück

Gestern sprach mich ein Fremder an

hob mich einen Millimeter

von der Erde

Gestern sprach mich ein Fremder an

und ließ eine andere zurück

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Was ich im Leben schon gelernt habe I

Natur ist nicht immer nett.

Wenn man einen Mord plant, finden sich unter den heimischen Pflanzen viele Helfer.

Trotzdem lebt es sich besser ohne Leiche im Keller.

In Hamburg regnet es weniger als in Bielefeld. Nicht nur deshalb ist Hamburg schöner. 

Eine geronnene Sauce Hollandaise rettet man, indem man Eiswürfel hineinrührt.

Einen Fahrradreifen flickt man am besten mit einem kundigen Mann. In vielen anderen Situationen hilft ein Schweizer Messer weiter. 

Viele Kindergartenregeln gelten auch im Erwachsenenalter:

Nimm niemandem sein Spielzeug weg. Mittagsschlaf ist trotz anfänglichem Widerwillen eine feine Sache. An dem Weihnachtsmann muss man nicht glauben, um sich über Geschenke zu freuen. 

Mittsommer findet am Anfang des Sommers statt. 

Die Vorfreude, dass noch etwas kommt, ist ein feines Lebensprinzip.

(Egal, ob Erdbeereis oder Ewiges Leben.)

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Matjes. Küssen. Leben

An den ersten Kuss muss man sich irgendwie erinnern. Ich kann es nicht. Ich erinnere mich nicht mal, welchen Jungen ich mit 12 oder 13 Jahren geküsst habe. Wahrscheinlich geschah es beim Flaschendrehen. Ehrlich gesagt habe ich auch keine Ahnung, warum ich mich daran unbedingt erinnern soll, wenn ich doch heute neue Küsse küssen kann. Oder irgendetwas anderes tun kann, das schön ist. Facebook erinnert mich auch ständig an Sachen, die ich vor zwei Jahren getan habe. Als wären das geschichtliche Großereignisse, die eines Denkmals würdig sind. Dabei handelt es sich bloß um ein Foto meines Mittagessens. Warum soll ich mich daran erinnern, dass es vor zwei Jahren Matjes mit Pellkartoffeln gab? Mein eigenes Leben wird zu einem Denkmal. Aber ich will kein Denkmal sein – schon gar nicht mein eigenes. Ich will leben und das funktioniert nur jetzt. Dies ist der einzige Moment, in dem ich leben kann. Gestern ist vorbei und morgen gibt es noch nicht. Allein in diesem schmalen Stück Gegenwart kann ich fühlen, küssen, Matjesessen. 

Die Ewigkeit ist eine endlose Folge von Momentaufnahmen. Wenn ich nur damit beschäftigt bin, alte Fotos anzuschauen, kommt nicht Neues hinzu. Dann habe ich irgendwann nur noch Fotos von mir, auf denen ich Fotos anschaue. Will ich das?

Nö. Das will ich nicht. Deshalb gehe ich jetzt Matjes küssen.

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Phantasie

Im Zug. Kein Netz. Der nächste Halt Lichtjahre entfernt. 

Das Kind auf Platz 61 schüttet Lego aus. Erzählt sich Geschichten von Dinosauriern

und Feuerwehrmann Sam.  Auch ein Hund taucht auf. 

Ich forsche in meinem Kopf, was ich mir erzählen könnte.

 

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Heute Flaute

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Grüße aus dem Alltag

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Im Mai

Immer mittags schlüpft Gott in die Stille der Kirche, seit 800 Jahren schon, und setzt sich in die dritte Reihe links, immer die dritte Reihe links. Anfangs saß er noch auf der Empore, aber das gefiel ihm nicht, da wurde ihm schwindelig. Dann sitzt er da und sieht die Irma mit ihrem Netz voller Äpfel, im Winter auch schon mal Orangen. Manchmal kommen Touristen, die fotografieren das Gold und den heiligen Sebastian mit seinen vielen Pfeilen und ein Mädchen zündet eine Kerze an und ein Liebespaar hält sich an den Händen. Eine Plastiktüte raschelt und Gott weiß, dass die dem Heinz gehört, der sich aufwärmt oder abkühlt, je nach Jahreszeit. 

Und Gottes Gedanken schweifen ab, denn es sind derer viele und er denkt an die Zeit, als hier noch ein Buchenhain stand und an den Wind in den Blättern von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Und plötzlich ist es der Irma, als habe sie eine Nachtigall gehört und die Kerzenflammen flackern im Sommerwind. Das Mädchen kann sich nicht helfen, aber es meint, plötzlich Waldmeister zu riechen auch auch der Heinz wundert sich, denn die harte Bank ist auf einmal weich wie ein Bett aus Gras. 

 

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10 Sachen, die anders sind als gedacht

1.     Gott (nicht logisch)

2.     erwachsen sein (auch nicht logisch)

3.     sterben (von außen betrachtet nicht so leicht)

4.     lieben (von innen betrachtet nicht so leicht)

5.     in einem Sterne-Restaurant essen (mühsam)

6.     1000 Kilometer gehen (weniger mühsam)

7.     wagemutig sein (merkwürdig unspektakulär)

8.     zum neunten Mal durch Norwegen reisen (immer noch spektakulär)

9.     lackierte Fingernägel (halten nie)

10.  seidene Fäden (halten öfter als gedacht)

 

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Schillernd

Als ich klein war, sollte alles für immer sein. Die Prinzessin lebte glücklich bis an ihr Lebensende. Einen Beruf wählte man einmal. Alphaville sangen „Forever young“. Man kaufte ein Haus, in dem man sterben würde. Ein lineares Abarbeiten der Dinge: Geburt, Kindergarten, Konfirmation, Abi, Arbeit, Hochzeit, Kinder, Haus, Rente. Das Leben auf diese Art schien beruhigend, weil planbar.

Leider spielt mein Leben nicht mit. Es scheint nichts von To-Do-Listen zu halten. Spontanität liegt ihm mehr. Es schlägt plötzlich eine neue Richtung ein und ich muss hinterher. Ich schimpfe mit ihm, dass es doch einmal alles so lassen soll, wie es ist. Aber es lächelt nur müde: Meine Eltern ließen sich scheiden. Helmut Schmidt wurde abgewählt. Tschernobyl störte unser Spiel im Wald. Der „Braune Bär“ schmeckte plötzlich nicht mehr. Der Traum, Archäologin zu werden, ist verblasst. Meine erste Liebe verschwunden. Irgendwo bröckelte es immer. Ich habe es als Scheitern gesehen.

„Warum“, fragt mein Leben, „bezeichnest du etwas, das lange gut war, als Scheitern?“ „Weil ich es nicht halten konnte“, antworte ich. Mein Leben runzelt die Stirn: „Meine Liebe“, sagt es, „was du tust, ist Haschen nach dem Wind. Kannst du ihn festhalten? Kannst du den Frühling festhalten? Eine Sternschnuppe? Ein Glühwürmchen, einen Gänsehautmoment, eine Seifenblase? Willst du all dies ernsthaft als Scheitern betrachten, nur weil du es nicht halten kannst?“

Seit diesem Tag übe ich, das Leben als Seifenblase zu betrachten. Schillernd.

 

Kann man auch hören: "Moment mal" auf NDR 2

 

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Großmut

An jenem Tag, an dem ich beschließe, großmütig zu sein, lasse ich den Regen plätschern und dem Leben seinen Lauf. Ich verschenke ein Buch, kaufe eine krumme Gurke, lasse eine Meinung gelten und schicke eine Beschwerde ins Leere. Der Welt traue ich etwas zu. Ich lobe jemanden über den grünen Klee und verteile zweite Chancen, ohne mich um das Ergebnis zu sorgen. Die Kollegin lasse ich schmatzen und das Internet trödeln. Ich nehme nichts persönlich. Ich verzichte auf mein Recht und überlasse den Schnecken ein paar rote Erdbeeren. Meine Erwartungen streue ich in den Wind. Den Kleinkrämern schenke ich einen Cent. Ich runde auf, liebe ohne Vorschuss und füttere die Großmäuler mit Marshmallows. Gott eifere ich nach, ohne besser sein zu wollen. Ich unterstelle ein paar gute Absichten, lasse jemandem die Vorfahrt und sehe über eine Verspätung hinweg. Das Glas betrachte ich als halbvoll und meine Figur als bestmöglich. Dass morgen auch noch ein Tag ist, begrüße ich. Ich verschwende mich. Ich werfe den Müll weg, den ich nicht verursacht habe und helfe, ohne Dank zu erwarten. Dem Ehrgeiz gebe ich frei. Ich fasse mir ein Herz und nehme den Himmel auch in Mittelblau.

 

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Könnte doch sein

 

 

Manchmal tauchst du auf. Aus dem Nichts. Ich nenne dich Gott. Ich rechne nicht mit dir, das Rechnen habe ich aufgegeben. Du bist ein Gleichnis mit zu vielen Unbekannten. Du meldest dich nie an. Verabredungen sind nicht deine Sache. Ich habe keine Chance, einen Kuchen zu backen oder die Küche zu putzen oder mein Leben in Ordnung zu bringen. Du tauchst auf und ehe ich dich fassen kann, bist du wieder weg.

Du erklärst dich auch nicht. Das hat mich lange gestört. Ich fand, wenn du schon willst, dass ich an dich glaube, dann könntest du dir mehr Mühe geben, dein Tun und dein Nicht-Tun etwas nach- vollziehbarer zu machen. Du bist ein Rätsel – nein, eher ein Geheimnis. Ein Rätsel kann man lö- sen, wenn man nur lang genug nachdenkt. Dich kann man nicht lösen. Allerdings verlangst du das auch nicht.

Auf eine Art verstehe ich dich. Ich mag es auch nicht, mich rechtfertigen zu müssen. Du wärst wahrscheinlich ständig damit beschäftigt, dich zu erklären. Irgendwer findet immer irgendwas ungerecht. Man kennt das ja: Die einen finden dich zu lax, die anderen zu streng und ein paar wollen wissen, warum du einen Bart trägst. Nur als Beispiel. Und deshalb denke ich mittlerweile: Wir sind quitt. Du brauchst dich nicht zu erklären, ich nehme dich, wie du bist. Denn das habe ich von dir gelernt. Du nimmst mich, wie ich bin. Damit meine ich kein trotziges „Ich will so bleiben, wie ich bin“. Weil ja auf einmal jede Schrulle Ausdruck von Authentizität ist, und sei sie noch so unhöflich. Nein. Ich versuche, zu werden, die ich sein kann. Das habe ich auch von dir. „Ich werde sein, der ich sein werde“, hast du mal gesagt. Wandel ist dein Programm.

Ich mag es, dass du einfach so auftauchst. Es gibt meinem Leben eine Erwartung. Hinter jeder Ecke könntest du stehen. Obwohl du genaugenommen das ja gerade nicht tust. Du bist nicht eindeutig. Kein Engel rauscht vom Himmel herab. Ich hatte noch nie eine Vision, in der du plötzlich vor mir standest...

 

weiterlesen: Deutschlandfunk Kultur 

 

 

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Pistazieneis und Auferstehung

Manchmal ist alles gut, obwohl nicht alles gut ist. Das Geld reicht nicht, der Arzt sagt, es sieht schlecht aus, die Liebe scheint sich abgesetzt zu haben wer-weiß-wohin. Aber dann leuchtet plötzlich ein Moment auf, ein Moment aus tausend anderen Momenten, der heraussticht: Die Sonne scheint dir in den Nacken, der Fluss des Verkehrs versiegt, ein Geruch steigt in die Nase von Ginster oder Pistazieneis, du weißt nicht, woher er kommt und eigentlich ist nichts besonders daran, aber in diesem Moment ist es besonders. Du lehnst dich zurück und bist im Paradies. Du wirst nicht bleiben, der Verkehr wird weiterrollen, die Lücke wird sich schließen. Vielleicht wirst du morgen wieder auf einem dieser Datingportale nach deiner Traumfrau suchen. Der Boden der Tatsachen bleibt bestehen. Aber etwas hebt dich für einen unerwarteten Moment darüber hinaus, hebt dich über die Schwere der Dinge. Und setzt dich wieder ab, leichter als du denkst.So ein Moment lässt sich nicht machen. So ein Moment blitzt auf, so ein Moment lässt dich verwandelt zurück, wenn auch nicht für immer, so doch für jetzt. Wegen dieser Momente gibst du nicht auf. Manchmal ist das einfach ein Pistazieneismoment. Manchmal nennst du es Auferstehung. 

 

kann man auch hören: NDR2 Moment mal

 

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Ostern

"...that's how the light gets in."

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Leichtfüßig

Der Engel des Verzichts hat Flügel. Entgegen landläufiger Meinung ist er der Vergnügteste von allen. Er ist leichtfüßig. Seine Koffer hat er unterwegs verloren. Er weiß nichts besser. Was er sagen wollte, hat er vergessen. Den Eiligen lässt er den Vortritt. Den Ehrgeizigen räumt er den Weg. Der Engel des Verzichts nimmt niemandem etwas weg. Auch keine Illusion. Er ist frei. Nicht mal an der Freiheit hält er fest.

 

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Überraschung

Als die Inspiration kommt, stehe ich unter der Dusche. „Verdammt, kannst du nicht einmal zur rechten Zeit kommen? Wenn ich am Schreibtisch sitze?“ Schaum rinnt in mein linkes Auge. „Nö.“ Die Inspiration trägt ein grasgrünes Kleid und Lammfellstiefel. Ich blinzele. Dass sie immer so unpassend sein muss. Und dann die Wörter! Natürlich hat sie nicht Sonnenaufgang, Achtsamkeit oder friedvoll dabei, sondern Sachen wie Besenreiser, Oktogramm und flawül. Ich habe keine Ahnung, was flawül ist, aber diese Blöße will ich mir nicht geben. Die Inspiration zuckt mit den Schultern. „Sonnenaufgänge interesieren mich nicht.“ „Aber sie sind schön! Kannst du es nicht einmal einfach schön machen? Warum kommst du überhaupt, wenn du sowas bringst?“

Die Inspiration schaut mich treuherzig an. 

"Na, um dich zu überraschen. Was denn sonst? Das andere kennst du doch schon.“

 

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Übrigens

Frau Angst und Frau Vertrauen sind Schwestern.

Bleib, ruft Frau Angst.

Geh, ruft Frau Vertrauen.

Ich beschütze dich, verspricht Frau Angst.

Ich lasse dich, verspricht Frau Vertrauen.

Bei mir bist du in Sicherheit, verspricht Frau Angst.

Bei mir bist du in Erwartung, verspricht Frau Vertrauen.

Ich bin, sagt Frau Angst.

Ich werde, sagt Frau Vertrauen.

 

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Unwahrscheinlichkeitsrechnung

Ich warte auf eine Menge Sachen. Ich warte auf eine Mail, den Bus und dass Gott redet. Ich warte auf den Tag, an dem mir mal wieder jemand ein Mixtape schenkt. Manchmal warte ich auf Grün – an der Ampel und im Februar. Ich warte auf den Impfstoff und dann warte ich darauf, aus all meinen Masken eine Patchworkdecke zu nähen. Ich warte auf das Morgengrauen, wenn ich mich schlaflos im Bett wälze. Ich warte darauf, dass sogenannte Querdenker aufhören, ihre Freiheit über die vieler anderer zu stellen. Ich warte auf den Moment, an dem niemand mehr Lust hat, wen in die Luft zu sprengen. An Silvester warte ich auf Mitternacht, weil es so schön ist, so zu tun, als ob alles neu wird. Ich warte darauf, dass Trump seine Niederlage eingesteht und in Rente geht. Auf Schnee warte ich auch.

Dass ein Retter kommt, der das alles im Gepäck hat, fällt mir schwer zu glauben. Ich versuche es trotzdem...

 

Ganzen Text lesen oder hören: Mit allem rechnen. Unwahrscheinlichkeitsrechnung im Advent. Deutschlandfunk

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Weihnachten retten

Wir müssen Weihnachten retten. Das höre ich im Moment ständig. Ich glaube, das müssen wir nicht. Weihnachten braucht keine Rettung, Weihnachten rettet uns. Es hat zweitausend Jahre überstanden. Ist durch den 30-jährigen Krieg gegangen, war bei den Pestkranken, hat sich an die Seite der Verfolgten gestellt und sich nicht darum gekümmert, ob Lametta am Baum hing. Weihnachten hängt nicht davon ab, ob fünf oder zehn zusammen feiern. Weihnachten lässt sich nicht machen. Klöße zur Gans sind schön, aber nicht notwendig.

Die Geschichten sind da. Der Stern ist da. Menschen sind da, an vielen verschiedenen Orten. Die Fantasie ist da, sich auf den Weg zu machen. Ausschau zu halten, was trägt, wenn es nicht das Gewohnte ist. Die Hoffnung ist da, dass es winzige Anfänge gibt, die zur Rettung werden.

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Besondere Helden

Ich kann über ziemlich simple Sachen lachen. Slapstick zum Beispiel wie bei Stan und Oli. „Life of Brian“ finde ich großartig, „Little Britain“ auch. In Kirchen- und Intellektuellenkreisen stoße ich damit regelmäßig auf Irritation. Gegen Alltagsschwermut hilft Loriot zuverlässig. Manchmal stelle ich mir die Welt als Comic vor, auch das ist sehr erheiternd. Wenn gar nichts mehr geht, bleibt immer noch Galgenhumor. Selbstironie sowieso. 

Die Bunderegierung hat Corona-Videos veröffentlich, die ich auch ziemlich witzig finde. Neben Infektionsschutzgesetz, Impfstoff-verteilung und Kontaktbeschränkungen ein Augenzwinkern. #besonderehelden heißt die Serie. Natürlich gibt es viel Kritik.

Ich finde die Videos mutig, weil sie nicht brav sind. Humor muss sich aus der Deckung wagen und damit leben, auch auf die Nase zu fallen. Ein Journalist der Londoner Financial Times twitterte:

“Ich kann damit umgehen, dass die deutsche Antwort auf die Pandemie besser ist als unsere, aber ich glaube, ich kann nicht damit umgehen, dass sie lustiger ist.“ Das ist, glaube ich, ein Ritterschlag.

 

Hier kommt ihr zu den Videos: #besonderehelden 1 #besonderehelden 2 

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Flatrate

Omas Telefonnummer kann ich auswendig. Sie ist mein Leben lang gleichgeblieben. Trotzdem speicherte ich ihre Nummer in meinem ersten Handy. Es wäre nicht nötig gewesen, aber ein Adressbuch ohne Oma wäre mir unvollständig vorgekommen. Wenn Oma sich meldete, hatte ihr Tonfall immer etwas Feierliches. Als erwarte sie, den Bundespräsidenten höchstpersönlich in der Leitung zu haben. Telefonieren war für sie etwas Ernsthaftes. Da lümmelte man nicht auf dem Sofa rum und schon gar nicht machte man nebenbei den Abwasch. Man telefonierte und das möglichst kurz, damit es nicht so teuer würde. Irgendwann versuchte ich Oma zu erklären, was eine Flatrate ist, doch ich merkte, dass sie mir nur halb zuhörte. Sie wollte sich nicht umgewöhnen. Und das machte auch nichts, denn eigentlich liebte ich ja genau diese Ernsthaftigkeit. 

Mittlerweile ist Oma tot. Seit ein paar Jahren schon. Aber ihre Nummer zu löschen, habe ich noch nicht übers Herz gebracht. Es fühlt sich an, als würde ich die Erinnerung auslöschen, als würde ich Oma mit einer Taste aus meinem Leben entfernen, um neuen Speicherplatz zu schaffen. 

Die Nummer bleibt also. Immer, wenn ich jetzt durch mein Adressbuch scrolle und beim Buchstaben O bin, lese ich „Oma“ und muss kurz lächeln. Als bräuchte ich nur auf die Taste zu drücken, und sie wäre da. Würde sich irgendwo aus den Himmeln melden, würde wie immer „Ach, hallo!“ rufen, mit dieser Mischung aus Überraschung und Freude in der Stimme. Eine Sekundenerinnerung, wärmer und lebendiger, als der Name auf ihrem Grabstein, der so förmlich, so endgültig, so golden in Marmor gehauen ist. Die Vorstellung, nur einen Klick weit von Oma entfernt zu sein, ist irgendwie tröstlicher.

 

gesendet in: NDR 90,3 Kirchenleute heute

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Der kleine David und ich

„Das Vergessenwollen verlängert das Exil, 

und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“          

Ba’al Schem Tov

 

Ich erinnere mich an die jüdische Synagoge, an die nichts mehr erinnert, nur noch ein Parkplatz. Ich erinnere mich, dass Oma sagte, „die Juden“ seien irgendwie anders gewesen. Ich erinnere mich an meine erste Klassenfahrt nach Bergen-Belsen und mein Entsetzen. Ich erinnere mich an die Geschichten von Abraham und Mose und dem kleinen David, der Goliath besiegte. Ich erinnere mich, wie ich erst mit 17 Jahren entdeckte, dass es einen jüdischen Friedhof in meiner Stadt gibt. Ich erinnere mich an den Freund, der auf einmal meinte, es gäbe Beweise, dass der Holocaust nie stattgefunden habe. Ich erinnere mich, wie unvorbereitet ich auf so eine Behauptung aus seinem Mund war. Ich erinnere mich an Schweigemärsche am 9. November, und dass einige nicht schweigen wollten, weil Schweigen nichts ändere. Ich erinnere mich, sehr viele Male „Hevenu schalom alejchem“ gesungen zu haben. Ich erinnere mich an meines Großvaters Blick, mit dem er sagte, er verstehe nicht, warum sie einem wie Hitler gefolgt seien. Ich erinnere mich an Jungs auf dem Schulhof, Hakenkreuze und „Deutschland den Deutschen“. Ich erinnere mich an meinen Zorn. Ich erinnere mich, wie ich hörte, Juden hätten das Corona-Virus erschaffen.

Ich erinnere mich, zu widersprechen.

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Sonntagsspaziergang

Mit wem ich gern mal einen Kaffee trinken würde, das ist so eine Frage, bei der ich nie weiterweiß. Kaffee ist überbewertet, finde ich. Man sitzt rum und fühlt sich nach der dritten Tasse zu gleichen Teilen aufgekratzt wie flau. Außerdem ist es im Moment sowieso schwierig, die Cafés sind geschlossen. Wenn ich also wählen dürfte, würde ich lieber durch den Wald streifen, auf Wegen, die niemand geschottert hat, bei einer Eiche stehenbleiben, um einen Gedanken nicht zu verlieren. Mit wem, spielt fast keine Rolle, so lange das Gespräch interessant ist und verschlungene Wege nimmt. Aber gut, vielleicht lieber mit Jesus als mit Buddha (sorry, ist nichts Persönliches), mit Ronja lieber als mit Pippi, mit Teresa von Avila lieber als mit Mutter Teresa, mit D. lieber als mit M., mit Frau Merkel lieber als mit Herrn Merz, mit Snoopy lieber als mit Charlie Brown, mit der Queen lieber als mit Charles, heute lieber als morgen.  

 

 

 

 

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Hallo November

Diesmal übertreibst du aber. Dass es mit dem Nachmittags-kaffee dunkel wird, daran habe ich mich in den letzten 48 Jahren mühevoll gewöhnt. Und dass du Regen magst – geschenkt. Den brauchen wir ja, da bin ich vernünftig. Aber ein Lockdown? Im Ernst? Kein Café, das leuchtturmgleich die schwankenden Seelen heimruft? Kein Theater, das dem Leben eine Bühne gibt? Und Doppelkopfrunden höchstens für Großfamilien? 

Das ist hart. Hast du denn nicht Rilke gelesen? Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben… wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.  Das kannst du nicht wollen. Im Inneren deiner Seele willst doch auch du geliebt werden. Also frage ich dich: Was hast du zu bieten? Dieses Jahr ist deine Chance. Noch nie waren so viele Augen auf dich gerichtet. Wenn du es schaffst, uns alle 30 Tage über Wasser zu halten, könnte das deine Beliebt-heitswerte enorm verbessern. Laubhaufenspringen? Freiluftyoga? Lichtermeereintauchen? Zeig, was du kannst. Wir machen mit!

 

Im November ziehe ich um zu Chrismon: Dort gibt es jeden Tag einen Text: Lichtblick-Blog

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Jetzt

Gibt es jetzt auch hier als Postkarte.

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Hallo Herbst!

 

Gestern saßen wir lachend am Tisch, während die Kanzlerin im Fernsehen inständig darum bat, Kontakte einzuschränken. Die Zahlen sind höher als im Frühjahr, aber so richtig angekommen ist es noch nicht. Der Sommer hat eine Tür geöffnet, und es fällt schwer, sie wieder zu schließen. Dabei ist es drinnen auch schön. Trotzdem fühlt sich eine Seite in mir wie ein Kind, das noch nicht aufhören will zu spielen. Weil es sich nicht vorstellen kann, wann dieses „Morgen“ ist, an dem es weiterspielen wird. Zum Glück bin ich meistenteils erwachsen, was langweiliger klingt als es ist. Im Gegensatz zu meinem fünfjährigen Ich weiß ich nämlich mittlerweile, wie viele Schlupflöcher es gibt, die das Leben lebenswert machen. Hallo Herbst. Ich komme!

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Was du willst

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Sandmännchen und Westpakete

3. Oktober 1990

Ich habe den Fernseher angemacht. Die DDR war für mich LPGs und eine Mauer, die unfassbar anmaßend, aber nicht meine ist. Jetzt steht sie offen.

Ich bin schon drüben gewesen. Ostern, mit Zelt. Mal gucken, was für ein Land das ist. Nicht mein Land, soviel ist klar. Das Wort „Wiedervereinigung“ kenne ich nur aus dem Mund der Ewiggestrigen. Die auch Ostpommern und das Elsass wiederhaben wollen.  Ich hocke in Jeans auf dem Sofa und fühle mich fremd im Jetzt. Was da 400 Kilometer östlich geschieht, ist irgendwie nicht mit mir abgesprochen. Warum scheint es für alle so selbstverständlich, dass aus zwei Staaten einer wird? Können wir uns nicht erstmal kennenlernen? Wer sagt denn, dass wir zueinander passen? Kohl sieht satt und zufrieden aus. Er spricht von blühenden Landschaften und klingt, als habe er eine Putzkolonne losgeschickt, die eben mal alles auf Vordermann bringen soll. Ich pule die Kerne aus ein paar letzten Pflaumen und stecke mir eine in den Mund. "Einigkeit und Recht und Freiheit" singen sie im Fernseher, und ich höre "Deutschland, Deutschland über alles". Ich schalte ab. Wie wird das alles werden?

 

30 Jahre später.

Der Zug von Hamburg fährt durch. Landschaft rauscht vorbei. Ackersenf blüht. In knapp vier Stunden werde ich in Erfurt sein. Neben mir sitzt Matthias. Ostkind, sagt er. Wir haben Bleistifte im Koffer und leere Hefte. Wir werden uns zusammenschreiben: Mario aus Zwickau, Silke aus Ostfriesland, Kirstin aus Berlin, Werner aus Köln, Marion aus Magdeburg und all die anderen. Auf den Fluren tragen wir Masken, in unseren Texten zeigen wir uns. Erzählen, was wir gewonnen haben: Reisefreiheit. Hiddensee. Eierschecke. Ich-sagen. Wir-denken.

Den Polizeiruf 110. Deutsche Geschichte an Originalschauplätzen: Goethe, Luther, Effi Briest. Einen Beruf nach eigener Wahl. Studieren in England. Das Elbsandsteingebirge zum Wandern. Gundermann. Wahlfreiheit. Levis-Jeans. Und immer wieder: Freundschaften. Entweder-oder wird zu sowohl-als-auch. Wir schreiben Liebeserklärungen an die Demokratie. Wir lachen über unsere Nostalgie. Probieren Bambina und Milky Way, und beides ist vor allem quietschsüß. Unter freiem Himmel singen wir von Gedanken, die frei sind. Wir finden Utopien für die nächsten 30 Jahre: Der Himmel ist blau. Das Kind fragt, was eine Grenze ist. Einigkeit und Recht und Freiheit. Heimat ist ein Tuwort.

 

Das Ost-West-Schreiben setzen wir fort: Vom 3.-5. Dezember 2021 mit der Ev. Akademie Thüringen in Neudietendorf.

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Nuancen und Pferdefüße

„Guten Morgen, mein Lieber.“ Der Teufel ist erstklassig gekleidet. Weißes Hemd, schwarzer Blazer, während Gott einen gewagten Mustermix trägt. „Ich bin nicht dein Lieber“, widerspricht er. „Nana, wer wird denn so mürrisch sein? Predigst du nicht immer die Liebe? Aber ich verstehe dich. Seit selbst ‚Gutmensch’ zum Schimpfwort geworden ist, schwimmen dir die Felle davon. Du solltest über dein Konzept nachdenken. Es ist einfach zu komplex.“

Seit einigen tausend Jahren treffen die beiden einander regelmäßig. Auf Initiative des Höchsten. Er nennt das „die andere Seite sehen“, was der Teufel insgeheim lächerlich findet. Einseitigkeit liegt ihm mehr, aber da er sich gern präsentiert, lässt er kein Treffen ausfallen. 

Die Zeit des Schwefels und der Pferdefüße ist vorbei. Seriosität ist das Motto des neuen Jahrtausends, seitdem hantiert er nicht mehr mit der Hölle, sondern mit Statistiken. „Und die Quellen?“, fragt Gott. „Die sind doch total zwielichtig. Wenn du sie dir nicht gleich ausgedacht hast!“ Der Teufel sieht ihn mitleidig an. „Als ob die Leute sich für Quellen interessieren. Ich verstehe mich als Dienstleister. Es prasselt heutzutage so viel auf die Leute ein: Klimawandel, Ausländer, neuartige Viren, vegane Leberwurst. Das überfordert viele. Ich vereinfache den Leuten ihr Leben. Ich sortiere vor.“

„Allerdings völlig einseitig!“

„Das ist mein Markenzeichen. Keine Widersprüche. Kein Sowohl als auch. Schwarz oder weiß.“

„Ich habe den Menschen den Regenbogen gegeben“, schwärmt Gott. „Den lieben sie. Gerade wegen der Vielfalt. Die Welt ist nicht eindeutig. Kannst du dir einen Regenbogen in schwarz-weiß vorstellen?“ „Sie lieben deinen Regenbogen auf Postkarten und Facebook-Bildern. Solange er romantisch ist. Metaphorisch hat er ausgedient. Zu viele Nuancen. Das ermüdet und verunsichert nur. So, jetzt muss ich los. Ich bin mal wieder auf eine von diesen Demos als Redner eingeladen. Bis bald, mein Lieber!“ 

Gott rümpft die Nase. Den Schwefelgeruch wird er nicht los, denkt er. Ich muss ihn aushalten. Das gehört wohl zur Ambiguitätstoleranz dazu. Dann bricht auch er auf. „Ich glaube an euch“, flüstert er seinen Menschen ins Ohr. „So einfältig seid ihr nicht. Wer seit Anbeginn der Welt mit Widersprüchen lebt, hat Übung darin.“

 

So geht’s: Ambiguitätstoleranz: Die Fähigkeit, Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen und ertragen zu können und Diskussionen trotz allem wohlwollend fortführen zu können, ohne dabei aggressiv zu reagieren.

 

in: Welt der Frauen www.welt-der-frauen.at (gekürzt)

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In meinem Kopf

 

Die Einfälle sitzen wie Krähen in meinem Kopf und warten. In dem Moment, wo ich nicht mehr nach ihnen schaue, fliegen sie auf, sonderbar und schön. Die besten Einfälle sind die, die mich selbst überraschen. Sie stellen Zusammenhänge zwischen Dingen her, die ich nicht erwarte. Was hat Rost mit Freiheit zu tun? Ein Ohrensessel mit Demokratie? Was haben Himbeeren mit dem Tod zu tun? Wenn ich wüsste, dass ich sterbe, wäre ich traurig. Ich bin noch nicht satt. Meine Vorbilder fürs Leben sind mein Opa, Angela Merkel und Astrid Lindgren. Alle drei haben mit Emanzipation zu tun. Ein größtes Vorbild habe ich nicht. Vielleicht, weil ich Größe misstraue. Als es mal eine Sonnenfinsternis gab, musste ich mich zwingen, nicht in die Sonne zu schauen. Ich tat es trotzdem, ganz kurz. Ich schaue lieber hin als weg. Manchmal ist das nicht so klug. Wahrscheinlich sind 34% aller Dinge, die ich tue, nicht so klug, befriedigen aber meine Neugier. 

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Urlaub

Im August macht Gott Urlaub auf dem Campingplatz Deichblick. Sein Wohnwagen steht ganz hinten bei den Müllcontainern. Es riecht ein bisschen, besonders mittags, wenn das Thermometer hochklettert auf dreißig Grad und die Luft über dem Asphalt flirrt. Die anderen Plätze sind alle vergeben. An Camper, die lange vor Gott da waren.

"Gebucht bis 2034", sagt Manfred aus Wuppertal und Gott staunt. Solange im voraus denkt er gar nicht. "Musste aber", sagt Manfred. "Wenn du 'n Platz inner ersten Reihe willst, sogar noch länger." Er sei keiner für die erste Reihe, sagt Gott. Nie gewesen. Manfred ploppt ein Bier auf und reicht es Gott rüber. "Prost und nichts für ungut, aber so kommste nie auf 'nen grünen Zweig. Ich hab' hinten bei den Toiletten angefangen. Und jetzt? Reihe drei, sogar mit Vorgarten!" Seine Augen glänzen stolz. "Alles nur, weil ich dem Platzwart ständig in den Ohren lag." "Das kenne ich", seufzt Gott.

"Ach", staunt Manfred und rülpst dezent. "Was machste denn beruflich? Biste etwa auch Platzwart?"

"So ähnlich", sagt Gott, und dann erzählt er von seinem Platz. Dass der ziemlich groß sei, Meer- und Bergblick, Sommer- und Winterbetrieb. "Nur, dass die Leute sich selbst aussuchen, wo sie bleiben wollen. Keine Reservierungen. Keine Stammplätze." Er mische sich da nicht ein. Manchmal trinke er ein Bierchen mit und schaue, dass die Geranien Wasser kriegen.

Manfred schielt unter seiner Kappe hervor. "Und das funktioniert?"

Gott wiegt den Kopf. "Mal besser, mal schlechter. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf."

Ein Wohnwagen der Marke "Luxor Privileg" rollt vorbei. Manfred kratzt sich nachdenklich am Bauch. "Bist wohl so'n Optimist?"

Aus seinem Mund klingt das wie eine seltene Tierart. Gott lächelt. "Schon immer gewesen, Manfred, schon immer gewesen. Prost!"

 

Schönen Sommer! Hier geht es weiter Mitte September.

 

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Schreiben. Auf der Wiese

Fliegen stieben ins Gesicht -

ein Gedicht?
So klappt das nicht.

 

Käfer krabbeln

Leute brabbeln

Sonne sticht - 

ein Gedicht?

Ist nicht in Sicht. 

 

Brauche Schatten 

unter Latten-

zaun und Dach - 

das Gedicht?

Das fällt wohl flach.

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Feinste Wahl

 

 

 

 

Die Betonung ändern.     

Die Welt umrunden      

in meinem Zimmer.     

Die Auslage meiner      

Habseligkeiten betrachten,     

etwas entdecken,     

das längst da ist:     

Ein Kamm, ein Buch, ein Kissen,     

dich.     

Feinste Wahl.     

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Ernstfall

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Gehen_Bleiben

Kippe Name, Telefon und Notizbuch aus. Dann ist der Rucksack leer. Ich lasse ihn stehen. „Du musst Wasser mitnehmen“, sagt Olga. 

„Was ich brauche, finde ich unterwegs.“ Ich tue so, als sei ich mir sicher. 

Die Sonne steht schon tief. Man bricht nicht nachmittags auf. Nachmittags kommt man an. Aber ich will nicht länger warten. Wenn ich jetzt nicht gehe, gehe ich nie.

„Warum willst du eigentlich gehen?“, fragt Olga. Ich suche nach Feindseligkeit in ihrer Stimme, doch da ist nichts. Sie hockt auf der Mauer und lackiert ihre Nägel. Sechs Zehen sind schon rot. Olga nimmt immer Rot. Rosé oder Lavendel kommen nicht in Frage. Olga macht keine halben Sachen. Olga würde auch nie weggehen. Sie ist viel zu sehr hier.

Mit ihren Luchsaugen schaut sie mich an. Sie sagt nicht: Bleib. Gehen ist einfacher als bleiben. Hinter jeder Biegung könnte alles anders sein. Ich lebe gern im Könnte. „Das ist alles?“, fragt Olga überrascht. Und dann: „Soll ich deine Zehen auch machen?“

Ich zögere. Lege meine Füße in ihren Schoß. 

Wir wissen beide: Jetzt kann ich nicht mehr gehen. 

Der Pinsel biegt sich bei jedem Strich. Darunter leuchtet es rot. 

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Kindergebet

 

 

Lieber Gott,

 

hast du auch die Mücken lieb

und die Flöhe auf meinem Hund

und den fetten schwarzen Käfer

und den Mann mit dem großen Mund?

Und im Meer die Feuerqualle

Und die Frau, die so komisch riecht

Und die ekelige Schnecke

Und den Dino, den’s nicht mehr gibt?

 

Zeig mir doch, wie man liebt.

 

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Übermorgen

Heidi Klum feiert Erfolge mit einer Du-bist-schön-wie-du-bist-Show. 

Was ist passiert?

Instagram und Facebook stellen mangels Interesse ihre Dienste ein. 

Was ist passiert?

Die Päpstin schafft ihr Amt ab. Was ist passiert?

Gott veröffentlicht seine private Telefonnummer. Was ist passiert?

Das Gefühl, nicht zu genügen, ist nur noch eine ferne Erinnerung. 

Was ist passiert?

Flüge für Distanzen unter 1500 km starten nicht mehr und keinen stört es. Was ist passiert?

Jeder wird von irgendwem geliebt. Was ist passiert?

Der letzte Mensch, der je einen anderen Menschen getötet hat, stirbt geläutert im Alter von 93 Jahren im Kreise seiner Lieben. 

Was ist passiert?

In einem alten Tagebuch lese ich, dass ich ständig gestresst bin. Das Wort habe ich seit 7 Jahren nicht mehr benutzt. Was ist passiert?

In der Kirche treffen sich jeden Abend 237 Leute. Manchmal auch mehr. Was ist passiert?

Ich bin glücklich. Die anderen auch. Was ist passiert?

 

Zusammen das Heute von Übermorgen her denken. Wohnzimmerkirche Futur II am 12. Juni.

 

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Wunder regnen

Die Hoffnung soll immer zuletzt sterben. Egal, ob Flutkatastrophe oder Lottogewinn, Hirntumor oder Liebeskummer. Immer muss sie ausharren bis zum bitteren Ende. Egal, wie hoch die Chancen stehen. Das arme Ding. 

Ich stelle mir vor, dass sie hier und da gern sagen würde: „Leute, es tut mir leid. Nehmt’s mir nicht übel, aber hier kann ich wirklich nichts mehr ausrichten. Lena
 wird Holger nicht küssen, auch in hundert Jahren nicht. Nicht jeder Lahme wird gehen können. Sorry.“ Sie meint das nicht böse, sie traut sich nur, der Realität ins Auge 
zu sehen. Und deren Augenfarbe ist manchmal eben nicht rosa. Sie würde dann gern weitergehen. Weil sie sieht, was nach der Katastrophe kommt. Denn ein „Danach“ gibt es immer. Darin ist die Hoffnung eine Meisterin. Egal, ob Himmel oder Holger, sie ist schon zwei Schritte voraus. Unsereins kann sie da schnell mal aus dem Blick verlieren. Aber das macht nichts. An der nächsten Ecke wartet sie geduldig, bis man wieder aufgeholt hat, und dann führt sie einen in ein Land, das man sich nicht hätte träumen lassen. Die Hoffnung hat ihre Augen überall, am liebsten aber in der Zukunft. Und da gibt es immer irgendetwas Rosiges. Auch, wenn man selber noch schwarzsieht.

 

100 Seiten Hoffnungstexte. Weil man manchmal einfach was Positives braucht.

Mit Beiträgen von vielen anderen und mir: Vielleicht lässt jemand Wunder regnen. Susanne Breit-Keßler, Frank Muchlinsky (Hrsg.), edition chrismon | Deutsche Bibelgesellschaft

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Nix Neues

 

 

 

 

 

 

 

Nein, das ist keine Bio-Maske, sondern ein Holunderbusch.

Wenn man die Nase reinsteckt, sieht die Welt gleich anders aus. Zumindest riecht sie anders: frisch, zitronig, leicht. Das ist mein Tipp gegen Corona-Blues. Das Leben war selten so viel Jetzt wie jetzt. Alle, die noch nie viel von Planung hielten, sind klar im Vorteil. Ich übe das jeden Tag und helfe mir mit einem einfachen Gedankenspiel: Je einladender ich die Gegenwart gestalte, desto mehr Lust hat die Zukunft zu kommen. 

Und sonst? Habe ich mehr am Schreibtisch als im Zug gesessen, zoomen als Verb in meinen Wortschatz aufgenommen, immer (na gut, meistens) das Positive gesehen, die Sprache der Meisen studiert und ein Buch geschrieben. Jetzt ist es fertig. Wenn Ihr schon mal gucken wollt, wie es aussehen wird, klickt hier. Bald, ganz bald gibt es auch wieder neue Engelimbiss-Texte. Wenn ich aus dem Urlaub zurück bin.

Habt es gut!

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Roséwein und Entenküken

„Ein Glück, dass ich dich treffe“, sage ich und Gott nickt etwas zerstreut. „Geht’s dir nicht gut?“, frage ich ängstlich, denn das wäre es ja, wenn man sich jetzt auch noch Sorgen um Gott machen müsste. Deshalb rede ich lieber gleich weiter. „Es reicht, hörst du? Ich finde, dieses Virus sollte jetzt langsam mal aufgeben.“ Gott nickt und seufzt: „Das finde ich auch.“

„Dann tu was“, rufe ich, denn Seufzen hat noch nie geholfen, etwas zu verändern. „Vernichte es, verwandle es, mach, dass es aufhört!“

Er sei kein Seuchenexperte, sagt Gott, dafür gäbe es Fachleute. Die kennen sich gut mit Viren aus, auf die vertraue er.

„Und wenn sie sich irren?“

Das sei natürlich möglich, sagt Gott. Deshalb vertraue er auch auf die Fragen der anderen, dass sie nicht nachlassen, zuzuhören und mitzudenken.

„Vertrauen …“, murmele ich und klinge vermutlich enttäuscht, weil ich mir etwas Handfesteres wünsche.

„Du willst Sicherheit“, sagt Gott, und ich nicke, obwohl ich weiß, dass Sicherheit eine Sackgasse ist. „Deshalb habe ich das alles hier“ – er macht eine raumgreifende Bewegung, „auf Vertrauen aufgebaut. Ich glaube daran. Ich vertraue darauf, dass ihr klug und mutig genug seid, euer Herz und euren Verstand zu nutzen. Ich glaube an eure Widerständigkeit, die habe ich in eure DNA gelegt, an eure Fragen und euren Zweifel. Vergesst die nicht. Ich vertraue auf euren langen Atem, den habe ich in Jahrtausenden mit euch geübt. Ich vertraue auf eure Wachsamkeit. Es reicht, wenn einige wachen und die anderen sich wecken lassen. Wechselt euch ab. Ich vertraue auf eure Phantasie, denn die habt ihr von mir. Im Übrigen vertraue ich auf Butterblumen, Roséwein und Entenküken und finde, dass es ein paar ausgezeichnete Serien gibt.“

„Du überraschst mich immer wieder“, murmele ich wie zu mir selbst, und mir fällt plötzlich auf, wie hell der Himmel an diesem Abend ist.

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Aufstehen

Ich färbe Eier und male in Goldbuchstaben ein A und ein O.

Ich hole grüne Zweige herein, den Teig knete ich für das Osterbrot. Ich habe Öl gekauft, es riecht nach Rosen, das geht unter die Haut. Ich kenne die Gesänge, angestimmt in einer fernen Welt und ohne Ende gesungen. Dies ist die Nacht.

Ich stehe auf und schleiche mich hinaus, bevor die anderen erwachen. Keine Ahnung, was ich erhoffe, aber der Morgen wird da sein, die Vögel werden da sein, und ich – ich werde auch da sein. Vielleicht begegne ich einem in weißen Kleidern, auch wenn das wahrhaft unwahrscheinlich ist. Aber Ostern ist sowieso nichts für Kopfrechner.

 

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Erinner dich: Brot, Wein, zusammen sein

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Ob Ostern wird

Ob Ostern wird, fragst du ängstlich,

und ich sage, natürlich wird Ostern.

 

Aber wer singt die Lieder,

wer bringt das Licht herein?

Wer steht auf, früh vor der Sonne,

wer segnet die Angst,

wer himmelt die Erde?

 

Du, sage ich, und ich.

Und die anderen

an ihren Küchentischen,

zwischen Legosteinen

und beim Melken der Kuh.

Bei der ersten Schicht in der Tankstelle,

nach unruhigem Traum im Krankenbett,

mit müden Augen am Taxistand.

Im Pausenraum morgens um vier,

zwischen Narzissen und Windrosen,

woimmer und überall.

 

Tägliche Texte schreibe ich gerade auf dem Lichtblick-Blog von Chrismon.

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Stubenhocker

Im Wohnzimmer sitzt ein Engel. Er sagt, er sei ein Stubenhocker. Endlich dürfe man das ohne schlechtes Gewissen sein. Kein Pilateskurs, kein Theater-Abo, der Lesezirkel fällt aus, ebenso der Esperanto-Kurs für Fortgeschrittene, es gibt einfach keine Freizeittermine mehr, die man einhalten muss. Er werde, sagt er, jetzt einfach hier sitzen und vielleicht etwas lesen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht werde er auch nur schauen. Draußen sei vor 20 Minuten eine Meise gelandet und habe geprüft, ob der Zweig trägt. Eine Wolke habe sich in ein Schaf verwandelt. Das Gras sei gewachsen, aber, wendet er ein, da müsse man schon sehr genau hinschauen. Er sieht mich erst mitleidig, dann aufmunternd an. Man könne das lernen, fügt er hinzu und fragt, ob ich mich zu ihm setzen wolle. 

Warum nicht, denke ich. Von einem Engel kann man bestimmt was lernen.

 

Übrigens: Ab morgen schreibe ich für Chrismon täglich einen "Lichtblick". Schaut vorbei!

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Always look on the bright side...

Was mir gerade gut tut:

 

Dinge ordnen. Küchenschrank. Wäsche. Bücher. 

Der Luxus, einfach jeden Tag mit einem Brötchen zu frühstücken. Um 11 Uhr. 

Blumen einpflanzen.

Ungelesene Bücher lesen.

Ausgiebiger an einem Text feilen als sonst.

Die plötzliche Ruhe genießen.

Der Stimme widerstehen, die raunt: Du darfst jetzt nicht genießen. 

Auch dem Aktivismus widerstehen, das ganze offline Leben online stattfinden lassen zu wollen.

Bärlauchpesto machen. 

Bärlauchpesto essen.

Atmen üben.

 

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Haus der Träume

Jakob kann nicht schlafen. Weil die Gedanken in seinem Kopf Hip-Hop tanzen und weil ihm der nächste Tag bevorsteht und ein Date, vor dem er Angst hat. Er steht auf und geht hinaus in die Nacht; ich stelle mir vor, wie er dasteht und in die Sterne guckt, sich eine Zigarette ansteckt und die Füße schneller kalt werden als der Rest.

Da wirft ihn etwas um. Ein Unbekannter reißt ihn zu Boden. Sie ringen miteinander, ich sehe sie kämpfen, keiner gewinnt, denn ums Gewinnen geht es nicht. Ich höre das Keuchen ihres Atems, keiner lässt los, keiner sagt: Lass uns reden. Die beiden ringen miteinander, bis das Morgenrot die Geister der Nacht vertreibt. Der Unbekannte versucht, sich loszureißen. „Ich lasse dich nicht gehen“, ruft Jakob, „gib mir erst deinen Segen.“ Er bekommt ihn, weil er darum gekämpft hat.

Die Geschichte ist uralt und sie ist meine Geschichte.

Ich will Jakob sein, der Gott den Segen abringt. Kein Ringelpiez, kein frommes Gerede, niemand sagt „zauberschön“. Aber es ist echt.

Jakob sagt, Gott sei manchmal zum Greifen nah.

Wohl eher handgreiflich, sage ich.

Das sei die andere Seite, sagt er. Wenn du nicht in einer Wattewelt leben willst. Kann sein, dass er dich umhaut.

 

                                                                                                                                 Weiterhören oder lesen: Haus der Träume im Deutschlandfunk

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Für Ferhat, Gökhan, Hamza, Said Nessar, Mercedes, Sedat, Kalojan, Fatih, Vili, Gabriele

 

 

 

eine Kerze brennt

etwas vergolden

während der Regen

gleichmäßig ans Fenster klopft

hass hat

nicht das letzte Wort

 

 

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Herrschaft

 

 

 

Heute Morgen zeigt der Himmel in Blau, dass es ihn noch gibt.

In einer Parallelwelt erklärt ein Papst, dass es Frauen schaden könne,

wenn sie Priesterinnen werden. Es muss sich um einen zweifelhaften 

Beruf handeln.  Auf Facebook feiert eine Pastorin ihr 42-jähriges Dienstjubiläum.

Sie sieht glücklich aus im Talar. Ihr Lippenstift passt zu ihrem Lachen.

Ich wende mich anderen Dingen zu und lese einen Text, in dem Adjektive

die Herrschaft übernehmen. Sie sind gerissen, weil sie vorgeben, freundlich zu sein.

Aber auch mit Freundlichkeit kann man Subjekte ersticken.

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Januarmorgen

Das Jahr ist nicht mehr ganz frisch. Es hat schon Moos angesetzt, kein Wunder bei dem ganzen Regen, der doch eigentlich Schnee sein sollte. Aber er richtet sich nicht nach mir, vielleicht fühlt er sich flüssig ganz wohl. Im neuen Jahr soll man sich verändern, überall Aufbruch, mir wird schwindelig davon. Ich finde, der Januar ist ein Monat, in dem man erstmal atmen kann. Bevor man losstürmt, wer weiß wohin. Ausatmen. Die Kaffeetasse sehen. Einatmen. Die Kontoauszüge taxieren. Einatmen. Einen Schluck Kaffee trinken. Ausatmen. Die leeren Stifte wegwerfen. Einatmen. Die E-Mails erst in zwei Stunden lesen. Ausatmen. An Harry, Meghan, den Sommerurlaub, das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, Wandfarbe, an nichts und alles denken. Einatmen. Nicht behaupten, dass das eine Meditationsübung sei. Ich schmiege mich in die Halskuhle des Januars und denke, wie weich doch Moos ist.

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Als der Weihnachtsmann auf dem Weg nach Hause ist

Als der Weihnachtsmann auf dem Weg nach Hause ist, trifft er die drei Fremden. Sie halten Pakete in den Händen. „Bisschen spät, Kollegen. Ich hab’ alles abgeliefert: Iphones, Krawatten, Legosteine. Ich sag’ euch: Mir reicht’s! Was habt ihr dabei?“ 

„Gold, Weihrauch und Myrrhe.“ 

Der Weihnachtsmann zieht eine Augenbraue hoch. „Das ist doch nicht euer Ernst! Gold, ja, das geht immer. Aber das andere Zeugs? Was soll man damit anfangen?!

Die drei Fremden lächeln. „Gold ist das Wertvollste, was wir haben“, sagt der erste.

„Weihrauch ist für das, was uns heilig ist“, ergänzt der Zweite. „Und Myrrhe heilt, wenn einer Schmerzen hat“, schließt der dritte. Der Weihnachtsmann seufzt. „Das könnte ich auch brauchen! Für meine Schultern. Dieser schwere Sack! Und innendrinn – wisst ihr, wie es bei mir innen drin aussieht? Daran denkt keiner! Für mich interessiert sich niemand. Alle wollen immer nur haben, haben, haben! Heimlich lachen sie über meinen Bart und dass ich so altmodisch bin. Manchmal glaube ich selber nicht mehr an mich!“ Die Fremden nicken verständnisvoll. „Wir glauben an dich“, sagen sie. „Komm doch mit uns!“ Der Weihnachtsmann guckt die drei traurig an. „Aber ich habe keine Geschenke mehr. Kein einziges!“ „Das macht nichts“, sagt der erste. „Es reicht, dass du da bist“, sagt der zweite. „Vielleicht beschenkt dich das Kind, das wir suchen“, sagt der dritte.

„Was kann so ein Kind denn schon zu geben haben?“ „Finde es heraus.“ Und so sind sie plötzlich zu viert und folgen dem Stern.

Viele schließen sich ihnen an.

 

 

Helle Tage, frohe Nächte und auf Wiedersehen im nächsten Jahr!

 

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Freunde

Die Eichhörnchen, meine Freunde

legen Nüsse in die Krippe

draußen der Schnee

warmer Atem

malt Wölkchen in den Stall

eine Nachtigall ist geblieben

sie singt

gegen die Kälte

in den Straßenschluchten der großen, 

weiten Welt

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Unterwegs

„Woher kommt ihr, wohin wollt ihr?“, fragt man uns.

„Wir haben den Stern gesehen. Er zeigt uns etwas, das ist größer als alles.“

„Was kann schon größer als alles sein?“

„Die Sehnsucht“, sagen wir. 

„Die Sehnsucht kann man nicht greifen.”

Wir widersprechen:

„Die Sehnsucht ist ein Kind, das beschützt werden will.

Die Sehnsucht ist nackt und sie schämt sich nicht.

Die Sehnsucht wartet, wo wir nichts erwarten.“

Draußen wartet die Nacht. 

Der Stern führt uns in die Weite. 

Hinaus aus der Stadt, auf die Felder. Der Weg verschwindet im Gras. 

Erschöpft lassen wir uns nieder.

Einer sammelt Holz.

Eine entzündet das Feuer.

Einer bläst in die Glut.

Wir schweigen lange. 

„Die Sehnsucht ist ein Kind, das beschützt werden will“, wiederholst du.

„Und wenn wir sie finden? Was sind wir bereit zu geben?“

Wir breiten unsere Gaben aus:

Weihrauch, weil die Sehnsucht das Heiligste ist, was wir haben.

Myrrhe, weil Sehnsucht manchmal schmerzhaft ist.

Gold, weil die Sehnsucht das Wertvollste ist.

Wir schauen ins Feuer.

Wir schweigen uns zusammen, bis wir einschlafen,

Schulter an Schulter.

 

Die Könige in der "Wohnzimmerkirche"

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Wild und frei

Wir sitzen im Boot und der Wind zaust die Bäume. Der Himmel ist so blau. In diesem Moment bist du da. Ich könnte dich niemandem erklären, wollte es auch gar nicht. Ich habe keinen Namen für dich und erst recht kein Bild. Manchmal tauchst du mit einer Wucht in meine Gegenwart, die mich wanken lässt. Ich halte das Paddel still und mein Gesicht in deine Richtung. Das Wasser schwappt gegen den Bug und wir wippen zusammen auf den Wellen. Ich höre das Glucksen, sonst nichts. 

Wir reden nicht, ohnehin reden wir selten. Worte sind zwischen uns eher eine Krücke. Ich brauche sie, wenn es mir schlecht geht. Dann rufe ich dich, dann sage ich „lieber Gott“, in Ermangelung einer anderen, einer besseren Anrede. Aber vielleicht ist sie auch gar nicht schlecht, sie drückt Nähe aus und etwas Zärtliches. Anders kann ich dich nicht denken, weil ich dich anders nicht erlebe. Wenn du fern bist, sehne ich mich nach dieser Nähe. 

Ich habe Gebete gelernt. Liebergottmachmichfrommdassichindenhimmelkomm war mein erstes. Es fühlt sich nach Daunenbett an und riecht ein wenig nach Mottenkugeln. Damals holte Oma dich dazu, wenn sie kam und mir Gute Nacht sagte. Ich hatte keine Ahnung, wer du bist, aber Oma schien es zu wissen und das reichte. Sie holte dich, damit ich besser schlafen konnte und vielleicht auch, damit der Marder mir weniger Angst machte. Ich lernte dich also im Bett kennen. Kann sein, dass das unsere Beziehung prägt. 

Später lernte ich mein erstes Erwachsenengebet. Vaterunser murmelten alle zusammen, das klang ernst, und wenn es gut lief, auch feierlich. Alle konnten es, nur ich musste es erst lernen. Ich fühlte mich wie eine Nachzüglerin, als hätte ich die ersten Jahre geschwänzt, hätte zuviel in den Wiesen gespielt, Frösche gejagt und Blaubeeren gepflückt, während die anderen in der Kirche saßen. Ich hörte, dass dieses Gebet wichtig sei, weil es alle schon immer beten. Alle sind eine ziemlich große Menge, dagegen kann man nicht an. Also murmelte ich mit. Am besten gefiel mir die Zeile von der Kraft und der Herrlichkeit in Ewigkeit; nicht, weil es die letzte war, sondern, weil sie wie ein Zauber klang. Wie eine Beschwörungsformel, der ich mich auch heute nicht entziehen kann und du dich ja vielleicht auch nicht. Ich lasse mich gern von dir verzaubern. 

Dann kamen die anderen, die sogenannten freien Gebete. Sie haben keinen Reim und keinen Rhythmus, man sagt einfach, was einem gerade einfällt. Meistens sind es Dinge, die du tun sollst. Vorher bedankt man sich für irgendetwas, ich nehme an, es handelt sich dabei um einen Akt der Höflichkeit. Sie werden laut gesprochen, andere hören, was ich dir sage, das war mir immer schon ein bisschen peinlich (und dass es mir peinlich ist, ist mir auch peinlich.) Vielleicht geht es dir ähnlich. Jedenfalls traf ich dich bei diesen Gebeten nur selten, meistens wartetest du draußen. Ob du nicht reinkommen willst, habe ich gefragt, aber du hast nur den Kopf geschüttelt und mir ein paar Kirschen entgegengehalten. Weil du mich kennst. Weil du weißt, dass ich lieber mit dir Kirschen esse, als die Worte da drinnen zu schlucken, die immer ein bisschen nach Gebrauchsanleitung klingen. Tu dies, tu das, denk an jenes. Sie flirten nicht, sie verhandeln, aber das vertraue ich nur dir an, weil ich ahne, dass nicht jeder versteht, was ich meine. 

Dass du mich verstehst, daran glaube ich. Weil wir zusammen durch die Felder gestreift sind. Haben Ähren gerauft und uns Weizenkörner auf die Zunge gelegt und Worte, an denen wir uns nicht die Zähne ausgebissen haben. Wir haben zusammen an Papas Grab gestanden, ich glaube, du hast geweint. In der Nacht haben wir mit den anderen zur Gitarre gesungen, der Mond schien, und ich dachte, wie schön du singst. Wir haben getanzt bis in den Morgen, Schweiß glänzte auf unserer Haut. Zusammen haben wir Weihrauch gerochen und Leuchtalgen durch die Hände gleiten lassen. Wir haben unterm Nordlicht gestanden, Träumende gesehen und nicht aufgehört zu staunen.

Du bist wild und zärtlich und unendlich frei. Damit lockst du mich. Du holst mich hinaus ins Weite. Meine Sprache endet bei dir. Du bist nicht Vater und nicht Mutter für mich. Du bist kein „Er“, du bist nicht „Sie“ und schon gar nicht bist du „Es“. Du bist jenseits aller Definitionen. Du bist. Unsere Schultern berühren sich manchmal, dann lehne ich mich hin zu dir und bewege mich nicht, solange der Moment dauert. Ich liebe ihn. Ich will ihn festhalten. Ich will dich festhalten, will mein Zelt aufschlagen für uns, will aus dem jetzt ein ewig machen. Ich musste lernen, dass du dich nicht festhalten lässt. Darin bist du eindeutig. Ich habe dich nicht in der Hand. Aber du kommst wieder. Darauf vertraue ich, ich vertraue darauf, dass wir zueinander gehören, ohne uns ständig unseres Daseins versichern zu müssen.

Manchmal rufe ich dich. Flüstere in der Nacht mit lautloser Stimme deinen Namen. Sage dir ein paar Sätze, Geheimnisse oft. Du bist der einzige, dem ich sie alle anvertraue. Meistens schlafe ich darüber ein und dann bis ich doch wieder im Daunenbett. Ich schlafe gern in deiner Gegenwart.

Wie andere mit dir reden, weiß ich nicht. Wahrscheinlich treffen sie dich an anderen Orten, in Kirchen oder Hörsälen, an Tankstellen oder Krankenbetten, beim Stricken oder Bingospielen. Ich weiß, dass du auch da bist, wo ich nicht bin. Dass du an Orten bist, die mir fremd sind. Wo du mir fremd bist. Das ist gut so. 

Ich könnte mich sonst zu sehr an dich gewöhnen.

 

in: Andere Zeiten 3/2019, Buß- und Bettag

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Mauern stürzen

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, einander zu lieben.

Weil Liebe kein Gefühl ist, sondern eine Fähigkeit.

Weil Liebe süßer ist als Milch und Honig.

 

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, zu hoffen.

Weil Hoffnung keine Garantieleistung ist, sondern eine Verheißung.

Vielleicht wird es ganz anders als wir denken.

Vielleicht werden wir ganz anders als wir denken.

 

Der Himmel ist hier.


Wenn wir ihn hier nicht finden, finden wir ihn nirgendwo.


Ich glaube daran, dass wir träumen können.

Weil ein Traum immer der Anfang ist.


Lasst uns zusammen träumen von uns


Die wir sind


Und die wir sein werden


 

Wir sind ein Volk. 

Der Himmel ist: hier 

 

Wohnzimmerkirche am 8. November "Wenn Träume Mauern stürzen". 

 

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Mio sieht was

 

Mio kann Angst sehen. Angst ist orange, ein grelles, beißendes Orange. Mio sieht, wie Schnecken lachen. Er sieht auch, wie sein Kaktus auf der Fensterbank wächst. In einer Nacht im Oktober sieht Mio Gott, vielleicht träumt er auch, da ist er nicht ganz sicher. 

„Das macht keinen Unterschied“, sagt Gott, der einen Hut trägt und das wundert Mio, weil er sich Gott ganz anders vorgestellt hat.

„Das meiste, was man sich vorstellt, ist am Ende ganz anders“, gibt Gott zu bedenken und Mio findet, dass das auch wieder wahr ist. 

„Was willst du?“, fragt Mio.

„Dich“, sagt Gott.

Da ist Mio erstmal sprachlos, weil ihm das so direkt noch keiner gesagt hat. Sein Chef nicht, Merle nicht, nicht mal seine Mutter. Meistens ist es kompliziert, weil es meistens ein Aber gibt. 

„Ich habe dich ausgesucht“, sagt Gott.

„Wann?“, fragt Mio, weil er nichts davon bemerkt hat.

„Schon lange. Schon immer. Schon länger als immer.“

Jetzt würde Mio gern wissen, wofür Gott ihn ausgesucht hat. Aber er scheut sich, zu fragen. Wer weiß, was dann kommt. Wer weiß, ob er das will.

Dann fragt er doch. „Wofür?“

„Du sollst die Welt retten.“

Mio reißt die Augen auf. „Geht’s nicht eine Nummer kleiner?“

„Nein“, sagt Gott. „Bedaure.“

Mio sieht, dass er es ernst meint. Trotz des Hutes.

„Das kann ich nicht!“, ruft Mio. „Wer sollte denn auf mich hören? Ich bin zu jung. Sogar Merle sagt, ich bin sonderbar. Ich kann nicht reden. Jedenfalls verhaspele ich mich an den wichtigen Stellen. Ich habe keine Ahnung, wie man eine Krawatte bindet. Hast du mal geguckt, wie es aussieht da draußen? Die Trumpserdogansvaterlandsverteidigerdieplatzhirschediemeinmöchtegernpanzerdieichzuerst-dielügenpresseerfinderdiehauptsachekohlemacherdie– hast du die gesehen?“

„Darum ja", sagt Gott. "Einer muss ihnen sagen, dass es so nicht geht.“

„Aber nicht ich!“

„Doch!“

„Nein!“

Das Schweigen, das jetzt folgt, ist ein bisschen unangenehm. Die Luft ist orange.

„Hab keine Angst“, sagt Gott. „Ich bin ja bei dir.“

Mio atmet drei Mal ein und wieder aus. Dann atmet er ein viertes Mal. 

„Was siehst du?“, fragt Gott.

„Ich sehe die Nacht, den Schatten der Lampe, ich sehe deinen sonderbaren Hut, ich sehe eine leere Flasche Bier, den Kaktus und dass ich morgen sehr müde sein werde.“

„Sieh darüber hinaus. Was siehst du?“

Mio schluckt. „Ich sehe eine Welt, die tobt. Ich sehe ein Fass, das überläuft. Ich sehe einen brodelnden Kessel. Ich sehe Risse in der Fassade. Ich sehe Zeit, die abläuft. Ihre Füße sind wund. Ich sehe eine Axt im Wald. Ich sehe Menschen, die aufs Kreuz gelegt werden. Ich sehe Asche auf den Häuptern.“

„Ja“, sagt Gott. „Was siehst du noch?“

„Ich sehe einen Zweig, der blüht. Ich sehe Menschen, die tropfenweise das Feuer löschen. Ich sehe Liebende, die sich an einen Strohhalm festhalten. Ich sehe, wie einer eine Lanze bricht. Ich sehe einen Knoten, der sich löst. Ich sehe, Karten, die offen liegen. Ich sehe eine Schwalbe, sie bringt den Sommer. Sie bringt Freiheit. Sie bringt Alletagefrieden. Sie bringt Glück. Es nistet sich ein, überall, wo jemand das Herz öffnet.“

„Ja“, sagt Gott. „Erzähl davon. Vertrau dem, was du siehst.“

„Aber…“, sagt Mio.

Da berührt Gott Mios Lippen, das fühlt sich an wie ein Kuss und Gott legt Worte in Mios Mund, alle Worte, die man braucht. 

Ein Aber ist nicht dabei.

 

(Steht so oder so ähnlich bei Jeremia 1.)

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Was ich gern höre

Stille

die Nationalhymne nachts im Deutschlandfunk

die Europahymne, anschließend

Ich liebe dich

Ungesagtes

die Worte zwischen den Zeilen

meinen Namen

Kirchenglocken

den Ruf des Muezzin, wenn die Nacht weicht

das Gurgeln eines Baches

das Ping einer WhatsApp

Cellomusik

den Eröffnungstango der Nordischen Filmtage

das Knistern alter Schallplatten

Nebelhörner

 

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Hallo Eva,

du bist die Mutter der Neugier. Du willst Erkenntnis. Manche nennen das Sünde.

Ich glaube, sie nehmen dir übel, dass du sie aus ihrem kleinen Paradies vertrieben hast, in dem alles zusammenpasst und es keine Zwischentöne gibt. Zwischentöne sind ihnen unheimlich. Wie, wenn man es nachts im Wald knacken und wispern hört und nicht weiß, ob das Tier, das da ruft, gefährlich ist. 

Schlangen können gefährlich sein. Ich bin bisher nur auf Ringelnattern und Blindschleichen getroffen. Die tun nichts. 

Im Paradies gab es gefährlichere Schlangen. Eigenartig oder?

Ich nehme dir nichts übel. Bei mir brauchst du dich nicht zu entschuldigen. Ich glaube auch nicht, dass du naiv warst. Oder leicht verführbar. Womöglich hattest du einfach ein großes Grundvertrauen. Du hast den Worten der Schlange geglaubt, ihren Argumenten, mit denen sie ja gar nicht falsch lag. Deine Neugier eröffnete einen neuen Horizont, der weiter ist als ein Kindheitsparadies. Du gabst die Sicherheit eines begrenzten Raums zugunsten der Freiheit auf. Ich hätte es genauso gemacht. 

Ich weiß nicht, wie es sich im Paradies lebt, aber auf der Erde gefällt es mir gut. Ich trage deine Kleider auf, jene, die Gott euch damals gab, weil das Leben hier draußen manchmal ruppig und kalt sein kann. Sie halten immer noch warm. 

Mit deinem Wunsch nach Erkenntnis hast du eine Bewegung ausgelöst. So viele Menschen folgen dir. Sie stellen Fragen und suchen Antworten. Sie versuchen, Gut und Böse zu scheiden. Sie bauen hier auf der Erde am Himmel nach den Plänen deiner Erinnerung. Ich gehöre dazu.

Du hattest Mut, Gott kurz den Rücken zu kehren. Ich glaube, du wusstest, er wird nicht verschwinden, wenn du woanders hinguckst. Wenn du die Welt entdeckst. Gott ist gut darin, Rücken zu stärken. 

 

Viele Grüße von unterwegs, deine S.

 

(aus: Was machen Tagträumer nachts?)

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Wieder anfangen

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Lebenszeichen

Spiel

Die Erde ist rund, weil man mit runden Dingen besser jonglieren kann. Ich glaube, Gott ist ein Jongleur, ein ziemlich guter noch dazu. 

Ich habe es auch schon probiert und übe noch. Mir gefällt der Gedanke, niemanden fallen zu lassen. 

 

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Draußen

 

Ich mit dir 

In einem Boot

 

Du zaust die Bäume

Schickst Adler los

Und waghalsige Träume

 

Wir schlafen Haut an Haut

Nur eine Zeltwandweit getrennt

 

Ich werfe meine Netze aus

Angle nach dem Unerreichbaren

Mit Geduld

 

Du lehrst mich barfuß zu vertrauen

Mein Herz ist eine begierige Schülerin

 

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Fragen des Tages

1. Fühlt sich das Glück bei dir wohl?

2. Was hält dich wach?
3. Ist die Inspiration eine Diva?

4. Was hilft?

5. Was verschenkst du?

6. Wann ist das Bekenntnis zu Schwäche eine Ausrede?

7. Könnte Schlaf eine Lösung sein?

8. Willst du das wirklich oder freust du dich nur, gefragt zu werden?

9. Wie schnell muss dein Herz klopfen, damit du dich einlässt? 

 

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Himmelfahrt für alle Tage

Der Himmel ist anders als du denkst.

Der Himmel ist ein Feld, das darauf wartet, bestellt zu werden.

Der Himmel ist eine Wolldecke. Keiner kriegt kalte Füße.

Der Himmel ist ein Augenblick. Nur die Wachen sehen ihn. 

Der Himmel ist ein Apfelkuchen. Jeder gibt ein Stück.

Der Himmel ist ein Sack voll Lose, und jedes ist der Hauptgewinn. 

Der Himmel ist ein Hase, den der Schuss des Jägers nicht erwischt.

Der Himmel ist ein Kopfstand. Nur die Mutigen wagen ihn. 

Der Himmel ist ein Gegenüber, das zum Miteinander wird. 

Der Himmel ist ein Gedicht, und du bist der Reim.

Der Himmel ist ein Engel, der an den Himmel erinnert.

Der Himmel ist die Möglichkeit: Nach oben offen.

 

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Liebes Europa,

 

wenn ich dir schreibe, dann schreibe ich 500 Millionen Menschen. Das ist nicht so leicht, weil ich nicht alle dieser Menschen kenne, nicht mal auf einen Kaffee. Ehrlich gesagt, glaube ich auch, ich würde nicht alle mögen. Wahrscheinlich würde es bei so einem Kaffeetrinken ziemlich schnell Streit geben. Spätestens, wenn wir bei der Politik ankommen, würde es laut. Das kenne ich schon von den Weihnachtsfeiern meiner Kindheit. Und da saßen gerade mal zwei Dutzend Menschen an einem Tisch. Trotzdem haben wir uns jedes Mal wiedergetroffen. Verrückt, nicht?

 

Was auch verrückt ist: Ich finde dich wunderbar. Den finnischen Eigenbrötler oben in Karelien, die französische Bäckerin, mit der ich nur radebrechen kann, auch die Zyprioten, von denen ich noch nie einen getroffen habe, möchte ich nicht missen. Sind halt wie entfernte Cousinen, die kennt man auch nicht alle. Und weißt du, was das erstaunliche ist? Trotz aller Unterschiede raufen wir uns, so lange ich lebe, immer wieder zusammen. Das macht Familie aus. Man muss nicht jeden liebhaben. Aber nur, weil man einen nicht mag, das ganze aufs Spiel setzen?

 

Liebes Europa, manchmal bist du wie eine pingelige Tante. Dann nervst du mit deinen Vorschriften und Bestimmungen. Aber im Herzen bist du eine Romantikerin. Das sieht man schon an deinen verspielten Sternchen. Du bringst Kanelbullar und belgische Pommes auf den Tisch, griechischen Joghurt, Dresdner Eierschecke und polnische Piroggen. Genug für alle, das Teilen üben wir noch. 

Ich bin auch Romantikerin. Das ist nicht das Schlechteste: Wenn Liebe im Spiel ist, ist man eher bereit, zu ringen. Nicht aufzugeben, nur weil es mal nicht so gut läuft.

 

Und deshalb, liebes Europa, halt durch. Ich bin auf deiner Seite.

 

Deine Susanne

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Theologie der verständlichen Worte

 

 

Ich liebe dich.

 

 

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(Keine) Randnotiz

Wir fahren über die Grenze, die keine Grenze mehr ist. Die Bäume gleichen sich, aber im Hotel gibt es Schokostreusel zum Frühstück. 

Abends löffeln wir unsere Suppe; 16 Deutsche an einem Tisch, an den Nachbartischen Niederländer. Alle legen um Punkt acht ihr Besteck zur Seite und schlucken: Stille im ganzen Land. Zwei Minuten Gedenken der niederländischen Opfer im Krieg. 

Was für eine Gnade, denke ich, dass wir das zusammen tun können. Opa hat das Land besetzt, und ich bekomme Tomatensuppe.

Das ist Frieden. Wie dankbar ich dafür bin.

 

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Aufstand

                        Als Klappkarte auf editionahoi

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Vor Ostern

In diesen Nächten

rufst du mich hinaus

In diesen Nächten

schläft die Eule

und der Dämon ruht

In diesen Nächten

wehen die jungen

Buchenblätter

und die Luft schmeckt

nach Werden

 

 

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Scheiter heiter!

Sterben kann jeder. Es ist nichts Besonderes, da nützt auch kein Mahagonisarg, kein Staatsbegräbnis, kein weises letztes Wort. Der Tod ist ein Totalversagen. Und ein Gott, der stirbt – naja. Jedenfalls ist er kein Held.

Ich bin auch keine Heldin.

In der vierten Klasse sollten wir unser Lieblingsbuch mitbringen. Stolz legte ich einen Band Donald Duck auf den Tisch. Ob ich denn nichts anderes lese, fragte meine Lehrerin säuerlich. Doch, stammelte ich, was eine glatte Lüge war. Anderes begann ich erst später zu lesen. Donald, Dagobert, Tick, Trick und Track blieb ich trotzdem treu. (...)

Donald ist mein Held, eben weil er kein Held bist. Er ist die menschlichste aller Enten. In ihm finde ich mich wieder, irgendwo zwischen Kleinmut und Größenwahn. Seine Übertreibungen lehren mich Selbstironie. Ständig stolpert Donald über seine kurzen Beine und seine eigenen Ideale. Er ist cholerisch, lächerlich, gewöhnlich. Keine seiner Fähigkeiten ist besonders ausgeprägt. Donald weiß, was Sinnkrisen sind. Er weiß, wie es ist, „ein Niemand, der allernichtigste Niemand in ganz Entenhausen“ zu sein. Ach Donald, du wirst es nie zu etwas Großem bringen. Dennoch lässt du dich nicht unterkriegen: „Heut morgen ist mir die Zunge in den Rührfix gekommen, gestern Abend ist mir das Seifenpulver in die Rühreier gefallen und vorgestern ... na ja!“

Trotzdem gibt er nicht auf. Donald ist ein Stehaufmännchen.

Jesus auch.

Die Verehrung eines Gekreuzigten hat dem Christentum viel Spott eingebracht. Die erste bildliche Darstellung ist ein römisches Graffito aus dem 2. Jahrhundert. Es stellt einen gekreuzigten Esel dar, versehen mit der Unterschrift: „Alexamenos betet seinen Gott an“. Götter hatten glorreich zu sein. Helden eben. Und nun tauchte einer auf, der durch die schändlichste aller Todesstrafen starb. Nur Nichtrömer und Sklaven durften gekreuzigt werden. Warum sollte man an so einen Gott glauben? Warum sollte man einem Gott vertrauen, der in seiner Mission scheitert? Der jämmerlich und hilflos ausgeliefert ist? Ein Gott, der aufs Kreuz gelegt wird?

Im Laufe der Jahrhunderte haben viele Künstler versucht, die Sache geradezubiegen. Sie haben Jesus am Kreuz einen schönen Körper gegeben. Manchmal hat er ein Sixpack, Bauchmuskeln von denen andere träumen. Aber auch, wenn sein Körper ausgemergelt ist, bleibt er ästhetisch. Scheitern ist okay, solange es nicht zu unappetitlich aussieht. Wer will sich schon Sonntag für Sonntag einen Verlierer anschauen? Das wäre eine Zumutung.

Ich glaube, genau das ist es auch. Ein jämmerlicher Gott ist eine Zumutung, weil er in Abgründe zieht. Er zeigt, was Menschsein heißt. Wir sind keine Helden. Wir sind Scheiternde, mal verschuldet und mal unverschuldet. Mal alltäglich und mal existenziell. Mal brennen die Bratkartoffeln an und mal geht eine Beziehung in die Brüche. Immer bleibt Gott an unserer Seite...

 

gesendet in: Deutschlandfunk, Am Sonntagmorgen. Den ganzen Text zum Hören oder Lesen gibt es hier.

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Liebe Höflichkeit,

 

Sei ehrlich: Ehrlichkeit ist nicht deine Stärke. Du willst nicht authentisch sein. Über dein „wahres Ich“ denkst du nicht nach. Du nimmst dir nicht die Freiheit, jemanden zu mögen oder nicht zu mögen und ob dir eine Begegnung etwas bringt, ist keine Frage für dich. Du bist selbstlos. Im wahrsten Sinn des Wortes. Du berechnest nicht und rechnest dich nicht. Du dienst. Ziemlich altmodisch. Wahrscheinlich wurde dir schon oft geraten, mehr auf dich zu achten. Gefühle zu zeigen. Jemanden abzuweisen. Aber das tust du nicht. Du behandelst alle gleich. Du wünscht jedem einen Guten Morgen und sagst „angenehm“ auch dann, wenn dir der vorgestellte Herr Kunzelmann gar nicht angenehm erscheint. 

Das liebe ich an dir. Deinen Großmut. Du baust ein Gerüst, das stabil bleibt, auch wenn Sympathie und Frieden, Geduld und Verständnis wanken. Du erinnerst daran, dass jeder ein Mensch ist. Und darin, vielleicht nur darin, sind alle gleich. Du hältst auch einem Betrüger die Tür auf. Einem Heiratsschwindler wünschst du Gesundheit und selbst deine Antwort auf den übelsten Hetzbrief beginnst du mit „Sehr geehrte“. Du hältst Maß, wo ich mich nicht mehr mäßigen kann. Du gibst meinen Inhalten eine Form. Dabei redest du mir meinen Zorn nicht aus. Du leihst ihm nur deinen Mantel. 

Ich ahne, dass du manchmal aufgeben willst. Dass du dich fremd und unerwünscht fühlst. Dass du dich in schlaflosen Nächten fragst, ob jene nicht doch Recht haben, die behaupten, du seist überflüssig, ein Relikt vergangener Zeit. Lass dir das nicht einreden. Ich glaube an dich. Wir brauchen dich, wenn wir uns nicht zerfleischen wollen.

Halt durch!

 

Deine S.

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Vor dem Aufbruch

 

 

Auf dem Rollfeld warten Schmetterlinge. Das Licht ist sehr hell, wie auf einem Polaroid, das einem gewöhnlichen Ort etwas Unwirkliches gibt. Wind kommt auf. Er treibt Staub vor sich her. Die Flügel der Schmetterlinge zittern. Die Stille rauscht in meinem Ohr. Wenn das ein Traum wäre, würde jetzt etwas geschehen, ein Dinosaurier würde auftauchen oder ein Popcornverkäufer oder die Passagiere würden an Gate 6 gebeten. Daran, das nichts passiert, merke ich: dies ist kein Traum. Die Schmetterlinge warten. Ich warte. Wenn sie aufflögen, denke ich, würde der Himmel eine Blumenwiese. Dann würde ich aufbrechen. Ich versuche, nicht zu blinzeln, um den Augenblick nicht zu verpassen.

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Bedienungsanleitung

Manchmal wäre eine Bedienungsanleitung für Menschen hilfreich. Wie tickt eine? Welche Schwachstellen hat er, wo ist Vorsicht geboten? Ivar Kroghrud hat genau das gemacht. Er ist einer der erfolgreichsten Gründer und IT-Unternehmer Norwegens und hat eine Bedienungsanleitung für sich selbst geschrieben. Super Idee, finde ich. 

 

Bedienungsanleitung für MICH

 

Morgens ab 6 Uhr betriebsbereit, bei ausreichendem Schlaf auch früher.

Ab 22.30 Uhr in den Ruhemodus fahren, in Ausnahmefällen ist eine längere Betriebsdauer möglich.

Bitte vor Lärm und großer Hitze schützen, Feuchtigkeit fügt keinen Schaden zu (Regenschutz ist vorhanden).

Kann standardmäßig reden, schreiben, Kürbiscurry kochen und ein Zelt aufbauen. Selbstlernend, Erweiterung der Fähigkeiten möglich. 

Nicht kompatibel mit Großmäulern und Duckmäusern. 

Bei Störungen gern nach Ursachen fragen.

Gutes Zureden kann hilfreich sein.

Regelmäßige Gaben von Pfefferminzschokolade erhöhen die Zufriedenheit.

Grundeinstellung: Zuversicht.

Bei plötzlich auftretender Antriebslosigkeit bitte einschicken an: Nordseeinsel Spiekeroog, Düne 3.

 

in: Wandeln. Mein Fastenwegweiser 2019, Andere Zeiten

 

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Momentaufnahme

 

 

 

 

 

 

 

 

außen

sonne innen

ist es wild

smarties auf holz wie

doppelpunkte

                                   Schreibwerkstatt mit Elfchen

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Ahoi! Alaaf! Helau!

Füße hoch!

Wisst ihr, was Luxus ist? Vergesst teure Autos und Schnürsenkel aus Schlangenleder. Ob das Schnitzel in Blattgold gewickelt ist, ist mir schnuppe. Ich brauche kein Privatjet, weil ich sowieso nicht gern fliege. Verliebt sein kann man genauso gut im Bus und bei Liebeskummer hilft auch keine Limousine. 5-Sterne-Hotels lassen mich kalt, meinen Urlaub verbringe ich am liebsten im Zelt, allerdings einem, das dichthält, das ist auch schon ein Luxus. Aber den meine ich nicht. 

Luxus ist ein Mittagsschlaf. Sich am helllichten Tag aufs Sofa zu legen und sanft davongetragen zu werden in einen Zustand zwischen Wachsein und Traum. Sich nicht gemeint fühlen von den Alltagsgeräuschen, sondern selig schlummern. Schon das Wort „schlummern“ erzählt von der Süße dieses Zustandes. Wer schlummert schläft nicht, wer schlummert trägt keinen Pyjama, wer schlummert, schlüpft nur kurz aus dem Getriebe des Alltags hinaus. 

Als ich Kind war, schlossen die meisten Läden um 12 Uhr 30, die Welt roch nach Erbseneintopf und Blumenkohl, und im Treppenhaus musste man jetzt leise sein. Wehe, wer es wagte, eine Tür zu knallen. Bis 15 Uhr war Mittagsruhe, sehr zum Leidwesen der Kinder. Wir schlichen auf Zehenspitzen durch die Wohnung, wussten nichts mit uns anzufangen und niemand war da, der uns bespaßt hätte. Der Vater meiner besten Freundin kam mittags nach Hause, aß zügig, um sich dann zwanzig Minuten aufs Sofa zu legen. Anschließend fuhr er zurück an seinen Schreibtisch. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, was daran erstrebenswert sein sollte. Manche Genüsse lernt man eben erst mit dem Alter zu schätzen: Bitterschokolade, Pampelmusen, Sonntagsspaziergänge, geputzte Schuhe. Und den Mittagsschlaf. Sich ausklinken. Die Füße hochlegen. Nicht ansprechbar sein. Mitten am Tag das Tagwerk unterbrechen.

Das ist Luxus. Es ist auch ein Akt der Unverfügbarkeit, und ich glaube, solche Momente brauchen wir immer nötiger. Sie sind Lücken, durch die das Unvorhersehbare schlüpft. Entspannung und Ruhe sowieso, auch Freiheit jenseits der Betriebsamkeit und der Unabkömmlichkeit, eine Freiheit jenseits der persönlichen Produktivität. Es ist, als würde man eine dieser alten Schultafeln wischen, vollgeschrieben mit Formeln, Gedanken, Notizen, bevor die nächste Stunde beginnt. 

Jede dritte Frau und jeder vierte Mann würden Umfragen zufolge gerne Mittagsschlaf halten, wenn es denn möglich wäre. So wird der „Powernap“ zumindest in Zeitschriften gepriesen – aber Powernap: Das klingt ja schon wieder nach Anstrengung und Leistung, so, als müsste ich für meinen Mittagsschlaf Laufschuhe anziehen. Den meisten bleibt die Sache irgendwie peinlich: Ein Mensch, der tagsüber schläft – und das auch noch öffentlich – kann doch eigentlich nur ein Faulpelz sein. Es müsste viel mehr Sofas, Bänke, Hängematten, Ohrensessel, Liegen, Kissen geben und Mutige, die sie benutzen. Handy stumm, Augen zu, Kopf in den Standbymodus. Ein Traum!

 

So geht’s:

„Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und bis tief in die Nacht arbeitet und das Brot der Mühsal esst. Den Seinen gibt es Gott im Schlaf.“ Psalm 127,2

 

in: Welt der Frauen 3/2019

 

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Erleuchtung

Als ich gestern in der Kirche saß, schien die Morgensonne in mein Gesicht. Ich roch den leichten Cremegeruch auf meiner Haut, während ich sang. Alles war hell und freundlich. Die Kerzen flackerten in der Sonne, was für ein Überfluss an Licht. Plötzlich fühlte ich mich genau richtig. Nichts zwickte, kein Gedanke stellte sich quer. Und ich dachte: Wie oft passiert das eigentlich, dass alles passt; dass du dich dort, wo du bist, gerade richtig fühlst?

 

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Jagen

Gott streifte durch die Welt, ein irrer Zickzackkurs von Trondheim nach Aserbaidschan, vom Après-Ski in die Stille der Klöster,

in U-Bahnen, auf Feldwegen, zu den Stränden der Seychellen.

Ich konnte ihm nicht folgen, eine Weile versuchte ich es, immer außer Atem, das war kein Leben. 

Eines Tages stand ich traurig am Gleis, ich denke, es war ein Mittwoch. Eine Taube jagte einer störrischen Pommes hinterher,

und ich gab auf.

Ich stieg in die nächste Bahn und fuhr nach Hause. 

Die Leere dort ängstigte mich. Doch nach ein paar Tagen lag die erste Ansichtskarte im Briefkasten.

Palmen waren darauf zu sehen, es folgten Gipfelkreuze, Lavendelfelder.

Und innige Grüße, immer innige Grüße.

 

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Nimm die Härte von deiner Stirn

Nimm die Härte von deiner Stirn. Sag "Ich weiß nicht" auch wenn das schwer auszuhalten ist. Denk trotzdem weiter. Weich sein heißt nicht, schwach zu sein. Erinnere dich, was deine Großmutter dir beigebracht hat oder der Religionslehrer oder vielleicht hast du es auch in einem dieser Lebensratgeber gelesen: Liebe deinen Nächsten, und wenn du nicht lieben kannst, dann begegne jedem Menschen wenigstens mit Respekt. Weil alles, was du denkst und fühlst auch auf dich zurückfällt. Dein Zorn und dein Hass trifft nicht nur die anderen, er lässt auch dich selbst nicht kalt. Lass dich von ihm nicht zerfressen. 

Du bist ein freundlicher Mensch, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt. Lach der Enttäuschung ins Gesicht. Vielleicht heitert sie das auf. Die Gute hat es schließlich auch nicht leicht. Sei nachsichtig. Mit dir und mit den anderen, nicht immer, aber immer wieder. 

Hör nicht auf, daran zu glauben, dass jeder sein Bestes versucht. Manche scheitern öfter. Verständnis zu haben, heißt noch lange nicht, alles gutzuheißen. Gib die Suche nach der Wahrheit nicht auf. Glaub nicht jeder Schlagzeile, die Welt lässt sich nicht in schwarz und weiß aufteilen. Nicht mal du selbst bist schwarz oder weiß. 

Lerne mit dem Zwiespalt zu leben. Nimm dich an, wie Gott es schon tut.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2:  hier zum Hören

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Was machen Tagträumer nachts?

Was machen Tagträumer nachts? Warum scheint der Hinweg immer weiter als der Rückweg? Fürchtet die Dunkelheit das Licht oder sehnt sie sich danach? Wie heißt das Tuwort von Frieden? Wäre es eine Befreiung, unfrei zu sein, weil wir dann aller Entscheidungen enthoben wären? Der wievielte Tropfen macht aus einer Pfütze einen See? 

Wisst ihr noch, wie es sich anfühlte, als das Leben aus tausend Fragen bestand? Als unsere Kinderaugen die Welt entdeckten? Dann wurden wir groß, fingen an, über Steuererklärungen und Mülltrennung nachzudenken und die Fragen verschwanden. Aber vielleicht sind es gar nicht die Fragen, die nicht mehr da sind, sondern unser Kinderherz, das verschwunden ist. Das neugierig die Welt betrachtet und noch alle Antworten für möglich hält.  Suchende sollen wir sein, nicht Sichere. Lasst uns die Welt staunender verlassen, als wir sie betreten haben. Bleibt dem Geheimnis auf der Spur, nicht jedem Nachrichtenschnipsel. Folgt den Fragen und nicht den Antworten, die verführerisch und leicht verdaulich ins Netz locken. Lasst euch nicht einfangen. Taucht tiefer. Gott hat die Sehnsucht in unser Herz gelegt, nicht die Sicherheit.

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Im Januar

Im Januar fühle ich mich wie aus dem Nest geworfen. Zu früh, unvorbereitet, draußen wird es noch immer vor Abend dunkel, keine Blume wagt sich ans Licht, nur ich soll voller Tatendrang einen neues Jahr beginnen, 5 Kilo abnehmen, ein Buch schreiben, für den nächsten Halbmarathon trainieren (weil das jetzt alle tun), tanzen, zeichnen oder das Badezimmer streichen, während die Räume merkwürdig kahl aussehen, so ohne Lichterketten und Kerzenschein. Der Weihnachtsbaum liegt im Rinnstein, keine Sentimentalitäten. Das Leben geht weiter, fast forward. Dabei fühle ich mich im Winterschlafmodus, die Welt kann gern im März wieder anklopfen. Bis dahin würde ich gern einschneien, nicht so dramatisch, wie im Süden, gerade nur soviel, dass alles still und gedämpft ist und angenehm hell. Januartage machen keinen Lärm. Von Natur aus nicht. Sie schweigen vielversprechend. 

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WG gefunden

Ich lebe mit Papst Franziskus zusammen. Leider auch mit Putin. Wir sind einander noch nie begegnet, aber wir leben gemeinsam in einer ziemlich großen WG. Die nennt sich Welt. Wir haben noch viele weitere Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Nicht alles klappt reibungslos, der eine vergisst notorisch, den Müll rauszubringen, der andere kippt seine Schwermetalle ins Meer, und so richtig saubergemacht wurde schon lange nicht mehr. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass WGs dauernd lustige Partys feiern, gibt es einige, die ständig wegen irgendwas beleidigt sind und nicht mitfeiern. 

Dennoch würde ich niemals ausziehen. Es sind so viele interessante Leute dabei und wir gestalten unser Haus, jeder in seinem Zimmer und manchmal gemeinsam in der Küche. 

Klar, gibt es Großmäuler und ein paar fiese Gestalten sind auch dabei. Aber die gibt es überall. Eine starke Gemeinschaft fängt das auf. Trotz aller Gegensätze gehören wir doch zusammen! Wir atmen dieselbe Luft. Wir rechnen mit denselben Zahlen, unsere Träume schweben in einem Raum, und es ist ein Himmel, der sich über uns spannt. 

Unser Vermieter lässt sich übrigens selten blicken. Er scheint darauf zu vertrauen, dass wir verantwortungsvoll mit seinem Eigentum umgehen. Sein Name ist Gott, einfach Gott; ich weiß nicht mal, ob er ein Mann oder eine Frau ist. Am Ende, wenn ich ausziehe, wird es ein Abnahmeprotokoll geben. Damit der nächste einziehen kann, ohne das totale Chaos vorzufinden.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2.
Hier auch zum Anhören: https://www.ndr.de/ndr2/Moment-mal,audio471970.html

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Frohe Weihnachten!

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Advent

Geh ins Dunkel

stell dich ins Licht

Die drinnen bleiben

finden nicht

 

Sing dein Lied

sieh nach dem Stern

Vielleicht liegt das Wunder 

nicht fern

 

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Funkeln

 

Ich glaube nicht an Sternschnuppen, trotzdem wünsche ich mir heimlich was, wenn eine fällt. Dass der Nikolaus nachts von Tür zu Tür geht, widerspricht meiner Erfahrung. Trotzdem schaue ich jedes Jahr verstohlen in meine Schuhe. Dass Schnee auch nichts Anderes als gefrorenes Wasser ist, weiß ich. Trotzdem stelle ich mir vor, jemand streut Kristall über die Dächer. Dass die Lichter, die sich im Dunkel des Morgens in den Pfützen spiegeln, nur Ampeln und Autoscheinwerfer sind, sehe ich. Trotzdem verzaubern sie den Asphalt. Dass der Advent auch nur eine Kulisse ist vor den Baustellen der Welt, sagen manche. Trotzdem funkelt was.

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Ewigkeitssonntag

"Weißt du, was Gottes erstes Wort war?", fragt Opa.

Er kennt lauter Geschichten aus der Bibel. Er hat sie mir alle erzählt. Papa findet das blöd. "Setz dem Kind nicht solche Flausen in den Kopf", sagt er. "Wir leben im 21. Jahrhundert." Opa hat ihm entgegnet, dass diese Geschichten zum Allgemeinwissen unserer Kultur gehören. Ich weiß nicht, was das ist. Aber ich mag die Geschichten.

"Gott sagte ›werde‹." Opa macht eine Pause. "Das ist sein wichtigstes Wort. Es werde Licht. Es werde Land. Es werden Tiere. Und es werden Menschen. So geht es immer weiter. Die Welt ist nicht fertig. Neues kommt. Altes geht. Damit dann wieder Platz für Neues ist. Deshalb müssen wir alle sterben."

Opa ist sehr klug, glaube ich.

"Hast du dein ganzes Leben daran gedacht?"

"Nein", brummt er. "Das darf man auch nicht. Manchmal musst du den Tod aussperren. Du sagst ihm: 'Ich weiß, dass du kommst, aber nicht jetzt.' Und dann spielst du eine Runde Schach oder heiratest ein Mädchen. Während solcher Dinge soll man nämlich an nichts Trauriges denken. Aber ganz vergessen darfst du ihn auch nicht. Er gehört zum Leben."

 

aus: Wie lang ist ewig? Geschichten über das Leben und Davongehen

 

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Gott 

 

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Manna to go

Als Gott in die Küche kommt, sind zwei Engel gerade dabei, den Herd abzubauen. „He“, ruft Gott, „was tut ihr da?“ Küchen sind nicht mehr in Mode, klären die Engel ihn auf. Zwar gibt es Kochshows wie Salz im Meer, aber das echte Essen wird jetzt einfach bestellt. „Ist praktischer so“, sagt der Engel. Küchen werden jetzt als Zeilen gebaut. In den Wohnraum integriert. Jeder, der schon mal Hering gebraten hat weiß, dass er den Geruch nicht im Wohnzimmer haben will. Aber für Hering sind die Restküchen sowieso nicht gedacht. Allenfalls für eine chromblitzende Kaffeemaschine, die sprotzend den morgendlichen Macchiato ausspuckt. „Aber“, stottert Gott, „wer backt mir dann das Manna? Und die Wachteln müssen auch in den Ofen!“ Die Engel halten ihm einen Prospekt entgegen. „Kannst du bestellen. Pizza, Pasta, Couscous-Salat, Manna. Wird alles geliefert.“ Gott wischt den Prospekt beiseite. Er will kein geliefertes Manna, und auf eine Küche verzichten will er auch nicht. Da müsste er ja die ganze Bibel umschreiben. In Zukunft hieße es dann nicht mehr: „Das Himmelreich ist wie ein Sauerteig“, sondern „Das Himmelreich ist wie Lieferando“. Verpackt in drei Lagen Styropor, lauwarm und pappig. 

„Sieh“, versucht es der redegewandtere Engel, „es ist doch viel besser so. Die Menschen haben weniger Arbeit. Insbesondere die Frauen. Die Abschaffung der Küche ist also genau genommen ein Beitrag zum Feminismus!“ Der Engel gratuliert sich innerlich zu diesem genialen Einfall. „Ach Unsinn“, wischt Gott das Argument beiseite. „Als ob es besonders fortschrittlich wäre, nicht mehr für das eigene Essen sorgen zu können! Was kommt als nächstes? Ein mobiler Duschservice? Eine Erinnerungs-App, dass der Mensch sich bewegen soll, weil er genau dafür diese Dinger namens Beine hat?“ Gott hat sich ziemlich in Rage geredet, und der Engel verzichtet lieber auf den Hinweis, dass es so etwas längst gibt. „Versteht ihr denn nicht, was eine Küche alles ist? Sie ist ein Ort des Austauschs, an dem beim Kartoffelschälen Liebeskummer oder Weltpolitik besprochen wird. Die Küche ist der Ort der ungeplanten Begegnungen. In der Küche wartet immer ein Kaffee oder ein Rest Auflauf. Sie ist der Ort der Verheißung, an dem aus Mehl, Salz und Öl Brot oder Nudeln wird. Ein Küchentisch ist versöhnlich, lange nicht so offiziell wie ein Arbeitszimmer und auch nicht so privat wie ein Wohnzimmer, ein Küchentisch ist neutraler Boden. Beichtstuhl, Arbeitsfläche und Nachrichtenaustausch in einem. Ich habe sogar von einer Frau gehört, die ihr Kind auf dem Küchentisch zur Welt gebracht hat! Die Küche ist der Ort des alltäglichen Liebesmahls. Die Küche ist der Ort der Alchemie, der Verwandlung. Die könnt ihr doch nicht einfach abschaffen!“

 

PS: Bis in die frühen neunziger Jahre wurde in den meisten Haushalten täglich selbst gekocht. Heute ist das nur noch in weniger als der Hälfte der Fall, in Großstädten schalten viele Menschen ihren Herd sogar fast nie ein. Laut einer Studie der Schweizer Großbank UBS ist es möglich, dass schon im Jahr 2030 die meisten Mahlzeiten online bestellt und geliefert werden.

 

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Wenn

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Mein perfektes Morgenritual

Nach jeder Nacht

bisher

aufgewacht.

 

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Montagmorgen

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E-Mails

Eine Million britische Pfund

geerbt von einem verschollenen Scheich

Fünf Penisvergrößerungen

Die Aufforderung, meine Bankdaten zu ändern,

vorzugsweise unter diesem Link

Drei Hinweise, dass meine Facebookfreunde warten

Eine Warnung, dass mein Speichervolumen bald 

ausgeschöpft ist

und

Eine Mail von dir

 

 

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Wollpullover

Das Paradies ist ein alter, verwahrloster Garten, in dem die Freiheit wartet. Sie ist wild, unberechenbar und verrückt. Sie verrückt Grenzen. Als „Pippi Langstrumpf“ erschien, entfachte sie einen Sturm der Entrüstung. Nicht bei allen, aber bei jenen, denen ihre Freiheit zu viel des Guten war. Zu wild. Zu radikal. Ein Mädchen, das tut was es will, sei „demoralisierend“und „gesellschaftsschädigender Schund“. Pippi sei „etwas Unbehagliches, das auf der Seele kratzt.“ 

Wie Gott.

Schon klar, Pippi Langstrumpf ist nicht Gott. Aber kann sein, dass Gott ein bisschen wie Pippi Langstrumpf ist. Wild. Frei. Unberechenbar. Einer, der auf der Seele kratzt. 

Meistens soll Gott nett sein. Einer, der tröstet und die Dinge ins Lot bringt. Früher durfte er auch zornig sein und beängstigend, aber die Zeit ist vorbei. Nicht, dass ich ihr nachtrauere, aber nur lieb ist auch keine Lösung. Die Geschichten, die ich von Gott kenne, sind verstörend. Mal ist er der große Schöpfer, dann wieder will er alle vernichten. Mal ist Jesus der verständnisvolle Hirte, mal blafft er die Leute an und schwingt die Peitsche. Und auch Gottes Auserwählte sind sonderbare Charaktere. David, der Ehebrecher. Mose, der Totschläger. Maria von Magdala, angeblich eine Prostituierte. Hiob dagegen, dem Mustersohn der Menschenkinder, nimmt Gott alles weg. Gerecht ist das nicht. Und nachvollziehbar schon gar nicht. Hiob hält trotzdem an Gott fest. Ich auch. Weil ich jemanden will, der auf meiner Seele kratzt. Ich mag auch Wollpullover auf der Haut. Die fühlen sich echter an als Microfaserzeug...

 

Der ganze Text war im Deutschlandfunk zu hören. Hier kann man ihn nachlesen (oder hören). 

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Sommerfazit

 

 

 

 

 

 

Mit Elchen Schnitzeljagd spielen. Verlieren. Stille hören.

Drei Hände Nudeln und eine Tütensuppe reichen für ein

Abendessen zu zweit. Heidekraut oder Kiefernzweige

ergeben einen guten Schwamm. Zelten geht auch ohne Zelt.

Die Nacht zur Nacht machen. Von Eichhörnchen geweckt

werden. Den ersten Tee im Schlafsack trinken. Wer die

Wasserflasche beim Wasserholen fallen lässt, muss in

den See springen. Hirschlausfliegen sind nicht wählerisch. Streichholzschachteln werden wirklich schnell feucht.

Tubenkäse ist besser als sein Ruf. Auf warmen Felsen liegen

und fernsehen. Das Leben auf einen Rucksack reduzieren.

Nichts vermissen. Glück ist draußen. 

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Der Engel, der befreit

In letzter Sekunde kam der Engel.

Peter Simonsen ist sechsundvierzig Jahre alt. Den Fischladen der Eltern hat er hinter sich gelassen. Weil er Coach werden wollte. Was die Leute immer noch sonderlich finden, weil man das Wort kaum aussprechen kann und die Alten denken, er verkaufe jetzt Sofas. Wie man ein Sofa einem Fisch vorziehen kann, verstehen sie nicht. Wenn es Spitz auf Knopf steht, kann man auch auf einem Stuhl sitzen, während ein Fisch immer satt macht. Peter Simonsen hat es aufgegeben, sich zu erklären. Warum man wegzieht, muss man hier oben begründen und fest steht von vornherein: Es gibt keinen Grund. Wer ein Haus hat, gehört hierher. Peters Elternhaus steht seit einhundertsiebzehn Jahren hinterm Deich und der Liguster ist mittlerweile hoch genug, um den Wind zu brechen. Das Boot liegt im Hafen. Schollen wollen die Leute immer, besonders die Touristen. Schön mit Butter und Krabben obendrauf. Eine Schande, da einfach auszusteigen. Vaters vorwurfsvolles Schweigen lässt Peter Simonsen bis heute nicht los.

Als kleiner Junge ist er immer mit raus aufs Meer. Da konnte er noch kaum laufen. Mit vollen Netzen sind sie zurückgekehrt. Er liebte die Gischt und den Wind. Angst hatte er nicht. Das war das Wichtigste, keine Angst zu haben. Aber Respekt. Den würde der Junge noch lernen, dachte der Vater. Bloß erstmal keine Angst haben, der Rest fügt sich. Der kleine Junge war so voller Bewunderung für den Vater, dass es schmerzt. Dass es heute noch schmerzt, daran zu denken. Wie konnte er ihn so enttäuschen?

Er hat ihn verlassen. Verraten hat er ihn und alles, was der Vater aufgebaut hat und weitergeben wollte.

»Hast du nicht«, sagen die Freunde. Aber sie wissen nicht, wie es ist. Es gibt ein Foto von ihm mit viel zu großer Fischermütze. Da steht er vorm Boot und hält einen Kabeljau in die Kamera, größer als seine beiden Arme zusammen. Sein Haar ist zerzaust und die Hand des Va- ters liegt auf seiner Schulter. Das Bild stand all die Jahre auf der Kommode in der Stube. Er weiß nicht, was damit geschehen ist.

Vater ist tot. Er könnte befreit sein. Aber er ist es nicht. Den Vater hat er beerdigt, aber seine Enttäuschung hat er nicht beerdigt. Sie hockt in seinem Zimmer und sieht ihn vorwurfsvoll an. Jeden Tag. Sie beherrscht ihn. Und er ist ganz klein und verzagt.

»Du bist verrückt«, sagen die Freunde und lachen. »Sieh dich an – du hast Erfolg! Du hast dir etwas Eigenes aufgebaut. Was kümmert dich die Vergangenheit?« Sie verstehen nichts. Ihre Eltern sind Lehrer und Rechtsanwältinnen und Therapeuten. Die wissen, was ein Coach ist.

Die Enttäuschung hat ihn in Ketten gelegt. Und die Schuld, so ganz genau kann er das nicht trennen. Sie bewacht ihn. Der Abstand zu den Freunden wird immer größer. Niemand kann sich ihm nähern. Sie sind draußen. Jenseits der Mauer. Noch lassen sie nicht locker. Sie rufen an. Sie fragen, wie es ihm geht. Sie laden ihn ein. Die Freunde sorgen sich. Sie versuchen ihn zu erreichen. Er ist sicher: Das wird aufhören. Die Enttäuschung hat gute Wachen. Vier zu seiner Rechten: Du hast ihn verraten. Du hast das Erbe deines Vaters verraten, flüstern sie. Vier zu seiner Linken: Wer hoch hinauswill, wird tief fallen. Sieh, wohin das führt, flüstern sie. Vier in seinem Rücken: Was du bist, verdankst du ihm. Hast du das vergessen? Vier vor seinem Angesicht: Was glaubst du, wer du bist? Nichts, als ein kleiner Fischer.

Die Freunde sind in großer Sorge um ihn. Wenn man nur etwas tun könnte. Wenn sie nur helfen könnten. Aber sie dringen nicht zu ihm vor. Und weil sie wenig Erfahrung damit haben, wie man einen Gefangenen befreit, bleibt nur Hoffen und Beten. Das ist nicht viel. Aber besser als nichts.

Am Vorabend seines siebenundvierzigsten Geburtstags ist Peter Simonsen allein. Er will nicht feiern. Er wüsste nicht, was. In der Wohnung ist es dunkel. Er liegt auf dem Sofa und schaut in die Schwärze. Sie ist überwältigend. In diesem Moment kommt es ihm vor, als würde er sich nie mehr bewegen können. Niemals mehr. Er schließt die Augen. Wahrscheinlich schläft er ein.

Als der Engel in seine Gedanken tritt, wird es hell. Das ist das erste, was geschieht: dass es hell wird. Dann stößt der Engel ihn in die Seite. Es ist ein heftiger Stoß. Er scheint nicht zimperlich zu sein. »Wach auf«, ruft er. »Komm zu dir!« Peter will gar nicht zu sich kommen, aber er blinzelt trotzdem. Der Stoß tat weh.

»Steh auf«, sagt der Engel und es klingt wie ein Befehl. Peter will ihm die Wachen zeigen, er will ihm zeigen, dass er unmöglich aufstehen kann. Aber verwundert stellt er fest, dass sie schlafen. Dass die Stimmen schweigen. Er nähert sich ihnen vorsichtig, aber: Nichts. Keine Regung. Da fallen die Ketten von ihm ab.

»Zieh deine Schuhe an«, befiehlt der Engel. »Wird Zeit, dass du hier rauskommst.«

»Aber«, sagt Peter.

»Nichts aber«, sagt der Engel.

Da steht Peter auf. Der Engel sieht ihm geduldig zu. »Den Mantel«, erinnert ihn der Engel. »Nimm den Mantel. Der schützt dich.«

Mantel, denkt Peter. Mantel ist gut.

»Und jetzt folge mir.«

Peter blickt sich um. Von der Enttäuschung keine Spur. Hat sie sich versteckt? Für gewöhnlich lauert sie immer irgendwo.

»Lass sie«, sagt der Engel. »Wir gehen jetzt raus. Ins Leben.«

Peter stolpert aus seiner Gefangenschaft. Er weiß nicht, wie ihm geschieht. Er weiß nicht, ob er wacht oder träumt. Das eiserne Tor der Schuld öffnet sich. Der Engel führt ihn hinaus. Niemand stellt sich ihnen entgegen. Nicht mal der Vater.

Es ist fünf Uhr morgens. Peter Simonsen schlägt die Augen auf. Es ist hell. Die Vögel erwarten ihn. Der Engel ist verschwunden. Ist das wahr, denkt er oder habe ich geträumt?

Er weiß es nicht. Er weiß nur: Er ist frei.

Wie das zugegangen ist, kann er keinem erklären. 

 

aus: Fliegen lernen. Engelsgeschichten aus der BibelIllustration: Ariane Camus

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Pause

Ich geh' schreiben. Hier geht es weiter am 16. September. Hej då!

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Stolpern

„Agentur für Engel“ steht auf dem Schild. Schlicht und pragmatisch hat es jemand mit zwei Schrauben an die Wand gebracht. Im Treppenhaus riecht es nach scharfem Putzmittel. Die Agentur befindet sich im dritten Stock. 

„Guten Tag“, sage ich zu der Person hinter dem Tresen. Unwillkürlich frage ich mich, ob das jetzt auch schon ein Engel ist. „Das fragen sich alle“, schnarrt ihre Stimme. „Was wollen Sie denn?“

„Einen Engel“, sage ich schüchtern, weil mir der Wunsch auf einmal verwegen vorkommt und ich gar nicht weiß, ob ich mir das leisten kann. Ich habe ja keine Ahnung, wie so etwas abläuft. „Schutzengel sind aus, die wollen alle“, entgegnet die Stimme. „Der Verkündigungsengel ist auf Urlaub, Saisonarbeit, Sie verstehen. Der Drachenkämpfer ist im frühzeitigen Ruhestand mangels Nachfrage. Wo gibt es heute schon noch Drachen? Die Paradiesengel sind nicht abkömmlich. Rachengel bieten wir ungern an, die machen eine schlechte Presse. Und die Friedensengel haben Burnout. Einen Stolperengel können Sie haben!“

„Bitte was? Was soll ich denn damit?“

Sie sieht mich streng an. „Die Frage ist nicht, was Sie damit sollen, sondern was der Engel von Ihnen will.“

Langsam schwant mir, warum diese Agentur nicht bekannter ist. „Also was ist? Nehmen Sie ihn?“

Ich nicke eilig, weil ich Angst habe, dass auch dieser Engel gleich vergriffen sein könnte. „Gut“, sagt die Person hinter dem Tresen und schreibt weiter in ihr Buch. Nichts passiert. Ich schaue mich suchend um.  „Und?“, frage ich schließlich. „Wo ist mein Engel?“

„Er wird Sie finden.“ Ihr Kopf senkt sich wieder und mir bleibt nichts anderes übrig, als zu gehen. 

Seit diesem Tag schaue ich mich öfter verstohlen um. Irgendwo ist er und bringt mich ins Wanken. 

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Sommergebet

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Kleine Geschichte von 1 Dämon

Der Dämon sitzt auf seiner Kiste und starrt. Gestern hat er 15 hartgekochte Eier gegessen und 7 Bananen. Das Leben als Dämon ist hart. Er mag keine Eier. Und auch keine Bananen. Bananen ekeln ihn Allein schon der Geruch. Eigentlich würde er gern mal Heidelbeerquark essen. Aber das gesteht er sich nicht ein. Also hockt er sich halt mit seinen Bananen auf meine Schulter und mampft. Schön ist das nicht. Für keinen. 

Farbe

Gott ist Maler von Beruf, das wissen die Wenigsten, und wenn sie es hören, dann denken sie an Van Gogh und an Sonnenblumen. Aber das ist ein Irrtum. Gott ist ein ganz gewöhnlicher Anstreicher, allerdings ein sehr guter. Welche Farbe denn mein Leben haben solle, fragt er, und ich wähle Rot wegen der Lust. Und Blau wegen der Tiefe. Und Grün für die Verstecke. "Gute Wahl", nickt er, und ich frage mich kurz, ob er das immer sagt.

 

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Sonntagsrätsel

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Grüße aus dem Sommer

 

 

Deines Lebens Traum:

 

"Ich träume davon, dich glücklich zu machen. In meinem Traum scheint die Sonne und alles ist Licht. Die Nacht ist deine Freundin. Du brauchst dich nicht mehr vor Spinnen zu fürchten, und Schlaf deckt dich zu. die Liebe ist eingezogen, um zu bleiben. Die Härchen auf deinem Arm schimmern hell. Gestern ist der Bruder von Morgen und Heute bist du. Dein Kleid hat Streifen und machmal kannst du zaubern."

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Bote

Gestern sprach mich ein Fremder an

dankte 

und ließ mich zurück

Gestern sprach mich ein Fremder an

hob mich einen Millimeter

von der Erde

Gestern sprach mich ein Fremder an

und ließ eine andere zurück

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Was ich im Leben schon gelernt habe I

Natur ist nicht immer nett.

Wenn man einen Mord plant, finden sich unter den heimischen Pflanzen viele Helfer.

Trotzdem lebt es sich besser ohne Leiche im Keller.

In Hamburg regnet es weniger als in Bielefeld. Nicht nur deshalb ist Hamburg schöner. 

Eine geronnene Sauce Hollandaise rettet man, indem man Eiswürfel hineinrührt.

Einen Fahrradreifen flickt man am besten mit einem kundigen Mann. In vielen anderen Situationen hilft ein Schweizer Messer weiter. 

Viele Kindergartenregeln gelten auch im Erwachsenenalter:

Nimm niemandem sein Spielzeug weg. Mittagsschlaf ist trotz anfänglichem Widerwillen eine feine Sache. An dem Weihnachtsmann muss man nicht glauben, um sich über Geschenke zu freuen. 

Mittsommer findet am Anfang des Sommers statt. 

Die Vorfreude, dass noch etwas kommt, ist ein feines Lebensprinzip.

(Egal, ob Erdbeereis oder Ewiges Leben.)

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Matjes. Küssen. Leben

An den ersten Kuss muss man sich irgendwie erinnern. Ich kann es nicht. Ich erinnere mich nicht mal, welchen Jungen ich mit 12 oder 13 Jahren geküsst habe. Wahrscheinlich geschah es beim Flaschendrehen. Ehrlich gesagt habe ich auch keine Ahnung, warum ich mich daran unbedingt erinnern soll, wenn ich doch heute neue Küsse küssen kann. Oder irgendetwas anderes tun kann, das schön ist. Facebook erinnert mich auch ständig an Sachen, die ich vor zwei Jahren getan habe. Als wären das geschichtliche Großereignisse, die eines Denkmals würdig sind. Dabei handelt es sich bloß um ein Foto meines Mittagessens. Warum soll ich mich daran erinnern, dass es vor zwei Jahren Matjes mit Pellkartoffeln gab? Mein eigenes Leben wird zu einem Denkmal. Aber ich will kein Denkmal sein – schon gar nicht mein eigenes. Ich will leben und das funktioniert nur jetzt. Dies ist der einzige Moment, in dem ich leben kann. Gestern ist vorbei und morgen gibt es noch nicht. Allein in diesem schmalen Stück Gegenwart kann ich fühlen, küssen, Matjesessen. 

Die Ewigkeit ist eine endlose Folge von Momentaufnahmen. Wenn ich nur damit beschäftigt bin, alte Fotos anzuschauen, kommt nicht Neues hinzu. Dann habe ich irgendwann nur noch Fotos von mir, auf denen ich Fotos anschaue. Will ich das?

Nö. Das will ich nicht. Deshalb gehe ich jetzt Matjes küssen.

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Phantasie

Im Zug. Kein Netz. Der nächste Halt Lichtjahre entfernt. 

Das Kind auf Platz 61 schüttet Lego aus. Erzählt sich Geschichten von Dinosauriern

und Feuerwehrmann Sam.  Auch ein Hund taucht auf. 

Ich forsche in meinem Kopf, was ich mir erzählen könnte.

 

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Heute Flaute

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Grüße aus dem Alltag

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Im Mai

Immer mittags schlüpft Gott in die Stille der Kirche, seit 800 Jahren schon, und setzt sich in die dritte Reihe links, immer die dritte Reihe links. Anfangs saß er noch auf der Empore, aber das gefiel ihm nicht, da wurde ihm schwindelig. Dann sitzt er da und sieht die Irma mit ihrem Netz voller Äpfel, im Winter auch schon mal Orangen. Manchmal kommen Touristen, die fotografieren das Gold und den heiligen Sebastian mit seinen vielen Pfeilen und ein Mädchen zündet eine Kerze an und ein Liebespaar hält sich an den Händen. Eine Plastiktüte raschelt und Gott weiß, dass die dem Heinz gehört, der sich aufwärmt oder abkühlt, je nach Jahreszeit. 

Und Gottes Gedanken schweifen ab, denn es sind derer viele und er denkt an die Zeit, als hier noch ein Buchenhain stand und an den Wind in den Blättern von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Und plötzlich ist es der Irma, als habe sie eine Nachtigall gehört und die Kerzenflammen flackern im Sommerwind. Das Mädchen kann sich nicht helfen, aber es meint, plötzlich Waldmeister zu riechen auch auch der Heinz wundert sich, denn die harte Bank ist auf einmal weich wie ein Bett aus Gras. 

 

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10 Sachen, die anders sind als gedacht

1.     Gott (nicht logisch)

2.     erwachsen sein (auch nicht logisch)

3.     sterben (von außen betrachtet nicht so leicht)

4.     lieben (von innen betrachtet nicht so leicht)

5.     in einem Sterne-Restaurant essen (mühsam)

6.     1000 Kilometer gehen (weniger mühsam)

7.     wagemutig sein (merkwürdig unspektakulär)

8.     zum neunten Mal durch Norwegen reisen (immer noch spektakulär)

9.     lackierte Fingernägel (halten nie)

10.  seidene Fäden (halten öfter als gedacht)

 

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Schillernd

Als ich klein war, sollte alles für immer sein. Die Prinzessin lebte glücklich bis an ihr Lebensende. Einen Beruf wählte man einmal. Alphaville sangen „Forever young“. Man kaufte ein Haus, in dem man sterben würde. Ein lineares Abarbeiten der Dinge: Geburt, Kindergarten, Konfirmation, Abi, Arbeit, Hochzeit, Kinder, Haus, Rente. Das Leben auf diese Art schien beruhigend, weil planbar.

Leider spielt mein Leben nicht mit. Es scheint nichts von To-Do-Listen zu halten. Spontanität liegt ihm mehr. Es schlägt plötzlich eine neue Richtung ein und ich muss hinterher. Ich schimpfe mit ihm, dass es doch einmal alles so lassen soll, wie es ist. Aber es lächelt nur müde: Meine Eltern ließen sich scheiden. Helmut Schmidt wurde abgewählt. Tschernobyl störte unser Spiel im Wald. Der „Braune Bär“ schmeckte plötzlich nicht mehr. Der Traum, Archäologin zu werden, ist verblasst. Meine erste Liebe verschwunden. Irgendwo bröckelte es immer. Ich habe es als Scheitern gesehen.

„Warum“, fragt mein Leben, „bezeichnest du etwas, das lange gut war, als Scheitern?“ „Weil ich es nicht halten konnte“, antworte ich. Mein Leben runzelt die Stirn: „Meine Liebe“, sagt es, „was du tust, ist Haschen nach dem Wind. Kannst du ihn festhalten? Kannst du den Frühling festhalten? Eine Sternschnuppe? Ein Glühwürmchen, einen Gänsehautmoment, eine Seifenblase? Willst du all dies ernsthaft als Scheitern betrachten, nur weil du es nicht halten kannst?“

Seit diesem Tag übe ich, das Leben als Seifenblase zu betrachten. Schillernd.

 

Kann man auch hören: "Moment mal" auf NDR 2

 

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Großmut

An jenem Tag, an dem ich beschließe, großmütig zu sein, lasse ich den Regen plätschern und dem Leben seinen Lauf. Ich verschenke ein Buch, kaufe eine krumme Gurke, lasse eine Meinung gelten und schicke eine Beschwerde ins Leere. Der Welt traue ich etwas zu. Ich lobe jemanden über den grünen Klee und verteile zweite Chancen, ohne mich um das Ergebnis zu sorgen. Die Kollegin lasse ich schmatzen und das Internet trödeln. Ich nehme nichts persönlich. Ich verzichte auf mein Recht und überlasse den Schnecken ein paar rote Erdbeeren. Meine Erwartungen streue ich in den Wind. Den Kleinkrämern schenke ich einen Cent. Ich runde auf, liebe ohne Vorschuss und füttere die Großmäuler mit Marshmallows. Gott eifere ich nach, ohne besser sein zu wollen. Ich unterstelle ein paar gute Absichten, lasse jemandem die Vorfahrt und sehe über eine Verspätung hinweg. Das Glas betrachte ich als halbvoll und meine Figur als bestmöglich. Dass morgen auch noch ein Tag ist, begrüße ich. Ich verschwende mich. Ich werfe den Müll weg, den ich nicht verursacht habe und helfe, ohne Dank zu erwarten. Dem Ehrgeiz gebe ich frei. Ich fasse mir ein Herz und nehme den Himmel auch in Mittelblau.

 

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Könnte doch sein

 

 

Manchmal tauchst du auf. Aus dem Nichts. Ich nenne dich Gott. Ich rechne nicht mit dir, das Rechnen habe ich aufgegeben. Du bist ein Gleichnis mit zu vielen Unbekannten. Du meldest dich nie an. Verabredungen sind nicht deine Sache. Ich habe keine Chance, einen Kuchen zu backen oder die Küche zu putzen oder mein Leben in Ordnung zu bringen. Du tauchst auf und ehe ich dich fassen kann, bist du wieder weg.

Du erklärst dich auch nicht. Das hat mich lange gestört. Ich fand, wenn du schon willst, dass ich an dich glaube, dann könntest du dir mehr Mühe geben, dein Tun und dein Nicht-Tun etwas nach- vollziehbarer zu machen. Du bist ein Rätsel – nein, eher ein Geheimnis. Ein Rätsel kann man lö- sen, wenn man nur lang genug nachdenkt. Dich kann man nicht lösen. Allerdings verlangst du das auch nicht.

Auf eine Art verstehe ich dich. Ich mag es auch nicht, mich rechtfertigen zu müssen. Du wärst wahrscheinlich ständig damit beschäftigt, dich zu erklären. Irgendwer findet immer irgendwas ungerecht. Man kennt das ja: Die einen finden dich zu lax, die anderen zu streng und ein paar wollen wissen, warum du einen Bart trägst. Nur als Beispiel. Und deshalb denke ich mittlerweile: Wir sind quitt. Du brauchst dich nicht zu erklären, ich nehme dich, wie du bist. Denn das habe ich von dir gelernt. Du nimmst mich, wie ich bin. Damit meine ich kein trotziges „Ich will so bleiben, wie ich bin“. Weil ja auf einmal jede Schrulle Ausdruck von Authentizität ist, und sei sie noch so unhöflich. Nein. Ich versuche, zu werden, die ich sein kann. Das habe ich auch von dir. „Ich werde sein, der ich sein werde“, hast du mal gesagt. Wandel ist dein Programm.

Ich mag es, dass du einfach so auftauchst. Es gibt meinem Leben eine Erwartung. Hinter jeder Ecke könntest du stehen. Obwohl du genaugenommen das ja gerade nicht tust. Du bist nicht eindeutig. Kein Engel rauscht vom Himmel herab. Ich hatte noch nie eine Vision, in der du plötzlich vor mir standest...

 

weiterlesen: Deutschlandfunk Kultur 

 

 

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Pistazieneis und Auferstehung

Manchmal ist alles gut, obwohl nicht alles gut ist. Das Geld reicht nicht, der Arzt sagt, es sieht schlecht aus, die Liebe scheint sich abgesetzt zu haben wer-weiß-wohin. Aber dann leuchtet plötzlich ein Moment auf, ein Moment aus tausend anderen Momenten, der heraussticht: Die Sonne scheint dir in den Nacken, der Fluss des Verkehrs versiegt, ein Geruch steigt in die Nase von Ginster oder Pistazieneis, du weißt nicht, woher er kommt und eigentlich ist nichts besonders daran, aber in diesem Moment ist es besonders. Du lehnst dich zurück und bist im Paradies. Du wirst nicht bleiben, der Verkehr wird weiterrollen, die Lücke wird sich schließen. Vielleicht wirst du morgen wieder auf einem dieser Datingportale nach deiner Traumfrau suchen. Der Boden der Tatsachen bleibt bestehen. Aber etwas hebt dich für einen unerwarteten Moment darüber hinaus, hebt dich über die Schwere der Dinge. Und setzt dich wieder ab, leichter als du denkst.So ein Moment lässt sich nicht machen. So ein Moment blitzt auf, so ein Moment lässt dich verwandelt zurück, wenn auch nicht für immer, so doch für jetzt. Wegen dieser Momente gibst du nicht auf. Manchmal ist das einfach ein Pistazieneismoment. Manchmal nennst du es Auferstehung. 

 

kann man auch hören: NDR2 Moment mal

 

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Ostern

"...that's how the light gets in."

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Leichtfüßig

Der Engel des Verzichts hat Flügel. Entgegen landläufiger Meinung ist er der Vergnügteste von allen. Er ist leichtfüßig. Seine Koffer hat er unterwegs verloren. Er weiß nichts besser. Was er sagen wollte, hat er vergessen. Den Eiligen lässt er den Vortritt. Den Ehrgeizigen räumt er den Weg. Der Engel des Verzichts nimmt niemandem etwas weg. Auch keine Illusion. Er ist frei. Nicht mal an der Freiheit hält er fest.

 

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Überraschung

Als die Inspiration kommt, stehe ich unter der Dusche. „Verdammt, kannst du nicht einmal zur rechten Zeit kommen? Wenn ich am Schreibtisch sitze?“ Schaum rinnt in mein linkes Auge. „Nö.“ Die Inspiration trägt ein grasgrünes Kleid und Lammfellstiefel. Ich blinzele. Dass sie immer so unpassend sein muss. Und dann die Wörter! Natürlich hat sie nicht Sonnenaufgang, Achtsamkeit oder friedvoll dabei, sondern Sachen wie Besenreiser, Oktogramm und flawül. Ich habe keine Ahnung, was flawül ist, aber diese Blöße will ich mir nicht geben. Die Inspiration zuckt mit den Schultern. „Sonnenaufgänge interesieren mich nicht.“ „Aber sie sind schön! Kannst du es nicht einmal einfach schön machen? Warum kommst du überhaupt, wenn du sowas bringst?“

Die Inspiration schaut mich treuherzig an. 

"Na, um dich zu überraschen. Was denn sonst? Das andere kennst du doch schon.“

 

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Übrigens

Frau Angst und Frau Vertrauen sind Schwestern.

Bleib, ruft Frau Angst.

Geh, ruft Frau Vertrauen.

Ich beschütze dich, verspricht Frau Angst.

Ich lasse dich, verspricht Frau Vertrauen.

Bei mir bist du in Sicherheit, verspricht Frau Angst.

Bei mir bist du in Erwartung, verspricht Frau Vertrauen.

Ich bin, sagt Frau Angst.

Ich werde, sagt Frau Vertrauen.

 

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Unwahrscheinlichkeitsrechnung

Ich warte auf eine Menge Sachen. Ich warte auf eine Mail, den Bus und dass Gott redet. Ich warte auf den Tag, an dem mir mal wieder jemand ein Mixtape schenkt. Manchmal warte ich auf Grün – an der Ampel und im Februar. Ich warte auf den Impfstoff und dann warte ich darauf, aus all meinen Masken eine Patchworkdecke zu nähen. Ich warte auf das Morgengrauen, wenn ich mich schlaflos im Bett wälze. Ich warte darauf, dass sogenannte Querdenker aufhören, ihre Freiheit über die vieler anderer zu stellen. Ich warte auf den Moment, an dem niemand mehr Lust hat, wen in die Luft zu sprengen. An Silvester warte ich auf Mitternacht, weil es so schön ist, so zu tun, als ob alles neu wird. Ich warte darauf, dass Trump seine Niederlage eingesteht und in Rente geht. Auf Schnee warte ich auch.

Dass ein Retter kommt, der das alles im Gepäck hat, fällt mir schwer zu glauben. Ich versuche es trotzdem...

 

Ganzen Text lesen oder hören: Mit allem rechnen. Unwahrscheinlichkeitsrechnung im Advent. Deutschlandfunk

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Weihnachten retten

Wir müssen Weihnachten retten. Das höre ich im Moment ständig. Ich glaube, das müssen wir nicht. Weihnachten braucht keine Rettung, Weihnachten rettet uns. Es hat zweitausend Jahre überstanden. Ist durch den 30-jährigen Krieg gegangen, war bei den Pestkranken, hat sich an die Seite der Verfolgten gestellt und sich nicht darum gekümmert, ob Lametta am Baum hing. Weihnachten hängt nicht davon ab, ob fünf oder zehn zusammen feiern. Weihnachten lässt sich nicht machen. Klöße zur Gans sind schön, aber nicht notwendig.

Die Geschichten sind da. Der Stern ist da. Menschen sind da, an vielen verschiedenen Orten. Die Fantasie ist da, sich auf den Weg zu machen. Ausschau zu halten, was trägt, wenn es nicht das Gewohnte ist. Die Hoffnung ist da, dass es winzige Anfänge gibt, die zur Rettung werden.

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Besondere Helden

Ich kann über ziemlich simple Sachen lachen. Slapstick zum Beispiel wie bei Stan und Oli. „Life of Brian“ finde ich großartig, „Little Britain“ auch. In Kirchen- und Intellektuellenkreisen stoße ich damit regelmäßig auf Irritation. Gegen Alltagsschwermut hilft Loriot zuverlässig. Manchmal stelle ich mir die Welt als Comic vor, auch das ist sehr erheiternd. Wenn gar nichts mehr geht, bleibt immer noch Galgenhumor. Selbstironie sowieso. 

Die Bunderegierung hat Corona-Videos veröffentlich, die ich auch ziemlich witzig finde. Neben Infektionsschutzgesetz, Impfstoff-verteilung und Kontaktbeschränkungen ein Augenzwinkern. #besonderehelden heißt die Serie. Natürlich gibt es viel Kritik.

Ich finde die Videos mutig, weil sie nicht brav sind. Humor muss sich aus der Deckung wagen und damit leben, auch auf die Nase zu fallen. Ein Journalist der Londoner Financial Times twitterte:

“Ich kann damit umgehen, dass die deutsche Antwort auf die Pandemie besser ist als unsere, aber ich glaube, ich kann nicht damit umgehen, dass sie lustiger ist.“ Das ist, glaube ich, ein Ritterschlag.

 

Hier kommt ihr zu den Videos: #besonderehelden 1 #besonderehelden 2 

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Flatrate

Omas Telefonnummer kann ich auswendig. Sie ist mein Leben lang gleichgeblieben. Trotzdem speicherte ich ihre Nummer in meinem ersten Handy. Es wäre nicht nötig gewesen, aber ein Adressbuch ohne Oma wäre mir unvollständig vorgekommen. Wenn Oma sich meldete, hatte ihr Tonfall immer etwas Feierliches. Als erwarte sie, den Bundespräsidenten höchstpersönlich in der Leitung zu haben. Telefonieren war für sie etwas Ernsthaftes. Da lümmelte man nicht auf dem Sofa rum und schon gar nicht machte man nebenbei den Abwasch. Man telefonierte und das möglichst kurz, damit es nicht so teuer würde. Irgendwann versuchte ich Oma zu erklären, was eine Flatrate ist, doch ich merkte, dass sie mir nur halb zuhörte. Sie wollte sich nicht umgewöhnen. Und das machte auch nichts, denn eigentlich liebte ich ja genau diese Ernsthaftigkeit. 

Mittlerweile ist Oma tot. Seit ein paar Jahren schon. Aber ihre Nummer zu löschen, habe ich noch nicht übers Herz gebracht. Es fühlt sich an, als würde ich die Erinnerung auslöschen, als würde ich Oma mit einer Taste aus meinem Leben entfernen, um neuen Speicherplatz zu schaffen. 

Die Nummer bleibt also. Immer, wenn ich jetzt durch mein Adressbuch scrolle und beim Buchstaben O bin, lese ich „Oma“ und muss kurz lächeln. Als bräuchte ich nur auf die Taste zu drücken, und sie wäre da. Würde sich irgendwo aus den Himmeln melden, würde wie immer „Ach, hallo!“ rufen, mit dieser Mischung aus Überraschung und Freude in der Stimme. Eine Sekundenerinnerung, wärmer und lebendiger, als der Name auf ihrem Grabstein, der so förmlich, so endgültig, so golden in Marmor gehauen ist. Die Vorstellung, nur einen Klick weit von Oma entfernt zu sein, ist irgendwie tröstlicher.

 

gesendet in: NDR 90,3 Kirchenleute heute

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Der kleine David und ich

„Das Vergessenwollen verlängert das Exil, 

und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“          

Ba’al Schem Tov

 

Ich erinnere mich an die jüdische Synagoge, an die nichts mehr erinnert, nur noch ein Parkplatz. Ich erinnere mich, dass Oma sagte, „die Juden“ seien irgendwie anders gewesen. Ich erinnere mich an meine erste Klassenfahrt nach Bergen-Belsen und mein Entsetzen. Ich erinnere mich an die Geschichten von Abraham und Mose und dem kleinen David, der Goliath besiegte. Ich erinnere mich, wie ich erst mit 17 Jahren entdeckte, dass es einen jüdischen Friedhof in meiner Stadt gibt. Ich erinnere mich an den Freund, der auf einmal meinte, es gäbe Beweise, dass der Holocaust nie stattgefunden habe. Ich erinnere mich, wie unvorbereitet ich auf so eine Behauptung aus seinem Mund war. Ich erinnere mich an Schweigemärsche am 9. November, und dass einige nicht schweigen wollten, weil Schweigen nichts ändere. Ich erinnere mich, sehr viele Male „Hevenu schalom alejchem“ gesungen zu haben. Ich erinnere mich an meines Großvaters Blick, mit dem er sagte, er verstehe nicht, warum sie einem wie Hitler gefolgt seien. Ich erinnere mich an Jungs auf dem Schulhof, Hakenkreuze und „Deutschland den Deutschen“. Ich erinnere mich an meinen Zorn. Ich erinnere mich, wie ich hörte, Juden hätten das Corona-Virus erschaffen.

Ich erinnere mich, zu widersprechen.

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Sonntagsspaziergang

Mit wem ich gern mal einen Kaffee trinken würde, das ist so eine Frage, bei der ich nie weiterweiß. Kaffee ist überbewertet, finde ich. Man sitzt rum und fühlt sich nach der dritten Tasse zu gleichen Teilen aufgekratzt wie flau. Außerdem ist es im Moment sowieso schwierig, die Cafés sind geschlossen. Wenn ich also wählen dürfte, würde ich lieber durch den Wald streifen, auf Wegen, die niemand geschottert hat, bei einer Eiche stehenbleiben, um einen Gedanken nicht zu verlieren. Mit wem, spielt fast keine Rolle, so lange das Gespräch interessant ist und verschlungene Wege nimmt. Aber gut, vielleicht lieber mit Jesus als mit Buddha (sorry, ist nichts Persönliches), mit Ronja lieber als mit Pippi, mit Teresa von Avila lieber als mit Mutter Teresa, mit D. lieber als mit M., mit Frau Merkel lieber als mit Herrn Merz, mit Snoopy lieber als mit Charlie Brown, mit der Queen lieber als mit Charles, heute lieber als morgen.  

 

 

 

 

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Hallo November

Diesmal übertreibst du aber. Dass es mit dem Nachmittags-kaffee dunkel wird, daran habe ich mich in den letzten 48 Jahren mühevoll gewöhnt. Und dass du Regen magst – geschenkt. Den brauchen wir ja, da bin ich vernünftig. Aber ein Lockdown? Im Ernst? Kein Café, das leuchtturmgleich die schwankenden Seelen heimruft? Kein Theater, das dem Leben eine Bühne gibt? Und Doppelkopfrunden höchstens für Großfamilien? 

Das ist hart. Hast du denn nicht Rilke gelesen? Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben… wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.  Das kannst du nicht wollen. Im Inneren deiner Seele willst doch auch du geliebt werden. Also frage ich dich: Was hast du zu bieten? Dieses Jahr ist deine Chance. Noch nie waren so viele Augen auf dich gerichtet. Wenn du es schaffst, uns alle 30 Tage über Wasser zu halten, könnte das deine Beliebt-heitswerte enorm verbessern. Laubhaufenspringen? Freiluftyoga? Lichtermeereintauchen? Zeig, was du kannst. Wir machen mit!

 

Im November ziehe ich um zu Chrismon: Dort gibt es jeden Tag einen Text: Lichtblick-Blog

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Jetzt

Gibt es jetzt auch hier als Postkarte.

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Hallo Herbst!

 

Gestern saßen wir lachend am Tisch, während die Kanzlerin im Fernsehen inständig darum bat, Kontakte einzuschränken. Die Zahlen sind höher als im Frühjahr, aber so richtig angekommen ist es noch nicht. Der Sommer hat eine Tür geöffnet, und es fällt schwer, sie wieder zu schließen. Dabei ist es drinnen auch schön. Trotzdem fühlt sich eine Seite in mir wie ein Kind, das noch nicht aufhören will zu spielen. Weil es sich nicht vorstellen kann, wann dieses „Morgen“ ist, an dem es weiterspielen wird. Zum Glück bin ich meistenteils erwachsen, was langweiliger klingt als es ist. Im Gegensatz zu meinem fünfjährigen Ich weiß ich nämlich mittlerweile, wie viele Schlupflöcher es gibt, die das Leben lebenswert machen. Hallo Herbst. Ich komme!

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Was du willst

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Sandmännchen und Westpakete

3. Oktober 1990

Ich habe den Fernseher angemacht. Die DDR war für mich LPGs und eine Mauer, die unfassbar anmaßend, aber nicht meine ist. Jetzt steht sie offen.

Ich bin schon drüben gewesen. Ostern, mit Zelt. Mal gucken, was für ein Land das ist. Nicht mein Land, soviel ist klar. Das Wort „Wiedervereinigung“ kenne ich nur aus dem Mund der Ewiggestrigen. Die auch Ostpommern und das Elsass wiederhaben wollen.  Ich hocke in Jeans auf dem Sofa und fühle mich fremd im Jetzt. Was da 400 Kilometer östlich geschieht, ist irgendwie nicht mit mir abgesprochen. Warum scheint es für alle so selbstverständlich, dass aus zwei Staaten einer wird? Können wir uns nicht erstmal kennenlernen? Wer sagt denn, dass wir zueinander passen? Kohl sieht satt und zufrieden aus. Er spricht von blühenden Landschaften und klingt, als habe er eine Putzkolonne losgeschickt, die eben mal alles auf Vordermann bringen soll. Ich pule die Kerne aus ein paar letzten Pflaumen und stecke mir eine in den Mund. "Einigkeit und Recht und Freiheit" singen sie im Fernseher, und ich höre "Deutschland, Deutschland über alles". Ich schalte ab. Wie wird das alles werden?

 

30 Jahre später.

Der Zug von Hamburg fährt durch. Landschaft rauscht vorbei. Ackersenf blüht. In knapp vier Stunden werde ich in Erfurt sein. Neben mir sitzt Matthias. Ostkind, sagt er. Wir haben Bleistifte im Koffer und leere Hefte. Wir werden uns zusammenschreiben: Mario aus Zwickau, Silke aus Ostfriesland, Kirstin aus Berlin, Werner aus Köln, Marion aus Magdeburg und all die anderen. Auf den Fluren tragen wir Masken, in unseren Texten zeigen wir uns. Erzählen, was wir gewonnen haben: Reisefreiheit. Hiddensee. Eierschecke. Ich-sagen. Wir-denken.

Den Polizeiruf 110. Deutsche Geschichte an Originalschauplätzen: Goethe, Luther, Effi Briest. Einen Beruf nach eigener Wahl. Studieren in England. Das Elbsandsteingebirge zum Wandern. Gundermann. Wahlfreiheit. Levis-Jeans. Und immer wieder: Freundschaften. Entweder-oder wird zu sowohl-als-auch. Wir schreiben Liebeserklärungen an die Demokratie. Wir lachen über unsere Nostalgie. Probieren Bambina und Milky Way, und beides ist vor allem quietschsüß. Unter freiem Himmel singen wir von Gedanken, die frei sind. Wir finden Utopien für die nächsten 30 Jahre: Der Himmel ist blau. Das Kind fragt, was eine Grenze ist. Einigkeit und Recht und Freiheit. Heimat ist ein Tuwort.

 

Das Ost-West-Schreiben setzen wir fort: Vom 3.-5. Dezember 2021 mit der Ev. Akademie Thüringen in Neudietendorf.

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Nuancen und Pferdefüße

„Guten Morgen, mein Lieber.“ Der Teufel ist erstklassig gekleidet. Weißes Hemd, schwarzer Blazer, während Gott einen gewagten Mustermix trägt. „Ich bin nicht dein Lieber“, widerspricht er. „Nana, wer wird denn so mürrisch sein? Predigst du nicht immer die Liebe? Aber ich verstehe dich. Seit selbst ‚Gutmensch’ zum Schimpfwort geworden ist, schwimmen dir die Felle davon. Du solltest über dein Konzept nachdenken. Es ist einfach zu komplex.“

Seit einigen tausend Jahren treffen die beiden einander regelmäßig. Auf Initiative des Höchsten. Er nennt das „die andere Seite sehen“, was der Teufel insgeheim lächerlich findet. Einseitigkeit liegt ihm mehr, aber da er sich gern präsentiert, lässt er kein Treffen ausfallen. 

Die Zeit des Schwefels und der Pferdefüße ist vorbei. Seriosität ist das Motto des neuen Jahrtausends, seitdem hantiert er nicht mehr mit der Hölle, sondern mit Statistiken. „Und die Quellen?“, fragt Gott. „Die sind doch total zwielichtig. Wenn du sie dir nicht gleich ausgedacht hast!“ Der Teufel sieht ihn mitleidig an. „Als ob die Leute sich für Quellen interessieren. Ich verstehe mich als Dienstleister. Es prasselt heutzutage so viel auf die Leute ein: Klimawandel, Ausländer, neuartige Viren, vegane Leberwurst. Das überfordert viele. Ich vereinfache den Leuten ihr Leben. Ich sortiere vor.“

„Allerdings völlig einseitig!“

„Das ist mein Markenzeichen. Keine Widersprüche. Kein Sowohl als auch. Schwarz oder weiß.“

„Ich habe den Menschen den Regenbogen gegeben“, schwärmt Gott. „Den lieben sie. Gerade wegen der Vielfalt. Die Welt ist nicht eindeutig. Kannst du dir einen Regenbogen in schwarz-weiß vorstellen?“ „Sie lieben deinen Regenbogen auf Postkarten und Facebook-Bildern. Solange er romantisch ist. Metaphorisch hat er ausgedient. Zu viele Nuancen. Das ermüdet und verunsichert nur. So, jetzt muss ich los. Ich bin mal wieder auf eine von diesen Demos als Redner eingeladen. Bis bald, mein Lieber!“ 

Gott rümpft die Nase. Den Schwefelgeruch wird er nicht los, denkt er. Ich muss ihn aushalten. Das gehört wohl zur Ambiguitätstoleranz dazu. Dann bricht auch er auf. „Ich glaube an euch“, flüstert er seinen Menschen ins Ohr. „So einfältig seid ihr nicht. Wer seit Anbeginn der Welt mit Widersprüchen lebt, hat Übung darin.“

 

So geht’s: Ambiguitätstoleranz: Die Fähigkeit, Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen und ertragen zu können und Diskussionen trotz allem wohlwollend fortführen zu können, ohne dabei aggressiv zu reagieren.

 

in: Welt der Frauen www.welt-der-frauen.at (gekürzt)

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In meinem Kopf

 

Die Einfälle sitzen wie Krähen in meinem Kopf und warten. In dem Moment, wo ich nicht mehr nach ihnen schaue, fliegen sie auf, sonderbar und schön. Die besten Einfälle sind die, die mich selbst überraschen. Sie stellen Zusammenhänge zwischen Dingen her, die ich nicht erwarte. Was hat Rost mit Freiheit zu tun? Ein Ohrensessel mit Demokratie? Was haben Himbeeren mit dem Tod zu tun? Wenn ich wüsste, dass ich sterbe, wäre ich traurig. Ich bin noch nicht satt. Meine Vorbilder fürs Leben sind mein Opa, Angela Merkel und Astrid Lindgren. Alle drei haben mit Emanzipation zu tun. Ein größtes Vorbild habe ich nicht. Vielleicht, weil ich Größe misstraue. Als es mal eine Sonnenfinsternis gab, musste ich mich zwingen, nicht in die Sonne zu schauen. Ich tat es trotzdem, ganz kurz. Ich schaue lieber hin als weg. Manchmal ist das nicht so klug. Wahrscheinlich sind 34% aller Dinge, die ich tue, nicht so klug, befriedigen aber meine Neugier. 

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Urlaub

Im August macht Gott Urlaub auf dem Campingplatz Deichblick. Sein Wohnwagen steht ganz hinten bei den Müllcontainern. Es riecht ein bisschen, besonders mittags, wenn das Thermometer hochklettert auf dreißig Grad und die Luft über dem Asphalt flirrt. Die anderen Plätze sind alle vergeben. An Camper, die lange vor Gott da waren.

"Gebucht bis 2034", sagt Manfred aus Wuppertal und Gott staunt. Solange im voraus denkt er gar nicht. "Musste aber", sagt Manfred. "Wenn du 'n Platz inner ersten Reihe willst, sogar noch länger." Er sei keiner für die erste Reihe, sagt Gott. Nie gewesen. Manfred ploppt ein Bier auf und reicht es Gott rüber. "Prost und nichts für ungut, aber so kommste nie auf 'nen grünen Zweig. Ich hab' hinten bei den Toiletten angefangen. Und jetzt? Reihe drei, sogar mit Vorgarten!" Seine Augen glänzen stolz. "Alles nur, weil ich dem Platzwart ständig in den Ohren lag." "Das kenne ich", seufzt Gott.

"Ach", staunt Manfred und rülpst dezent. "Was machste denn beruflich? Biste etwa auch Platzwart?"

"So ähnlich", sagt Gott, und dann erzählt er von seinem Platz. Dass der ziemlich groß sei, Meer- und Bergblick, Sommer- und Winterbetrieb. "Nur, dass die Leute sich selbst aussuchen, wo sie bleiben wollen. Keine Reservierungen. Keine Stammplätze." Er mische sich da nicht ein. Manchmal trinke er ein Bierchen mit und schaue, dass die Geranien Wasser kriegen.

Manfred schielt unter seiner Kappe hervor. "Und das funktioniert?"

Gott wiegt den Kopf. "Mal besser, mal schlechter. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf."

Ein Wohnwagen der Marke "Luxor Privileg" rollt vorbei. Manfred kratzt sich nachdenklich am Bauch. "Bist wohl so'n Optimist?"

Aus seinem Mund klingt das wie eine seltene Tierart. Gott lächelt. "Schon immer gewesen, Manfred, schon immer gewesen. Prost!"

 

Schönen Sommer! Hier geht es weiter Mitte September.

 

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Schreiben. Auf der Wiese

Fliegen stieben ins Gesicht -

ein Gedicht?
So klappt das nicht.

 

Käfer krabbeln

Leute brabbeln

Sonne sticht - 

ein Gedicht?

Ist nicht in Sicht. 

 

Brauche Schatten 

unter Latten-

zaun und Dach - 

das Gedicht?

Das fällt wohl flach.

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Feinste Wahl

 

 

 

 

Die Betonung ändern.     

Die Welt umrunden      

in meinem Zimmer.     

Die Auslage meiner      

Habseligkeiten betrachten,     

etwas entdecken,     

das längst da ist:     

Ein Kamm, ein Buch, ein Kissen,     

dich.     

Feinste Wahl.     

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Ernstfall

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Gehen_Bleiben

Kippe Name, Telefon und Notizbuch aus. Dann ist der Rucksack leer. Ich lasse ihn stehen. „Du musst Wasser mitnehmen“, sagt Olga. 

„Was ich brauche, finde ich unterwegs.“ Ich tue so, als sei ich mir sicher. 

Die Sonne steht schon tief. Man bricht nicht nachmittags auf. Nachmittags kommt man an. Aber ich will nicht länger warten. Wenn ich jetzt nicht gehe, gehe ich nie.

„Warum willst du eigentlich gehen?“, fragt Olga. Ich suche nach Feindseligkeit in ihrer Stimme, doch da ist nichts. Sie hockt auf der Mauer und lackiert ihre Nägel. Sechs Zehen sind schon rot. Olga nimmt immer Rot. Rosé oder Lavendel kommen nicht in Frage. Olga macht keine halben Sachen. Olga würde auch nie weggehen. Sie ist viel zu sehr hier.

Mit ihren Luchsaugen schaut sie mich an. Sie sagt nicht: Bleib. Gehen ist einfacher als bleiben. Hinter jeder Biegung könnte alles anders sein. Ich lebe gern im Könnte. „Das ist alles?“, fragt Olga überrascht. Und dann: „Soll ich deine Zehen auch machen?“

Ich zögere. Lege meine Füße in ihren Schoß. 

Wir wissen beide: Jetzt kann ich nicht mehr gehen. 

Der Pinsel biegt sich bei jedem Strich. Darunter leuchtet es rot. 

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Kindergebet

 

 

Lieber Gott,

 

hast du auch die Mücken lieb

und die Flöhe auf meinem Hund

und den fetten schwarzen Käfer

und den Mann mit dem großen Mund?

Und im Meer die Feuerqualle

Und die Frau, die so komisch riecht

Und die ekelige Schnecke

Und den Dino, den’s nicht mehr gibt?

 

Zeig mir doch, wie man liebt.

 

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Übermorgen

Heidi Klum feiert Erfolge mit einer Du-bist-schön-wie-du-bist-Show. 

Was ist passiert?

Instagram und Facebook stellen mangels Interesse ihre Dienste ein. 

Was ist passiert?

Die Päpstin schafft ihr Amt ab. Was ist passiert?

Gott veröffentlicht seine private Telefonnummer. Was ist passiert?

Das Gefühl, nicht zu genügen, ist nur noch eine ferne Erinnerung. 

Was ist passiert?

Flüge für Distanzen unter 1500 km starten nicht mehr und keinen stört es. Was ist passiert?

Jeder wird von irgendwem geliebt. Was ist passiert?

Der letzte Mensch, der je einen anderen Menschen getötet hat, stirbt geläutert im Alter von 93 Jahren im Kreise seiner Lieben. 

Was ist passiert?

In einem alten Tagebuch lese ich, dass ich ständig gestresst bin. Das Wort habe ich seit 7 Jahren nicht mehr benutzt. Was ist passiert?

In der Kirche treffen sich jeden Abend 237 Leute. Manchmal auch mehr. Was ist passiert?

Ich bin glücklich. Die anderen auch. Was ist passiert?

 

Zusammen das Heute von Übermorgen her denken. Wohnzimmerkirche Futur II am 12. Juni.

 

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Wunder regnen

Die Hoffnung soll immer zuletzt sterben. Egal, ob Flutkatastrophe oder Lottogewinn, Hirntumor oder Liebeskummer. Immer muss sie ausharren bis zum bitteren Ende. Egal, wie hoch die Chancen stehen. Das arme Ding. 

Ich stelle mir vor, dass sie hier und da gern sagen würde: „Leute, es tut mir leid. Nehmt’s mir nicht übel, aber hier kann ich wirklich nichts mehr ausrichten. Lena
 wird Holger nicht küssen, auch in hundert Jahren nicht. Nicht jeder Lahme wird gehen können. Sorry.“ Sie meint das nicht böse, sie traut sich nur, der Realität ins Auge 
zu sehen. Und deren Augenfarbe ist manchmal eben nicht rosa. Sie würde dann gern weitergehen. Weil sie sieht, was nach der Katastrophe kommt. Denn ein „Danach“ gibt es immer. Darin ist die Hoffnung eine Meisterin. Egal, ob Himmel oder Holger, sie ist schon zwei Schritte voraus. Unsereins kann sie da schnell mal aus dem Blick verlieren. Aber das macht nichts. An der nächsten Ecke wartet sie geduldig, bis man wieder aufgeholt hat, und dann führt sie einen in ein Land, das man sich nicht hätte träumen lassen. Die Hoffnung hat ihre Augen überall, am liebsten aber in der Zukunft. Und da gibt es immer irgendetwas Rosiges. Auch, wenn man selber noch schwarzsieht.

 

100 Seiten Hoffnungstexte. Weil man manchmal einfach was Positives braucht.

Mit Beiträgen von vielen anderen und mir: Vielleicht lässt jemand Wunder regnen. Susanne Breit-Keßler, Frank Muchlinsky (Hrsg.), edition chrismon | Deutsche Bibelgesellschaft

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Nix Neues

 

 

 

 

 

 

 

Nein, das ist keine Bio-Maske, sondern ein Holunderbusch.

Wenn man die Nase reinsteckt, sieht die Welt gleich anders aus. Zumindest riecht sie anders: frisch, zitronig, leicht. Das ist mein Tipp gegen Corona-Blues. Das Leben war selten so viel Jetzt wie jetzt. Alle, die noch nie viel von Planung hielten, sind klar im Vorteil. Ich übe das jeden Tag und helfe mir mit einem einfachen Gedankenspiel: Je einladender ich die Gegenwart gestalte, desto mehr Lust hat die Zukunft zu kommen. 

Und sonst? Habe ich mehr am Schreibtisch als im Zug gesessen, zoomen als Verb in meinen Wortschatz aufgenommen, immer (na gut, meistens) das Positive gesehen, die Sprache der Meisen studiert und ein Buch geschrieben. Jetzt ist es fertig. Wenn Ihr schon mal gucken wollt, wie es aussehen wird, klickt hier. Bald, ganz bald gibt es auch wieder neue Engelimbiss-Texte. Wenn ich aus dem Urlaub zurück bin.

Habt es gut!

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Roséwein und Entenküken

„Ein Glück, dass ich dich treffe“, sage ich und Gott nickt etwas zerstreut. „Geht’s dir nicht gut?“, frage ich ängstlich, denn das wäre es ja, wenn man sich jetzt auch noch Sorgen um Gott machen müsste. Deshalb rede ich lieber gleich weiter. „Es reicht, hörst du? Ich finde, dieses Virus sollte jetzt langsam mal aufgeben.“ Gott nickt und seufzt: „Das finde ich auch.“

„Dann tu was“, rufe ich, denn Seufzen hat noch nie geholfen, etwas zu verändern. „Vernichte es, verwandle es, mach, dass es aufhört!“

Er sei kein Seuchenexperte, sagt Gott, dafür gäbe es Fachleute. Die kennen sich gut mit Viren aus, auf die vertraue er.

„Und wenn sie sich irren?“

Das sei natürlich möglich, sagt Gott. Deshalb vertraue er auch auf die Fragen der anderen, dass sie nicht nachlassen, zuzuhören und mitzudenken.

„Vertrauen …“, murmele ich und klinge vermutlich enttäuscht, weil ich mir etwas Handfesteres wünsche.

„Du willst Sicherheit“, sagt Gott, und ich nicke, obwohl ich weiß, dass Sicherheit eine Sackgasse ist. „Deshalb habe ich das alles hier“ – er macht eine raumgreifende Bewegung, „auf Vertrauen aufgebaut. Ich glaube daran. Ich vertraue darauf, dass ihr klug und mutig genug seid, euer Herz und euren Verstand zu nutzen. Ich glaube an eure Widerständigkeit, die habe ich in eure DNA gelegt, an eure Fragen und euren Zweifel. Vergesst die nicht. Ich vertraue auf euren langen Atem, den habe ich in Jahrtausenden mit euch geübt. Ich vertraue auf eure Wachsamkeit. Es reicht, wenn einige wachen und die anderen sich wecken lassen. Wechselt euch ab. Ich vertraue auf eure Phantasie, denn die habt ihr von mir. Im Übrigen vertraue ich auf Butterblumen, Roséwein und Entenküken und finde, dass es ein paar ausgezeichnete Serien gibt.“

„Du überraschst mich immer wieder“, murmele ich wie zu mir selbst, und mir fällt plötzlich auf, wie hell der Himmel an diesem Abend ist.

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Aufstehen

Ich färbe Eier und male in Goldbuchstaben ein A und ein O.

Ich hole grüne Zweige herein, den Teig knete ich für das Osterbrot. Ich habe Öl gekauft, es riecht nach Rosen, das geht unter die Haut. Ich kenne die Gesänge, angestimmt in einer fernen Welt und ohne Ende gesungen. Dies ist die Nacht.

Ich stehe auf und schleiche mich hinaus, bevor die anderen erwachen. Keine Ahnung, was ich erhoffe, aber der Morgen wird da sein, die Vögel werden da sein, und ich – ich werde auch da sein. Vielleicht begegne ich einem in weißen Kleidern, auch wenn das wahrhaft unwahrscheinlich ist. Aber Ostern ist sowieso nichts für Kopfrechner.

 

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Erinner dich: Brot, Wein, zusammen sein

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Ob Ostern wird

Ob Ostern wird, fragst du ängstlich,

und ich sage, natürlich wird Ostern.

 

Aber wer singt die Lieder,

wer bringt das Licht herein?

Wer steht auf, früh vor der Sonne,

wer segnet die Angst,

wer himmelt die Erde?

 

Du, sage ich, und ich.

Und die anderen

an ihren Küchentischen,

zwischen Legosteinen

und beim Melken der Kuh.

Bei der ersten Schicht in der Tankstelle,

nach unruhigem Traum im Krankenbett,

mit müden Augen am Taxistand.

Im Pausenraum morgens um vier,

zwischen Narzissen und Windrosen,

woimmer und überall.

 

Tägliche Texte schreibe ich gerade auf dem Lichtblick-Blog von Chrismon.

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Stubenhocker

Im Wohnzimmer sitzt ein Engel. Er sagt, er sei ein Stubenhocker. Endlich dürfe man das ohne schlechtes Gewissen sein. Kein Pilateskurs, kein Theater-Abo, der Lesezirkel fällt aus, ebenso der Esperanto-Kurs für Fortgeschrittene, es gibt einfach keine Freizeittermine mehr, die man einhalten muss. Er werde, sagt er, jetzt einfach hier sitzen und vielleicht etwas lesen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht werde er auch nur schauen. Draußen sei vor 20 Minuten eine Meise gelandet und habe geprüft, ob der Zweig trägt. Eine Wolke habe sich in ein Schaf verwandelt. Das Gras sei gewachsen, aber, wendet er ein, da müsse man schon sehr genau hinschauen. Er sieht mich erst mitleidig, dann aufmunternd an. Man könne das lernen, fügt er hinzu und fragt, ob ich mich zu ihm setzen wolle. 

Warum nicht, denke ich. Von einem Engel kann man bestimmt was lernen.

 

Übrigens: Ab morgen schreibe ich für Chrismon täglich einen "Lichtblick". Schaut vorbei!

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Always look on the bright side...

Was mir gerade gut tut:

 

Dinge ordnen. Küchenschrank. Wäsche. Bücher. 

Der Luxus, einfach jeden Tag mit einem Brötchen zu frühstücken. Um 11 Uhr. 

Blumen einpflanzen.

Ungelesene Bücher lesen.

Ausgiebiger an einem Text feilen als sonst.

Die plötzliche Ruhe genießen.

Der Stimme widerstehen, die raunt: Du darfst jetzt nicht genießen. 

Auch dem Aktivismus widerstehen, das ganze offline Leben online stattfinden lassen zu wollen.

Bärlauchpesto machen. 

Bärlauchpesto essen.

Atmen üben.

 

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Haus der Träume

Jakob kann nicht schlafen. Weil die Gedanken in seinem Kopf Hip-Hop tanzen und weil ihm der nächste Tag bevorsteht und ein Date, vor dem er Angst hat. Er steht auf und geht hinaus in die Nacht; ich stelle mir vor, wie er dasteht und in die Sterne guckt, sich eine Zigarette ansteckt und die Füße schneller kalt werden als der Rest.

Da wirft ihn etwas um. Ein Unbekannter reißt ihn zu Boden. Sie ringen miteinander, ich sehe sie kämpfen, keiner gewinnt, denn ums Gewinnen geht es nicht. Ich höre das Keuchen ihres Atems, keiner lässt los, keiner sagt: Lass uns reden. Die beiden ringen miteinander, bis das Morgenrot die Geister der Nacht vertreibt. Der Unbekannte versucht, sich loszureißen. „Ich lasse dich nicht gehen“, ruft Jakob, „gib mir erst deinen Segen.“ Er bekommt ihn, weil er darum gekämpft hat.

Die Geschichte ist uralt und sie ist meine Geschichte.

Ich will Jakob sein, der Gott den Segen abringt. Kein Ringelpiez, kein frommes Gerede, niemand sagt „zauberschön“. Aber es ist echt.

Jakob sagt, Gott sei manchmal zum Greifen nah.

Wohl eher handgreiflich, sage ich.

Das sei die andere Seite, sagt er. Wenn du nicht in einer Wattewelt leben willst. Kann sein, dass er dich umhaut.

 

                                                                                                                                 Weiterhören oder lesen: Haus der Träume im Deutschlandfunk

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Für Ferhat, Gökhan, Hamza, Said Nessar, Mercedes, Sedat, Kalojan, Fatih, Vili, Gabriele

 

 

 

eine Kerze brennt

etwas vergolden

während der Regen

gleichmäßig ans Fenster klopft

hass hat

nicht das letzte Wort

 

 

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Herrschaft

 

 

 

Heute Morgen zeigt der Himmel in Blau, dass es ihn noch gibt.

In einer Parallelwelt erklärt ein Papst, dass es Frauen schaden könne,

wenn sie Priesterinnen werden. Es muss sich um einen zweifelhaften 

Beruf handeln.  Auf Facebook feiert eine Pastorin ihr 42-jähriges Dienstjubiläum.

Sie sieht glücklich aus im Talar. Ihr Lippenstift passt zu ihrem Lachen.

Ich wende mich anderen Dingen zu und lese einen Text, in dem Adjektive

die Herrschaft übernehmen. Sie sind gerissen, weil sie vorgeben, freundlich zu sein.

Aber auch mit Freundlichkeit kann man Subjekte ersticken.

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Januarmorgen

Das Jahr ist nicht mehr ganz frisch. Es hat schon Moos angesetzt, kein Wunder bei dem ganzen Regen, der doch eigentlich Schnee sein sollte. Aber er richtet sich nicht nach mir, vielleicht fühlt er sich flüssig ganz wohl. Im neuen Jahr soll man sich verändern, überall Aufbruch, mir wird schwindelig davon. Ich finde, der Januar ist ein Monat, in dem man erstmal atmen kann. Bevor man losstürmt, wer weiß wohin. Ausatmen. Die Kaffeetasse sehen. Einatmen. Die Kontoauszüge taxieren. Einatmen. Einen Schluck Kaffee trinken. Ausatmen. Die leeren Stifte wegwerfen. Einatmen. Die E-Mails erst in zwei Stunden lesen. Ausatmen. An Harry, Meghan, den Sommerurlaub, das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, Wandfarbe, an nichts und alles denken. Einatmen. Nicht behaupten, dass das eine Meditationsübung sei. Ich schmiege mich in die Halskuhle des Januars und denke, wie weich doch Moos ist.

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Als der Weihnachtsmann auf dem Weg nach Hause ist

Als der Weihnachtsmann auf dem Weg nach Hause ist, trifft er die drei Fremden. Sie halten Pakete in den Händen. „Bisschen spät, Kollegen. Ich hab’ alles abgeliefert: Iphones, Krawatten, Legosteine. Ich sag’ euch: Mir reicht’s! Was habt ihr dabei?“ 

„Gold, Weihrauch und Myrrhe.“ 

Der Weihnachtsmann zieht eine Augenbraue hoch. „Das ist doch nicht euer Ernst! Gold, ja, das geht immer. Aber das andere Zeugs? Was soll man damit anfangen?!

Die drei Fremden lächeln. „Gold ist das Wertvollste, was wir haben“, sagt der erste.

„Weihrauch ist für das, was uns heilig ist“, ergänzt der Zweite. „Und Myrrhe heilt, wenn einer Schmerzen hat“, schließt der dritte. Der Weihnachtsmann seufzt. „Das könnte ich auch brauchen! Für meine Schultern. Dieser schwere Sack! Und innendrinn – wisst ihr, wie es bei mir innen drin aussieht? Daran denkt keiner! Für mich interessiert sich niemand. Alle wollen immer nur haben, haben, haben! Heimlich lachen sie über meinen Bart und dass ich so altmodisch bin. Manchmal glaube ich selber nicht mehr an mich!“ Die Fremden nicken verständnisvoll. „Wir glauben an dich“, sagen sie. „Komm doch mit uns!“ Der Weihnachtsmann guckt die drei traurig an. „Aber ich habe keine Geschenke mehr. Kein einziges!“ „Das macht nichts“, sagt der erste. „Es reicht, dass du da bist“, sagt der zweite. „Vielleicht beschenkt dich das Kind, das wir suchen“, sagt der dritte.

„Was kann so ein Kind denn schon zu geben haben?“ „Finde es heraus.“ Und so sind sie plötzlich zu viert und folgen dem Stern.

Viele schließen sich ihnen an.

 

 

Helle Tage, frohe Nächte und auf Wiedersehen im nächsten Jahr!

 

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Freunde

Die Eichhörnchen, meine Freunde

legen Nüsse in die Krippe

draußen der Schnee

warmer Atem

malt Wölkchen in den Stall

eine Nachtigall ist geblieben

sie singt

gegen die Kälte

in den Straßenschluchten der großen, 

weiten Welt

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Unterwegs

„Woher kommt ihr, wohin wollt ihr?“, fragt man uns.

„Wir haben den Stern gesehen. Er zeigt uns etwas, das ist größer als alles.“

„Was kann schon größer als alles sein?“

„Die Sehnsucht“, sagen wir. 

„Die Sehnsucht kann man nicht greifen.”

Wir widersprechen:

„Die Sehnsucht ist ein Kind, das beschützt werden will.

Die Sehnsucht ist nackt und sie schämt sich nicht.

Die Sehnsucht wartet, wo wir nichts erwarten.“

Draußen wartet die Nacht. 

Der Stern führt uns in die Weite. 

Hinaus aus der Stadt, auf die Felder. Der Weg verschwindet im Gras. 

Erschöpft lassen wir uns nieder.

Einer sammelt Holz.

Eine entzündet das Feuer.

Einer bläst in die Glut.

Wir schweigen lange. 

„Die Sehnsucht ist ein Kind, das beschützt werden will“, wiederholst du.

„Und wenn wir sie finden? Was sind wir bereit zu geben?“

Wir breiten unsere Gaben aus:

Weihrauch, weil die Sehnsucht das Heiligste ist, was wir haben.

Myrrhe, weil Sehnsucht manchmal schmerzhaft ist.

Gold, weil die Sehnsucht das Wertvollste ist.

Wir schauen ins Feuer.

Wir schweigen uns zusammen, bis wir einschlafen,

Schulter an Schulter.

 

Die Könige in der "Wohnzimmerkirche"

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Wild und frei

Wir sitzen im Boot und der Wind zaust die Bäume. Der Himmel ist so blau. In diesem Moment bist du da. Ich könnte dich niemandem erklären, wollte es auch gar nicht. Ich habe keinen Namen für dich und erst recht kein Bild. Manchmal tauchst du mit einer Wucht in meine Gegenwart, die mich wanken lässt. Ich halte das Paddel still und mein Gesicht in deine Richtung. Das Wasser schwappt gegen den Bug und wir wippen zusammen auf den Wellen. Ich höre das Glucksen, sonst nichts. 

Wir reden nicht, ohnehin reden wir selten. Worte sind zwischen uns eher eine Krücke. Ich brauche sie, wenn es mir schlecht geht. Dann rufe ich dich, dann sage ich „lieber Gott“, in Ermangelung einer anderen, einer besseren Anrede. Aber vielleicht ist sie auch gar nicht schlecht, sie drückt Nähe aus und etwas Zärtliches. Anders kann ich dich nicht denken, weil ich dich anders nicht erlebe. Wenn du fern bist, sehne ich mich nach dieser Nähe. 

Ich habe Gebete gelernt. Liebergottmachmichfrommdassichindenhimmelkomm war mein erstes. Es fühlt sich nach Daunenbett an und riecht ein wenig nach Mottenkugeln. Damals holte Oma dich dazu, wenn sie kam und mir Gute Nacht sagte. Ich hatte keine Ahnung, wer du bist, aber Oma schien es zu wissen und das reichte. Sie holte dich, damit ich besser schlafen konnte und vielleicht auch, damit der Marder mir weniger Angst machte. Ich lernte dich also im Bett kennen. Kann sein, dass das unsere Beziehung prägt. 

Später lernte ich mein erstes Erwachsenengebet. Vaterunser murmelten alle zusammen, das klang ernst, und wenn es gut lief, auch feierlich. Alle konnten es, nur ich musste es erst lernen. Ich fühlte mich wie eine Nachzüglerin, als hätte ich die ersten Jahre geschwänzt, hätte zuviel in den Wiesen gespielt, Frösche gejagt und Blaubeeren gepflückt, während die anderen in der Kirche saßen. Ich hörte, dass dieses Gebet wichtig sei, weil es alle schon immer beten. Alle sind eine ziemlich große Menge, dagegen kann man nicht an. Also murmelte ich mit. Am besten gefiel mir die Zeile von der Kraft und der Herrlichkeit in Ewigkeit; nicht, weil es die letzte war, sondern, weil sie wie ein Zauber klang. Wie eine Beschwörungsformel, der ich mich auch heute nicht entziehen kann und du dich ja vielleicht auch nicht. Ich lasse mich gern von dir verzaubern. 

Dann kamen die anderen, die sogenannten freien Gebete. Sie haben keinen Reim und keinen Rhythmus, man sagt einfach, was einem gerade einfällt. Meistens sind es Dinge, die du tun sollst. Vorher bedankt man sich für irgendetwas, ich nehme an, es handelt sich dabei um einen Akt der Höflichkeit. Sie werden laut gesprochen, andere hören, was ich dir sage, das war mir immer schon ein bisschen peinlich (und dass es mir peinlich ist, ist mir auch peinlich.) Vielleicht geht es dir ähnlich. Jedenfalls traf ich dich bei diesen Gebeten nur selten, meistens wartetest du draußen. Ob du nicht reinkommen willst, habe ich gefragt, aber du hast nur den Kopf geschüttelt und mir ein paar Kirschen entgegengehalten. Weil du mich kennst. Weil du weißt, dass ich lieber mit dir Kirschen esse, als die Worte da drinnen zu schlucken, die immer ein bisschen nach Gebrauchsanleitung klingen. Tu dies, tu das, denk an jenes. Sie flirten nicht, sie verhandeln, aber das vertraue ich nur dir an, weil ich ahne, dass nicht jeder versteht, was ich meine. 

Dass du mich verstehst, daran glaube ich. Weil wir zusammen durch die Felder gestreift sind. Haben Ähren gerauft und uns Weizenkörner auf die Zunge gelegt und Worte, an denen wir uns nicht die Zähne ausgebissen haben. Wir haben zusammen an Papas Grab gestanden, ich glaube, du hast geweint. In der Nacht haben wir mit den anderen zur Gitarre gesungen, der Mond schien, und ich dachte, wie schön du singst. Wir haben getanzt bis in den Morgen, Schweiß glänzte auf unserer Haut. Zusammen haben wir Weihrauch gerochen und Leuchtalgen durch die Hände gleiten lassen. Wir haben unterm Nordlicht gestanden, Träumende gesehen und nicht aufgehört zu staunen.

Du bist wild und zärtlich und unendlich frei. Damit lockst du mich. Du holst mich hinaus ins Weite. Meine Sprache endet bei dir. Du bist nicht Vater und nicht Mutter für mich. Du bist kein „Er“, du bist nicht „Sie“ und schon gar nicht bist du „Es“. Du bist jenseits aller Definitionen. Du bist. Unsere Schultern berühren sich manchmal, dann lehne ich mich hin zu dir und bewege mich nicht, solange der Moment dauert. Ich liebe ihn. Ich will ihn festhalten. Ich will dich festhalten, will mein Zelt aufschlagen für uns, will aus dem jetzt ein ewig machen. Ich musste lernen, dass du dich nicht festhalten lässt. Darin bist du eindeutig. Ich habe dich nicht in der Hand. Aber du kommst wieder. Darauf vertraue ich, ich vertraue darauf, dass wir zueinander gehören, ohne uns ständig unseres Daseins versichern zu müssen.

Manchmal rufe ich dich. Flüstere in der Nacht mit lautloser Stimme deinen Namen. Sage dir ein paar Sätze, Geheimnisse oft. Du bist der einzige, dem ich sie alle anvertraue. Meistens schlafe ich darüber ein und dann bis ich doch wieder im Daunenbett. Ich schlafe gern in deiner Gegenwart.

Wie andere mit dir reden, weiß ich nicht. Wahrscheinlich treffen sie dich an anderen Orten, in Kirchen oder Hörsälen, an Tankstellen oder Krankenbetten, beim Stricken oder Bingospielen. Ich weiß, dass du auch da bist, wo ich nicht bin. Dass du an Orten bist, die mir fremd sind. Wo du mir fremd bist. Das ist gut so. 

Ich könnte mich sonst zu sehr an dich gewöhnen.

 

in: Andere Zeiten 3/2019, Buß- und Bettag

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Mauern stürzen

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, einander zu lieben.

Weil Liebe kein Gefühl ist, sondern eine Fähigkeit.

Weil Liebe süßer ist als Milch und Honig.

 

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, zu hoffen.

Weil Hoffnung keine Garantieleistung ist, sondern eine Verheißung.

Vielleicht wird es ganz anders als wir denken.

Vielleicht werden wir ganz anders als wir denken.

 

Der Himmel ist hier.


Wenn wir ihn hier nicht finden, finden wir ihn nirgendwo.


Ich glaube daran, dass wir träumen können.

Weil ein Traum immer der Anfang ist.


Lasst uns zusammen träumen von uns


Die wir sind


Und die wir sein werden


 

Wir sind ein Volk. 

Der Himmel ist: hier 

 

Wohnzimmerkirche am 8. November "Wenn Träume Mauern stürzen". 

 

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Mio sieht was

 

Mio kann Angst sehen. Angst ist orange, ein grelles, beißendes Orange. Mio sieht, wie Schnecken lachen. Er sieht auch, wie sein Kaktus auf der Fensterbank wächst. In einer Nacht im Oktober sieht Mio Gott, vielleicht träumt er auch, da ist er nicht ganz sicher. 

„Das macht keinen Unterschied“, sagt Gott, der einen Hut trägt und das wundert Mio, weil er sich Gott ganz anders vorgestellt hat.

„Das meiste, was man sich vorstellt, ist am Ende ganz anders“, gibt Gott zu bedenken und Mio findet, dass das auch wieder wahr ist. 

„Was willst du?“, fragt Mio.

„Dich“, sagt Gott.

Da ist Mio erstmal sprachlos, weil ihm das so direkt noch keiner gesagt hat. Sein Chef nicht, Merle nicht, nicht mal seine Mutter. Meistens ist es kompliziert, weil es meistens ein Aber gibt. 

„Ich habe dich ausgesucht“, sagt Gott.

„Wann?“, fragt Mio, weil er nichts davon bemerkt hat.

„Schon lange. Schon immer. Schon länger als immer.“

Jetzt würde Mio gern wissen, wofür Gott ihn ausgesucht hat. Aber er scheut sich, zu fragen. Wer weiß, was dann kommt. Wer weiß, ob er das will.

Dann fragt er doch. „Wofür?“

„Du sollst die Welt retten.“

Mio reißt die Augen auf. „Geht’s nicht eine Nummer kleiner?“

„Nein“, sagt Gott. „Bedaure.“

Mio sieht, dass er es ernst meint. Trotz des Hutes.

„Das kann ich nicht!“, ruft Mio. „Wer sollte denn auf mich hören? Ich bin zu jung. Sogar Merle sagt, ich bin sonderbar. Ich kann nicht reden. Jedenfalls verhaspele ich mich an den wichtigen Stellen. Ich habe keine Ahnung, wie man eine Krawatte bindet. Hast du mal geguckt, wie es aussieht da draußen? Die Trumpserdogansvaterlandsverteidigerdieplatzhirschediemeinmöchtegernpanzerdieichzuerst-dielügenpresseerfinderdiehauptsachekohlemacherdie– hast du die gesehen?“

„Darum ja", sagt Gott. "Einer muss ihnen sagen, dass es so nicht geht.“

„Aber nicht ich!“

„Doch!“

„Nein!“

Das Schweigen, das jetzt folgt, ist ein bisschen unangenehm. Die Luft ist orange.

„Hab keine Angst“, sagt Gott. „Ich bin ja bei dir.“

Mio atmet drei Mal ein und wieder aus. Dann atmet er ein viertes Mal. 

„Was siehst du?“, fragt Gott.

„Ich sehe die Nacht, den Schatten der Lampe, ich sehe deinen sonderbaren Hut, ich sehe eine leere Flasche Bier, den Kaktus und dass ich morgen sehr müde sein werde.“

„Sieh darüber hinaus. Was siehst du?“

Mio schluckt. „Ich sehe eine Welt, die tobt. Ich sehe ein Fass, das überläuft. Ich sehe einen brodelnden Kessel. Ich sehe Risse in der Fassade. Ich sehe Zeit, die abläuft. Ihre Füße sind wund. Ich sehe eine Axt im Wald. Ich sehe Menschen, die aufs Kreuz gelegt werden. Ich sehe Asche auf den Häuptern.“

„Ja“, sagt Gott. „Was siehst du noch?“

„Ich sehe einen Zweig, der blüht. Ich sehe Menschen, die tropfenweise das Feuer löschen. Ich sehe Liebende, die sich an einen Strohhalm festhalten. Ich sehe, wie einer eine Lanze bricht. Ich sehe einen Knoten, der sich löst. Ich sehe, Karten, die offen liegen. Ich sehe eine Schwalbe, sie bringt den Sommer. Sie bringt Freiheit. Sie bringt Alletagefrieden. Sie bringt Glück. Es nistet sich ein, überall, wo jemand das Herz öffnet.“

„Ja“, sagt Gott. „Erzähl davon. Vertrau dem, was du siehst.“

„Aber…“, sagt Mio.

Da berührt Gott Mios Lippen, das fühlt sich an wie ein Kuss und Gott legt Worte in Mios Mund, alle Worte, die man braucht. 

Ein Aber ist nicht dabei.

 

(Steht so oder so ähnlich bei Jeremia 1.)

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Was ich gern höre

Stille

die Nationalhymne nachts im Deutschlandfunk

die Europahymne, anschließend

Ich liebe dich

Ungesagtes

die Worte zwischen den Zeilen

meinen Namen

Kirchenglocken

den Ruf des Muezzin, wenn die Nacht weicht

das Gurgeln eines Baches

das Ping einer WhatsApp

Cellomusik

den Eröffnungstango der Nordischen Filmtage

das Knistern alter Schallplatten

Nebelhörner

 

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Hallo Eva,

du bist die Mutter der Neugier. Du willst Erkenntnis. Manche nennen das Sünde.

Ich glaube, sie nehmen dir übel, dass du sie aus ihrem kleinen Paradies vertrieben hast, in dem alles zusammenpasst und es keine Zwischentöne gibt. Zwischentöne sind ihnen unheimlich. Wie, wenn man es nachts im Wald knacken und wispern hört und nicht weiß, ob das Tier, das da ruft, gefährlich ist. 

Schlangen können gefährlich sein. Ich bin bisher nur auf Ringelnattern und Blindschleichen getroffen. Die tun nichts. 

Im Paradies gab es gefährlichere Schlangen. Eigenartig oder?

Ich nehme dir nichts übel. Bei mir brauchst du dich nicht zu entschuldigen. Ich glaube auch nicht, dass du naiv warst. Oder leicht verführbar. Womöglich hattest du einfach ein großes Grundvertrauen. Du hast den Worten der Schlange geglaubt, ihren Argumenten, mit denen sie ja gar nicht falsch lag. Deine Neugier eröffnete einen neuen Horizont, der weiter ist als ein Kindheitsparadies. Du gabst die Sicherheit eines begrenzten Raums zugunsten der Freiheit auf. Ich hätte es genauso gemacht. 

Ich weiß nicht, wie es sich im Paradies lebt, aber auf der Erde gefällt es mir gut. Ich trage deine Kleider auf, jene, die Gott euch damals gab, weil das Leben hier draußen manchmal ruppig und kalt sein kann. Sie halten immer noch warm. 

Mit deinem Wunsch nach Erkenntnis hast du eine Bewegung ausgelöst. So viele Menschen folgen dir. Sie stellen Fragen und suchen Antworten. Sie versuchen, Gut und Böse zu scheiden. Sie bauen hier auf der Erde am Himmel nach den Plänen deiner Erinnerung. Ich gehöre dazu.

Du hattest Mut, Gott kurz den Rücken zu kehren. Ich glaube, du wusstest, er wird nicht verschwinden, wenn du woanders hinguckst. Wenn du die Welt entdeckst. Gott ist gut darin, Rücken zu stärken. 

 

Viele Grüße von unterwegs, deine S.

 

(aus: Was machen Tagträumer nachts?)

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Wieder anfangen

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Lebenszeichen

Spiel

Die Erde ist rund, weil man mit runden Dingen besser jonglieren kann. Ich glaube, Gott ist ein Jongleur, ein ziemlich guter noch dazu. 

Ich habe es auch schon probiert und übe noch. Mir gefällt der Gedanke, niemanden fallen zu lassen. 

 

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Draußen

 

Ich mit dir 

In einem Boot

 

Du zaust die Bäume

Schickst Adler los

Und waghalsige Träume

 

Wir schlafen Haut an Haut

Nur eine Zeltwandweit getrennt

 

Ich werfe meine Netze aus

Angle nach dem Unerreichbaren

Mit Geduld

 

Du lehrst mich barfuß zu vertrauen

Mein Herz ist eine begierige Schülerin

 

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Fragen des Tages

1. Fühlt sich das Glück bei dir wohl?

2. Was hält dich wach?
3. Ist die Inspiration eine Diva?

4. Was hilft?

5. Was verschenkst du?

6. Wann ist das Bekenntnis zu Schwäche eine Ausrede?

7. Könnte Schlaf eine Lösung sein?

8. Willst du das wirklich oder freust du dich nur, gefragt zu werden?

9. Wie schnell muss dein Herz klopfen, damit du dich einlässt? 

 

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Himmelfahrt für alle Tage

Der Himmel ist anders als du denkst.

Der Himmel ist ein Feld, das darauf wartet, bestellt zu werden.

Der Himmel ist eine Wolldecke. Keiner kriegt kalte Füße.

Der Himmel ist ein Augenblick. Nur die Wachen sehen ihn. 

Der Himmel ist ein Apfelkuchen. Jeder gibt ein Stück.

Der Himmel ist ein Sack voll Lose, und jedes ist der Hauptgewinn. 

Der Himmel ist ein Hase, den der Schuss des Jägers nicht erwischt.

Der Himmel ist ein Kopfstand. Nur die Mutigen wagen ihn. 

Der Himmel ist ein Gegenüber, das zum Miteinander wird. 

Der Himmel ist ein Gedicht, und du bist der Reim.

Der Himmel ist ein Engel, der an den Himmel erinnert.

Der Himmel ist die Möglichkeit: Nach oben offen.

 

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Liebes Europa,

 

wenn ich dir schreibe, dann schreibe ich 500 Millionen Menschen. Das ist nicht so leicht, weil ich nicht alle dieser Menschen kenne, nicht mal auf einen Kaffee. Ehrlich gesagt, glaube ich auch, ich würde nicht alle mögen. Wahrscheinlich würde es bei so einem Kaffeetrinken ziemlich schnell Streit geben. Spätestens, wenn wir bei der Politik ankommen, würde es laut. Das kenne ich schon von den Weihnachtsfeiern meiner Kindheit. Und da saßen gerade mal zwei Dutzend Menschen an einem Tisch. Trotzdem haben wir uns jedes Mal wiedergetroffen. Verrückt, nicht?

 

Was auch verrückt ist: Ich finde dich wunderbar. Den finnischen Eigenbrötler oben in Karelien, die französische Bäckerin, mit der ich nur radebrechen kann, auch die Zyprioten, von denen ich noch nie einen getroffen habe, möchte ich nicht missen. Sind halt wie entfernte Cousinen, die kennt man auch nicht alle. Und weißt du, was das erstaunliche ist? Trotz aller Unterschiede raufen wir uns, so lange ich lebe, immer wieder zusammen. Das macht Familie aus. Man muss nicht jeden liebhaben. Aber nur, weil man einen nicht mag, das ganze aufs Spiel setzen?

 

Liebes Europa, manchmal bist du wie eine pingelige Tante. Dann nervst du mit deinen Vorschriften und Bestimmungen. Aber im Herzen bist du eine Romantikerin. Das sieht man schon an deinen verspielten Sternchen. Du bringst Kanelbullar und belgische Pommes auf den Tisch, griechischen Joghurt, Dresdner Eierschecke und polnische Piroggen. Genug für alle, das Teilen üben wir noch. 

Ich bin auch Romantikerin. Das ist nicht das Schlechteste: Wenn Liebe im Spiel ist, ist man eher bereit, zu ringen. Nicht aufzugeben, nur weil es mal nicht so gut läuft.

 

Und deshalb, liebes Europa, halt durch. Ich bin auf deiner Seite.

 

Deine Susanne

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Theologie der verständlichen Worte

 

 

Ich liebe dich.

 

 

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(Keine) Randnotiz

Wir fahren über die Grenze, die keine Grenze mehr ist. Die Bäume gleichen sich, aber im Hotel gibt es Schokostreusel zum Frühstück. 

Abends löffeln wir unsere Suppe; 16 Deutsche an einem Tisch, an den Nachbartischen Niederländer. Alle legen um Punkt acht ihr Besteck zur Seite und schlucken: Stille im ganzen Land. Zwei Minuten Gedenken der niederländischen Opfer im Krieg. 

Was für eine Gnade, denke ich, dass wir das zusammen tun können. Opa hat das Land besetzt, und ich bekomme Tomatensuppe.

Das ist Frieden. Wie dankbar ich dafür bin.

 

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Aufstand

                        Als Klappkarte auf editionahoi

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Vor Ostern

In diesen Nächten

rufst du mich hinaus

In diesen Nächten

schläft die Eule

und der Dämon ruht

In diesen Nächten

wehen die jungen

Buchenblätter

und die Luft schmeckt

nach Werden

 

 

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Scheiter heiter!

Sterben kann jeder. Es ist nichts Besonderes, da nützt auch kein Mahagonisarg, kein Staatsbegräbnis, kein weises letztes Wort. Der Tod ist ein Totalversagen. Und ein Gott, der stirbt – naja. Jedenfalls ist er kein Held.

Ich bin auch keine Heldin.

In der vierten Klasse sollten wir unser Lieblingsbuch mitbringen. Stolz legte ich einen Band Donald Duck auf den Tisch. Ob ich denn nichts anderes lese, fragte meine Lehrerin säuerlich. Doch, stammelte ich, was eine glatte Lüge war. Anderes begann ich erst später zu lesen. Donald, Dagobert, Tick, Trick und Track blieb ich trotzdem treu. (...)

Donald ist mein Held, eben weil er kein Held bist. Er ist die menschlichste aller Enten. In ihm finde ich mich wieder, irgendwo zwischen Kleinmut und Größenwahn. Seine Übertreibungen lehren mich Selbstironie. Ständig stolpert Donald über seine kurzen Beine und seine eigenen Ideale. Er ist cholerisch, lächerlich, gewöhnlich. Keine seiner Fähigkeiten ist besonders ausgeprägt. Donald weiß, was Sinnkrisen sind. Er weiß, wie es ist, „ein Niemand, der allernichtigste Niemand in ganz Entenhausen“ zu sein. Ach Donald, du wirst es nie zu etwas Großem bringen. Dennoch lässt du dich nicht unterkriegen: „Heut morgen ist mir die Zunge in den Rührfix gekommen, gestern Abend ist mir das Seifenpulver in die Rühreier gefallen und vorgestern ... na ja!“

Trotzdem gibt er nicht auf. Donald ist ein Stehaufmännchen.

Jesus auch.

Die Verehrung eines Gekreuzigten hat dem Christentum viel Spott eingebracht. Die erste bildliche Darstellung ist ein römisches Graffito aus dem 2. Jahrhundert. Es stellt einen gekreuzigten Esel dar, versehen mit der Unterschrift: „Alexamenos betet seinen Gott an“. Götter hatten glorreich zu sein. Helden eben. Und nun tauchte einer auf, der durch die schändlichste aller Todesstrafen starb. Nur Nichtrömer und Sklaven durften gekreuzigt werden. Warum sollte man an so einen Gott glauben? Warum sollte man einem Gott vertrauen, der in seiner Mission scheitert? Der jämmerlich und hilflos ausgeliefert ist? Ein Gott, der aufs Kreuz gelegt wird?

Im Laufe der Jahrhunderte haben viele Künstler versucht, die Sache geradezubiegen. Sie haben Jesus am Kreuz einen schönen Körper gegeben. Manchmal hat er ein Sixpack, Bauchmuskeln von denen andere träumen. Aber auch, wenn sein Körper ausgemergelt ist, bleibt er ästhetisch. Scheitern ist okay, solange es nicht zu unappetitlich aussieht. Wer will sich schon Sonntag für Sonntag einen Verlierer anschauen? Das wäre eine Zumutung.

Ich glaube, genau das ist es auch. Ein jämmerlicher Gott ist eine Zumutung, weil er in Abgründe zieht. Er zeigt, was Menschsein heißt. Wir sind keine Helden. Wir sind Scheiternde, mal verschuldet und mal unverschuldet. Mal alltäglich und mal existenziell. Mal brennen die Bratkartoffeln an und mal geht eine Beziehung in die Brüche. Immer bleibt Gott an unserer Seite...

 

gesendet in: Deutschlandfunk, Am Sonntagmorgen. Den ganzen Text zum Hören oder Lesen gibt es hier.

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Liebe Höflichkeit,

 

Sei ehrlich: Ehrlichkeit ist nicht deine Stärke. Du willst nicht authentisch sein. Über dein „wahres Ich“ denkst du nicht nach. Du nimmst dir nicht die Freiheit, jemanden zu mögen oder nicht zu mögen und ob dir eine Begegnung etwas bringt, ist keine Frage für dich. Du bist selbstlos. Im wahrsten Sinn des Wortes. Du berechnest nicht und rechnest dich nicht. Du dienst. Ziemlich altmodisch. Wahrscheinlich wurde dir schon oft geraten, mehr auf dich zu achten. Gefühle zu zeigen. Jemanden abzuweisen. Aber das tust du nicht. Du behandelst alle gleich. Du wünscht jedem einen Guten Morgen und sagst „angenehm“ auch dann, wenn dir der vorgestellte Herr Kunzelmann gar nicht angenehm erscheint. 

Das liebe ich an dir. Deinen Großmut. Du baust ein Gerüst, das stabil bleibt, auch wenn Sympathie und Frieden, Geduld und Verständnis wanken. Du erinnerst daran, dass jeder ein Mensch ist. Und darin, vielleicht nur darin, sind alle gleich. Du hältst auch einem Betrüger die Tür auf. Einem Heiratsschwindler wünschst du Gesundheit und selbst deine Antwort auf den übelsten Hetzbrief beginnst du mit „Sehr geehrte“. Du hältst Maß, wo ich mich nicht mehr mäßigen kann. Du gibst meinen Inhalten eine Form. Dabei redest du mir meinen Zorn nicht aus. Du leihst ihm nur deinen Mantel. 

Ich ahne, dass du manchmal aufgeben willst. Dass du dich fremd und unerwünscht fühlst. Dass du dich in schlaflosen Nächten fragst, ob jene nicht doch Recht haben, die behaupten, du seist überflüssig, ein Relikt vergangener Zeit. Lass dir das nicht einreden. Ich glaube an dich. Wir brauchen dich, wenn wir uns nicht zerfleischen wollen.

Halt durch!

 

Deine S.

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Vor dem Aufbruch

 

 

Auf dem Rollfeld warten Schmetterlinge. Das Licht ist sehr hell, wie auf einem Polaroid, das einem gewöhnlichen Ort etwas Unwirkliches gibt. Wind kommt auf. Er treibt Staub vor sich her. Die Flügel der Schmetterlinge zittern. Die Stille rauscht in meinem Ohr. Wenn das ein Traum wäre, würde jetzt etwas geschehen, ein Dinosaurier würde auftauchen oder ein Popcornverkäufer oder die Passagiere würden an Gate 6 gebeten. Daran, das nichts passiert, merke ich: dies ist kein Traum. Die Schmetterlinge warten. Ich warte. Wenn sie aufflögen, denke ich, würde der Himmel eine Blumenwiese. Dann würde ich aufbrechen. Ich versuche, nicht zu blinzeln, um den Augenblick nicht zu verpassen.

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Bedienungsanleitung

Manchmal wäre eine Bedienungsanleitung für Menschen hilfreich. Wie tickt eine? Welche Schwachstellen hat er, wo ist Vorsicht geboten? Ivar Kroghrud hat genau das gemacht. Er ist einer der erfolgreichsten Gründer und IT-Unternehmer Norwegens und hat eine Bedienungsanleitung für sich selbst geschrieben. Super Idee, finde ich. 

 

Bedienungsanleitung für MICH

 

Morgens ab 6 Uhr betriebsbereit, bei ausreichendem Schlaf auch früher.

Ab 22.30 Uhr in den Ruhemodus fahren, in Ausnahmefällen ist eine längere Betriebsdauer möglich.

Bitte vor Lärm und großer Hitze schützen, Feuchtigkeit fügt keinen Schaden zu (Regenschutz ist vorhanden).

Kann standardmäßig reden, schreiben, Kürbiscurry kochen und ein Zelt aufbauen. Selbstlernend, Erweiterung der Fähigkeiten möglich. 

Nicht kompatibel mit Großmäulern und Duckmäusern. 

Bei Störungen gern nach Ursachen fragen.

Gutes Zureden kann hilfreich sein.

Regelmäßige Gaben von Pfefferminzschokolade erhöhen die Zufriedenheit.

Grundeinstellung: Zuversicht.

Bei plötzlich auftretender Antriebslosigkeit bitte einschicken an: Nordseeinsel Spiekeroog, Düne 3.

 

in: Wandeln. Mein Fastenwegweiser 2019, Andere Zeiten

 

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Momentaufnahme

 

 

 

 

 

 

 

 

außen

sonne innen

ist es wild

smarties auf holz wie

doppelpunkte

                                   Schreibwerkstatt mit Elfchen

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Ahoi! Alaaf! Helau!

Füße hoch!

Wisst ihr, was Luxus ist? Vergesst teure Autos und Schnürsenkel aus Schlangenleder. Ob das Schnitzel in Blattgold gewickelt ist, ist mir schnuppe. Ich brauche kein Privatjet, weil ich sowieso nicht gern fliege. Verliebt sein kann man genauso gut im Bus und bei Liebeskummer hilft auch keine Limousine. 5-Sterne-Hotels lassen mich kalt, meinen Urlaub verbringe ich am liebsten im Zelt, allerdings einem, das dichthält, das ist auch schon ein Luxus. Aber den meine ich nicht. 

Luxus ist ein Mittagsschlaf. Sich am helllichten Tag aufs Sofa zu legen und sanft davongetragen zu werden in einen Zustand zwischen Wachsein und Traum. Sich nicht gemeint fühlen von den Alltagsgeräuschen, sondern selig schlummern. Schon das Wort „schlummern“ erzählt von der Süße dieses Zustandes. Wer schlummert schläft nicht, wer schlummert trägt keinen Pyjama, wer schlummert, schlüpft nur kurz aus dem Getriebe des Alltags hinaus. 

Als ich Kind war, schlossen die meisten Läden um 12 Uhr 30, die Welt roch nach Erbseneintopf und Blumenkohl, und im Treppenhaus musste man jetzt leise sein. Wehe, wer es wagte, eine Tür zu knallen. Bis 15 Uhr war Mittagsruhe, sehr zum Leidwesen der Kinder. Wir schlichen auf Zehenspitzen durch die Wohnung, wussten nichts mit uns anzufangen und niemand war da, der uns bespaßt hätte. Der Vater meiner besten Freundin kam mittags nach Hause, aß zügig, um sich dann zwanzig Minuten aufs Sofa zu legen. Anschließend fuhr er zurück an seinen Schreibtisch. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, was daran erstrebenswert sein sollte. Manche Genüsse lernt man eben erst mit dem Alter zu schätzen: Bitterschokolade, Pampelmusen, Sonntagsspaziergänge, geputzte Schuhe. Und den Mittagsschlaf. Sich ausklinken. Die Füße hochlegen. Nicht ansprechbar sein. Mitten am Tag das Tagwerk unterbrechen.

Das ist Luxus. Es ist auch ein Akt der Unverfügbarkeit, und ich glaube, solche Momente brauchen wir immer nötiger. Sie sind Lücken, durch die das Unvorhersehbare schlüpft. Entspannung und Ruhe sowieso, auch Freiheit jenseits der Betriebsamkeit und der Unabkömmlichkeit, eine Freiheit jenseits der persönlichen Produktivität. Es ist, als würde man eine dieser alten Schultafeln wischen, vollgeschrieben mit Formeln, Gedanken, Notizen, bevor die nächste Stunde beginnt. 

Jede dritte Frau und jeder vierte Mann würden Umfragen zufolge gerne Mittagsschlaf halten, wenn es denn möglich wäre. So wird der „Powernap“ zumindest in Zeitschriften gepriesen – aber Powernap: Das klingt ja schon wieder nach Anstrengung und Leistung, so, als müsste ich für meinen Mittagsschlaf Laufschuhe anziehen. Den meisten bleibt die Sache irgendwie peinlich: Ein Mensch, der tagsüber schläft – und das auch noch öffentlich – kann doch eigentlich nur ein Faulpelz sein. Es müsste viel mehr Sofas, Bänke, Hängematten, Ohrensessel, Liegen, Kissen geben und Mutige, die sie benutzen. Handy stumm, Augen zu, Kopf in den Standbymodus. Ein Traum!

 

So geht’s:

„Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und bis tief in die Nacht arbeitet und das Brot der Mühsal esst. Den Seinen gibt es Gott im Schlaf.“ Psalm 127,2

 

in: Welt der Frauen 3/2019

 

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Erleuchtung

Als ich gestern in der Kirche saß, schien die Morgensonne in mein Gesicht. Ich roch den leichten Cremegeruch auf meiner Haut, während ich sang. Alles war hell und freundlich. Die Kerzen flackerten in der Sonne, was für ein Überfluss an Licht. Plötzlich fühlte ich mich genau richtig. Nichts zwickte, kein Gedanke stellte sich quer. Und ich dachte: Wie oft passiert das eigentlich, dass alles passt; dass du dich dort, wo du bist, gerade richtig fühlst?

 

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Jagen

Gott streifte durch die Welt, ein irrer Zickzackkurs von Trondheim nach Aserbaidschan, vom Après-Ski in die Stille der Klöster,

in U-Bahnen, auf Feldwegen, zu den Stränden der Seychellen.

Ich konnte ihm nicht folgen, eine Weile versuchte ich es, immer außer Atem, das war kein Leben. 

Eines Tages stand ich traurig am Gleis, ich denke, es war ein Mittwoch. Eine Taube jagte einer störrischen Pommes hinterher,

und ich gab auf.

Ich stieg in die nächste Bahn und fuhr nach Hause. 

Die Leere dort ängstigte mich. Doch nach ein paar Tagen lag die erste Ansichtskarte im Briefkasten.

Palmen waren darauf zu sehen, es folgten Gipfelkreuze, Lavendelfelder.

Und innige Grüße, immer innige Grüße.

 

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Nimm die Härte von deiner Stirn

Nimm die Härte von deiner Stirn. Sag "Ich weiß nicht" auch wenn das schwer auszuhalten ist. Denk trotzdem weiter. Weich sein heißt nicht, schwach zu sein. Erinnere dich, was deine Großmutter dir beigebracht hat oder der Religionslehrer oder vielleicht hast du es auch in einem dieser Lebensratgeber gelesen: Liebe deinen Nächsten, und wenn du nicht lieben kannst, dann begegne jedem Menschen wenigstens mit Respekt. Weil alles, was du denkst und fühlst auch auf dich zurückfällt. Dein Zorn und dein Hass trifft nicht nur die anderen, er lässt auch dich selbst nicht kalt. Lass dich von ihm nicht zerfressen. 

Du bist ein freundlicher Mensch, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt. Lach der Enttäuschung ins Gesicht. Vielleicht heitert sie das auf. Die Gute hat es schließlich auch nicht leicht. Sei nachsichtig. Mit dir und mit den anderen, nicht immer, aber immer wieder. 

Hör nicht auf, daran zu glauben, dass jeder sein Bestes versucht. Manche scheitern öfter. Verständnis zu haben, heißt noch lange nicht, alles gutzuheißen. Gib die Suche nach der Wahrheit nicht auf. Glaub nicht jeder Schlagzeile, die Welt lässt sich nicht in schwarz und weiß aufteilen. Nicht mal du selbst bist schwarz oder weiß. 

Lerne mit dem Zwiespalt zu leben. Nimm dich an, wie Gott es schon tut.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2:  hier zum Hören

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Was machen Tagträumer nachts?

Was machen Tagträumer nachts? Warum scheint der Hinweg immer weiter als der Rückweg? Fürchtet die Dunkelheit das Licht oder sehnt sie sich danach? Wie heißt das Tuwort von Frieden? Wäre es eine Befreiung, unfrei zu sein, weil wir dann aller Entscheidungen enthoben wären? Der wievielte Tropfen macht aus einer Pfütze einen See? 

Wisst ihr noch, wie es sich anfühlte, als das Leben aus tausend Fragen bestand? Als unsere Kinderaugen die Welt entdeckten? Dann wurden wir groß, fingen an, über Steuererklärungen und Mülltrennung nachzudenken und die Fragen verschwanden. Aber vielleicht sind es gar nicht die Fragen, die nicht mehr da sind, sondern unser Kinderherz, das verschwunden ist. Das neugierig die Welt betrachtet und noch alle Antworten für möglich hält.  Suchende sollen wir sein, nicht Sichere. Lasst uns die Welt staunender verlassen, als wir sie betreten haben. Bleibt dem Geheimnis auf der Spur, nicht jedem Nachrichtenschnipsel. Folgt den Fragen und nicht den Antworten, die verführerisch und leicht verdaulich ins Netz locken. Lasst euch nicht einfangen. Taucht tiefer. Gott hat die Sehnsucht in unser Herz gelegt, nicht die Sicherheit.

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Im Januar

Im Januar fühle ich mich wie aus dem Nest geworfen. Zu früh, unvorbereitet, draußen wird es noch immer vor Abend dunkel, keine Blume wagt sich ans Licht, nur ich soll voller Tatendrang einen neues Jahr beginnen, 5 Kilo abnehmen, ein Buch schreiben, für den nächsten Halbmarathon trainieren (weil das jetzt alle tun), tanzen, zeichnen oder das Badezimmer streichen, während die Räume merkwürdig kahl aussehen, so ohne Lichterketten und Kerzenschein. Der Weihnachtsbaum liegt im Rinnstein, keine Sentimentalitäten. Das Leben geht weiter, fast forward. Dabei fühle ich mich im Winterschlafmodus, die Welt kann gern im März wieder anklopfen. Bis dahin würde ich gern einschneien, nicht so dramatisch, wie im Süden, gerade nur soviel, dass alles still und gedämpft ist und angenehm hell. Januartage machen keinen Lärm. Von Natur aus nicht. Sie schweigen vielversprechend. 

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WG gefunden

Ich lebe mit Papst Franziskus zusammen. Leider auch mit Putin. Wir sind einander noch nie begegnet, aber wir leben gemeinsam in einer ziemlich großen WG. Die nennt sich Welt. Wir haben noch viele weitere Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Nicht alles klappt reibungslos, der eine vergisst notorisch, den Müll rauszubringen, der andere kippt seine Schwermetalle ins Meer, und so richtig saubergemacht wurde schon lange nicht mehr. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass WGs dauernd lustige Partys feiern, gibt es einige, die ständig wegen irgendwas beleidigt sind und nicht mitfeiern. 

Dennoch würde ich niemals ausziehen. Es sind so viele interessante Leute dabei und wir gestalten unser Haus, jeder in seinem Zimmer und manchmal gemeinsam in der Küche. 

Klar, gibt es Großmäuler und ein paar fiese Gestalten sind auch dabei. Aber die gibt es überall. Eine starke Gemeinschaft fängt das auf. Trotz aller Gegensätze gehören wir doch zusammen! Wir atmen dieselbe Luft. Wir rechnen mit denselben Zahlen, unsere Träume schweben in einem Raum, und es ist ein Himmel, der sich über uns spannt. 

Unser Vermieter lässt sich übrigens selten blicken. Er scheint darauf zu vertrauen, dass wir verantwortungsvoll mit seinem Eigentum umgehen. Sein Name ist Gott, einfach Gott; ich weiß nicht mal, ob er ein Mann oder eine Frau ist. Am Ende, wenn ich ausziehe, wird es ein Abnahmeprotokoll geben. Damit der nächste einziehen kann, ohne das totale Chaos vorzufinden.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2.
Hier auch zum Anhören: https://www.ndr.de/ndr2/Moment-mal,audio471970.html

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Frohe Weihnachten!

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Advent

Geh ins Dunkel

stell dich ins Licht

Die drinnen bleiben

finden nicht

 

Sing dein Lied

sieh nach dem Stern

Vielleicht liegt das Wunder 

nicht fern

 

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Funkeln

 

Ich glaube nicht an Sternschnuppen, trotzdem wünsche ich mir heimlich was, wenn eine fällt. Dass der Nikolaus nachts von Tür zu Tür geht, widerspricht meiner Erfahrung. Trotzdem schaue ich jedes Jahr verstohlen in meine Schuhe. Dass Schnee auch nichts Anderes als gefrorenes Wasser ist, weiß ich. Trotzdem stelle ich mir vor, jemand streut Kristall über die Dächer. Dass die Lichter, die sich im Dunkel des Morgens in den Pfützen spiegeln, nur Ampeln und Autoscheinwerfer sind, sehe ich. Trotzdem verzaubern sie den Asphalt. Dass der Advent auch nur eine Kulisse ist vor den Baustellen der Welt, sagen manche. Trotzdem funkelt was.

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Ewigkeitssonntag

"Weißt du, was Gottes erstes Wort war?", fragt Opa.

Er kennt lauter Geschichten aus der Bibel. Er hat sie mir alle erzählt. Papa findet das blöd. "Setz dem Kind nicht solche Flausen in den Kopf", sagt er. "Wir leben im 21. Jahrhundert." Opa hat ihm entgegnet, dass diese Geschichten zum Allgemeinwissen unserer Kultur gehören. Ich weiß nicht, was das ist. Aber ich mag die Geschichten.

"Gott sagte ›werde‹." Opa macht eine Pause. "Das ist sein wichtigstes Wort. Es werde Licht. Es werde Land. Es werden Tiere. Und es werden Menschen. So geht es immer weiter. Die Welt ist nicht fertig. Neues kommt. Altes geht. Damit dann wieder Platz für Neues ist. Deshalb müssen wir alle sterben."

Opa ist sehr klug, glaube ich.

"Hast du dein ganzes Leben daran gedacht?"

"Nein", brummt er. "Das darf man auch nicht. Manchmal musst du den Tod aussperren. Du sagst ihm: 'Ich weiß, dass du kommst, aber nicht jetzt.' Und dann spielst du eine Runde Schach oder heiratest ein Mädchen. Während solcher Dinge soll man nämlich an nichts Trauriges denken. Aber ganz vergessen darfst du ihn auch nicht. Er gehört zum Leben."

 

aus: Wie lang ist ewig? Geschichten über das Leben und Davongehen

 

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Gott 

 

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Manna to go

Als Gott in die Küche kommt, sind zwei Engel gerade dabei, den Herd abzubauen. „He“, ruft Gott, „was tut ihr da?“ Küchen sind nicht mehr in Mode, klären die Engel ihn auf. Zwar gibt es Kochshows wie Salz im Meer, aber das echte Essen wird jetzt einfach bestellt. „Ist praktischer so“, sagt der Engel. Küchen werden jetzt als Zeilen gebaut. In den Wohnraum integriert. Jeder, der schon mal Hering gebraten hat weiß, dass er den Geruch nicht im Wohnzimmer haben will. Aber für Hering sind die Restküchen sowieso nicht gedacht. Allenfalls für eine chromblitzende Kaffeemaschine, die sprotzend den morgendlichen Macchiato ausspuckt. „Aber“, stottert Gott, „wer backt mir dann das Manna? Und die Wachteln müssen auch in den Ofen!“ Die Engel halten ihm einen Prospekt entgegen. „Kannst du bestellen. Pizza, Pasta, Couscous-Salat, Manna. Wird alles geliefert.“ Gott wischt den Prospekt beiseite. Er will kein geliefertes Manna, und auf eine Küche verzichten will er auch nicht. Da müsste er ja die ganze Bibel umschreiben. In Zukunft hieße es dann nicht mehr: „Das Himmelreich ist wie ein Sauerteig“, sondern „Das Himmelreich ist wie Lieferando“. Verpackt in drei Lagen Styropor, lauwarm und pappig. 

„Sieh“, versucht es der redegewandtere Engel, „es ist doch viel besser so. Die Menschen haben weniger Arbeit. Insbesondere die Frauen. Die Abschaffung der Küche ist also genau genommen ein Beitrag zum Feminismus!“ Der Engel gratuliert sich innerlich zu diesem genialen Einfall. „Ach Unsinn“, wischt Gott das Argument beiseite. „Als ob es besonders fortschrittlich wäre, nicht mehr für das eigene Essen sorgen zu können! Was kommt als nächstes? Ein mobiler Duschservice? Eine Erinnerungs-App, dass der Mensch sich bewegen soll, weil er genau dafür diese Dinger namens Beine hat?“ Gott hat sich ziemlich in Rage geredet, und der Engel verzichtet lieber auf den Hinweis, dass es so etwas längst gibt. „Versteht ihr denn nicht, was eine Küche alles ist? Sie ist ein Ort des Austauschs, an dem beim Kartoffelschälen Liebeskummer oder Weltpolitik besprochen wird. Die Küche ist der Ort der ungeplanten Begegnungen. In der Küche wartet immer ein Kaffee oder ein Rest Auflauf. Sie ist der Ort der Verheißung, an dem aus Mehl, Salz und Öl Brot oder Nudeln wird. Ein Küchentisch ist versöhnlich, lange nicht so offiziell wie ein Arbeitszimmer und auch nicht so privat wie ein Wohnzimmer, ein Küchentisch ist neutraler Boden. Beichtstuhl, Arbeitsfläche und Nachrichtenaustausch in einem. Ich habe sogar von einer Frau gehört, die ihr Kind auf dem Küchentisch zur Welt gebracht hat! Die Küche ist der Ort des alltäglichen Liebesmahls. Die Küche ist der Ort der Alchemie, der Verwandlung. Die könnt ihr doch nicht einfach abschaffen!“

 

PS: Bis in die frühen neunziger Jahre wurde in den meisten Haushalten täglich selbst gekocht. Heute ist das nur noch in weniger als der Hälfte der Fall, in Großstädten schalten viele Menschen ihren Herd sogar fast nie ein. Laut einer Studie der Schweizer Großbank UBS ist es möglich, dass schon im Jahr 2030 die meisten Mahlzeiten online bestellt und geliefert werden.

 

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Wenn

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Mein perfektes Morgenritual

Nach jeder Nacht

bisher

aufgewacht.

 

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Montagmorgen

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E-Mails

Eine Million britische Pfund

geerbt von einem verschollenen Scheich

Fünf Penisvergrößerungen

Die Aufforderung, meine Bankdaten zu ändern,

vorzugsweise unter diesem Link

Drei Hinweise, dass meine Facebookfreunde warten

Eine Warnung, dass mein Speichervolumen bald 

ausgeschöpft ist

und

Eine Mail von dir

 

 

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Wollpullover

Das Paradies ist ein alter, verwahrloster Garten, in dem die Freiheit wartet. Sie ist wild, unberechenbar und verrückt. Sie verrückt Grenzen. Als „Pippi Langstrumpf“ erschien, entfachte sie einen Sturm der Entrüstung. Nicht bei allen, aber bei jenen, denen ihre Freiheit zu viel des Guten war. Zu wild. Zu radikal. Ein Mädchen, das tut was es will, sei „demoralisierend“und „gesellschaftsschädigender Schund“. Pippi sei „etwas Unbehagliches, das auf der Seele kratzt.“ 

Wie Gott.

Schon klar, Pippi Langstrumpf ist nicht Gott. Aber kann sein, dass Gott ein bisschen wie Pippi Langstrumpf ist. Wild. Frei. Unberechenbar. Einer, der auf der Seele kratzt. 

Meistens soll Gott nett sein. Einer, der tröstet und die Dinge ins Lot bringt. Früher durfte er auch zornig sein und beängstigend, aber die Zeit ist vorbei. Nicht, dass ich ihr nachtrauere, aber nur lieb ist auch keine Lösung. Die Geschichten, die ich von Gott kenne, sind verstörend. Mal ist er der große Schöpfer, dann wieder will er alle vernichten. Mal ist Jesus der verständnisvolle Hirte, mal blafft er die Leute an und schwingt die Peitsche. Und auch Gottes Auserwählte sind sonderbare Charaktere. David, der Ehebrecher. Mose, der Totschläger. Maria von Magdala, angeblich eine Prostituierte. Hiob dagegen, dem Mustersohn der Menschenkinder, nimmt Gott alles weg. Gerecht ist das nicht. Und nachvollziehbar schon gar nicht. Hiob hält trotzdem an Gott fest. Ich auch. Weil ich jemanden will, der auf meiner Seele kratzt. Ich mag auch Wollpullover auf der Haut. Die fühlen sich echter an als Microfaserzeug...

 

Der ganze Text war im Deutschlandfunk zu hören. Hier kann man ihn nachlesen (oder hören). 

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Sommerfazit

 

 

 

 

 

 

Mit Elchen Schnitzeljagd spielen. Verlieren. Stille hören.

Drei Hände Nudeln und eine Tütensuppe reichen für ein

Abendessen zu zweit. Heidekraut oder Kiefernzweige

ergeben einen guten Schwamm. Zelten geht auch ohne Zelt.

Die Nacht zur Nacht machen. Von Eichhörnchen geweckt

werden. Den ersten Tee im Schlafsack trinken. Wer die

Wasserflasche beim Wasserholen fallen lässt, muss in

den See springen. Hirschlausfliegen sind nicht wählerisch. Streichholzschachteln werden wirklich schnell feucht.

Tubenkäse ist besser als sein Ruf. Auf warmen Felsen liegen

und fernsehen. Das Leben auf einen Rucksack reduzieren.

Nichts vermissen. Glück ist draußen. 

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Der Engel, der befreit

In letzter Sekunde kam der Engel.

Peter Simonsen ist sechsundvierzig Jahre alt. Den Fischladen der Eltern hat er hinter sich gelassen. Weil er Coach werden wollte. Was die Leute immer noch sonderlich finden, weil man das Wort kaum aussprechen kann und die Alten denken, er verkaufe jetzt Sofas. Wie man ein Sofa einem Fisch vorziehen kann, verstehen sie nicht. Wenn es Spitz auf Knopf steht, kann man auch auf einem Stuhl sitzen, während ein Fisch immer satt macht. Peter Simonsen hat es aufgegeben, sich zu erklären. Warum man wegzieht, muss man hier oben begründen und fest steht von vornherein: Es gibt keinen Grund. Wer ein Haus hat, gehört hierher. Peters Elternhaus steht seit einhundertsiebzehn Jahren hinterm Deich und der Liguster ist mittlerweile hoch genug, um den Wind zu brechen. Das Boot liegt im Hafen. Schollen wollen die Leute immer, besonders die Touristen. Schön mit Butter und Krabben obendrauf. Eine Schande, da einfach auszusteigen. Vaters vorwurfsvolles Schweigen lässt Peter Simonsen bis heute nicht los.

Als kleiner Junge ist er immer mit raus aufs Meer. Da konnte er noch kaum laufen. Mit vollen Netzen sind sie zurückgekehrt. Er liebte die Gischt und den Wind. Angst hatte er nicht. Das war das Wichtigste, keine Angst zu haben. Aber Respekt. Den würde der Junge noch lernen, dachte der Vater. Bloß erstmal keine Angst haben, der Rest fügt sich. Der kleine Junge war so voller Bewunderung für den Vater, dass es schmerzt. Dass es heute noch schmerzt, daran zu denken. Wie konnte er ihn so enttäuschen?

Er hat ihn verlassen. Verraten hat er ihn und alles, was der Vater aufgebaut hat und weitergeben wollte.

»Hast du nicht«, sagen die Freunde. Aber sie wissen nicht, wie es ist. Es gibt ein Foto von ihm mit viel zu großer Fischermütze. Da steht er vorm Boot und hält einen Kabeljau in die Kamera, größer als seine beiden Arme zusammen. Sein Haar ist zerzaust und die Hand des Va- ters liegt auf seiner Schulter. Das Bild stand all die Jahre auf der Kommode in der Stube. Er weiß nicht, was damit geschehen ist.

Vater ist tot. Er könnte befreit sein. Aber er ist es nicht. Den Vater hat er beerdigt, aber seine Enttäuschung hat er nicht beerdigt. Sie hockt in seinem Zimmer und sieht ihn vorwurfsvoll an. Jeden Tag. Sie beherrscht ihn. Und er ist ganz klein und verzagt.

»Du bist verrückt«, sagen die Freunde und lachen. »Sieh dich an – du hast Erfolg! Du hast dir etwas Eigenes aufgebaut. Was kümmert dich die Vergangenheit?« Sie verstehen nichts. Ihre Eltern sind Lehrer und Rechtsanwältinnen und Therapeuten. Die wissen, was ein Coach ist.

Die Enttäuschung hat ihn in Ketten gelegt. Und die Schuld, so ganz genau kann er das nicht trennen. Sie bewacht ihn. Der Abstand zu den Freunden wird immer größer. Niemand kann sich ihm nähern. Sie sind draußen. Jenseits der Mauer. Noch lassen sie nicht locker. Sie rufen an. Sie fragen, wie es ihm geht. Sie laden ihn ein. Die Freunde sorgen sich. Sie versuchen ihn zu erreichen. Er ist sicher: Das wird aufhören. Die Enttäuschung hat gute Wachen. Vier zu seiner Rechten: Du hast ihn verraten. Du hast das Erbe deines Vaters verraten, flüstern sie. Vier zu seiner Linken: Wer hoch hinauswill, wird tief fallen. Sieh, wohin das führt, flüstern sie. Vier in seinem Rücken: Was du bist, verdankst du ihm. Hast du das vergessen? Vier vor seinem Angesicht: Was glaubst du, wer du bist? Nichts, als ein kleiner Fischer.

Die Freunde sind in großer Sorge um ihn. Wenn man nur etwas tun könnte. Wenn sie nur helfen könnten. Aber sie dringen nicht zu ihm vor. Und weil sie wenig Erfahrung damit haben, wie man einen Gefangenen befreit, bleibt nur Hoffen und Beten. Das ist nicht viel. Aber besser als nichts.

Am Vorabend seines siebenundvierzigsten Geburtstags ist Peter Simonsen allein. Er will nicht feiern. Er wüsste nicht, was. In der Wohnung ist es dunkel. Er liegt auf dem Sofa und schaut in die Schwärze. Sie ist überwältigend. In diesem Moment kommt es ihm vor, als würde er sich nie mehr bewegen können. Niemals mehr. Er schließt die Augen. Wahrscheinlich schläft er ein.

Als der Engel in seine Gedanken tritt, wird es hell. Das ist das erste, was geschieht: dass es hell wird. Dann stößt der Engel ihn in die Seite. Es ist ein heftiger Stoß. Er scheint nicht zimperlich zu sein. »Wach auf«, ruft er. »Komm zu dir!« Peter will gar nicht zu sich kommen, aber er blinzelt trotzdem. Der Stoß tat weh.

»Steh auf«, sagt der Engel und es klingt wie ein Befehl. Peter will ihm die Wachen zeigen, er will ihm zeigen, dass er unmöglich aufstehen kann. Aber verwundert stellt er fest, dass sie schlafen. Dass die Stimmen schweigen. Er nähert sich ihnen vorsichtig, aber: Nichts. Keine Regung. Da fallen die Ketten von ihm ab.

»Zieh deine Schuhe an«, befiehlt der Engel. »Wird Zeit, dass du hier rauskommst.«

»Aber«, sagt Peter.

»Nichts aber«, sagt der Engel.

Da steht Peter auf. Der Engel sieht ihm geduldig zu. »Den Mantel«, erinnert ihn der Engel. »Nimm den Mantel. Der schützt dich.«

Mantel, denkt Peter. Mantel ist gut.

»Und jetzt folge mir.«

Peter blickt sich um. Von der Enttäuschung keine Spur. Hat sie sich versteckt? Für gewöhnlich lauert sie immer irgendwo.

»Lass sie«, sagt der Engel. »Wir gehen jetzt raus. Ins Leben.«

Peter stolpert aus seiner Gefangenschaft. Er weiß nicht, wie ihm geschieht. Er weiß nicht, ob er wacht oder träumt. Das eiserne Tor der Schuld öffnet sich. Der Engel führt ihn hinaus. Niemand stellt sich ihnen entgegen. Nicht mal der Vater.

Es ist fünf Uhr morgens. Peter Simonsen schlägt die Augen auf. Es ist hell. Die Vögel erwarten ihn. Der Engel ist verschwunden. Ist das wahr, denkt er oder habe ich geträumt?

Er weiß es nicht. Er weiß nur: Er ist frei.

Wie das zugegangen ist, kann er keinem erklären. 

 

aus: Fliegen lernen. Engelsgeschichten aus der BibelIllustration: Ariane Camus

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Pause

Ich geh' schreiben. Hier geht es weiter am 16. September. Hej då!

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Stolpern

„Agentur für Engel“ steht auf dem Schild. Schlicht und pragmatisch hat es jemand mit zwei Schrauben an die Wand gebracht. Im Treppenhaus riecht es nach scharfem Putzmittel. Die Agentur befindet sich im dritten Stock. 

„Guten Tag“, sage ich zu der Person hinter dem Tresen. Unwillkürlich frage ich mich, ob das jetzt auch schon ein Engel ist. „Das fragen sich alle“, schnarrt ihre Stimme. „Was wollen Sie denn?“

„Einen Engel“, sage ich schüchtern, weil mir der Wunsch auf einmal verwegen vorkommt und ich gar nicht weiß, ob ich mir das leisten kann. Ich habe ja keine Ahnung, wie so etwas abläuft. „Schutzengel sind aus, die wollen alle“, entgegnet die Stimme. „Der Verkündigungsengel ist auf Urlaub, Saisonarbeit, Sie verstehen. Der Drachenkämpfer ist im frühzeitigen Ruhestand mangels Nachfrage. Wo gibt es heute schon noch Drachen? Die Paradiesengel sind nicht abkömmlich. Rachengel bieten wir ungern an, die machen eine schlechte Presse. Und die Friedensengel haben Burnout. Einen Stolperengel können Sie haben!“

„Bitte was? Was soll ich denn damit?“

Sie sieht mich streng an. „Die Frage ist nicht, was Sie damit sollen, sondern was der Engel von Ihnen will.“

Langsam schwant mir, warum diese Agentur nicht bekannter ist. „Also was ist? Nehmen Sie ihn?“

Ich nicke eilig, weil ich Angst habe, dass auch dieser Engel gleich vergriffen sein könnte. „Gut“, sagt die Person hinter dem Tresen und schreibt weiter in ihr Buch. Nichts passiert. Ich schaue mich suchend um.  „Und?“, frage ich schließlich. „Wo ist mein Engel?“

„Er wird Sie finden.“ Ihr Kopf senkt sich wieder und mir bleibt nichts anderes übrig, als zu gehen. 

Seit diesem Tag schaue ich mich öfter verstohlen um. Irgendwo ist er und bringt mich ins Wanken. 

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Sommergebet

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Kleine Geschichte von 1 Dämon

Der Dämon sitzt auf seiner Kiste und starrt. Gestern hat er 15 hartgekochte Eier gegessen und 7 Bananen. Das Leben als Dämon ist hart. Er mag keine Eier. Und auch keine Bananen. Bananen ekeln ihn Allein schon der Geruch. Eigentlich würde er gern mal Heidelbeerquark essen. Aber das gesteht er sich nicht ein. Also hockt er sich halt mit seinen Bananen auf meine Schulter und mampft. Schön ist das nicht. Für keinen. 

Farbe

Gott ist Maler von Beruf, das wissen die Wenigsten, und wenn sie es hören, dann denken sie an Van Gogh und an Sonnenblumen. Aber das ist ein Irrtum. Gott ist ein ganz gewöhnlicher Anstreicher, allerdings ein sehr guter. Welche Farbe denn mein Leben haben solle, fragt er, und ich wähle Rot wegen der Lust. Und Blau wegen der Tiefe. Und Grün für die Verstecke. "Gute Wahl", nickt er, und ich frage mich kurz, ob er das immer sagt.

 

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Sonntagsrätsel

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Grüße aus dem Sommer

 

 

Deines Lebens Traum:

 

"Ich träume davon, dich glücklich zu machen. In meinem Traum scheint die Sonne und alles ist Licht. Die Nacht ist deine Freundin. Du brauchst dich nicht mehr vor Spinnen zu fürchten, und Schlaf deckt dich zu. die Liebe ist eingezogen, um zu bleiben. Die Härchen auf deinem Arm schimmern hell. Gestern ist der Bruder von Morgen und Heute bist du. Dein Kleid hat Streifen und machmal kannst du zaubern."

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Bote

Gestern sprach mich ein Fremder an

dankte 

und ließ mich zurück

Gestern sprach mich ein Fremder an

hob mich einen Millimeter

von der Erde

Gestern sprach mich ein Fremder an

und ließ eine andere zurück

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Was ich im Leben schon gelernt habe I

Natur ist nicht immer nett.

Wenn man einen Mord plant, finden sich unter den heimischen Pflanzen viele Helfer.

Trotzdem lebt es sich besser ohne Leiche im Keller.

In Hamburg regnet es weniger als in Bielefeld. Nicht nur deshalb ist Hamburg schöner. 

Eine geronnene Sauce Hollandaise rettet man, indem man Eiswürfel hineinrührt.

Einen Fahrradreifen flickt man am besten mit einem kundigen Mann. In vielen anderen Situationen hilft ein Schweizer Messer weiter. 

Viele Kindergartenregeln gelten auch im Erwachsenenalter:

Nimm niemandem sein Spielzeug weg. Mittagsschlaf ist trotz anfänglichem Widerwillen eine feine Sache. An dem Weihnachtsmann muss man nicht glauben, um sich über Geschenke zu freuen. 

Mittsommer findet am Anfang des Sommers statt. 

Die Vorfreude, dass noch etwas kommt, ist ein feines Lebensprinzip.

(Egal, ob Erdbeereis oder Ewiges Leben.)

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Matjes. Küssen. Leben

An den ersten Kuss muss man sich irgendwie erinnern. Ich kann es nicht. Ich erinnere mich nicht mal, welchen Jungen ich mit 12 oder 13 Jahren geküsst habe. Wahrscheinlich geschah es beim Flaschendrehen. Ehrlich gesagt habe ich auch keine Ahnung, warum ich mich daran unbedingt erinnern soll, wenn ich doch heute neue Küsse küssen kann. Oder irgendetwas anderes tun kann, das schön ist. Facebook erinnert mich auch ständig an Sachen, die ich vor zwei Jahren getan habe. Als wären das geschichtliche Großereignisse, die eines Denkmals würdig sind. Dabei handelt es sich bloß um ein Foto meines Mittagessens. Warum soll ich mich daran erinnern, dass es vor zwei Jahren Matjes mit Pellkartoffeln gab? Mein eigenes Leben wird zu einem Denkmal. Aber ich will kein Denkmal sein – schon gar nicht mein eigenes. Ich will leben und das funktioniert nur jetzt. Dies ist der einzige Moment, in dem ich leben kann. Gestern ist vorbei und morgen gibt es noch nicht. Allein in diesem schmalen Stück Gegenwart kann ich fühlen, küssen, Matjesessen. 

Die Ewigkeit ist eine endlose Folge von Momentaufnahmen. Wenn ich nur damit beschäftigt bin, alte Fotos anzuschauen, kommt nicht Neues hinzu. Dann habe ich irgendwann nur noch Fotos von mir, auf denen ich Fotos anschaue. Will ich das?

Nö. Das will ich nicht. Deshalb gehe ich jetzt Matjes küssen.

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Phantasie

Im Zug. Kein Netz. Der nächste Halt Lichtjahre entfernt. 

Das Kind auf Platz 61 schüttet Lego aus. Erzählt sich Geschichten von Dinosauriern

und Feuerwehrmann Sam.  Auch ein Hund taucht auf. 

Ich forsche in meinem Kopf, was ich mir erzählen könnte.

 

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Heute Flaute

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Grüße aus dem Alltag

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Im Mai

Immer mittags schlüpft Gott in die Stille der Kirche, seit 800 Jahren schon, und setzt sich in die dritte Reihe links, immer die dritte Reihe links. Anfangs saß er noch auf der Empore, aber das gefiel ihm nicht, da wurde ihm schwindelig. Dann sitzt er da und sieht die Irma mit ihrem Netz voller Äpfel, im Winter auch schon mal Orangen. Manchmal kommen Touristen, die fotografieren das Gold und den heiligen Sebastian mit seinen vielen Pfeilen und ein Mädchen zündet eine Kerze an und ein Liebespaar hält sich an den Händen. Eine Plastiktüte raschelt und Gott weiß, dass die dem Heinz gehört, der sich aufwärmt oder abkühlt, je nach Jahreszeit. 

Und Gottes Gedanken schweifen ab, denn es sind derer viele und er denkt an die Zeit, als hier noch ein Buchenhain stand und an den Wind in den Blättern von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Und plötzlich ist es der Irma, als habe sie eine Nachtigall gehört und die Kerzenflammen flackern im Sommerwind. Das Mädchen kann sich nicht helfen, aber es meint, plötzlich Waldmeister zu riechen auch auch der Heinz wundert sich, denn die harte Bank ist auf einmal weich wie ein Bett aus Gras. 

 

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10 Sachen, die anders sind als gedacht

1.     Gott (nicht logisch)

2.     erwachsen sein (auch nicht logisch)

3.     sterben (von außen betrachtet nicht so leicht)

4.     lieben (von innen betrachtet nicht so leicht)

5.     in einem Sterne-Restaurant essen (mühsam)

6.     1000 Kilometer gehen (weniger mühsam)

7.     wagemutig sein (merkwürdig unspektakulär)

8.     zum neunten Mal durch Norwegen reisen (immer noch spektakulär)

9.     lackierte Fingernägel (halten nie)

10.  seidene Fäden (halten öfter als gedacht)

 

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Schillernd

Als ich klein war, sollte alles für immer sein. Die Prinzessin lebte glücklich bis an ihr Lebensende. Einen Beruf wählte man einmal. Alphaville sangen „Forever young“. Man kaufte ein Haus, in dem man sterben würde. Ein lineares Abarbeiten der Dinge: Geburt, Kindergarten, Konfirmation, Abi, Arbeit, Hochzeit, Kinder, Haus, Rente. Das Leben auf diese Art schien beruhigend, weil planbar.

Leider spielt mein Leben nicht mit. Es scheint nichts von To-Do-Listen zu halten. Spontanität liegt ihm mehr. Es schlägt plötzlich eine neue Richtung ein und ich muss hinterher. Ich schimpfe mit ihm, dass es doch einmal alles so lassen soll, wie es ist. Aber es lächelt nur müde: Meine Eltern ließen sich scheiden. Helmut Schmidt wurde abgewählt. Tschernobyl störte unser Spiel im Wald. Der „Braune Bär“ schmeckte plötzlich nicht mehr. Der Traum, Archäologin zu werden, ist verblasst. Meine erste Liebe verschwunden. Irgendwo bröckelte es immer. Ich habe es als Scheitern gesehen.

„Warum“, fragt mein Leben, „bezeichnest du etwas, das lange gut war, als Scheitern?“ „Weil ich es nicht halten konnte“, antworte ich. Mein Leben runzelt die Stirn: „Meine Liebe“, sagt es, „was du tust, ist Haschen nach dem Wind. Kannst du ihn festhalten? Kannst du den Frühling festhalten? Eine Sternschnuppe? Ein Glühwürmchen, einen Gänsehautmoment, eine Seifenblase? Willst du all dies ernsthaft als Scheitern betrachten, nur weil du es nicht halten kannst?“

Seit diesem Tag übe ich, das Leben als Seifenblase zu betrachten. Schillernd.

 

Kann man auch hören: "Moment mal" auf NDR 2

 

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Großmut

An jenem Tag, an dem ich beschließe, großmütig zu sein, lasse ich den Regen plätschern und dem Leben seinen Lauf. Ich verschenke ein Buch, kaufe eine krumme Gurke, lasse eine Meinung gelten und schicke eine Beschwerde ins Leere. Der Welt traue ich etwas zu. Ich lobe jemanden über den grünen Klee und verteile zweite Chancen, ohne mich um das Ergebnis zu sorgen. Die Kollegin lasse ich schmatzen und das Internet trödeln. Ich nehme nichts persönlich. Ich verzichte auf mein Recht und überlasse den Schnecken ein paar rote Erdbeeren. Meine Erwartungen streue ich in den Wind. Den Kleinkrämern schenke ich einen Cent. Ich runde auf, liebe ohne Vorschuss und füttere die Großmäuler mit Marshmallows. Gott eifere ich nach, ohne besser sein zu wollen. Ich unterstelle ein paar gute Absichten, lasse jemandem die Vorfahrt und sehe über eine Verspätung hinweg. Das Glas betrachte ich als halbvoll und meine Figur als bestmöglich. Dass morgen auch noch ein Tag ist, begrüße ich. Ich verschwende mich. Ich werfe den Müll weg, den ich nicht verursacht habe und helfe, ohne Dank zu erwarten. Dem Ehrgeiz gebe ich frei. Ich fasse mir ein Herz und nehme den Himmel auch in Mittelblau.

 

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Könnte doch sein

 

 

Manchmal tauchst du auf. Aus dem Nichts. Ich nenne dich Gott. Ich rechne nicht mit dir, das Rechnen habe ich aufgegeben. Du bist ein Gleichnis mit zu vielen Unbekannten. Du meldest dich nie an. Verabredungen sind nicht deine Sache. Ich habe keine Chance, einen Kuchen zu backen oder die Küche zu putzen oder mein Leben in Ordnung zu bringen. Du tauchst auf und ehe ich dich fassen kann, bist du wieder weg.

Du erklärst dich auch nicht. Das hat mich lange gestört. Ich fand, wenn du schon willst, dass ich an dich glaube, dann könntest du dir mehr Mühe geben, dein Tun und dein Nicht-Tun etwas nach- vollziehbarer zu machen. Du bist ein Rätsel – nein, eher ein Geheimnis. Ein Rätsel kann man lö- sen, wenn man nur lang genug nachdenkt. Dich kann man nicht lösen. Allerdings verlangst du das auch nicht.

Auf eine Art verstehe ich dich. Ich mag es auch nicht, mich rechtfertigen zu müssen. Du wärst wahrscheinlich ständig damit beschäftigt, dich zu erklären. Irgendwer findet immer irgendwas ungerecht. Man kennt das ja: Die einen finden dich zu lax, die anderen zu streng und ein paar wollen wissen, warum du einen Bart trägst. Nur als Beispiel. Und deshalb denke ich mittlerweile: Wir sind quitt. Du brauchst dich nicht zu erklären, ich nehme dich, wie du bist. Denn das habe ich von dir gelernt. Du nimmst mich, wie ich bin. Damit meine ich kein trotziges „Ich will so bleiben, wie ich bin“. Weil ja auf einmal jede Schrulle Ausdruck von Authentizität ist, und sei sie noch so unhöflich. Nein. Ich versuche, zu werden, die ich sein kann. Das habe ich auch von dir. „Ich werde sein, der ich sein werde“, hast du mal gesagt. Wandel ist dein Programm.

Ich mag es, dass du einfach so auftauchst. Es gibt meinem Leben eine Erwartung. Hinter jeder Ecke könntest du stehen. Obwohl du genaugenommen das ja gerade nicht tust. Du bist nicht eindeutig. Kein Engel rauscht vom Himmel herab. Ich hatte noch nie eine Vision, in der du plötzlich vor mir standest...

 

weiterlesen: Deutschlandfunk Kultur 

 

 

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Pistazieneis und Auferstehung

Manchmal ist alles gut, obwohl nicht alles gut ist. Das Geld reicht nicht, der Arzt sagt, es sieht schlecht aus, die Liebe scheint sich abgesetzt zu haben wer-weiß-wohin. Aber dann leuchtet plötzlich ein Moment auf, ein Moment aus tausend anderen Momenten, der heraussticht: Die Sonne scheint dir in den Nacken, der Fluss des Verkehrs versiegt, ein Geruch steigt in die Nase von Ginster oder Pistazieneis, du weißt nicht, woher er kommt und eigentlich ist nichts besonders daran, aber in diesem Moment ist es besonders. Du lehnst dich zurück und bist im Paradies. Du wirst nicht bleiben, der Verkehr wird weiterrollen, die Lücke wird sich schließen. Vielleicht wirst du morgen wieder auf einem dieser Datingportale nach deiner Traumfrau suchen. Der Boden der Tatsachen bleibt bestehen. Aber etwas hebt dich für einen unerwarteten Moment darüber hinaus, hebt dich über die Schwere der Dinge. Und setzt dich wieder ab, leichter als du denkst.So ein Moment lässt sich nicht machen. So ein Moment blitzt auf, so ein Moment lässt dich verwandelt zurück, wenn auch nicht für immer, so doch für jetzt. Wegen dieser Momente gibst du nicht auf. Manchmal ist das einfach ein Pistazieneismoment. Manchmal nennst du es Auferstehung. 

 

kann man auch hören: NDR2 Moment mal

 

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Ostern

"...that's how the light gets in."

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Leichtfüßig

Der Engel des Verzichts hat Flügel. Entgegen landläufiger Meinung ist er der Vergnügteste von allen. Er ist leichtfüßig. Seine Koffer hat er unterwegs verloren. Er weiß nichts besser. Was er sagen wollte, hat er vergessen. Den Eiligen lässt er den Vortritt. Den Ehrgeizigen räumt er den Weg. Der Engel des Verzichts nimmt niemandem etwas weg. Auch keine Illusion. Er ist frei. Nicht mal an der Freiheit hält er fest.

 

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Überraschung

Als die Inspiration kommt, stehe ich unter der Dusche. „Verdammt, kannst du nicht einmal zur rechten Zeit kommen? Wenn ich am Schreibtisch sitze?“ Schaum rinnt in mein linkes Auge. „Nö.“ Die Inspiration trägt ein grasgrünes Kleid und Lammfellstiefel. Ich blinzele. Dass sie immer so unpassend sein muss. Und dann die Wörter! Natürlich hat sie nicht Sonnenaufgang, Achtsamkeit oder friedvoll dabei, sondern Sachen wie Besenreiser, Oktogramm und flawül. Ich habe keine Ahnung, was flawül ist, aber diese Blöße will ich mir nicht geben. Die Inspiration zuckt mit den Schultern. „Sonnenaufgänge interesieren mich nicht.“ „Aber sie sind schön! Kannst du es nicht einmal einfach schön machen? Warum kommst du überhaupt, wenn du sowas bringst?“

Die Inspiration schaut mich treuherzig an. 

"Na, um dich zu überraschen. Was denn sonst? Das andere kennst du doch schon.“

 

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Übrigens

Frau Angst und Frau Vertrauen sind Schwestern.

Bleib, ruft Frau Angst.

Geh, ruft Frau Vertrauen.

Ich beschütze dich, verspricht Frau Angst.

Ich lasse dich, verspricht Frau Vertrauen.

Bei mir bist du in Sicherheit, verspricht Frau Angst.

Bei mir bist du in Erwartung, verspricht Frau Vertrauen.

Ich bin, sagt Frau Angst.

Ich werde, sagt Frau Vertrauen.

 

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