Hier schreibe ich von Gott und der Welt. Halbherziges und Angedachtes, je nachdem. Der "Engelimbiss" ist ein Lieblingsplatz. Dort gibt es die besten Pommes mit allerschönstem Elbblick. Ich finde, Texte für die Seele sollen genauso schmecken: wie gute Pommes.



Schäm dich. Nicht.

Als Adam und Eva einander kennenlernten, war alles unkompliziert. Hatte Adam einen Bauchansatz? Waren Evas Beine rasiert, lag ihr Bodymassindex im grünen Bereich? War Adam ein echter Mann, war Eva eine richtige Frau? Wir wissen es nicht. Alles, was berichtet wird, ist: Sie waren nackt und schämten sich nicht. Offenbar gab es nichts zu verheimlichen und nichts zu retuschieren. Sie waren, wie sie waren, und das war gut.

Anfang zwanzig wurde ich zum ersten Mal mit den Haaren auf meinem Körper konfrontiert und der Ansage, dass sie da nichts zu suchen haben. Bislang hatte ich sie zur Kenntnis genommen wie meine Ohrläppchen und meinen linken kleinen Zeh. Sie waren eben da, benötigten aber keine besondere Aufmerksamkeit. Auf einmal wurden sie peinlich. Ich lernte, mich zu rasieren und mich zu schämen, wenn ich es vergaß. Heute gibt es in sozialen Netzwerken ernsthafte Diskussionen darüber, wie schlimm es ist, wenn Frau (zuweilen auch Mann) Körperhaar zeigt. Und nicht nur darüber – auch über die Lücke zwischen den Oberschenkeln und die Optik der Schamlippen kursieren Schönheitsvorgaben. Bodyshaming nennt man die Ansage, wenn nicht alles passt.

 

Scham ist ein fieses Gefühl. Es suggeriert: Du bist nicht richtig. Du gehörst nicht dazu. Wie kannst du es wagen, dich so zu zeigen? Körperbehaarung ist da noch ein vergleichsweise kleines Problem. Man kann sich schämen, arm zu sein, die Verhaltenscodes für eine bestimmte Gruppe nicht zu kennen, keine Kinder oder zu viele Kinder zu haben, den falschen Beruf auszuüben und „nur“ Putzkraft zu sein. Menschen schämen sich, gemobbt oder missbraucht worden zu sein. Man kann sich schämen, da zu sein...

Scham ist ein ambivalentes Gefühl. Zu viel davon tut nicht gut – es macht uns kleiner, als wir sind. Zu wenig davon tut auch nicht gut – es macht uns größer, als wir sind. Scham ist die innere Stimme, die sagt: Du bist nicht Gott. Brauchst du auch nicht zu sein.

(...)

„Der liebe Gott sieht alles“, habe ich irgendwann gehört. In einem Kinderlied aus den 1970ern heißt es: „Pass auf, kleines Auge, was du siehst! Pass auf, kleiner Mund, was du sprichst! Pass auf, kleine Hand, was du tust! Pass auf, kleines Herz, was du glaubst! Denn der Vater im Himmel schaut herab auf dich…“

Gott als großer Stalker. Als verlängerter Arm irdischer Moral: Gott sieht, wenn du auf Mama und Papa wütend bist. Wenn du Kekse aus der Dose klaust. Gott sieht, wenn du heimlich rauchst, wenn du masturbierst, wenn du davon träumst, deinen Schwarm aus der Nachbarklasse zu küssen. Gott sieht all deine Gedanken. Über allem schwebt das Damoklesschwert der Scham. Denn wie wahrscheinlich ist es, einen solchen Gott zufriedenzustellen?

Ich glaube nicht, dass Gott ein Aufpasser ist. Ich glaube auch nicht, dass Gottes Blick beschämt. Er richtet auf.

Adam und Eva haben viele Nachkommen. Sie sind Allerweltsmenschen und tragen unsere Namen. Adam ist ein Angsthase. Eva will endlich aufhören, ihre Körperhaare zu entfernen. Simon wohnt im Nachbarhaus und liebt Joschua. Werner singt im Kirchenchor und träumt manchmal von Sachen, die er keinem erzählen würde. Elisabeth träumt mit 79 immer noch von Sex – und schläft mit einem jüngeren Mann. Klaus weint, wenn er den Soldaten James Ryan sieht und wenn er im Stadion die Nationalhymne singt. Esther kocht für sieben Enkel und weigert sich, zur Sportgruppe zu gehen. Ben pflückt Blumen und spielt gern Paintball. Janne baut lieber ein Bücherregal anstatt zu bügeln. Michael träumt davon, Michaela zu heißen. Christiane ist es manchmal unangenehm, einfach nur Mutter zu sein und liebt es trotzdem. Kemal will der Stärkste sein und dennoch zärtlich. Laya wird Physikerin und kauft Kuchen eingeschweißt im Supermarkt. Oliver neigt zur Hochstapelei und besitzt gleichzeitig eine gute Portion Selbstironie. Maren liebt Tom und liebt Yasmin.

 

Und für nichts davon, aber auch für gar nichts davon brauchen sie sich zu schämen.

Weil ein wohlwollender, zutiefst freundlicher Blick auf ihnen ruht, der sagt: Du bist richtig. Dieser Blick gilt jedem Menschen, und wer das vergisst, kann sich erinnern, wenn das Gefühl, falsch zu sein, groß ist: Du bist sehr gut.

 

Ganzen Artikel lesen oder hören: Am Sonntagmorgen. Deutschlandfunk

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Saumselig

Heute war ein guter Tag. Ich habe keine Wand gestrichen, auch habe ich den Kühlschrank nicht abgetaut. Ich habe kein Problem gelöst, nicht ein einziges. Aber auch keines schlimmer gemacht. Das Gras ist ungemäht geblieben. Die Zeitung liegt ungelesen auf dem Küchentisch. Ich habe mich nicht angestrengt, mein Geld habe ich nicht vermehrt (ich wüsste auch nicht, wie). Ich bin mit niemandem in Streit geraten, habe nichts besser gewusst, und auch die Zeit habe ich nicht versucht, anzuhalten.

Saumselig bin ich durch den Tag gegangen. Das ist ein Wort, das auf der Zunge zergeht. Versäumen steckt darin. Manchmal muss man was ausfallen lassen, damit das Glück einen antrifft. Meine Seele ist sehr glücklich darüber, abkömmlich zu sein. Sie ist unterwegs in anderen Sphären, ist Zitronenfaltern hinterher-geflogen und hat Himbeeren gepflückt. Gegen Mittag habe ich sie im Gras liegen sehen, ihre Träume waren blau. Abends hatte sie dann so ein Lächeln im Gesicht, als wüsste sie etwas, das ich noch

                                                                                                                                                  nicht weiß. Eine Ahnung von mir, wie ich bin, wenn ich nicht muss.

Kann man auch hören: NDR-Moment Mal

 

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Schnipselpoesie

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Zugreifen

Der Dienstag vor 2000 Jahren begann nicht gut. Der Himmel ist bewölkt. Die Brotpreise steigen. Es gibt Hassbotschaften, selbst aus unserem Netz. Wir brauchen eine Pause, das ist offensichtlich. Also brechen wir auf und verschwinden. Denn das habe ich gelernt in dieser Zeit: dass man es nicht allen recht machen kann.

Aber wir bleiben nicht allein. Andere kommen dazu. Leute, die wir noch nie gesehen haben. Wir setzen uns ins Gras. Es liegt was in der Luft: Etwas Unvollendetes, eine Sehnsucht, die sich heute Abend erfüllen könnte. Ich bin das Licht, sagt Jesus, und die Leute halten ihre Gesichter in die Sonne. Ich bin das Brot, sagt er. Ich schließe die Augen und lasse die Worte auf der Zunge zergehen.

Es ist spät, flüstert Petrus. Die Leute haben Hunger. Und dass wir jetzt mal was organisieren müssten. Ich schließe meine Augen wieder. Ich will nichts organisieren. 

Am Horizont erscheint der erste Stern. Schickt sie nicht weg, sagt Jesus. Es ist so schön. Gebt ihr ihnen zu essen. Wir haben fünf Brote, zwei Fische und einen angebissenen Apfel. Jesus sieht zum Himmel und dankt dafür. Ich kenne niemanden sonst, der für einen angebissenen Apfel dankt. Für das Wenige, das Halbe, das Unvorbereitete. Das, was jetzt da ist. Mein Herz klopft, als er uns das Brot gibt. Nehmt, sagt er. Gebt. Wir reichen weiter, was wir haben. Ohne abzuzählen. Ohne uns zu versichern, dass es genug ist. Wir machen einfach. Die Mutigen greifen zu. Schmecken. Kosten den Moment und genießen. Keiner beschwert sich, dass es zu wenig ist. Niemand drängelt. Alle machen mit. Die Angst, es könnte nicht reichen, verschwindet. Über die Wiese wehen Worte und Lachen, jemand holt eine Mundharmonika raus. Es ist längst dunkel geworden, aber niemand will gehen. Ist das ein Wunder?

 

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Neustart

 

Als um 12 Uhr 17 die Welt neugestartet wird, hat Heiner mal wieder nichts mitbekommen. Dabei haben sie es auf allen Sendern gebracht: Dass man alle Anwendungen schließen solle. Was nicht gespeichert ist, ginge verloren. Vorsorgliche Menschen haben Sicherungskopien ihren Lebens gemacht, um genau dort wieder beginnen zu können, wo sie aufgehört hatten. Heiner natürlich nicht. Er hätte nicht mal gewusst, wie das geht. 

Plötzlich ist alles so aufgeräumt. Nirgends hakt es mehr. Kein Update wartet. Stattdessen liegt etwas Neues in der Luft. Während die einen panisch versuchen, einen Techniker zu bekommen, der ihr altes Leben wiederherstellt, feiern die anderen, dass die Schulden gelöscht, Viren verschwunden und auch der Streit mit Isabelle aus der Welt ist. Heiner kratzt sich am Kopf, und dann öffnet er ein neues Fenster. Die Zukunft wird sich zeigen.

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Pfingsten reloaded

In jenen Tagen geschah es, dass sie hinter verschlossenen Türen saßen und ihre Gesichter grau geworden waren und ihre Worte drehten sich im Kreis. Gremien wurden berufen und Ausschüsse gebildet und Antworten wurden an Fachleute delegiert und der Kleinmut hatte sich breitgemacht. Da wundert sich Gott: „Welche Fachleute denn? Die Fachleute, das seid doch ihr. Habe ich denn einige höhergestellt als andere? Habe ich meine Worte exklusiv verteilt? Ich habe sie in euren Mund gelegt und die Begeisterung in euer Herz.“ „Aber wir“, sagen sie, „wir wissen doch auch nicht. Einer glaubt so, die andere so. Wir sind so verschieden, wir können uns nicht einigen. Wir haben siebenundneunzig Punkte auf der Tagesordnung, und wenn wir fertig sind, dann fangen wir wieder von vorn an, weil niemand uns versteht!“ Da öffnet Gott die Türen und reißt die Fenster auf, dass Wind in die Sache kommt und die Angst fortpustet und Friederike fühlt sich plötzlich beschwingt wie nach einer halben Flasche Champagner. Der Herr Bischof spürt ein Beben in seinem Herzen und ist so erleichtert, weil er mit seiner Liebe nicht mehr hinterm Berg halten muss. Egon Hinterwald wundert sich, dass man alles auch ganz anders sehen kann, als er es tut, aber noch mehr wundert ihn, dass ihn das gar nicht mehr ängstigt. Hilde aus dem Frauenkreis lernt von Janne, was „queer“ bedeutet und beide spüren eine Weite im Kopf, als hätten sie nach Jahren den Dachboden entrümpelt. Worte wie Sehnsucht, Großmut, Gnade leuchten auf. Nichts davon lässt sich in Stein meißeln. Zwischen den alten Mauern wird es eng. Gott ruft: „Wer hat gesagt, dass Ihr Mauern braucht?“ Ein Hauch genügt, sie zum Einsturz zu bringen und Himmel breitet sich aus, schillernd und schön. Gemeinsam treten sie ins Freie, Friederike und der Herr Bischof, Hilde und Egon. Petrus und Phoebe sind dabei, Johanna und Jakobus. Herr Windli bringt seine Maria mit und Janne schwenkt eine Regenbogenflagge. Mireile singt ein gregorianisches Lied, nebenan setzen Technoklänge ein – und es ergänzt sich erstaunlich gut. Dazwischen schwebt Gott, überall zugleich. Alle haben sie gesehen, haben ihn gehört, haben es gespürt. Tausend Geschichten werden zu einer. Niemand will Recht haben. Macht ist ein vergessenes Wort, denn alle verstehen, was stark macht: Miteinander reden, voneinander lernen, aufeinander hören. Eine macht den anderen groß. Niemand will der Größte sein. 

Und alle Welt beginnt zu staunen über jene, die leicht wirken und deren Worte nicht erschlagen, sondern prickeln wie Champagner oder weiße Johannisbeerschorle. 

 

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Als ich mit Jesus auf dem Balkon sitze

»Ich bin glücklich.«
Die Sonne ist gerade hinter den Häusern verschwunden. Du hast die Füße auf die Brüstung gelegt und balancierst auf deinem Bein ein Bitter Lemon.

»Überrascht dich das?«, fragst du.

»Ich weiß nicht. Glück ist so ein großes Wort. Muss man sich das nicht für die wirklich großen Momente aufsparen?«

Du lachst. »Hast du Angst, dass es sich abnutzt?«

Was weißt du schon vom Glück, frage ich mich stumm, um dich nicht zu verletzten. Du hörst es trotzdem.

»Du denkst, ich habe mein Glück geopfert. Für etwas Größeres. Aber so ist es nicht. Jetzt zum Beispiel möchte ich nichts lieber tun, als hier mit dir zu sitzen.«

Ich bin ein bisschen verlegen, weil ich mich freue.

»Ich kaufe Brot«, fährst du fort. »Ich helfe einem Gelähmten auf die Beine.

Wenn es einen Dämon zu vertreiben gibt, vertreibe ich ihn. Ich bete.

Ich wasche meine Füße. Ich kämpfe für so etwas Großes wie Gerechtigkeit.

Aber ich denke nicht darüber nach, ob ich lieber etwas anderes täte.

Oder woanders sein wollte.«

»Wirklich nie?«

Du schüttelst langsam den Kopf.

Deshalb also fühle ich mich so wohl bei dir.

 

aus: Schau hin. Vom Hellersehen und Entdecken

 

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Nach einem Zoom-intensiven Wochenende

Gott zoomt jetzt oft. Wo er sich seltener unter die Leute mischen kann. Früher saß er freitags oft in der Kneipe neben Monika, und wenn es spät wurde, dann hakte er den Hans unter und passte auf, dass er nicht über einen Bordstein stolperte. Aber die Kneipen haben zu. Hans sitzt viel zu oft allein in seinem Zimmer. "Treffen wir uns auf Zoom", sagt Gott, aber Hans macht eine verächtliche Handbewegung. "So'n Schnickschnack mach ich nicht mit." "Bitte", sagt Gott, "wo du doch das neue Handy hast." Aber Hans will nicht. Gott lässt nicht locker. 

"Weiß nicht, wie das geht", murmelt Hans schließlich. 

"Musste ich auch lernen", sagt Gott, "ist nicht schwer."

Da wird Hans hellhörig. "Du? Wenn einer nix lernen muss, dann doch wohl du!"

"Hans, wie kommst du denn auf sowas." Und dann sagt Gott einen seiner Sätze: "Ich werde sein, der ich sein werde." Und weil Hans guckt, wie er guckt, wenn er mit was nichts anfangen kann, sagt Gott es nochmal in anders: "Ich höre nie auf zu Werden."

Das verschlägt Hans fast die Sprache. Weil es so anstrengend klingt: "Wieso das denn?"

"Ich werde, damit du wirst", sagt Gott.

Hans lächelt schief, er hat keine Ahnung, was Gott damit meint. Aber es klingt gut.

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Berühr mich (nicht). Noli me tangere

Er ist tot. Mausetot. Auch, wenn sie es nicht wahrhaben will. Sie haben ihn in ein Grab gelegt, hierzulande sind das Höhlen. Sie werden mit einem Stein verschlossen. Eher einem Fels. Daran gibt es nichts zu rütteln. Seit drei Tagen liegt er da drin, eine ganze Ewigkeit also. Als Magdalena den Friedhof betritt, ist es noch früh. Der Horizont ist schwarz, nur ein paar Vögel versuchen, die Nacht zu verscheuchen. Auf dem Gras liegt Tau. Sie kann nicht sagen, was sie hier will. Warum sie gekommen ist. Hauptsache nicht länger herumsitzen und warten. Warten, dass ein Wunder geschieht. Sein Grab liegt ganz hinten, zwischen den Olivenbäumen. Ein schöner Ort zu Lebzeiten. Dort hätte es ihm gefallen, denkt sie und spürt den Stich, weil nichts mehr so ist, wie es normal war. Sie können sich nicht mehr verabreden, Brot und Wein auspacken, reden und lachen. Das Lachen fehlt ihr am meisten.

Ihre Füße streifen die feuchten Gräser. Jetzt müsste sie gleich da sein. Verunsichert bleibt sie stehen. Hat sie sich verlaufen? Nein. Da ist der Olivenhain, dort ist die Höhle. Nur der Stein ist weg. Dieser Fels. Jemand hat ihn zur Seite gewälzt, als hätte ein Riese seine Hände im Spiel gehabt. Die Höhle liegt offen und schwarz vor ihr. Sie schrickt zurück und zögert, aber dann setzt sie einen Schritt ins Dunkle. Dann noch einen. Ihre Augen müssen sich erst an die Schwärze gewöhnen, doch es bleibt dabei: Sie sieht nichts. Das Grab ist leer. 

Magdalena stürzt hinaus, kopflos, wo haben sie ihn hingebracht? Tiefstehende Sonnenstrahlen blenden sie. Die Vögel halten den Atem an. Da hört sie ihren Namen. „Magdalena!“ Sie wendet sich um, eine halbe Drehung – und sieht ihn. Seine Augen leuchten, ihr Herz macht einen Sprung. Schon will sie zu ihm laufen, will ihn in die Arme schließen, doch er hält sie zurück: „Berühr mich nicht.“

 

Ich schrecke hoch. Im Zimmer ist es dunkel, meine Hand tastet nach dem Wecker. Zehn nach vier. Kein Olivenhain, sondern meine Zwei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock. Es ist Woche vier der Pandemie, ich spüre schlafwarme Haut und denke: Ich will berührt werden. Nicht immer und nicht überall, ich bin nicht der Küsschen-hier, Küsschen-da-Typ. Aber Freundinnen würde ich gern umarmen. Dem Berater bei der Bank die Hand geben. Mit Freunden die Köpfe zusammenstecken, Schulter an Schulter sitzen. Und nun träume ich ausgerechnet in der Osternacht diesen Traum, und nicht mal der hat ein Happy End. Dabei habe ich eigentlich nicht viel übrig für die Hollywoodfilme mit ihren Geigen am Schluss, aber jetzt könnte ich ein Happy End wirklich brauchen. 

Einmeterdreiundachtzig entfernt, am Fußende des Bettes sitzt Jesus und nickt: „Ich auch...“ 

 

Weiterlesen oder Weiterhören: 

Am Sonntagmorgen, Deutschlandfunk

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Ostermorgen

 

 

 

Steht einer im Licht

des allerersten Tages

zum Aufbruch bereit

Sagt: Halt nichts fest

und in meinen Händen

keimt eine Erinnerung

an Morgen

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So frei

Einmal ging Jesus in die Wüste, 

er musste etwas herausfinden, 

er aß nicht, er sprach nicht, er schaute kein Netflix, 

er twitterte nichts, vielleicht betete er.

Nach 40 Tagen war er hungrig 

Und mit dem Hunger kam die Versuchung

Sie trug ein Regenbogenshirt 

und ihre Stimme klang nach Mars Schokoriegel im Doppelpack:

„Wenn Gott wirklich mit dir ist, nimm dir was du brauchst

und lass diese Steine Brot werden.“

Aber Jesus schüttelte den Kopf:

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, 

sondern von Worten und Träumen, die aus Gottes Mund kommen.“

 

 Die Versuchung gab nicht auf, 

sondern nahm ihn ins Allerheiligste

und stellte ihn heraus aufs Höchste

und legte einen Glitter & Sparkle-Filter um ihn

dass er leuchtete, hell wie das Universum

und rief: 

„Du bist der Größte! Zeig, was du kannst! Spring!

Steht nicht geschrieben, dass Engel dich auf Händen tragen?“

Aber Jesus stieß die Versuchung weg:

„Es steht auch geschrieben:

Du sollst Gott nicht auf die Probe stellen.“

Die Versuchung ließ noch immer nicht locker,

sie bot ihm alle Königreiche und das weltweite Netz,

und schenkte ihm 10 Tausend neue Follower auf Insta,

die berät wären, ihn anzubeten,

und ließ Likes und Konfetti regnen:

„Das alles“, rief sie, „gehört dir,

wenn du mich anbetest!“

Aber Jesus stemmte sich dagegen:

„Niemals! Ich will niemanden anbeten, außer Gott.

Ich bin so frei.“

Da gab sich die Versuchung geschlagen 

und es kamen Engel und brachten Gin Tonic und Falafel 

und ein frisches Hemd in Himmelblau.

 

nach Matthäus 4, aus der Wohnzimmerkirche auf Instagram am 26. März

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Liebesglut

 

 

Der Papst sagt, er könne zwei, die einander lieben, nicht segnen, weil Gott ihren Sex nicht mag. Gott ist das unangenehm. Man könnte glatt den Eindruck bekommen, er drücke sich an fremden Schlafzimmerfenstern herum. Dabei drückt er sich höchstens in fremden Herzen herum, und die sind nicht mal fremd, sondern Zweitwohnsitze. Besonders da, wo die Liebe wohnt, ist er gern. Gott wärmt sich auf, bevor er weiterzieht zu den erloschenen Herzen. Dort bläst er in die Liebesglut, dass sie auflodern möge. Auch beim Papst schaut er immer wieder mal vorbei. 

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Sonntagssegen

 

Beim Aufwachen zu lesen

 

Bitte gönn dir was

das Konzert der Meisen

Milchschaumminuten 

eine verlorene Uhr

Plüschgedanken

Der Himmel ist 

ein Gemischtwarenladen 

Er hat jetzt geöffnet

für dich

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Vergiss nicht, was du willst

Lydia hat vier Sachen in ihrem Leben gelernt: 


 

1. Wenn du Erfolg haben willst, brauchst du Kraft 
wie fünf Männer. 


2. Du hast Kraft wie fünf Männer. 


3. Vergiss die Kompromisse. 


4. Vergiss nicht, was du willst. 


 

Lydia will zusammen essen, Brot backen, Apfelbäume pflanzen und nach Gott Ausschau halten – denn zu vielen sieht man mehr. „Ich will beten und wenn es sein muss auch herumstottern, ich will zusammen singen, Lagerfeuer machen, das Sonderbare nicht scheuen, ich will fasten, Buttercremetorte backen und Buttercremetorte teilen, ich will feiern, Geschichten erzählen, Seelen trösten, Ja sagen, ich will helfen, handauflegen, zuhören, die Tür will ich weit öffnen, ich will träumen, ich will taufen, ich will den Himmel an die Wand malen. Ich will lieben, zusammengefasst.“

Da kann keiner nein sagen, und so wird Lydia die allererste Christin in ganz Europa, und die erste Gemeindevorsteherin, und die erste Bischöfin ist sie auch. Denn andere gibt es ja noch nicht. 

 

Kleine Erinnerung zum Weltfrauentag aus: Eva und der Zitronenfalter. Frauengeschichten aus der Bibel

 

PS: Ich schreibe bis Ostern übrigens wieder täglich auf chrimonshop.de

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Sonntagsstimmung

 

 

 

 

Sonntags bin ich der Mensch, der ich gern wäre. Die Zeit und ich sind uns ausnahmsweise einig: Es gibt nichts zu müssen. Allen Aufgaben gebe ich frei. Der Himmel steht offen, ich erhasche einen Blick, wie es sein könnte. Gott ist erleichtert, weil ich endlich gelöst bin. Eine Blume sagt: Riech mal. Ich mache ihr die Freude.

 

aus: Luft nach oben. Der Sonntagskalender

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Alles offen

Jesus und Maria Magdalena

Sie ist unabhängig. Eben wie man das landläufig so meint: Unverheiratet, mit einem Konto ausgestattet, das sie selber füllt. Eine Bohrmaschine hat sie auch (nutzt sie aber ungern. Wegen des Lärms. Und so viele Löcher braucht man gar nicht im Leben).

Er liebt sie. Mehr als die anderen. Aber ein Paar sind sie nicht.

Sie haben nie zusammen geschlafen. Obwohl es Momente gab, in denen es folgerichtig hätte sein können. Als sie am See saßen und die anderen längst gegangen waren. Sie redeten, während der Mond seine Runde drehte, bis er hinter den Kiefern verschwand. Ich liebe es, sagte sie, wie du meine Geister vertreibst, durch die Nacht mit mir gehst. 

Im ersten Licht des Morgens sind sie geschwommen, vielleicht waren sie nackt, sie hat es vergessen. Später saßen sie zusammen in einem Boot, Schulter an Schulter. Es war eng und nicht unangenehm. Ich liebe es, sagte er, dass du mich berührst.

Er mag ihre Nähe, die immer etwas Waches hat. Sie lässt sich nicht fallen. Er hat nie das Gefühl, der Stärkere sein zu müssen. Sie lehnen aneinander, mit den Füßen auf der Erde. Das Boot schaukelte, sie genossen die Wärme ihrer nackten Haut, Bein und Arm. Sie genossen einander, ohne etwas zu wollen. Falls sie es doch taten, behielten sie es für sich, um das andere nicht zu stören, das leicht war und ihnen Flügel gab. Sie lernten, dass man nicht alles mitnehmen muss, was sich anbietet. Manchmal findet sie ihn schön. Seine Augen würde sie unter allen Augen erkennen. Auch seinen Körper. Er ist glatt, wie Marmor. Aber das sagt sie ihm nicht. Stattdessen: Deine Füße liebe ich. Deinen Kopf liebe ich auch. Er mag ihre Schultern. Sie sind muskulöser, als man zunächst denkt. Sie ist keine Sportlerin, sie gehört nicht zu den Frauen, die diszipliniert und geplant vorgehen. Aber sie bewegt sich gern und er genießt es, ihr dabei zuzusehen. Ich liebe es, sagt sie, wie du mich ansiehst. Nie habe ich das Gefühl, ich müsste mich verstecken. 

Ich liebe es, sagt er, wie du einen Raum betrittst und die Blicke nicht wägst. Wie du dein Ding machst ohne Furcht. 

Ihr Lachen macht sie zu Verschworenen. Wenn sie reden, dann reden sie nicht nur mit dem Kopf, sondern mit allem. Manchmal räkelt er sich wie eine große, schwere Raubkatze, wenn er einen Gedanken verfolgt. Sie fürchtet nichts an ihm. Obwohl er scharf sein kann, sogar verletzend. Bei ihr ist er es nicht. Sie weiß nicht, warum. Dabei kann sie selber auch scharf sein. Und schroff. Er sieht es ihr nach. Sie brauchen nicht miteinander zu kämpfen. Es gibt nicht zu behaupten und nichts zu gewinnen. Sie kennen einander zu gut. 

Ich liebe es, sagt sie, dass du mich sein lässt, wie ich bin. Das verwandelt mich. 

Es heißt, dass sie viele Männer hatte. Viel ist eine schwammige Zahl. Sie liebt Worte mehr als Zahlen. Aber gegen Sex hat sie nichts einzuwenden. So ein Satz kann gegen sie verwendet werden. Es heißt, dass sie versucht hat, ihn zu verführen. Er aber nicht wollte. Er konnte ihr widerstehen. Ihr, der Versuchung. Obwohl es andererseits auch nicht schlimm gewesen wäre, wenn er nicht widerstanden hätte: Sex macht Männern zu echten Männern und Frauen zu fragwürdigen Frauen. Für alleinstehende Frauen wie sie ist das ein Dilemma: Zu viel Sex ist schlecht, kein Sex aber auch. Eine Frau ohne Mann, ohne Kinder muss unglücklich sein. Wenn sie nicht unglücklich ist, dann stimmt etwas nicht mit ihr.Sie weiß, dass die Leute so denken. Er weiß es auch. Aber es spielt keine Rolle. Ich liebe deine heilige Furchtlosigkeit, sagt sie. Dass du dich nicht sorgst, was die Leute reden. 

Manchmal sind ihre Worte wie Küsse. Sie schmecken salzig und süß. Wie Honig-Erdnüsse, denkt sie. Er denkt an Krebsfleisch. Sie essen oft zusammen. Ungeplant, Zufallsessen auf eine beiläufige, verschwenderische Art. Er brät ein Ei und sie öffnet eine Flasche Wein. Dabei reden sie weiter, kauen die Worten oder lassen sie auf der Zunge zergehen. Ich liebe es, sagt er, dass du eine Verschwenderin bist. Du rechnest nicht. Du wärst so eine schlechte Buchhalterin. Selber, denkt sie und lächelt in sich hinein.

Sie zeigen einander viel. Er lernt ihre Dämonen kennen und hält ihnen stand. Zum ersten Mal hat sie das Gefühl, sie nicht verteidigen zu müssen. Er würde nichts gegen sie verwenden. Dafür bleiben sie sich fern genug, sie müssen einander nichts heimzahlen. Auch sie ahnt etwas von seinem Schmerz. Obwohl er ihn nie zur Schau stellt. Auch von seiner Wut. Wie ein Sommergewitter bricht sie manchmal herein, unerwartet und heftig. Aber sie fürchtet sich nicht vor Gewittern. 

Ich liebe es, sagt er, dass du mich nicht festnagelst.

Ich liebe es, sagt sie, dass du dich mir zeigst. 

Ich liebe dich, sagen sie und lassen alles offen.

 

aus: Kirschen essen. Liebesgeschichten aus der Bibel. Edition chrismon

 

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Lichtmess

 

 

 

 

 

Um acht ist es hell. Ich feiere das Licht und die Fresien auf der Fensterbank. Im Erwachen gibt es einen virusfreien Raum.

Meine Träume haben mittlerweile Handtaschenformat,

ich trage sie überall mit hin. Der Himmel ist noch unentschlossen, aber ich bin bereit. 

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Hellsehen

 

 

Wir sind da, Gott

auf dem Sofa,

in Flauschpantoffeln oder Lackschuhen

Wir haben die Perlen für dich angelegt

das Haar gescheitelt

das Hemd geknöpft

du siehst uns

Unsere Blicke gehen ins Schwarze

und über das Schwarze hinaus

Unsere Blicke kreuzen sich in einem virtuellen Raum

Du bist längst dort

Du hörst

wie unsere Herzen schlagen

du hörst die Nachbarn nebenan

und die Kinder, die nicht müde sind

und das Schweigen in den Konzertsälen hörst du auch.

Ich zeig euch was, sagst du.

Ich zeig euch, wie man hellsieht.

 

Amen

Gestern haben wir zum ersten Mal Wohnzimmerkirche auf Instagram gefeiert. Ein Prost auf Käsebrot, große Schwestern, Ausbruchsmomente, weiße Kleider, königlich sein und das Sekundenglück, das bereit liegt, wenn wir es sind. @wohnzimmerkirche

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Januarmorgen

 

 

 

 

 

Noch ein grauer Januarmorgen. Schneereste auf dem Dach. Ich hab die Kerze im Fenster angezündet. Darauf ging gegenüber der Stern an. Vor ein paar Tagen hat mir die Frau mit dem Baby zugewinkt. Leben wie im Setzkasten. Ich mag das. Gott wohnt wahrscheinlich in der Wohnung mit der Amaryllis. Es ist nie jemand zu sehen, aber viel Papierkram auf dem Tisch. Über der Amaryllis hängt ein Herz. Es ist ein bisschen kitschig. Aber auch schrebbelig, ein Geschenk, das hängengeblieben ist. Irgendwann werde wir gleichzeitig aus dem Fenster sehen. 

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Barmherzigkeit

Ich bin Bonbonzerbeißerin. Ich weiß, das ist eine schlechte Angewohnheit, meine Zahnärztin liest hoffentlich nicht zu. Was ich noch bin: Große Schwester. Steuerzahlerin. Überzeugte Bahnfahrerin. Hoffnungsvolle Optimistin. Ich habe viele Facetten. Wie jeder Mensch. Ich finde es eine erleichternde Vorstellung, dass es bei allen Menschen etwas geben könnte, das uns verbindet. Man muss nur lang genug suchen. So würde ich mit Herrn Trump politisch wahrscheinlich nicht einig werden. Aber vielleicht teilen wir eine Vorliebe für Minzschokolade. 

Leider geht es im Leben nicht nur um Süßigkeiten. Rassistische oder andere verachtende Haltungen möchte ich nicht kleinreden. Dennoch bleibt eine Gemeinsamkeit: Wir sind Menschen. Dieser kleinste gemeinsame Nenner besteht, er bleibt sogar dann bestehen, wenn Menschen unmenschlich handeln. Sie bleiben Menschen, weil Gott sie als solche erschaffen hat. Der erste Tod in der Bibel ist ein Mord. Kain erschlägt seinen Bruder Abel und darf trotzdem weiterleben. Gott verurteilt sein Tun, aber schützt ihn als Mensch. Ein altes Wort dafür ist Barmherzigkeit. Es ist staubig geworden, dabei ist es ein schönes Wort. Es wärmt und verwandelt. Wer mutig ist, bläst den Staub weg und lässt es wirken. Nimmt sich ein Herz für die Herzlosen und die Feindseligen. Für einen allein ist das vielleicht zuviel. Aber zusammen könnte es uns gelingen, darauf zu bestehen, dass Menschlichkeit siegt. 

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Herberge 2.0

... einen Tag vor Heiligabend versuchen die Engel in letzter Minute eine Herberge für die Heilige Familie zu finden. Gott hat in seiner unendlichen Güte entschieden, ein zweites Mal auf die Erde zu kommen. Nur: Wohin? #herbergegesucht ist der meistgeklickte Hashtag der letzten 24 Stunden.

ENGEL 3: Hier, eine Mail von Elsa Niederbäumer aus Bremen. (Atmo: Rascheln, Blättern): „Hallo, kann Mutter und Kind ein halbes Zimmer anbieten.“ 

ENGEL 2: Was ist mit dem Vater?

ENGEL 3: Sie will keinen ausländischen Mann im Haus, man kann ja nie wissen.

ENGEL 1: Scheidet also aus. Aber hier (Atmo: Rascheln, Blättern): „Der Stadtrat von Middleton hat in seiner heutigen Sitzung entschieden, das erwartete Kind zu ihrem Imagebotschafter zu machen. Eine Dienstwohnung für die gesamte Familie wird ab dem siebten Lebensjahr gestellt.“

ENGEL 2: Und bis dahin?

Die Dämmerung senkt sich über die Dörfer und Städte, bis in der ersten Zeitzone der Welt schließlich der Morgen des 24. Dezembers anbricht. Die Spannung steigt. In ungewöhnlicher Einheit fragen sich große Teile der Menschheit und alle Engel im Himmel: Wo wird Gott zur Welt kommen?

 

Kleiner Ausschnitt aus dem Weihnachtshörspiel Herberge 2.0 für die Kirche im NDR. 

Sendetermine am 24., 25. und 26. Dezember auf den Sendern des NDR und zu jeder Zeit hier. 

 

PS: Die bunte Krippe steht im Fenster des wunderbaren Cafés Tide in Hamburg-Ottensen.

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Morgengebet

mit drei gefundenen Sätzen

 

 

Du willst wissen, wie ich meine Zeit verbringe?

Ich warte. Währenddessen schäle ich Orangen, 

öffne das Emailprogramm, wasche mein Haar und 

die Maske von gestern. 

Der Lockdown kommt zu spät.

Untergangspropheten läuten Sturm.

Du bist die Hüterin vor meiner Tür.

Finde Accessoires für den Winter:

einen Mistelzweig, ein Buch, 

ein Leuchten zwischen den Zeilen.

 

 

 

 

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3. Advent

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Träumen

Als Josef morgens aus dem Haus ging, war noch alles wie immer. Nur der Kaffee war eine Spur zu stark. Vielleicht würde er das brauchen heute. Bestimmt hatte er einen Plan. Einen kleinen oder einen großen: Tabak kaufen. Ein Boot zimmern. Spontaner sein. In den nächsten Wochen weniger arbeiten (oder mehr). Unbedingt die Tür zum Garten streichen. Nichts deutete darauf hin, dass sich an diesem Tag alles ändern könnte. Vielleicht würde es schneien. Aber damit musste man ja rechnen, um diese Jahreszeit. 

In der Nacht kam der Engel. Er kam im Traum und sah aus wie sein alter Mathelehrer. Nur, dass knapp unter seinen Schulterblättern Flügel wuchsen. So gewichtig waren seine Botschaften. Der Engel hatte viel zu tun. Nacht für Nacht ging er durch die Träume der Menschen und flüsterte ihnen ins Ohr. Die Botschaften unterschieden sich, aber jede einzelne begann mit denselben Worten: „Alles wird anders.“ Der Engel sagte sie langsam und mit bedächtiger Stimme, als wolle er dem Anderen Zeit lassen, zu verstehen. 

Josef mochte Veränderungen nicht besonders. Sie kamen immer so überraschend. Er war zuverlässig und pflichtbewusst, einer, der versuchte, auf alles vorbereitet zu sein. Dafür erwartete er im Gegenzug eine gewisse Kontinuität des Lebens. Er hätte also gern dankend abgelehnt. Die Möglichkeit bestand nicht. „Rechne mit dem Unbekannten“, sagte der Mathelehrer-Engel streng. „Es könnte ein Geschenk des Himmels sein.“ Das Unbekannte war Josef schon immer suspekt gewesen. Besonders zu Weihnachten. Wo doch gerade da alles wie immer sein soll. Um 15 Uhr die Messe und um 17 Uhr gemeinsames Singen mit Oma und danach Semmelknödel zur Gans. Weihnachten war für Josef die Garantie, dass die Welt in Ordnung ist. Der Engel brach in Lachen aus und ähnelte jetzt überhaupt nicht mehr seinem Mathelehrer: „Da hast du das Fest aber gründlich missverstanden! Weihachten heißt: Nichts bleibt, wie es ist. Da wirst du rausgeschmissen aus deiner Bequemlichkeit. Weihnachten ist ein weites Feld. Weihnachten ist der Himmel, der offen steht. Weihnachten ist ein Weg durch die Dunkelheit, denn nur im Dunkeln siehst du den Stern. Weihnachten ist der Strohhalm, nach dem ein König greift. Weihnachten ist Hoffnung, die laufen lernt.“

Der Engel verschwand. Josef wälzte sich ein paar Mal unruhig auf seinem Kissen und schlief noch vier Stunden, bis der Morgen ihn weckte. Seinen Kaffee trank er nachdenklicher als sonst. „Was ist mit dir?“, fragte seine Frau. „Du wirkst so verändert.“ „Ich hatte einen Traum“, sagte Josef. Mehr nicht. Und dann ging er in die Nacht der Nächte ohne Plan, mit einer schiefen Maske auf der Nase verließ er das Haus des Gewohnten und hielt Ausschau nach dem Unbekannten. Vielleicht würde ihm etwas in den Schoß fallen. Ein Stern, ein Wunder, ein Anfang, ein Kind.

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Unwahrscheinlichkeitsrechnung

Ich warte auf eine Menge Sachen. Ich warte auf eine Mail, den Bus und dass Gott redet. Ich warte auf den Tag, an dem mir mal wieder jemand ein Mixtape schenkt. Manchmal warte ich auf Grün – an der Ampel und im Februar. Ich warte auf den Impfstoff und dann warte ich darauf, aus all meinen Masken eine Patchworkdecke zu nähen. Ich warte auf das Morgengrauen, wenn ich mich schlaflos im Bett wälze. Ich warte darauf, dass sogenannte Querdenker aufhören, ihre Freiheit über die vieler anderer zu stellen. Ich warte auf den Moment, an dem niemand mehr Lust hat, wen in die Luft zu sprengen. An Silvester warte ich auf Mitternacht, weil es so schön ist, so zu tun, als ob alles neu wird. Ich warte darauf, dass Trump seine Niederlage eingesteht und in Rente geht. Auf Schnee warte ich auch.

Dass ein Retter kommt, der das alles im Gepäck hat, fällt mir schwer zu glauben. Ich versuche es trotzdem...

 

Ganzen Text lesen oder hören: Mit allem rechnen. Unwahrscheinlichkeitsrechnung im Advent. Deutschlandfunk

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Weihnachten retten

Wir müssen Weihnachten retten. Das höre ich im Moment ständig. Ich glaube, das müssen wir nicht. Weihnachten braucht keine Rettung, Weihnachten rettet uns. Es hat zweitausend Jahre überstanden. Ist durch den 30-jährigen Krieg gegangen, war bei den Pestkranken, hat sich an die Seite der Verfolgten gestellt und sich nicht darum gekümmert, ob Lametta am Baum hing. Weihnachten hängt nicht davon ab, ob fünf oder zehn zusammen feiern. Weihnachten lässt sich nicht machen. Klöße zur Gans sind schön, aber nicht notwendig.

Die Geschichten sind da. Der Stern ist da. Menschen sind da, an vielen verschiedenen Orten. Die Fantasie ist da, sich auf den Weg zu machen. Ausschau zu halten, was trägt, wenn es nicht das Gewohnte ist. Die Hoffnung ist da, dass es winzige Anfänge gibt, die zur Rettung werden.

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Besondere Helden

Ich kann über ziemlich simple Sachen lachen. Slapstick zum Beispiel wie bei Stan und Oli. „Life of Brian“ finde ich großartig, „Little Britain“ auch. In Kirchen- und Intellektuellenkreisen stoße ich damit regelmäßig auf Irritation. Gegen Alltagsschwermut hilft Loriot zuverlässig. Manchmal stelle ich mir die Welt als Comic vor, auch das ist sehr erheiternd. Wenn gar nichts mehr geht, bleibt immer noch Galgenhumor. Selbstironie sowieso. 

Die Bunderegierung hat Corona-Videos veröffentlich, die ich auch ziemlich witzig finde. Neben Infektionsschutzgesetz, Impfstoff-verteilung und Kontaktbeschränkungen ein Augenzwinkern. #besonderehelden heißt die Serie. Natürlich gibt es viel Kritik.

Ich finde die Videos mutig, weil sie nicht brav sind. Humor muss sich aus der Deckung wagen und damit leben, auch auf die Nase zu fallen. Ein Journalist der Londoner Financial Times twitterte:

“Ich kann damit umgehen, dass die deutsche Antwort auf die Pandemie besser ist als unsere, aber ich glaube, ich kann nicht damit umgehen, dass sie lustiger ist.“ Das ist, glaube ich, ein Ritterschlag.

 

Hier kommt ihr zu den Videos: #besonderehelden 1 #besonderehelden 2 

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Flatrate

Omas Telefonnummer kann ich auswendig. Sie ist mein Leben lang gleichgeblieben. Trotzdem speicherte ich ihre Nummer in meinem ersten Handy. Es wäre nicht nötig gewesen, aber ein Adressbuch ohne Oma wäre mir unvollständig vorgekommen. Wenn Oma sich meldete, hatte ihr Tonfall immer etwas Feierliches. Als erwarte sie, den Bundespräsidenten höchstpersönlich in der Leitung zu haben. Telefonieren war für sie etwas Ernsthaftes. Da lümmelte man nicht auf dem Sofa rum und schon gar nicht machte man nebenbei den Abwasch. Man telefonierte und das möglichst kurz, damit es nicht so teuer würde. Irgendwann versuchte ich Oma zu erklären, was eine Flatrate ist, doch ich merkte, dass sie mir nur halb zuhörte. Sie wollte sich nicht umgewöhnen. Und das machte auch nichts, denn eigentlich liebte ich ja genau diese Ernsthaftigkeit. 

Mittlerweile ist Oma tot. Seit ein paar Jahren schon. Aber ihre Nummer zu löschen, habe ich noch nicht übers Herz gebracht. Es fühlt sich an, als würde ich die Erinnerung auslöschen, als würde ich Oma mit einer Taste aus meinem Leben entfernen, um neuen Speicherplatz zu schaffen. 

Die Nummer bleibt also. Immer, wenn ich jetzt durch mein Adressbuch scrolle und beim Buchstaben O bin, lese ich „Oma“ und muss kurz lächeln. Als bräuchte ich nur auf die Taste zu drücken, und sie wäre da. Würde sich irgendwo aus den Himmeln melden, würde wie immer „Ach, hallo!“ rufen, mit dieser Mischung aus Überraschung und Freude in der Stimme. Eine Sekundenerinnerung, wärmer und lebendiger, als der Name auf ihrem Grabstein, der so förmlich, so endgültig, so golden in Marmor gehauen ist. Die Vorstellung, nur einen Klick weit von Oma entfernt zu sein, ist irgendwie tröstlicher.

 

gesendet in: NDR 90,3 Kirchenleute heute

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Der kleine David und ich

„Das Vergessenwollen verlängert das Exil, 

und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“          

Ba’al Schem Tov

 

Ich erinnere mich an die jüdische Synagoge, an die nichts mehr erinnert, nur noch ein Parkplatz. Ich erinnere mich, dass Oma sagte, „die Juden“ seien irgendwie anders gewesen. Ich erinnere mich an meine erste Klassenfahrt nach Bergen-Belsen und mein Entsetzen. Ich erinnere mich an die Geschichten von Abraham und Mose und dem kleinen David, der Goliath besiegte. Ich erinnere mich, wie ich erst mit 17 Jahren entdeckte, dass es einen jüdischen Friedhof in meiner Stadt gibt. Ich erinnere mich an den Freund, der auf einmal meinte, es gäbe Beweise, dass der Holocaust nie stattgefunden habe. Ich erinnere mich, wie unvorbereitet ich auf so eine Behauptung aus seinem Mund war. Ich erinnere mich an Schweigemärsche am 9. November, und dass einige nicht schweigen wollten, weil Schweigen nichts ändere. Ich erinnere mich, sehr viele Male „Hevenu schalom alejchem“ gesungen zu haben. Ich erinnere mich an meines Großvaters Blick, mit dem er sagte, er verstehe nicht, warum sie einem wie Hitler gefolgt seien. Ich erinnere mich an Jungs auf dem Schulhof, Hakenkreuze und „Deutschland den Deutschen“. Ich erinnere mich an meinen Zorn. Ich erinnere mich, wie ich hörte, Juden hätten das Corona-Virus erschaffen.

Ich erinnere mich, zu widersprechen.

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Sonntagsspaziergang

Mit wem ich gern mal einen Kaffee trinken würde, das ist so eine Frage, bei der ich nie weiterweiß. Kaffee ist überbewertet, finde ich. Man sitzt rum und fühlt sich nach der dritten Tasse zu gleichen Teilen aufgekratzt wie flau. Außerdem ist es im Moment sowieso schwierig, die Cafés sind geschlossen. Wenn ich also wählen dürfte, würde ich lieber durch den Wald streifen, auf Wegen, die niemand geschottert hat, bei einer Eiche stehenbleiben, um einen Gedanken nicht zu verlieren. Mit wem, spielt fast keine Rolle, so lange das Gespräch interessant ist und verschlungene Wege nimmt. Aber gut, vielleicht lieber mit Jesus als mit Buddha (sorry, ist nichts Persönliches), mit Ronja lieber als mit Pippi, mit Teresa von Avila lieber als mit Mutter Teresa, mit D. lieber als mit M., mit Frau Merkel lieber als mit Herrn Merz, mit Snoopy lieber als mit Charlie Brown, mit der Queen lieber als mit Charles, heute lieber als morgen.  

 

 

 

 

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Hallo November

Diesmal übertreibst du aber. Dass es mit dem Nachmittags-kaffee dunkel wird, daran habe ich mich in den letzten 48 Jahren mühevoll gewöhnt. Und dass du Regen magst – geschenkt. Den brauchen wir ja, da bin ich vernünftig. Aber ein Lockdown? Im Ernst? Kein Café, das leuchtturmgleich die schwankenden Seelen heimruft? Kein Theater, das dem Leben eine Bühne gibt? Und Doppelkopfrunden höchstens für Großfamilien? 

Das ist hart. Hast du denn nicht Rilke gelesen? Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben… wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.  Das kannst du nicht wollen. Im Inneren deiner Seele willst doch auch du geliebt werden. Also frage ich dich: Was hast du zu bieten? Dieses Jahr ist deine Chance. Noch nie waren so viele Augen auf dich gerichtet. Wenn du es schaffst, uns alle 30 Tage über Wasser zu halten, könnte das deine Beliebt-heitswerte enorm verbessern. Laubhaufenspringen? Freiluftyoga? Lichtermeereintauchen? Zeig, was du kannst. Wir machen mit!

 

Im November ziehe ich um zu Chrismon: Dort gibt es jeden Tag einen Text: Lichtblick-Blog

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Jetzt

Gibt es jetzt auch hier als Postkarte.

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Hallo Herbst!

 

Gestern saßen wir lachend am Tisch, während die Kanzlerin im Fernsehen inständig darum bat, Kontakte einzuschränken. Die Zahlen sind höher als im Frühjahr, aber so richtig angekommen ist es noch nicht. Der Sommer hat eine Tür geöffnet, und es fällt schwer, sie wieder zu schließen. Dabei ist es drinnen auch schön. Trotzdem fühlt sich eine Seite in mir wie ein Kind, das noch nicht aufhören will zu spielen. Weil es sich nicht vorstellen kann, wann dieses „Morgen“ ist, an dem es weiterspielen wird. Zum Glück bin ich meistenteils erwachsen, was langweiliger klingt als es ist. Im Gegensatz zu meinem fünfjährigen Ich weiß ich nämlich mittlerweile, wie viele Schlupflöcher es gibt, die das Leben lebenswert machen. Hallo Herbst. Ich komme!

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Was du willst

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Sandmännchen und Westpakete

3. Oktober 1990

Ich habe den Fernseher angemacht. Die DDR war für mich LPGs und eine Mauer, die unfassbar anmaßend, aber nicht meine ist. Jetzt steht sie offen.

Ich bin schon drüben gewesen. Ostern, mit Zelt. Mal gucken, was für ein Land das ist. Nicht mein Land, soviel ist klar. Das Wort „Wiedervereinigung“ kenne ich nur aus dem Mund der Ewiggestrigen. Die auch Ostpommern und das Elsass wiederhaben wollen.  Ich hocke in Jeans auf dem Sofa und fühle mich fremd im Jetzt. Was da 400 Kilometer östlich geschieht, ist irgendwie nicht mit mir abgesprochen. Warum scheint es für alle so selbstverständlich, dass aus zwei Staaten einer wird? Können wir uns nicht erstmal kennenlernen? Wer sagt denn, dass wir zueinander passen? Kohl sieht satt und zufrieden aus. Er spricht von blühenden Landschaften und klingt, als habe er eine Putzkolonne losgeschickt, die eben mal alles auf Vordermann bringen soll. Ich pule die Kerne aus ein paar letzten Pflaumen und stecke mir eine in den Mund. "Einigkeit und Recht und Freiheit" singen sie im Fernseher, und ich höre "Deutschland, Deutschland über alles". Ich schalte ab. Wie wird das alles werden?

 

30 Jahre später.

Der Zug von Hamburg fährt durch. Landschaft rauscht vorbei. Ackersenf blüht. In knapp vier Stunden werde ich in Erfurt sein. Neben mir sitzt Matthias. Ostkind, sagt er. Wir haben Bleistifte im Koffer und leere Hefte. Wir werden uns zusammenschreiben: Mario aus Zwickau, Silke aus Ostfriesland, Kirstin aus Berlin, Werner aus Köln, Marion aus Magdeburg und all die anderen. Auf den Fluren tragen wir Masken, in unseren Texten zeigen wir uns. Erzählen, was wir gewonnen haben: Reisefreiheit. Hiddensee. Eierschecke. Ich-sagen. Wir-denken.

Den Polizeiruf 110. Deutsche Geschichte an Originalschauplätzen: Goethe, Luther, Effi Briest. Einen Beruf nach eigener Wahl. Studieren in England. Das Elbsandsteingebirge zum Wandern. Gundermann. Wahlfreiheit. Levis-Jeans. Und immer wieder: Freundschaften. Entweder-oder wird zu sowohl-als-auch. Wir schreiben Liebeserklärungen an die Demokratie. Wir lachen über unsere Nostalgie. Probieren Bambina und Milky Way, und beides ist vor allem quietschsüß. Unter freiem Himmel singen wir von Gedanken, die frei sind. Wir finden Utopien für die nächsten 30 Jahre: Der Himmel ist blau. Das Kind fragt, was eine Grenze ist. Einigkeit und Recht und Freiheit. Heimat ist ein Tuwort.

 

Das Ost-West-Schreiben setzen wir fort: Vom 3.-5. Dezember 2021 mit der Ev. Akademie Thüringen in Neudietendorf.

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Nuancen und Pferdefüße

„Guten Morgen, mein Lieber.“ Der Teufel ist erstklassig gekleidet. Weißes Hemd, schwarzer Blazer, während Gott einen gewagten Mustermix trägt. „Ich bin nicht dein Lieber“, widerspricht er. „Nana, wer wird denn so mürrisch sein? Predigst du nicht immer die Liebe? Aber ich verstehe dich. Seit selbst ‚Gutmensch’ zum Schimpfwort geworden ist, schwimmen dir die Felle davon. Du solltest über dein Konzept nachdenken. Es ist einfach zu komplex.“

Seit einigen tausend Jahren treffen die beiden einander regelmäßig. Auf Initiative des Höchsten. Er nennt das „die andere Seite sehen“, was der Teufel insgeheim lächerlich findet. Einseitigkeit liegt ihm mehr, aber da er sich gern präsentiert, lässt er kein Treffen ausfallen. 

Die Zeit des Schwefels und der Pferdefüße ist vorbei. Seriosität ist das Motto des neuen Jahrtausends, seitdem hantiert er nicht mehr mit der Hölle, sondern mit Statistiken. „Und die Quellen?“, fragt Gott. „Die sind doch total zwielichtig. Wenn du sie dir nicht gleich ausgedacht hast!“ Der Teufel sieht ihn mitleidig an. „Als ob die Leute sich für Quellen interessieren. Ich verstehe mich als Dienstleister. Es prasselt heutzutage so viel auf die Leute ein: Klimawandel, Ausländer, neuartige Viren, vegane Leberwurst. Das überfordert viele. Ich vereinfache den Leuten ihr Leben. Ich sortiere vor.“

„Allerdings völlig einseitig!“

„Das ist mein Markenzeichen. Keine Widersprüche. Kein Sowohl als auch. Schwarz oder weiß.“

„Ich habe den Menschen den Regenbogen gegeben“, schwärmt Gott. „Den lieben sie. Gerade wegen der Vielfalt. Die Welt ist nicht eindeutig. Kannst du dir einen Regenbogen in schwarz-weiß vorstellen?“ „Sie lieben deinen Regenbogen auf Postkarten und Facebook-Bildern. Solange er romantisch ist. Metaphorisch hat er ausgedient. Zu viele Nuancen. Das ermüdet und verunsichert nur. So, jetzt muss ich los. Ich bin mal wieder auf eine von diesen Demos als Redner eingeladen. Bis bald, mein Lieber!“ 

Gott rümpft die Nase. Den Schwefelgeruch wird er nicht los, denkt er. Ich muss ihn aushalten. Das gehört wohl zur Ambiguitätstoleranz dazu. Dann bricht auch er auf. „Ich glaube an euch“, flüstert er seinen Menschen ins Ohr. „So einfältig seid ihr nicht. Wer seit Anbeginn der Welt mit Widersprüchen lebt, hat Übung darin.“

 

So geht’s: Ambiguitätstoleranz: Die Fähigkeit, Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen und ertragen zu können und Diskussionen trotz allem wohlwollend fortführen zu können, ohne dabei aggressiv zu reagieren.

 

in: Welt der Frauen www.welt-der-frauen.at (gekürzt)

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In meinem Kopf

 

Die Einfälle sitzen wie Krähen in meinem Kopf und warten. In dem Moment, wo ich nicht mehr nach ihnen schaue, fliegen sie auf, sonderbar und schön. Die besten Einfälle sind die, die mich selbst überraschen. Sie stellen Zusammenhänge zwischen Dingen her, die ich nicht erwarte. Was hat Rost mit Freiheit zu tun? Ein Ohrensessel mit Demokratie? Was haben Himbeeren mit dem Tod zu tun? Wenn ich wüsste, dass ich sterbe, wäre ich traurig. Ich bin noch nicht satt. Meine Vorbilder fürs Leben sind mein Opa, Angela Merkel und Astrid Lindgren. Alle drei haben mit Emanzipation zu tun. Ein größtes Vorbild habe ich nicht. Vielleicht, weil ich Größe misstraue. Als es mal eine Sonnenfinsternis gab, musste ich mich zwingen, nicht in die Sonne zu schauen. Ich tat es trotzdem, ganz kurz. Ich schaue lieber hin als weg. Manchmal ist das nicht so klug. Wahrscheinlich sind 34% aller Dinge, die ich tue, nicht so klug, befriedigen aber meine Neugier. 

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Urlaub

Im August macht Gott Urlaub auf dem Campingplatz Deichblick. Sein Wohnwagen steht ganz hinten bei den Müllcontainern. Es riecht ein bisschen, besonders mittags, wenn das Thermometer hochklettert auf dreißig Grad und die Luft über dem Asphalt flirrt. Die anderen Plätze sind alle vergeben. An Camper, die lange vor Gott da waren.

"Gebucht bis 2034", sagt Manfred aus Wuppertal und Gott staunt. Solange im voraus denkt er gar nicht. "Musste aber", sagt Manfred. "Wenn du 'n Platz inner ersten Reihe willst, sogar noch länger." Er sei keiner für die erste Reihe, sagt Gott. Nie gewesen. Manfred ploppt ein Bier auf und reicht es Gott rüber. "Prost und nichts für ungut, aber so kommste nie auf 'nen grünen Zweig. Ich hab' hinten bei den Toiletten angefangen. Und jetzt? Reihe drei, sogar mit Vorgarten!" Seine Augen glänzen stolz. "Alles nur, weil ich dem Platzwart ständig in den Ohren lag." "Das kenne ich", seufzt Gott.

"Ach", staunt Manfred und rülpst dezent. "Was machste denn beruflich? Biste etwa auch Platzwart?"

"So ähnlich", sagt Gott, und dann erzählt er von seinem Platz. Dass der ziemlich groß sei, Meer- und Bergblick, Sommer- und Winterbetrieb. "Nur, dass die Leute sich selbst aussuchen, wo sie bleiben wollen. Keine Reservierungen. Keine Stammplätze." Er mische sich da nicht ein. Manchmal trinke er ein Bierchen mit und schaue, dass die Geranien Wasser kriegen.

Manfred schielt unter seiner Kappe hervor. "Und das funktioniert?"

Gott wiegt den Kopf. "Mal besser, mal schlechter. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf."

Ein Wohnwagen der Marke "Luxor Privileg" rollt vorbei. Manfred kratzt sich nachdenklich am Bauch. "Bist wohl so'n Optimist?"

Aus seinem Mund klingt das wie eine seltene Tierart. Gott lächelt. "Schon immer gewesen, Manfred, schon immer gewesen. Prost!"

 

Schönen Sommer! Hier geht es weiter Mitte September.

 

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Schreiben. Auf der Wiese

Fliegen stieben ins Gesicht -

ein Gedicht?
So klappt das nicht.

 

Käfer krabbeln

Leute brabbeln

Sonne sticht - 

ein Gedicht?

Ist nicht in Sicht. 

 

Brauche Schatten 

unter Latten-

zaun und Dach - 

das Gedicht?

Das fällt wohl flach.

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Feinste Wahl

 

 

 

 

Die Betonung ändern.     

Die Welt umrunden      

in meinem Zimmer.     

Die Auslage meiner      

Habseligkeiten betrachten,     

etwas entdecken,     

das längst da ist:     

Ein Kamm, ein Buch, ein Kissen,     

dich.     

Feinste Wahl.     

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Ernstfall

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Gehen_Bleiben

Kippe Name, Telefon und Notizbuch aus. Dann ist der Rucksack leer. Ich lasse ihn stehen. „Du musst Wasser mitnehmen“, sagt Olga. 

„Was ich brauche, finde ich unterwegs.“ Ich tue so, als sei ich mir sicher. 

Die Sonne steht schon tief. Man bricht nicht nachmittags auf. Nachmittags kommt man an. Aber ich will nicht länger warten. Wenn ich jetzt nicht gehe, gehe ich nie.

„Warum willst du eigentlich gehen?“, fragt Olga. Ich suche nach Feindseligkeit in ihrer Stimme, doch da ist nichts. Sie hockt auf der Mauer und lackiert ihre Nägel. Sechs Zehen sind schon rot. Olga nimmt immer Rot. Rosé oder Lavendel kommen nicht in Frage. Olga macht keine halben Sachen. Olga würde auch nie weggehen. Sie ist viel zu sehr hier.

Mit ihren Luchsaugen schaut sie mich an. Sie sagt nicht: Bleib. Gehen ist einfacher als bleiben. Hinter jeder Biegung könnte alles anders sein. Ich lebe gern im Könnte. „Das ist alles?“, fragt Olga überrascht. Und dann: „Soll ich deine Zehen auch machen?“

Ich zögere. Lege meine Füße in ihren Schoß. 

Wir wissen beide: Jetzt kann ich nicht mehr gehen. 

Der Pinsel biegt sich bei jedem Strich. Darunter leuchtet es rot. 

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Kindergebet

 

 

Lieber Gott,

 

hast du auch die Mücken lieb

und die Flöhe auf meinem Hund

und den fetten schwarzen Käfer

und den Mann mit dem großen Mund?

Und im Meer die Feuerqualle

Und die Frau, die so komisch riecht

Und die ekelige Schnecke

Und den Dino, den’s nicht mehr gibt?

 

Zeig mir doch, wie man liebt.

 

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Übermorgen

Heidi Klum feiert Erfolge mit einer Du-bist-schön-wie-du-bist-Show. 

Was ist passiert?

Instagram und Facebook stellen mangels Interesse ihre Dienste ein. 

Was ist passiert?

Die Päpstin schafft ihr Amt ab. Was ist passiert?

Gott veröffentlicht seine private Telefonnummer. Was ist passiert?

Das Gefühl, nicht zu genügen, ist nur noch eine ferne Erinnerung. 

Was ist passiert?

Flüge für Distanzen unter 1500 km starten nicht mehr und keinen stört es. Was ist passiert?

Jeder wird von irgendwem geliebt. Was ist passiert?

Der letzte Mensch, der je einen anderen Menschen getötet hat, stirbt geläutert im Alter von 93 Jahren im Kreise seiner Lieben. 

Was ist passiert?

In einem alten Tagebuch lese ich, dass ich ständig gestresst bin. Das Wort habe ich seit 7 Jahren nicht mehr benutzt. Was ist passiert?

In der Kirche treffen sich jeden Abend 237 Leute. Manchmal auch mehr. Was ist passiert?

Ich bin glücklich. Die anderen auch. Was ist passiert?

 

Zusammen das Heute von Übermorgen her denken. Wohnzimmerkirche Futur II am 12. Juni.

 

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Wunder regnen

Die Hoffnung soll immer zuletzt sterben. Egal, ob Flutkatastrophe oder Lottogewinn, Hirntumor oder Liebeskummer. Immer muss sie ausharren bis zum bitteren Ende. Egal, wie hoch die Chancen stehen. Das arme Ding. 

Ich stelle mir vor, dass sie hier und da gern sagen würde: „Leute, es tut mir leid. Nehmt’s mir nicht übel, aber hier kann ich wirklich nichts mehr ausrichten. Lena
 wird Holger nicht küssen, auch in hundert Jahren nicht. Nicht jeder Lahme wird gehen können. Sorry.“ Sie meint das nicht böse, sie traut sich nur, der Realität ins Auge 
zu sehen. Und deren Augenfarbe ist manchmal eben nicht rosa. Sie würde dann gern weitergehen. Weil sie sieht, was nach der Katastrophe kommt. Denn ein „Danach“ gibt es immer. Darin ist die Hoffnung eine Meisterin. Egal, ob Himmel oder Holger, sie ist schon zwei Schritte voraus. Unsereins kann sie da schnell mal aus dem Blick verlieren. Aber das macht nichts. An der nächsten Ecke wartet sie geduldig, bis man wieder aufgeholt hat, und dann führt sie einen in ein Land, das man sich nicht hätte träumen lassen. Die Hoffnung hat ihre Augen überall, am liebsten aber in der Zukunft. Und da gibt es immer irgendetwas Rosiges. Auch, wenn man selber noch schwarzsieht.

 

100 Seiten Hoffnungstexte. Weil man manchmal einfach was Positives braucht.

Mit Beiträgen von vielen anderen und mir: Vielleicht lässt jemand Wunder regnen. Susanne Breit-Keßler, Frank Muchlinsky (Hrsg.), edition chrismon | Deutsche Bibelgesellschaft

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Nix Neues

 

 

 

 

 

 

 

Nein, das ist keine Bio-Maske, sondern ein Holunderbusch.

Wenn man die Nase reinsteckt, sieht die Welt gleich anders aus. Zumindest riecht sie anders: frisch, zitronig, leicht. Das ist mein Tipp gegen Corona-Blues. Das Leben war selten so viel Jetzt wie jetzt. Alle, die noch nie viel von Planung hielten, sind klar im Vorteil. Ich übe das jeden Tag und helfe mir mit einem einfachen Gedankenspiel: Je einladender ich die Gegenwart gestalte, desto mehr Lust hat die Zukunft zu kommen. 

Und sonst? Habe ich mehr am Schreibtisch als im Zug gesessen, zoomen als Verb in meinen Wortschatz aufgenommen, immer (na gut, meistens) das Positive gesehen, die Sprache der Meisen studiert und ein Buch geschrieben. Jetzt ist es fertig. Wenn Ihr schon mal gucken wollt, wie es aussehen wird, klickt hier. Bald, ganz bald gibt es auch wieder neue Engelimbiss-Texte. Wenn ich aus dem Urlaub zurück bin.

Habt es gut!

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Roséwein und Entenküken

„Ein Glück, dass ich dich treffe“, sage ich und Gott nickt etwas zerstreut. „Geht’s dir nicht gut?“, frage ich ängstlich, denn das wäre es ja, wenn man sich jetzt auch noch Sorgen um Gott machen müsste. Deshalb rede ich lieber gleich weiter. „Es reicht, hörst du? Ich finde, dieses Virus sollte jetzt langsam mal aufgeben.“ Gott nickt und seufzt: „Das finde ich auch.“

„Dann tu was“, rufe ich, denn Seufzen hat noch nie geholfen, etwas zu verändern. „Vernichte es, verwandle es, mach, dass es aufhört!“

Er sei kein Seuchenexperte, sagt Gott, dafür gäbe es Fachleute. Die kennen sich gut mit Viren aus, auf die vertraue er.

„Und wenn sie sich irren?“

Das sei natürlich möglich, sagt Gott. Deshalb vertraue er auch auf die Fragen der anderen, dass sie nicht nachlassen, zuzuhören und mitzudenken.

„Vertrauen …“, murmele ich und klinge vermutlich enttäuscht, weil ich mir etwas Handfesteres wünsche.

„Du willst Sicherheit“, sagt Gott, und ich nicke, obwohl ich weiß, dass Sicherheit eine Sackgasse ist. „Deshalb habe ich das alles hier“ – er macht eine raumgreifende Bewegung, „auf Vertrauen aufgebaut. Ich glaube daran. Ich vertraue darauf, dass ihr klug und mutig genug seid, euer Herz und euren Verstand zu nutzen. Ich glaube an eure Widerständigkeit, die habe ich in eure DNA gelegt, an eure Fragen und euren Zweifel. Vergesst die nicht. Ich vertraue auf euren langen Atem, den habe ich in Jahrtausenden mit euch geübt. Ich vertraue auf eure Wachsamkeit. Es reicht, wenn einige wachen und die anderen sich wecken lassen. Wechselt euch ab. Ich vertraue auf eure Phantasie, denn die habt ihr von mir. Im Übrigen vertraue ich auf Butterblumen, Roséwein und Entenküken und finde, dass es ein paar ausgezeichnete Serien gibt.“

„Du überraschst mich immer wieder“, murmele ich wie zu mir selbst, und mir fällt plötzlich auf, wie hell der Himmel an diesem Abend ist.

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Aufstehen

Ich färbe Eier und male in Goldbuchstaben ein A und ein O.

Ich hole grüne Zweige herein, den Teig knete ich für das Osterbrot. Ich habe Öl gekauft, es riecht nach Rosen, das geht unter die Haut. Ich kenne die Gesänge, angestimmt in einer fernen Welt und ohne Ende gesungen. Dies ist die Nacht.

Ich stehe auf und schleiche mich hinaus, bevor die anderen erwachen. Keine Ahnung, was ich erhoffe, aber der Morgen wird da sein, die Vögel werden da sein, und ich – ich werde auch da sein. Vielleicht begegne ich einem in weißen Kleidern, auch wenn das wahrhaft unwahrscheinlich ist. Aber Ostern ist sowieso nichts für Kopfrechner.

 

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Erinner dich: Brot, Wein, zusammen sein

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Ob Ostern wird

Ob Ostern wird, fragst du ängstlich,

und ich sage, natürlich wird Ostern.

 

Aber wer singt die Lieder,

wer bringt das Licht herein?

Wer steht auf, früh vor der Sonne,

wer segnet die Angst,

wer himmelt die Erde?

 

Du, sage ich, und ich.

Und die anderen

an ihren Küchentischen,

zwischen Legosteinen

und beim Melken der Kuh.

Bei der ersten Schicht in der Tankstelle,

nach unruhigem Traum im Krankenbett,

mit müden Augen am Taxistand.

Im Pausenraum morgens um vier,

zwischen Narzissen und Windrosen,

woimmer und überall.

 

Tägliche Texte schreibe ich gerade auf dem Lichtblick-Blog von Chrismon.

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Stubenhocker

Im Wohnzimmer sitzt ein Engel. Er sagt, er sei ein Stubenhocker. Endlich dürfe man das ohne schlechtes Gewissen sein. Kein Pilateskurs, kein Theater-Abo, der Lesezirkel fällt aus, ebenso der Esperanto-Kurs für Fortgeschrittene, es gibt einfach keine Freizeittermine mehr, die man einhalten muss. Er werde, sagt er, jetzt einfach hier sitzen und vielleicht etwas lesen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht werde er auch nur schauen. Draußen sei vor 20 Minuten eine Meise gelandet und habe geprüft, ob der Zweig trägt. Eine Wolke habe sich in ein Schaf verwandelt. Das Gras sei gewachsen, aber, wendet er ein, da müsse man schon sehr genau hinschauen. Er sieht mich erst mitleidig, dann aufmunternd an. Man könne das lernen, fügt er hinzu und fragt, ob ich mich zu ihm setzen wolle. 

Warum nicht, denke ich. Von einem Engel kann man bestimmt was lernen.

 

Übrigens: Ab morgen schreibe ich für Chrismon täglich einen "Lichtblick". Schaut vorbei!

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Always look on the bright side...

Was mir gerade gut tut:

 

Dinge ordnen. Küchenschrank. Wäsche. Bücher. 

Der Luxus, einfach jeden Tag mit einem Brötchen zu frühstücken. Um 11 Uhr. 

Blumen einpflanzen.

Ungelesene Bücher lesen.

Ausgiebiger an einem Text feilen als sonst.

Die plötzliche Ruhe genießen.

Der Stimme widerstehen, die raunt: Du darfst jetzt nicht genießen. 

Auch dem Aktivismus widerstehen, das ganze offline Leben online stattfinden lassen zu wollen.

Bärlauchpesto machen. 

Bärlauchpesto essen.

Atmen üben.

 

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Haus der Träume

Jakob kann nicht schlafen. Weil die Gedanken in seinem Kopf Hip-Hop tanzen und weil ihm der nächste Tag bevorsteht und ein Date, vor dem er Angst hat. Er steht auf und geht hinaus in die Nacht; ich stelle mir vor, wie er dasteht und in die Sterne guckt, sich eine Zigarette ansteckt und die Füße schneller kalt werden als der Rest.

Da wirft ihn etwas um. Ein Unbekannter reißt ihn zu Boden. Sie ringen miteinander, ich sehe sie kämpfen, keiner gewinnt, denn ums Gewinnen geht es nicht. Ich höre das Keuchen ihres Atems, keiner lässt los, keiner sagt: Lass uns reden. Die beiden ringen miteinander, bis das Morgenrot die Geister der Nacht vertreibt. Der Unbekannte versucht, sich loszureißen. „Ich lasse dich nicht gehen“, ruft Jakob, „gib mir erst deinen Segen.“ Er bekommt ihn, weil er darum gekämpft hat.

Die Geschichte ist uralt und sie ist meine Geschichte.

Ich will Jakob sein, der Gott den Segen abringt. Kein Ringelpiez, kein frommes Gerede, niemand sagt „zauberschön“. Aber es ist echt.

Jakob sagt, Gott sei manchmal zum Greifen nah.

Wohl eher handgreiflich, sage ich.

Das sei die andere Seite, sagt er. Wenn du nicht in einer Wattewelt leben willst. Kann sein, dass er dich umhaut.

 

                                                                                                                                 Weiterhören oder lesen: Haus der Träume im Deutschlandfunk

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Für Ferhat, Gökhan, Hamza, Said Nessar, Mercedes, Sedat, Kalojan, Fatih, Vili, Gabriele

 

 

 

eine Kerze brennt

etwas vergolden

während der Regen

gleichmäßig ans Fenster klopft

hass hat

nicht das letzte Wort

 

 

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Herrschaft

 

 

 

Heute Morgen zeigt der Himmel in Blau, dass es ihn noch gibt.

In einer Parallelwelt erklärt ein Papst, dass es Frauen schaden könne,

wenn sie Priesterinnen werden. Es muss sich um einen zweifelhaften 

Beruf handeln.  Auf Facebook feiert eine Pastorin ihr 42-jähriges Dienstjubiläum.

Sie sieht glücklich aus im Talar. Ihr Lippenstift passt zu ihrem Lachen.

Ich wende mich anderen Dingen zu und lese einen Text, in dem Adjektive

die Herrschaft übernehmen. Sie sind gerissen, weil sie vorgeben, freundlich zu sein.

Aber auch mit Freundlichkeit kann man Subjekte ersticken.

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Januarmorgen

Das Jahr ist nicht mehr ganz frisch. Es hat schon Moos angesetzt, kein Wunder bei dem ganzen Regen, der doch eigentlich Schnee sein sollte. Aber er richtet sich nicht nach mir, vielleicht fühlt er sich flüssig ganz wohl. Im neuen Jahr soll man sich verändern, überall Aufbruch, mir wird schwindelig davon. Ich finde, der Januar ist ein Monat, in dem man erstmal atmen kann. Bevor man losstürmt, wer weiß wohin. Ausatmen. Die Kaffeetasse sehen. Einatmen. Die Kontoauszüge taxieren. Einatmen. Einen Schluck Kaffee trinken. Ausatmen. Die leeren Stifte wegwerfen. Einatmen. Die E-Mails erst in zwei Stunden lesen. Ausatmen. An Harry, Meghan, den Sommerurlaub, das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, Wandfarbe, an nichts und alles denken. Einatmen. Nicht behaupten, dass das eine Meditationsübung sei. Ich schmiege mich in die Halskuhle des Januars und denke, wie weich doch Moos ist.

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Als der Weihnachtsmann auf dem Weg nach Hause ist

Als der Weihnachtsmann auf dem Weg nach Hause ist, trifft er die drei Fremden. Sie halten Pakete in den Händen. „Bisschen spät, Kollegen. Ich hab’ alles abgeliefert: Iphones, Krawatten, Legosteine. Ich sag’ euch: Mir reicht’s! Was habt ihr dabei?“ 

„Gold, Weihrauch und Myrrhe.“ 

Der Weihnachtsmann zieht eine Augenbraue hoch. „Das ist doch nicht euer Ernst! Gold, ja, das geht immer. Aber das andere Zeugs? Was soll man damit anfangen?!

Die drei Fremden lächeln. „Gold ist das Wertvollste, was wir haben“, sagt der erste.

„Weihrauch ist für das, was uns heilig ist“, ergänzt der Zweite. „Und Myrrhe heilt, wenn einer Schmerzen hat“, schließt der dritte. Der Weihnachtsmann seufzt. „Das könnte ich auch brauchen! Für meine Schultern. Dieser schwere Sack! Und innendrinn – wisst ihr, wie es bei mir innen drin aussieht? Daran denkt keiner! Für mich interessiert sich niemand. Alle wollen immer nur haben, haben, haben! Heimlich lachen sie über meinen Bart und dass ich so altmodisch bin. Manchmal glaube ich selber nicht mehr an mich!“ Die Fremden nicken verständnisvoll. „Wir glauben an dich“, sagen sie. „Komm doch mit uns!“ Der Weihnachtsmann guckt die drei traurig an. „Aber ich habe keine Geschenke mehr. Kein einziges!“ „Das macht nichts“, sagt der erste. „Es reicht, dass du da bist“, sagt der zweite. „Vielleicht beschenkt dich das Kind, das wir suchen“, sagt der dritte.

„Was kann so ein Kind denn schon zu geben haben?“ „Finde es heraus.“ Und so sind sie plötzlich zu viert und folgen dem Stern.

Viele schließen sich ihnen an.

 

 

Helle Tage, frohe Nächte und auf Wiedersehen im nächsten Jahr!

 

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Freunde

Die Eichhörnchen, meine Freunde

legen Nüsse in die Krippe

draußen der Schnee

warmer Atem

malt Wölkchen in den Stall

eine Nachtigall ist geblieben

sie singt

gegen die Kälte

in den Straßenschluchten der großen, 

weiten Welt

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Unterwegs

„Woher kommt ihr, wohin wollt ihr?“, fragt man uns.

„Wir haben den Stern gesehen. Er zeigt uns etwas, das ist größer als alles.“

„Was kann schon größer als alles sein?“

„Die Sehnsucht“, sagen wir. 

„Die Sehnsucht kann man nicht greifen.”

Wir widersprechen:

„Die Sehnsucht ist ein Kind, das beschützt werden will.

Die Sehnsucht ist nackt und sie schämt sich nicht.

Die Sehnsucht wartet, wo wir nichts erwarten.“

Draußen wartet die Nacht. 

Der Stern führt uns in die Weite. 

Hinaus aus der Stadt, auf die Felder. Der Weg verschwindet im Gras. 

Erschöpft lassen wir uns nieder.

Einer sammelt Holz.

Eine entzündet das Feuer.

Einer bläst in die Glut.

Wir schweigen lange. 

„Die Sehnsucht ist ein Kind, das beschützt werden will“, wiederholst du.

„Und wenn wir sie finden? Was sind wir bereit zu geben?“

Wir breiten unsere Gaben aus:

Weihrauch, weil die Sehnsucht das Heiligste ist, was wir haben.

Myrrhe, weil Sehnsucht manchmal schmerzhaft ist.

Gold, weil die Sehnsucht das Wertvollste ist.

Wir schauen ins Feuer.

Wir schweigen uns zusammen, bis wir einschlafen,

Schulter an Schulter.

 

Die Könige in der "Wohnzimmerkirche"

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Wild und frei

Wir sitzen im Boot und der Wind zaust die Bäume. Der Himmel ist so blau. In diesem Moment bist du da. Ich könnte dich niemandem erklären, wollte es auch gar nicht. Ich habe keinen Namen für dich und erst recht kein Bild. Manchmal tauchst du mit einer Wucht in meine Gegenwart, die mich wanken lässt. Ich halte das Paddel still und mein Gesicht in deine Richtung. Das Wasser schwappt gegen den Bug und wir wippen zusammen auf den Wellen. Ich höre das Glucksen, sonst nichts. 

Wir reden nicht, ohnehin reden wir selten. Worte sind zwischen uns eher eine Krücke. Ich brauche sie, wenn es mir schlecht geht. Dann rufe ich dich, dann sage ich „lieber Gott“, in Ermangelung einer anderen, einer besseren Anrede. Aber vielleicht ist sie auch gar nicht schlecht, sie drückt Nähe aus und etwas Zärtliches. Anders kann ich dich nicht denken, weil ich dich anders nicht erlebe. Wenn du fern bist, sehne ich mich nach dieser Nähe. 

Ich habe Gebete gelernt. Liebergottmachmichfrommdassichindenhimmelkomm war mein erstes. Es fühlt sich nach Daunenbett an und riecht ein wenig nach Mottenkugeln. Damals holte Oma dich dazu, wenn sie kam und mir Gute Nacht sagte. Ich hatte keine Ahnung, wer du bist, aber Oma schien es zu wissen und das reichte. Sie holte dich, damit ich besser schlafen konnte und vielleicht auch, damit der Marder mir weniger Angst machte. Ich lernte dich also im Bett kennen. Kann sein, dass das unsere Beziehung prägt. 

Später lernte ich mein erstes Erwachsenengebet. Vaterunser murmelten alle zusammen, das klang ernst, und wenn es gut lief, auch feierlich. Alle konnten es, nur ich musste es erst lernen. Ich fühlte mich wie eine Nachzüglerin, als hätte ich die ersten Jahre geschwänzt, hätte zuviel in den Wiesen gespielt, Frösche gejagt und Blaubeeren gepflückt, während die anderen in der Kirche saßen. Ich hörte, dass dieses Gebet wichtig sei, weil es alle schon immer beten. Alle sind eine ziemlich große Menge, dagegen kann man nicht an. Also murmelte ich mit. Am besten gefiel mir die Zeile von der Kraft und der Herrlichkeit in Ewigkeit; nicht, weil es die letzte war, sondern, weil sie wie ein Zauber klang. Wie eine Beschwörungsformel, der ich mich auch heute nicht entziehen kann und du dich ja vielleicht auch nicht. Ich lasse mich gern von dir verzaubern. 

Dann kamen die anderen, die sogenannten freien Gebete. Sie haben keinen Reim und keinen Rhythmus, man sagt einfach, was einem gerade einfällt. Meistens sind es Dinge, die du tun sollst. Vorher bedankt man sich für irgendetwas, ich nehme an, es handelt sich dabei um einen Akt der Höflichkeit. Sie werden laut gesprochen, andere hören, was ich dir sage, das war mir immer schon ein bisschen peinlich (und dass es mir peinlich ist, ist mir auch peinlich.) Vielleicht geht es dir ähnlich. Jedenfalls traf ich dich bei diesen Gebeten nur selten, meistens wartetest du draußen. Ob du nicht reinkommen willst, habe ich gefragt, aber du hast nur den Kopf geschüttelt und mir ein paar Kirschen entgegengehalten. Weil du mich kennst. Weil du weißt, dass ich lieber mit dir Kirschen esse, als die Worte da drinnen zu schlucken, die immer ein bisschen nach Gebrauchsanleitung klingen. Tu dies, tu das, denk an jenes. Sie flirten nicht, sie verhandeln, aber das vertraue ich nur dir an, weil ich ahne, dass nicht jeder versteht, was ich meine. 

Dass du mich verstehst, daran glaube ich. Weil wir zusammen durch die Felder gestreift sind. Haben Ähren gerauft und uns Weizenkörner auf die Zunge gelegt und Worte, an denen wir uns nicht die Zähne ausgebissen haben. Wir haben zusammen an Papas Grab gestanden, ich glaube, du hast geweint. In der Nacht haben wir mit den anderen zur Gitarre gesungen, der Mond schien, und ich dachte, wie schön du singst. Wir haben getanzt bis in den Morgen, Schweiß glänzte auf unserer Haut. Zusammen haben wir Weihrauch gerochen und Leuchtalgen durch die Hände gleiten lassen. Wir haben unterm Nordlicht gestanden, Träumende gesehen und nicht aufgehört zu staunen.

Du bist wild und zärtlich und unendlich frei. Damit lockst du mich. Du holst mich hinaus ins Weite. Meine Sprache endet bei dir. Du bist nicht Vater und nicht Mutter für mich. Du bist kein „Er“, du bist nicht „Sie“ und schon gar nicht bist du „Es“. Du bist jenseits aller Definitionen. Du bist. Unsere Schultern berühren sich manchmal, dann lehne ich mich hin zu dir und bewege mich nicht, solange der Moment dauert. Ich liebe ihn. Ich will ihn festhalten. Ich will dich festhalten, will mein Zelt aufschlagen für uns, will aus dem jetzt ein ewig machen. Ich musste lernen, dass du dich nicht festhalten lässt. Darin bist du eindeutig. Ich habe dich nicht in der Hand. Aber du kommst wieder. Darauf vertraue ich, ich vertraue darauf, dass wir zueinander gehören, ohne uns ständig unseres Daseins versichern zu müssen.

Manchmal rufe ich dich. Flüstere in der Nacht mit lautloser Stimme deinen Namen. Sage dir ein paar Sätze, Geheimnisse oft. Du bist der einzige, dem ich sie alle anvertraue. Meistens schlafe ich darüber ein und dann bis ich doch wieder im Daunenbett. Ich schlafe gern in deiner Gegenwart.

Wie andere mit dir reden, weiß ich nicht. Wahrscheinlich treffen sie dich an anderen Orten, in Kirchen oder Hörsälen, an Tankstellen oder Krankenbetten, beim Stricken oder Bingospielen. Ich weiß, dass du auch da bist, wo ich nicht bin. Dass du an Orten bist, die mir fremd sind. Wo du mir fremd bist. Das ist gut so. 

Ich könnte mich sonst zu sehr an dich gewöhnen.

 

in: Andere Zeiten 3/2019, Buß- und Bettag

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Mauern stürzen

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, einander zu lieben.

Weil Liebe kein Gefühl ist, sondern eine Fähigkeit.

Weil Liebe süßer ist als Milch und Honig.

 

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, zu hoffen.

Weil Hoffnung keine Garantieleistung ist, sondern eine Verheißung.

Vielleicht wird es ganz anders als wir denken.

Vielleicht werden wir ganz anders als wir denken.

 

Der Himmel ist hier.


Wenn wir ihn hier nicht finden, finden wir ihn nirgendwo.


Ich glaube daran, dass wir träumen können.

Weil ein Traum immer der Anfang ist.


Lasst uns zusammen träumen von uns


Die wir sind


Und die wir sein werden


 

Wir sind ein Volk. 

Der Himmel ist: hier 

 

Wohnzimmerkirche am 8. November "Wenn Träume Mauern stürzen". 

 

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Mio sieht was

 

Mio kann Angst sehen. Angst ist orange, ein grelles, beißendes Orange. Mio sieht, wie Schnecken lachen. Er sieht auch, wie sein Kaktus auf der Fensterbank wächst. In einer Nacht im Oktober sieht Mio Gott, vielleicht träumt er auch, da ist er nicht ganz sicher. 

„Das macht keinen Unterschied“, sagt Gott, der einen Hut trägt und das wundert Mio, weil er sich Gott ganz anders vorgestellt hat.

„Das meiste, was man sich vorstellt, ist am Ende ganz anders“, gibt Gott zu bedenken und Mio findet, dass das auch wieder wahr ist. 

„Was willst du?“, fragt Mio.

„Dich“, sagt Gott.

Da ist Mio erstmal sprachlos, weil ihm das so direkt noch keiner gesagt hat. Sein Chef nicht, Merle nicht, nicht mal seine Mutter. Meistens ist es kompliziert, weil es meistens ein Aber gibt. 

„Ich habe dich ausgesucht“, sagt Gott.

„Wann?“, fragt Mio, weil er nichts davon bemerkt hat.

„Schon lange. Schon immer. Schon länger als immer.“

Jetzt würde Mio gern wissen, wofür Gott ihn ausgesucht hat. Aber er scheut sich, zu fragen. Wer weiß, was dann kommt. Wer weiß, ob er das will.

Dann fragt er doch. „Wofür?“

„Du sollst die Welt retten.“

Mio reißt die Augen auf. „Geht’s nicht eine Nummer kleiner?“

„Nein“, sagt Gott. „Bedaure.“

Mio sieht, dass er es ernst meint. Trotz des Hutes.

„Das kann ich nicht!“, ruft Mio. „Wer sollte denn auf mich hören? Ich bin zu jung. Sogar Merle sagt, ich bin sonderbar. Ich kann nicht reden. Jedenfalls verhaspele ich mich an den wichtigen Stellen. Ich habe keine Ahnung, wie man eine Krawatte bindet. Hast du mal geguckt, wie es aussieht da draußen? Die Trumpserdogansvaterlandsverteidigerdieplatzhirschediemeinmöchtegernpanzerdieichzuerst-dielügenpresseerfinderdiehauptsachekohlemacherdie– hast du die gesehen?“

„Darum ja", sagt Gott. "Einer muss ihnen sagen, dass es so nicht geht.“

„Aber nicht ich!“

„Doch!“

„Nein!“

Das Schweigen, das jetzt folgt, ist ein bisschen unangenehm. Die Luft ist orange.

„Hab keine Angst“, sagt Gott. „Ich bin ja bei dir.“

Mio atmet drei Mal ein und wieder aus. Dann atmet er ein viertes Mal. 

„Was siehst du?“, fragt Gott.

„Ich sehe die Nacht, den Schatten der Lampe, ich sehe deinen sonderbaren Hut, ich sehe eine leere Flasche Bier, den Kaktus und dass ich morgen sehr müde sein werde.“

„Sieh darüber hinaus. Was siehst du?“

Mio schluckt. „Ich sehe eine Welt, die tobt. Ich sehe ein Fass, das überläuft. Ich sehe einen brodelnden Kessel. Ich sehe Risse in der Fassade. Ich sehe Zeit, die abläuft. Ihre Füße sind wund. Ich sehe eine Axt im Wald. Ich sehe Menschen, die aufs Kreuz gelegt werden. Ich sehe Asche auf den Häuptern.“

„Ja“, sagt Gott. „Was siehst du noch?“

„Ich sehe einen Zweig, der blüht. Ich sehe Menschen, die tropfenweise das Feuer löschen. Ich sehe Liebende, die sich an einen Strohhalm festhalten. Ich sehe, wie einer eine Lanze bricht. Ich sehe einen Knoten, der sich löst. Ich sehe, Karten, die offen liegen. Ich sehe eine Schwalbe, sie bringt den Sommer. Sie bringt Freiheit. Sie bringt Alletagefrieden. Sie bringt Glück. Es nistet sich ein, überall, wo jemand das Herz öffnet.“

„Ja“, sagt Gott. „Erzähl davon. Vertrau dem, was du siehst.“

„Aber…“, sagt Mio.

Da berührt Gott Mios Lippen, das fühlt sich an wie ein Kuss und Gott legt Worte in Mios Mund, alle Worte, die man braucht. 

Ein Aber ist nicht dabei.

 

(Steht so oder so ähnlich bei Jeremia 1.)

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Was ich gern höre

Stille

die Nationalhymne nachts im Deutschlandfunk

die Europahymne, anschließend

Ich liebe dich

Ungesagtes

die Worte zwischen den Zeilen

meinen Namen

Kirchenglocken

den Ruf des Muezzin, wenn die Nacht weicht

das Gurgeln eines Baches

das Ping einer WhatsApp

Cellomusik

den Eröffnungstango der Nordischen Filmtage

das Knistern alter Schallplatten

Nebelhörner

 

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Hallo Eva,

du bist die Mutter der Neugier. Du willst Erkenntnis. Manche nennen das Sünde.

Ich glaube, sie nehmen dir übel, dass du sie aus ihrem kleinen Paradies vertrieben hast, in dem alles zusammenpasst und es keine Zwischentöne gibt. Zwischentöne sind ihnen unheimlich. Wie, wenn man es nachts im Wald knacken und wispern hört und nicht weiß, ob das Tier, das da ruft, gefährlich ist. 

Schlangen können gefährlich sein. Ich bin bisher nur auf Ringelnattern und Blindschleichen getroffen. Die tun nichts. 

Im Paradies gab es gefährlichere Schlangen. Eigenartig oder?

Ich nehme dir nichts übel. Bei mir brauchst du dich nicht zu entschuldigen. Ich glaube auch nicht, dass du naiv warst. Oder leicht verführbar. Womöglich hattest du einfach ein großes Grundvertrauen. Du hast den Worten der Schlange geglaubt, ihren Argumenten, mit denen sie ja gar nicht falsch lag. Deine Neugier eröffnete einen neuen Horizont, der weiter ist als ein Kindheitsparadies. Du gabst die Sicherheit eines begrenzten Raums zugunsten der Freiheit auf. Ich hätte es genauso gemacht. 

Ich weiß nicht, wie es sich im Paradies lebt, aber auf der Erde gefällt es mir gut. Ich trage deine Kleider auf, jene, die Gott euch damals gab, weil das Leben hier draußen manchmal ruppig und kalt sein kann. Sie halten immer noch warm. 

Mit deinem Wunsch nach Erkenntnis hast du eine Bewegung ausgelöst. So viele Menschen folgen dir. Sie stellen Fragen und suchen Antworten. Sie versuchen, Gut und Böse zu scheiden. Sie bauen hier auf der Erde am Himmel nach den Plänen deiner Erinnerung. Ich gehöre dazu.

Du hattest Mut, Gott kurz den Rücken zu kehren. Ich glaube, du wusstest, er wird nicht verschwinden, wenn du woanders hinguckst. Wenn du die Welt entdeckst. Gott ist gut darin, Rücken zu stärken. 

 

Viele Grüße von unterwegs, deine S.

 

(aus: Was machen Tagträumer nachts?)

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Wieder anfangen

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Lebenszeichen

Spiel

Die Erde ist rund, weil man mit runden Dingen besser jonglieren kann. Ich glaube, Gott ist ein Jongleur, ein ziemlich guter noch dazu. 

Ich habe es auch schon probiert und übe noch. Mir gefällt der Gedanke, niemanden fallen zu lassen. 

 

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Draußen

 

Ich mit dir 

In einem Boot

 

Du zaust die Bäume

Schickst Adler los

Und waghalsige Träume

 

Wir schlafen Haut an Haut

Nur eine Zeltwandweit getrennt

 

Ich werfe meine Netze aus

Angle nach dem Unerreichbaren

Mit Geduld

 

Du lehrst mich barfuß zu vertrauen

Mein Herz ist eine begierige Schülerin

 

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Fragen des Tages

1. Fühlt sich das Glück bei dir wohl?

2. Was hält dich wach?
3. Ist die Inspiration eine Diva?

4. Was hilft?

5. Was verschenkst du?

6. Wann ist das Bekenntnis zu Schwäche eine Ausrede?

7. Könnte Schlaf eine Lösung sein?

8. Willst du das wirklich oder freust du dich nur, gefragt zu werden?

9. Wie schnell muss dein Herz klopfen, damit du dich einlässt? 

 

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Himmelfahrt für alle Tage

Der Himmel ist anders als du denkst.

Der Himmel ist ein Feld, das darauf wartet, bestellt zu werden.

Der Himmel ist eine Wolldecke. Keiner kriegt kalte Füße.

Der Himmel ist ein Augenblick. Nur die Wachen sehen ihn. 

Der Himmel ist ein Apfelkuchen. Jeder gibt ein Stück.

Der Himmel ist ein Sack voll Lose, und jedes ist der Hauptgewinn. 

Der Himmel ist ein Hase, den der Schuss des Jägers nicht erwischt.

Der Himmel ist ein Kopfstand. Nur die Mutigen wagen ihn. 

Der Himmel ist ein Gegenüber, das zum Miteinander wird. 

Der Himmel ist ein Gedicht, und du bist der Reim.

Der Himmel ist ein Engel, der an den Himmel erinnert.

Der Himmel ist die Möglichkeit: Nach oben offen.

 

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Liebes Europa,

 

wenn ich dir schreibe, dann schreibe ich 500 Millionen Menschen. Das ist nicht so leicht, weil ich nicht alle dieser Menschen kenne, nicht mal auf einen Kaffee. Ehrlich gesagt, glaube ich auch, ich würde nicht alle mögen. Wahrscheinlich würde es bei so einem Kaffeetrinken ziemlich schnell Streit geben. Spätestens, wenn wir bei der Politik ankommen, würde es laut. Das kenne ich schon von den Weihnachtsfeiern meiner Kindheit. Und da saßen gerade mal zwei Dutzend Menschen an einem Tisch. Trotzdem haben wir uns jedes Mal wiedergetroffen. Verrückt, nicht?

 

Was auch verrückt ist: Ich finde dich wunderbar. Den finnischen Eigenbrötler oben in Karelien, die französische Bäckerin, mit der ich nur radebrechen kann, auch die Zyprioten, von denen ich noch nie einen getroffen habe, möchte ich nicht missen. Sind halt wie entfernte Cousinen, die kennt man auch nicht alle. Und weißt du, was das erstaunliche ist? Trotz aller Unterschiede raufen wir uns, so lange ich lebe, immer wieder zusammen. Das macht Familie aus. Man muss nicht jeden liebhaben. Aber nur, weil man einen nicht mag, das ganze aufs Spiel setzen?

 

Liebes Europa, manchmal bist du wie eine pingelige Tante. Dann nervst du mit deinen Vorschriften und Bestimmungen. Aber im Herzen bist du eine Romantikerin. Das sieht man schon an deinen verspielten Sternchen. Du bringst Kanelbullar und belgische Pommes auf den Tisch, griechischen Joghurt, Dresdner Eierschecke und polnische Piroggen. Genug für alle, das Teilen üben wir noch. 

Ich bin auch Romantikerin. Das ist nicht das Schlechteste: Wenn Liebe im Spiel ist, ist man eher bereit, zu ringen. Nicht aufzugeben, nur weil es mal nicht so gut läuft.

 

Und deshalb, liebes Europa, halt durch. Ich bin auf deiner Seite.

 

Deine Susanne

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Theologie der verständlichen Worte

 

 

Ich liebe dich.

 

 

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(Keine) Randnotiz

Wir fahren über die Grenze, die keine Grenze mehr ist. Die Bäume gleichen sich, aber im Hotel gibt es Schokostreusel zum Frühstück. 

Abends löffeln wir unsere Suppe; 16 Deutsche an einem Tisch, an den Nachbartischen Niederländer. Alle legen um Punkt acht ihr Besteck zur Seite und schlucken: Stille im ganzen Land. Zwei Minuten Gedenken der niederländischen Opfer im Krieg. 

Was für eine Gnade, denke ich, dass wir das zusammen tun können. Opa hat das Land besetzt, und ich bekomme Tomatensuppe.

Das ist Frieden. Wie dankbar ich dafür bin.

 

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Aufstand

                        Als Klappkarte auf editionahoi

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Vor Ostern

In diesen Nächten

rufst du mich hinaus

In diesen Nächten

schläft die Eule

und der Dämon ruht

In diesen Nächten

wehen die jungen

Buchenblätter

und die Luft schmeckt

nach Werden

 

 

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Scheiter heiter!

Sterben kann jeder. Es ist nichts Besonderes, da nützt auch kein Mahagonisarg, kein Staatsbegräbnis, kein weises letztes Wort. Der Tod ist ein Totalversagen. Und ein Gott, der stirbt – naja. Jedenfalls ist er kein Held.

Ich bin auch keine Heldin.

In der vierten Klasse sollten wir unser Lieblingsbuch mitbringen. Stolz legte ich einen Band Donald Duck auf den Tisch. Ob ich denn nichts anderes lese, fragte meine Lehrerin säuerlich. Doch, stammelte ich, was eine glatte Lüge war. Anderes begann ich erst später zu lesen. Donald, Dagobert, Tick, Trick und Track blieb ich trotzdem treu. (...)

Donald ist mein Held, eben weil er kein Held bist. Er ist die menschlichste aller Enten. In ihm finde ich mich wieder, irgendwo zwischen Kleinmut und Größenwahn. Seine Übertreibungen lehren mich Selbstironie. Ständig stolpert Donald über seine kurzen Beine und seine eigenen Ideale. Er ist cholerisch, lächerlich, gewöhnlich. Keine seiner Fähigkeiten ist besonders ausgeprägt. Donald weiß, was Sinnkrisen sind. Er weiß, wie es ist, „ein Niemand, der allernichtigste Niemand in ganz Entenhausen“ zu sein. Ach Donald, du wirst es nie zu etwas Großem bringen. Dennoch lässt du dich nicht unterkriegen: „Heut morgen ist mir die Zunge in den Rührfix gekommen, gestern Abend ist mir das Seifenpulver in die Rühreier gefallen und vorgestern ... na ja!“

Trotzdem gibt er nicht auf. Donald ist ein Stehaufmännchen.

Jesus auch.

Die Verehrung eines Gekreuzigten hat dem Christentum viel Spott eingebracht. Die erste bildliche Darstellung ist ein römisches Graffito aus dem 2. Jahrhundert. Es stellt einen gekreuzigten Esel dar, versehen mit der Unterschrift: „Alexamenos betet seinen Gott an“. Götter hatten glorreich zu sein. Helden eben. Und nun tauchte einer auf, der durch die schändlichste aller Todesstrafen starb. Nur Nichtrömer und Sklaven durften gekreuzigt werden. Warum sollte man an so einen Gott glauben? Warum sollte man einem Gott vertrauen, der in seiner Mission scheitert? Der jämmerlich und hilflos ausgeliefert ist? Ein Gott, der aufs Kreuz gelegt wird?

Im Laufe der Jahrhunderte haben viele Künstler versucht, die Sache geradezubiegen. Sie haben Jesus am Kreuz einen schönen Körper gegeben. Manchmal hat er ein Sixpack, Bauchmuskeln von denen andere träumen. Aber auch, wenn sein Körper ausgemergelt ist, bleibt er ästhetisch. Scheitern ist okay, solange es nicht zu unappetitlich aussieht. Wer will sich schon Sonntag für Sonntag einen Verlierer anschauen? Das wäre eine Zumutung.

Ich glaube, genau das ist es auch. Ein jämmerlicher Gott ist eine Zumutung, weil er in Abgründe zieht. Er zeigt, was Menschsein heißt. Wir sind keine Helden. Wir sind Scheiternde, mal verschuldet und mal unverschuldet. Mal alltäglich und mal existenziell. Mal brennen die Bratkartoffeln an und mal geht eine Beziehung in die Brüche. Immer bleibt Gott an unserer Seite...

 

gesendet in: Deutschlandfunk, Am Sonntagmorgen. Den ganzen Text zum Hören oder Lesen gibt es hier.

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Liebe Höflichkeit,

 

Sei ehrlich: Ehrlichkeit ist nicht deine Stärke. Du willst nicht authentisch sein. Über dein „wahres Ich“ denkst du nicht nach. Du nimmst dir nicht die Freiheit, jemanden zu mögen oder nicht zu mögen und ob dir eine Begegnung etwas bringt, ist keine Frage für dich. Du bist selbstlos. Im wahrsten Sinn des Wortes. Du berechnest nicht und rechnest dich nicht. Du dienst. Ziemlich altmodisch. Wahrscheinlich wurde dir schon oft geraten, mehr auf dich zu achten. Gefühle zu zeigen. Jemanden abzuweisen. Aber das tust du nicht. Du behandelst alle gleich. Du wünscht jedem einen Guten Morgen und sagst „angenehm“ auch dann, wenn dir der vorgestellte Herr Kunzelmann gar nicht angenehm erscheint. 

Das liebe ich an dir. Deinen Großmut. Du baust ein Gerüst, das stabil bleibt, auch wenn Sympathie und Frieden, Geduld und Verständnis wanken. Du erinnerst daran, dass jeder ein Mensch ist. Und darin, vielleicht nur darin, sind alle gleich. Du hältst auch einem Betrüger die Tür auf. Einem Heiratsschwindler wünschst du Gesundheit und selbst deine Antwort auf den übelsten Hetzbrief beginnst du mit „Sehr geehrte“. Du hältst Maß, wo ich mich nicht mehr mäßigen kann. Du gibst meinen Inhalten eine Form. Dabei redest du mir meinen Zorn nicht aus. Du leihst ihm nur deinen Mantel. 

Ich ahne, dass du manchmal aufgeben willst. Dass du dich fremd und unerwünscht fühlst. Dass du dich in schlaflosen Nächten fragst, ob jene nicht doch Recht haben, die behaupten, du seist überflüssig, ein Relikt vergangener Zeit. Lass dir das nicht einreden. Ich glaube an dich. Wir brauchen dich, wenn wir uns nicht zerfleischen wollen.

Halt durch!

 

Deine S.

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Vor dem Aufbruch

 

 

Auf dem Rollfeld warten Schmetterlinge. Das Licht ist sehr hell, wie auf einem Polaroid, das einem gewöhnlichen Ort etwas Unwirkliches gibt. Wind kommt auf. Er treibt Staub vor sich her. Die Flügel der Schmetterlinge zittern. Die Stille rauscht in meinem Ohr. Wenn das ein Traum wäre, würde jetzt etwas geschehen, ein Dinosaurier würde auftauchen oder ein Popcornverkäufer oder die Passagiere würden an Gate 6 gebeten. Daran, das nichts passiert, merke ich: dies ist kein Traum. Die Schmetterlinge warten. Ich warte. Wenn sie aufflögen, denke ich, würde der Himmel eine Blumenwiese. Dann würde ich aufbrechen. Ich versuche, nicht zu blinzeln, um den Augenblick nicht zu verpassen.

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Bedienungsanleitung

Manchmal wäre eine Bedienungsanleitung für Menschen hilfreich. Wie tickt eine? Welche Schwachstellen hat er, wo ist Vorsicht geboten? Ivar Kroghrud hat genau das gemacht. Er ist einer der erfolgreichsten Gründer und IT-Unternehmer Norwegens und hat eine Bedienungsanleitung für sich selbst geschrieben. Super Idee, finde ich. 

 

Bedienungsanleitung für MICH

 

Morgens ab 6 Uhr betriebsbereit, bei ausreichendem Schlaf auch früher.

Ab 22.30 Uhr in den Ruhemodus fahren, in Ausnahmefällen ist eine längere Betriebsdauer möglich.

Bitte vor Lärm und großer Hitze schützen, Feuchtigkeit fügt keinen Schaden zu (Regenschutz ist vorhanden).

Kann standardmäßig reden, schreiben, Kürbiscurry kochen und ein Zelt aufbauen. Selbstlernend, Erweiterung der Fähigkeiten möglich. 

Nicht kompatibel mit Großmäulern und Duckmäusern. 

Bei Störungen gern nach Ursachen fragen.

Gutes Zureden kann hilfreich sein.

Regelmäßige Gaben von Pfefferminzschokolade erhöhen die Zufriedenheit.

Grundeinstellung: Zuversicht.

Bei plötzlich auftretender Antriebslosigkeit bitte einschicken an: Nordseeinsel Spiekeroog, Düne 3.

 

in: Wandeln. Mein Fastenwegweiser 2019, Andere Zeiten

 

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Momentaufnahme

 

 

 

 

 

 

 

 

außen

sonne innen

ist es wild

smarties auf holz wie

doppelpunkte

                                   Schreibwerkstatt mit Elfchen

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Ahoi! Alaaf! Helau!

Füße hoch!

Wisst ihr, was Luxus ist? Vergesst teure Autos und Schnürsenkel aus Schlangenleder. Ob das Schnitzel in Blattgold gewickelt ist, ist mir schnuppe. Ich brauche kein Privatjet, weil ich sowieso nicht gern fliege. Verliebt sein kann man genauso gut im Bus und bei Liebeskummer hilft auch keine Limousine. 5-Sterne-Hotels lassen mich kalt, meinen Urlaub verbringe ich am liebsten im Zelt, allerdings einem, das dichthält, das ist auch schon ein Luxus. Aber den meine ich nicht. 

Luxus ist ein Mittagsschlaf. Sich am helllichten Tag aufs Sofa zu legen und sanft davongetragen zu werden in einen Zustand zwischen Wachsein und Traum. Sich nicht gemeint fühlen von den Alltagsgeräuschen, sondern selig schlummern. Schon das Wort „schlummern“ erzählt von der Süße dieses Zustandes. Wer schlummert schläft nicht, wer schlummert trägt keinen Pyjama, wer schlummert, schlüpft nur kurz aus dem Getriebe des Alltags hinaus. 

Als ich Kind war, schlossen die meisten Läden um 12 Uhr 30, die Welt roch nach Erbseneintopf und Blumenkohl, und im Treppenhaus musste man jetzt leise sein. Wehe, wer es wagte, eine Tür zu knallen. Bis 15 Uhr war Mittagsruhe, sehr zum Leidwesen der Kinder. Wir schlichen auf Zehenspitzen durch die Wohnung, wussten nichts mit uns anzufangen und niemand war da, der uns bespaßt hätte. Der Vater meiner besten Freundin kam mittags nach Hause, aß zügig, um sich dann zwanzig Minuten aufs Sofa zu legen. Anschließend fuhr er zurück an seinen Schreibtisch. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, was daran erstrebenswert sein sollte. Manche Genüsse lernt man eben erst mit dem Alter zu schätzen: Bitterschokolade, Pampelmusen, Sonntagsspaziergänge, geputzte Schuhe. Und den Mittagsschlaf. Sich ausklinken. Die Füße hochlegen. Nicht ansprechbar sein. Mitten am Tag das Tagwerk unterbrechen.

Das ist Luxus. Es ist auch ein Akt der Unverfügbarkeit, und ich glaube, solche Momente brauchen wir immer nötiger. Sie sind Lücken, durch die das Unvorhersehbare schlüpft. Entspannung und Ruhe sowieso, auch Freiheit jenseits der Betriebsamkeit und der Unabkömmlichkeit, eine Freiheit jenseits der persönlichen Produktivität. Es ist, als würde man eine dieser alten Schultafeln wischen, vollgeschrieben mit Formeln, Gedanken, Notizen, bevor die nächste Stunde beginnt. 

Jede dritte Frau und jeder vierte Mann würden Umfragen zufolge gerne Mittagsschlaf halten, wenn es denn möglich wäre. So wird der „Powernap“ zumindest in Zeitschriften gepriesen – aber Powernap: Das klingt ja schon wieder nach Anstrengung und Leistung, so, als müsste ich für meinen Mittagsschlaf Laufschuhe anziehen. Den meisten bleibt die Sache irgendwie peinlich: Ein Mensch, der tagsüber schläft – und das auch noch öffentlich – kann doch eigentlich nur ein Faulpelz sein. Es müsste viel mehr Sofas, Bänke, Hängematten, Ohrensessel, Liegen, Kissen geben und Mutige, die sie benutzen. Handy stumm, Augen zu, Kopf in den Standbymodus. Ein Traum!

 

So geht’s:

„Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und bis tief in die Nacht arbeitet und das Brot der Mühsal esst. Den Seinen gibt es Gott im Schlaf.“ Psalm 127,2

 

in: Welt der Frauen 3/2019

 

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Erleuchtung

Als ich gestern in der Kirche saß, schien die Morgensonne in mein Gesicht. Ich roch den leichten Cremegeruch auf meiner Haut, während ich sang. Alles war hell und freundlich. Die Kerzen flackerten in der Sonne, was für ein Überfluss an Licht. Plötzlich fühlte ich mich genau richtig. Nichts zwickte, kein Gedanke stellte sich quer. Und ich dachte: Wie oft passiert das eigentlich, dass alles passt; dass du dich dort, wo du bist, gerade richtig fühlst?

 

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Jagen

Gott streifte durch die Welt, ein irrer Zickzackkurs von Trondheim nach Aserbaidschan, vom Après-Ski in die Stille der Klöster,

in U-Bahnen, auf Feldwegen, zu den Stränden der Seychellen.

Ich konnte ihm nicht folgen, eine Weile versuchte ich es, immer außer Atem, das war kein Leben. 

Eines Tages stand ich traurig am Gleis, ich denke, es war ein Mittwoch. Eine Taube jagte einer störrischen Pommes hinterher,

und ich gab auf.

Ich stieg in die nächste Bahn und fuhr nach Hause. 

Die Leere dort ängstigte mich. Doch nach ein paar Tagen lag die erste Ansichtskarte im Briefkasten.

Palmen waren darauf zu sehen, es folgten Gipfelkreuze, Lavendelfelder.

Und innige Grüße, immer innige Grüße.

 

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Nimm die Härte von deiner Stirn

Nimm die Härte von deiner Stirn. Sag "Ich weiß nicht" auch wenn das schwer auszuhalten ist. Denk trotzdem weiter. Weich sein heißt nicht, schwach zu sein. Erinnere dich, was deine Großmutter dir beigebracht hat oder der Religionslehrer oder vielleicht hast du es auch in einem dieser Lebensratgeber gelesen: Liebe deinen Nächsten, und wenn du nicht lieben kannst, dann begegne jedem Menschen wenigstens mit Respekt. Weil alles, was du denkst und fühlst auch auf dich zurückfällt. Dein Zorn und dein Hass trifft nicht nur die anderen, er lässt auch dich selbst nicht kalt. Lass dich von ihm nicht zerfressen. 

Du bist ein freundlicher Mensch, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt. Lach der Enttäuschung ins Gesicht. Vielleicht heitert sie das auf. Die Gute hat es schließlich auch nicht leicht. Sei nachsichtig. Mit dir und mit den anderen, nicht immer, aber immer wieder. 

Hör nicht auf, daran zu glauben, dass jeder sein Bestes versucht. Manche scheitern öfter. Verständnis zu haben, heißt noch lange nicht, alles gutzuheißen. Gib die Suche nach der Wahrheit nicht auf. Glaub nicht jeder Schlagzeile, die Welt lässt sich nicht in schwarz und weiß aufteilen. Nicht mal du selbst bist schwarz oder weiß. 

Lerne mit dem Zwiespalt zu leben. Nimm dich an, wie Gott es schon tut.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2:  hier zum Hören

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Was machen Tagträumer nachts?

Was machen Tagträumer nachts? Warum scheint der Hinweg immer weiter als der Rückweg? Fürchtet die Dunkelheit das Licht oder sehnt sie sich danach? Wie heißt das Tuwort von Frieden? Wäre es eine Befreiung, unfrei zu sein, weil wir dann aller Entscheidungen enthoben wären? Der wievielte Tropfen macht aus einer Pfütze einen See? 

Wisst ihr noch, wie es sich anfühlte, als das Leben aus tausend Fragen bestand? Als unsere Kinderaugen die Welt entdeckten? Dann wurden wir groß, fingen an, über Steuererklärungen und Mülltrennung nachzudenken und die Fragen verschwanden. Aber vielleicht sind es gar nicht die Fragen, die nicht mehr da sind, sondern unser Kinderherz, das verschwunden ist. Das neugierig die Welt betrachtet und noch alle Antworten für möglich hält.  Suchende sollen wir sein, nicht Sichere. Lasst uns die Welt staunender verlassen, als wir sie betreten haben. Bleibt dem Geheimnis auf der Spur, nicht jedem Nachrichtenschnipsel. Folgt den Fragen und nicht den Antworten, die verführerisch und leicht verdaulich ins Netz locken. Lasst euch nicht einfangen. Taucht tiefer. Gott hat die Sehnsucht in unser Herz gelegt, nicht die Sicherheit.

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Im Januar

Im Januar fühle ich mich wie aus dem Nest geworfen. Zu früh, unvorbereitet, draußen wird es noch immer vor Abend dunkel, keine Blume wagt sich ans Licht, nur ich soll voller Tatendrang einen neues Jahr beginnen, 5 Kilo abnehmen, ein Buch schreiben, für den nächsten Halbmarathon trainieren (weil das jetzt alle tun), tanzen, zeichnen oder das Badezimmer streichen, während die Räume merkwürdig kahl aussehen, so ohne Lichterketten und Kerzenschein. Der Weihnachtsbaum liegt im Rinnstein, keine Sentimentalitäten. Das Leben geht weiter, fast forward. Dabei fühle ich mich im Winterschlafmodus, die Welt kann gern im März wieder anklopfen. Bis dahin würde ich gern einschneien, nicht so dramatisch, wie im Süden, gerade nur soviel, dass alles still und gedämpft ist und angenehm hell. Januartage machen keinen Lärm. Von Natur aus nicht. Sie schweigen vielversprechend. 

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WG gefunden

Ich lebe mit Papst Franziskus zusammen. Leider auch mit Putin. Wir sind einander noch nie begegnet, aber wir leben gemeinsam in einer ziemlich großen WG. Die nennt sich Welt. Wir haben noch viele weitere Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Nicht alles klappt reibungslos, der eine vergisst notorisch, den Müll rauszubringen, der andere kippt seine Schwermetalle ins Meer, und so richtig saubergemacht wurde schon lange nicht mehr. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass WGs dauernd lustige Partys feiern, gibt es einige, die ständig wegen irgendwas beleidigt sind und nicht mitfeiern. 

Dennoch würde ich niemals ausziehen. Es sind so viele interessante Leute dabei und wir gestalten unser Haus, jeder in seinem Zimmer und manchmal gemeinsam in der Küche. 

Klar, gibt es Großmäuler und ein paar fiese Gestalten sind auch dabei. Aber die gibt es überall. Eine starke Gemeinschaft fängt das auf. Trotz aller Gegensätze gehören wir doch zusammen! Wir atmen dieselbe Luft. Wir rechnen mit denselben Zahlen, unsere Träume schweben in einem Raum, und es ist ein Himmel, der sich über uns spannt. 

Unser Vermieter lässt sich übrigens selten blicken. Er scheint darauf zu vertrauen, dass wir verantwortungsvoll mit seinem Eigentum umgehen. Sein Name ist Gott, einfach Gott; ich weiß nicht mal, ob er ein Mann oder eine Frau ist. Am Ende, wenn ich ausziehe, wird es ein Abnahmeprotokoll geben. Damit der nächste einziehen kann, ohne das totale Chaos vorzufinden.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2.
Hier auch zum Anhören: https://www.ndr.de/ndr2/Moment-mal,audio471970.html

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Frohe Weihnachten!

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Advent

Geh ins Dunkel

stell dich ins Licht

Die drinnen bleiben

finden nicht

 

Sing dein Lied

sieh nach dem Stern

Vielleicht liegt das Wunder 

nicht fern

 

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Funkeln

 

Ich glaube nicht an Sternschnuppen, trotzdem wünsche ich mir heimlich was, wenn eine fällt. Dass der Nikolaus nachts von Tür zu Tür geht, widerspricht meiner Erfahrung. Trotzdem schaue ich jedes Jahr verstohlen in meine Schuhe. Dass Schnee auch nichts Anderes als gefrorenes Wasser ist, weiß ich. Trotzdem stelle ich mir vor, jemand streut Kristall über die Dächer. Dass die Lichter, die sich im Dunkel des Morgens in den Pfützen spiegeln, nur Ampeln und Autoscheinwerfer sind, sehe ich. Trotzdem verzaubern sie den Asphalt. Dass der Advent auch nur eine Kulisse ist vor den Baustellen der Welt, sagen manche. Trotzdem funkelt was.

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Ewigkeitssonntag

"Weißt du, was Gottes erstes Wort war?", fragt Opa.

Er kennt lauter Geschichten aus der Bibel. Er hat sie mir alle erzählt. Papa findet das blöd. "Setz dem Kind nicht solche Flausen in den Kopf", sagt er. "Wir leben im 21. Jahrhundert." Opa hat ihm entgegnet, dass diese Geschichten zum Allgemeinwissen unserer Kultur gehören. Ich weiß nicht, was das ist. Aber ich mag die Geschichten.

"Gott sagte ›werde‹." Opa macht eine Pause. "Das ist sein wichtigstes Wort. Es werde Licht. Es werde Land. Es werden Tiere. Und es werden Menschen. So geht es immer weiter. Die Welt ist nicht fertig. Neues kommt. Altes geht. Damit dann wieder Platz für Neues ist. Deshalb müssen wir alle sterben."

Opa ist sehr klug, glaube ich.

"Hast du dein ganzes Leben daran gedacht?"

"Nein", brummt er. "Das darf man auch nicht. Manchmal musst du den Tod aussperren. Du sagst ihm: 'Ich weiß, dass du kommst, aber nicht jetzt.' Und dann spielst du eine Runde Schach oder heiratest ein Mädchen. Während solcher Dinge soll man nämlich an nichts Trauriges denken. Aber ganz vergessen darfst du ihn auch nicht. Er gehört zum Leben."

 

aus: Wie lang ist ewig? Geschichten über das Leben und Davongehen

 

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Gott 

 

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Manna to go

Als Gott in die Küche kommt, sind zwei Engel gerade dabei, den Herd abzubauen. „He“, ruft Gott, „was tut ihr da?“ Küchen sind nicht mehr in Mode, klären die Engel ihn auf. Zwar gibt es Kochshows wie Salz im Meer, aber das echte Essen wird jetzt einfach bestellt. „Ist praktischer so“, sagt der Engel. Küchen werden jetzt als Zeilen gebaut. In den Wohnraum integriert. Jeder, der schon mal Hering gebraten hat weiß, dass er den Geruch nicht im Wohnzimmer haben will. Aber für Hering sind die Restküchen sowieso nicht gedacht. Allenfalls für eine chromblitzende Kaffeemaschine, die sprotzend den morgendlichen Macchiato ausspuckt. „Aber“, stottert Gott, „wer backt mir dann das Manna? Und die Wachteln müssen auch in den Ofen!“ Die Engel halten ihm einen Prospekt entgegen. „Kannst du bestellen. Pizza, Pasta, Couscous-Salat, Manna. Wird alles geliefert.“ Gott wischt den Prospekt beiseite. Er will kein geliefertes Manna, und auf eine Küche verzichten will er auch nicht. Da müsste er ja die ganze Bibel umschreiben. In Zukunft hieße es dann nicht mehr: „Das Himmelreich ist wie ein Sauerteig“, sondern „Das Himmelreich ist wie Lieferando“. Verpackt in drei Lagen Styropor, lauwarm und pappig. 

„Sieh“, versucht es der redegewandtere Engel, „es ist doch viel besser so. Die Menschen haben weniger Arbeit. Insbesondere die Frauen. Die Abschaffung der Küche ist also genau genommen ein Beitrag zum Feminismus!“ Der Engel gratuliert sich innerlich zu diesem genialen Einfall. „Ach Unsinn“, wischt Gott das Argument beiseite. „Als ob es besonders fortschrittlich wäre, nicht mehr für das eigene Essen sorgen zu können! Was kommt als nächstes? Ein mobiler Duschservice? Eine Erinnerungs-App, dass der Mensch sich bewegen soll, weil er genau dafür diese Dinger namens Beine hat?“ Gott hat sich ziemlich in Rage geredet, und der Engel verzichtet lieber auf den Hinweis, dass es so etwas längst gibt. „Versteht ihr denn nicht, was eine Küche alles ist? Sie ist ein Ort des Austauschs, an dem beim Kartoffelschälen Liebeskummer oder Weltpolitik besprochen wird. Die Küche ist der Ort der ungeplanten Begegnungen. In der Küche wartet immer ein Kaffee oder ein Rest Auflauf. Sie ist der Ort der Verheißung, an dem aus Mehl, Salz und Öl Brot oder Nudeln wird. Ein Küchentisch ist versöhnlich, lange nicht so offiziell wie ein Arbeitszimmer und auch nicht so privat wie ein Wohnzimmer, ein Küchentisch ist neutraler Boden. Beichtstuhl, Arbeitsfläche und Nachrichtenaustausch in einem. Ich habe sogar von einer Frau gehört, die ihr Kind auf dem Küchentisch zur Welt gebracht hat! Die Küche ist der Ort des alltäglichen Liebesmahls. Die Küche ist der Ort der Alchemie, der Verwandlung. Die könnt ihr doch nicht einfach abschaffen!“

 

PS: Bis in die frühen neunziger Jahre wurde in den meisten Haushalten täglich selbst gekocht. Heute ist das nur noch in weniger als der Hälfte der Fall, in Großstädten schalten viele Menschen ihren Herd sogar fast nie ein. Laut einer Studie der Schweizer Großbank UBS ist es möglich, dass schon im Jahr 2030 die meisten Mahlzeiten online bestellt und geliefert werden.

 

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Wenn

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Mein perfektes Morgenritual

Nach jeder Nacht

bisher

aufgewacht.

 

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Montagmorgen

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E-Mails

Eine Million britische Pfund

geerbt von einem verschollenen Scheich

Fünf Penisvergrößerungen

Die Aufforderung, meine Bankdaten zu ändern,

vorzugsweise unter diesem Link

Drei Hinweise, dass meine Facebookfreunde warten

Eine Warnung, dass mein Speichervolumen bald 

ausgeschöpft ist

und

Eine Mail von dir

 

 

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Wollpullover

Das Paradies ist ein alter, verwahrloster Garten, in dem die Freiheit wartet. Sie ist wild, unberechenbar und verrückt. Sie verrückt Grenzen. Als „Pippi Langstrumpf“ erschien, entfachte sie einen Sturm der Entrüstung. Nicht bei allen, aber bei jenen, denen ihre Freiheit zu viel des Guten war. Zu wild. Zu radikal. Ein Mädchen, das tut was es will, sei „demoralisierend“und „gesellschaftsschädigender Schund“. Pippi sei „etwas Unbehagliches, das auf der Seele kratzt.“ 

Wie Gott.

Schon klar, Pippi Langstrumpf ist nicht Gott. Aber kann sein, dass Gott ein bisschen wie Pippi Langstrumpf ist. Wild. Frei. Unberechenbar. Einer, der auf der Seele kratzt. 

Meistens soll Gott nett sein. Einer, der tröstet und die Dinge ins Lot bringt. Früher durfte er auch zornig sein und beängstigend, aber die Zeit ist vorbei. Nicht, dass ich ihr nachtrauere, aber nur lieb ist auch keine Lösung. Die Geschichten, die ich von Gott kenne, sind verstörend. Mal ist er der große Schöpfer, dann wieder will er alle vernichten. Mal ist Jesus der verständnisvolle Hirte, mal blafft er die Leute an und schwingt die Peitsche. Und auch Gottes Auserwählte sind sonderbare Charaktere. David, der Ehebrecher. Mose, der Totschläger. Maria von Magdala, angeblich eine Prostituierte. Hiob dagegen, dem Mustersohn der Menschenkinder, nimmt Gott alles weg. Gerecht ist das nicht. Und nachvollziehbar schon gar nicht. Hiob hält trotzdem an Gott fest. Ich auch. Weil ich jemanden will, der auf meiner Seele kratzt. Ich mag auch Wollpullover auf der Haut. Die fühlen sich echter an als Microfaserzeug...

 

Der ganze Text war im Deutschlandfunk zu hören. Hier kann man ihn nachlesen (oder hören). 

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Sommerfazit

 

 

 

 

 

 

Mit Elchen Schnitzeljagd spielen. Verlieren. Stille hören.

Drei Hände Nudeln und eine Tütensuppe reichen für ein

Abendessen zu zweit. Heidekraut oder Kiefernzweige

ergeben einen guten Schwamm. Zelten geht auch ohne Zelt.

Die Nacht zur Nacht machen. Von Eichhörnchen geweckt

werden. Den ersten Tee im Schlafsack trinken. Wer die

Wasserflasche beim Wasserholen fallen lässt, muss in

den See springen. Hirschlausfliegen sind nicht wählerisch. Streichholzschachteln werden wirklich schnell feucht.

Tubenkäse ist besser als sein Ruf. Auf warmen Felsen liegen

und fernsehen. Das Leben auf einen Rucksack reduzieren.

Nichts vermissen. Glück ist draußen. 

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Schäm dich. Nicht.

Als Adam und Eva einander kennenlernten, war alles unkompliziert. Hatte Adam einen Bauchansatz? Waren Evas Beine rasiert, lag ihr Bodymassindex im grünen Bereich? War Adam ein echter Mann, war Eva eine richtige Frau? Wir wissen es nicht. Alles, was berichtet wird, ist: Sie waren nackt und schämten sich nicht. Offenbar gab es nichts zu verheimlichen und nichts zu retuschieren. Sie waren, wie sie waren, und das war gut.

Anfang zwanzig wurde ich zum ersten Mal mit den Haaren auf meinem Körper konfrontiert und der Ansage, dass sie da nichts zu suchen haben. Bislang hatte ich sie zur Kenntnis genommen wie meine Ohrläppchen und meinen linken kleinen Zeh. Sie waren eben da, benötigten aber keine besondere Aufmerksamkeit. Auf einmal wurden sie peinlich. Ich lernte, mich zu rasieren und mich zu schämen, wenn ich es vergaß. Heute gibt es in sozialen Netzwerken ernsthafte Diskussionen darüber, wie schlimm es ist, wenn Frau (zuweilen auch Mann) Körperhaar zeigt. Und nicht nur darüber – auch über die Lücke zwischen den Oberschenkeln und die Optik der Schamlippen kursieren Schönheitsvorgaben. Bodyshaming nennt man die Ansage, wenn nicht alles passt.

 

Scham ist ein fieses Gefühl. Es suggeriert: Du bist nicht richtig. Du gehörst nicht dazu. Wie kannst du es wagen, dich so zu zeigen? Körperbehaarung ist da noch ein vergleichsweise kleines Problem. Man kann sich schämen, arm zu sein, die Verhaltenscodes für eine bestimmte Gruppe nicht zu kennen, keine Kinder oder zu viele Kinder zu haben, den falschen Beruf auszuüben und „nur“ Putzkraft zu sein. Menschen schämen sich, gemobbt oder missbraucht worden zu sein. Man kann sich schämen, da zu sein...

Scham ist ein ambivalentes Gefühl. Zu viel davon tut nicht gut – es macht uns kleiner, als wir sind. Zu wenig davon tut auch nicht gut – es macht uns größer, als wir sind. Scham ist die innere Stimme, die sagt: Du bist nicht Gott. Brauchst du auch nicht zu sein.

(...)

„Der liebe Gott sieht alles“, habe ich irgendwann gehört. In einem Kinderlied aus den 1970ern heißt es: „Pass auf, kleines Auge, was du siehst! Pass auf, kleiner Mund, was du sprichst! Pass auf, kleine Hand, was du tust! Pass auf, kleines Herz, was du glaubst! Denn der Vater im Himmel schaut herab auf dich…“

Gott als großer Stalker. Als verlängerter Arm irdischer Moral: Gott sieht, wenn du auf Mama und Papa wütend bist. Wenn du Kekse aus der Dose klaust. Gott sieht, wenn du heimlich rauchst, wenn du masturbierst, wenn du davon träumst, deinen Schwarm aus der Nachbarklasse zu küssen. Gott sieht all deine Gedanken. Über allem schwebt das Damoklesschwert der Scham. Denn wie wahrscheinlich ist es, einen solchen Gott zufriedenzustellen?

Ich glaube nicht, dass Gott ein Aufpasser ist. Ich glaube auch nicht, dass Gottes Blick beschämt. Er richtet auf.

Adam und Eva haben viele Nachkommen. Sie sind Allerweltsmenschen und tragen unsere Namen. Adam ist ein Angsthase. Eva will endlich aufhören, ihre Körperhaare zu entfernen. Simon wohnt im Nachbarhaus und liebt Joschua. Werner singt im Kirchenchor und träumt manchmal von Sachen, die er keinem erzählen würde. Elisabeth träumt mit 79 immer noch von Sex – und schläft mit einem jüngeren Mann. Klaus weint, wenn er den Soldaten James Ryan sieht und wenn er im Stadion die Nationalhymne singt. Esther kocht für sieben Enkel und weigert sich, zur Sportgruppe zu gehen. Ben pflückt Blumen und spielt gern Paintball. Janne baut lieber ein Bücherregal anstatt zu bügeln. Michael träumt davon, Michaela zu heißen. Christiane ist es manchmal unangenehm, einfach nur Mutter zu sein und liebt es trotzdem. Kemal will der Stärkste sein und dennoch zärtlich. Laya wird Physikerin und kauft Kuchen eingeschweißt im Supermarkt. Oliver neigt zur Hochstapelei und besitzt gleichzeitig eine gute Portion Selbstironie. Maren liebt Tom und liebt Yasmin.

 

Und für nichts davon, aber auch für gar nichts davon brauchen sie sich zu schämen.

Weil ein wohlwollender, zutiefst freundlicher Blick auf ihnen ruht, der sagt: Du bist richtig. Dieser Blick gilt jedem Menschen, und wer das vergisst, kann sich erinnern, wenn das Gefühl, falsch zu sein, groß ist: Du bist sehr gut.

 

Ganzen Artikel lesen oder hören: Am Sonntagmorgen. Deutschlandfunk

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Saumselig

Heute war ein guter Tag. Ich habe keine Wand gestrichen, auch habe ich den Kühlschrank nicht abgetaut. Ich habe kein Problem gelöst, nicht ein einziges. Aber auch keines schlimmer gemacht. Das Gras ist ungemäht geblieben. Die Zeitung liegt ungelesen auf dem Küchentisch. Ich habe mich nicht angestrengt, mein Geld habe ich nicht vermehrt (ich wüsste auch nicht, wie). Ich bin mit niemandem in Streit geraten, habe nichts besser gewusst, und auch die Zeit habe ich nicht versucht, anzuhalten.

Saumselig bin ich durch den Tag gegangen. Das ist ein Wort, das auf der Zunge zergeht. Versäumen steckt darin. Manchmal muss man was ausfallen lassen, damit das Glück einen antrifft. Meine Seele ist sehr glücklich darüber, abkömmlich zu sein. Sie ist unterwegs in anderen Sphären, ist Zitronenfaltern hinterher-geflogen und hat Himbeeren gepflückt. Gegen Mittag habe ich sie im Gras liegen sehen, ihre Träume waren blau. Abends hatte sie dann so ein Lächeln im Gesicht, als wüsste sie etwas, das ich noch

                                                                                                                                                  nicht weiß. Eine Ahnung von mir, wie ich bin, wenn ich nicht muss.

Kann man auch hören: NDR-Moment Mal

 

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Schnipselpoesie

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Zugreifen

Der Dienstag vor 2000 Jahren begann nicht gut. Der Himmel ist bewölkt. Die Brotpreise steigen. Es gibt Hassbotschaften, selbst aus unserem Netz. Wir brauchen eine Pause, das ist offensichtlich. Also brechen wir auf und verschwinden. Denn das habe ich gelernt in dieser Zeit: dass man es nicht allen recht machen kann.

Aber wir bleiben nicht allein. Andere kommen dazu. Leute, die wir noch nie gesehen haben. Wir setzen uns ins Gras. Es liegt was in der Luft: Etwas Unvollendetes, eine Sehnsucht, die sich heute Abend erfüllen könnte. Ich bin das Licht, sagt Jesus, und die Leute halten ihre Gesichter in die Sonne. Ich bin das Brot, sagt er. Ich schließe die Augen und lasse die Worte auf der Zunge zergehen.

Es ist spät, flüstert Petrus. Die Leute haben Hunger. Und dass wir jetzt mal was organisieren müssten. Ich schließe meine Augen wieder. Ich will nichts organisieren. 

Am Horizont erscheint der erste Stern. Schickt sie nicht weg, sagt Jesus. Es ist so schön. Gebt ihr ihnen zu essen. Wir haben fünf Brote, zwei Fische und einen angebissenen Apfel. Jesus sieht zum Himmel und dankt dafür. Ich kenne niemanden sonst, der für einen angebissenen Apfel dankt. Für das Wenige, das Halbe, das Unvorbereitete. Das, was jetzt da ist. Mein Herz klopft, als er uns das Brot gibt. Nehmt, sagt er. Gebt. Wir reichen weiter, was wir haben. Ohne abzuzählen. Ohne uns zu versichern, dass es genug ist. Wir machen einfach. Die Mutigen greifen zu. Schmecken. Kosten den Moment und genießen. Keiner beschwert sich, dass es zu wenig ist. Niemand drängelt. Alle machen mit. Die Angst, es könnte nicht reichen, verschwindet. Über die Wiese wehen Worte und Lachen, jemand holt eine Mundharmonika raus. Es ist längst dunkel geworden, aber niemand will gehen. Ist das ein Wunder?

 

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Neustart

 

Als um 12 Uhr 17 die Welt neugestartet wird, hat Heiner mal wieder nichts mitbekommen. Dabei haben sie es auf allen Sendern gebracht: Dass man alle Anwendungen schließen solle. Was nicht gespeichert ist, ginge verloren. Vorsorgliche Menschen haben Sicherungskopien ihren Lebens gemacht, um genau dort wieder beginnen zu können, wo sie aufgehört hatten. Heiner natürlich nicht. Er hätte nicht mal gewusst, wie das geht. 

Plötzlich ist alles so aufgeräumt. Nirgends hakt es mehr. Kein Update wartet. Stattdessen liegt etwas Neues in der Luft. Während die einen panisch versuchen, einen Techniker zu bekommen, der ihr altes Leben wiederherstellt, feiern die anderen, dass die Schulden gelöscht, Viren verschwunden und auch der Streit mit Isabelle aus der Welt ist. Heiner kratzt sich am Kopf, und dann öffnet er ein neues Fenster. Die Zukunft wird sich zeigen.

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Pfingsten reloaded

In jenen Tagen geschah es, dass sie hinter verschlossenen Türen saßen und ihre Gesichter grau geworden waren und ihre Worte drehten sich im Kreis. Gremien wurden berufen und Ausschüsse gebildet und Antworten wurden an Fachleute delegiert und der Kleinmut hatte sich breitgemacht. Da wundert sich Gott: „Welche Fachleute denn? Die Fachleute, das seid doch ihr. Habe ich denn einige höhergestellt als andere? Habe ich meine Worte exklusiv verteilt? Ich habe sie in euren Mund gelegt und die Begeisterung in euer Herz.“ „Aber wir“, sagen sie, „wir wissen doch auch nicht. Einer glaubt so, die andere so. Wir sind so verschieden, wir können uns nicht einigen. Wir haben siebenundneunzig Punkte auf der Tagesordnung, und wenn wir fertig sind, dann fangen wir wieder von vorn an, weil niemand uns versteht!“ Da öffnet Gott die Türen und reißt die Fenster auf, dass Wind in die Sache kommt und die Angst fortpustet und Friederike fühlt sich plötzlich beschwingt wie nach einer halben Flasche Champagner. Der Herr Bischof spürt ein Beben in seinem Herzen und ist so erleichtert, weil er mit seiner Liebe nicht mehr hinterm Berg halten muss. Egon Hinterwald wundert sich, dass man alles auch ganz anders sehen kann, als er es tut, aber noch mehr wundert ihn, dass ihn das gar nicht mehr ängstigt. Hilde aus dem Frauenkreis lernt von Janne, was „queer“ bedeutet und beide spüren eine Weite im Kopf, als hätten sie nach Jahren den Dachboden entrümpelt. Worte wie Sehnsucht, Großmut, Gnade leuchten auf. Nichts davon lässt sich in Stein meißeln. Zwischen den alten Mauern wird es eng. Gott ruft: „Wer hat gesagt, dass Ihr Mauern braucht?“ Ein Hauch genügt, sie zum Einsturz zu bringen und Himmel breitet sich aus, schillernd und schön. Gemeinsam treten sie ins Freie, Friederike und der Herr Bischof, Hilde und Egon. Petrus und Phoebe sind dabei, Johanna und Jakobus. Herr Windli bringt seine Maria mit und Janne schwenkt eine Regenbogenflagge. Mireile singt ein gregorianisches Lied, nebenan setzen Technoklänge ein – und es ergänzt sich erstaunlich gut. Dazwischen schwebt Gott, überall zugleich. Alle haben sie gesehen, haben ihn gehört, haben es gespürt. Tausend Geschichten werden zu einer. Niemand will Recht haben. Macht ist ein vergessenes Wort, denn alle verstehen, was stark macht: Miteinander reden, voneinander lernen, aufeinander hören. Eine macht den anderen groß. Niemand will der Größte sein. 

Und alle Welt beginnt zu staunen über jene, die leicht wirken und deren Worte nicht erschlagen, sondern prickeln wie Champagner oder weiße Johannisbeerschorle. 

 

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Als ich mit Jesus auf dem Balkon sitze

»Ich bin glücklich.«
Die Sonne ist gerade hinter den Häusern verschwunden. Du hast die Füße auf die Brüstung gelegt und balancierst auf deinem Bein ein Bitter Lemon.

»Überrascht dich das?«, fragst du.

»Ich weiß nicht. Glück ist so ein großes Wort. Muss man sich das nicht für die wirklich großen Momente aufsparen?«

Du lachst. »Hast du Angst, dass es sich abnutzt?«

Was weißt du schon vom Glück, frage ich mich stumm, um dich nicht zu verletzten. Du hörst es trotzdem.

»Du denkst, ich habe mein Glück geopfert. Für etwas Größeres. Aber so ist es nicht. Jetzt zum Beispiel möchte ich nichts lieber tun, als hier mit dir zu sitzen.«

Ich bin ein bisschen verlegen, weil ich mich freue.

»Ich kaufe Brot«, fährst du fort. »Ich helfe einem Gelähmten auf die Beine.

Wenn es einen Dämon zu vertreiben gibt, vertreibe ich ihn. Ich bete.

Ich wasche meine Füße. Ich kämpfe für so etwas Großes wie Gerechtigkeit.

Aber ich denke nicht darüber nach, ob ich lieber etwas anderes täte.

Oder woanders sein wollte.«

»Wirklich nie?«

Du schüttelst langsam den Kopf.

Deshalb also fühle ich mich so wohl bei dir.

 

aus: Schau hin. Vom Hellersehen und Entdecken

 

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Nach einem Zoom-intensiven Wochenende

Gott zoomt jetzt oft. Wo er sich seltener unter die Leute mischen kann. Früher saß er freitags oft in der Kneipe neben Monika, und wenn es spät wurde, dann hakte er den Hans unter und passte auf, dass er nicht über einen Bordstein stolperte. Aber die Kneipen haben zu. Hans sitzt viel zu oft allein in seinem Zimmer. "Treffen wir uns auf Zoom", sagt Gott, aber Hans macht eine verächtliche Handbewegung. "So'n Schnickschnack mach ich nicht mit." "Bitte", sagt Gott, "wo du doch das neue Handy hast." Aber Hans will nicht. Gott lässt nicht locker. 

"Weiß nicht, wie das geht", murmelt Hans schließlich. 

"Musste ich auch lernen", sagt Gott, "ist nicht schwer."

Da wird Hans hellhörig. "Du? Wenn einer nix lernen muss, dann doch wohl du!"

"Hans, wie kommst du denn auf sowas." Und dann sagt Gott einen seiner Sätze: "Ich werde sein, der ich sein werde." Und weil Hans guckt, wie er guckt, wenn er mit was nichts anfangen kann, sagt Gott es nochmal in anders: "Ich höre nie auf zu Werden."

Das verschlägt Hans fast die Sprache. Weil es so anstrengend klingt: "Wieso das denn?"

"Ich werde, damit du wirst", sagt Gott.

Hans lächelt schief, er hat keine Ahnung, was Gott damit meint. Aber es klingt gut.

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Berühr mich (nicht). Noli me tangere

Er ist tot. Mausetot. Auch, wenn sie es nicht wahrhaben will. Sie haben ihn in ein Grab gelegt, hierzulande sind das Höhlen. Sie werden mit einem Stein verschlossen. Eher einem Fels. Daran gibt es nichts zu rütteln. Seit drei Tagen liegt er da drin, eine ganze Ewigkeit also. Als Magdalena den Friedhof betritt, ist es noch früh. Der Horizont ist schwarz, nur ein paar Vögel versuchen, die Nacht zu verscheuchen. Auf dem Gras liegt Tau. Sie kann nicht sagen, was sie hier will. Warum sie gekommen ist. Hauptsache nicht länger herumsitzen und warten. Warten, dass ein Wunder geschieht. Sein Grab liegt ganz hinten, zwischen den Olivenbäumen. Ein schöner Ort zu Lebzeiten. Dort hätte es ihm gefallen, denkt sie und spürt den Stich, weil nichts mehr so ist, wie es normal war. Sie können sich nicht mehr verabreden, Brot und Wein auspacken, reden und lachen. Das Lachen fehlt ihr am meisten.

Ihre Füße streifen die feuchten Gräser. Jetzt müsste sie gleich da sein. Verunsichert bleibt sie stehen. Hat sie sich verlaufen? Nein. Da ist der Olivenhain, dort ist die Höhle. Nur der Stein ist weg. Dieser Fels. Jemand hat ihn zur Seite gewälzt, als hätte ein Riese seine Hände im Spiel gehabt. Die Höhle liegt offen und schwarz vor ihr. Sie schrickt zurück und zögert, aber dann setzt sie einen Schritt ins Dunkle. Dann noch einen. Ihre Augen müssen sich erst an die Schwärze gewöhnen, doch es bleibt dabei: Sie sieht nichts. Das Grab ist leer. 

Magdalena stürzt hinaus, kopflos, wo haben sie ihn hingebracht? Tiefstehende Sonnenstrahlen blenden sie. Die Vögel halten den Atem an. Da hört sie ihren Namen. „Magdalena!“ Sie wendet sich um, eine halbe Drehung – und sieht ihn. Seine Augen leuchten, ihr Herz macht einen Sprung. Schon will sie zu ihm laufen, will ihn in die Arme schließen, doch er hält sie zurück: „Berühr mich nicht.“

 

Ich schrecke hoch. Im Zimmer ist es dunkel, meine Hand tastet nach dem Wecker. Zehn nach vier. Kein Olivenhain, sondern meine Zwei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock. Es ist Woche vier der Pandemie, ich spüre schlafwarme Haut und denke: Ich will berührt werden. Nicht immer und nicht überall, ich bin nicht der Küsschen-hier, Küsschen-da-Typ. Aber Freundinnen würde ich gern umarmen. Dem Berater bei der Bank die Hand geben. Mit Freunden die Köpfe zusammenstecken, Schulter an Schulter sitzen. Und nun träume ich ausgerechnet in der Osternacht diesen Traum, und nicht mal der hat ein Happy End. Dabei habe ich eigentlich nicht viel übrig für die Hollywoodfilme mit ihren Geigen am Schluss, aber jetzt könnte ich ein Happy End wirklich brauchen. 

Einmeterdreiundachtzig entfernt, am Fußende des Bettes sitzt Jesus und nickt: „Ich auch...“ 

 

Weiterlesen oder Weiterhören: 

Am Sonntagmorgen, Deutschlandfunk

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Ostermorgen

 

 

 

Steht einer im Licht

des allerersten Tages

zum Aufbruch bereit

Sagt: Halt nichts fest

und in meinen Händen

keimt eine Erinnerung

an Morgen

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So frei

Einmal ging Jesus in die Wüste, 

er musste etwas herausfinden, 

er aß nicht, er sprach nicht, er schaute kein Netflix, 

er twitterte nichts, vielleicht betete er.

Nach 40 Tagen war er hungrig 

Und mit dem Hunger kam die Versuchung

Sie trug ein Regenbogenshirt 

und ihre Stimme klang nach Mars Schokoriegel im Doppelpack:

„Wenn Gott wirklich mit dir ist, nimm dir was du brauchst

und lass diese Steine Brot werden.“

Aber Jesus schüttelte den Kopf:

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, 

sondern von Worten und Träumen, die aus Gottes Mund kommen.“

 

 Die Versuchung gab nicht auf, 

sondern nahm ihn ins Allerheiligste

und stellte ihn heraus aufs Höchste

und legte einen Glitter & Sparkle-Filter um ihn

dass er leuchtete, hell wie das Universum

und rief: 

„Du bist der Größte! Zeig, was du kannst! Spring!

Steht nicht geschrieben, dass Engel dich auf Händen tragen?“

Aber Jesus stieß die Versuchung weg:

„Es steht auch geschrieben:

Du sollst Gott nicht auf die Probe stellen.“

Die Versuchung ließ noch immer nicht locker,

sie bot ihm alle Königreiche und das weltweite Netz,

und schenkte ihm 10 Tausend neue Follower auf Insta,

die berät wären, ihn anzubeten,

und ließ Likes und Konfetti regnen:

„Das alles“, rief sie, „gehört dir,

wenn du mich anbetest!“

Aber Jesus stemmte sich dagegen:

„Niemals! Ich will niemanden anbeten, außer Gott.

Ich bin so frei.“

Da gab sich die Versuchung geschlagen 

und es kamen Engel und brachten Gin Tonic und Falafel 

und ein frisches Hemd in Himmelblau.

 

nach Matthäus 4, aus der Wohnzimmerkirche auf Instagram am 26. März

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Liebesglut

 

 

Der Papst sagt, er könne zwei, die einander lieben, nicht segnen, weil Gott ihren Sex nicht mag. Gott ist das unangenehm. Man könnte glatt den Eindruck bekommen, er drücke sich an fremden Schlafzimmerfenstern herum. Dabei drückt er sich höchstens in fremden Herzen herum, und die sind nicht mal fremd, sondern Zweitwohnsitze. Besonders da, wo die Liebe wohnt, ist er gern. Gott wärmt sich auf, bevor er weiterzieht zu den erloschenen Herzen. Dort bläst er in die Liebesglut, dass sie auflodern möge. Auch beim Papst schaut er immer wieder mal vorbei. 

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Sonntagssegen

 

Beim Aufwachen zu lesen

 

Bitte gönn dir was

das Konzert der Meisen

Milchschaumminuten 

eine verlorene Uhr

Plüschgedanken

Der Himmel ist 

ein Gemischtwarenladen 

Er hat jetzt geöffnet

für dich

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Vergiss nicht, was du willst

Lydia hat vier Sachen in ihrem Leben gelernt: 


 

1. Wenn du Erfolg haben willst, brauchst du Kraft 
wie fünf Männer. 


2. Du hast Kraft wie fünf Männer. 


3. Vergiss die Kompromisse. 


4. Vergiss nicht, was du willst. 


 

Lydia will zusammen essen, Brot backen, Apfelbäume pflanzen und nach Gott Ausschau halten – denn zu vielen sieht man mehr. „Ich will beten und wenn es sein muss auch herumstottern, ich will zusammen singen, Lagerfeuer machen, das Sonderbare nicht scheuen, ich will fasten, Buttercremetorte backen und Buttercremetorte teilen, ich will feiern, Geschichten erzählen, Seelen trösten, Ja sagen, ich will helfen, handauflegen, zuhören, die Tür will ich weit öffnen, ich will träumen, ich will taufen, ich will den Himmel an die Wand malen. Ich will lieben, zusammengefasst.“

Da kann keiner nein sagen, und so wird Lydia die allererste Christin in ganz Europa, und die erste Gemeindevorsteherin, und die erste Bischöfin ist sie auch. Denn andere gibt es ja noch nicht. 

 

Kleine Erinnerung zum Weltfrauentag aus: Eva und der Zitronenfalter. Frauengeschichten aus der Bibel

 

PS: Ich schreibe bis Ostern übrigens wieder täglich auf chrimonshop.de

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Sonntagsstimmung

 

 

 

 

Sonntags bin ich der Mensch, der ich gern wäre. Die Zeit und ich sind uns ausnahmsweise einig: Es gibt nichts zu müssen. Allen Aufgaben gebe ich frei. Der Himmel steht offen, ich erhasche einen Blick, wie es sein könnte. Gott ist erleichtert, weil ich endlich gelöst bin. Eine Blume sagt: Riech mal. Ich mache ihr die Freude.

 

aus: Luft nach oben. Der Sonntagskalender

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Alles offen

Jesus und Maria Magdalena

Sie ist unabhängig. Eben wie man das landläufig so meint: Unverheiratet, mit einem Konto ausgestattet, das sie selber füllt. Eine Bohrmaschine hat sie auch (nutzt sie aber ungern. Wegen des Lärms. Und so viele Löcher braucht man gar nicht im Leben).

Er liebt sie. Mehr als die anderen. Aber ein Paar sind sie nicht.

Sie haben nie zusammen geschlafen. Obwohl es Momente gab, in denen es folgerichtig hätte sein können. Als sie am See saßen und die anderen längst gegangen waren. Sie redeten, während der Mond seine Runde drehte, bis er hinter den Kiefern verschwand. Ich liebe es, sagte sie, wie du meine Geister vertreibst, durch die Nacht mit mir gehst. 

Im ersten Licht des Morgens sind sie geschwommen, vielleicht waren sie nackt, sie hat es vergessen. Später saßen sie zusammen in einem Boot, Schulter an Schulter. Es war eng und nicht unangenehm. Ich liebe es, sagte er, dass du mich berührst.

Er mag ihre Nähe, die immer etwas Waches hat. Sie lässt sich nicht fallen. Er hat nie das Gefühl, der Stärkere sein zu müssen. Sie lehnen aneinander, mit den Füßen auf der Erde. Das Boot schaukelte, sie genossen die Wärme ihrer nackten Haut, Bein und Arm. Sie genossen einander, ohne etwas zu wollen. Falls sie es doch taten, behielten sie es für sich, um das andere nicht zu stören, das leicht war und ihnen Flügel gab. Sie lernten, dass man nicht alles mitnehmen muss, was sich anbietet. Manchmal findet sie ihn schön. Seine Augen würde sie unter allen Augen erkennen. Auch seinen Körper. Er ist glatt, wie Marmor. Aber das sagt sie ihm nicht. Stattdessen: Deine Füße liebe ich. Deinen Kopf liebe ich auch. Er mag ihre Schultern. Sie sind muskulöser, als man zunächst denkt. Sie ist keine Sportlerin, sie gehört nicht zu den Frauen, die diszipliniert und geplant vorgehen. Aber sie bewegt sich gern und er genießt es, ihr dabei zuzusehen. Ich liebe es, sagt sie, wie du mich ansiehst. Nie habe ich das Gefühl, ich müsste mich verstecken. 

Ich liebe es, sagt er, wie du einen Raum betrittst und die Blicke nicht wägst. Wie du dein Ding machst ohne Furcht. 

Ihr Lachen macht sie zu Verschworenen. Wenn sie reden, dann reden sie nicht nur mit dem Kopf, sondern mit allem. Manchmal räkelt er sich wie eine große, schwere Raubkatze, wenn er einen Gedanken verfolgt. Sie fürchtet nichts an ihm. Obwohl er scharf sein kann, sogar verletzend. Bei ihr ist er es nicht. Sie weiß nicht, warum. Dabei kann sie selber auch scharf sein. Und schroff. Er sieht es ihr nach. Sie brauchen nicht miteinander zu kämpfen. Es gibt nicht zu behaupten und nichts zu gewinnen. Sie kennen einander zu gut. 

Ich liebe es, sagt sie, dass du mich sein lässt, wie ich bin. Das verwandelt mich. 

Es heißt, dass sie viele Männer hatte. Viel ist eine schwammige Zahl. Sie liebt Worte mehr als Zahlen. Aber gegen Sex hat sie nichts einzuwenden. So ein Satz kann gegen sie verwendet werden. Es heißt, dass sie versucht hat, ihn zu verführen. Er aber nicht wollte. Er konnte ihr widerstehen. Ihr, der Versuchung. Obwohl es andererseits auch nicht schlimm gewesen wäre, wenn er nicht widerstanden hätte: Sex macht Männern zu echten Männern und Frauen zu fragwürdigen Frauen. Für alleinstehende Frauen wie sie ist das ein Dilemma: Zu viel Sex ist schlecht, kein Sex aber auch. Eine Frau ohne Mann, ohne Kinder muss unglücklich sein. Wenn sie nicht unglücklich ist, dann stimmt etwas nicht mit ihr.Sie weiß, dass die Leute so denken. Er weiß es auch. Aber es spielt keine Rolle. Ich liebe deine heilige Furchtlosigkeit, sagt sie. Dass du dich nicht sorgst, was die Leute reden. 

Manchmal sind ihre Worte wie Küsse. Sie schmecken salzig und süß. Wie Honig-Erdnüsse, denkt sie. Er denkt an Krebsfleisch. Sie essen oft zusammen. Ungeplant, Zufallsessen auf eine beiläufige, verschwenderische Art. Er brät ein Ei und sie öffnet eine Flasche Wein. Dabei reden sie weiter, kauen die Worten oder lassen sie auf der Zunge zergehen. Ich liebe es, sagt er, dass du eine Verschwenderin bist. Du rechnest nicht. Du wärst so eine schlechte Buchhalterin. Selber, denkt sie und lächelt in sich hinein.

Sie zeigen einander viel. Er lernt ihre Dämonen kennen und hält ihnen stand. Zum ersten Mal hat sie das Gefühl, sie nicht verteidigen zu müssen. Er würde nichts gegen sie verwenden. Dafür bleiben sie sich fern genug, sie müssen einander nichts heimzahlen. Auch sie ahnt etwas von seinem Schmerz. Obwohl er ihn nie zur Schau stellt. Auch von seiner Wut. Wie ein Sommergewitter bricht sie manchmal herein, unerwartet und heftig. Aber sie fürchtet sich nicht vor Gewittern. 

Ich liebe es, sagt er, dass du mich nicht festnagelst.

Ich liebe es, sagt sie, dass du dich mir zeigst. 

Ich liebe dich, sagen sie und lassen alles offen.

 

aus: Kirschen essen. Liebesgeschichten aus der Bibel. Edition chrismon

 

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Lichtmess

 

 

 

 

 

Um acht ist es hell. Ich feiere das Licht und die Fresien auf der Fensterbank. Im Erwachen gibt es einen virusfreien Raum.

Meine Träume haben mittlerweile Handtaschenformat,

ich trage sie überall mit hin. Der Himmel ist noch unentschlossen, aber ich bin bereit. 

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Hellsehen

 

 

Wir sind da, Gott

auf dem Sofa,

in Flauschpantoffeln oder Lackschuhen

Wir haben die Perlen für dich angelegt

das Haar gescheitelt

das Hemd geknöpft

du siehst uns

Unsere Blicke gehen ins Schwarze

und über das Schwarze hinaus

Unsere Blicke kreuzen sich in einem virtuellen Raum

Du bist längst dort

Du hörst

wie unsere Herzen schlagen

du hörst die Nachbarn nebenan

und die Kinder, die nicht müde sind

und das Schweigen in den Konzertsälen hörst du auch.

Ich zeig euch was, sagst du.

Ich zeig euch, wie man hellsieht.

 

Amen

Gestern haben wir zum ersten Mal Wohnzimmerkirche auf Instagram gefeiert. Ein Prost auf Käsebrot, große Schwestern, Ausbruchsmomente, weiße Kleider, königlich sein und das Sekundenglück, das bereit liegt, wenn wir es sind. @wohnzimmerkirche

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Januarmorgen

 

 

 

 

 

Noch ein grauer Januarmorgen. Schneereste auf dem Dach. Ich hab die Kerze im Fenster angezündet. Darauf ging gegenüber der Stern an. Vor ein paar Tagen hat mir die Frau mit dem Baby zugewinkt. Leben wie im Setzkasten. Ich mag das. Gott wohnt wahrscheinlich in der Wohnung mit der Amaryllis. Es ist nie jemand zu sehen, aber viel Papierkram auf dem Tisch. Über der Amaryllis hängt ein Herz. Es ist ein bisschen kitschig. Aber auch schrebbelig, ein Geschenk, das hängengeblieben ist. Irgendwann werde wir gleichzeitig aus dem Fenster sehen. 

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Barmherzigkeit

Ich bin Bonbonzerbeißerin. Ich weiß, das ist eine schlechte Angewohnheit, meine Zahnärztin liest hoffentlich nicht zu. Was ich noch bin: Große Schwester. Steuerzahlerin. Überzeugte Bahnfahrerin. Hoffnungsvolle Optimistin. Ich habe viele Facetten. Wie jeder Mensch. Ich finde es eine erleichternde Vorstellung, dass es bei allen Menschen etwas geben könnte, das uns verbindet. Man muss nur lang genug suchen. So würde ich mit Herrn Trump politisch wahrscheinlich nicht einig werden. Aber vielleicht teilen wir eine Vorliebe für Minzschokolade. 

Leider geht es im Leben nicht nur um Süßigkeiten. Rassistische oder andere verachtende Haltungen möchte ich nicht kleinreden. Dennoch bleibt eine Gemeinsamkeit: Wir sind Menschen. Dieser kleinste gemeinsame Nenner besteht, er bleibt sogar dann bestehen, wenn Menschen unmenschlich handeln. Sie bleiben Menschen, weil Gott sie als solche erschaffen hat. Der erste Tod in der Bibel ist ein Mord. Kain erschlägt seinen Bruder Abel und darf trotzdem weiterleben. Gott verurteilt sein Tun, aber schützt ihn als Mensch. Ein altes Wort dafür ist Barmherzigkeit. Es ist staubig geworden, dabei ist es ein schönes Wort. Es wärmt und verwandelt. Wer mutig ist, bläst den Staub weg und lässt es wirken. Nimmt sich ein Herz für die Herzlosen und die Feindseligen. Für einen allein ist das vielleicht zuviel. Aber zusammen könnte es uns gelingen, darauf zu bestehen, dass Menschlichkeit siegt. 

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Herberge 2.0

... einen Tag vor Heiligabend versuchen die Engel in letzter Minute eine Herberge für die Heilige Familie zu finden. Gott hat in seiner unendlichen Güte entschieden, ein zweites Mal auf die Erde zu kommen. Nur: Wohin? #herbergegesucht ist der meistgeklickte Hashtag der letzten 24 Stunden.

ENGEL 3: Hier, eine Mail von Elsa Niederbäumer aus Bremen. (Atmo: Rascheln, Blättern): „Hallo, kann Mutter und Kind ein halbes Zimmer anbieten.“ 

ENGEL 2: Was ist mit dem Vater?

ENGEL 3: Sie will keinen ausländischen Mann im Haus, man kann ja nie wissen.

ENGEL 1: Scheidet also aus. Aber hier (Atmo: Rascheln, Blättern): „Der Stadtrat von Middleton hat in seiner heutigen Sitzung entschieden, das erwartete Kind zu ihrem Imagebotschafter zu machen. Eine Dienstwohnung für die gesamte Familie wird ab dem siebten Lebensjahr gestellt.“

ENGEL 2: Und bis dahin?

Die Dämmerung senkt sich über die Dörfer und Städte, bis in der ersten Zeitzone der Welt schließlich der Morgen des 24. Dezembers anbricht. Die Spannung steigt. In ungewöhnlicher Einheit fragen sich große Teile der Menschheit und alle Engel im Himmel: Wo wird Gott zur Welt kommen?

 

Kleiner Ausschnitt aus dem Weihnachtshörspiel Herberge 2.0 für die Kirche im NDR. 

Sendetermine am 24., 25. und 26. Dezember auf den Sendern des NDR und zu jeder Zeit hier. 

 

PS: Die bunte Krippe steht im Fenster des wunderbaren Cafés Tide in Hamburg-Ottensen.

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Morgengebet

mit drei gefundenen Sätzen

 

 

Du willst wissen, wie ich meine Zeit verbringe?

Ich warte. Währenddessen schäle ich Orangen, 

öffne das Emailprogramm, wasche mein Haar und 

die Maske von gestern. 

Der Lockdown kommt zu spät.

Untergangspropheten läuten Sturm.

Du bist die Hüterin vor meiner Tür.

Finde Accessoires für den Winter:

einen Mistelzweig, ein Buch, 

ein Leuchten zwischen den Zeilen.

 

 

 

 

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3. Advent

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Träumen

Als Josef morgens aus dem Haus ging, war noch alles wie immer. Nur der Kaffee war eine Spur zu stark. Vielleicht würde er das brauchen heute. Bestimmt hatte er einen Plan. Einen kleinen oder einen großen: Tabak kaufen. Ein Boot zimmern. Spontaner sein. In den nächsten Wochen weniger arbeiten (oder mehr). Unbedingt die Tür zum Garten streichen. Nichts deutete darauf hin, dass sich an diesem Tag alles ändern könnte. Vielleicht würde es schneien. Aber damit musste man ja rechnen, um diese Jahreszeit. 

In der Nacht kam der Engel. Er kam im Traum und sah aus wie sein alter Mathelehrer. Nur, dass knapp unter seinen Schulterblättern Flügel wuchsen. So gewichtig waren seine Botschaften. Der Engel hatte viel zu tun. Nacht für Nacht ging er durch die Träume der Menschen und flüsterte ihnen ins Ohr. Die Botschaften unterschieden sich, aber jede einzelne begann mit denselben Worten: „Alles wird anders.“ Der Engel sagte sie langsam und mit bedächtiger Stimme, als wolle er dem Anderen Zeit lassen, zu verstehen. 

Josef mochte Veränderungen nicht besonders. Sie kamen immer so überraschend. Er war zuverlässig und pflichtbewusst, einer, der versuchte, auf alles vorbereitet zu sein. Dafür erwartete er im Gegenzug eine gewisse Kontinuität des Lebens. Er hätte also gern dankend abgelehnt. Die Möglichkeit bestand nicht. „Rechne mit dem Unbekannten“, sagte der Mathelehrer-Engel streng. „Es könnte ein Geschenk des Himmels sein.“ Das Unbekannte war Josef schon immer suspekt gewesen. Besonders zu Weihnachten. Wo doch gerade da alles wie immer sein soll. Um 15 Uhr die Messe und um 17 Uhr gemeinsames Singen mit Oma und danach Semmelknödel zur Gans. Weihnachten war für Josef die Garantie, dass die Welt in Ordnung ist. Der Engel brach in Lachen aus und ähnelte jetzt überhaupt nicht mehr seinem Mathelehrer: „Da hast du das Fest aber gründlich missverstanden! Weihachten heißt: Nichts bleibt, wie es ist. Da wirst du rausgeschmissen aus deiner Bequemlichkeit. Weihnachten ist ein weites Feld. Weihnachten ist der Himmel, der offen steht. Weihnachten ist ein Weg durch die Dunkelheit, denn nur im Dunkeln siehst du den Stern. Weihnachten ist der Strohhalm, nach dem ein König greift. Weihnachten ist Hoffnung, die laufen lernt.“

Der Engel verschwand. Josef wälzte sich ein paar Mal unruhig auf seinem Kissen und schlief noch vier Stunden, bis der Morgen ihn weckte. Seinen Kaffee trank er nachdenklicher als sonst. „Was ist mit dir?“, fragte seine Frau. „Du wirkst so verändert.“ „Ich hatte einen Traum“, sagte Josef. Mehr nicht. Und dann ging er in die Nacht der Nächte ohne Plan, mit einer schiefen Maske auf der Nase verließ er das Haus des Gewohnten und hielt Ausschau nach dem Unbekannten. Vielleicht würde ihm etwas in den Schoß fallen. Ein Stern, ein Wunder, ein Anfang, ein Kind.

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Unwahrscheinlichkeitsrechnung

Ich warte auf eine Menge Sachen. Ich warte auf eine Mail, den Bus und dass Gott redet. Ich warte auf den Tag, an dem mir mal wieder jemand ein Mixtape schenkt. Manchmal warte ich auf Grün – an der Ampel und im Februar. Ich warte auf den Impfstoff und dann warte ich darauf, aus all meinen Masken eine Patchworkdecke zu nähen. Ich warte auf das Morgengrauen, wenn ich mich schlaflos im Bett wälze. Ich warte darauf, dass sogenannte Querdenker aufhören, ihre Freiheit über die vieler anderer zu stellen. Ich warte auf den Moment, an dem niemand mehr Lust hat, wen in die Luft zu sprengen. An Silvester warte ich auf Mitternacht, weil es so schön ist, so zu tun, als ob alles neu wird. Ich warte darauf, dass Trump seine Niederlage eingesteht und in Rente geht. Auf Schnee warte ich auch.

Dass ein Retter kommt, der das alles im Gepäck hat, fällt mir schwer zu glauben. Ich versuche es trotzdem...

 

Ganzen Text lesen oder hören: Mit allem rechnen. Unwahrscheinlichkeitsrechnung im Advent. Deutschlandfunk

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Weihnachten retten

Wir müssen Weihnachten retten. Das höre ich im Moment ständig. Ich glaube, das müssen wir nicht. Weihnachten braucht keine Rettung, Weihnachten rettet uns. Es hat zweitausend Jahre überstanden. Ist durch den 30-jährigen Krieg gegangen, war bei den Pestkranken, hat sich an die Seite der Verfolgten gestellt und sich nicht darum gekümmert, ob Lametta am Baum hing. Weihnachten hängt nicht davon ab, ob fünf oder zehn zusammen feiern. Weihnachten lässt sich nicht machen. Klöße zur Gans sind schön, aber nicht notwendig.

Die Geschichten sind da. Der Stern ist da. Menschen sind da, an vielen verschiedenen Orten. Die Fantasie ist da, sich auf den Weg zu machen. Ausschau zu halten, was trägt, wenn es nicht das Gewohnte ist. Die Hoffnung ist da, dass es winzige Anfänge gibt, die zur Rettung werden.

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Besondere Helden

Ich kann über ziemlich simple Sachen lachen. Slapstick zum Beispiel wie bei Stan und Oli. „Life of Brian“ finde ich großartig, „Little Britain“ auch. In Kirchen- und Intellektuellenkreisen stoße ich damit regelmäßig auf Irritation. Gegen Alltagsschwermut hilft Loriot zuverlässig. Manchmal stelle ich mir die Welt als Comic vor, auch das ist sehr erheiternd. Wenn gar nichts mehr geht, bleibt immer noch Galgenhumor. Selbstironie sowieso. 

Die Bunderegierung hat Corona-Videos veröffentlich, die ich auch ziemlich witzig finde. Neben Infektionsschutzgesetz, Impfstoff-verteilung und Kontaktbeschränkungen ein Augenzwinkern. #besonderehelden heißt die Serie. Natürlich gibt es viel Kritik.

Ich finde die Videos mutig, weil sie nicht brav sind. Humor muss sich aus der Deckung wagen und damit leben, auch auf die Nase zu fallen. Ein Journalist der Londoner Financial Times twitterte:

“Ich kann damit umgehen, dass die deutsche Antwort auf die Pandemie besser ist als unsere, aber ich glaube, ich kann nicht damit umgehen, dass sie lustiger ist.“ Das ist, glaube ich, ein Ritterschlag.

 

Hier kommt ihr zu den Videos: #besonderehelden 1 #besonderehelden 2 

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Flatrate

Omas Telefonnummer kann ich auswendig. Sie ist mein Leben lang gleichgeblieben. Trotzdem speicherte ich ihre Nummer in meinem ersten Handy. Es wäre nicht nötig gewesen, aber ein Adressbuch ohne Oma wäre mir unvollständig vorgekommen. Wenn Oma sich meldete, hatte ihr Tonfall immer etwas Feierliches. Als erwarte sie, den Bundespräsidenten höchstpersönlich in der Leitung zu haben. Telefonieren war für sie etwas Ernsthaftes. Da lümmelte man nicht auf dem Sofa rum und schon gar nicht machte man nebenbei den Abwasch. Man telefonierte und das möglichst kurz, damit es nicht so teuer würde. Irgendwann versuchte ich Oma zu erklären, was eine Flatrate ist, doch ich merkte, dass sie mir nur halb zuhörte. Sie wollte sich nicht umgewöhnen. Und das machte auch nichts, denn eigentlich liebte ich ja genau diese Ernsthaftigkeit. 

Mittlerweile ist Oma tot. Seit ein paar Jahren schon. Aber ihre Nummer zu löschen, habe ich noch nicht übers Herz gebracht. Es fühlt sich an, als würde ich die Erinnerung auslöschen, als würde ich Oma mit einer Taste aus meinem Leben entfernen, um neuen Speicherplatz zu schaffen. 

Die Nummer bleibt also. Immer, wenn ich jetzt durch mein Adressbuch scrolle und beim Buchstaben O bin, lese ich „Oma“ und muss kurz lächeln. Als bräuchte ich nur auf die Taste zu drücken, und sie wäre da. Würde sich irgendwo aus den Himmeln melden, würde wie immer „Ach, hallo!“ rufen, mit dieser Mischung aus Überraschung und Freude in der Stimme. Eine Sekundenerinnerung, wärmer und lebendiger, als der Name auf ihrem Grabstein, der so förmlich, so endgültig, so golden in Marmor gehauen ist. Die Vorstellung, nur einen Klick weit von Oma entfernt zu sein, ist irgendwie tröstlicher.

 

gesendet in: NDR 90,3 Kirchenleute heute

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Der kleine David und ich

„Das Vergessenwollen verlängert das Exil, 

und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“          

Ba’al Schem Tov

 

Ich erinnere mich an die jüdische Synagoge, an die nichts mehr erinnert, nur noch ein Parkplatz. Ich erinnere mich, dass Oma sagte, „die Juden“ seien irgendwie anders gewesen. Ich erinnere mich an meine erste Klassenfahrt nach Bergen-Belsen und mein Entsetzen. Ich erinnere mich an die Geschichten von Abraham und Mose und dem kleinen David, der Goliath besiegte. Ich erinnere mich, wie ich erst mit 17 Jahren entdeckte, dass es einen jüdischen Friedhof in meiner Stadt gibt. Ich erinnere mich an den Freund, der auf einmal meinte, es gäbe Beweise, dass der Holocaust nie stattgefunden habe. Ich erinnere mich, wie unvorbereitet ich auf so eine Behauptung aus seinem Mund war. Ich erinnere mich an Schweigemärsche am 9. November, und dass einige nicht schweigen wollten, weil Schweigen nichts ändere. Ich erinnere mich, sehr viele Male „Hevenu schalom alejchem“ gesungen zu haben. Ich erinnere mich an meines Großvaters Blick, mit dem er sagte, er verstehe nicht, warum sie einem wie Hitler gefolgt seien. Ich erinnere mich an Jungs auf dem Schulhof, Hakenkreuze und „Deutschland den Deutschen“. Ich erinnere mich an meinen Zorn. Ich erinnere mich, wie ich hörte, Juden hätten das Corona-Virus erschaffen.

Ich erinnere mich, zu widersprechen.

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Sonntagsspaziergang

Mit wem ich gern mal einen Kaffee trinken würde, das ist so eine Frage, bei der ich nie weiterweiß. Kaffee ist überbewertet, finde ich. Man sitzt rum und fühlt sich nach der dritten Tasse zu gleichen Teilen aufgekratzt wie flau. Außerdem ist es im Moment sowieso schwierig, die Cafés sind geschlossen. Wenn ich also wählen dürfte, würde ich lieber durch den Wald streifen, auf Wegen, die niemand geschottert hat, bei einer Eiche stehenbleiben, um einen Gedanken nicht zu verlieren. Mit wem, spielt fast keine Rolle, so lange das Gespräch interessant ist und verschlungene Wege nimmt. Aber gut, vielleicht lieber mit Jesus als mit Buddha (sorry, ist nichts Persönliches), mit Ronja lieber als mit Pippi, mit Teresa von Avila lieber als mit Mutter Teresa, mit D. lieber als mit M., mit Frau Merkel lieber als mit Herrn Merz, mit Snoopy lieber als mit Charlie Brown, mit der Queen lieber als mit Charles, heute lieber als morgen.  

 

 

 

 

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Hallo November

Diesmal übertreibst du aber. Dass es mit dem Nachmittags-kaffee dunkel wird, daran habe ich mich in den letzten 48 Jahren mühevoll gewöhnt. Und dass du Regen magst – geschenkt. Den brauchen wir ja, da bin ich vernünftig. Aber ein Lockdown? Im Ernst? Kein Café, das leuchtturmgleich die schwankenden Seelen heimruft? Kein Theater, das dem Leben eine Bühne gibt? Und Doppelkopfrunden höchstens für Großfamilien? 

Das ist hart. Hast du denn nicht Rilke gelesen? Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben… wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.  Das kannst du nicht wollen. Im Inneren deiner Seele willst doch auch du geliebt werden. Also frage ich dich: Was hast du zu bieten? Dieses Jahr ist deine Chance. Noch nie waren so viele Augen auf dich gerichtet. Wenn du es schaffst, uns alle 30 Tage über Wasser zu halten, könnte das deine Beliebt-heitswerte enorm verbessern. Laubhaufenspringen? Freiluftyoga? Lichtermeereintauchen? Zeig, was du kannst. Wir machen mit!

 

Im November ziehe ich um zu Chrismon: Dort gibt es jeden Tag einen Text: Lichtblick-Blog

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Jetzt

Gibt es jetzt auch hier als Postkarte.

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Hallo Herbst!

 

Gestern saßen wir lachend am Tisch, während die Kanzlerin im Fernsehen inständig darum bat, Kontakte einzuschränken. Die Zahlen sind höher als im Frühjahr, aber so richtig angekommen ist es noch nicht. Der Sommer hat eine Tür geöffnet, und es fällt schwer, sie wieder zu schließen. Dabei ist es drinnen auch schön. Trotzdem fühlt sich eine Seite in mir wie ein Kind, das noch nicht aufhören will zu spielen. Weil es sich nicht vorstellen kann, wann dieses „Morgen“ ist, an dem es weiterspielen wird. Zum Glück bin ich meistenteils erwachsen, was langweiliger klingt als es ist. Im Gegensatz zu meinem fünfjährigen Ich weiß ich nämlich mittlerweile, wie viele Schlupflöcher es gibt, die das Leben lebenswert machen. Hallo Herbst. Ich komme!

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Was du willst

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Sandmännchen und Westpakete

3. Oktober 1990

Ich habe den Fernseher angemacht. Die DDR war für mich LPGs und eine Mauer, die unfassbar anmaßend, aber nicht meine ist. Jetzt steht sie offen.

Ich bin schon drüben gewesen. Ostern, mit Zelt. Mal gucken, was für ein Land das ist. Nicht mein Land, soviel ist klar. Das Wort „Wiedervereinigung“ kenne ich nur aus dem Mund der Ewiggestrigen. Die auch Ostpommern und das Elsass wiederhaben wollen.  Ich hocke in Jeans auf dem Sofa und fühle mich fremd im Jetzt. Was da 400 Kilometer östlich geschieht, ist irgendwie nicht mit mir abgesprochen. Warum scheint es für alle so selbstverständlich, dass aus zwei Staaten einer wird? Können wir uns nicht erstmal kennenlernen? Wer sagt denn, dass wir zueinander passen? Kohl sieht satt und zufrieden aus. Er spricht von blühenden Landschaften und klingt, als habe er eine Putzkolonne losgeschickt, die eben mal alles auf Vordermann bringen soll. Ich pule die Kerne aus ein paar letzten Pflaumen und stecke mir eine in den Mund. "Einigkeit und Recht und Freiheit" singen sie im Fernseher, und ich höre "Deutschland, Deutschland über alles". Ich schalte ab. Wie wird das alles werden?

 

30 Jahre später.

Der Zug von Hamburg fährt durch. Landschaft rauscht vorbei. Ackersenf blüht. In knapp vier Stunden werde ich in Erfurt sein. Neben mir sitzt Matthias. Ostkind, sagt er. Wir haben Bleistifte im Koffer und leere Hefte. Wir werden uns zusammenschreiben: Mario aus Zwickau, Silke aus Ostfriesland, Kirstin aus Berlin, Werner aus Köln, Marion aus Magdeburg und all die anderen. Auf den Fluren tragen wir Masken, in unseren Texten zeigen wir uns. Erzählen, was wir gewonnen haben: Reisefreiheit. Hiddensee. Eierschecke. Ich-sagen. Wir-denken.

Den Polizeiruf 110. Deutsche Geschichte an Originalschauplätzen: Goethe, Luther, Effi Briest. Einen Beruf nach eigener Wahl. Studieren in England. Das Elbsandsteingebirge zum Wandern. Gundermann. Wahlfreiheit. Levis-Jeans. Und immer wieder: Freundschaften. Entweder-oder wird zu sowohl-als-auch. Wir schreiben Liebeserklärungen an die Demokratie. Wir lachen über unsere Nostalgie. Probieren Bambina und Milky Way, und beides ist vor allem quietschsüß. Unter freiem Himmel singen wir von Gedanken, die frei sind. Wir finden Utopien für die nächsten 30 Jahre: Der Himmel ist blau. Das Kind fragt, was eine Grenze ist. Einigkeit und Recht und Freiheit. Heimat ist ein Tuwort.

 

Das Ost-West-Schreiben setzen wir fort: Vom 3.-5. Dezember 2021 mit der Ev. Akademie Thüringen in Neudietendorf.

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Nuancen und Pferdefüße

„Guten Morgen, mein Lieber.“ Der Teufel ist erstklassig gekleidet. Weißes Hemd, schwarzer Blazer, während Gott einen gewagten Mustermix trägt. „Ich bin nicht dein Lieber“, widerspricht er. „Nana, wer wird denn so mürrisch sein? Predigst du nicht immer die Liebe? Aber ich verstehe dich. Seit selbst ‚Gutmensch’ zum Schimpfwort geworden ist, schwimmen dir die Felle davon. Du solltest über dein Konzept nachdenken. Es ist einfach zu komplex.“

Seit einigen tausend Jahren treffen die beiden einander regelmäßig. Auf Initiative des Höchsten. Er nennt das „die andere Seite sehen“, was der Teufel insgeheim lächerlich findet. Einseitigkeit liegt ihm mehr, aber da er sich gern präsentiert, lässt er kein Treffen ausfallen. 

Die Zeit des Schwefels und der Pferdefüße ist vorbei. Seriosität ist das Motto des neuen Jahrtausends, seitdem hantiert er nicht mehr mit der Hölle, sondern mit Statistiken. „Und die Quellen?“, fragt Gott. „Die sind doch total zwielichtig. Wenn du sie dir nicht gleich ausgedacht hast!“ Der Teufel sieht ihn mitleidig an. „Als ob die Leute sich für Quellen interessieren. Ich verstehe mich als Dienstleister. Es prasselt heutzutage so viel auf die Leute ein: Klimawandel, Ausländer, neuartige Viren, vegane Leberwurst. Das überfordert viele. Ich vereinfache den Leuten ihr Leben. Ich sortiere vor.“

„Allerdings völlig einseitig!“

„Das ist mein Markenzeichen. Keine Widersprüche. Kein Sowohl als auch. Schwarz oder weiß.“

„Ich habe den Menschen den Regenbogen gegeben“, schwärmt Gott. „Den lieben sie. Gerade wegen der Vielfalt. Die Welt ist nicht eindeutig. Kannst du dir einen Regenbogen in schwarz-weiß vorstellen?“ „Sie lieben deinen Regenbogen auf Postkarten und Facebook-Bildern. Solange er romantisch ist. Metaphorisch hat er ausgedient. Zu viele Nuancen. Das ermüdet und verunsichert nur. So, jetzt muss ich los. Ich bin mal wieder auf eine von diesen Demos als Redner eingeladen. Bis bald, mein Lieber!“ 

Gott rümpft die Nase. Den Schwefelgeruch wird er nicht los, denkt er. Ich muss ihn aushalten. Das gehört wohl zur Ambiguitätstoleranz dazu. Dann bricht auch er auf. „Ich glaube an euch“, flüstert er seinen Menschen ins Ohr. „So einfältig seid ihr nicht. Wer seit Anbeginn der Welt mit Widersprüchen lebt, hat Übung darin.“

 

So geht’s: Ambiguitätstoleranz: Die Fähigkeit, Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen und ertragen zu können und Diskussionen trotz allem wohlwollend fortführen zu können, ohne dabei aggressiv zu reagieren.

 

in: Welt der Frauen www.welt-der-frauen.at (gekürzt)

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In meinem Kopf

 

Die Einfälle sitzen wie Krähen in meinem Kopf und warten. In dem Moment, wo ich nicht mehr nach ihnen schaue, fliegen sie auf, sonderbar und schön. Die besten Einfälle sind die, die mich selbst überraschen. Sie stellen Zusammenhänge zwischen Dingen her, die ich nicht erwarte. Was hat Rost mit Freiheit zu tun? Ein Ohrensessel mit Demokratie? Was haben Himbeeren mit dem Tod zu tun? Wenn ich wüsste, dass ich sterbe, wäre ich traurig. Ich bin noch nicht satt. Meine Vorbilder fürs Leben sind mein Opa, Angela Merkel und Astrid Lindgren. Alle drei haben mit Emanzipation zu tun. Ein größtes Vorbild habe ich nicht. Vielleicht, weil ich Größe misstraue. Als es mal eine Sonnenfinsternis gab, musste ich mich zwingen, nicht in die Sonne zu schauen. Ich tat es trotzdem, ganz kurz. Ich schaue lieber hin als weg. Manchmal ist das nicht so klug. Wahrscheinlich sind 34% aller Dinge, die ich tue, nicht so klug, befriedigen aber meine Neugier. 

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Urlaub

Im August macht Gott Urlaub auf dem Campingplatz Deichblick. Sein Wohnwagen steht ganz hinten bei den Müllcontainern. Es riecht ein bisschen, besonders mittags, wenn das Thermometer hochklettert auf dreißig Grad und die Luft über dem Asphalt flirrt. Die anderen Plätze sind alle vergeben. An Camper, die lange vor Gott da waren.

"Gebucht bis 2034", sagt Manfred aus Wuppertal und Gott staunt. Solange im voraus denkt er gar nicht. "Musste aber", sagt Manfred. "Wenn du 'n Platz inner ersten Reihe willst, sogar noch länger." Er sei keiner für die erste Reihe, sagt Gott. Nie gewesen. Manfred ploppt ein Bier auf und reicht es Gott rüber. "Prost und nichts für ungut, aber so kommste nie auf 'nen grünen Zweig. Ich hab' hinten bei den Toiletten angefangen. Und jetzt? Reihe drei, sogar mit Vorgarten!" Seine Augen glänzen stolz. "Alles nur, weil ich dem Platzwart ständig in den Ohren lag." "Das kenne ich", seufzt Gott.

"Ach", staunt Manfred und rülpst dezent. "Was machste denn beruflich? Biste etwa auch Platzwart?"

"So ähnlich", sagt Gott, und dann erzählt er von seinem Platz. Dass der ziemlich groß sei, Meer- und Bergblick, Sommer- und Winterbetrieb. "Nur, dass die Leute sich selbst aussuchen, wo sie bleiben wollen. Keine Reservierungen. Keine Stammplätze." Er mische sich da nicht ein. Manchmal trinke er ein Bierchen mit und schaue, dass die Geranien Wasser kriegen.

Manfred schielt unter seiner Kappe hervor. "Und das funktioniert?"

Gott wiegt den Kopf. "Mal besser, mal schlechter. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf."

Ein Wohnwagen der Marke "Luxor Privileg" rollt vorbei. Manfred kratzt sich nachdenklich am Bauch. "Bist wohl so'n Optimist?"

Aus seinem Mund klingt das wie eine seltene Tierart. Gott lächelt. "Schon immer gewesen, Manfred, schon immer gewesen. Prost!"

 

Schönen Sommer! Hier geht es weiter Mitte September.

 

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Schreiben. Auf der Wiese

Fliegen stieben ins Gesicht -

ein Gedicht?
So klappt das nicht.

 

Käfer krabbeln

Leute brabbeln

Sonne sticht - 

ein Gedicht?

Ist nicht in Sicht. 

 

Brauche Schatten 

unter Latten-

zaun und Dach - 

das Gedicht?

Das fällt wohl flach.

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Feinste Wahl

 

 

 

 

Die Betonung ändern.     

Die Welt umrunden      

in meinem Zimmer.     

Die Auslage meiner      

Habseligkeiten betrachten,     

etwas entdecken,     

das längst da ist:     

Ein Kamm, ein Buch, ein Kissen,     

dich.     

Feinste Wahl.     

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Ernstfall

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Gehen_Bleiben

Kippe Name, Telefon und Notizbuch aus. Dann ist der Rucksack leer. Ich lasse ihn stehen. „Du musst Wasser mitnehmen“, sagt Olga. 

„Was ich brauche, finde ich unterwegs.“ Ich tue so, als sei ich mir sicher. 

Die Sonne steht schon tief. Man bricht nicht nachmittags auf. Nachmittags kommt man an. Aber ich will nicht länger warten. Wenn ich jetzt nicht gehe, gehe ich nie.

„Warum willst du eigentlich gehen?“, fragt Olga. Ich suche nach Feindseligkeit in ihrer Stimme, doch da ist nichts. Sie hockt auf der Mauer und lackiert ihre Nägel. Sechs Zehen sind schon rot. Olga nimmt immer Rot. Rosé oder Lavendel kommen nicht in Frage. Olga macht keine halben Sachen. Olga würde auch nie weggehen. Sie ist viel zu sehr hier.

Mit ihren Luchsaugen schaut sie mich an. Sie sagt nicht: Bleib. Gehen ist einfacher als bleiben. Hinter jeder Biegung könnte alles anders sein. Ich lebe gern im Könnte. „Das ist alles?“, fragt Olga überrascht. Und dann: „Soll ich deine Zehen auch machen?“

Ich zögere. Lege meine Füße in ihren Schoß. 

Wir wissen beide: Jetzt kann ich nicht mehr gehen. 

Der Pinsel biegt sich bei jedem Strich. Darunter leuchtet es rot. 

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Kindergebet

 

 

Lieber Gott,

 

hast du auch die Mücken lieb

und die Flöhe auf meinem Hund

und den fetten schwarzen Käfer

und den Mann mit dem großen Mund?

Und im Meer die Feuerqualle

Und die Frau, die so komisch riecht

Und die ekelige Schnecke

Und den Dino, den’s nicht mehr gibt?

 

Zeig mir doch, wie man liebt.

 

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Übermorgen

Heidi Klum feiert Erfolge mit einer Du-bist-schön-wie-du-bist-Show. 

Was ist passiert?

Instagram und Facebook stellen mangels Interesse ihre Dienste ein. 

Was ist passiert?

Die Päpstin schafft ihr Amt ab. Was ist passiert?

Gott veröffentlicht seine private Telefonnummer. Was ist passiert?

Das Gefühl, nicht zu genügen, ist nur noch eine ferne Erinnerung. 

Was ist passiert?

Flüge für Distanzen unter 1500 km starten nicht mehr und keinen stört es. Was ist passiert?

Jeder wird von irgendwem geliebt. Was ist passiert?

Der letzte Mensch, der je einen anderen Menschen getötet hat, stirbt geläutert im Alter von 93 Jahren im Kreise seiner Lieben. 

Was ist passiert?

In einem alten Tagebuch lese ich, dass ich ständig gestresst bin. Das Wort habe ich seit 7 Jahren nicht mehr benutzt. Was ist passiert?

In der Kirche treffen sich jeden Abend 237 Leute. Manchmal auch mehr. Was ist passiert?

Ich bin glücklich. Die anderen auch. Was ist passiert?

 

Zusammen das Heute von Übermorgen her denken. Wohnzimmerkirche Futur II am 12. Juni.

 

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Wunder regnen

Die Hoffnung soll immer zuletzt sterben. Egal, ob Flutkatastrophe oder Lottogewinn, Hirntumor oder Liebeskummer. Immer muss sie ausharren bis zum bitteren Ende. Egal, wie hoch die Chancen stehen. Das arme Ding. 

Ich stelle mir vor, dass sie hier und da gern sagen würde: „Leute, es tut mir leid. Nehmt’s mir nicht übel, aber hier kann ich wirklich nichts mehr ausrichten. Lena
 wird Holger nicht küssen, auch in hundert Jahren nicht. Nicht jeder Lahme wird gehen können. Sorry.“ Sie meint das nicht böse, sie traut sich nur, der Realität ins Auge 
zu sehen. Und deren Augenfarbe ist manchmal eben nicht rosa. Sie würde dann gern weitergehen. Weil sie sieht, was nach der Katastrophe kommt. Denn ein „Danach“ gibt es immer. Darin ist die Hoffnung eine Meisterin. Egal, ob Himmel oder Holger, sie ist schon zwei Schritte voraus. Unsereins kann sie da schnell mal aus dem Blick verlieren. Aber das macht nichts. An der nächsten Ecke wartet sie geduldig, bis man wieder aufgeholt hat, und dann führt sie einen in ein Land, das man sich nicht hätte träumen lassen. Die Hoffnung hat ihre Augen überall, am liebsten aber in der Zukunft. Und da gibt es immer irgendetwas Rosiges. Auch, wenn man selber noch schwarzsieht.

 

100 Seiten Hoffnungstexte. Weil man manchmal einfach was Positives braucht.

Mit Beiträgen von vielen anderen und mir: Vielleicht lässt jemand Wunder regnen. Susanne Breit-Keßler, Frank Muchlinsky (Hrsg.), edition chrismon | Deutsche Bibelgesellschaft

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Nix Neues

 

 

 

 

 

 

 

Nein, das ist keine Bio-Maske, sondern ein Holunderbusch.

Wenn man die Nase reinsteckt, sieht die Welt gleich anders aus. Zumindest riecht sie anders: frisch, zitronig, leicht. Das ist mein Tipp gegen Corona-Blues. Das Leben war selten so viel Jetzt wie jetzt. Alle, die noch nie viel von Planung hielten, sind klar im Vorteil. Ich übe das jeden Tag und helfe mir mit einem einfachen Gedankenspiel: Je einladender ich die Gegenwart gestalte, desto mehr Lust hat die Zukunft zu kommen. 

Und sonst? Habe ich mehr am Schreibtisch als im Zug gesessen, zoomen als Verb in meinen Wortschatz aufgenommen, immer (na gut, meistens) das Positive gesehen, die Sprache der Meisen studiert und ein Buch geschrieben. Jetzt ist es fertig. Wenn Ihr schon mal gucken wollt, wie es aussehen wird, klickt hier. Bald, ganz bald gibt es auch wieder neue Engelimbiss-Texte. Wenn ich aus dem Urlaub zurück bin.

Habt es gut!

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Roséwein und Entenküken

„Ein Glück, dass ich dich treffe“, sage ich und Gott nickt etwas zerstreut. „Geht’s dir nicht gut?“, frage ich ängstlich, denn das wäre es ja, wenn man sich jetzt auch noch Sorgen um Gott machen müsste. Deshalb rede ich lieber gleich weiter. „Es reicht, hörst du? Ich finde, dieses Virus sollte jetzt langsam mal aufgeben.“ Gott nickt und seufzt: „Das finde ich auch.“

„Dann tu was“, rufe ich, denn Seufzen hat noch nie geholfen, etwas zu verändern. „Vernichte es, verwandle es, mach, dass es aufhört!“

Er sei kein Seuchenexperte, sagt Gott, dafür gäbe es Fachleute. Die kennen sich gut mit Viren aus, auf die vertraue er.

„Und wenn sie sich irren?“

Das sei natürlich möglich, sagt Gott. Deshalb vertraue er auch auf die Fragen der anderen, dass sie nicht nachlassen, zuzuhören und mitzudenken.

„Vertrauen …“, murmele ich und klinge vermutlich enttäuscht, weil ich mir etwas Handfesteres wünsche.

„Du willst Sicherheit“, sagt Gott, und ich nicke, obwohl ich weiß, dass Sicherheit eine Sackgasse ist. „Deshalb habe ich das alles hier“ – er macht eine raumgreifende Bewegung, „auf Vertrauen aufgebaut. Ich glaube daran. Ich vertraue darauf, dass ihr klug und mutig genug seid, euer Herz und euren Verstand zu nutzen. Ich glaube an eure Widerständigkeit, die habe ich in eure DNA gelegt, an eure Fragen und euren Zweifel. Vergesst die nicht. Ich vertraue auf euren langen Atem, den habe ich in Jahrtausenden mit euch geübt. Ich vertraue auf eure Wachsamkeit. Es reicht, wenn einige wachen und die anderen sich wecken lassen. Wechselt euch ab. Ich vertraue auf eure Phantasie, denn die habt ihr von mir. Im Übrigen vertraue ich auf Butterblumen, Roséwein und Entenküken und finde, dass es ein paar ausgezeichnete Serien gibt.“

„Du überraschst mich immer wieder“, murmele ich wie zu mir selbst, und mir fällt plötzlich auf, wie hell der Himmel an diesem Abend ist.

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Aufstehen

Ich färbe Eier und male in Goldbuchstaben ein A und ein O.

Ich hole grüne Zweige herein, den Teig knete ich für das Osterbrot. Ich habe Öl gekauft, es riecht nach Rosen, das geht unter die Haut. Ich kenne die Gesänge, angestimmt in einer fernen Welt und ohne Ende gesungen. Dies ist die Nacht.

Ich stehe auf und schleiche mich hinaus, bevor die anderen erwachen. Keine Ahnung, was ich erhoffe, aber der Morgen wird da sein, die Vögel werden da sein, und ich – ich werde auch da sein. Vielleicht begegne ich einem in weißen Kleidern, auch wenn das wahrhaft unwahrscheinlich ist. Aber Ostern ist sowieso nichts für Kopfrechner.

 

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Erinner dich: Brot, Wein, zusammen sein

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Ob Ostern wird

Ob Ostern wird, fragst du ängstlich,

und ich sage, natürlich wird Ostern.

 

Aber wer singt die Lieder,

wer bringt das Licht herein?

Wer steht auf, früh vor der Sonne,

wer segnet die Angst,

wer himmelt die Erde?

 

Du, sage ich, und ich.

Und die anderen

an ihren Küchentischen,

zwischen Legosteinen

und beim Melken der Kuh.

Bei der ersten Schicht in der Tankstelle,

nach unruhigem Traum im Krankenbett,

mit müden Augen am Taxistand.

Im Pausenraum morgens um vier,

zwischen Narzissen und Windrosen,

woimmer und überall.

 

Tägliche Texte schreibe ich gerade auf dem Lichtblick-Blog von Chrismon.

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Stubenhocker

Im Wohnzimmer sitzt ein Engel. Er sagt, er sei ein Stubenhocker. Endlich dürfe man das ohne schlechtes Gewissen sein. Kein Pilateskurs, kein Theater-Abo, der Lesezirkel fällt aus, ebenso der Esperanto-Kurs für Fortgeschrittene, es gibt einfach keine Freizeittermine mehr, die man einhalten muss. Er werde, sagt er, jetzt einfach hier sitzen und vielleicht etwas lesen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht werde er auch nur schauen. Draußen sei vor 20 Minuten eine Meise gelandet und habe geprüft, ob der Zweig trägt. Eine Wolke habe sich in ein Schaf verwandelt. Das Gras sei gewachsen, aber, wendet er ein, da müsse man schon sehr genau hinschauen. Er sieht mich erst mitleidig, dann aufmunternd an. Man könne das lernen, fügt er hinzu und fragt, ob ich mich zu ihm setzen wolle. 

Warum nicht, denke ich. Von einem Engel kann man bestimmt was lernen.

 

Übrigens: Ab morgen schreibe ich für Chrismon täglich einen "Lichtblick". Schaut vorbei!

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Always look on the bright side...

Was mir gerade gut tut:

 

Dinge ordnen. Küchenschrank. Wäsche. Bücher. 

Der Luxus, einfach jeden Tag mit einem Brötchen zu frühstücken. Um 11 Uhr. 

Blumen einpflanzen.

Ungelesene Bücher lesen.

Ausgiebiger an einem Text feilen als sonst.

Die plötzliche Ruhe genießen.

Der Stimme widerstehen, die raunt: Du darfst jetzt nicht genießen. 

Auch dem Aktivismus widerstehen, das ganze offline Leben online stattfinden lassen zu wollen.

Bärlauchpesto machen. 

Bärlauchpesto essen.

Atmen üben.

 

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Haus der Träume

Jakob kann nicht schlafen. Weil die Gedanken in seinem Kopf Hip-Hop tanzen und weil ihm der nächste Tag bevorsteht und ein Date, vor dem er Angst hat. Er steht auf und geht hinaus in die Nacht; ich stelle mir vor, wie er dasteht und in die Sterne guckt, sich eine Zigarette ansteckt und die Füße schneller kalt werden als der Rest.

Da wirft ihn etwas um. Ein Unbekannter reißt ihn zu Boden. Sie ringen miteinander, ich sehe sie kämpfen, keiner gewinnt, denn ums Gewinnen geht es nicht. Ich höre das Keuchen ihres Atems, keiner lässt los, keiner sagt: Lass uns reden. Die beiden ringen miteinander, bis das Morgenrot die Geister der Nacht vertreibt. Der Unbekannte versucht, sich loszureißen. „Ich lasse dich nicht gehen“, ruft Jakob, „gib mir erst deinen Segen.“ Er bekommt ihn, weil er darum gekämpft hat.

Die Geschichte ist uralt und sie ist meine Geschichte.

Ich will Jakob sein, der Gott den Segen abringt. Kein Ringelpiez, kein frommes Gerede, niemand sagt „zauberschön“. Aber es ist echt.

Jakob sagt, Gott sei manchmal zum Greifen nah.

Wohl eher handgreiflich, sage ich.

Das sei die andere Seite, sagt er. Wenn du nicht in einer Wattewelt leben willst. Kann sein, dass er dich umhaut.

 

                                                                                                                                 Weiterhören oder lesen: Haus der Träume im Deutschlandfunk

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Für Ferhat, Gökhan, Hamza, Said Nessar, Mercedes, Sedat, Kalojan, Fatih, Vili, Gabriele

 

 

 

eine Kerze brennt

etwas vergolden

während der Regen

gleichmäßig ans Fenster klopft

hass hat

nicht das letzte Wort

 

 

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Herrschaft

 

 

 

Heute Morgen zeigt der Himmel in Blau, dass es ihn noch gibt.

In einer Parallelwelt erklärt ein Papst, dass es Frauen schaden könne,

wenn sie Priesterinnen werden. Es muss sich um einen zweifelhaften 

Beruf handeln.  Auf Facebook feiert eine Pastorin ihr 42-jähriges Dienstjubiläum.

Sie sieht glücklich aus im Talar. Ihr Lippenstift passt zu ihrem Lachen.

Ich wende mich anderen Dingen zu und lese einen Text, in dem Adjektive

die Herrschaft übernehmen. Sie sind gerissen, weil sie vorgeben, freundlich zu sein.

Aber auch mit Freundlichkeit kann man Subjekte ersticken.

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Januarmorgen

Das Jahr ist nicht mehr ganz frisch. Es hat schon Moos angesetzt, kein Wunder bei dem ganzen Regen, der doch eigentlich Schnee sein sollte. Aber er richtet sich nicht nach mir, vielleicht fühlt er sich flüssig ganz wohl. Im neuen Jahr soll man sich verändern, überall Aufbruch, mir wird schwindelig davon. Ich finde, der Januar ist ein Monat, in dem man erstmal atmen kann. Bevor man losstürmt, wer weiß wohin. Ausatmen. Die Kaffeetasse sehen. Einatmen. Die Kontoauszüge taxieren. Einatmen. Einen Schluck Kaffee trinken. Ausatmen. Die leeren Stifte wegwerfen. Einatmen. Die E-Mails erst in zwei Stunden lesen. Ausatmen. An Harry, Meghan, den Sommerurlaub, das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, Wandfarbe, an nichts und alles denken. Einatmen. Nicht behaupten, dass das eine Meditationsübung sei. Ich schmiege mich in die Halskuhle des Januars und denke, wie weich doch Moos ist.

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Als der Weihnachtsmann auf dem Weg nach Hause ist

Als der Weihnachtsmann auf dem Weg nach Hause ist, trifft er die drei Fremden. Sie halten Pakete in den Händen. „Bisschen spät, Kollegen. Ich hab’ alles abgeliefert: Iphones, Krawatten, Legosteine. Ich sag’ euch: Mir reicht’s! Was habt ihr dabei?“ 

„Gold, Weihrauch und Myrrhe.“ 

Der Weihnachtsmann zieht eine Augenbraue hoch. „Das ist doch nicht euer Ernst! Gold, ja, das geht immer. Aber das andere Zeugs? Was soll man damit anfangen?!

Die drei Fremden lächeln. „Gold ist das Wertvollste, was wir haben“, sagt der erste.

„Weihrauch ist für das, was uns heilig ist“, ergänzt der Zweite. „Und Myrrhe heilt, wenn einer Schmerzen hat“, schließt der dritte. Der Weihnachtsmann seufzt. „Das könnte ich auch brauchen! Für meine Schultern. Dieser schwere Sack! Und innendrinn – wisst ihr, wie es bei mir innen drin aussieht? Daran denkt keiner! Für mich interessiert sich niemand. Alle wollen immer nur haben, haben, haben! Heimlich lachen sie über meinen Bart und dass ich so altmodisch bin. Manchmal glaube ich selber nicht mehr an mich!“ Die Fremden nicken verständnisvoll. „Wir glauben an dich“, sagen sie. „Komm doch mit uns!“ Der Weihnachtsmann guckt die drei traurig an. „Aber ich habe keine Geschenke mehr. Kein einziges!“ „Das macht nichts“, sagt der erste. „Es reicht, dass du da bist“, sagt der zweite. „Vielleicht beschenkt dich das Kind, das wir suchen“, sagt der dritte.

„Was kann so ein Kind denn schon zu geben haben?“ „Finde es heraus.“ Und so sind sie plötzlich zu viert und folgen dem Stern.

Viele schließen sich ihnen an.

 

 

Helle Tage, frohe Nächte und auf Wiedersehen im nächsten Jahr!

 

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Freunde

Die Eichhörnchen, meine Freunde

legen Nüsse in die Krippe

draußen der Schnee

warmer Atem

malt Wölkchen in den Stall

eine Nachtigall ist geblieben

sie singt

gegen die Kälte

in den Straßenschluchten der großen, 

weiten Welt

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Unterwegs

„Woher kommt ihr, wohin wollt ihr?“, fragt man uns.

„Wir haben den Stern gesehen. Er zeigt uns etwas, das ist größer als alles.“

„Was kann schon größer als alles sein?“

„Die Sehnsucht“, sagen wir. 

„Die Sehnsucht kann man nicht greifen.”

Wir widersprechen:

„Die Sehnsucht ist ein Kind, das beschützt werden will.

Die Sehnsucht ist nackt und sie schämt sich nicht.

Die Sehnsucht wartet, wo wir nichts erwarten.“

Draußen wartet die Nacht. 

Der Stern führt uns in die Weite. 

Hinaus aus der Stadt, auf die Felder. Der Weg verschwindet im Gras. 

Erschöpft lassen wir uns nieder.

Einer sammelt Holz.

Eine entzündet das Feuer.

Einer bläst in die Glut.

Wir schweigen lange. 

„Die Sehnsucht ist ein Kind, das beschützt werden will“, wiederholst du.

„Und wenn wir sie finden? Was sind wir bereit zu geben?“

Wir breiten unsere Gaben aus:

Weihrauch, weil die Sehnsucht das Heiligste ist, was wir haben.

Myrrhe, weil Sehnsucht manchmal schmerzhaft ist.

Gold, weil die Sehnsucht das Wertvollste ist.

Wir schauen ins Feuer.

Wir schweigen uns zusammen, bis wir einschlafen,

Schulter an Schulter.

 

Die Könige in der "Wohnzimmerkirche"

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Wild und frei

Wir sitzen im Boot und der Wind zaust die Bäume. Der Himmel ist so blau. In diesem Moment bist du da. Ich könnte dich niemandem erklären, wollte es auch gar nicht. Ich habe keinen Namen für dich und erst recht kein Bild. Manchmal tauchst du mit einer Wucht in meine Gegenwart, die mich wanken lässt. Ich halte das Paddel still und mein Gesicht in deine Richtung. Das Wasser schwappt gegen den Bug und wir wippen zusammen auf den Wellen. Ich höre das Glucksen, sonst nichts. 

Wir reden nicht, ohnehin reden wir selten. Worte sind zwischen uns eher eine Krücke. Ich brauche sie, wenn es mir schlecht geht. Dann rufe ich dich, dann sage ich „lieber Gott“, in Ermangelung einer anderen, einer besseren Anrede. Aber vielleicht ist sie auch gar nicht schlecht, sie drückt Nähe aus und etwas Zärtliches. Anders kann ich dich nicht denken, weil ich dich anders nicht erlebe. Wenn du fern bist, sehne ich mich nach dieser Nähe. 

Ich habe Gebete gelernt. Liebergottmachmichfrommdassichindenhimmelkomm war mein erstes. Es fühlt sich nach Daunenbett an und riecht ein wenig nach Mottenkugeln. Damals holte Oma dich dazu, wenn sie kam und mir Gute Nacht sagte. Ich hatte keine Ahnung, wer du bist, aber Oma schien es zu wissen und das reichte. Sie holte dich, damit ich besser schlafen konnte und vielleicht auch, damit der Marder mir weniger Angst machte. Ich lernte dich also im Bett kennen. Kann sein, dass das unsere Beziehung prägt. 

Später lernte ich mein erstes Erwachsenengebet. Vaterunser murmelten alle zusammen, das klang ernst, und wenn es gut lief, auch feierlich. Alle konnten es, nur ich musste es erst lernen. Ich fühlte mich wie eine Nachzüglerin, als hätte ich die ersten Jahre geschwänzt, hätte zuviel in den Wiesen gespielt, Frösche gejagt und Blaubeeren gepflückt, während die anderen in der Kirche saßen. Ich hörte, dass dieses Gebet wichtig sei, weil es alle schon immer beten. Alle sind eine ziemlich große Menge, dagegen kann man nicht an. Also murmelte ich mit. Am besten gefiel mir die Zeile von der Kraft und der Herrlichkeit in Ewigkeit; nicht, weil es die letzte war, sondern, weil sie wie ein Zauber klang. Wie eine Beschwörungsformel, der ich mich auch heute nicht entziehen kann und du dich ja vielleicht auch nicht. Ich lasse mich gern von dir verzaubern. 

Dann kamen die anderen, die sogenannten freien Gebete. Sie haben keinen Reim und keinen Rhythmus, man sagt einfach, was einem gerade einfällt. Meistens sind es Dinge, die du tun sollst. Vorher bedankt man sich für irgendetwas, ich nehme an, es handelt sich dabei um einen Akt der Höflichkeit. Sie werden laut gesprochen, andere hören, was ich dir sage, das war mir immer schon ein bisschen peinlich (und dass es mir peinlich ist, ist mir auch peinlich.) Vielleicht geht es dir ähnlich. Jedenfalls traf ich dich bei diesen Gebeten nur selten, meistens wartetest du draußen. Ob du nicht reinkommen willst, habe ich gefragt, aber du hast nur den Kopf geschüttelt und mir ein paar Kirschen entgegengehalten. Weil du mich kennst. Weil du weißt, dass ich lieber mit dir Kirschen esse, als die Worte da drinnen zu schlucken, die immer ein bisschen nach Gebrauchsanleitung klingen. Tu dies, tu das, denk an jenes. Sie flirten nicht, sie verhandeln, aber das vertraue ich nur dir an, weil ich ahne, dass nicht jeder versteht, was ich meine. 

Dass du mich verstehst, daran glaube ich. Weil wir zusammen durch die Felder gestreift sind. Haben Ähren gerauft und uns Weizenkörner auf die Zunge gelegt und Worte, an denen wir uns nicht die Zähne ausgebissen haben. Wir haben zusammen an Papas Grab gestanden, ich glaube, du hast geweint. In der Nacht haben wir mit den anderen zur Gitarre gesungen, der Mond schien, und ich dachte, wie schön du singst. Wir haben getanzt bis in den Morgen, Schweiß glänzte auf unserer Haut. Zusammen haben wir Weihrauch gerochen und Leuchtalgen durch die Hände gleiten lassen. Wir haben unterm Nordlicht gestanden, Träumende gesehen und nicht aufgehört zu staunen.

Du bist wild und zärtlich und unendlich frei. Damit lockst du mich. Du holst mich hinaus ins Weite. Meine Sprache endet bei dir. Du bist nicht Vater und nicht Mutter für mich. Du bist kein „Er“, du bist nicht „Sie“ und schon gar nicht bist du „Es“. Du bist jenseits aller Definitionen. Du bist. Unsere Schultern berühren sich manchmal, dann lehne ich mich hin zu dir und bewege mich nicht, solange der Moment dauert. Ich liebe ihn. Ich will ihn festhalten. Ich will dich festhalten, will mein Zelt aufschlagen für uns, will aus dem jetzt ein ewig machen. Ich musste lernen, dass du dich nicht festhalten lässt. Darin bist du eindeutig. Ich habe dich nicht in der Hand. Aber du kommst wieder. Darauf vertraue ich, ich vertraue darauf, dass wir zueinander gehören, ohne uns ständig unseres Daseins versichern zu müssen.

Manchmal rufe ich dich. Flüstere in der Nacht mit lautloser Stimme deinen Namen. Sage dir ein paar Sätze, Geheimnisse oft. Du bist der einzige, dem ich sie alle anvertraue. Meistens schlafe ich darüber ein und dann bis ich doch wieder im Daunenbett. Ich schlafe gern in deiner Gegenwart.

Wie andere mit dir reden, weiß ich nicht. Wahrscheinlich treffen sie dich an anderen Orten, in Kirchen oder Hörsälen, an Tankstellen oder Krankenbetten, beim Stricken oder Bingospielen. Ich weiß, dass du auch da bist, wo ich nicht bin. Dass du an Orten bist, die mir fremd sind. Wo du mir fremd bist. Das ist gut so. 

Ich könnte mich sonst zu sehr an dich gewöhnen.

 

in: Andere Zeiten 3/2019, Buß- und Bettag

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Mauern stürzen

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, einander zu lieben.

Weil Liebe kein Gefühl ist, sondern eine Fähigkeit.

Weil Liebe süßer ist als Milch und Honig.

 

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, zu hoffen.

Weil Hoffnung keine Garantieleistung ist, sondern eine Verheißung.

Vielleicht wird es ganz anders als wir denken.

Vielleicht werden wir ganz anders als wir denken.

 

Der Himmel ist hier.


Wenn wir ihn hier nicht finden, finden wir ihn nirgendwo.


Ich glaube daran, dass wir träumen können.

Weil ein Traum immer der Anfang ist.


Lasst uns zusammen träumen von uns


Die wir sind


Und die wir sein werden


 

Wir sind ein Volk. 

Der Himmel ist: hier 

 

Wohnzimmerkirche am 8. November "Wenn Träume Mauern stürzen". 

 

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Mio sieht was

 

Mio kann Angst sehen. Angst ist orange, ein grelles, beißendes Orange. Mio sieht, wie Schnecken lachen. Er sieht auch, wie sein Kaktus auf der Fensterbank wächst. In einer Nacht im Oktober sieht Mio Gott, vielleicht träumt er auch, da ist er nicht ganz sicher. 

„Das macht keinen Unterschied“, sagt Gott, der einen Hut trägt und das wundert Mio, weil er sich Gott ganz anders vorgestellt hat.

„Das meiste, was man sich vorstellt, ist am Ende ganz anders“, gibt Gott zu bedenken und Mio findet, dass das auch wieder wahr ist. 

„Was willst du?“, fragt Mio.

„Dich“, sagt Gott.

Da ist Mio erstmal sprachlos, weil ihm das so direkt noch keiner gesagt hat. Sein Chef nicht, Merle nicht, nicht mal seine Mutter. Meistens ist es kompliziert, weil es meistens ein Aber gibt. 

„Ich habe dich ausgesucht“, sagt Gott.

„Wann?“, fragt Mio, weil er nichts davon bemerkt hat.

„Schon lange. Schon immer. Schon länger als immer.“

Jetzt würde Mio gern wissen, wofür Gott ihn ausgesucht hat. Aber er scheut sich, zu fragen. Wer weiß, was dann kommt. Wer weiß, ob er das will.

Dann fragt er doch. „Wofür?“

„Du sollst die Welt retten.“

Mio reißt die Augen auf. „Geht’s nicht eine Nummer kleiner?“

„Nein“, sagt Gott. „Bedaure.“

Mio sieht, dass er es ernst meint. Trotz des Hutes.

„Das kann ich nicht!“, ruft Mio. „Wer sollte denn auf mich hören? Ich bin zu jung. Sogar Merle sagt, ich bin sonderbar. Ich kann nicht reden. Jedenfalls verhaspele ich mich an den wichtigen Stellen. Ich habe keine Ahnung, wie man eine Krawatte bindet. Hast du mal geguckt, wie es aussieht da draußen? Die Trumpserdogansvaterlandsverteidigerdieplatzhirschediemeinmöchtegernpanzerdieichzuerst-dielügenpresseerfinderdiehauptsachekohlemacherdie– hast du die gesehen?“

„Darum ja", sagt Gott. "Einer muss ihnen sagen, dass es so nicht geht.“

„Aber nicht ich!“

„Doch!“

„Nein!“

Das Schweigen, das jetzt folgt, ist ein bisschen unangenehm. Die Luft ist orange.

„Hab keine Angst“, sagt Gott. „Ich bin ja bei dir.“

Mio atmet drei Mal ein und wieder aus. Dann atmet er ein viertes Mal. 

„Was siehst du?“, fragt Gott.

„Ich sehe die Nacht, den Schatten der Lampe, ich sehe deinen sonderbaren Hut, ich sehe eine leere Flasche Bier, den Kaktus und dass ich morgen sehr müde sein werde.“

„Sieh darüber hinaus. Was siehst du?“

Mio schluckt. „Ich sehe eine Welt, die tobt. Ich sehe ein Fass, das überläuft. Ich sehe einen brodelnden Kessel. Ich sehe Risse in der Fassade. Ich sehe Zeit, die abläuft. Ihre Füße sind wund. Ich sehe eine Axt im Wald. Ich sehe Menschen, die aufs Kreuz gelegt werden. Ich sehe Asche auf den Häuptern.“

„Ja“, sagt Gott. „Was siehst du noch?“

„Ich sehe einen Zweig, der blüht. Ich sehe Menschen, die tropfenweise das Feuer löschen. Ich sehe Liebende, die sich an einen Strohhalm festhalten. Ich sehe, wie einer eine Lanze bricht. Ich sehe einen Knoten, der sich löst. Ich sehe, Karten, die offen liegen. Ich sehe eine Schwalbe, sie bringt den Sommer. Sie bringt Freiheit. Sie bringt Alletagefrieden. Sie bringt Glück. Es nistet sich ein, überall, wo jemand das Herz öffnet.“

„Ja“, sagt Gott. „Erzähl davon. Vertrau dem, was du siehst.“

„Aber…“, sagt Mio.

Da berührt Gott Mios Lippen, das fühlt sich an wie ein Kuss und Gott legt Worte in Mios Mund, alle Worte, die man braucht. 

Ein Aber ist nicht dabei.

 

(Steht so oder so ähnlich bei Jeremia 1.)

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Was ich gern höre

Stille

die Nationalhymne nachts im Deutschlandfunk

die Europahymne, anschließend

Ich liebe dich

Ungesagtes

die Worte zwischen den Zeilen

meinen Namen

Kirchenglocken

den Ruf des Muezzin, wenn die Nacht weicht

das Gurgeln eines Baches

das Ping einer WhatsApp

Cellomusik

den Eröffnungstango der Nordischen Filmtage

das Knistern alter Schallplatten

Nebelhörner

 

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Hallo Eva,

du bist die Mutter der Neugier. Du willst Erkenntnis. Manche nennen das Sünde.

Ich glaube, sie nehmen dir übel, dass du sie aus ihrem kleinen Paradies vertrieben hast, in dem alles zusammenpasst und es keine Zwischentöne gibt. Zwischentöne sind ihnen unheimlich. Wie, wenn man es nachts im Wald knacken und wispern hört und nicht weiß, ob das Tier, das da ruft, gefährlich ist. 

Schlangen können gefährlich sein. Ich bin bisher nur auf Ringelnattern und Blindschleichen getroffen. Die tun nichts. 

Im Paradies gab es gefährlichere Schlangen. Eigenartig oder?

Ich nehme dir nichts übel. Bei mir brauchst du dich nicht zu entschuldigen. Ich glaube auch nicht, dass du naiv warst. Oder leicht verführbar. Womöglich hattest du einfach ein großes Grundvertrauen. Du hast den Worten der Schlange geglaubt, ihren Argumenten, mit denen sie ja gar nicht falsch lag. Deine Neugier eröffnete einen neuen Horizont, der weiter ist als ein Kindheitsparadies. Du gabst die Sicherheit eines begrenzten Raums zugunsten der Freiheit auf. Ich hätte es genauso gemacht. 

Ich weiß nicht, wie es sich im Paradies lebt, aber auf der Erde gefällt es mir gut. Ich trage deine Kleider auf, jene, die Gott euch damals gab, weil das Leben hier draußen manchmal ruppig und kalt sein kann. Sie halten immer noch warm. 

Mit deinem Wunsch nach Erkenntnis hast du eine Bewegung ausgelöst. So viele Menschen folgen dir. Sie stellen Fragen und suchen Antworten. Sie versuchen, Gut und Böse zu scheiden. Sie bauen hier auf der Erde am Himmel nach den Plänen deiner Erinnerung. Ich gehöre dazu.

Du hattest Mut, Gott kurz den Rücken zu kehren. Ich glaube, du wusstest, er wird nicht verschwinden, wenn du woanders hinguckst. Wenn du die Welt entdeckst. Gott ist gut darin, Rücken zu stärken. 

 

Viele Grüße von unterwegs, deine S.

 

(aus: Was machen Tagträumer nachts?)

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Wieder anfangen

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Lebenszeichen

Spiel

Die Erde ist rund, weil man mit runden Dingen besser jonglieren kann. Ich glaube, Gott ist ein Jongleur, ein ziemlich guter noch dazu. 

Ich habe es auch schon probiert und übe noch. Mir gefällt der Gedanke, niemanden fallen zu lassen. 

 

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Draußen

 

Ich mit dir 

In einem Boot

 

Du zaust die Bäume

Schickst Adler los

Und waghalsige Träume

 

Wir schlafen Haut an Haut

Nur eine Zeltwandweit getrennt

 

Ich werfe meine Netze aus

Angle nach dem Unerreichbaren

Mit Geduld

 

Du lehrst mich barfuß zu vertrauen

Mein Herz ist eine begierige Schülerin

 

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Fragen des Tages

1. Fühlt sich das Glück bei dir wohl?

2. Was hält dich wach?
3. Ist die Inspiration eine Diva?

4. Was hilft?

5. Was verschenkst du?

6. Wann ist das Bekenntnis zu Schwäche eine Ausrede?

7. Könnte Schlaf eine Lösung sein?

8. Willst du das wirklich oder freust du dich nur, gefragt zu werden?

9. Wie schnell muss dein Herz klopfen, damit du dich einlässt? 

 

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Himmelfahrt für alle Tage

Der Himmel ist anders als du denkst.

Der Himmel ist ein Feld, das darauf wartet, bestellt zu werden.

Der Himmel ist eine Wolldecke. Keiner kriegt kalte Füße.

Der Himmel ist ein Augenblick. Nur die Wachen sehen ihn. 

Der Himmel ist ein Apfelkuchen. Jeder gibt ein Stück.

Der Himmel ist ein Sack voll Lose, und jedes ist der Hauptgewinn. 

Der Himmel ist ein Hase, den der Schuss des Jägers nicht erwischt.

Der Himmel ist ein Kopfstand. Nur die Mutigen wagen ihn. 

Der Himmel ist ein Gegenüber, das zum Miteinander wird. 

Der Himmel ist ein Gedicht, und du bist der Reim.

Der Himmel ist ein Engel, der an den Himmel erinnert.

Der Himmel ist die Möglichkeit: Nach oben offen.

 

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Liebes Europa,

 

wenn ich dir schreibe, dann schreibe ich 500 Millionen Menschen. Das ist nicht so leicht, weil ich nicht alle dieser Menschen kenne, nicht mal auf einen Kaffee. Ehrlich gesagt, glaube ich auch, ich würde nicht alle mögen. Wahrscheinlich würde es bei so einem Kaffeetrinken ziemlich schnell Streit geben. Spätestens, wenn wir bei der Politik ankommen, würde es laut. Das kenne ich schon von den Weihnachtsfeiern meiner Kindheit. Und da saßen gerade mal zwei Dutzend Menschen an einem Tisch. Trotzdem haben wir uns jedes Mal wiedergetroffen. Verrückt, nicht?

 

Was auch verrückt ist: Ich finde dich wunderbar. Den finnischen Eigenbrötler oben in Karelien, die französische Bäckerin, mit der ich nur radebrechen kann, auch die Zyprioten, von denen ich noch nie einen getroffen habe, möchte ich nicht missen. Sind halt wie entfernte Cousinen, die kennt man auch nicht alle. Und weißt du, was das erstaunliche ist? Trotz aller Unterschiede raufen wir uns, so lange ich lebe, immer wieder zusammen. Das macht Familie aus. Man muss nicht jeden liebhaben. Aber nur, weil man einen nicht mag, das ganze aufs Spiel setzen?

 

Liebes Europa, manchmal bist du wie eine pingelige Tante. Dann nervst du mit deinen Vorschriften und Bestimmungen. Aber im Herzen bist du eine Romantikerin. Das sieht man schon an deinen verspielten Sternchen. Du bringst Kanelbullar und belgische Pommes auf den Tisch, griechischen Joghurt, Dresdner Eierschecke und polnische Piroggen. Genug für alle, das Teilen üben wir noch. 

Ich bin auch Romantikerin. Das ist nicht das Schlechteste: Wenn Liebe im Spiel ist, ist man eher bereit, zu ringen. Nicht aufzugeben, nur weil es mal nicht so gut läuft.

 

Und deshalb, liebes Europa, halt durch. Ich bin auf deiner Seite.

 

Deine Susanne

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Theologie der verständlichen Worte

 

 

Ich liebe dich.

 

 

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(Keine) Randnotiz

Wir fahren über die Grenze, die keine Grenze mehr ist. Die Bäume gleichen sich, aber im Hotel gibt es Schokostreusel zum Frühstück. 

Abends löffeln wir unsere Suppe; 16 Deutsche an einem Tisch, an den Nachbartischen Niederländer. Alle legen um Punkt acht ihr Besteck zur Seite und schlucken: Stille im ganzen Land. Zwei Minuten Gedenken der niederländischen Opfer im Krieg. 

Was für eine Gnade, denke ich, dass wir das zusammen tun können. Opa hat das Land besetzt, und ich bekomme Tomatensuppe.

Das ist Frieden. Wie dankbar ich dafür bin.

 

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Aufstand

                        Als Klappkarte auf editionahoi

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Vor Ostern

In diesen Nächten

rufst du mich hinaus

In diesen Nächten

schläft die Eule

und der Dämon ruht

In diesen Nächten

wehen die jungen

Buchenblätter

und die Luft schmeckt

nach Werden

 

 

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Scheiter heiter!

Sterben kann jeder. Es ist nichts Besonderes, da nützt auch kein Mahagonisarg, kein Staatsbegräbnis, kein weises letztes Wort. Der Tod ist ein Totalversagen. Und ein Gott, der stirbt – naja. Jedenfalls ist er kein Held.

Ich bin auch keine Heldin.

In der vierten Klasse sollten wir unser Lieblingsbuch mitbringen. Stolz legte ich einen Band Donald Duck auf den Tisch. Ob ich denn nichts anderes lese, fragte meine Lehrerin säuerlich. Doch, stammelte ich, was eine glatte Lüge war. Anderes begann ich erst später zu lesen. Donald, Dagobert, Tick, Trick und Track blieb ich trotzdem treu. (...)

Donald ist mein Held, eben weil er kein Held bist. Er ist die menschlichste aller Enten. In ihm finde ich mich wieder, irgendwo zwischen Kleinmut und Größenwahn. Seine Übertreibungen lehren mich Selbstironie. Ständig stolpert Donald über seine kurzen Beine und seine eigenen Ideale. Er ist cholerisch, lächerlich, gewöhnlich. Keine seiner Fähigkeiten ist besonders ausgeprägt. Donald weiß, was Sinnkrisen sind. Er weiß, wie es ist, „ein Niemand, der allernichtigste Niemand in ganz Entenhausen“ zu sein. Ach Donald, du wirst es nie zu etwas Großem bringen. Dennoch lässt du dich nicht unterkriegen: „Heut morgen ist mir die Zunge in den Rührfix gekommen, gestern Abend ist mir das Seifenpulver in die Rühreier gefallen und vorgestern ... na ja!“

Trotzdem gibt er nicht auf. Donald ist ein Stehaufmännchen.

Jesus auch.

Die Verehrung eines Gekreuzigten hat dem Christentum viel Spott eingebracht. Die erste bildliche Darstellung ist ein römisches Graffito aus dem 2. Jahrhundert. Es stellt einen gekreuzigten Esel dar, versehen mit der Unterschrift: „Alexamenos betet seinen Gott an“. Götter hatten glorreich zu sein. Helden eben. Und nun tauchte einer auf, der durch die schändlichste aller Todesstrafen starb. Nur Nichtrömer und Sklaven durften gekreuzigt werden. Warum sollte man an so einen Gott glauben? Warum sollte man einem Gott vertrauen, der in seiner Mission scheitert? Der jämmerlich und hilflos ausgeliefert ist? Ein Gott, der aufs Kreuz gelegt wird?

Im Laufe der Jahrhunderte haben viele Künstler versucht, die Sache geradezubiegen. Sie haben Jesus am Kreuz einen schönen Körper gegeben. Manchmal hat er ein Sixpack, Bauchmuskeln von denen andere träumen. Aber auch, wenn sein Körper ausgemergelt ist, bleibt er ästhetisch. Scheitern ist okay, solange es nicht zu unappetitlich aussieht. Wer will sich schon Sonntag für Sonntag einen Verlierer anschauen? Das wäre eine Zumutung.

Ich glaube, genau das ist es auch. Ein jämmerlicher Gott ist eine Zumutung, weil er in Abgründe zieht. Er zeigt, was Menschsein heißt. Wir sind keine Helden. Wir sind Scheiternde, mal verschuldet und mal unverschuldet. Mal alltäglich und mal existenziell. Mal brennen die Bratkartoffeln an und mal geht eine Beziehung in die Brüche. Immer bleibt Gott an unserer Seite...

 

gesendet in: Deutschlandfunk, Am Sonntagmorgen. Den ganzen Text zum Hören oder Lesen gibt es hier.

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Liebe Höflichkeit,

 

Sei ehrlich: Ehrlichkeit ist nicht deine Stärke. Du willst nicht authentisch sein. Über dein „wahres Ich“ denkst du nicht nach. Du nimmst dir nicht die Freiheit, jemanden zu mögen oder nicht zu mögen und ob dir eine Begegnung etwas bringt, ist keine Frage für dich. Du bist selbstlos. Im wahrsten Sinn des Wortes. Du berechnest nicht und rechnest dich nicht. Du dienst. Ziemlich altmodisch. Wahrscheinlich wurde dir schon oft geraten, mehr auf dich zu achten. Gefühle zu zeigen. Jemanden abzuweisen. Aber das tust du nicht. Du behandelst alle gleich. Du wünscht jedem einen Guten Morgen und sagst „angenehm“ auch dann, wenn dir der vorgestellte Herr Kunzelmann gar nicht angenehm erscheint. 

Das liebe ich an dir. Deinen Großmut. Du baust ein Gerüst, das stabil bleibt, auch wenn Sympathie und Frieden, Geduld und Verständnis wanken. Du erinnerst daran, dass jeder ein Mensch ist. Und darin, vielleicht nur darin, sind alle gleich. Du hältst auch einem Betrüger die Tür auf. Einem Heiratsschwindler wünschst du Gesundheit und selbst deine Antwort auf den übelsten Hetzbrief beginnst du mit „Sehr geehrte“. Du hältst Maß, wo ich mich nicht mehr mäßigen kann. Du gibst meinen Inhalten eine Form. Dabei redest du mir meinen Zorn nicht aus. Du leihst ihm nur deinen Mantel. 

Ich ahne, dass du manchmal aufgeben willst. Dass du dich fremd und unerwünscht fühlst. Dass du dich in schlaflosen Nächten fragst, ob jene nicht doch Recht haben, die behaupten, du seist überflüssig, ein Relikt vergangener Zeit. Lass dir das nicht einreden. Ich glaube an dich. Wir brauchen dich, wenn wir uns nicht zerfleischen wollen.

Halt durch!

 

Deine S.

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Vor dem Aufbruch

 

 

Auf dem Rollfeld warten Schmetterlinge. Das Licht ist sehr hell, wie auf einem Polaroid, das einem gewöhnlichen Ort etwas Unwirkliches gibt. Wind kommt auf. Er treibt Staub vor sich her. Die Flügel der Schmetterlinge zittern. Die Stille rauscht in meinem Ohr. Wenn das ein Traum wäre, würde jetzt etwas geschehen, ein Dinosaurier würde auftauchen oder ein Popcornverkäufer oder die Passagiere würden an Gate 6 gebeten. Daran, das nichts passiert, merke ich: dies ist kein Traum. Die Schmetterlinge warten. Ich warte. Wenn sie aufflögen, denke ich, würde der Himmel eine Blumenwiese. Dann würde ich aufbrechen. Ich versuche, nicht zu blinzeln, um den Augenblick nicht zu verpassen.

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Bedienungsanleitung

Manchmal wäre eine Bedienungsanleitung für Menschen hilfreich. Wie tickt eine? Welche Schwachstellen hat er, wo ist Vorsicht geboten? Ivar Kroghrud hat genau das gemacht. Er ist einer der erfolgreichsten Gründer und IT-Unternehmer Norwegens und hat eine Bedienungsanleitung für sich selbst geschrieben. Super Idee, finde ich. 

 

Bedienungsanleitung für MICH

 

Morgens ab 6 Uhr betriebsbereit, bei ausreichendem Schlaf auch früher.

Ab 22.30 Uhr in den Ruhemodus fahren, in Ausnahmefällen ist eine längere Betriebsdauer möglich.

Bitte vor Lärm und großer Hitze schützen, Feuchtigkeit fügt keinen Schaden zu (Regenschutz ist vorhanden).

Kann standardmäßig reden, schreiben, Kürbiscurry kochen und ein Zelt aufbauen. Selbstlernend, Erweiterung der Fähigkeiten möglich. 

Nicht kompatibel mit Großmäulern und Duckmäusern. 

Bei Störungen gern nach Ursachen fragen.

Gutes Zureden kann hilfreich sein.

Regelmäßige Gaben von Pfefferminzschokolade erhöhen die Zufriedenheit.

Grundeinstellung: Zuversicht.

Bei plötzlich auftretender Antriebslosigkeit bitte einschicken an: Nordseeinsel Spiekeroog, Düne 3.

 

in: Wandeln. Mein Fastenwegweiser 2019, Andere Zeiten

 

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Momentaufnahme

 

 

 

 

 

 

 

 

außen

sonne innen

ist es wild

smarties auf holz wie

doppelpunkte

                                   Schreibwerkstatt mit Elfchen

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Ahoi! Alaaf! Helau!

Füße hoch!

Wisst ihr, was Luxus ist? Vergesst teure Autos und Schnürsenkel aus Schlangenleder. Ob das Schnitzel in Blattgold gewickelt ist, ist mir schnuppe. Ich brauche kein Privatjet, weil ich sowieso nicht gern fliege. Verliebt sein kann man genauso gut im Bus und bei Liebeskummer hilft auch keine Limousine. 5-Sterne-Hotels lassen mich kalt, meinen Urlaub verbringe ich am liebsten im Zelt, allerdings einem, das dichthält, das ist auch schon ein Luxus. Aber den meine ich nicht. 

Luxus ist ein Mittagsschlaf. Sich am helllichten Tag aufs Sofa zu legen und sanft davongetragen zu werden in einen Zustand zwischen Wachsein und Traum. Sich nicht gemeint fühlen von den Alltagsgeräuschen, sondern selig schlummern. Schon das Wort „schlummern“ erzählt von der Süße dieses Zustandes. Wer schlummert schläft nicht, wer schlummert trägt keinen Pyjama, wer schlummert, schlüpft nur kurz aus dem Getriebe des Alltags hinaus. 

Als ich Kind war, schlossen die meisten Läden um 12 Uhr 30, die Welt roch nach Erbseneintopf und Blumenkohl, und im Treppenhaus musste man jetzt leise sein. Wehe, wer es wagte, eine Tür zu knallen. Bis 15 Uhr war Mittagsruhe, sehr zum Leidwesen der Kinder. Wir schlichen auf Zehenspitzen durch die Wohnung, wussten nichts mit uns anzufangen und niemand war da, der uns bespaßt hätte. Der Vater meiner besten Freundin kam mittags nach Hause, aß zügig, um sich dann zwanzig Minuten aufs Sofa zu legen. Anschließend fuhr er zurück an seinen Schreibtisch. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, was daran erstrebenswert sein sollte. Manche Genüsse lernt man eben erst mit dem Alter zu schätzen: Bitterschokolade, Pampelmusen, Sonntagsspaziergänge, geputzte Schuhe. Und den Mittagsschlaf. Sich ausklinken. Die Füße hochlegen. Nicht ansprechbar sein. Mitten am Tag das Tagwerk unterbrechen.

Das ist Luxus. Es ist auch ein Akt der Unverfügbarkeit, und ich glaube, solche Momente brauchen wir immer nötiger. Sie sind Lücken, durch die das Unvorhersehbare schlüpft. Entspannung und Ruhe sowieso, auch Freiheit jenseits der Betriebsamkeit und der Unabkömmlichkeit, eine Freiheit jenseits der persönlichen Produktivität. Es ist, als würde man eine dieser alten Schultafeln wischen, vollgeschrieben mit Formeln, Gedanken, Notizen, bevor die nächste Stunde beginnt. 

Jede dritte Frau und jeder vierte Mann würden Umfragen zufolge gerne Mittagsschlaf halten, wenn es denn möglich wäre. So wird der „Powernap“ zumindest in Zeitschriften gepriesen – aber Powernap: Das klingt ja schon wieder nach Anstrengung und Leistung, so, als müsste ich für meinen Mittagsschlaf Laufschuhe anziehen. Den meisten bleibt die Sache irgendwie peinlich: Ein Mensch, der tagsüber schläft – und das auch noch öffentlich – kann doch eigentlich nur ein Faulpelz sein. Es müsste viel mehr Sofas, Bänke, Hängematten, Ohrensessel, Liegen, Kissen geben und Mutige, die sie benutzen. Handy stumm, Augen zu, Kopf in den Standbymodus. Ein Traum!

 

So geht’s:

„Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und bis tief in die Nacht arbeitet und das Brot der Mühsal esst. Den Seinen gibt es Gott im Schlaf.“ Psalm 127,2

 

in: Welt der Frauen 3/2019

 

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Erleuchtung

Als ich gestern in der Kirche saß, schien die Morgensonne in mein Gesicht. Ich roch den leichten Cremegeruch auf meiner Haut, während ich sang. Alles war hell und freundlich. Die Kerzen flackerten in der Sonne, was für ein Überfluss an Licht. Plötzlich fühlte ich mich genau richtig. Nichts zwickte, kein Gedanke stellte sich quer. Und ich dachte: Wie oft passiert das eigentlich, dass alles passt; dass du dich dort, wo du bist, gerade richtig fühlst?

 

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Jagen

Gott streifte durch die Welt, ein irrer Zickzackkurs von Trondheim nach Aserbaidschan, vom Après-Ski in die Stille der Klöster,

in U-Bahnen, auf Feldwegen, zu den Stränden der Seychellen.

Ich konnte ihm nicht folgen, eine Weile versuchte ich es, immer außer Atem, das war kein Leben. 

Eines Tages stand ich traurig am Gleis, ich denke, es war ein Mittwoch. Eine Taube jagte einer störrischen Pommes hinterher,

und ich gab auf.

Ich stieg in die nächste Bahn und fuhr nach Hause. 

Die Leere dort ängstigte mich. Doch nach ein paar Tagen lag die erste Ansichtskarte im Briefkasten.

Palmen waren darauf zu sehen, es folgten Gipfelkreuze, Lavendelfelder.

Und innige Grüße, immer innige Grüße.

 

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Nimm die Härte von deiner Stirn

Nimm die Härte von deiner Stirn. Sag "Ich weiß nicht" auch wenn das schwer auszuhalten ist. Denk trotzdem weiter. Weich sein heißt nicht, schwach zu sein. Erinnere dich, was deine Großmutter dir beigebracht hat oder der Religionslehrer oder vielleicht hast du es auch in einem dieser Lebensratgeber gelesen: Liebe deinen Nächsten, und wenn du nicht lieben kannst, dann begegne jedem Menschen wenigstens mit Respekt. Weil alles, was du denkst und fühlst auch auf dich zurückfällt. Dein Zorn und dein Hass trifft nicht nur die anderen, er lässt auch dich selbst nicht kalt. Lass dich von ihm nicht zerfressen. 

Du bist ein freundlicher Mensch, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt. Lach der Enttäuschung ins Gesicht. Vielleicht heitert sie das auf. Die Gute hat es schließlich auch nicht leicht. Sei nachsichtig. Mit dir und mit den anderen, nicht immer, aber immer wieder. 

Hör nicht auf, daran zu glauben, dass jeder sein Bestes versucht. Manche scheitern öfter. Verständnis zu haben, heißt noch lange nicht, alles gutzuheißen. Gib die Suche nach der Wahrheit nicht auf. Glaub nicht jeder Schlagzeile, die Welt lässt sich nicht in schwarz und weiß aufteilen. Nicht mal du selbst bist schwarz oder weiß. 

Lerne mit dem Zwiespalt zu leben. Nimm dich an, wie Gott es schon tut.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2:  hier zum Hören

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Was machen Tagträumer nachts?

Was machen Tagträumer nachts? Warum scheint der Hinweg immer weiter als der Rückweg? Fürchtet die Dunkelheit das Licht oder sehnt sie sich danach? Wie heißt das Tuwort von Frieden? Wäre es eine Befreiung, unfrei zu sein, weil wir dann aller Entscheidungen enthoben wären? Der wievielte Tropfen macht aus einer Pfütze einen See? 

Wisst ihr noch, wie es sich anfühlte, als das Leben aus tausend Fragen bestand? Als unsere Kinderaugen die Welt entdeckten? Dann wurden wir groß, fingen an, über Steuererklärungen und Mülltrennung nachzudenken und die Fragen verschwanden. Aber vielleicht sind es gar nicht die Fragen, die nicht mehr da sind, sondern unser Kinderherz, das verschwunden ist. Das neugierig die Welt betrachtet und noch alle Antworten für möglich hält.  Suchende sollen wir sein, nicht Sichere. Lasst uns die Welt staunender verlassen, als wir sie betreten haben. Bleibt dem Geheimnis auf der Spur, nicht jedem Nachrichtenschnipsel. Folgt den Fragen und nicht den Antworten, die verführerisch und leicht verdaulich ins Netz locken. Lasst euch nicht einfangen. Taucht tiefer. Gott hat die Sehnsucht in unser Herz gelegt, nicht die Sicherheit.

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Im Januar

Im Januar fühle ich mich wie aus dem Nest geworfen. Zu früh, unvorbereitet, draußen wird es noch immer vor Abend dunkel, keine Blume wagt sich ans Licht, nur ich soll voller Tatendrang einen neues Jahr beginnen, 5 Kilo abnehmen, ein Buch schreiben, für den nächsten Halbmarathon trainieren (weil das jetzt alle tun), tanzen, zeichnen oder das Badezimmer streichen, während die Räume merkwürdig kahl aussehen, so ohne Lichterketten und Kerzenschein. Der Weihnachtsbaum liegt im Rinnstein, keine Sentimentalitäten. Das Leben geht weiter, fast forward. Dabei fühle ich mich im Winterschlafmodus, die Welt kann gern im März wieder anklopfen. Bis dahin würde ich gern einschneien, nicht so dramatisch, wie im Süden, gerade nur soviel, dass alles still und gedämpft ist und angenehm hell. Januartage machen keinen Lärm. Von Natur aus nicht. Sie schweigen vielversprechend. 

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WG gefunden

Ich lebe mit Papst Franziskus zusammen. Leider auch mit Putin. Wir sind einander noch nie begegnet, aber wir leben gemeinsam in einer ziemlich großen WG. Die nennt sich Welt. Wir haben noch viele weitere Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Nicht alles klappt reibungslos, der eine vergisst notorisch, den Müll rauszubringen, der andere kippt seine Schwermetalle ins Meer, und so richtig saubergemacht wurde schon lange nicht mehr. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass WGs dauernd lustige Partys feiern, gibt es einige, die ständig wegen irgendwas beleidigt sind und nicht mitfeiern. 

Dennoch würde ich niemals ausziehen. Es sind so viele interessante Leute dabei und wir gestalten unser Haus, jeder in seinem Zimmer und manchmal gemeinsam in der Küche. 

Klar, gibt es Großmäuler und ein paar fiese Gestalten sind auch dabei. Aber die gibt es überall. Eine starke Gemeinschaft fängt das auf. Trotz aller Gegensätze gehören wir doch zusammen! Wir atmen dieselbe Luft. Wir rechnen mit denselben Zahlen, unsere Träume schweben in einem Raum, und es ist ein Himmel, der sich über uns spannt. 

Unser Vermieter lässt sich übrigens selten blicken. Er scheint darauf zu vertrauen, dass wir verantwortungsvoll mit seinem Eigentum umgehen. Sein Name ist Gott, einfach Gott; ich weiß nicht mal, ob er ein Mann oder eine Frau ist. Am Ende, wenn ich ausziehe, wird es ein Abnahmeprotokoll geben. Damit der nächste einziehen kann, ohne das totale Chaos vorzufinden.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2.
Hier auch zum Anhören: https://www.ndr.de/ndr2/Moment-mal,audio471970.html

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Frohe Weihnachten!

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Advent

Geh ins Dunkel

stell dich ins Licht

Die drinnen bleiben

finden nicht

 

Sing dein Lied

sieh nach dem Stern

Vielleicht liegt das Wunder 

nicht fern

 

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Funkeln

 

Ich glaube nicht an Sternschnuppen, trotzdem wünsche ich mir heimlich was, wenn eine fällt. Dass der Nikolaus nachts von Tür zu Tür geht, widerspricht meiner Erfahrung. Trotzdem schaue ich jedes Jahr verstohlen in meine Schuhe. Dass Schnee auch nichts Anderes als gefrorenes Wasser ist, weiß ich. Trotzdem stelle ich mir vor, jemand streut Kristall über die Dächer. Dass die Lichter, die sich im Dunkel des Morgens in den Pfützen spiegeln, nur Ampeln und Autoscheinwerfer sind, sehe ich. Trotzdem verzaubern sie den Asphalt. Dass der Advent auch nur eine Kulisse ist vor den Baustellen der Welt, sagen manche. Trotzdem funkelt was.

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Ewigkeitssonntag

"Weißt du, was Gottes erstes Wort war?", fragt Opa.

Er kennt lauter Geschichten aus der Bibel. Er hat sie mir alle erzählt. Papa findet das blöd. "Setz dem Kind nicht solche Flausen in den Kopf", sagt er. "Wir leben im 21. Jahrhundert." Opa hat ihm entgegnet, dass diese Geschichten zum Allgemeinwissen unserer Kultur gehören. Ich weiß nicht, was das ist. Aber ich mag die Geschichten.

"Gott sagte ›werde‹." Opa macht eine Pause. "Das ist sein wichtigstes Wort. Es werde Licht. Es werde Land. Es werden Tiere. Und es werden Menschen. So geht es immer weiter. Die Welt ist nicht fertig. Neues kommt. Altes geht. Damit dann wieder Platz für Neues ist. Deshalb müssen wir alle sterben."

Opa ist sehr klug, glaube ich.

"Hast du dein ganzes Leben daran gedacht?"

"Nein", brummt er. "Das darf man auch nicht. Manchmal musst du den Tod aussperren. Du sagst ihm: 'Ich weiß, dass du kommst, aber nicht jetzt.' Und dann spielst du eine Runde Schach oder heiratest ein Mädchen. Während solcher Dinge soll man nämlich an nichts Trauriges denken. Aber ganz vergessen darfst du ihn auch nicht. Er gehört zum Leben."

 

aus: Wie lang ist ewig? Geschichten über das Leben und Davongehen

 

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Gott 

 

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Manna to go

Als Gott in die Küche kommt, sind zwei Engel gerade dabei, den Herd abzubauen. „He“, ruft Gott, „was tut ihr da?“ Küchen sind nicht mehr in Mode, klären die Engel ihn auf. Zwar gibt es Kochshows wie Salz im Meer, aber das echte Essen wird jetzt einfach bestellt. „Ist praktischer so“, sagt der Engel. Küchen werden jetzt als Zeilen gebaut. In den Wohnraum integriert. Jeder, der schon mal Hering gebraten hat weiß, dass er den Geruch nicht im Wohnzimmer haben will. Aber für Hering sind die Restküchen sowieso nicht gedacht. Allenfalls für eine chromblitzende Kaffeemaschine, die sprotzend den morgendlichen Macchiato ausspuckt. „Aber“, stottert Gott, „wer backt mir dann das Manna? Und die Wachteln müssen auch in den Ofen!“ Die Engel halten ihm einen Prospekt entgegen. „Kannst du bestellen. Pizza, Pasta, Couscous-Salat, Manna. Wird alles geliefert.“ Gott wischt den Prospekt beiseite. Er will kein geliefertes Manna, und auf eine Küche verzichten will er auch nicht. Da müsste er ja die ganze Bibel umschreiben. In Zukunft hieße es dann nicht mehr: „Das Himmelreich ist wie ein Sauerteig“, sondern „Das Himmelreich ist wie Lieferando“. Verpackt in drei Lagen Styropor, lauwarm und pappig. 

„Sieh“, versucht es der redegewandtere Engel, „es ist doch viel besser so. Die Menschen haben weniger Arbeit. Insbesondere die Frauen. Die Abschaffung der Küche ist also genau genommen ein Beitrag zum Feminismus!“ Der Engel gratuliert sich innerlich zu diesem genialen Einfall. „Ach Unsinn“, wischt Gott das Argument beiseite. „Als ob es besonders fortschrittlich wäre, nicht mehr für das eigene Essen sorgen zu können! Was kommt als nächstes? Ein mobiler Duschservice? Eine Erinnerungs-App, dass der Mensch sich bewegen soll, weil er genau dafür diese Dinger namens Beine hat?“ Gott hat sich ziemlich in Rage geredet, und der Engel verzichtet lieber auf den Hinweis, dass es so etwas längst gibt. „Versteht ihr denn nicht, was eine Küche alles ist? Sie ist ein Ort des Austauschs, an dem beim Kartoffelschälen Liebeskummer oder Weltpolitik besprochen wird. Die Küche ist der Ort der ungeplanten Begegnungen. In der Küche wartet immer ein Kaffee oder ein Rest Auflauf. Sie ist der Ort der Verheißung, an dem aus Mehl, Salz und Öl Brot oder Nudeln wird. Ein Küchentisch ist versöhnlich, lange nicht so offiziell wie ein Arbeitszimmer und auch nicht so privat wie ein Wohnzimmer, ein Küchentisch ist neutraler Boden. Beichtstuhl, Arbeitsfläche und Nachrichtenaustausch in einem. Ich habe sogar von einer Frau gehört, die ihr Kind auf dem Küchentisch zur Welt gebracht hat! Die Küche ist der Ort des alltäglichen Liebesmahls. Die Küche ist der Ort der Alchemie, der Verwandlung. Die könnt ihr doch nicht einfach abschaffen!“

 

PS: Bis in die frühen neunziger Jahre wurde in den meisten Haushalten täglich selbst gekocht. Heute ist das nur noch in weniger als der Hälfte der Fall, in Großstädten schalten viele Menschen ihren Herd sogar fast nie ein. Laut einer Studie der Schweizer Großbank UBS ist es möglich, dass schon im Jahr 2030 die meisten Mahlzeiten online bestellt und geliefert werden.

 

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Wenn

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Mein perfektes Morgenritual

Nach jeder Nacht

bisher

aufgewacht.

 

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Montagmorgen

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E-Mails

Eine Million britische Pfund

geerbt von einem verschollenen Scheich

Fünf Penisvergrößerungen

Die Aufforderung, meine Bankdaten zu ändern,

vorzugsweise unter diesem Link

Drei Hinweise, dass meine Facebookfreunde warten

Eine Warnung, dass mein Speichervolumen bald 

ausgeschöpft ist

und

Eine Mail von dir

 

 

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Wollpullover

Das Paradies ist ein alter, verwahrloster Garten, in dem die Freiheit wartet. Sie ist wild, unberechenbar und verrückt. Sie verrückt Grenzen. Als „Pippi Langstrumpf“ erschien, entfachte sie einen Sturm der Entrüstung. Nicht bei allen, aber bei jenen, denen ihre Freiheit zu viel des Guten war. Zu wild. Zu radikal. Ein Mädchen, das tut was es will, sei „demoralisierend“und „gesellschaftsschädigender Schund“. Pippi sei „etwas Unbehagliches, das auf der Seele kratzt.“ 

Wie Gott.

Schon klar, Pippi Langstrumpf ist nicht Gott. Aber kann sein, dass Gott ein bisschen wie Pippi Langstrumpf ist. Wild. Frei. Unberechenbar. Einer, der auf der Seele kratzt. 

Meistens soll Gott nett sein. Einer, der tröstet und die Dinge ins Lot bringt. Früher durfte er auch zornig sein und beängstigend, aber die Zeit ist vorbei. Nicht, dass ich ihr nachtrauere, aber nur lieb ist auch keine Lösung. Die Geschichten, die ich von Gott kenne, sind verstörend. Mal ist er der große Schöpfer, dann wieder will er alle vernichten. Mal ist Jesus der verständnisvolle Hirte, mal blafft er die Leute an und schwingt die Peitsche. Und auch Gottes Auserwählte sind sonderbare Charaktere. David, der Ehebrecher. Mose, der Totschläger. Maria von Magdala, angeblich eine Prostituierte. Hiob dagegen, dem Mustersohn der Menschenkinder, nimmt Gott alles weg. Gerecht ist das nicht. Und nachvollziehbar schon gar nicht. Hiob hält trotzdem an Gott fest. Ich auch. Weil ich jemanden will, der auf meiner Seele kratzt. Ich mag auch Wollpullover auf der Haut. Die fühlen sich echter an als Microfaserzeug...

 

Der ganze Text war im Deutschlandfunk zu hören. Hier kann man ihn nachlesen (oder hören). 

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Sommerfazit

 

 

 

 

 

 

Mit Elchen Schnitzeljagd spielen. Verlieren. Stille hören.

Drei Hände Nudeln und eine Tütensuppe reichen für ein

Abendessen zu zweit. Heidekraut oder Kiefernzweige

ergeben einen guten Schwamm. Zelten geht auch ohne Zelt.

Die Nacht zur Nacht machen. Von Eichhörnchen geweckt

werden. Den ersten Tee im Schlafsack trinken. Wer die

Wasserflasche beim Wasserholen fallen lässt, muss in

den See springen. Hirschlausfliegen sind nicht wählerisch. Streichholzschachteln werden wirklich schnell feucht.

Tubenkäse ist besser als sein Ruf. Auf warmen Felsen liegen

und fernsehen. Das Leben auf einen Rucksack reduzieren.

Nichts vermissen. Glück ist draußen. 

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Schäm dich. Nicht.

Als Adam und Eva einander kennenlernten, war alles unkompliziert. Hatte Adam einen Bauchansatz? Waren Evas Beine rasiert, lag ihr Bodymassindex im grünen Bereich? War Adam ein echter Mann, war Eva eine richtige Frau? Wir wissen es nicht. Alles, was berichtet wird, ist: Sie waren nackt und schämten sich nicht. Offenbar gab es nichts zu verheimlichen und nichts zu retuschieren. Sie waren, wie sie waren, und das war gut.

Anfang zwanzig wurde ich zum ersten Mal mit den Haaren auf meinem Körper konfrontiert und der Ansage, dass sie da nichts zu suchen haben. Bislang hatte ich sie zur Kenntnis genommen wie meine Ohrläppchen und meinen linken kleinen Zeh. Sie waren eben da, benötigten aber keine besondere Aufmerksamkeit. Auf einmal wurden sie peinlich. Ich lernte, mich zu rasieren und mich zu schämen, wenn ich es vergaß. Heute gibt es in sozialen Netzwerken ernsthafte Diskussionen darüber, wie schlimm es ist, wenn Frau (zuweilen auch Mann) Körperhaar zeigt. Und nicht nur darüber – auch über die Lücke zwischen den Oberschenkeln und die Optik der Schamlippen kursieren Schönheitsvorgaben. Bodyshaming nennt man die Ansage, wenn nicht alles passt.

 

Scham ist ein fieses Gefühl. Es suggeriert: Du bist nicht richtig. Du gehörst nicht dazu. Wie kannst du es wagen, dich so zu zeigen? Körperbehaarung ist da noch ein vergleichsweise kleines Problem. Man kann sich schämen, arm zu sein, die Verhaltenscodes für eine bestimmte Gruppe nicht zu kennen, keine Kinder oder zu viele Kinder zu haben, den falschen Beruf auszuüben und „nur“ Putzkraft zu sein. Menschen schämen sich, gemobbt oder missbraucht worden zu sein. Man kann sich schämen, da zu sein...

Scham ist ein ambivalentes Gefühl. Zu viel davon tut nicht gut – es macht uns kleiner, als wir sind. Zu wenig davon tut auch nicht gut – es macht uns größer, als wir sind. Scham ist die innere Stimme, die sagt: Du bist nicht Gott. Brauchst du auch nicht zu sein.

(...)

„Der liebe Gott sieht alles“, habe ich irgendwann gehört. In einem Kinderlied aus den 1970ern heißt es: „Pass auf, kleines Auge, was du siehst! Pass auf, kleiner Mund, was du sprichst! Pass auf, kleine Hand, was du tust! Pass auf, kleines Herz, was du glaubst! Denn der Vater im Himmel schaut herab auf dich…“

Gott als großer Stalker. Als verlängerter Arm irdischer Moral: Gott sieht, wenn du auf Mama und Papa wütend bist. Wenn du Kekse aus der Dose klaust. Gott sieht, wenn du heimlich rauchst, wenn du masturbierst, wenn du davon träumst, deinen Schwarm aus der Nachbarklasse zu küssen. Gott sieht all deine Gedanken. Über allem schwebt das Damoklesschwert der Scham. Denn wie wahrscheinlich ist es, einen solchen Gott zufriedenzustellen?

Ich glaube nicht, dass Gott ein Aufpasser ist. Ich glaube auch nicht, dass Gottes Blick beschämt. Er richtet auf.

Adam und Eva haben viele Nachkommen. Sie sind Allerweltsmenschen und tragen unsere Namen. Adam ist ein Angsthase. Eva will endlich aufhören, ihre Körperhaare zu entfernen. Simon wohnt im Nachbarhaus und liebt Joschua. Werner singt im Kirchenchor und träumt manchmal von Sachen, die er keinem erzählen würde. Elisabeth träumt mit 79 immer noch von Sex – und schläft mit einem jüngeren Mann. Klaus weint, wenn er den Soldaten James Ryan sieht und wenn er im Stadion die Nationalhymne singt. Esther kocht für sieben Enkel und weigert sich, zur Sportgruppe zu gehen. Ben pflückt Blumen und spielt gern Paintball. Janne baut lieber ein Bücherregal anstatt zu bügeln. Michael träumt davon, Michaela zu heißen. Christiane ist es manchmal unangenehm, einfach nur Mutter zu sein und liebt es trotzdem. Kemal will der Stärkste sein und dennoch zärtlich. Laya wird Physikerin und kauft Kuchen eingeschweißt im Supermarkt. Oliver neigt zur Hochstapelei und besitzt gleichzeitig eine gute Portion Selbstironie. Maren liebt Tom und liebt Yasmin.

 

Und für nichts davon, aber auch für gar nichts davon brauchen sie sich zu schämen.

Weil ein wohlwollender, zutiefst freundlicher Blick auf ihnen ruht, der sagt: Du bist richtig. Dieser Blick gilt jedem Menschen, und wer das vergisst, kann sich erinnern, wenn das Gefühl, falsch zu sein, groß ist: Du bist sehr gut.

 

Ganzen Artikel lesen oder hören: Am Sonntagmorgen. Deutschlandfunk

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Saumselig

Heute war ein guter Tag. Ich habe keine Wand gestrichen, auch habe ich den Kühlschrank nicht abgetaut. Ich habe kein Problem gelöst, nicht ein einziges. Aber auch keines schlimmer gemacht. Das Gras ist ungemäht geblieben. Die Zeitung liegt ungelesen auf dem Küchentisch. Ich habe mich nicht angestrengt, mein Geld habe ich nicht vermehrt (ich wüsste auch nicht, wie). Ich bin mit niemandem in Streit geraten, habe nichts besser gewusst, und auch die Zeit habe ich nicht versucht, anzuhalten.

Saumselig bin ich durch den Tag gegangen. Das ist ein Wort, das auf der Zunge zergeht. Versäumen steckt darin. Manchmal muss man was ausfallen lassen, damit das Glück einen antrifft. Meine Seele ist sehr glücklich darüber, abkömmlich zu sein. Sie ist unterwegs in anderen Sphären, ist Zitronenfaltern hinterher-geflogen und hat Himbeeren gepflückt. Gegen Mittag habe ich sie im Gras liegen sehen, ihre Träume waren blau. Abends hatte sie dann so ein Lächeln im Gesicht, als wüsste sie etwas, das ich noch

                                                                                                                                                  nicht weiß. Eine Ahnung von mir, wie ich bin, wenn ich nicht muss.

Kann man auch hören: NDR-Moment Mal

 

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Schnipselpoesie

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Zugreifen

Der Dienstag vor 2000 Jahren begann nicht gut. Der Himmel ist bewölkt. Die Brotpreise steigen. Es gibt Hassbotschaften, selbst aus unserem Netz. Wir brauchen eine Pause, das ist offensichtlich. Also brechen wir auf und verschwinden. Denn das habe ich gelernt in dieser Zeit: dass man es nicht allen recht machen kann.

Aber wir bleiben nicht allein. Andere kommen dazu. Leute, die wir noch nie gesehen haben. Wir setzen uns ins Gras. Es liegt was in der Luft: Etwas Unvollendetes, eine Sehnsucht, die sich heute Abend erfüllen könnte. Ich bin das Licht, sagt Jesus, und die Leute halten ihre Gesichter in die Sonne. Ich bin das Brot, sagt er. Ich schließe die Augen und lasse die Worte auf der Zunge zergehen.

Es ist spät, flüstert Petrus. Die Leute haben Hunger. Und dass wir jetzt mal was organisieren müssten. Ich schließe meine Augen wieder. Ich will nichts organisieren. 

Am Horizont erscheint der erste Stern. Schickt sie nicht weg, sagt Jesus. Es ist so schön. Gebt ihr ihnen zu essen. Wir haben fünf Brote, zwei Fische und einen angebissenen Apfel. Jesus sieht zum Himmel und dankt dafür. Ich kenne niemanden sonst, der für einen angebissenen Apfel dankt. Für das Wenige, das Halbe, das Unvorbereitete. Das, was jetzt da ist. Mein Herz klopft, als er uns das Brot gibt. Nehmt, sagt er. Gebt. Wir reichen weiter, was wir haben. Ohne abzuzählen. Ohne uns zu versichern, dass es genug ist. Wir machen einfach. Die Mutigen greifen zu. Schmecken. Kosten den Moment und genießen. Keiner beschwert sich, dass es zu wenig ist. Niemand drängelt. Alle machen mit. Die Angst, es könnte nicht reichen, verschwindet. Über die Wiese wehen Worte und Lachen, jemand holt eine Mundharmonika raus. Es ist längst dunkel geworden, aber niemand will gehen. Ist das ein Wunder?

 

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Neustart

 

Als um 12 Uhr 17 die Welt neugestartet wird, hat Heiner mal wieder nichts mitbekommen. Dabei haben sie es auf allen Sendern gebracht: Dass man alle Anwendungen schließen solle. Was nicht gespeichert ist, ginge verloren. Vorsorgliche Menschen haben Sicherungskopien ihren Lebens gemacht, um genau dort wieder beginnen zu können, wo sie aufgehört hatten. Heiner natürlich nicht. Er hätte nicht mal gewusst, wie das geht. 

Plötzlich ist alles so aufgeräumt. Nirgends hakt es mehr. Kein Update wartet. Stattdessen liegt etwas Neues in der Luft. Während die einen panisch versuchen, einen Techniker zu bekommen, der ihr altes Leben wiederherstellt, feiern die anderen, dass die Schulden gelöscht, Viren verschwunden und auch der Streit mit Isabelle aus der Welt ist. Heiner kratzt sich am Kopf, und dann öffnet er ein neues Fenster. Die Zukunft wird sich zeigen.

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Pfingsten reloaded

In jenen Tagen geschah es, dass sie hinter verschlossenen Türen saßen und ihre Gesichter grau geworden waren und ihre Worte drehten sich im Kreis. Gremien wurden berufen und Ausschüsse gebildet und Antworten wurden an Fachleute delegiert und der Kleinmut hatte sich breitgemacht. Da wundert sich Gott: „Welche Fachleute denn? Die Fachleute, das seid doch ihr. Habe ich denn einige höhergestellt als andere? Habe ich meine Worte exklusiv verteilt? Ich habe sie in euren Mund gelegt und die Begeisterung in euer Herz.“ „Aber wir“, sagen sie, „wir wissen doch auch nicht. Einer glaubt so, die andere so. Wir sind so verschieden, wir können uns nicht einigen. Wir haben siebenundneunzig Punkte auf der Tagesordnung, und wenn wir fertig sind, dann fangen wir wieder von vorn an, weil niemand uns versteht!“ Da öffnet Gott die Türen und reißt die Fenster auf, dass Wind in die Sache kommt und die Angst fortpustet und Friederike fühlt sich plötzlich beschwingt wie nach einer halben Flasche Champagner. Der Herr Bischof spürt ein Beben in seinem Herzen und ist so erleichtert, weil er mit seiner Liebe nicht mehr hinterm Berg halten muss. Egon Hinterwald wundert sich, dass man alles auch ganz anders sehen kann, als er es tut, aber noch mehr wundert ihn, dass ihn das gar nicht mehr ängstigt. Hilde aus dem Frauenkreis lernt von Janne, was „queer“ bedeutet und beide spüren eine Weite im Kopf, als hätten sie nach Jahren den Dachboden entrümpelt. Worte wie Sehnsucht, Großmut, Gnade leuchten auf. Nichts davon lässt sich in Stein meißeln. Zwischen den alten Mauern wird es eng. Gott ruft: „Wer hat gesagt, dass Ihr Mauern braucht?“ Ein Hauch genügt, sie zum Einsturz zu bringen und Himmel breitet sich aus, schillernd und schön. Gemeinsam treten sie ins Freie, Friederike und der Herr Bischof, Hilde und Egon. Petrus und Phoebe sind dabei, Johanna und Jakobus. Herr Windli bringt seine Maria mit und Janne schwenkt eine Regenbogenflagge. Mireile singt ein gregorianisches Lied, nebenan setzen Technoklänge ein – und es ergänzt sich erstaunlich gut. Dazwischen schwebt Gott, überall zugleich. Alle haben sie gesehen, haben ihn gehört, haben es gespürt. Tausend Geschichten werden zu einer. Niemand will Recht haben. Macht ist ein vergessenes Wort, denn alle verstehen, was stark macht: Miteinander reden, voneinander lernen, aufeinander hören. Eine macht den anderen groß. Niemand will der Größte sein. 

Und alle Welt beginnt zu staunen über jene, die leicht wirken und deren Worte nicht erschlagen, sondern prickeln wie Champagner oder weiße Johannisbeerschorle. 

 

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Als ich mit Jesus auf dem Balkon sitze

»Ich bin glücklich.«
Die Sonne ist gerade hinter den Häusern verschwunden. Du hast die Füße auf die Brüstung gelegt und balancierst auf deinem Bein ein Bitter Lemon.

»Überrascht dich das?«, fragst du.

»Ich weiß nicht. Glück ist so ein großes Wort. Muss man sich das nicht für die wirklich großen Momente aufsparen?«

Du lachst. »Hast du Angst, dass es sich abnutzt?«

Was weißt du schon vom Glück, frage ich mich stumm, um dich nicht zu verletzten. Du hörst es trotzdem.

»Du denkst, ich habe mein Glück geopfert. Für etwas Größeres. Aber so ist es nicht. Jetzt zum Beispiel möchte ich nichts lieber tun, als hier mit dir zu sitzen.«

Ich bin ein bisschen verlegen, weil ich mich freue.

»Ich kaufe Brot«, fährst du fort. »Ich helfe einem Gelähmten auf die Beine.

Wenn es einen Dämon zu vertreiben gibt, vertreibe ich ihn. Ich bete.

Ich wasche meine Füße. Ich kämpfe für so etwas Großes wie Gerechtigkeit.

Aber ich denke nicht darüber nach, ob ich lieber etwas anderes täte.

Oder woanders sein wollte.«

»Wirklich nie?«

Du schüttelst langsam den Kopf.

Deshalb also fühle ich mich so wohl bei dir.

 

aus: Schau hin. Vom Hellersehen und Entdecken

 

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Nach einem Zoom-intensiven Wochenende

Gott zoomt jetzt oft. Wo er sich seltener unter die Leute mischen kann. Früher saß er freitags oft in der Kneipe neben Monika, und wenn es spät wurde, dann hakte er den Hans unter und passte auf, dass er nicht über einen Bordstein stolperte. Aber die Kneipen haben zu. Hans sitzt viel zu oft allein in seinem Zimmer. "Treffen wir uns auf Zoom", sagt Gott, aber Hans macht eine verächtliche Handbewegung. "So'n Schnickschnack mach ich nicht mit." "Bitte", sagt Gott, "wo du doch das neue Handy hast." Aber Hans will nicht. Gott lässt nicht locker. 

"Weiß nicht, wie das geht", murmelt Hans schließlich. 

"Musste ich auch lernen", sagt Gott, "ist nicht schwer."

Da wird Hans hellhörig. "Du? Wenn einer nix lernen muss, dann doch wohl du!"

"Hans, wie kommst du denn auf sowas." Und dann sagt Gott einen seiner Sätze: "Ich werde sein, der ich sein werde." Und weil Hans guckt, wie er guckt, wenn er mit was nichts anfangen kann, sagt Gott es nochmal in anders: "Ich höre nie auf zu Werden."

Das verschlägt Hans fast die Sprache. Weil es so anstrengend klingt: "Wieso das denn?"

"Ich werde, damit du wirst", sagt Gott.

Hans lächelt schief, er hat keine Ahnung, was Gott damit meint. Aber es klingt gut.

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Berühr mich (nicht). Noli me tangere

Er ist tot. Mausetot. Auch, wenn sie es nicht wahrhaben will. Sie haben ihn in ein Grab gelegt, hierzulande sind das Höhlen. Sie werden mit einem Stein verschlossen. Eher einem Fels. Daran gibt es nichts zu rütteln. Seit drei Tagen liegt er da drin, eine ganze Ewigkeit also. Als Magdalena den Friedhof betritt, ist es noch früh. Der Horizont ist schwarz, nur ein paar Vögel versuchen, die Nacht zu verscheuchen. Auf dem Gras liegt Tau. Sie kann nicht sagen, was sie hier will. Warum sie gekommen ist. Hauptsache nicht länger herumsitzen und warten. Warten, dass ein Wunder geschieht. Sein Grab liegt ganz hinten, zwischen den Olivenbäumen. Ein schöner Ort zu Lebzeiten. Dort hätte es ihm gefallen, denkt sie und spürt den Stich, weil nichts mehr so ist, wie es normal war. Sie können sich nicht mehr verabreden, Brot und Wein auspacken, reden und lachen. Das Lachen fehlt ihr am meisten.

Ihre Füße streifen die feuchten Gräser. Jetzt müsste sie gleich da sein. Verunsichert bleibt sie stehen. Hat sie sich verlaufen? Nein. Da ist der Olivenhain, dort ist die Höhle. Nur der Stein ist weg. Dieser Fels. Jemand hat ihn zur Seite gewälzt, als hätte ein Riese seine Hände im Spiel gehabt. Die Höhle liegt offen und schwarz vor ihr. Sie schrickt zurück und zögert, aber dann setzt sie einen Schritt ins Dunkle. Dann noch einen. Ihre Augen müssen sich erst an die Schwärze gewöhnen, doch es bleibt dabei: Sie sieht nichts. Das Grab ist leer. 

Magdalena stürzt hinaus, kopflos, wo haben sie ihn hingebracht? Tiefstehende Sonnenstrahlen blenden sie. Die Vögel halten den Atem an. Da hört sie ihren Namen. „Magdalena!“ Sie wendet sich um, eine halbe Drehung – und sieht ihn. Seine Augen leuchten, ihr Herz macht einen Sprung. Schon will sie zu ihm laufen, will ihn in die Arme schließen, doch er hält sie zurück: „Berühr mich nicht.“

 

Ich schrecke hoch. Im Zimmer ist es dunkel, meine Hand tastet nach dem Wecker. Zehn nach vier. Kein Olivenhain, sondern meine Zwei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock. Es ist Woche vier der Pandemie, ich spüre schlafwarme Haut und denke: Ich will berührt werden. Nicht immer und nicht überall, ich bin nicht der Küsschen-hier, Küsschen-da-Typ. Aber Freundinnen würde ich gern umarmen. Dem Berater bei der Bank die Hand geben. Mit Freunden die Köpfe zusammenstecken, Schulter an Schulter sitzen. Und nun träume ich ausgerechnet in der Osternacht diesen Traum, und nicht mal der hat ein Happy End. Dabei habe ich eigentlich nicht viel übrig für die Hollywoodfilme mit ihren Geigen am Schluss, aber jetzt könnte ich ein Happy End wirklich brauchen. 

Einmeterdreiundachtzig entfernt, am Fußende des Bettes sitzt Jesus und nickt: „Ich auch...“ 

 

Weiterlesen oder Weiterhören: 

Am Sonntagmorgen, Deutschlandfunk

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Ostermorgen

 

 

 

Steht einer im Licht

des allerersten Tages

zum Aufbruch bereit

Sagt: Halt nichts fest

und in meinen Händen

keimt eine Erinnerung

an Morgen

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So frei

Einmal ging Jesus in die Wüste, 

er musste etwas herausfinden, 

er aß nicht, er sprach nicht, er schaute kein Netflix, 

er twitterte nichts, vielleicht betete er.

Nach 40 Tagen war er hungrig 

Und mit dem Hunger kam die Versuchung

Sie trug ein Regenbogenshirt 

und ihre Stimme klang nach Mars Schokoriegel im Doppelpack:

„Wenn Gott wirklich mit dir ist, nimm dir was du brauchst

und lass diese Steine Brot werden.“

Aber Jesus schüttelte den Kopf:

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, 

sondern von Worten und Träumen, die aus Gottes Mund kommen.“

 

 Die Versuchung gab nicht auf, 

sondern nahm ihn ins Allerheiligste

und stellte ihn heraus aufs Höchste

und legte einen Glitter & Sparkle-Filter um ihn

dass er leuchtete, hell wie das Universum

und rief: 

„Du bist der Größte! Zeig, was du kannst! Spring!

Steht nicht geschrieben, dass Engel dich auf Händen tragen?“

Aber Jesus stieß die Versuchung weg:

„Es steht auch geschrieben:

Du sollst Gott nicht auf die Probe stellen.“

Die Versuchung ließ noch immer nicht locker,

sie bot ihm alle Königreiche und das weltweite Netz,

und schenkte ihm 10 Tausend neue Follower auf Insta,

die berät wären, ihn anzubeten,

und ließ Likes und Konfetti regnen:

„Das alles“, rief sie, „gehört dir,

wenn du mich anbetest!“

Aber Jesus stemmte sich dagegen:

„Niemals! Ich will niemanden anbeten, außer Gott.

Ich bin so frei.“

Da gab sich die Versuchung geschlagen 

und es kamen Engel und brachten Gin Tonic und Falafel 

und ein frisches Hemd in Himmelblau.

 

nach Matthäus 4, aus der Wohnzimmerkirche auf Instagram am 26. März

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Liebesglut

 

 

Der Papst sagt, er könne zwei, die einander lieben, nicht segnen, weil Gott ihren Sex nicht mag. Gott ist das unangenehm. Man könnte glatt den Eindruck bekommen, er drücke sich an fremden Schlafzimmerfenstern herum. Dabei drückt er sich höchstens in fremden Herzen herum, und die sind nicht mal fremd, sondern Zweitwohnsitze. Besonders da, wo die Liebe wohnt, ist er gern. Gott wärmt sich auf, bevor er weiterzieht zu den erloschenen Herzen. Dort bläst er in die Liebesglut, dass sie auflodern möge. Auch beim Papst schaut er immer wieder mal vorbei. 

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Sonntagssegen

 

Beim Aufwachen zu lesen

 

Bitte gönn dir was

das Konzert der Meisen

Milchschaumminuten 

eine verlorene Uhr

Plüschgedanken

Der Himmel ist 

ein Gemischtwarenladen 

Er hat jetzt geöffnet

für dich

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Vergiss nicht, was du willst

Lydia hat vier Sachen in ihrem Leben gelernt: 


 

1. Wenn du Erfolg haben willst, brauchst du Kraft 
wie fünf Männer. 


2. Du hast Kraft wie fünf Männer. 


3. Vergiss die Kompromisse. 


4. Vergiss nicht, was du willst. 


 

Lydia will zusammen essen, Brot backen, Apfelbäume pflanzen und nach Gott Ausschau halten – denn zu vielen sieht man mehr. „Ich will beten und wenn es sein muss auch herumstottern, ich will zusammen singen, Lagerfeuer machen, das Sonderbare nicht scheuen, ich will fasten, Buttercremetorte backen und Buttercremetorte teilen, ich will feiern, Geschichten erzählen, Seelen trösten, Ja sagen, ich will helfen, handauflegen, zuhören, die Tür will ich weit öffnen, ich will träumen, ich will taufen, ich will den Himmel an die Wand malen. Ich will lieben, zusammengefasst.“

Da kann keiner nein sagen, und so wird Lydia die allererste Christin in ganz Europa, und die erste Gemeindevorsteherin, und die erste Bischöfin ist sie auch. Denn andere gibt es ja noch nicht. 

 

Kleine Erinnerung zum Weltfrauentag aus: Eva und der Zitronenfalter. Frauengeschichten aus der Bibel

 

PS: Ich schreibe bis Ostern übrigens wieder täglich auf chrimonshop.de

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Sonntagsstimmung

 

 

 

 

Sonntags bin ich der Mensch, der ich gern wäre. Die Zeit und ich sind uns ausnahmsweise einig: Es gibt nichts zu müssen. Allen Aufgaben gebe ich frei. Der Himmel steht offen, ich erhasche einen Blick, wie es sein könnte. Gott ist erleichtert, weil ich endlich gelöst bin. Eine Blume sagt: Riech mal. Ich mache ihr die Freude.

 

aus: Luft nach oben. Der Sonntagskalender

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Alles offen

Jesus und Maria Magdalena

Sie ist unabhängig. Eben wie man das landläufig so meint: Unverheiratet, mit einem Konto ausgestattet, das sie selber füllt. Eine Bohrmaschine hat sie auch (nutzt sie aber ungern. Wegen des Lärms. Und so viele Löcher braucht man gar nicht im Leben).

Er liebt sie. Mehr als die anderen. Aber ein Paar sind sie nicht.

Sie haben nie zusammen geschlafen. Obwohl es Momente gab, in denen es folgerichtig hätte sein können. Als sie am See saßen und die anderen längst gegangen waren. Sie redeten, während der Mond seine Runde drehte, bis er hinter den Kiefern verschwand. Ich liebe es, sagte sie, wie du meine Geister vertreibst, durch die Nacht mit mir gehst. 

Im ersten Licht des Morgens sind sie geschwommen, vielleicht waren sie nackt, sie hat es vergessen. Später saßen sie zusammen in einem Boot, Schulter an Schulter. Es war eng und nicht unangenehm. Ich liebe es, sagte er, dass du mich berührst.

Er mag ihre Nähe, die immer etwas Waches hat. Sie lässt sich nicht fallen. Er hat nie das Gefühl, der Stärkere sein zu müssen. Sie lehnen aneinander, mit den Füßen auf der Erde. Das Boot schaukelte, sie genossen die Wärme ihrer nackten Haut, Bein und Arm. Sie genossen einander, ohne etwas zu wollen. Falls sie es doch taten, behielten sie es für sich, um das andere nicht zu stören, das leicht war und ihnen Flügel gab. Sie lernten, dass man nicht alles mitnehmen muss, was sich anbietet. Manchmal findet sie ihn schön. Seine Augen würde sie unter allen Augen erkennen. Auch seinen Körper. Er ist glatt, wie Marmor. Aber das sagt sie ihm nicht. Stattdessen: Deine Füße liebe ich. Deinen Kopf liebe ich auch. Er mag ihre Schultern. Sie sind muskulöser, als man zunächst denkt. Sie ist keine Sportlerin, sie gehört nicht zu den Frauen, die diszipliniert und geplant vorgehen. Aber sie bewegt sich gern und er genießt es, ihr dabei zuzusehen. Ich liebe es, sagt sie, wie du mich ansiehst. Nie habe ich das Gefühl, ich müsste mich verstecken. 

Ich liebe es, sagt er, wie du einen Raum betrittst und die Blicke nicht wägst. Wie du dein Ding machst ohne Furcht. 

Ihr Lachen macht sie zu Verschworenen. Wenn sie reden, dann reden sie nicht nur mit dem Kopf, sondern mit allem. Manchmal räkelt er sich wie eine große, schwere Raubkatze, wenn er einen Gedanken verfolgt. Sie fürchtet nichts an ihm. Obwohl er scharf sein kann, sogar verletzend. Bei ihr ist er es nicht. Sie weiß nicht, warum. Dabei kann sie selber auch scharf sein. Und schroff. Er sieht es ihr nach. Sie brauchen nicht miteinander zu kämpfen. Es gibt nicht zu behaupten und nichts zu gewinnen. Sie kennen einander zu gut. 

Ich liebe es, sagt sie, dass du mich sein lässt, wie ich bin. Das verwandelt mich. 

Es heißt, dass sie viele Männer hatte. Viel ist eine schwammige Zahl. Sie liebt Worte mehr als Zahlen. Aber gegen Sex hat sie nichts einzuwenden. So ein Satz kann gegen sie verwendet werden. Es heißt, dass sie versucht hat, ihn zu verführen. Er aber nicht wollte. Er konnte ihr widerstehen. Ihr, der Versuchung. Obwohl es andererseits auch nicht schlimm gewesen wäre, wenn er nicht widerstanden hätte: Sex macht Männern zu echten Männern und Frauen zu fragwürdigen Frauen. Für alleinstehende Frauen wie sie ist das ein Dilemma: Zu viel Sex ist schlecht, kein Sex aber auch. Eine Frau ohne Mann, ohne Kinder muss unglücklich sein. Wenn sie nicht unglücklich ist, dann stimmt etwas nicht mit ihr.Sie weiß, dass die Leute so denken. Er weiß es auch. Aber es spielt keine Rolle. Ich liebe deine heilige Furchtlosigkeit, sagt sie. Dass du dich nicht sorgst, was die Leute reden. 

Manchmal sind ihre Worte wie Küsse. Sie schmecken salzig und süß. Wie Honig-Erdnüsse, denkt sie. Er denkt an Krebsfleisch. Sie essen oft zusammen. Ungeplant, Zufallsessen auf eine beiläufige, verschwenderische Art. Er brät ein Ei und sie öffnet eine Flasche Wein. Dabei reden sie weiter, kauen die Worten oder lassen sie auf der Zunge zergehen. Ich liebe es, sagt er, dass du eine Verschwenderin bist. Du rechnest nicht. Du wärst so eine schlechte Buchhalterin. Selber, denkt sie und lächelt in sich hinein.

Sie zeigen einander viel. Er lernt ihre Dämonen kennen und hält ihnen stand. Zum ersten Mal hat sie das Gefühl, sie nicht verteidigen zu müssen. Er würde nichts gegen sie verwenden. Dafür bleiben sie sich fern genug, sie müssen einander nichts heimzahlen. Auch sie ahnt etwas von seinem Schmerz. Obwohl er ihn nie zur Schau stellt. Auch von seiner Wut. Wie ein Sommergewitter bricht sie manchmal herein, unerwartet und heftig. Aber sie fürchtet sich nicht vor Gewittern. 

Ich liebe es, sagt er, dass du mich nicht festnagelst.

Ich liebe es, sagt sie, dass du dich mir zeigst. 

Ich liebe dich, sagen sie und lassen alles offen.

 

aus: Kirschen essen. Liebesgeschichten aus der Bibel. Edition chrismon

 

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Lichtmess

 

 

 

 

 

Um acht ist es hell. Ich feiere das Licht und die Fresien auf der Fensterbank. Im Erwachen gibt es einen virusfreien Raum.

Meine Träume haben mittlerweile Handtaschenformat,

ich trage sie überall mit hin. Der Himmel ist noch unentschlossen, aber ich bin bereit. 

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Hellsehen

 

 

Wir sind da, Gott

auf dem Sofa,

in Flauschpantoffeln oder Lackschuhen

Wir haben die Perlen für dich angelegt

das Haar gescheitelt

das Hemd geknöpft

du siehst uns

Unsere Blicke gehen ins Schwarze

und über das Schwarze hinaus

Unsere Blicke kreuzen sich in einem virtuellen Raum

Du bist längst dort

Du hörst

wie unsere Herzen schlagen

du hörst die Nachbarn nebenan

und die Kinder, die nicht müde sind

und das Schweigen in den Konzertsälen hörst du auch.

Ich zeig euch was, sagst du.

Ich zeig euch, wie man hellsieht.

 

Amen

Gestern haben wir zum ersten Mal Wohnzimmerkirche auf Instagram gefeiert. Ein Prost auf Käsebrot, große Schwestern, Ausbruchsmomente, weiße Kleider, königlich sein und das Sekundenglück, das bereit liegt, wenn wir es sind. @wohnzimmerkirche

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Januarmorgen

 

 

 

 

 

Noch ein grauer Januarmorgen. Schneereste auf dem Dach. Ich hab die Kerze im Fenster angezündet. Darauf ging gegenüber der Stern an. Vor ein paar Tagen hat mir die Frau mit dem Baby zugewinkt. Leben wie im Setzkasten. Ich mag das. Gott wohnt wahrscheinlich in der Wohnung mit der Amaryllis. Es ist nie jemand zu sehen, aber viel Papierkram auf dem Tisch. Über der Amaryllis hängt ein Herz. Es ist ein bisschen kitschig. Aber auch schrebbelig, ein Geschenk, das hängengeblieben ist. Irgendwann werde wir gleichzeitig aus dem Fenster sehen. 

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Barmherzigkeit

Ich bin Bonbonzerbeißerin. Ich weiß, das ist eine schlechte Angewohnheit, meine Zahnärztin liest hoffentlich nicht zu. Was ich noch bin: Große Schwester. Steuerzahlerin. Überzeugte Bahnfahrerin. Hoffnungsvolle Optimistin. Ich habe viele Facetten. Wie jeder Mensch. Ich finde es eine erleichternde Vorstellung, dass es bei allen Menschen etwas geben könnte, das uns verbindet. Man muss nur lang genug suchen. So würde ich mit Herrn Trump politisch wahrscheinlich nicht einig werden. Aber vielleicht teilen wir eine Vorliebe für Minzschokolade. 

Leider geht es im Leben nicht nur um Süßigkeiten. Rassistische oder andere verachtende Haltungen möchte ich nicht kleinreden. Dennoch bleibt eine Gemeinsamkeit: Wir sind Menschen. Dieser kleinste gemeinsame Nenner besteht, er bleibt sogar dann bestehen, wenn Menschen unmenschlich handeln. Sie bleiben Menschen, weil Gott sie als solche erschaffen hat. Der erste Tod in der Bibel ist ein Mord. Kain erschlägt seinen Bruder Abel und darf trotzdem weiterleben. Gott verurteilt sein Tun, aber schützt ihn als Mensch. Ein altes Wort dafür ist Barmherzigkeit. Es ist staubig geworden, dabei ist es ein schönes Wort. Es wärmt und verwandelt. Wer mutig ist, bläst den Staub weg und lässt es wirken. Nimmt sich ein Herz für die Herzlosen und die Feindseligen. Für einen allein ist das vielleicht zuviel. Aber zusammen könnte es uns gelingen, darauf zu bestehen, dass Menschlichkeit siegt. 

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Herberge 2.0

... einen Tag vor Heiligabend versuchen die Engel in letzter Minute eine Herberge für die Heilige Familie zu finden. Gott hat in seiner unendlichen Güte entschieden, ein zweites Mal auf die Erde zu kommen. Nur: Wohin? #herbergegesucht ist der meistgeklickte Hashtag der letzten 24 Stunden.

ENGEL 3: Hier, eine Mail von Elsa Niederbäumer aus Bremen. (Atmo: Rascheln, Blättern): „Hallo, kann Mutter und Kind ein halbes Zimmer anbieten.“ 

ENGEL 2: Was ist mit dem Vater?

ENGEL 3: Sie will keinen ausländischen Mann im Haus, man kann ja nie wissen.

ENGEL 1: Scheidet also aus. Aber hier (Atmo: Rascheln, Blättern): „Der Stadtrat von Middleton hat in seiner heutigen Sitzung entschieden, das erwartete Kind zu ihrem Imagebotschafter zu machen. Eine Dienstwohnung für die gesamte Familie wird ab dem siebten Lebensjahr gestellt.“

ENGEL 2: Und bis dahin?

Die Dämmerung senkt sich über die Dörfer und Städte, bis in der ersten Zeitzone der Welt schließlich der Morgen des 24. Dezembers anbricht. Die Spannung steigt. In ungewöhnlicher Einheit fragen sich große Teile der Menschheit und alle Engel im Himmel: Wo wird Gott zur Welt kommen?

 

Kleiner Ausschnitt aus dem Weihnachtshörspiel Herberge 2.0 für die Kirche im NDR. 

Sendetermine am 24., 25. und 26. Dezember auf den Sendern des NDR und zu jeder Zeit hier. 

 

PS: Die bunte Krippe steht im Fenster des wunderbaren Cafés Tide in Hamburg-Ottensen.

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Morgengebet

mit drei gefundenen Sätzen

 

 

Du willst wissen, wie ich meine Zeit verbringe?

Ich warte. Währenddessen schäle ich Orangen, 

öffne das Emailprogramm, wasche mein Haar und 

die Maske von gestern. 

Der Lockdown kommt zu spät.

Untergangspropheten läuten Sturm.

Du bist die Hüterin vor meiner Tür.

Finde Accessoires für den Winter:

einen Mistelzweig, ein Buch, 

ein Leuchten zwischen den Zeilen.

 

 

 

 

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3. Advent

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Träumen

Als Josef morgens aus dem Haus ging, war noch alles wie immer. Nur der Kaffee war eine Spur zu stark. Vielleicht würde er das brauchen heute. Bestimmt hatte er einen Plan. Einen kleinen oder einen großen: Tabak kaufen. Ein Boot zimmern. Spontaner sein. In den nächsten Wochen weniger arbeiten (oder mehr). Unbedingt die Tür zum Garten streichen. Nichts deutete darauf hin, dass sich an diesem Tag alles ändern könnte. Vielleicht würde es schneien. Aber damit musste man ja rechnen, um diese Jahreszeit. 

In der Nacht kam der Engel. Er kam im Traum und sah aus wie sein alter Mathelehrer. Nur, dass knapp unter seinen Schulterblättern Flügel wuchsen. So gewichtig waren seine Botschaften. Der Engel hatte viel zu tun. Nacht für Nacht ging er durch die Träume der Menschen und flüsterte ihnen ins Ohr. Die Botschaften unterschieden sich, aber jede einzelne begann mit denselben Worten: „Alles wird anders.“ Der Engel sagte sie langsam und mit bedächtiger Stimme, als wolle er dem Anderen Zeit lassen, zu verstehen. 

Josef mochte Veränderungen nicht besonders. Sie kamen immer so überraschend. Er war zuverlässig und pflichtbewusst, einer, der versuchte, auf alles vorbereitet zu sein. Dafür erwartete er im Gegenzug eine gewisse Kontinuität des Lebens. Er hätte also gern dankend abgelehnt. Die Möglichkeit bestand nicht. „Rechne mit dem Unbekannten“, sagte der Mathelehrer-Engel streng. „Es könnte ein Geschenk des Himmels sein.“ Das Unbekannte war Josef schon immer suspekt gewesen. Besonders zu Weihnachten. Wo doch gerade da alles wie immer sein soll. Um 15 Uhr die Messe und um 17 Uhr gemeinsames Singen mit Oma und danach Semmelknödel zur Gans. Weihnachten war für Josef die Garantie, dass die Welt in Ordnung ist. Der Engel brach in Lachen aus und ähnelte jetzt überhaupt nicht mehr seinem Mathelehrer: „Da hast du das Fest aber gründlich missverstanden! Weihachten heißt: Nichts bleibt, wie es ist. Da wirst du rausgeschmissen aus deiner Bequemlichkeit. Weihnachten ist ein weites Feld. Weihnachten ist der Himmel, der offen steht. Weihnachten ist ein Weg durch die Dunkelheit, denn nur im Dunkeln siehst du den Stern. Weihnachten ist der Strohhalm, nach dem ein König greift. Weihnachten ist Hoffnung, die laufen lernt.“

Der Engel verschwand. Josef wälzte sich ein paar Mal unruhig auf seinem Kissen und schlief noch vier Stunden, bis der Morgen ihn weckte. Seinen Kaffee trank er nachdenklicher als sonst. „Was ist mit dir?“, fragte seine Frau. „Du wirkst so verändert.“ „Ich hatte einen Traum“, sagte Josef. Mehr nicht. Und dann ging er in die Nacht der Nächte ohne Plan, mit einer schiefen Maske auf der Nase verließ er das Haus des Gewohnten und hielt Ausschau nach dem Unbekannten. Vielleicht würde ihm etwas in den Schoß fallen. Ein Stern, ein Wunder, ein Anfang, ein Kind.

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Unwahrscheinlichkeitsrechnung

Ich warte auf eine Menge Sachen. Ich warte auf eine Mail, den Bus und dass Gott redet. Ich warte auf den Tag, an dem mir mal wieder jemand ein Mixtape schenkt. Manchmal warte ich auf Grün – an der Ampel und im Februar. Ich warte auf den Impfstoff und dann warte ich darauf, aus all meinen Masken eine Patchworkdecke zu nähen. Ich warte auf das Morgengrauen, wenn ich mich schlaflos im Bett wälze. Ich warte darauf, dass sogenannte Querdenker aufhören, ihre Freiheit über die vieler anderer zu stellen. Ich warte auf den Moment, an dem niemand mehr Lust hat, wen in die Luft zu sprengen. An Silvester warte ich auf Mitternacht, weil es so schön ist, so zu tun, als ob alles neu wird. Ich warte darauf, dass Trump seine Niederlage eingesteht und in Rente geht. Auf Schnee warte ich auch.

Dass ein Retter kommt, der das alles im Gepäck hat, fällt mir schwer zu glauben. Ich versuche es trotzdem...

 

Ganzen Text lesen oder hören: Mit allem rechnen. Unwahrscheinlichkeitsrechnung im Advent. Deutschlandfunk

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Weihnachten retten

Wir müssen Weihnachten retten. Das höre ich im Moment ständig. Ich glaube, das müssen wir nicht. Weihnachten braucht keine Rettung, Weihnachten rettet uns. Es hat zweitausend Jahre überstanden. Ist durch den 30-jährigen Krieg gegangen, war bei den Pestkranken, hat sich an die Seite der Verfolgten gestellt und sich nicht darum gekümmert, ob Lametta am Baum hing. Weihnachten hängt nicht davon ab, ob fünf oder zehn zusammen feiern. Weihnachten lässt sich nicht machen. Klöße zur Gans sind schön, aber nicht notwendig.

Die Geschichten sind da. Der Stern ist da. Menschen sind da, an vielen verschiedenen Orten. Die Fantasie ist da, sich auf den Weg zu machen. Ausschau zu halten, was trägt, wenn es nicht das Gewohnte ist. Die Hoffnung ist da, dass es winzige Anfänge gibt, die zur Rettung werden.

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Besondere Helden

Ich kann über ziemlich simple Sachen lachen. Slapstick zum Beispiel wie bei Stan und Oli. „Life of Brian“ finde ich großartig, „Little Britain“ auch. In Kirchen- und Intellektuellenkreisen stoße ich damit regelmäßig auf Irritation. Gegen Alltagsschwermut hilft Loriot zuverlässig. Manchmal stelle ich mir die Welt als Comic vor, auch das ist sehr erheiternd. Wenn gar nichts mehr geht, bleibt immer noch Galgenhumor. Selbstironie sowieso. 

Die Bunderegierung hat Corona-Videos veröffentlich, die ich auch ziemlich witzig finde. Neben Infektionsschutzgesetz, Impfstoff-verteilung und Kontaktbeschränkungen ein Augenzwinkern. #besonderehelden heißt die Serie. Natürlich gibt es viel Kritik.

Ich finde die Videos mutig, weil sie nicht brav sind. Humor muss sich aus der Deckung wagen und damit leben, auch auf die Nase zu fallen. Ein Journalist der Londoner Financial Times twitterte:

“Ich kann damit umgehen, dass die deutsche Antwort auf die Pandemie besser ist als unsere, aber ich glaube, ich kann nicht damit umgehen, dass sie lustiger ist.“ Das ist, glaube ich, ein Ritterschlag.

 

Hier kommt ihr zu den Videos: #besonderehelden 1 #besonderehelden 2 

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Flatrate

Omas Telefonnummer kann ich auswendig. Sie ist mein Leben lang gleichgeblieben. Trotzdem speicherte ich ihre Nummer in meinem ersten Handy. Es wäre nicht nötig gewesen, aber ein Adressbuch ohne Oma wäre mir unvollständig vorgekommen. Wenn Oma sich meldete, hatte ihr Tonfall immer etwas Feierliches. Als erwarte sie, den Bundespräsidenten höchstpersönlich in der Leitung zu haben. Telefonieren war für sie etwas Ernsthaftes. Da lümmelte man nicht auf dem Sofa rum und schon gar nicht machte man nebenbei den Abwasch. Man telefonierte und das möglichst kurz, damit es nicht so teuer würde. Irgendwann versuchte ich Oma zu erklären, was eine Flatrate ist, doch ich merkte, dass sie mir nur halb zuhörte. Sie wollte sich nicht umgewöhnen. Und das machte auch nichts, denn eigentlich liebte ich ja genau diese Ernsthaftigkeit. 

Mittlerweile ist Oma tot. Seit ein paar Jahren schon. Aber ihre Nummer zu löschen, habe ich noch nicht übers Herz gebracht. Es fühlt sich an, als würde ich die Erinnerung auslöschen, als würde ich Oma mit einer Taste aus meinem Leben entfernen, um neuen Speicherplatz zu schaffen. 

Die Nummer bleibt also. Immer, wenn ich jetzt durch mein Adressbuch scrolle und beim Buchstaben O bin, lese ich „Oma“ und muss kurz lächeln. Als bräuchte ich nur auf die Taste zu drücken, und sie wäre da. Würde sich irgendwo aus den Himmeln melden, würde wie immer „Ach, hallo!“ rufen, mit dieser Mischung aus Überraschung und Freude in der Stimme. Eine Sekundenerinnerung, wärmer und lebendiger, als der Name auf ihrem Grabstein, der so förmlich, so endgültig, so golden in Marmor gehauen ist. Die Vorstellung, nur einen Klick weit von Oma entfernt zu sein, ist irgendwie tröstlicher.

 

gesendet in: NDR 90,3 Kirchenleute heute

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Der kleine David und ich

„Das Vergessenwollen verlängert das Exil, 

und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“          

Ba’al Schem Tov

 

Ich erinnere mich an die jüdische Synagoge, an die nichts mehr erinnert, nur noch ein Parkplatz. Ich erinnere mich, dass Oma sagte, „die Juden“ seien irgendwie anders gewesen. Ich erinnere mich an meine erste Klassenfahrt nach Bergen-Belsen und mein Entsetzen. Ich erinnere mich an die Geschichten von Abraham und Mose und dem kleinen David, der Goliath besiegte. Ich erinnere mich, wie ich erst mit 17 Jahren entdeckte, dass es einen jüdischen Friedhof in meiner Stadt gibt. Ich erinnere mich an den Freund, der auf einmal meinte, es gäbe Beweise, dass der Holocaust nie stattgefunden habe. Ich erinnere mich, wie unvorbereitet ich auf so eine Behauptung aus seinem Mund war. Ich erinnere mich an Schweigemärsche am 9. November, und dass einige nicht schweigen wollten, weil Schweigen nichts ändere. Ich erinnere mich, sehr viele Male „Hevenu schalom alejchem“ gesungen zu haben. Ich erinnere mich an meines Großvaters Blick, mit dem er sagte, er verstehe nicht, warum sie einem wie Hitler gefolgt seien. Ich erinnere mich an Jungs auf dem Schulhof, Hakenkreuze und „Deutschland den Deutschen“. Ich erinnere mich an meinen Zorn. Ich erinnere mich, wie ich hörte, Juden hätten das Corona-Virus erschaffen.

Ich erinnere mich, zu widersprechen.

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Sonntagsspaziergang

Mit wem ich gern mal einen Kaffee trinken würde, das ist so eine Frage, bei der ich nie weiterweiß. Kaffee ist überbewertet, finde ich. Man sitzt rum und fühlt sich nach der dritten Tasse zu gleichen Teilen aufgekratzt wie flau. Außerdem ist es im Moment sowieso schwierig, die Cafés sind geschlossen. Wenn ich also wählen dürfte, würde ich lieber durch den Wald streifen, auf Wegen, die niemand geschottert hat, bei einer Eiche stehenbleiben, um einen Gedanken nicht zu verlieren. Mit wem, spielt fast keine Rolle, so lange das Gespräch interessant ist und verschlungene Wege nimmt. Aber gut, vielleicht lieber mit Jesus als mit Buddha (sorry, ist nichts Persönliches), mit Ronja lieber als mit Pippi, mit Teresa von Avila lieber als mit Mutter Teresa, mit D. lieber als mit M., mit Frau Merkel lieber als mit Herrn Merz, mit Snoopy lieber als mit Charlie Brown, mit der Queen lieber als mit Charles, heute lieber als morgen.  

 

 

 

 

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Hallo November

Diesmal übertreibst du aber. Dass es mit dem Nachmittags-kaffee dunkel wird, daran habe ich mich in den letzten 48 Jahren mühevoll gewöhnt. Und dass du Regen magst – geschenkt. Den brauchen wir ja, da bin ich vernünftig. Aber ein Lockdown? Im Ernst? Kein Café, das leuchtturmgleich die schwankenden Seelen heimruft? Kein Theater, das dem Leben eine Bühne gibt? Und Doppelkopfrunden höchstens für Großfamilien? 

Das ist hart. Hast du denn nicht Rilke gelesen? Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben… wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.  Das kannst du nicht wollen. Im Inneren deiner Seele willst doch auch du geliebt werden. Also frage ich dich: Was hast du zu bieten? Dieses Jahr ist deine Chance. Noch nie waren so viele Augen auf dich gerichtet. Wenn du es schaffst, uns alle 30 Tage über Wasser zu halten, könnte das deine Beliebt-heitswerte enorm verbessern. Laubhaufenspringen? Freiluftyoga? Lichtermeereintauchen? Zeig, was du kannst. Wir machen mit!

 

Im November ziehe ich um zu Chrismon: Dort gibt es jeden Tag einen Text: Lichtblick-Blog

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Jetzt

Gibt es jetzt auch hier als Postkarte.

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Hallo Herbst!

 

Gestern saßen wir lachend am Tisch, während die Kanzlerin im Fernsehen inständig darum bat, Kontakte einzuschränken. Die Zahlen sind höher als im Frühjahr, aber so richtig angekommen ist es noch nicht. Der Sommer hat eine Tür geöffnet, und es fällt schwer, sie wieder zu schließen. Dabei ist es drinnen auch schön. Trotzdem fühlt sich eine Seite in mir wie ein Kind, das noch nicht aufhören will zu spielen. Weil es sich nicht vorstellen kann, wann dieses „Morgen“ ist, an dem es weiterspielen wird. Zum Glück bin ich meistenteils erwachsen, was langweiliger klingt als es ist. Im Gegensatz zu meinem fünfjährigen Ich weiß ich nämlich mittlerweile, wie viele Schlupflöcher es gibt, die das Leben lebenswert machen. Hallo Herbst. Ich komme!

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Was du willst

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Sandmännchen und Westpakete

3. Oktober 1990

Ich habe den Fernseher angemacht. Die DDR war für mich LPGs und eine Mauer, die unfassbar anmaßend, aber nicht meine ist. Jetzt steht sie offen.

Ich bin schon drüben gewesen. Ostern, mit Zelt. Mal gucken, was für ein Land das ist. Nicht mein Land, soviel ist klar. Das Wort „Wiedervereinigung“ kenne ich nur aus dem Mund der Ewiggestrigen. Die auch Ostpommern und das Elsass wiederhaben wollen.  Ich hocke in Jeans auf dem Sofa und fühle mich fremd im Jetzt. Was da 400 Kilometer östlich geschieht, ist irgendwie nicht mit mir abgesprochen. Warum scheint es für alle so selbstverständlich, dass aus zwei Staaten einer wird? Können wir uns nicht erstmal kennenlernen? Wer sagt denn, dass wir zueinander passen? Kohl sieht satt und zufrieden aus. Er spricht von blühenden Landschaften und klingt, als habe er eine Putzkolonne losgeschickt, die eben mal alles auf Vordermann bringen soll. Ich pule die Kerne aus ein paar letzten Pflaumen und stecke mir eine in den Mund. "Einigkeit und Recht und Freiheit" singen sie im Fernseher, und ich höre "Deutschland, Deutschland über alles". Ich schalte ab. Wie wird das alles werden?

 

30 Jahre später.

Der Zug von Hamburg fährt durch. Landschaft rauscht vorbei. Ackersenf blüht. In knapp vier Stunden werde ich in Erfurt sein. Neben mir sitzt Matthias. Ostkind, sagt er. Wir haben Bleistifte im Koffer und leere Hefte. Wir werden uns zusammenschreiben: Mario aus Zwickau, Silke aus Ostfriesland, Kirstin aus Berlin, Werner aus Köln, Marion aus Magdeburg und all die anderen. Auf den Fluren tragen wir Masken, in unseren Texten zeigen wir uns. Erzählen, was wir gewonnen haben: Reisefreiheit. Hiddensee. Eierschecke. Ich-sagen. Wir-denken.

Den Polizeiruf 110. Deutsche Geschichte an Originalschauplätzen: Goethe, Luther, Effi Briest. Einen Beruf nach eigener Wahl. Studieren in England. Das Elbsandsteingebirge zum Wandern. Gundermann. Wahlfreiheit. Levis-Jeans. Und immer wieder: Freundschaften. Entweder-oder wird zu sowohl-als-auch. Wir schreiben Liebeserklärungen an die Demokratie. Wir lachen über unsere Nostalgie. Probieren Bambina und Milky Way, und beides ist vor allem quietschsüß. Unter freiem Himmel singen wir von Gedanken, die frei sind. Wir finden Utopien für die nächsten 30 Jahre: Der Himmel ist blau. Das Kind fragt, was eine Grenze ist. Einigkeit und Recht und Freiheit. Heimat ist ein Tuwort.

 

Das Ost-West-Schreiben setzen wir fort: Vom 3.-5. Dezember 2021 mit der Ev. Akademie Thüringen in Neudietendorf.

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Nuancen und Pferdefüße

„Guten Morgen, mein Lieber.“ Der Teufel ist erstklassig gekleidet. Weißes Hemd, schwarzer Blazer, während Gott einen gewagten Mustermix trägt. „Ich bin nicht dein Lieber“, widerspricht er. „Nana, wer wird denn so mürrisch sein? Predigst du nicht immer die Liebe? Aber ich verstehe dich. Seit selbst ‚Gutmensch’ zum Schimpfwort geworden ist, schwimmen dir die Felle davon. Du solltest über dein Konzept nachdenken. Es ist einfach zu komplex.“

Seit einigen tausend Jahren treffen die beiden einander regelmäßig. Auf Initiative des Höchsten. Er nennt das „die andere Seite sehen“, was der Teufel insgeheim lächerlich findet. Einseitigkeit liegt ihm mehr, aber da er sich gern präsentiert, lässt er kein Treffen ausfallen. 

Die Zeit des Schwefels und der Pferdefüße ist vorbei. Seriosität ist das Motto des neuen Jahrtausends, seitdem hantiert er nicht mehr mit der Hölle, sondern mit Statistiken. „Und die Quellen?“, fragt Gott. „Die sind doch total zwielichtig. Wenn du sie dir nicht gleich ausgedacht hast!“ Der Teufel sieht ihn mitleidig an. „Als ob die Leute sich für Quellen interessieren. Ich verstehe mich als Dienstleister. Es prasselt heutzutage so viel auf die Leute ein: Klimawandel, Ausländer, neuartige Viren, vegane Leberwurst. Das überfordert viele. Ich vereinfache den Leuten ihr Leben. Ich sortiere vor.“

„Allerdings völlig einseitig!“

„Das ist mein Markenzeichen. Keine Widersprüche. Kein Sowohl als auch. Schwarz oder weiß.“

„Ich habe den Menschen den Regenbogen gegeben“, schwärmt Gott. „Den lieben sie. Gerade wegen der Vielfalt. Die Welt ist nicht eindeutig. Kannst du dir einen Regenbogen in schwarz-weiß vorstellen?“ „Sie lieben deinen Regenbogen auf Postkarten und Facebook-Bildern. Solange er romantisch ist. Metaphorisch hat er ausgedient. Zu viele Nuancen. Das ermüdet und verunsichert nur. So, jetzt muss ich los. Ich bin mal wieder auf eine von diesen Demos als Redner eingeladen. Bis bald, mein Lieber!“ 

Gott rümpft die Nase. Den Schwefelgeruch wird er nicht los, denkt er. Ich muss ihn aushalten. Das gehört wohl zur Ambiguitätstoleranz dazu. Dann bricht auch er auf. „Ich glaube an euch“, flüstert er seinen Menschen ins Ohr. „So einfältig seid ihr nicht. Wer seit Anbeginn der Welt mit Widersprüchen lebt, hat Übung darin.“

 

So geht’s: Ambiguitätstoleranz: Die Fähigkeit, Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen und ertragen zu können und Diskussionen trotz allem wohlwollend fortführen zu können, ohne dabei aggressiv zu reagieren.

 

in: Welt der Frauen www.welt-der-frauen.at (gekürzt)

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In meinem Kopf

 

Die Einfälle sitzen wie Krähen in meinem Kopf und warten. In dem Moment, wo ich nicht mehr nach ihnen schaue, fliegen sie auf, sonderbar und schön. Die besten Einfälle sind die, die mich selbst überraschen. Sie stellen Zusammenhänge zwischen Dingen her, die ich nicht erwarte. Was hat Rost mit Freiheit zu tun? Ein Ohrensessel mit Demokratie? Was haben Himbeeren mit dem Tod zu tun? Wenn ich wüsste, dass ich sterbe, wäre ich traurig. Ich bin noch nicht satt. Meine Vorbilder fürs Leben sind mein Opa, Angela Merkel und Astrid Lindgren. Alle drei haben mit Emanzipation zu tun. Ein größtes Vorbild habe ich nicht. Vielleicht, weil ich Größe misstraue. Als es mal eine Sonnenfinsternis gab, musste ich mich zwingen, nicht in die Sonne zu schauen. Ich tat es trotzdem, ganz kurz. Ich schaue lieber hin als weg. Manchmal ist das nicht so klug. Wahrscheinlich sind 34% aller Dinge, die ich tue, nicht so klug, befriedigen aber meine Neugier. 

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Urlaub

Im August macht Gott Urlaub auf dem Campingplatz Deichblick. Sein Wohnwagen steht ganz hinten bei den Müllcontainern. Es riecht ein bisschen, besonders mittags, wenn das Thermometer hochklettert auf dreißig Grad und die Luft über dem Asphalt flirrt. Die anderen Plätze sind alle vergeben. An Camper, die lange vor Gott da waren.

"Gebucht bis 2034", sagt Manfred aus Wuppertal und Gott staunt. Solange im voraus denkt er gar nicht. "Musste aber", sagt Manfred. "Wenn du 'n Platz inner ersten Reihe willst, sogar noch länger." Er sei keiner für die erste Reihe, sagt Gott. Nie gewesen. Manfred ploppt ein Bier auf und reicht es Gott rüber. "Prost und nichts für ungut, aber so kommste nie auf 'nen grünen Zweig. Ich hab' hinten bei den Toiletten angefangen. Und jetzt? Reihe drei, sogar mit Vorgarten!" Seine Augen glänzen stolz. "Alles nur, weil ich dem Platzwart ständig in den Ohren lag." "Das kenne ich", seufzt Gott.

"Ach", staunt Manfred und rülpst dezent. "Was machste denn beruflich? Biste etwa auch Platzwart?"

"So ähnlich", sagt Gott, und dann erzählt er von seinem Platz. Dass der ziemlich groß sei, Meer- und Bergblick, Sommer- und Winterbetrieb. "Nur, dass die Leute sich selbst aussuchen, wo sie bleiben wollen. Keine Reservierungen. Keine Stammplätze." Er mische sich da nicht ein. Manchmal trinke er ein Bierchen mit und schaue, dass die Geranien Wasser kriegen.

Manfred schielt unter seiner Kappe hervor. "Und das funktioniert?"

Gott wiegt den Kopf. "Mal besser, mal schlechter. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf."

Ein Wohnwagen der Marke "Luxor Privileg" rollt vorbei. Manfred kratzt sich nachdenklich am Bauch. "Bist wohl so'n Optimist?"

Aus seinem Mund klingt das wie eine seltene Tierart. Gott lächelt. "Schon immer gewesen, Manfred, schon immer gewesen. Prost!"

 

Schönen Sommer! Hier geht es weiter Mitte September.

 

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Schreiben. Auf der Wiese

Fliegen stieben ins Gesicht -

ein Gedicht?
So klappt das nicht.

 

Käfer krabbeln

Leute brabbeln

Sonne sticht - 

ein Gedicht?

Ist nicht in Sicht. 

 

Brauche Schatten 

unter Latten-

zaun und Dach - 

das Gedicht?

Das fällt wohl flach.

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Feinste Wahl

 

 

 

 

Die Betonung ändern.     

Die Welt umrunden      

in meinem Zimmer.     

Die Auslage meiner      

Habseligkeiten betrachten,     

etwas entdecken,     

das längst da ist:     

Ein Kamm, ein Buch, ein Kissen,     

dich.     

Feinste Wahl.     

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Ernstfall

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Gehen_Bleiben

Kippe Name, Telefon und Notizbuch aus. Dann ist der Rucksack leer. Ich lasse ihn stehen. „Du musst Wasser mitnehmen“, sagt Olga. 

„Was ich brauche, finde ich unterwegs.“ Ich tue so, als sei ich mir sicher. 

Die Sonne steht schon tief. Man bricht nicht nachmittags auf. Nachmittags kommt man an. Aber ich will nicht länger warten. Wenn ich jetzt nicht gehe, gehe ich nie.

„Warum willst du eigentlich gehen?“, fragt Olga. Ich suche nach Feindseligkeit in ihrer Stimme, doch da ist nichts. Sie hockt auf der Mauer und lackiert ihre Nägel. Sechs Zehen sind schon rot. Olga nimmt immer Rot. Rosé oder Lavendel kommen nicht in Frage. Olga macht keine halben Sachen. Olga würde auch nie weggehen. Sie ist viel zu sehr hier.

Mit ihren Luchsaugen schaut sie mich an. Sie sagt nicht: Bleib. Gehen ist einfacher als bleiben. Hinter jeder Biegung könnte alles anders sein. Ich lebe gern im Könnte. „Das ist alles?“, fragt Olga überrascht. Und dann: „Soll ich deine Zehen auch machen?“

Ich zögere. Lege meine Füße in ihren Schoß. 

Wir wissen beide: Jetzt kann ich nicht mehr gehen. 

Der Pinsel biegt sich bei jedem Strich. Darunter leuchtet es rot. 

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Kindergebet

 

 

Lieber Gott,

 

hast du auch die Mücken lieb

und die Flöhe auf meinem Hund

und den fetten schwarzen Käfer

und den Mann mit dem großen Mund?

Und im Meer die Feuerqualle

Und die Frau, die so komisch riecht

Und die ekelige Schnecke

Und den Dino, den’s nicht mehr gibt?

 

Zeig mir doch, wie man liebt.

 

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Übermorgen

Heidi Klum feiert Erfolge mit einer Du-bist-schön-wie-du-bist-Show. 

Was ist passiert?

Instagram und Facebook stellen mangels Interesse ihre Dienste ein. 

Was ist passiert?

Die Päpstin schafft ihr Amt ab. Was ist passiert?

Gott veröffentlicht seine private Telefonnummer. Was ist passiert?

Das Gefühl, nicht zu genügen, ist nur noch eine ferne Erinnerung. 

Was ist passiert?

Flüge für Distanzen unter 1500 km starten nicht mehr und keinen stört es. Was ist passiert?

Jeder wird von irgendwem geliebt. Was ist passiert?

Der letzte Mensch, der je einen anderen Menschen getötet hat, stirbt geläutert im Alter von 93 Jahren im Kreise seiner Lieben. 

Was ist passiert?

In einem alten Tagebuch lese ich, dass ich ständig gestresst bin. Das Wort habe ich seit 7 Jahren nicht mehr benutzt. Was ist passiert?

In der Kirche treffen sich jeden Abend 237 Leute. Manchmal auch mehr. Was ist passiert?

Ich bin glücklich. Die anderen auch. Was ist passiert?

 

Zusammen das Heute von Übermorgen her denken. Wohnzimmerkirche Futur II am 12. Juni.

 

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Wunder regnen

Die Hoffnung soll immer zuletzt sterben. Egal, ob Flutkatastrophe oder Lottogewinn, Hirntumor oder Liebeskummer. Immer muss sie ausharren bis zum bitteren Ende. Egal, wie hoch die Chancen stehen. Das arme Ding. 

Ich stelle mir vor, dass sie hier und da gern sagen würde: „Leute, es tut mir leid. Nehmt’s mir nicht übel, aber hier kann ich wirklich nichts mehr ausrichten. Lena
 wird Holger nicht küssen, auch in hundert Jahren nicht. Nicht jeder Lahme wird gehen können. Sorry.“ Sie meint das nicht böse, sie traut sich nur, der Realität ins Auge 
zu sehen. Und deren Augenfarbe ist manchmal eben nicht rosa. Sie würde dann gern weitergehen. Weil sie sieht, was nach der Katastrophe kommt. Denn ein „Danach“ gibt es immer. Darin ist die Hoffnung eine Meisterin. Egal, ob Himmel oder Holger, sie ist schon zwei Schritte voraus. Unsereins kann sie da schnell mal aus dem Blick verlieren. Aber das macht nichts. An der nächsten Ecke wartet sie geduldig, bis man wieder aufgeholt hat, und dann führt sie einen in ein Land, das man sich nicht hätte träumen lassen. Die Hoffnung hat ihre Augen überall, am liebsten aber in der Zukunft. Und da gibt es immer irgendetwas Rosiges. Auch, wenn man selber noch schwarzsieht.

 

100 Seiten Hoffnungstexte. Weil man manchmal einfach was Positives braucht.

Mit Beiträgen von vielen anderen und mir: Vielleicht lässt jemand Wunder regnen. Susanne Breit-Keßler, Frank Muchlinsky (Hrsg.), edition chrismon | Deutsche Bibelgesellschaft

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Nix Neues

 

 

 

 

 

 

 

Nein, das ist keine Bio-Maske, sondern ein Holunderbusch.

Wenn man die Nase reinsteckt, sieht die Welt gleich anders aus. Zumindest riecht sie anders: frisch, zitronig, leicht. Das ist mein Tipp gegen Corona-Blues. Das Leben war selten so viel Jetzt wie jetzt. Alle, die noch nie viel von Planung hielten, sind klar im Vorteil. Ich übe das jeden Tag und helfe mir mit einem einfachen Gedankenspiel: Je einladender ich die Gegenwart gestalte, desto mehr Lust hat die Zukunft zu kommen. 

Und sonst? Habe ich mehr am Schreibtisch als im Zug gesessen, zoomen als Verb in meinen Wortschatz aufgenommen, immer (na gut, meistens) das Positive gesehen, die Sprache der Meisen studiert und ein Buch geschrieben. Jetzt ist es fertig. Wenn Ihr schon mal gucken wollt, wie es aussehen wird, klickt hier. Bald, ganz bald gibt es auch wieder neue Engelimbiss-Texte. Wenn ich aus dem Urlaub zurück bin.

Habt es gut!

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Roséwein und Entenküken

„Ein Glück, dass ich dich treffe“, sage ich und Gott nickt etwas zerstreut. „Geht’s dir nicht gut?“, frage ich ängstlich, denn das wäre es ja, wenn man sich jetzt auch noch Sorgen um Gott machen müsste. Deshalb rede ich lieber gleich weiter. „Es reicht, hörst du? Ich finde, dieses Virus sollte jetzt langsam mal aufgeben.“ Gott nickt und seufzt: „Das finde ich auch.“

„Dann tu was“, rufe ich, denn Seufzen hat noch nie geholfen, etwas zu verändern. „Vernichte es, verwandle es, mach, dass es aufhört!“

Er sei kein Seuchenexperte, sagt Gott, dafür gäbe es Fachleute. Die kennen sich gut mit Viren aus, auf die vertraue er.

„Und wenn sie sich irren?“

Das sei natürlich möglich, sagt Gott. Deshalb vertraue er auch auf die Fragen der anderen, dass sie nicht nachlassen, zuzuhören und mitzudenken.

„Vertrauen …“, murmele ich und klinge vermutlich enttäuscht, weil ich mir etwas Handfesteres wünsche.

„Du willst Sicherheit“, sagt Gott, und ich nicke, obwohl ich weiß, dass Sicherheit eine Sackgasse ist. „Deshalb habe ich das alles hier“ – er macht eine raumgreifende Bewegung, „auf Vertrauen aufgebaut. Ich glaube daran. Ich vertraue darauf, dass ihr klug und mutig genug seid, euer Herz und euren Verstand zu nutzen. Ich glaube an eure Widerständigkeit, die habe ich in eure DNA gelegt, an eure Fragen und euren Zweifel. Vergesst die nicht. Ich vertraue auf euren langen Atem, den habe ich in Jahrtausenden mit euch geübt. Ich vertraue auf eure Wachsamkeit. Es reicht, wenn einige wachen und die anderen sich wecken lassen. Wechselt euch ab. Ich vertraue auf eure Phantasie, denn die habt ihr von mir. Im Übrigen vertraue ich auf Butterblumen, Roséwein und Entenküken und finde, dass es ein paar ausgezeichnete Serien gibt.“

„Du überraschst mich immer wieder“, murmele ich wie zu mir selbst, und mir fällt plötzlich auf, wie hell der Himmel an diesem Abend ist.

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Aufstehen

Ich färbe Eier und male in Goldbuchstaben ein A und ein O.

Ich hole grüne Zweige herein, den Teig knete ich für das Osterbrot. Ich habe Öl gekauft, es riecht nach Rosen, das geht unter die Haut. Ich kenne die Gesänge, angestimmt in einer fernen Welt und ohne Ende gesungen. Dies ist die Nacht.

Ich stehe auf und schleiche mich hinaus, bevor die anderen erwachen. Keine Ahnung, was ich erhoffe, aber der Morgen wird da sein, die Vögel werden da sein, und ich – ich werde auch da sein. Vielleicht begegne ich einem in weißen Kleidern, auch wenn das wahrhaft unwahrscheinlich ist. Aber Ostern ist sowieso nichts für Kopfrechner.

 

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Erinner dich: Brot, Wein, zusammen sein

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Ob Ostern wird

Ob Ostern wird, fragst du ängstlich,

und ich sage, natürlich wird Ostern.

 

Aber wer singt die Lieder,

wer bringt das Licht herein?

Wer steht auf, früh vor der Sonne,

wer segnet die Angst,

wer himmelt die Erde?

 

Du, sage ich, und ich.

Und die anderen

an ihren Küchentischen,

zwischen Legosteinen

und beim Melken der Kuh.

Bei der ersten Schicht in der Tankstelle,

nach unruhigem Traum im Krankenbett,

mit müden Augen am Taxistand.

Im Pausenraum morgens um vier,

zwischen Narzissen und Windrosen,

woimmer und überall.

 

Tägliche Texte schreibe ich gerade auf dem Lichtblick-Blog von Chrismon.

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Stubenhocker

Im Wohnzimmer sitzt ein Engel. Er sagt, er sei ein Stubenhocker. Endlich dürfe man das ohne schlechtes Gewissen sein. Kein Pilateskurs, kein Theater-Abo, der Lesezirkel fällt aus, ebenso der Esperanto-Kurs für Fortgeschrittene, es gibt einfach keine Freizeittermine mehr, die man einhalten muss. Er werde, sagt er, jetzt einfach hier sitzen und vielleicht etwas lesen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht werde er auch nur schauen. Draußen sei vor 20 Minuten eine Meise gelandet und habe geprüft, ob der Zweig trägt. Eine Wolke habe sich in ein Schaf verwandelt. Das Gras sei gewachsen, aber, wendet er ein, da müsse man schon sehr genau hinschauen. Er sieht mich erst mitleidig, dann aufmunternd an. Man könne das lernen, fügt er hinzu und fragt, ob ich mich zu ihm setzen wolle. 

Warum nicht, denke ich. Von einem Engel kann man bestimmt was lernen.

 

Übrigens: Ab morgen schreibe ich für Chrismon täglich einen "Lichtblick". Schaut vorbei!

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Always look on the bright side...

Was mir gerade gut tut:

 

Dinge ordnen. Küchenschrank. Wäsche. Bücher. 

Der Luxus, einfach jeden Tag mit einem Brötchen zu frühstücken. Um 11 Uhr. 

Blumen einpflanzen.

Ungelesene Bücher lesen.

Ausgiebiger an einem Text feilen als sonst.

Die plötzliche Ruhe genießen.

Der Stimme widerstehen, die raunt: Du darfst jetzt nicht genießen. 

Auch dem Aktivismus widerstehen, das ganze offline Leben online stattfinden lassen zu wollen.

Bärlauchpesto machen. 

Bärlauchpesto essen.

Atmen üben.

 

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Haus der Träume

Jakob kann nicht schlafen. Weil die Gedanken in seinem Kopf Hip-Hop tanzen und weil ihm der nächste Tag bevorsteht und ein Date, vor dem er Angst hat. Er steht auf und geht hinaus in die Nacht; ich stelle mir vor, wie er dasteht und in die Sterne guckt, sich eine Zigarette ansteckt und die Füße schneller kalt werden als der Rest.

Da wirft ihn etwas um. Ein Unbekannter reißt ihn zu Boden. Sie ringen miteinander, ich sehe sie kämpfen, keiner gewinnt, denn ums Gewinnen geht es nicht. Ich höre das Keuchen ihres Atems, keiner lässt los, keiner sagt: Lass uns reden. Die beiden ringen miteinander, bis das Morgenrot die Geister der Nacht vertreibt. Der Unbekannte versucht, sich loszureißen. „Ich lasse dich nicht gehen“, ruft Jakob, „gib mir erst deinen Segen.“ Er bekommt ihn, weil er darum gekämpft hat.

Die Geschichte ist uralt und sie ist meine Geschichte.

Ich will Jakob sein, der Gott den Segen abringt. Kein Ringelpiez, kein frommes Gerede, niemand sagt „zauberschön“. Aber es ist echt.

Jakob sagt, Gott sei manchmal zum Greifen nah.

Wohl eher handgreiflich, sage ich.

Das sei die andere Seite, sagt er. Wenn du nicht in einer Wattewelt leben willst. Kann sein, dass er dich umhaut.

 

                                                                                                                                 Weiterhören oder lesen: Haus der Träume im Deutschlandfunk

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Für Ferhat, Gökhan, Hamza, Said Nessar, Mercedes, Sedat, Kalojan, Fatih, Vili, Gabriele

 

 

 

eine Kerze brennt

etwas vergolden

während der Regen

gleichmäßig ans Fenster klopft

hass hat

nicht das letzte Wort

 

 

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Herrschaft

 

 

 

Heute Morgen zeigt der Himmel in Blau, dass es ihn noch gibt.

In einer Parallelwelt erklärt ein Papst, dass es Frauen schaden könne,

wenn sie Priesterinnen werden. Es muss sich um einen zweifelhaften 

Beruf handeln.  Auf Facebook feiert eine Pastorin ihr 42-jähriges Dienstjubiläum.

Sie sieht glücklich aus im Talar. Ihr Lippenstift passt zu ihrem Lachen.

Ich wende mich anderen Dingen zu und lese einen Text, in dem Adjektive

die Herrschaft übernehmen. Sie sind gerissen, weil sie vorgeben, freundlich zu sein.

Aber auch mit Freundlichkeit kann man Subjekte ersticken.

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Januarmorgen

Das Jahr ist nicht mehr ganz frisch. Es hat schon Moos angesetzt, kein Wunder bei dem ganzen Regen, der doch eigentlich Schnee sein sollte. Aber er richtet sich nicht nach mir, vielleicht fühlt er sich flüssig ganz wohl. Im neuen Jahr soll man sich verändern, überall Aufbruch, mir wird schwindelig davon. Ich finde, der Januar ist ein Monat, in dem man erstmal atmen kann. Bevor man losstürmt, wer weiß wohin. Ausatmen. Die Kaffeetasse sehen. Einatmen. Die Kontoauszüge taxieren. Einatmen. Einen Schluck Kaffee trinken. Ausatmen. Die leeren Stifte wegwerfen. Einatmen. Die E-Mails erst in zwei Stunden lesen. Ausatmen. An Harry, Meghan, den Sommerurlaub, das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, Wandfarbe, an nichts und alles denken. Einatmen. Nicht behaupten, dass das eine Meditationsübung sei. Ich schmiege mich in die Halskuhle des Januars und denke, wie weich doch Moos ist.

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Als der Weihnachtsmann auf dem Weg nach Hause ist

Als der Weihnachtsmann auf dem Weg nach Hause ist, trifft er die drei Fremden. Sie halten Pakete in den Händen. „Bisschen spät, Kollegen. Ich hab’ alles abgeliefert: Iphones, Krawatten, Legosteine. Ich sag’ euch: Mir reicht’s! Was habt ihr dabei?“ 

„Gold, Weihrauch und Myrrhe.“ 

Der Weihnachtsmann zieht eine Augenbraue hoch. „Das ist doch nicht euer Ernst! Gold, ja, das geht immer. Aber das andere Zeugs? Was soll man damit anfangen?!

Die drei Fremden lächeln. „Gold ist das Wertvollste, was wir haben“, sagt der erste.

„Weihrauch ist für das, was uns heilig ist“, ergänzt der Zweite. „Und Myrrhe heilt, wenn einer Schmerzen hat“, schließt der dritte. Der Weihnachtsmann seufzt. „Das könnte ich auch brauchen! Für meine Schultern. Dieser schwere Sack! Und innendrinn – wisst ihr, wie es bei mir innen drin aussieht? Daran denkt keiner! Für mich interessiert sich niemand. Alle wollen immer nur haben, haben, haben! Heimlich lachen sie über meinen Bart und dass ich so altmodisch bin. Manchmal glaube ich selber nicht mehr an mich!“ Die Fremden nicken verständnisvoll. „Wir glauben an dich“, sagen sie. „Komm doch mit uns!“ Der Weihnachtsmann guckt die drei traurig an. „Aber ich habe keine Geschenke mehr. Kein einziges!“ „Das macht nichts“, sagt der erste. „Es reicht, dass du da bist“, sagt der zweite. „Vielleicht beschenkt dich das Kind, das wir suchen“, sagt der dritte.

„Was kann so ein Kind denn schon zu geben haben?“ „Finde es heraus.“ Und so sind sie plötzlich zu viert und folgen dem Stern.

Viele schließen sich ihnen an.

 

 

Helle Tage, frohe Nächte und auf Wiedersehen im nächsten Jahr!

 

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Freunde

Die Eichhörnchen, meine Freunde

legen Nüsse in die Krippe

draußen der Schnee

warmer Atem

malt Wölkchen in den Stall

eine Nachtigall ist geblieben

sie singt

gegen die Kälte

in den Straßenschluchten der großen, 

weiten Welt

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Unterwegs

„Woher kommt ihr, wohin wollt ihr?“, fragt man uns.

„Wir haben den Stern gesehen. Er zeigt uns etwas, das ist größer als alles.“

„Was kann schon größer als alles sein?“

„Die Sehnsucht“, sagen wir. 

„Die Sehnsucht kann man nicht greifen.”

Wir widersprechen:

„Die Sehnsucht ist ein Kind, das beschützt werden will.

Die Sehnsucht ist nackt und sie schämt sich nicht.

Die Sehnsucht wartet, wo wir nichts erwarten.“

Draußen wartet die Nacht. 

Der Stern führt uns in die Weite. 

Hinaus aus der Stadt, auf die Felder. Der Weg verschwindet im Gras. 

Erschöpft lassen wir uns nieder.

Einer sammelt Holz.

Eine entzündet das Feuer.

Einer bläst in die Glut.

Wir schweigen lange. 

„Die Sehnsucht ist ein Kind, das beschützt werden will“, wiederholst du.

„Und wenn wir sie finden? Was sind wir bereit zu geben?“

Wir breiten unsere Gaben aus:

Weihrauch, weil die Sehnsucht das Heiligste ist, was wir haben.

Myrrhe, weil Sehnsucht manchmal schmerzhaft ist.

Gold, weil die Sehnsucht das Wertvollste ist.

Wir schauen ins Feuer.

Wir schweigen uns zusammen, bis wir einschlafen,

Schulter an Schulter.

 

Die Könige in der "Wohnzimmerkirche"

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Wild und frei

Wir sitzen im Boot und der Wind zaust die Bäume. Der Himmel ist so blau. In diesem Moment bist du da. Ich könnte dich niemandem erklären, wollte es auch gar nicht. Ich habe keinen Namen für dich und erst recht kein Bild. Manchmal tauchst du mit einer Wucht in meine Gegenwart, die mich wanken lässt. Ich halte das Paddel still und mein Gesicht in deine Richtung. Das Wasser schwappt gegen den Bug und wir wippen zusammen auf den Wellen. Ich höre das Glucksen, sonst nichts. 

Wir reden nicht, ohnehin reden wir selten. Worte sind zwischen uns eher eine Krücke. Ich brauche sie, wenn es mir schlecht geht. Dann rufe ich dich, dann sage ich „lieber Gott“, in Ermangelung einer anderen, einer besseren Anrede. Aber vielleicht ist sie auch gar nicht schlecht, sie drückt Nähe aus und etwas Zärtliches. Anders kann ich dich nicht denken, weil ich dich anders nicht erlebe. Wenn du fern bist, sehne ich mich nach dieser Nähe. 

Ich habe Gebete gelernt. Liebergottmachmichfrommdassichindenhimmelkomm war mein erstes. Es fühlt sich nach Daunenbett an und riecht ein wenig nach Mottenkugeln. Damals holte Oma dich dazu, wenn sie kam und mir Gute Nacht sagte. Ich hatte keine Ahnung, wer du bist, aber Oma schien es zu wissen und das reichte. Sie holte dich, damit ich besser schlafen konnte und vielleicht auch, damit der Marder mir weniger Angst machte. Ich lernte dich also im Bett kennen. Kann sein, dass das unsere Beziehung prägt. 

Später lernte ich mein erstes Erwachsenengebet. Vaterunser murmelten alle zusammen, das klang ernst, und wenn es gut lief, auch feierlich. Alle konnten es, nur ich musste es erst lernen. Ich fühlte mich wie eine Nachzüglerin, als hätte ich die ersten Jahre geschwänzt, hätte zuviel in den Wiesen gespielt, Frösche gejagt und Blaubeeren gepflückt, während die anderen in der Kirche saßen. Ich hörte, dass dieses Gebet wichtig sei, weil es alle schon immer beten. Alle sind eine ziemlich große Menge, dagegen kann man nicht an. Also murmelte ich mit. Am besten gefiel mir die Zeile von der Kraft und der Herrlichkeit in Ewigkeit; nicht, weil es die letzte war, sondern, weil sie wie ein Zauber klang. Wie eine Beschwörungsformel, der ich mich auch heute nicht entziehen kann und du dich ja vielleicht auch nicht. Ich lasse mich gern von dir verzaubern. 

Dann kamen die anderen, die sogenannten freien Gebete. Sie haben keinen Reim und keinen Rhythmus, man sagt einfach, was einem gerade einfällt. Meistens sind es Dinge, die du tun sollst. Vorher bedankt man sich für irgendetwas, ich nehme an, es handelt sich dabei um einen Akt der Höflichkeit. Sie werden laut gesprochen, andere hören, was ich dir sage, das war mir immer schon ein bisschen peinlich (und dass es mir peinlich ist, ist mir auch peinlich.) Vielleicht geht es dir ähnlich. Jedenfalls traf ich dich bei diesen Gebeten nur selten, meistens wartetest du draußen. Ob du nicht reinkommen willst, habe ich gefragt, aber du hast nur den Kopf geschüttelt und mir ein paar Kirschen entgegengehalten. Weil du mich kennst. Weil du weißt, dass ich lieber mit dir Kirschen esse, als die Worte da drinnen zu schlucken, die immer ein bisschen nach Gebrauchsanleitung klingen. Tu dies, tu das, denk an jenes. Sie flirten nicht, sie verhandeln, aber das vertraue ich nur dir an, weil ich ahne, dass nicht jeder versteht, was ich meine. 

Dass du mich verstehst, daran glaube ich. Weil wir zusammen durch die Felder gestreift sind. Haben Ähren gerauft und uns Weizenkörner auf die Zunge gelegt und Worte, an denen wir uns nicht die Zähne ausgebissen haben. Wir haben zusammen an Papas Grab gestanden, ich glaube, du hast geweint. In der Nacht haben wir mit den anderen zur Gitarre gesungen, der Mond schien, und ich dachte, wie schön du singst. Wir haben getanzt bis in den Morgen, Schweiß glänzte auf unserer Haut. Zusammen haben wir Weihrauch gerochen und Leuchtalgen durch die Hände gleiten lassen. Wir haben unterm Nordlicht gestanden, Träumende gesehen und nicht aufgehört zu staunen.

Du bist wild und zärtlich und unendlich frei. Damit lockst du mich. Du holst mich hinaus ins Weite. Meine Sprache endet bei dir. Du bist nicht Vater und nicht Mutter für mich. Du bist kein „Er“, du bist nicht „Sie“ und schon gar nicht bist du „Es“. Du bist jenseits aller Definitionen. Du bist. Unsere Schultern berühren sich manchmal, dann lehne ich mich hin zu dir und bewege mich nicht, solange der Moment dauert. Ich liebe ihn. Ich will ihn festhalten. Ich will dich festhalten, will mein Zelt aufschlagen für uns, will aus dem jetzt ein ewig machen. Ich musste lernen, dass du dich nicht festhalten lässt. Darin bist du eindeutig. Ich habe dich nicht in der Hand. Aber du kommst wieder. Darauf vertraue ich, ich vertraue darauf, dass wir zueinander gehören, ohne uns ständig unseres Daseins versichern zu müssen.

Manchmal rufe ich dich. Flüstere in der Nacht mit lautloser Stimme deinen Namen. Sage dir ein paar Sätze, Geheimnisse oft. Du bist der einzige, dem ich sie alle anvertraue. Meistens schlafe ich darüber ein und dann bis ich doch wieder im Daunenbett. Ich schlafe gern in deiner Gegenwart.

Wie andere mit dir reden, weiß ich nicht. Wahrscheinlich treffen sie dich an anderen Orten, in Kirchen oder Hörsälen, an Tankstellen oder Krankenbetten, beim Stricken oder Bingospielen. Ich weiß, dass du auch da bist, wo ich nicht bin. Dass du an Orten bist, die mir fremd sind. Wo du mir fremd bist. Das ist gut so. 

Ich könnte mich sonst zu sehr an dich gewöhnen.

 

in: Andere Zeiten 3/2019, Buß- und Bettag

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Mauern stürzen

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, einander zu lieben.

Weil Liebe kein Gefühl ist, sondern eine Fähigkeit.

Weil Liebe süßer ist als Milch und Honig.

 

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, zu hoffen.

Weil Hoffnung keine Garantieleistung ist, sondern eine Verheißung.

Vielleicht wird es ganz anders als wir denken.

Vielleicht werden wir ganz anders als wir denken.

 

Der Himmel ist hier.


Wenn wir ihn hier nicht finden, finden wir ihn nirgendwo.


Ich glaube daran, dass wir träumen können.

Weil ein Traum immer der Anfang ist.


Lasst uns zusammen träumen von uns


Die wir sind


Und die wir sein werden


 

Wir sind ein Volk. 

Der Himmel ist: hier 

 

Wohnzimmerkirche am 8. November "Wenn Träume Mauern stürzen". 

 

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Mio sieht was

 

Mio kann Angst sehen. Angst ist orange, ein grelles, beißendes Orange. Mio sieht, wie Schnecken lachen. Er sieht auch, wie sein Kaktus auf der Fensterbank wächst. In einer Nacht im Oktober sieht Mio Gott, vielleicht träumt er auch, da ist er nicht ganz sicher. 

„Das macht keinen Unterschied“, sagt Gott, der einen Hut trägt und das wundert Mio, weil er sich Gott ganz anders vorgestellt hat.

„Das meiste, was man sich vorstellt, ist am Ende ganz anders“, gibt Gott zu bedenken und Mio findet, dass das auch wieder wahr ist. 

„Was willst du?“, fragt Mio.

„Dich“, sagt Gott.

Da ist Mio erstmal sprachlos, weil ihm das so direkt noch keiner gesagt hat. Sein Chef nicht, Merle nicht, nicht mal seine Mutter. Meistens ist es kompliziert, weil es meistens ein Aber gibt. 

„Ich habe dich ausgesucht“, sagt Gott.

„Wann?“, fragt Mio, weil er nichts davon bemerkt hat.

„Schon lange. Schon immer. Schon länger als immer.“

Jetzt würde Mio gern wissen, wofür Gott ihn ausgesucht hat. Aber er scheut sich, zu fragen. Wer weiß, was dann kommt. Wer weiß, ob er das will.

Dann fragt er doch. „Wofür?“

„Du sollst die Welt retten.“

Mio reißt die Augen auf. „Geht’s nicht eine Nummer kleiner?“

„Nein“, sagt Gott. „Bedaure.“

Mio sieht, dass er es ernst meint. Trotz des Hutes.

„Das kann ich nicht!“, ruft Mio. „Wer sollte denn auf mich hören? Ich bin zu jung. Sogar Merle sagt, ich bin sonderbar. Ich kann nicht reden. Jedenfalls verhaspele ich mich an den wichtigen Stellen. Ich habe keine Ahnung, wie man eine Krawatte bindet. Hast du mal geguckt, wie es aussieht da draußen? Die Trumpserdogansvaterlandsverteidigerdieplatzhirschediemeinmöchtegernpanzerdieichzuerst-dielügenpresseerfinderdiehauptsachekohlemacherdie– hast du die gesehen?“

„Darum ja", sagt Gott. "Einer muss ihnen sagen, dass es so nicht geht.“

„Aber nicht ich!“

„Doch!“

„Nein!“

Das Schweigen, das jetzt folgt, ist ein bisschen unangenehm. Die Luft ist orange.

„Hab keine Angst“, sagt Gott. „Ich bin ja bei dir.“

Mio atmet drei Mal ein und wieder aus. Dann atmet er ein viertes Mal. 

„Was siehst du?“, fragt Gott.

„Ich sehe die Nacht, den Schatten der Lampe, ich sehe deinen sonderbaren Hut, ich sehe eine leere Flasche Bier, den Kaktus und dass ich morgen sehr müde sein werde.“

„Sieh darüber hinaus. Was siehst du?“

Mio schluckt. „Ich sehe eine Welt, die tobt. Ich sehe ein Fass, das überläuft. Ich sehe einen brodelnden Kessel. Ich sehe Risse in der Fassade. Ich sehe Zeit, die abläuft. Ihre Füße sind wund. Ich sehe eine Axt im Wald. Ich sehe Menschen, die aufs Kreuz gelegt werden. Ich sehe Asche auf den Häuptern.“

„Ja“, sagt Gott. „Was siehst du noch?“

„Ich sehe einen Zweig, der blüht. Ich sehe Menschen, die tropfenweise das Feuer löschen. Ich sehe Liebende, die sich an einen Strohhalm festhalten. Ich sehe, wie einer eine Lanze bricht. Ich sehe einen Knoten, der sich löst. Ich sehe, Karten, die offen liegen. Ich sehe eine Schwalbe, sie bringt den Sommer. Sie bringt Freiheit. Sie bringt Alletagefrieden. Sie bringt Glück. Es nistet sich ein, überall, wo jemand das Herz öffnet.“

„Ja“, sagt Gott. „Erzähl davon. Vertrau dem, was du siehst.“

„Aber…“, sagt Mio.

Da berührt Gott Mios Lippen, das fühlt sich an wie ein Kuss und Gott legt Worte in Mios Mund, alle Worte, die man braucht. 

Ein Aber ist nicht dabei.

 

(Steht so oder so ähnlich bei Jeremia 1.)

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Was ich gern höre

Stille

die Nationalhymne nachts im Deutschlandfunk

die Europahymne, anschließend

Ich liebe dich

Ungesagtes

die Worte zwischen den Zeilen

meinen Namen

Kirchenglocken

den Ruf des Muezzin, wenn die Nacht weicht

das Gurgeln eines Baches

das Ping einer WhatsApp

Cellomusik

den Eröffnungstango der Nordischen Filmtage

das Knistern alter Schallplatten

Nebelhörner

 

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Hallo Eva,

du bist die Mutter der Neugier. Du willst Erkenntnis. Manche nennen das Sünde.

Ich glaube, sie nehmen dir übel, dass du sie aus ihrem kleinen Paradies vertrieben hast, in dem alles zusammenpasst und es keine Zwischentöne gibt. Zwischentöne sind ihnen unheimlich. Wie, wenn man es nachts im Wald knacken und wispern hört und nicht weiß, ob das Tier, das da ruft, gefährlich ist. 

Schlangen können gefährlich sein. Ich bin bisher nur auf Ringelnattern und Blindschleichen getroffen. Die tun nichts. 

Im Paradies gab es gefährlichere Schlangen. Eigenartig oder?

Ich nehme dir nichts übel. Bei mir brauchst du dich nicht zu entschuldigen. Ich glaube auch nicht, dass du naiv warst. Oder leicht verführbar. Womöglich hattest du einfach ein großes Grundvertrauen. Du hast den Worten der Schlange geglaubt, ihren Argumenten, mit denen sie ja gar nicht falsch lag. Deine Neugier eröffnete einen neuen Horizont, der weiter ist als ein Kindheitsparadies. Du gabst die Sicherheit eines begrenzten Raums zugunsten der Freiheit auf. Ich hätte es genauso gemacht. 

Ich weiß nicht, wie es sich im Paradies lebt, aber auf der Erde gefällt es mir gut. Ich trage deine Kleider auf, jene, die Gott euch damals gab, weil das Leben hier draußen manchmal ruppig und kalt sein kann. Sie halten immer noch warm. 

Mit deinem Wunsch nach Erkenntnis hast du eine Bewegung ausgelöst. So viele Menschen folgen dir. Sie stellen Fragen und suchen Antworten. Sie versuchen, Gut und Böse zu scheiden. Sie bauen hier auf der Erde am Himmel nach den Plänen deiner Erinnerung. Ich gehöre dazu.

Du hattest Mut, Gott kurz den Rücken zu kehren. Ich glaube, du wusstest, er wird nicht verschwinden, wenn du woanders hinguckst. Wenn du die Welt entdeckst. Gott ist gut darin, Rücken zu stärken. 

 

Viele Grüße von unterwegs, deine S.

 

(aus: Was machen Tagträumer nachts?)

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Wieder anfangen

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Lebenszeichen

Spiel

Die Erde ist rund, weil man mit runden Dingen besser jonglieren kann. Ich glaube, Gott ist ein Jongleur, ein ziemlich guter noch dazu. 

Ich habe es auch schon probiert und übe noch. Mir gefällt der Gedanke, niemanden fallen zu lassen. 

 

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Draußen

 

Ich mit dir 

In einem Boot

 

Du zaust die Bäume

Schickst Adler los

Und waghalsige Träume

 

Wir schlafen Haut an Haut

Nur eine Zeltwandweit getrennt

 

Ich werfe meine Netze aus

Angle nach dem Unerreichbaren

Mit Geduld

 

Du lehrst mich barfuß zu vertrauen

Mein Herz ist eine begierige Schülerin

 

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Fragen des Tages

1. Fühlt sich das Glück bei dir wohl?

2. Was hält dich wach?
3. Ist die Inspiration eine Diva?

4. Was hilft?

5. Was verschenkst du?

6. Wann ist das Bekenntnis zu Schwäche eine Ausrede?

7. Könnte Schlaf eine Lösung sein?

8. Willst du das wirklich oder freust du dich nur, gefragt zu werden?

9. Wie schnell muss dein Herz klopfen, damit du dich einlässt? 

 

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Himmelfahrt für alle Tage

Der Himmel ist anders als du denkst.

Der Himmel ist ein Feld, das darauf wartet, bestellt zu werden.

Der Himmel ist eine Wolldecke. Keiner kriegt kalte Füße.

Der Himmel ist ein Augenblick. Nur die Wachen sehen ihn. 

Der Himmel ist ein Apfelkuchen. Jeder gibt ein Stück.

Der Himmel ist ein Sack voll Lose, und jedes ist der Hauptgewinn. 

Der Himmel ist ein Hase, den der Schuss des Jägers nicht erwischt.

Der Himmel ist ein Kopfstand. Nur die Mutigen wagen ihn. 

Der Himmel ist ein Gegenüber, das zum Miteinander wird. 

Der Himmel ist ein Gedicht, und du bist der Reim.

Der Himmel ist ein Engel, der an den Himmel erinnert.

Der Himmel ist die Möglichkeit: Nach oben offen.

 

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Liebes Europa,

 

wenn ich dir schreibe, dann schreibe ich 500 Millionen Menschen. Das ist nicht so leicht, weil ich nicht alle dieser Menschen kenne, nicht mal auf einen Kaffee. Ehrlich gesagt, glaube ich auch, ich würde nicht alle mögen. Wahrscheinlich würde es bei so einem Kaffeetrinken ziemlich schnell Streit geben. Spätestens, wenn wir bei der Politik ankommen, würde es laut. Das kenne ich schon von den Weihnachtsfeiern meiner Kindheit. Und da saßen gerade mal zwei Dutzend Menschen an einem Tisch. Trotzdem haben wir uns jedes Mal wiedergetroffen. Verrückt, nicht?

 

Was auch verrückt ist: Ich finde dich wunderbar. Den finnischen Eigenbrötler oben in Karelien, die französische Bäckerin, mit der ich nur radebrechen kann, auch die Zyprioten, von denen ich noch nie einen getroffen habe, möchte ich nicht missen. Sind halt wie entfernte Cousinen, die kennt man auch nicht alle. Und weißt du, was das erstaunliche ist? Trotz aller Unterschiede raufen wir uns, so lange ich lebe, immer wieder zusammen. Das macht Familie aus. Man muss nicht jeden liebhaben. Aber nur, weil man einen nicht mag, das ganze aufs Spiel setzen?

 

Liebes Europa, manchmal bist du wie eine pingelige Tante. Dann nervst du mit deinen Vorschriften und Bestimmungen. Aber im Herzen bist du eine Romantikerin. Das sieht man schon an deinen verspielten Sternchen. Du bringst Kanelbullar und belgische Pommes auf den Tisch, griechischen Joghurt, Dresdner Eierschecke und polnische Piroggen. Genug für alle, das Teilen üben wir noch. 

Ich bin auch Romantikerin. Das ist nicht das Schlechteste: Wenn Liebe im Spiel ist, ist man eher bereit, zu ringen. Nicht aufzugeben, nur weil es mal nicht so gut läuft.

 

Und deshalb, liebes Europa, halt durch. Ich bin auf deiner Seite.

 

Deine Susanne

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Theologie der verständlichen Worte

 

 

Ich liebe dich.

 

 

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(Keine) Randnotiz

Wir fahren über die Grenze, die keine Grenze mehr ist. Die Bäume gleichen sich, aber im Hotel gibt es Schokostreusel zum Frühstück. 

Abends löffeln wir unsere Suppe; 16 Deutsche an einem Tisch, an den Nachbartischen Niederländer. Alle legen um Punkt acht ihr Besteck zur Seite und schlucken: Stille im ganzen Land. Zwei Minuten Gedenken der niederländischen Opfer im Krieg. 

Was für eine Gnade, denke ich, dass wir das zusammen tun können. Opa hat das Land besetzt, und ich bekomme Tomatensuppe.

Das ist Frieden. Wie dankbar ich dafür bin.

 

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Aufstand

                        Als Klappkarte auf editionahoi

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Vor Ostern

In diesen Nächten

rufst du mich hinaus

In diesen Nächten

schläft die Eule

und der Dämon ruht

In diesen Nächten

wehen die jungen

Buchenblätter

und die Luft schmeckt

nach Werden

 

 

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Scheiter heiter!

Sterben kann jeder. Es ist nichts Besonderes, da nützt auch kein Mahagonisarg, kein Staatsbegräbnis, kein weises letztes Wort. Der Tod ist ein Totalversagen. Und ein Gott, der stirbt – naja. Jedenfalls ist er kein Held.

Ich bin auch keine Heldin.

In der vierten Klasse sollten wir unser Lieblingsbuch mitbringen. Stolz legte ich einen Band Donald Duck auf den Tisch. Ob ich denn nichts anderes lese, fragte meine Lehrerin säuerlich. Doch, stammelte ich, was eine glatte Lüge war. Anderes begann ich erst später zu lesen. Donald, Dagobert, Tick, Trick und Track blieb ich trotzdem treu. (...)

Donald ist mein Held, eben weil er kein Held bist. Er ist die menschlichste aller Enten. In ihm finde ich mich wieder, irgendwo zwischen Kleinmut und Größenwahn. Seine Übertreibungen lehren mich Selbstironie. Ständig stolpert Donald über seine kurzen Beine und seine eigenen Ideale. Er ist cholerisch, lächerlich, gewöhnlich. Keine seiner Fähigkeiten ist besonders ausgeprägt. Donald weiß, was Sinnkrisen sind. Er weiß, wie es ist, „ein Niemand, der allernichtigste Niemand in ganz Entenhausen“ zu sein. Ach Donald, du wirst es nie zu etwas Großem bringen. Dennoch lässt du dich nicht unterkriegen: „Heut morgen ist mir die Zunge in den Rührfix gekommen, gestern Abend ist mir das Seifenpulver in die Rühreier gefallen und vorgestern ... na ja!“

Trotzdem gibt er nicht auf. Donald ist ein Stehaufmännchen.

Jesus auch.

Die Verehrung eines Gekreuzigten hat dem Christentum viel Spott eingebracht. Die erste bildliche Darstellung ist ein römisches Graffito aus dem 2. Jahrhundert. Es stellt einen gekreuzigten Esel dar, versehen mit der Unterschrift: „Alexamenos betet seinen Gott an“. Götter hatten glorreich zu sein. Helden eben. Und nun tauchte einer auf, der durch die schändlichste aller Todesstrafen starb. Nur Nichtrömer und Sklaven durften gekreuzigt werden. Warum sollte man an so einen Gott glauben? Warum sollte man einem Gott vertrauen, der in seiner Mission scheitert? Der jämmerlich und hilflos ausgeliefert ist? Ein Gott, der aufs Kreuz gelegt wird?

Im Laufe der Jahrhunderte haben viele Künstler versucht, die Sache geradezubiegen. Sie haben Jesus am Kreuz einen schönen Körper gegeben. Manchmal hat er ein Sixpack, Bauchmuskeln von denen andere träumen. Aber auch, wenn sein Körper ausgemergelt ist, bleibt er ästhetisch. Scheitern ist okay, solange es nicht zu unappetitlich aussieht. Wer will sich schon Sonntag für Sonntag einen Verlierer anschauen? Das wäre eine Zumutung.

Ich glaube, genau das ist es auch. Ein jämmerlicher Gott ist eine Zumutung, weil er in Abgründe zieht. Er zeigt, was Menschsein heißt. Wir sind keine Helden. Wir sind Scheiternde, mal verschuldet und mal unverschuldet. Mal alltäglich und mal existenziell. Mal brennen die Bratkartoffeln an und mal geht eine Beziehung in die Brüche. Immer bleibt Gott an unserer Seite...

 

gesendet in: Deutschlandfunk, Am Sonntagmorgen. Den ganzen Text zum Hören oder Lesen gibt es hier.

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Liebe Höflichkeit,

 

Sei ehrlich: Ehrlichkeit ist nicht deine Stärke. Du willst nicht authentisch sein. Über dein „wahres Ich“ denkst du nicht nach. Du nimmst dir nicht die Freiheit, jemanden zu mögen oder nicht zu mögen und ob dir eine Begegnung etwas bringt, ist keine Frage für dich. Du bist selbstlos. Im wahrsten Sinn des Wortes. Du berechnest nicht und rechnest dich nicht. Du dienst. Ziemlich altmodisch. Wahrscheinlich wurde dir schon oft geraten, mehr auf dich zu achten. Gefühle zu zeigen. Jemanden abzuweisen. Aber das tust du nicht. Du behandelst alle gleich. Du wünscht jedem einen Guten Morgen und sagst „angenehm“ auch dann, wenn dir der vorgestellte Herr Kunzelmann gar nicht angenehm erscheint. 

Das liebe ich an dir. Deinen Großmut. Du baust ein Gerüst, das stabil bleibt, auch wenn Sympathie und Frieden, Geduld und Verständnis wanken. Du erinnerst daran, dass jeder ein Mensch ist. Und darin, vielleicht nur darin, sind alle gleich. Du hältst auch einem Betrüger die Tür auf. Einem Heiratsschwindler wünschst du Gesundheit und selbst deine Antwort auf den übelsten Hetzbrief beginnst du mit „Sehr geehrte“. Du hältst Maß, wo ich mich nicht mehr mäßigen kann. Du gibst meinen Inhalten eine Form. Dabei redest du mir meinen Zorn nicht aus. Du leihst ihm nur deinen Mantel. 

Ich ahne, dass du manchmal aufgeben willst. Dass du dich fremd und unerwünscht fühlst. Dass du dich in schlaflosen Nächten fragst, ob jene nicht doch Recht haben, die behaupten, du seist überflüssig, ein Relikt vergangener Zeit. Lass dir das nicht einreden. Ich glaube an dich. Wir brauchen dich, wenn wir uns nicht zerfleischen wollen.

Halt durch!

 

Deine S.

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Vor dem Aufbruch

 

 

Auf dem Rollfeld warten Schmetterlinge. Das Licht ist sehr hell, wie auf einem Polaroid, das einem gewöhnlichen Ort etwas Unwirkliches gibt. Wind kommt auf. Er treibt Staub vor sich her. Die Flügel der Schmetterlinge zittern. Die Stille rauscht in meinem Ohr. Wenn das ein Traum wäre, würde jetzt etwas geschehen, ein Dinosaurier würde auftauchen oder ein Popcornverkäufer oder die Passagiere würden an Gate 6 gebeten. Daran, das nichts passiert, merke ich: dies ist kein Traum. Die Schmetterlinge warten. Ich warte. Wenn sie aufflögen, denke ich, würde der Himmel eine Blumenwiese. Dann würde ich aufbrechen. Ich versuche, nicht zu blinzeln, um den Augenblick nicht zu verpassen.

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Bedienungsanleitung

Manchmal wäre eine Bedienungsanleitung für Menschen hilfreich. Wie tickt eine? Welche Schwachstellen hat er, wo ist Vorsicht geboten? Ivar Kroghrud hat genau das gemacht. Er ist einer der erfolgreichsten Gründer und IT-Unternehmer Norwegens und hat eine Bedienungsanleitung für sich selbst geschrieben. Super Idee, finde ich. 

 

Bedienungsanleitung für MICH

 

Morgens ab 6 Uhr betriebsbereit, bei ausreichendem Schlaf auch früher.

Ab 22.30 Uhr in den Ruhemodus fahren, in Ausnahmefällen ist eine längere Betriebsdauer möglich.

Bitte vor Lärm und großer Hitze schützen, Feuchtigkeit fügt keinen Schaden zu (Regenschutz ist vorhanden).

Kann standardmäßig reden, schreiben, Kürbiscurry kochen und ein Zelt aufbauen. Selbstlernend, Erweiterung der Fähigkeiten möglich. 

Nicht kompatibel mit Großmäulern und Duckmäusern. 

Bei Störungen gern nach Ursachen fragen.

Gutes Zureden kann hilfreich sein.

Regelmäßige Gaben von Pfefferminzschokolade erhöhen die Zufriedenheit.

Grundeinstellung: Zuversicht.

Bei plötzlich auftretender Antriebslosigkeit bitte einschicken an: Nordseeinsel Spiekeroog, Düne 3.

 

in: Wandeln. Mein Fastenwegweiser 2019, Andere Zeiten

 

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Momentaufnahme

 

 

 

 

 

 

 

 

außen

sonne innen

ist es wild

smarties auf holz wie

doppelpunkte

                                   Schreibwerkstatt mit Elfchen

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Ahoi! Alaaf! Helau!

Füße hoch!

Wisst ihr, was Luxus ist? Vergesst teure Autos und Schnürsenkel aus Schlangenleder. Ob das Schnitzel in Blattgold gewickelt ist, ist mir schnuppe. Ich brauche kein Privatjet, weil ich sowieso nicht gern fliege. Verliebt sein kann man genauso gut im Bus und bei Liebeskummer hilft auch keine Limousine. 5-Sterne-Hotels lassen mich kalt, meinen Urlaub verbringe ich am liebsten im Zelt, allerdings einem, das dichthält, das ist auch schon ein Luxus. Aber den meine ich nicht. 

Luxus ist ein Mittagsschlaf. Sich am helllichten Tag aufs Sofa zu legen und sanft davongetragen zu werden in einen Zustand zwischen Wachsein und Traum. Sich nicht gemeint fühlen von den Alltagsgeräuschen, sondern selig schlummern. Schon das Wort „schlummern“ erzählt von der Süße dieses Zustandes. Wer schlummert schläft nicht, wer schlummert trägt keinen Pyjama, wer schlummert, schlüpft nur kurz aus dem Getriebe des Alltags hinaus. 

Als ich Kind war, schlossen die meisten Läden um 12 Uhr 30, die Welt roch nach Erbseneintopf und Blumenkohl, und im Treppenhaus musste man jetzt leise sein. Wehe, wer es wagte, eine Tür zu knallen. Bis 15 Uhr war Mittagsruhe, sehr zum Leidwesen der Kinder. Wir schlichen auf Zehenspitzen durch die Wohnung, wussten nichts mit uns anzufangen und niemand war da, der uns bespaßt hätte. Der Vater meiner besten Freundin kam mittags nach Hause, aß zügig, um sich dann zwanzig Minuten aufs Sofa zu legen. Anschließend fuhr er zurück an seinen Schreibtisch. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, was daran erstrebenswert sein sollte. Manche Genüsse lernt man eben erst mit dem Alter zu schätzen: Bitterschokolade, Pampelmusen, Sonntagsspaziergänge, geputzte Schuhe. Und den Mittagsschlaf. Sich ausklinken. Die Füße hochlegen. Nicht ansprechbar sein. Mitten am Tag das Tagwerk unterbrechen.

Das ist Luxus. Es ist auch ein Akt der Unverfügbarkeit, und ich glaube, solche Momente brauchen wir immer nötiger. Sie sind Lücken, durch die das Unvorhersehbare schlüpft. Entspannung und Ruhe sowieso, auch Freiheit jenseits der Betriebsamkeit und der Unabkömmlichkeit, eine Freiheit jenseits der persönlichen Produktivität. Es ist, als würde man eine dieser alten Schultafeln wischen, vollgeschrieben mit Formeln, Gedanken, Notizen, bevor die nächste Stunde beginnt. 

Jede dritte Frau und jeder vierte Mann würden Umfragen zufolge gerne Mittagsschlaf halten, wenn es denn möglich wäre. So wird der „Powernap“ zumindest in Zeitschriften gepriesen – aber Powernap: Das klingt ja schon wieder nach Anstrengung und Leistung, so, als müsste ich für meinen Mittagsschlaf Laufschuhe anziehen. Den meisten bleibt die Sache irgendwie peinlich: Ein Mensch, der tagsüber schläft – und das auch noch öffentlich – kann doch eigentlich nur ein Faulpelz sein. Es müsste viel mehr Sofas, Bänke, Hängematten, Ohrensessel, Liegen, Kissen geben und Mutige, die sie benutzen. Handy stumm, Augen zu, Kopf in den Standbymodus. Ein Traum!

 

So geht’s:

„Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und bis tief in die Nacht arbeitet und das Brot der Mühsal esst. Den Seinen gibt es Gott im Schlaf.“ Psalm 127,2

 

in: Welt der Frauen 3/2019

 

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Erleuchtung

Als ich gestern in der Kirche saß, schien die Morgensonne in mein Gesicht. Ich roch den leichten Cremegeruch auf meiner Haut, während ich sang. Alles war hell und freundlich. Die Kerzen flackerten in der Sonne, was für ein Überfluss an Licht. Plötzlich fühlte ich mich genau richtig. Nichts zwickte, kein Gedanke stellte sich quer. Und ich dachte: Wie oft passiert das eigentlich, dass alles passt; dass du dich dort, wo du bist, gerade richtig fühlst?

 

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Jagen

Gott streifte durch die Welt, ein irrer Zickzackkurs von Trondheim nach Aserbaidschan, vom Après-Ski in die Stille der Klöster,

in U-Bahnen, auf Feldwegen, zu den Stränden der Seychellen.

Ich konnte ihm nicht folgen, eine Weile versuchte ich es, immer außer Atem, das war kein Leben. 

Eines Tages stand ich traurig am Gleis, ich denke, es war ein Mittwoch. Eine Taube jagte einer störrischen Pommes hinterher,

und ich gab auf.

Ich stieg in die nächste Bahn und fuhr nach Hause. 

Die Leere dort ängstigte mich. Doch nach ein paar Tagen lag die erste Ansichtskarte im Briefkasten.

Palmen waren darauf zu sehen, es folgten Gipfelkreuze, Lavendelfelder.

Und innige Grüße, immer innige Grüße.

 

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Nimm die Härte von deiner Stirn

Nimm die Härte von deiner Stirn. Sag "Ich weiß nicht" auch wenn das schwer auszuhalten ist. Denk trotzdem weiter. Weich sein heißt nicht, schwach zu sein. Erinnere dich, was deine Großmutter dir beigebracht hat oder der Religionslehrer oder vielleicht hast du es auch in einem dieser Lebensratgeber gelesen: Liebe deinen Nächsten, und wenn du nicht lieben kannst, dann begegne jedem Menschen wenigstens mit Respekt. Weil alles, was du denkst und fühlst auch auf dich zurückfällt. Dein Zorn und dein Hass trifft nicht nur die anderen, er lässt auch dich selbst nicht kalt. Lass dich von ihm nicht zerfressen. 

Du bist ein freundlicher Mensch, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt. Lach der Enttäuschung ins Gesicht. Vielleicht heitert sie das auf. Die Gute hat es schließlich auch nicht leicht. Sei nachsichtig. Mit dir und mit den anderen, nicht immer, aber immer wieder. 

Hör nicht auf, daran zu glauben, dass jeder sein Bestes versucht. Manche scheitern öfter. Verständnis zu haben, heißt noch lange nicht, alles gutzuheißen. Gib die Suche nach der Wahrheit nicht auf. Glaub nicht jeder Schlagzeile, die Welt lässt sich nicht in schwarz und weiß aufteilen. Nicht mal du selbst bist schwarz oder weiß. 

Lerne mit dem Zwiespalt zu leben. Nimm dich an, wie Gott es schon tut.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2:  hier zum Hören

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Was machen Tagträumer nachts?

Was machen Tagträumer nachts? Warum scheint der Hinweg immer weiter als der Rückweg? Fürchtet die Dunkelheit das Licht oder sehnt sie sich danach? Wie heißt das Tuwort von Frieden? Wäre es eine Befreiung, unfrei zu sein, weil wir dann aller Entscheidungen enthoben wären? Der wievielte Tropfen macht aus einer Pfütze einen See? 

Wisst ihr noch, wie es sich anfühlte, als das Leben aus tausend Fragen bestand? Als unsere Kinderaugen die Welt entdeckten? Dann wurden wir groß, fingen an, über Steuererklärungen und Mülltrennung nachzudenken und die Fragen verschwanden. Aber vielleicht sind es gar nicht die Fragen, die nicht mehr da sind, sondern unser Kinderherz, das verschwunden ist. Das neugierig die Welt betrachtet und noch alle Antworten für möglich hält.  Suchende sollen wir sein, nicht Sichere. Lasst uns die Welt staunender verlassen, als wir sie betreten haben. Bleibt dem Geheimnis auf der Spur, nicht jedem Nachrichtenschnipsel. Folgt den Fragen und nicht den Antworten, die verführerisch und leicht verdaulich ins Netz locken. Lasst euch nicht einfangen. Taucht tiefer. Gott hat die Sehnsucht in unser Herz gelegt, nicht die Sicherheit.

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Im Januar

Im Januar fühle ich mich wie aus dem Nest geworfen. Zu früh, unvorbereitet, draußen wird es noch immer vor Abend dunkel, keine Blume wagt sich ans Licht, nur ich soll voller Tatendrang einen neues Jahr beginnen, 5 Kilo abnehmen, ein Buch schreiben, für den nächsten Halbmarathon trainieren (weil das jetzt alle tun), tanzen, zeichnen oder das Badezimmer streichen, während die Räume merkwürdig kahl aussehen, so ohne Lichterketten und Kerzenschein. Der Weihnachtsbaum liegt im Rinnstein, keine Sentimentalitäten. Das Leben geht weiter, fast forward. Dabei fühle ich mich im Winterschlafmodus, die Welt kann gern im März wieder anklopfen. Bis dahin würde ich gern einschneien, nicht so dramatisch, wie im Süden, gerade nur soviel, dass alles still und gedämpft ist und angenehm hell. Januartage machen keinen Lärm. Von Natur aus nicht. Sie schweigen vielversprechend. 

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WG gefunden

Ich lebe mit Papst Franziskus zusammen. Leider auch mit Putin. Wir sind einander noch nie begegnet, aber wir leben gemeinsam in einer ziemlich großen WG. Die nennt sich Welt. Wir haben noch viele weitere Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Nicht alles klappt reibungslos, der eine vergisst notorisch, den Müll rauszubringen, der andere kippt seine Schwermetalle ins Meer, und so richtig saubergemacht wurde schon lange nicht mehr. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass WGs dauernd lustige Partys feiern, gibt es einige, die ständig wegen irgendwas beleidigt sind und nicht mitfeiern. 

Dennoch würde ich niemals ausziehen. Es sind so viele interessante Leute dabei und wir gestalten unser Haus, jeder in seinem Zimmer und manchmal gemeinsam in der Küche. 

Klar, gibt es Großmäuler und ein paar fiese Gestalten sind auch dabei. Aber die gibt es überall. Eine starke Gemeinschaft fängt das auf. Trotz aller Gegensätze gehören wir doch zusammen! Wir atmen dieselbe Luft. Wir rechnen mit denselben Zahlen, unsere Träume schweben in einem Raum, und es ist ein Himmel, der sich über uns spannt. 

Unser Vermieter lässt sich übrigens selten blicken. Er scheint darauf zu vertrauen, dass wir verantwortungsvoll mit seinem Eigentum umgehen. Sein Name ist Gott, einfach Gott; ich weiß nicht mal, ob er ein Mann oder eine Frau ist. Am Ende, wenn ich ausziehe, wird es ein Abnahmeprotokoll geben. Damit der nächste einziehen kann, ohne das totale Chaos vorzufinden.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2.
Hier auch zum Anhören: https://www.ndr.de/ndr2/Moment-mal,audio471970.html

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Frohe Weihnachten!

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Advent

Geh ins Dunkel

stell dich ins Licht

Die drinnen bleiben

finden nicht

 

Sing dein Lied

sieh nach dem Stern

Vielleicht liegt das Wunder 

nicht fern

 

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Funkeln

 

Ich glaube nicht an Sternschnuppen, trotzdem wünsche ich mir heimlich was, wenn eine fällt. Dass der Nikolaus nachts von Tür zu Tür geht, widerspricht meiner Erfahrung. Trotzdem schaue ich jedes Jahr verstohlen in meine Schuhe. Dass Schnee auch nichts Anderes als gefrorenes Wasser ist, weiß ich. Trotzdem stelle ich mir vor, jemand streut Kristall über die Dächer. Dass die Lichter, die sich im Dunkel des Morgens in den Pfützen spiegeln, nur Ampeln und Autoscheinwerfer sind, sehe ich. Trotzdem verzaubern sie den Asphalt. Dass der Advent auch nur eine Kulisse ist vor den Baustellen der Welt, sagen manche. Trotzdem funkelt was.

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Ewigkeitssonntag

"Weißt du, was Gottes erstes Wort war?", fragt Opa.

Er kennt lauter Geschichten aus der Bibel. Er hat sie mir alle erzählt. Papa findet das blöd. "Setz dem Kind nicht solche Flausen in den Kopf", sagt er. "Wir leben im 21. Jahrhundert." Opa hat ihm entgegnet, dass diese Geschichten zum Allgemeinwissen unserer Kultur gehören. Ich weiß nicht, was das ist. Aber ich mag die Geschichten.

"Gott sagte ›werde‹." Opa macht eine Pause. "Das ist sein wichtigstes Wort. Es werde Licht. Es werde Land. Es werden Tiere. Und es werden Menschen. So geht es immer weiter. Die Welt ist nicht fertig. Neues kommt. Altes geht. Damit dann wieder Platz für Neues ist. Deshalb müssen wir alle sterben."

Opa ist sehr klug, glaube ich.

"Hast du dein ganzes Leben daran gedacht?"

"Nein", brummt er. "Das darf man auch nicht. Manchmal musst du den Tod aussperren. Du sagst ihm: 'Ich weiß, dass du kommst, aber nicht jetzt.' Und dann spielst du eine Runde Schach oder heiratest ein Mädchen. Während solcher Dinge soll man nämlich an nichts Trauriges denken. Aber ganz vergessen darfst du ihn auch nicht. Er gehört zum Leben."

 

aus: Wie lang ist ewig? Geschichten über das Leben und Davongehen

 

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Gott 

 

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Manna to go

Als Gott in die Küche kommt, sind zwei Engel gerade dabei, den Herd abzubauen. „He“, ruft Gott, „was tut ihr da?“ Küchen sind nicht mehr in Mode, klären die Engel ihn auf. Zwar gibt es Kochshows wie Salz im Meer, aber das echte Essen wird jetzt einfach bestellt. „Ist praktischer so“, sagt der Engel. Küchen werden jetzt als Zeilen gebaut. In den Wohnraum integriert. Jeder, der schon mal Hering gebraten hat weiß, dass er den Geruch nicht im Wohnzimmer haben will. Aber für Hering sind die Restküchen sowieso nicht gedacht. Allenfalls für eine chromblitzende Kaffeemaschine, die sprotzend den morgendlichen Macchiato ausspuckt. „Aber“, stottert Gott, „wer backt mir dann das Manna? Und die Wachteln müssen auch in den Ofen!“ Die Engel halten ihm einen Prospekt entgegen. „Kannst du bestellen. Pizza, Pasta, Couscous-Salat, Manna. Wird alles geliefert.“ Gott wischt den Prospekt beiseite. Er will kein geliefertes Manna, und auf eine Küche verzichten will er auch nicht. Da müsste er ja die ganze Bibel umschreiben. In Zukunft hieße es dann nicht mehr: „Das Himmelreich ist wie ein Sauerteig“, sondern „Das Himmelreich ist wie Lieferando“. Verpackt in drei Lagen Styropor, lauwarm und pappig. 

„Sieh“, versucht es der redegewandtere Engel, „es ist doch viel besser so. Die Menschen haben weniger Arbeit. Insbesondere die Frauen. Die Abschaffung der Küche ist also genau genommen ein Beitrag zum Feminismus!“ Der Engel gratuliert sich innerlich zu diesem genialen Einfall. „Ach Unsinn“, wischt Gott das Argument beiseite. „Als ob es besonders fortschrittlich wäre, nicht mehr für das eigene Essen sorgen zu können! Was kommt als nächstes? Ein mobiler Duschservice? Eine Erinnerungs-App, dass der Mensch sich bewegen soll, weil er genau dafür diese Dinger namens Beine hat?“ Gott hat sich ziemlich in Rage geredet, und der Engel verzichtet lieber auf den Hinweis, dass es so etwas längst gibt. „Versteht ihr denn nicht, was eine Küche alles ist? Sie ist ein Ort des Austauschs, an dem beim Kartoffelschälen Liebeskummer oder Weltpolitik besprochen wird. Die Küche ist der Ort der ungeplanten Begegnungen. In der Küche wartet immer ein Kaffee oder ein Rest Auflauf. Sie ist der Ort der Verheißung, an dem aus Mehl, Salz und Öl Brot oder Nudeln wird. Ein Küchentisch ist versöhnlich, lange nicht so offiziell wie ein Arbeitszimmer und auch nicht so privat wie ein Wohnzimmer, ein Küchentisch ist neutraler Boden. Beichtstuhl, Arbeitsfläche und Nachrichtenaustausch in einem. Ich habe sogar von einer Frau gehört, die ihr Kind auf dem Küchentisch zur Welt gebracht hat! Die Küche ist der Ort des alltäglichen Liebesmahls. Die Küche ist der Ort der Alchemie, der Verwandlung. Die könnt ihr doch nicht einfach abschaffen!“

 

PS: Bis in die frühen neunziger Jahre wurde in den meisten Haushalten täglich selbst gekocht. Heute ist das nur noch in weniger als der Hälfte der Fall, in Großstädten schalten viele Menschen ihren Herd sogar fast nie ein. Laut einer Studie der Schweizer Großbank UBS ist es möglich, dass schon im Jahr 2030 die meisten Mahlzeiten online bestellt und geliefert werden.

 

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Wenn

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Mein perfektes Morgenritual

Nach jeder Nacht

bisher

aufgewacht.

 

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Montagmorgen

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E-Mails

Eine Million britische Pfund

geerbt von einem verschollenen Scheich

Fünf Penisvergrößerungen

Die Aufforderung, meine Bankdaten zu ändern,

vorzugsweise unter diesem Link

Drei Hinweise, dass meine Facebookfreunde warten

Eine Warnung, dass mein Speichervolumen bald 

ausgeschöpft ist

und

Eine Mail von dir

 

 

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Wollpullover

Das Paradies ist ein alter, verwahrloster Garten, in dem die Freiheit wartet. Sie ist wild, unberechenbar und verrückt. Sie verrückt Grenzen. Als „Pippi Langstrumpf“ erschien, entfachte sie einen Sturm der Entrüstung. Nicht bei allen, aber bei jenen, denen ihre Freiheit zu viel des Guten war. Zu wild. Zu radikal. Ein Mädchen, das tut was es will, sei „demoralisierend“und „gesellschaftsschädigender Schund“. Pippi sei „etwas Unbehagliches, das auf der Seele kratzt.“ 

Wie Gott.

Schon klar, Pippi Langstrumpf ist nicht Gott. Aber kann sein, dass Gott ein bisschen wie Pippi Langstrumpf ist. Wild. Frei. Unberechenbar. Einer, der auf der Seele kratzt. 

Meistens soll Gott nett sein. Einer, der tröstet und die Dinge ins Lot bringt. Früher durfte er auch zornig sein und beängstigend, aber die Zeit ist vorbei. Nicht, dass ich ihr nachtrauere, aber nur lieb ist auch keine Lösung. Die Geschichten, die ich von Gott kenne, sind verstörend. Mal ist er der große Schöpfer, dann wieder will er alle vernichten. Mal ist Jesus der verständnisvolle Hirte, mal blafft er die Leute an und schwingt die Peitsche. Und auch Gottes Auserwählte sind sonderbare Charaktere. David, der Ehebrecher. Mose, der Totschläger. Maria von Magdala, angeblich eine Prostituierte. Hiob dagegen, dem Mustersohn der Menschenkinder, nimmt Gott alles weg. Gerecht ist das nicht. Und nachvollziehbar schon gar nicht. Hiob hält trotzdem an Gott fest. Ich auch. Weil ich jemanden will, der auf meiner Seele kratzt. Ich mag auch Wollpullover auf der Haut. Die fühlen sich echter an als Microfaserzeug...

 

Der ganze Text war im Deutschlandfunk zu hören. Hier kann man ihn nachlesen (oder hören). 

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Sommerfazit

 

 

 

 

 

 

Mit Elchen Schnitzeljagd spielen. Verlieren. Stille hören.

Drei Hände Nudeln und eine Tütensuppe reichen für ein

Abendessen zu zweit. Heidekraut oder Kiefernzweige

ergeben einen guten Schwamm. Zelten geht auch ohne Zelt.

Die Nacht zur Nacht machen. Von Eichhörnchen geweckt

werden. Den ersten Tee im Schlafsack trinken. Wer die

Wasserflasche beim Wasserholen fallen lässt, muss in

den See springen. Hirschlausfliegen sind nicht wählerisch. Streichholzschachteln werden wirklich schnell feucht.

Tubenkäse ist besser als sein Ruf. Auf warmen Felsen liegen

und fernsehen. Das Leben auf einen Rucksack reduzieren.

Nichts vermissen. Glück ist draußen. 

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Au ja! Ich möchte wissen,was es Neues gibt