Hier schreibe ich von Gott und der Welt. Halbherziges und Angedachtes, je nachdem. Der "Engelimbiss" ist ein Lieblingsplatz. Dort gibt es die besten Pommes mit allerschönstem Elbblick. Ich finde, Texte für die Seele sollen genauso schmecken: wie gute Pommes.



Mauern stürzen

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, einander zu lieben.

Weil Liebe kein Gefühl ist, sondern eine Fähigkeit.

Weil Liebe süßer ist als Milch und Honig.

 

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, zu hoffen.

Weil Hoffnung keine Garantieleistung ist, sondern eine Verheißung.

Vielleicht wird es ganz anders als wir denken.

Vielleicht werden wir ganz anders als wir denken.

 

Der Himmel ist hier.


Wenn wir ihn hier nicht finden, finden wir ihn nirgendwo.


Ich glaube daran, dass wir träumen können.

Weil ein Traum immer der Anfang ist.


Lasst uns zusammen träumen von uns


Die wir sind


Und die wir sein werden


 

Wir sind ein Volk. 

Der Himmel ist: hier 

 

Wohnzimmerkirche am 8. November "Wenn Träume Mauern stürzen". 

 

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Mio sieht was

 

Mio kann Angst sehen. Angst ist orange, ein grelles, beißendes Orange. Mio sieht, wie Schnecken lachen. Er sieht auch, wie sein Kaktus auf der Fensterbank wächst. In einer Nacht im Oktober sieht Mio Gott, vielleicht träumt er auch, da ist er nicht ganz sicher. 

„Das macht keinen Unterschied“, sagt Gott, der einen Hut trägt und das wundert Mio, weil er sich Gott ganz anders vorgestellt hat.

„Das meiste, was man sich vorstellt, ist am Ende ganz anders“, gibt Gott zu bedenken und Mio findet, dass das auch wieder wahr ist. 

„Was willst du?“, fragt Mio.

„Dich“, sagt Gott.

Da ist Mio erstmal sprachlos, weil ihm das so direkt noch keiner gesagt hat. Sein Chef nicht, Merle nicht, nicht mal seine Mutter. Meistens ist es kompliziert, weil es meistens ein Aber gibt. 

„Ich habe dich ausgesucht“, sagt Gott.

„Wann?“, fragt Mio, weil er nichts davon bemerkt hat.

„Schon lange. Schon immer. Schon länger als immer.“

Jetzt würde Mio gern wissen, wofür Gott ihn ausgesucht hat. Aber er scheut sich, zu fragen. Wer weiß, was dann kommt. Wer weiß, ob er das will.

Dann fragt er doch. „Wofür?“

„Du sollst die Welt retten.“

Mio reißt die Augen auf. „Geht’s nicht eine Nummer kleiner?“

„Nein“, sagt Gott. „Bedaure.“

Mio sieht, dass er es ernst meint. Trotz des Hutes.

„Das kann ich nicht!“, ruft Mio. „Wer sollte denn auf mich hören? Ich bin zu jung. Sogar Merle sagt, ich bin sonderbar. Ich kann nicht reden. Jedenfalls verhaspele ich mich an den wichtigen Stellen. Ich habe keine Ahnung, wie man eine Krawatte bindet. Hast du mal geguckt, wie es aussieht da draußen? Die Trumpserdogansvaterlandsverteidigerdieplatzhirschediemeinmöchtegernpanzerdieichzuerst-dielügenpresseerfinderdiehauptsachekohlemacherdie– hast du die gesehen?“

„Darum ja", sagt Gott. "Einer muss ihnen sagen, dass es so nicht geht.“

„Aber nicht ich!“

„Doch!“

„Nein!“

Das Schweigen, das jetzt folgt, ist ein bisschen unangenehm. Die Luft ist orange.

„Hab keine Angst“, sagt Gott. „Ich bin ja bei dir.“

Mio atmet drei Mal ein und wieder aus. Dann atmet er ein viertes Mal. 

„Was siehst du?“, fragt Gott.

„Ich sehe die Nacht, den Schatten der Lampe, ich sehe deinen sonderbaren Hut, ich sehe eine leere Flasche Bier, den Kaktus und dass ich morgen sehr müde sein werde.“

„Sieh darüber hinaus. Was siehst du?“

Mio schluckt. „Ich sehe eine Welt, die tobt. Ich sehe ein Fass, das überläuft. Ich sehe einen brodelnden Kessel. Ich sehe Risse in der Fassade. Ich sehe Zeit, die abläuft. Ihre Füße sind wund. Ich sehe eine Axt im Wald. Ich sehe Menschen, die aufs Kreuz gelegt werden. Ich sehe Asche auf den Häuptern.“

„Ja“, sagt Gott. „Was siehst du noch?“

„Ich sehe einen Zweig, der blüht. Ich sehe Menschen, die tropfenweise das Feuer löschen. Ich sehe Liebende, die sich an einen Strohhalm festhalten. Ich sehe, wie einer eine Lanze bricht. Ich sehe einen Knoten, der sich löst. Ich sehe, Karten, die offen liegen. Ich sehe eine Schwalbe, sie bringt den Sommer. Sie bringt Freiheit. Sie bringt Alletagefrieden. Sie bringt Glück. Es nistet sich ein, überall, wo jemand das Herz öffnet.“

„Ja“, sagt Gott. „Erzähl davon. Vertrau dem, was du siehst.“

„Aber…“, sagt Mio.

Da berührt Gott Mios Lippen, das fühlt sich an wie ein Kuss und Gott legt Worte in Mios Mund, alle Worte, die man braucht. 

Ein Aber ist nicht dabei.

 

(Steht so oder so ähnlich bei Jeremia 1.)

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Was ich gern höre

Stille

die Nationalhymne nachts im Deutschlandfunk

die Europahymne, anschließend

Ich liebe dich

Ungesagtes

die Worte zwischen den Zeilen

meinen Namen

Kirchenglocken

den Ruf des Muezzin, wenn die Nacht weicht

das Gurgeln eines Baches

das Ping einer WhatsApp

Cellomusik

den Eröffnungstango der Nordischen Filmtage

das Knistern alter Schallplatten

Nebelhörner

 

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Hallo Eva,

du bist die Mutter der Neugier. Du willst Erkenntnis. Manche nennen das Sünde.

Ich glaube, sie nehmen dir übel, dass du sie aus ihrem kleinen Paradies vertrieben hast, in dem alles zusammenpasst und es keine Zwischentöne gibt. Zwischentöne sind ihnen unheimlich. Wie, wenn man es nachts im Wald knacken und wispern hört und nicht weiß, ob das Tier, das da ruft, gefährlich ist. 

Schlangen können gefährlich sein. Ich bin bisher nur auf Ringelnattern und Blindschleichen getroffen. Die tun nichts. 

Im Paradies gab es gefährlichere Schlangen. Eigenartig oder?

Ich nehme dir nichts übel. Bei mir brauchst du dich nicht zu entschuldigen. Ich glaube auch nicht, dass du naiv warst. Oder leicht verführbar. Womöglich hattest du einfach ein großes Grundvertrauen. Du hast den Worten der Schlange geglaubt, ihren Argumenten, mit denen sie ja gar nicht falsch lag. Deine Neugier eröffnete einen neuen Horizont, der weiter ist als ein Kindheitsparadies. Du gabst die Sicherheit eines begrenzten Raums zugunsten der Freiheit auf. Ich hätte es genauso gemacht. 

Ich weiß nicht, wie es sich im Paradies lebt, aber auf der Erde gefällt es mir gut. Ich trage deine Kleider auf, jene, die Gott euch damals gab, weil das Leben hier draußen manchmal ruppig und kalt sein kann. Sie halten immer noch warm. 

Mit deinem Wunsch nach Erkenntnis hast du eine Bewegung ausgelöst. So viele Menschen folgen dir. Sie stellen Fragen und suchen Antworten. Sie versuchen, Gut und Böse zu scheiden. Sie bauen hier auf der Erde am Himmel nach den Plänen deiner Erinnerung. Ich gehöre dazu.

Du hattest Mut, Gott kurz den Rücken zu kehren. Ich glaube, du wusstest, er wird nicht verschwinden, wenn du woanders hinguckst. Wenn du die Welt entdeckst. Gott ist gut darin, Rücken zu stärken. 

 

Viele Grüße von unterwegs, deine S.

 

(aus: Was machen Tagträumer nachts?)

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15 Uhr 03, Gleis 5

Als Gott am Bahnhof ankommt, hat die Blaskapelle gerade Aufstellung genommen und die Pfadfindergruppe "Kleine Füchse" ihre Wimpel ausgerollt. Der Frauenkreis hat fünf Kuchen gebacken, von denen einer vegan ist, weil man sich nicht einig war, wie Gott die Sache handhabt. Die einen sind der Meinung, Gott könne kaum Eier, also seine Schöpfung in spe, verspeisen. Das käme doch wohl einer Abtreibung gleich. Die anderen verdrehen die Augen. Am Himmel türmen sich Wolken, die den Bürgermeister besorgt abwechselnd nach oben und auf sein Manuskript blicken lassen.

Als der Zug einfährt, breitet sich eine heilige Stille aus. Nur die Räder quietschen. Dann öffnen sich die Türen. Eine Dame mit exzentrischem Hut steigt aus. Zwei Männer mit einem quengelndem Kind. Der Zugbegleiter, der sich schnell eine Zigarette anzünden will, davon jedoch wieder Abstand nimmt, als ihn die drohenden Blicke des Frauenkreises treffen. Weiterhin steigen aus ein Rucksackträger samt Hund und Frau Birkendahl, die das Wochenende bei ihrem heimlichen Geliebten verbracht hat und sich nun ertappt fühlt. 

Dann kommt niemand mehr. Der Bürgermeister sieht ratlos von einem zur anderen. Die Blaskapelle gibt zwei unsichere Töne von sich. Gott scheint keine Anstalten zu machen, sich zu erkennen zu geben. Der Hund sagt "Wuff". Das Kind ruft "alle einsteigen!" Die Dame lächelt. Der Frauenkreis ist enttäuscht, egal, wer von diesen Leuten Gott ist. Nur die Wolken zeigen sich unbeeindruckt und ziehen.

Gott sieht einer Taube nach, fühlt sich zu Hause und mischt sich unter die Leute.

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Wieder anfangen

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Gott im Fels

Einen Hochsitz gefunden, in den Fels gebaut. Wacholder duckt sich zwischen hellem Stein. Hier ist keiner, aber hier war mal einer. Der Bretterverschlag, aufgelöste Dachpappe und im Inneren eine Bank. Der Blick geht über Fichtenkronen. Nach unten Abhang. Wann hat einer wohl aufgehört zu kommen?

Jetzt treffen sich Rehe hier, auch ein paar Schmetterlinge sind da, wegen der Aussicht oder der lila Blüten, es hat sich herumgesprochen, dass sie köstlich sind. In letzter Zeit kommt auch Gott öfter her, er mag den Blick, besonders am späten Nachmittag, wenn die Sonne die Felsen milde macht. Mit den Felsen hat er immer gehadert, sie schienen ihm so schroff. Nie wusste man, woran man bei ihnen war. Versteinert ihr Blick und immer schwiegen sie. Nie, in all den Jahren nicht ein Wort. Lange nahm er ihnen das übel. Er fand, das hatte er nicht verdient. Die Schmetterlinge waren zutraulich, sie setzten sich auf seinen Arm. Immer fröhlich heiterten sie ihn auf.

Erst im Alter hat Gott die Felsen zu schätzen gelernt, hat sich mit ihnen versöhnt. Nicht angefreundet, das nicht, dafür bleiben sie zu fremd. Aber er hat begonnen zu ahnen, dass es welche geben muss, die einfach da sind und die bleiben, egal, was passiert auf der Welt.

Nach einer Weile steigt er wieder hinab, denn es wird Abend. Da sind sie Menschen nicht gern allein, und Gott ist es auch nicht.

 

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Lebenszeichen

Spiel

Die Erde ist rund, weil man mit runden Dingen besser jonglieren kann. Ich glaube, Gott ist ein Jongleur, ein ziemlich guter noch dazu. 

Ich habe es auch schon probiert und übe noch. Mir gefällt der Gedanke, niemanden fallen zu lassen. 

 

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Draußen

 

Ich mit dir 

In einem Boot

 

Du zaust die Bäume

Schickst Adler los

Und waghalsige Träume

 

Wir schlafen Haut an Haut

Nur eine Zeltwandweit getrennt

 

Ich werfe meine Netze aus

Angle nach dem Unerreichbaren

Mit Geduld

 

Du lehrst mich barfuß zu vertrauen

Mein Herz ist eine begierige Schülerin

 

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Fragen des Tages

1. Fühlt sich das Glück bei dir wohl?

2. Was hält dich wach?
3. Ist die Inspiration eine Diva?

4. Was hilft?

5. Was verschenkst du?

6. Wann ist das Bekenntnis zu Schwäche eine Ausrede?

7. Könnte Schlaf eine Lösung sein?

8. Willst du das wirklich oder freust du dich nur, gefragt zu werden?

9. Wie schnell muss dein Herz klopfen, damit du dich einlässt? 

 

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Himmelfahrt für alle Tage

Der Himmel ist anders als du denkst.

Der Himmel ist ein Feld, das darauf wartet, bestellt zu werden.

Der Himmel ist eine Wolldecke. Keiner kriegt kalte Füße.

Der Himmel ist ein Augenblick. Nur die Wachen sehen ihn. 

Der Himmel ist ein Apfelkuchen. Jeder gibt ein Stück.

Der Himmel ist ein Sack voll Lose, und jedes ist der Hauptgewinn. 

Der Himmel ist ein Hase, den der Schuss des Jägers nicht erwischt.

Der Himmel ist ein Kopfstand. Nur die Mutigen wagen ihn. 

Der Himmel ist ein Gegenüber, das zum Miteinander wird. 

Der Himmel ist ein Gedicht, und du bist der Reim.

Der Himmel ist ein Engel, der an den Himmel erinnert.

Der Himmel ist die Möglichkeit: Nach oben offen.

 

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Liebes Europa,

 

wenn ich dir schreibe, dann schreibe ich 500 Millionen Menschen. Das ist nicht so leicht, weil ich nicht alle dieser Menschen kenne, nicht mal auf einen Kaffee. Ehrlich gesagt, glaube ich auch, ich würde nicht alle mögen. Wahrscheinlich würde es bei so einem Kaffeetrinken ziemlich schnell Streit geben. Spätestens, wenn wir bei der Politik ankommen, würde es laut. Das kenne ich schon von den Weihnachtsfeiern meiner Kindheit. Und da saßen gerade mal zwei Dutzend Menschen an einem Tisch. Trotzdem haben wir uns jedes Mal wiedergetroffen. Verrückt, nicht?

 

Was auch verrückt ist: Ich finde dich wunderbar. Den finnischen Eigenbrötler oben in Karelien, die französische Bäckerin, mit der ich nur radebrechen kann, auch die Zyprioten, von denen ich noch nie einen getroffen habe, möchte ich nicht missen. Sind halt wie entfernte Cousinen, die kennt man auch nicht alle. Und weißt du, was das erstaunliche ist? Trotz aller Unterschiede raufen wir uns, so lange ich lebe, immer wieder zusammen. Das macht Familie aus. Man muss nicht jeden liebhaben. Aber nur, weil man einen nicht mag, das ganze aufs Spiel setzen?

 

Liebes Europa, manchmal bist du wie eine pingelige Tante. Dann nervst du mit deinen Vorschriften und Bestimmungen. Aber im Herzen bist du eine Romantikerin. Das sieht man schon an deinen verspielten Sternchen. Du bringst Kanelbullar und belgische Pommes auf den Tisch, griechischen Joghurt, Dresdner Eierschecke und polnische Piroggen. Genug für alle, das Teilen üben wir noch. 

Ich bin auch Romantikerin. Das ist nicht das Schlechteste: Wenn Liebe im Spiel ist, ist man eher bereit, zu ringen. Nicht aufzugeben, nur weil es mal nicht so gut läuft.

 

Und deshalb, liebes Europa, halt durch. Ich bin auf deiner Seite.

 

Deine Susanne

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Theologie der verständlichen Worte

 

 

Ich liebe dich.

 

 

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(Keine) Randnotiz

Wir fahren über die Grenze, die keine Grenze mehr ist. Die Bäume gleichen sich, aber im Hotel gibt es Schokostreusel zum Frühstück. 

Abends löffeln wir unsere Suppe; 16 Deutsche an einem Tisch, an den Nachbartischen Niederländer. Alle legen um Punkt acht ihr Besteck zur Seite und schlucken: Stille im ganzen Land. Zwei Minuten Gedenken der niederländischen Opfer im Krieg. 

Was für eine Gnade, denke ich, dass wir das zusammen tun können. Opa hat das Land besetzt, und ich bekomme Tomatensuppe.

Das ist Frieden. Wie dankbar ich dafür bin.

 

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Aufstand

                        Als Klappkarte auf editionahoi

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Vor Ostern

In diesen Nächten

rufst du mich hinaus

In diesen Nächten

schläft die Eule

und der Dämon ruht

In diesen Nächten

wehen die jungen

Buchenblätter

und die Luft schmeckt

nach Werden

 

 

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Scheiter heiter!

Sterben kann jeder. Es ist nichts Besonderes, da nützt auch kein Mahagonisarg, kein Staatsbegräbnis, kein weises letztes Wort. Der Tod ist ein Totalversagen. Und ein Gott, der stirbt – naja. Jedenfalls ist er kein Held.

Ich bin auch keine Heldin.

In der vierten Klasse sollten wir unser Lieblingsbuch mitbringen. Stolz legte ich einen Band Donald Duck auf den Tisch. Ob ich denn nichts anderes lese, fragte meine Lehrerin säuerlich. Doch, stammelte ich, was eine glatte Lüge war. Anderes begann ich erst später zu lesen. Donald, Dagobert, Tick, Trick und Track blieb ich trotzdem treu. (...)

Donald ist mein Held, eben weil er kein Held bist. Er ist die menschlichste aller Enten. In ihm finde ich mich wieder, irgendwo zwischen Kleinmut und Größenwahn. Seine Übertreibungen lehren mich Selbstironie. Ständig stolpert Donald über seine kurzen Beine und seine eigenen Ideale. Er ist cholerisch, lächerlich, gewöhnlich. Keine seiner Fähigkeiten ist besonders ausgeprägt. Donald weiß, was Sinnkrisen sind. Er weiß, wie es ist, „ein Niemand, der allernichtigste Niemand in ganz Entenhausen“ zu sein. Ach Donald, du wirst es nie zu etwas Großem bringen. Dennoch lässt du dich nicht unterkriegen: „Heut morgen ist mir die Zunge in den Rührfix gekommen, gestern Abend ist mir das Seifenpulver in die Rühreier gefallen und vorgestern ... na ja!“

Trotzdem gibt er nicht auf. Donald ist ein Stehaufmännchen.

Jesus auch.

Die Verehrung eines Gekreuzigten hat dem Christentum viel Spott eingebracht. Die erste bildliche Darstellung ist ein römisches Graffito aus dem 2. Jahrhundert. Es stellt einen gekreuzigten Esel dar, versehen mit der Unterschrift: „Alexamenos betet seinen Gott an“. Götter hatten glorreich zu sein. Helden eben. Und nun tauchte einer auf, der durch die schändlichste aller Todesstrafen starb. Nur Nichtrömer und Sklaven durften gekreuzigt werden. Warum sollte man an so einen Gott glauben? Warum sollte man einem Gott vertrauen, der in seiner Mission scheitert? Der jämmerlich und hilflos ausgeliefert ist? Ein Gott, der aufs Kreuz gelegt wird?

Im Laufe der Jahrhunderte haben viele Künstler versucht, die Sache geradezubiegen. Sie haben Jesus am Kreuz einen schönen Körper gegeben. Manchmal hat er ein Sixpack, Bauchmuskeln von denen andere träumen. Aber auch, wenn sein Körper ausgemergelt ist, bleibt er ästhetisch. Scheitern ist okay, solange es nicht zu unappetitlich aussieht. Wer will sich schon Sonntag für Sonntag einen Verlierer anschauen? Das wäre eine Zumutung.

Ich glaube, genau das ist es auch. Ein jämmerlicher Gott ist eine Zumutung, weil er in Abgründe zieht. Er zeigt, was Menschsein heißt. Wir sind keine Helden. Wir sind Scheiternde, mal verschuldet und mal unverschuldet. Mal alltäglich und mal existenziell. Mal brennen die Bratkartoffeln an und mal geht eine Beziehung in die Brüche. Immer bleibt Gott an unserer Seite...

 

gesendet in: Deutschlandfunk, Am Sonntagmorgen. Den ganzen Text zum Hören oder Lesen gibt es hier.

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Liebe Höflichkeit,

 

Sei ehrlich: Ehrlichkeit ist nicht deine Stärke. Du willst nicht authentisch sein. Über dein „wahres Ich“ denkst du nicht nach. Du nimmst dir nicht die Freiheit, jemanden zu mögen oder nicht zu mögen und ob dir eine Begegnung etwas bringt, ist keine Frage für dich. Du bist selbstlos. Im wahrsten Sinn des Wortes. Du berechnest nicht und rechnest dich nicht. Du dienst. Ziemlich altmodisch. Wahrscheinlich wurde dir schon oft geraten, mehr auf dich zu achten. Gefühle zu zeigen. Jemanden abzuweisen. Aber das tust du nicht. Du behandelst alle gleich. Du wünscht jedem einen Guten Morgen und sagst „angenehm“ auch dann, wenn dir der vorgestellte Herr Kunzelmann gar nicht angenehm erscheint. 

Das liebe ich an dir. Deinen Großmut. Du baust ein Gerüst, das stabil bleibt, auch wenn Sympathie und Frieden, Geduld und Verständnis wanken. Du erinnerst daran, dass jeder ein Mensch ist. Und darin, vielleicht nur darin, sind alle gleich. Du hältst auch einem Betrüger die Tür auf. Einem Heiratsschwindler wünschst du Gesundheit und selbst deine Antwort auf den übelsten Hetzbrief beginnst du mit „Sehr geehrte“. Du hältst Maß, wo ich mich nicht mehr mäßigen kann. Du gibst meinen Inhalten eine Form. Dabei redest du mir meinen Zorn nicht aus. Du leihst ihm nur deinen Mantel. 

Ich ahne, dass du manchmal aufgeben willst. Dass du dich fremd und unerwünscht fühlst. Dass du dich in schlaflosen Nächten fragst, ob jene nicht doch Recht haben, die behaupten, du seist überflüssig, ein Relikt vergangener Zeit. Lass dir das nicht einreden. Ich glaube an dich. Wir brauchen dich, wenn wir uns nicht zerfleischen wollen.

Halt durch!

 

Deine S.

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Vor dem Aufbruch

 

 

Auf dem Rollfeld warten Schmetterlinge. Das Licht ist sehr hell, wie auf einem Polaroid, das einem gewöhnlichen Ort etwas Unwirkliches gibt. Wind kommt auf. Er treibt Staub vor sich her. Die Flügel der Schmetterlinge zittern. Die Stille rauscht in meinem Ohr. Wenn das ein Traum wäre, würde jetzt etwas geschehen, ein Dinosaurier würde auftauchen oder ein Popcornverkäufer oder die Passagiere würden an Gate 6 gebeten. Daran, das nichts passiert, merke ich: dies ist kein Traum. Die Schmetterlinge warten. Ich warte. Wenn sie aufflögen, denke ich, würde der Himmel eine Blumenwiese. Dann würde ich aufbrechen. Ich versuche, nicht zu blinzeln, um den Augenblick nicht zu verpassen.

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Bedienungsanleitung

Manchmal wäre eine Bedienungsanleitung für Menschen hilfreich. Wie tickt eine? Welche Schwachstellen hat er, wo ist Vorsicht geboten? Ivar Kroghrud hat genau das gemacht. Er ist einer der erfolgreichsten Gründer und IT-Unternehmer Norwegens und hat eine Bedienungsanleitung für sich selbst geschrieben. Super Idee, finde ich. 

 

Bedienungsanleitung für MICH

 

Morgens ab 6 Uhr betriebsbereit, bei ausreichendem Schlaf auch früher.

Ab 22.30 Uhr in den Ruhemodus fahren, in Ausnahmefällen ist eine längere Betriebsdauer möglich.

Bitte vor Lärm und großer Hitze schützen, Feuchtigkeit fügt keinen Schaden zu (Regenschutz ist vorhanden).

Kann standardmäßig reden, schreiben, Kürbiscurry kochen und ein Zelt aufbauen. Selbstlernend, Erweiterung der Fähigkeiten möglich. 

Nicht kompatibel mit Großmäulern und Duckmäusern. 

Bei Störungen gern nach Ursachen fragen.

Gutes Zureden kann hilfreich sein.

Regelmäßige Gaben von Pfefferminzschokolade erhöhen die Zufriedenheit.

Grundeinstellung: Zuversicht.

Bei plötzlich auftretender Antriebslosigkeit bitte einschicken an: Nordseeinsel Spiekeroog, Düne 3.

 

in: Wandeln. Mein Fastenwegweiser 2019, Andere Zeiten

 

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Momentaufnahme

 

 

 

 

 

 

 

 

außen

sonne innen

ist es wild

smarties auf holz wie

doppelpunkte

                                   Schreibwerkstatt mit Elfchen

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Ahoi! Alaaf! Helau!

Füße hoch!

Wisst ihr, was Luxus ist? Vergesst teure Autos und Schnürsenkel aus Schlangenleder. Ob das Schnitzel in Blattgold gewickelt ist, ist mir schnuppe. Ich brauche kein Privatjet, weil ich sowieso nicht gern fliege. Verliebt sein kann man genauso gut im Bus und bei Liebeskummer hilft auch keine Limousine. 5-Sterne-Hotels lassen mich kalt, meinen Urlaub verbringe ich am liebsten im Zelt, allerdings einem, das dichthält, das ist auch schon ein Luxus. Aber den meine ich nicht. 

Luxus ist ein Mittagsschlaf. Sich am helllichten Tag aufs Sofa zu legen und sanft davongetragen zu werden in einen Zustand zwischen Wachsein und Traum. Sich nicht gemeint fühlen von den Alltagsgeräuschen, sondern selig schlummern. Schon das Wort „schlummern“ erzählt von der Süße dieses Zustandes. Wer schlummert schläft nicht, wer schlummert trägt keinen Pyjama, wer schlummert, schlüpft nur kurz aus dem Getriebe des Alltags hinaus. 

Als ich Kind war, schlossen die meisten Läden um 12 Uhr 30, die Welt roch nach Erbseneintopf und Blumenkohl, und im Treppenhaus musste man jetzt leise sein. Wehe, wer es wagte, eine Tür zu knallen. Bis 15 Uhr war Mittagsruhe, sehr zum Leidwesen der Kinder. Wir schlichen auf Zehenspitzen durch die Wohnung, wussten nichts mit uns anzufangen und niemand war da, der uns bespaßt hätte. Der Vater meiner besten Freundin kam mittags nach Hause, aß zügig, um sich dann zwanzig Minuten aufs Sofa zu legen. Anschließend fuhr er zurück an seinen Schreibtisch. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, was daran erstrebenswert sein sollte. Manche Genüsse lernt man eben erst mit dem Alter zu schätzen: Bitterschokolade, Pampelmusen, Sonntagsspaziergänge, geputzte Schuhe. Und den Mittagsschlaf. Sich ausklinken. Die Füße hochlegen. Nicht ansprechbar sein. Mitten am Tag das Tagwerk unterbrechen.

Das ist Luxus. Es ist auch ein Akt der Unverfügbarkeit, und ich glaube, solche Momente brauchen wir immer nötiger. Sie sind Lücken, durch die das Unvorhersehbare schlüpft. Entspannung und Ruhe sowieso, auch Freiheit jenseits der Betriebsamkeit und der Unabkömmlichkeit, eine Freiheit jenseits der persönlichen Produktivität. Es ist, als würde man eine dieser alten Schultafeln wischen, vollgeschrieben mit Formeln, Gedanken, Notizen, bevor die nächste Stunde beginnt. 

Jede dritte Frau und jeder vierte Mann würden Umfragen zufolge gerne Mittagsschlaf halten, wenn es denn möglich wäre. So wird der „Powernap“ zumindest in Zeitschriften gepriesen – aber Powernap: Das klingt ja schon wieder nach Anstrengung und Leistung, so, als müsste ich für meinen Mittagsschlaf Laufschuhe anziehen. Den meisten bleibt die Sache irgendwie peinlich: Ein Mensch, der tagsüber schläft – und das auch noch öffentlich – kann doch eigentlich nur ein Faulpelz sein. Es müsste viel mehr Sofas, Bänke, Hängematten, Ohrensessel, Liegen, Kissen geben und Mutige, die sie benutzen. Handy stumm, Augen zu, Kopf in den Standbymodus. Ein Traum!

 

So geht’s:

„Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und bis tief in die Nacht arbeitet und das Brot der Mühsal esst. Den Seinen gibt es Gott im Schlaf.“ Psalm 127,2

 

in: Welt der Frauen 3/2019

 

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Erleuchtung

Als ich gestern in der Kirche saß, schien die Morgensonne in mein Gesicht. Ich roch den leichten Cremegeruch auf meiner Haut, während ich sang. Alles war hell und freundlich. Die Kerzen flackerten in der Sonne, was für ein Überfluss an Licht. Plötzlich fühlte ich mich genau richtig. Nichts zwickte, kein Gedanke stellte sich quer. Und ich dachte: Wie oft passiert das eigentlich, dass alles passt; dass du dich dort, wo du bist, gerade richtig fühlst?

 

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Jagen

Gott streifte durch die Welt, ein irrer Zickzackkurs von Trondheim nach Aserbaidschan, vom Après-Ski in die Stille der Klöster,

in U-Bahnen, auf Feldwegen, zu den Stränden der Seychellen.

Ich konnte ihm nicht folgen, eine Weile versuchte ich es, immer außer Atem, das war kein Leben. 

Eines Tages stand ich traurig am Gleis, ich denke, es war ein Mittwoch. Eine Taube jagte einer störrischen Pommes hinterher,

und ich gab auf.

Ich stieg in die nächste Bahn und fuhr nach Hause. 

Die Leere dort ängstigte mich. Doch nach ein paar Tagen lag die erste Ansichtskarte im Briefkasten.

Palmen waren darauf zu sehen, es folgten Gipfelkreuze, Lavendelfelder.

Und innige Grüße, immer innige Grüße.

 

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Nimm die Härte von deiner Stirn

Nimm die Härte von deiner Stirn. Sag "Ich weiß nicht" auch wenn das schwer auszuhalten ist. Denk trotzdem weiter. Weich sein heißt nicht, schwach zu sein. Erinnere dich, was deine Großmutter dir beigebracht hat oder der Religionslehrer oder vielleicht hast du es auch in einem dieser Lebensratgeber gelesen: Liebe deinen Nächsten, und wenn du nicht lieben kannst, dann begegne jedem Menschen wenigstens mit Respekt. Weil alles, was du denkst und fühlst auch auf dich zurückfällt. Dein Zorn und dein Hass trifft nicht nur die anderen, er lässt auch dich selbst nicht kalt. Lass dich von ihm nicht zerfressen. 

Du bist ein freundlicher Mensch, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt. Lach der Enttäuschung ins Gesicht. Vielleicht heitert sie das auf. Die Gute hat es schließlich auch nicht leicht. Sei nachsichtig. Mit dir und mit den anderen, nicht immer, aber immer wieder. 

Hör nicht auf, daran zu glauben, dass jeder sein Bestes versucht. Manche scheitern öfter. Verständnis zu haben, heißt noch lange nicht, alles gutzuheißen. Gib die Suche nach der Wahrheit nicht auf. Glaub nicht jeder Schlagzeile, die Welt lässt sich nicht in schwarz und weiß aufteilen. Nicht mal du selbst bist schwarz oder weiß. 

Lerne mit dem Zwiespalt zu leben. Nimm dich an, wie Gott es schon tut.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2:  hier zum Hören

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Was machen Tagträumer nachts?

Was machen Tagträumer nachts? Warum scheint der Hinweg immer weiter als der Rückweg? Fürchtet die Dunkelheit das Licht oder sehnt sie sich danach? Wie heißt das Tuwort von Frieden? Wäre es eine Befreiung, unfrei zu sein, weil wir dann aller Entscheidungen enthoben wären? Der wievielte Tropfen macht aus einer Pfütze einen See? 

Wisst ihr noch, wie es sich anfühlte, als das Leben aus tausend Fragen bestand? Als unsere Kinderaugen die Welt entdeckten? Dann wurden wir groß, fingen an, über Steuererklärungen und Mülltrennung nachzudenken und die Fragen verschwanden. Aber vielleicht sind es gar nicht die Fragen, die nicht mehr da sind, sondern unser Kinderherz, das verschwunden ist. Das neugierig die Welt betrachtet und noch alle Antworten für möglich hält.  Suchende sollen wir sein, nicht Sichere. Lasst uns die Welt staunender verlassen, als wir sie betreten haben. Bleibt dem Geheimnis auf der Spur, nicht jedem Nachrichtenschnipsel. Folgt den Fragen und nicht den Antworten, die verführerisch und leicht verdaulich ins Netz locken. Lasst euch nicht einfangen. Taucht tiefer. Gott hat die Sehnsucht in unser Herz gelegt, nicht die Sicherheit.

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Im Januar

Im Januar fühle ich mich wie aus dem Nest geworfen. Zu früh, unvorbereitet, draußen wird es noch immer vor Abend dunkel, keine Blume wagt sich ans Licht, nur ich soll voller Tatendrang einen neues Jahr beginnen, 5 Kilo abnehmen, ein Buch schreiben, für den nächsten Halbmarathon trainieren (weil das jetzt alle tun), tanzen, zeichnen oder das Badezimmer streichen, während die Räume merkwürdig kahl aussehen, so ohne Lichterketten und Kerzenschein. Der Weihnachtsbaum liegt im Rinnstein, keine Sentimentalitäten. Das Leben geht weiter, fast forward. Dabei fühle ich mich im Winterschlafmodus, die Welt kann gern im März wieder anklopfen. Bis dahin würde ich gern einschneien, nicht so dramatisch, wie im Süden, gerade nur soviel, dass alles still und gedämpft ist und angenehm hell. Januartage machen keinen Lärm. Von Natur aus nicht. Sie schweigen vielversprechend. 

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WG gefunden

Ich lebe mit Papst Franziskus zusammen. Leider auch mit Putin. Wir sind einander noch nie begegnet, aber wir leben gemeinsam in einer ziemlich großen WG. Die nennt sich Welt. Wir haben noch viele weitere Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Nicht alles klappt reibungslos, der eine vergisst notorisch, den Müll rauszubringen, der andere kippt seine Schwermetalle ins Meer, und so richtig saubergemacht wurde schon lange nicht mehr. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass WGs dauernd lustige Partys feiern, gibt es einige, die ständig wegen irgendwas beleidigt sind und nicht mitfeiern. 

Dennoch würde ich niemals ausziehen. Es sind so viele interessante Leute dabei und wir gestalten unser Haus, jeder in seinem Zimmer und manchmal gemeinsam in der Küche. 

Klar, gibt es Großmäuler und ein paar fiese Gestalten sind auch dabei. Aber die gibt es überall. Eine starke Gemeinschaft fängt das auf. Trotz aller Gegensätze gehören wir doch zusammen! Wir atmen dieselbe Luft. Wir rechnen mit denselben Zahlen, unsere Träume schweben in einem Raum, und es ist ein Himmel, der sich über uns spannt. 

Unser Vermieter lässt sich übrigens selten blicken. Er scheint darauf zu vertrauen, dass wir verantwortungsvoll mit seinem Eigentum umgehen. Sein Name ist Gott, einfach Gott; ich weiß nicht mal, ob er ein Mann oder eine Frau ist. Am Ende, wenn ich ausziehe, wird es ein Abnahmeprotokoll geben. Damit der nächste einziehen kann, ohne das totale Chaos vorzufinden.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2.
Hier auch zum Anhören: https://www.ndr.de/ndr2/Moment-mal,audio471970.html

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Frohe Weihnachten!

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Advent

Geh ins Dunkel

stell dich ins Licht

Die drinnen bleiben

finden nicht

 

Sing dein Lied

sieh nach dem Stern

Vielleicht liegt das Wunder 

nicht fern

 

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Funkeln

 

Ich glaube nicht an Sternschnuppen, trotzdem wünsche ich mir heimlich was, wenn eine fällt. Dass der Nikolaus nachts von Tür zu Tür geht, widerspricht meiner Erfahrung. Trotzdem schaue ich jedes Jahr verstohlen in meine Schuhe. Dass Schnee auch nichts Anderes als gefrorenes Wasser ist, weiß ich. Trotzdem stelle ich mir vor, jemand streut Kristall über die Dächer. Dass die Lichter, die sich im Dunkel des Morgens in den Pfützen spiegeln, nur Ampeln und Autoscheinwerfer sind, sehe ich. Trotzdem verzaubern sie den Asphalt. Dass der Advent auch nur eine Kulisse ist vor den Baustellen der Welt, sagen manche. Trotzdem funkelt was.

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Ewigkeitssonntag

"Weißt du, was Gottes erstes Wort war?", fragt Opa.

Er kennt lauter Geschichten aus der Bibel. Er hat sie mir alle erzählt. Papa findet das blöd. "Setz dem Kind nicht solche Flausen in den Kopf", sagt er. "Wir leben im 21. Jahrhundert." Opa hat ihm entgegnet, dass diese Geschichten zum Allgemeinwissen unserer Kultur gehören. Ich weiß nicht, was das ist. Aber ich mag die Geschichten.

"Gott sagte ›werde‹." Opa macht eine Pause. "Das ist sein wichtigstes Wort. Es werde Licht. Es werde Land. Es werden Tiere. Und es werden Menschen. So geht es immer weiter. Die Welt ist nicht fertig. Neues kommt. Altes geht. Damit dann wieder Platz für Neues ist. Deshalb müssen wir alle sterben."

Opa ist sehr klug, glaube ich.

"Hast du dein ganzes Leben daran gedacht?"

"Nein", brummt er. "Das darf man auch nicht. Manchmal musst du den Tod aussperren. Du sagst ihm: 'Ich weiß, dass du kommst, aber nicht jetzt.' Und dann spielst du eine Runde Schach oder heiratest ein Mädchen. Während solcher Dinge soll man nämlich an nichts Trauriges denken. Aber ganz vergessen darfst du ihn auch nicht. Er gehört zum Leben."

 

aus: Wie lang ist ewig? Geschichten über das Leben und Davongehen

 

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Übrigens

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Gott 

 

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Manna to go

Als Gott in die Küche kommt, sind zwei Engel gerade dabei, den Herd abzubauen. „He“, ruft Gott, „was tut ihr da?“ Küchen sind nicht mehr in Mode, klären die Engel ihn auf. Zwar gibt es Kochshows wie Salz im Meer, aber das echte Essen wird jetzt einfach bestellt. „Ist praktischer so“, sagt der Engel. Küchen werden jetzt als Zeilen gebaut. In den Wohnraum integriert. Jeder, der schon mal Hering gebraten hat weiß, dass er den Geruch nicht im Wohnzimmer haben will. Aber für Hering sind die Restküchen sowieso nicht gedacht. Allenfalls für eine chromblitzende Kaffeemaschine, die sprotzend den morgendlichen Macchiato ausspuckt. „Aber“, stottert Gott, „wer backt mir dann das Manna? Und die Wachteln müssen auch in den Ofen!“ Die Engel halten ihm einen Prospekt entgegen. „Kannst du bestellen. Pizza, Pasta, Couscous-Salat, Manna. Wird alles geliefert.“ Gott wischt den Prospekt beiseite. Er will kein geliefertes Manna, und auf eine Küche verzichten will er auch nicht. Da müsste er ja die ganze Bibel umschreiben. In Zukunft hieße es dann nicht mehr: „Das Himmelreich ist wie ein Sauerteig“, sondern „Das Himmelreich ist wie Lieferando“. Verpackt in drei Lagen Styropor, lauwarm und pappig. 

„Sieh“, versucht es der redegewandtere Engel, „es ist doch viel besser so. Die Menschen haben weniger Arbeit. Insbesondere die Frauen. Die Abschaffung der Küche ist also genau genommen ein Beitrag zum Feminismus!“ Der Engel gratuliert sich innerlich zu diesem genialen Einfall. „Ach Unsinn“, wischt Gott das Argument beiseite. „Als ob es besonders fortschrittlich wäre, nicht mehr für das eigene Essen sorgen zu können! Was kommt als nächstes? Ein mobiler Duschservice? Eine Erinnerungs-App, dass der Mensch sich bewegen soll, weil er genau dafür diese Dinger namens Beine hat?“ Gott hat sich ziemlich in Rage geredet, und der Engel verzichtet lieber auf den Hinweis, dass es so etwas längst gibt. „Versteht ihr denn nicht, was eine Küche alles ist? Sie ist ein Ort des Austauschs, an dem beim Kartoffelschälen Liebeskummer oder Weltpolitik besprochen wird. Die Küche ist der Ort der ungeplanten Begegnungen. In der Küche wartet immer ein Kaffee oder ein Rest Auflauf. Sie ist der Ort der Verheißung, an dem aus Mehl, Salz und Öl Brot oder Nudeln wird. Ein Küchentisch ist versöhnlich, lange nicht so offiziell wie ein Arbeitszimmer und auch nicht so privat wie ein Wohnzimmer, ein Küchentisch ist neutraler Boden. Beichtstuhl, Arbeitsfläche und Nachrichtenaustausch in einem. Ich habe sogar von einer Frau gehört, die ihr Kind auf dem Küchentisch zur Welt gebracht hat! Die Küche ist der Ort des alltäglichen Liebesmahls. Die Küche ist der Ort der Alchemie, der Verwandlung. Die könnt ihr doch nicht einfach abschaffen!“

 

PS: Bis in die frühen neunziger Jahre wurde in den meisten Haushalten täglich selbst gekocht. Heute ist das nur noch in weniger als der Hälfte der Fall, in Großstädten schalten viele Menschen ihren Herd sogar fast nie ein. Laut einer Studie der Schweizer Großbank UBS ist es möglich, dass schon im Jahr 2030 die meisten Mahlzeiten online bestellt und geliefert werden.

 

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Wenn

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Mein perfektes Morgenritual

Nach jeder Nacht

bisher

aufgewacht.

 

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Montagmorgen

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E-Mails

Eine Million britische Pfund

geerbt von einem verschollenen Scheich

Fünf Penisvergrößerungen

Die Aufforderung, meine Bankdaten zu ändern,

vorzugsweise unter diesem Link

Drei Hinweise, dass meine Facebookfreunde warten

Eine Warnung, dass mein Speichervolumen bald 

ausgeschöpft ist

und

Eine Mail von dir

 

 

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Wollpullover

Das Paradies ist ein alter, verwahrloster Garten, in dem die Freiheit wartet. Sie ist wild, unberechenbar und verrückt. Sie verrückt Grenzen. Als „Pippi Langstrumpf“ erschien, entfachte sie einen Sturm der Entrüstung. Nicht bei allen, aber bei jenen, denen ihre Freiheit zu viel des Guten war. Zu wild. Zu radikal. Ein Mädchen, das tut was es will, sei „demoralisierend“und „gesellschaftsschädigender Schund“. Pippi sei „etwas Unbehagliches, das auf der Seele kratzt.“ 

Wie Gott.

Schon klar, Pippi Langstrumpf ist nicht Gott. Aber kann sein, dass Gott ein bisschen wie Pippi Langstrumpf ist. Wild. Frei. Unberechenbar. Einer, der auf der Seele kratzt. 

Meistens soll Gott nett sein. Einer, der tröstet und die Dinge ins Lot bringt. Früher durfte er auch zornig sein und beängstigend, aber die Zeit ist vorbei. Nicht, dass ich ihr nachtrauere, aber nur lieb ist auch keine Lösung. Die Geschichten, die ich von Gott kenne, sind verstörend. Mal ist er der große Schöpfer, dann wieder will er alle vernichten. Mal ist Jesus der verständnisvolle Hirte, mal blafft er die Leute an und schwingt die Peitsche. Und auch Gottes Auserwählte sind sonderbare Charaktere. David, der Ehebrecher. Mose, der Totschläger. Maria von Magdala, angeblich eine Prostituierte. Hiob dagegen, dem Mustersohn der Menschenkinder, nimmt Gott alles weg. Gerecht ist das nicht. Und nachvollziehbar schon gar nicht. Hiob hält trotzdem an Gott fest. Ich auch. Weil ich jemanden will, der auf meiner Seele kratzt. Ich mag auch Wollpullover auf der Haut. Die fühlen sich echter an als Microfaserzeug...

 

Der ganze Text war im Deutschlandfunk zu hören. Hier kann man ihn nachlesen (oder hören). 

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Sommerfazit

 

 

 

 

 

 

Mit Elchen Schnitzeljagd spielen. Verlieren. Stille hören.

Drei Hände Nudeln und eine Tütensuppe reichen für ein

Abendessen zu zweit. Heidekraut oder Kiefernzweige

ergeben einen guten Schwamm. Zelten geht auch ohne Zelt.

Die Nacht zur Nacht machen. Von Eichhörnchen geweckt

werden. Den ersten Tee im Schlafsack trinken. Wer die

Wasserflasche beim Wasserholen fallen lässt, muss in

den See springen. Hirschlausfliegen sind nicht wählerisch. Streichholzschachteln werden wirklich schnell feucht.

Tubenkäse ist besser als sein Ruf. Auf warmen Felsen liegen

und fernsehen. Das Leben auf einen Rucksack reduzieren.

Nichts vermissen. Glück ist draußen. 

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Der Engel, der befreit

In letzter Sekunde kam der Engel.

Peter Simonsen ist sechsundvierzig Jahre alt. Den Fischladen der Eltern hat er hinter sich gelassen. Weil er Coach werden wollte. Was die Leute immer noch sonderlich finden, weil man das Wort kaum aussprechen kann und die Alten denken, er verkaufe jetzt Sofas. Wie man ein Sofa einem Fisch vorziehen kann, verstehen sie nicht. Wenn es Spitz auf Knopf steht, kann man auch auf einem Stuhl sitzen, während ein Fisch immer satt macht. Peter Simonsen hat es aufgegeben, sich zu erklären. Warum man wegzieht, muss man hier oben begründen und fest steht von vornherein: Es gibt keinen Grund. Wer ein Haus hat, gehört hierher. Peters Elternhaus steht seit einhundertsiebzehn Jahren hinterm Deich und der Liguster ist mittlerweile hoch genug, um den Wind zu brechen. Das Boot liegt im Hafen. Schollen wollen die Leute immer, besonders die Touristen. Schön mit Butter und Krabben obendrauf. Eine Schande, da einfach auszusteigen. Vaters vorwurfsvolles Schweigen lässt Peter Simonsen bis heute nicht los.

Als kleiner Junge ist er immer mit raus aufs Meer. Da konnte er noch kaum laufen. Mit vollen Netzen sind sie zurückgekehrt. Er liebte die Gischt und den Wind. Angst hatte er nicht. Das war das Wichtigste, keine Angst zu haben. Aber Respekt. Den würde der Junge noch lernen, dachte der Vater. Bloß erstmal keine Angst haben, der Rest fügt sich. Der kleine Junge war so voller Bewunderung für den Vater, dass es schmerzt. Dass es heute noch schmerzt, daran zu denken. Wie konnte er ihn so enttäuschen?

Er hat ihn verlassen. Verraten hat er ihn und alles, was der Vater aufgebaut hat und weitergeben wollte.

»Hast du nicht«, sagen die Freunde. Aber sie wissen nicht, wie es ist. Es gibt ein Foto von ihm mit viel zu großer Fischermütze. Da steht er vorm Boot und hält einen Kabeljau in die Kamera, größer als seine beiden Arme zusammen. Sein Haar ist zerzaust und die Hand des Va- ters liegt auf seiner Schulter. Das Bild stand all die Jahre auf der Kommode in der Stube. Er weiß nicht, was damit geschehen ist.

Vater ist tot. Er könnte befreit sein. Aber er ist es nicht. Den Vater hat er beerdigt, aber seine Enttäuschung hat er nicht beerdigt. Sie hockt in seinem Zimmer und sieht ihn vorwurfsvoll an. Jeden Tag. Sie beherrscht ihn. Und er ist ganz klein und verzagt.

»Du bist verrückt«, sagen die Freunde und lachen. »Sieh dich an – du hast Erfolg! Du hast dir etwas Eigenes aufgebaut. Was kümmert dich die Vergangenheit?« Sie verstehen nichts. Ihre Eltern sind Lehrer und Rechtsanwältinnen und Therapeuten. Die wissen, was ein Coach ist.

Die Enttäuschung hat ihn in Ketten gelegt. Und die Schuld, so ganz genau kann er das nicht trennen. Sie bewacht ihn. Der Abstand zu den Freunden wird immer größer. Niemand kann sich ihm nähern. Sie sind draußen. Jenseits der Mauer. Noch lassen sie nicht locker. Sie rufen an. Sie fragen, wie es ihm geht. Sie laden ihn ein. Die Freunde sorgen sich. Sie versuchen ihn zu erreichen. Er ist sicher: Das wird aufhören. Die Enttäuschung hat gute Wachen. Vier zu seiner Rechten: Du hast ihn verraten. Du hast das Erbe deines Vaters verraten, flüstern sie. Vier zu seiner Linken: Wer hoch hinauswill, wird tief fallen. Sieh, wohin das führt, flüstern sie. Vier in seinem Rücken: Was du bist, verdankst du ihm. Hast du das vergessen? Vier vor seinem Angesicht: Was glaubst du, wer du bist? Nichts, als ein kleiner Fischer.

Die Freunde sind in großer Sorge um ihn. Wenn man nur etwas tun könnte. Wenn sie nur helfen könnten. Aber sie dringen nicht zu ihm vor. Und weil sie wenig Erfahrung damit haben, wie man einen Gefangenen befreit, bleibt nur Hoffen und Beten. Das ist nicht viel. Aber besser als nichts.

Am Vorabend seines siebenundvierzigsten Geburtstags ist Peter Simonsen allein. Er will nicht feiern. Er wüsste nicht, was. In der Wohnung ist es dunkel. Er liegt auf dem Sofa und schaut in die Schwärze. Sie ist überwältigend. In diesem Moment kommt es ihm vor, als würde er sich nie mehr bewegen können. Niemals mehr. Er schließt die Augen. Wahrscheinlich schläft er ein.

Als der Engel in seine Gedanken tritt, wird es hell. Das ist das erste, was geschieht: dass es hell wird. Dann stößt der Engel ihn in die Seite. Es ist ein heftiger Stoß. Er scheint nicht zimperlich zu sein. »Wach auf«, ruft er. »Komm zu dir!« Peter will gar nicht zu sich kommen, aber er blinzelt trotzdem. Der Stoß tat weh.

»Steh auf«, sagt der Engel und es klingt wie ein Befehl. Peter will ihm die Wachen zeigen, er will ihm zeigen, dass er unmöglich aufstehen kann. Aber verwundert stellt er fest, dass sie schlafen. Dass die Stimmen schweigen. Er nähert sich ihnen vorsichtig, aber: Nichts. Keine Regung. Da fallen die Ketten von ihm ab.

»Zieh deine Schuhe an«, befiehlt der Engel. »Wird Zeit, dass du hier rauskommst.«

»Aber«, sagt Peter.

»Nichts aber«, sagt der Engel.

Da steht Peter auf. Der Engel sieht ihm geduldig zu. »Den Mantel«, erinnert ihn der Engel. »Nimm den Mantel. Der schützt dich.«

Mantel, denkt Peter. Mantel ist gut.

»Und jetzt folge mir.«

Peter blickt sich um. Von der Enttäuschung keine Spur. Hat sie sich versteckt? Für gewöhnlich lauert sie immer irgendwo.

»Lass sie«, sagt der Engel. »Wir gehen jetzt raus. Ins Leben.«

Peter stolpert aus seiner Gefangenschaft. Er weiß nicht, wie ihm geschieht. Er weiß nicht, ob er wacht oder träumt. Das eiserne Tor der Schuld öffnet sich. Der Engel führt ihn hinaus. Niemand stellt sich ihnen entgegen. Nicht mal der Vater.

Es ist fünf Uhr morgens. Peter Simonsen schlägt die Augen auf. Es ist hell. Die Vögel erwarten ihn. Der Engel ist verschwunden. Ist das wahr, denkt er oder habe ich geträumt?

Er weiß es nicht. Er weiß nur: Er ist frei.

Wie das zugegangen ist, kann er keinem erklären. 

 

aus: Fliegen lernen. Engelsgeschichten aus der BibelIllustration: Ariane Camus

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Pause

Ich geh' schreiben. Hier geht es weiter am 16. September. Hej då!

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Stolpern

„Agentur für Engel“ steht auf dem Schild. Schlicht und pragmatisch hat es jemand mit zwei Schrauben an die Wand gebracht. Im Treppenhaus riecht es nach scharfem Putzmittel. Die Agentur befindet sich im dritten Stock. 

„Guten Tag“, sage ich zu der Person hinter dem Tresen. Unwillkürlich frage ich mich, ob das jetzt auch schon ein Engel ist. „Das fragen sich alle“, schnarrt ihre Stimme. „Was wollen Sie denn?“

„Einen Engel“, sage ich schüchtern, weil mir der Wunsch auf einmal verwegen vorkommt und ich gar nicht weiß, ob ich mir das leisten kann. Ich habe ja keine Ahnung, wie so etwas abläuft. „Schutzengel sind aus, die wollen alle“, entgegnet die Stimme. „Der Verkündigungsengel ist auf Urlaub, Saisonarbeit, Sie verstehen. Der Drachenkämpfer ist im frühzeitigen Ruhestand mangels Nachfrage. Wo gibt es heute schon noch Drachen? Die Paradiesengel sind nicht abkömmlich. Rachengel bieten wir ungern an, die machen eine schlechte Presse. Und die Friedensengel haben Burnout. Einen Stolperengel können Sie haben!“

„Bitte was? Was soll ich denn damit?“

Sie sieht mich streng an. „Die Frage ist nicht, was Sie damit sollen, sondern was der Engel von Ihnen will.“

Langsam schwant mir, warum diese Agentur nicht bekannter ist. „Also was ist? Nehmen Sie ihn?“

Ich nicke eilig, weil ich Angst habe, dass auch dieser Engel gleich vergriffen sein könnte. „Gut“, sagt die Person hinter dem Tresen und schreibt weiter in ihr Buch. Nichts passiert. Ich schaue mich suchend um.  „Und?“, frage ich schließlich. „Wo ist mein Engel?“

„Er wird Sie finden.“ Ihr Kopf senkt sich wieder und mir bleibt nichts anderes übrig, als zu gehen. 

Seit diesem Tag schaue ich mich öfter verstohlen um. Irgendwo ist er und bringt mich ins Wanken. 

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Sommergebet

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Kleine Geschichte von 1 Dämon

Der Dämon sitzt auf seiner Kiste und starrt. Gestern hat er 15 hartgekochte Eier gegessen und 7 Bananen. Das Leben als Dämon ist hart. Er mag keine Eier. Und auch keine Bananen. Bananen ekeln ihn Allein schon der Geruch. Eigentlich würde er gern mal Heidelbeerquark essen. Aber das gesteht er sich nicht ein. Also hockt er sich halt mit seinen Bananen auf meine Schulter und mampft. Schön ist das nicht. Für keinen. 

Farbe

Gott ist Maler von Beruf, das wissen die Wenigsten, und wenn sie es hören, dann denken sie an Van Gogh und an Sonnenblumen. Aber das ist ein Irrtum. Gott ist ein ganz gewöhnlicher Anstreicher, allerdings ein sehr guter. Welche Farbe denn mein Leben haben solle, fragt er, und ich wähle Rot wegen der Lust. Und Blau wegen der Tiefe. Und Grün für die Verstecke. "Gute Wahl", nickt er, und ich frage mich kurz, ob er das immer sagt.

 

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Sonntagsrätsel

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Grüße aus dem Sommer

 

 

Deines Lebens Traum:

 

"Ich träume davon, dich glücklich zu machen. In meinem Traum scheint die Sonne und alles ist Licht. Die Nacht ist deine Freundin. Du brauchst dich nicht mehr vor Spinnen zu fürchten, und Schlaf deckt dich zu. die Liebe ist eingezogen, um zu bleiben. Die Härchen auf deinem Arm schimmern hell. Gestern ist der Bruder von Morgen und Heute bist du. Dein Kleid hat Streifen und machmal kannst du zaubern."

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Bote

Gestern sprach mich ein Fremder an

dankte 

und ließ mich zurück

Gestern sprach mich ein Fremder an

hob mich einen Millimeter

von der Erde

Gestern sprach mich ein Fremder an

und ließ eine andere zurück

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Was ich im Leben schon gelernt habe I

Natur ist nicht immer nett.

Wenn man einen Mord plant, finden sich unter den heimischen Pflanzen viele Helfer.

Trotzdem lebt es sich besser ohne Leiche im Keller.

In Hamburg regnet es weniger als in Bielefeld. Nicht nur deshalb ist Hamburg schöner. 

Eine geronnene Sauce Hollandaise rettet man, indem man Eiswürfel hineinrührt.

Einen Fahrradreifen flickt man am besten mit einem kundigen Mann. In vielen anderen Situationen hilft ein Schweizer Messer weiter. 

Viele Kindergartenregeln gelten auch im Erwachsenenalter:

Nimm niemandem sein Spielzeug weg. Mittagsschlaf ist trotz anfänglichem Widerwillen eine feine Sache. An dem Weihnachtsmann muss man nicht glauben, um sich über Geschenke zu freuen. 

Mittsommer findet am Anfang des Sommers statt. 

Die Vorfreude, dass noch etwas kommt, ist ein feines Lebensprinzip.

(Egal, ob Erdbeereis oder Ewiges Leben.)

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Matjes. Küssen. Leben

An den ersten Kuss muss man sich irgendwie erinnern. Ich kann es nicht. Ich erinnere mich nicht mal, welchen Jungen ich mit 12 oder 13 Jahren geküsst habe. Wahrscheinlich geschah es beim Flaschendrehen. Ehrlich gesagt habe ich auch keine Ahnung, warum ich mich daran unbedingt erinnern soll, wenn ich doch heute neue Küsse küssen kann. Oder irgendetwas anderes tun kann, das schön ist. Facebook erinnert mich auch ständig an Sachen, die ich vor zwei Jahren getan habe. Als wären das geschichtliche Großereignisse, die eines Denkmals würdig sind. Dabei handelt es sich bloß um ein Foto meines Mittagessens. Warum soll ich mich daran erinnern, dass es vor zwei Jahren Matjes mit Pellkartoffeln gab? Mein eigenes Leben wird zu einem Denkmal. Aber ich will kein Denkmal sein – schon gar nicht mein eigenes. Ich will leben und das funktioniert nur jetzt. Dies ist der einzige Moment, in dem ich leben kann. Gestern ist vorbei und morgen gibt es noch nicht. Allein in diesem schmalen Stück Gegenwart kann ich fühlen, küssen, Matjesessen. 

Die Ewigkeit ist eine endlose Folge von Momentaufnahmen. Wenn ich nur damit beschäftigt bin, alte Fotos anzuschauen, kommt nicht Neues hinzu. Dann habe ich irgendwann nur noch Fotos von mir, auf denen ich Fotos anschaue. Will ich das?

Nö. Das will ich nicht. Deshalb gehe ich jetzt Matjes küssen.

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Phantasie

Im Zug. Kein Netz. Der nächste Halt Lichtjahre entfernt. 

Das Kind auf Platz 61 schüttet Lego aus. Erzählt sich Geschichten von Dinosauriern

und Feuerwehrmann Sam.  Auch ein Hund taucht auf. 

Ich forsche in meinem Kopf, was ich mir erzählen könnte.

 

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Heute Flaute

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Zeitgenossen

Ich habe mit Astrid Lindgren und Stephen Hawking zusammengelebt. Leider auch mit Erich Honecker. Das ist allerdings mittlerweile Geschichte. Jetzt lebe ich mit Papst Franziskus zusammen. Wir sind nicht unbedingt Freunde, tatsächlich sind wir einander noch nie begegnet, aber wir leben gemeinsam in einer ziemlich großen WG. Die nennt sich Welt. Wir haben noch viele weitere Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Wenn ich das so aufschreibe, klingt es fast ein bisschen hippiesk. Nicht alles klappt reibungslos, der eine vergisst notorisch, den Müll rauszubringen, der andere kippt seine Schwermetalle ins Meer, und so richtig saubergemacht wurde schon lange nicht mehr. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass WGs dauernd lustige Partys feiern, gibt es einige, die ständig wegen irgendwas beleidigt sind und nicht mitfeiern. Dennoch würde ich niemals ausziehen. Es sind so viele interessante Leute dabei und wir gestalten unser Haus, jeder in seinem Zimmer und manchmal gemeinsam in der Küche. Selbst wenn wir einander noch nie begegnet sind, sind wir Zeitgenossen. Wir gehören zusammen. Wir leben in derselben Zeit. Wir atmen dieselbe Luft. Wir rechnen mit denselben Zahlen, unsere Träume schweben in einem Raum und es ist ein Himmel, der sich über uns spannt. Ich glaube, es tut gut, sich hin und wieder daran zu erinnern.

 

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Grüße aus dem Alltag

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Im Mai

Immer mittags schlüpft Gott in die Stille der Kirche, seit 800 Jahren schon, und setzt sich in die dritte Reihe links, immer die dritte Reihe links. Anfangs saß er noch auf der Empore, aber das gefiel ihm nicht, da wurde ihm schwindelig. Dann sitzt er da und sieht die Irma mit ihrem Netz voller Äpfel, im Winter auch schon mal Orangen. Manchmal kommen Touristen, die fotografieren das Gold und den heiligen Sebastian mit seinen vielen Pfeilen und ein Mädchen zündet eine Kerze an und ein Liebespaar hält sich an den Händen. Eine Plastiktüte raschelt und Gott weiß, dass die dem Heinz gehört, der sich aufwärmt oder abkühlt, je nach Jahreszeit. 

Und Gottes Gedanken schweifen ab, denn es sind derer viele und er denkt an die Zeit, als hier noch ein Buchenhain stand und an den Wind in den Blättern von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Und plötzlich ist es der Irma, als habe sie eine Nachtigall gehört und die Kerzenflammen flackern im Sommerwind. Das Mädchen kann sich nicht helfen, aber es meint, plötzlich Waldmeister zu riechen auch auch der Heinz wundert sich, denn die harte Bank ist auf einmal weich wie ein Bett aus Gras. 

 

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10 Sachen, die anders sind als gedacht

1.     Gott (nicht logisch)

2.     erwachsen sein (auch nicht logisch)

3.     sterben (von außen betrachtet nicht so leicht)

4.     lieben (von innen betrachtet nicht so leicht)

5.     in einem Sterne-Restaurant essen (mühsam)

6.     1000 Kilometer gehen (weniger mühsam)

7.     wagemutig sein (merkwürdig unspektakulär)

8.     zum neunten Mal durch Norwegen reisen (immer noch spektakulär)

9.     lackierte Fingernägel (halten nie)

10.  seidene Fäden (halten öfter als gedacht)

 

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Schillernd

Als ich klein war, sollte alles für immer sein. Die Prinzessin lebte glücklich bis an ihr Lebensende. Einen Beruf wählte man einmal. Alphaville sangen „Forever young“. Man kaufte ein Haus, in dem man sterben würde. Ein lineares Abarbeiten der Dinge: Geburt, Kindergarten, Konfirmation, Abi, Arbeit, Hochzeit, Kinder, Haus, Rente. Das Leben auf diese Art schien beruhigend, weil planbar.

Leider spielt mein Leben nicht mit. Es scheint nichts von To-Do-Listen zu halten. Spontanität liegt ihm mehr. Es schlägt plötzlich eine neue Richtung ein und ich muss hinterher. Ich schimpfe mit ihm, dass es doch einmal alles so lassen soll, wie es ist. Aber es lächelt nur müde: Meine Eltern ließen sich scheiden. Helmut Schmidt wurde abgewählt. Tschernobyl störte unser Spiel im Wald. Der „Braune Bär“ schmeckte plötzlich nicht mehr. Der Traum, Archäologin zu werden, ist verblasst. Meine erste Liebe verschwunden. Irgendwo bröckelte es immer. Ich habe es als Scheitern gesehen.

„Warum“, fragt mein Leben, „bezeichnest du etwas, das lange gut war, als Scheitern?“ „Weil ich es nicht halten konnte“, antworte ich. Mein Leben runzelt die Stirn: „Meine Liebe“, sagt es, „was du tust, ist Haschen nach dem Wind. Kannst du ihn festhalten? Kannst du den Frühling festhalten? Eine Sternschnuppe? Ein Glühwürmchen, einen Gänsehautmoment, eine Seifenblase? Willst du all dies ernsthaft als Scheitern betrachten, nur weil du es nicht halten kannst?“

Seit diesem Tag übe ich, das Leben als Seifenblase zu betrachten. Schillernd.

 

Kann man auch hören: "Moment mal" auf NDR 2

 

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Großmut

An jenem Tag, an dem ich beschließe, großmütig zu sein, lasse ich den Regen plätschern und dem Leben seinen Lauf. Ich verschenke ein Buch, kaufe eine krumme Gurke, lasse eine Meinung gelten und schicke eine Beschwerde ins Leere. Der Welt traue ich etwas zu. Ich lobe jemanden über den grünen Klee und verteile zweite Chancen, ohne mich um das Ergebnis zu sorgen. Die Kollegin lasse ich schmatzen und das Internet trödeln. Ich nehme nichts persönlich. Ich verzichte auf mein Recht und überlasse den Schnecken ein paar rote Erdbeeren. Meine Erwartungen streue ich in den Wind. Den Kleinkrämern schenke ich einen Cent. Ich runde auf, liebe ohne Vorschuss und füttere die Großmäuler mit Marshmallows. Gott eifere ich nach, ohne besser sein zu wollen. Ich unterstelle ein paar gute Absichten, lasse jemandem die Vorfahrt und sehe über eine Verspätung hinweg. Das Glas betrachte ich als halbvoll und meine Figur als bestmöglich. Dass morgen auch noch ein Tag ist, begrüße ich. Ich verschwende mich. Ich werfe den Müll weg, den ich nicht verursacht habe und helfe, ohne Dank zu erwarten. Dem Ehrgeiz gebe ich frei. Ich fasse mir ein Herz und nehme den Himmel auch in Mittelblau.

 

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Könnte doch sein

 

 

Manchmal tauchst du auf. Aus dem Nichts. Ich nenne dich Gott. Ich rechne nicht mit dir, das Rechnen habe ich aufgegeben. Du bist ein Gleichnis mit zu vielen Unbekannten. Du meldest dich nie an. Verabredungen sind nicht deine Sache. Ich habe keine Chance, einen Kuchen zu backen oder die Küche zu putzen oder mein Leben in Ordnung zu bringen. Du tauchst auf und ehe ich dich fassen kann, bist du wieder weg.

Du erklärst dich auch nicht. Das hat mich lange gestört. Ich fand, wenn du schon willst, dass ich an dich glaube, dann könntest du dir mehr Mühe geben, dein Tun und dein Nicht-Tun etwas nach- vollziehbarer zu machen. Du bist ein Rätsel – nein, eher ein Geheimnis. Ein Rätsel kann man lö- sen, wenn man nur lang genug nachdenkt. Dich kann man nicht lösen. Allerdings verlangst du das auch nicht.

Auf eine Art verstehe ich dich. Ich mag es auch nicht, mich rechtfertigen zu müssen. Du wärst wahrscheinlich ständig damit beschäftigt, dich zu erklären. Irgendwer findet immer irgendwas ungerecht. Man kennt das ja: Die einen finden dich zu lax, die anderen zu streng und ein paar wollen wissen, warum du einen Bart trägst. Nur als Beispiel. Und deshalb denke ich mittlerweile: Wir sind quitt. Du brauchst dich nicht zu erklären, ich nehme dich, wie du bist. Denn das habe ich von dir gelernt. Du nimmst mich, wie ich bin. Damit meine ich kein trotziges „Ich will so bleiben, wie ich bin“. Weil ja auf einmal jede Schrulle Ausdruck von Authentizität ist, und sei sie noch so unhöflich. Nein. Ich versuche, zu werden, die ich sein kann. Das habe ich auch von dir. „Ich werde sein, der ich sein werde“, hast du mal gesagt. Wandel ist dein Programm.

Ich mag es, dass du einfach so auftauchst. Es gibt meinem Leben eine Erwartung. Hinter jeder Ecke könntest du stehen. Obwohl du genaugenommen das ja gerade nicht tust. Du bist nicht eindeutig. Kein Engel rauscht vom Himmel herab. Ich hatte noch nie eine Vision, in der du plötzlich vor mir standest...

 

weiterlesen: Deutschlandfunk Kultur 

 

 

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Pistazieneis und Auferstehung

Manchmal ist alles gut, obwohl nicht alles gut ist. Das Geld reicht nicht, der Arzt sagt, es sieht schlecht aus, die Liebe scheint sich abgesetzt zu haben wer-weiß-wohin. Aber dann leuchtet plötzlich ein Moment auf, ein Moment aus tausend anderen Momenten, der heraussticht: Die Sonne scheint dir in den Nacken, der Fluss des Verkehrs versiegt, ein Geruch steigt in die Nase von Ginster oder Pistazieneis, du weißt nicht, woher er kommt und eigentlich ist nichts besonders daran, aber in diesem Moment ist es besonders. Du lehnst dich zurück und bist im Paradies. Du wirst nicht bleiben, der Verkehr wird weiterrollen, die Lücke wird sich schließen. Vielleicht wirst du morgen wieder auf einem dieser Datingportale nach deiner Traumfrau suchen. Der Boden der Tatsachen bleibt bestehen. Aber etwas hebt dich für einen unerwarteten Moment darüber hinaus, hebt dich über die Schwere der Dinge. Und setzt dich wieder ab, leichter als du denkst.So ein Moment lässt sich nicht machen. So ein Moment blitzt auf, so ein Moment lässt dich verwandelt zurück, wenn auch nicht für immer, so doch für jetzt. Wegen dieser Momente gibst du nicht auf. Manchmal ist das einfach ein Pistazieneismoment. Manchmal nennst du es Auferstehung. 

 

kann man auch hören: NDR2 Moment mal

 

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Ostern

"...that's how the light gets in."

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Leichtfüßig

Der Engel des Verzichts hat Flügel. Entgegen landläufiger Meinung ist er der Vergnügteste von allen. Er ist leichtfüßig. Seine Koffer hat er unterwegs verloren. Er weiß nichts besser. Was er sagen wollte, hat er vergessen. Den Eiligen lässt er den Vortritt. Den Ehrgeizigen räumt er den Weg. Der Engel des Verzichts nimmt niemandem etwas weg. Auch keine Illusion. Er ist frei. Nicht mal an der Freiheit hält er fest.

 

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Überraschung

Als die Inspiration kommt, stehe ich unter der Dusche. „Verdammt, kannst du nicht einmal zur rechten Zeit kommen? Wenn ich am Schreibtisch sitze?“ Schaum rinnt in mein linkes Auge. „Nö.“ Die Inspiration trägt ein grasgrünes Kleid und Lammfellstiefel. Ich blinzele. Dass sie immer so unpassend sein muss. Und dann die Wörter! Natürlich hat sie nicht Sonnenaufgang, Achtsamkeit oder friedvoll dabei, sondern Sachen wie Besenreiser, Oktogramm und flawül. Ich habe keine Ahnung, was flawül ist, aber diese Blöße will ich mir nicht geben. Die Inspiration zuckt mit den Schultern. „Sonnenaufgänge interesieren mich nicht.“ „Aber sie sind schön! Kannst du es nicht einmal einfach schön machen? Warum kommst du überhaupt, wenn du sowas bringst?“

Die Inspiration schaut mich treuherzig an. 

"Na, um dich zu überraschen. Was denn sonst? Das andere kennst du doch schon.“

 

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Übrigens

Frau Angst und Frau Vertrauen sind Schwestern.

Bleib, ruft Frau Angst.

Geh, ruft Frau Vertrauen.

Ich beschütze dich, verspricht Frau Angst.

Ich lasse dich, verspricht Frau Vertrauen.

Bei mir bist du in Sicherheit, verspricht Frau Angst.

Bei mir bist du in Erwartung, verspricht Frau Vertrauen.

Ich bin, sagt Frau Angst.

Ich werde, sagt Frau Vertrauen.

 

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Experiment

Wir machen ein Experiment. Geh zum Hauptbahnhof oder in ein Schuhgeschäft. Ein Schwimmbad geht auch oder der Wochenmarkt. Wähle einen Ort, an dem andere Leute sind. Such dir eine Person aus und stell dir vor: Da steht Gott. Sieh an, denkst du. Sie hat eine Dauerwelle. Er trägt einen Pullunder. Er schaut gerade etwas mürrisch.

Es heißt, Gott kann man in allen Dingen finden. Das kann ganz schön verstörend sein. Wenn Gott überall ist, dann muss er auch im Gemüseverkäufer sein und in diesem nervigen Kind mit seinem plärrenden Smartphone. Ziemlich nah also.

Gott ist ein Vielleicht. Damit muss man leben können. In diesem Vielleicht liegt alles, weil in diesem Vielleicht alles möglich ist.

Ich stelle mir also vor, Gott steht vor mir. Sein Aussehen spielt keine Rolle. Auch die Bibel verliert kein Wort darüber. Gott steht vor mir und sagt: Ich liebe dich.

Wenn ich versuche, all die kitschigen Bilder, die ich in meinem Leben schon gesehen habe, außen vor zu lassen, dann ist das doch ein ganz außerordentlicher Gedanke.

Ich glaube, es wäre ein ichveränderndes Spiel, sich diese schlichte Szene täglich vorzustellen. Morgens nach dem Zähneputzen oder so.

 

in: Mut ist Kaffeetrinken mit der Angst. 40-mal anfangen

 

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abends

Vielen Dank 

für das Erkennen am Morgen,

für die gräsernen Raureifspitzen 

und die Sonne im Nacken.

Vielen Dank für die Schrift und ihre tausend Gestalten

und für die Freiheit von Deniz Yücel.

Für den plüschigen Schwanz des Eichhörnchens

und für das Lachen, das in den Dingen wohnt.

Danke für den Tisch, den Traum

und den Geschmack von Leben.

 

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Ahoi!

Rosenmontag im Norden
Rosenmontag im Norden
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Wie es ist, Gott zu retten

Ich frage mich, was du denkst, Gott. Über die Kirche, die ja irgendwie dein Haus sein soll, überall auf der Welt. Und zuhause, da will man sich doch wohlfühlen.

Ich besuche dich regelmäßig. Egal ob italienisches Bergkloster oder der Dom in Oslo: Ich schaue mal kurz rein. Ob offen ist, ob du da bist und wie es aussieht bei dir. Meistens zünde ich eine Kerze an, das finde ich ganz schön, weil ich mir vorstelle, dass du dann nicht so allein

zurückbleibst, wenn ich wieder gehe.

Manchmal sieht es schön aus bei dir. Licht und leicht. Oder dämmerig und innig. Aber oft ist es anders. Dann ist es steril oder, schlimmer noch, ein bisschen vernachlässigt.

Du weißt, Bilder an den Wänden, die schon lange keiner mehr ansieht und in der Ecke ein verstaubter Gummibaum. Kein Leben drin. Mich deprimiert das. Ich gehe dann und selten komme ich sonntags wieder.

Denn sonntags will ich nicht depressiv sein. Ich will eine Kaffeetafel, da soll Butterkuchen auf den Tisch kommen und alle sind da und reden und lachen und die Woche ist weit weg. Aber so fühlt es sich nicht an. Und ich rede jetzt nicht von den seltenen Orten, in denen alles ganz anders ist. Ich rede von der »guten Stube«, in die ich an solchen Sonntagen kommen soll und in der es sich

immer irgendwie steif und falsch anfühlt, weil das Leben doch eigentlich in der Küche stattfindet.

Bei meinen Großeltern gab es auch so eine gute Stube.

Die Uhr tickte zu laut und immer wenn wir dort saßen, war ich befangen. Ich schielte, ob meine Fingernägel sauber waren, räusperte mich unbehaglich und fühlte mich am falschen Ort.

Ich glaube einfach nicht, dass du solche Stuben magst, Gott. Warum solltest du? Ich glaube nicht, dass du es magst, auf harten Bänken zu sitzen, einer hinter dem anderen. Ich glaube nicht, dass dein Musikgeschmack vor 300 Jahren einfach stehengeblieben ist. Ich will auch nicht mehr hören, was ich mit 16 gehört habe. Man entwickelt sich ja weiter – und du doch auch, oder?

Vielleicht müssen wir dich retten, müssen die gute Stube entern und das Biedermeier rausschmeißen, die Fenster aufreißen und das Leben reinlassen! Du brauchst nichts vorbereiten, wir kommen einfach. Wir bringen mit, was wir haben, wir singen unsere Lieder, die auch nach

2000 Jahren noch von Sehnsucht erzählen, aber andere Namen für dich haben. Wir wollen dich – und wir wollen dich als einen von uns. Du sollst lebendiger sein als dein Abbild an der Wand.

Ich glaube, du willst das auch. Verzeih, wenn ich dich vereinnahme, aber die Geschichten erzählen davon, wie unglaublich alltäglich du mal warst. Hirte, Bauer, Bäckerin.

Heute gibt es kaum noch Schafherden, aber dich gibt es immer noch. Ich will keine gute Stube ordentlich halten, die nur noch an Feiertagen jemand betritt. Ich will in der Küche sitzen, wo das Leben ist, und ich will dort zuhause sein, mit dir und den anderen.

 

in: Mut ist Kaffeetrinken mit der Angst. 40-mal anfangen

 

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kleine Geräusche

das Knacken des Kandis beim Eingießen des Tees 

das Ziehen eines Bleistiftes auf Papier

das Tick-Tick einer Armbanduhr, die noch aufgezogen werden muss

das Knistern von Schaum im Abwaschwasser oder in der Badewanne

das Schmatzen des Watts bei Ebbe

das Knacken der Holzdielen in der Sonne

das Atmen des Windes

 

 

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Tag der Blockflöte

Am 10. Januar war der Tag der Blockflöte. Die Blockflöte ist ja nicht gerade ein vielgerühmtes Instrument. Noch seltener wird es geliebt. Mit einer Blockflöte gewinnt man keinen Blumentopf.

Ich habe mal eine ganze Weile Blockflöte gespielt. Niemand hat mich dazu gezwungen. Ich mochte es. Und als ich las, dass die Flöte einen eigenen Tag hat, erinnerte ich mich daran. Auch fragte ich mich, warum ich eigentlich aufgehört habe zu spielen. Klavierspieler werden verehrt, Gitarrenspieler geliebt, Cellistinnen bewundert. Fest steht: Mit einer Blockflöte werde ich niemanden beeindrucken können.

Ich fühlte mich ertappt. Als ob es darum ginge. Als ob es darum ginge, meine Freizeitbeschäftigungen danach auszuwählen, ob sie präsentabel sind. Mich in ein gutes Licht stellen oder für den Lebenslauf taugen, für die Timeline meines Social-Media-Profils oder zumindest als beiläufig eingestreutes Gesprächsthema auf einer Party. Eine Blockflöte macht mich leider nicht zu einem interessanteren Menschen.

Ich habe einen Freund, der sammelt Sand. Ich glaube er schaut sich dessen Zusammensetzung unterm Mikroskop an und freut sich darüber. Aber sicher bin ich nicht, er spricht nicht viel davon. Eine Freundin puzzelt gern. Nie würde sie das Werk an die Wand hängen, sie puzzelt so vor sich hin und wenn sie fertig ist, kommen alle Teilchen wieder in den Karton. Sie ist Anfang 20, ich schätze, auch dieses Hobby fällt nicht in die Kategorie „cool“. Mein Neffe sammelt Briefmarken. Nicht als Wertanlage, sondern weil ihm die Bilder gefallen.

Wegen solcher Geschichten ist der Tag der Blockflöte ein Akt des Widerstandes. Gegen die Inszenierung des Lebens, gegen den Trend, sich selbst als Gesamtkunstwerk mit möglichst vielen interessanten Facetten zu präsentieren. Puzzles und Briefmarken taugen nicht für Facebook. Sie geben nicht vor, cool zu sein oder zumindest witzig. Unwahrscheinlich, dass es in 2018 auf einmal einen Blockflöten-Hype geben wird.

Ich wünsche mir noch viel mehr solcher Tage: Den Tag des Malen-nach-Zahlen. Den Tag der Strickliesel. Der Patiencen. Des stinknormalen Kreuzworträtsels. Den Tag des unspektakulären Hobbies. Den Tag der vergessenen Sachen, die man mal gemacht, aber aufgegeben hat, weil sie nichts bringen. Keinen Ruhm, keine Aufmerksamkeit, keine Selbstverbesserung.

Ich muss jetzt aufhören. Ich will auf den Dachboden, meine Blockflöte suchen.

 

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Die Lücke lieben

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Nachts

Möglich, dass mir Gott eines Nachts im Traum begegnet. Es ist dunkel. Alles schläft. Draußen scheint ein Stern. Ich stehe an der Krippe und schaue hinein. Gott selbst liegt dort auf Heu und auf Stroh. Ich beuge mich hinab, um ihn anzusehen, da höre ich eine Stimme: „Gib mir einen Namen“, sagt sie, und die Stimme meint mich. Ich sehe Gott an und ich sehe die ganze Welt in seinem Gesicht und alles darüber hinaus. Ich kann mich nicht satt sehen. Was für eine Aufgabe, denke ich, kein Name scheint mir genug. Jesus, fällt mir ein, Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst, aber das alles trifft es nicht. Kein Name kann fassen, was ich sehe. Und schließlich denke ich: „Ach!“ Nur: „Ach!“ Das ist mein Name für Gott.

 

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To Do

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Worüber ich staune

Über etwas, das mich berührt. Manchmal berühren mich die Lichter im Regen. Mein Nacken ist feucht und der Wind fährt in jede Ritze. Ich repetiere die Einkaufsliste, die immer länger wird, je näher das Fest kommt. Und plötzlich sehe ich die Lichter. Es sind nicht mal die weihnachtlichen Lichter der Sterne in den Fenstern, es sind schlicht die Lichter der Autos, wie sie verschwimmen auf den nassen Gläsern meiner Brille, wie sie sich spiegeln in den Pfützen. Und ich staune. Dass ich etwas so Banales so schön finden kann.

Autos sind nicht romantisch. Sie schleudern Dreck in die Luft. Sie sind laut. Sie brauchen viel Platz. Und wenn man Pech hat, nehmen sie einem die Vorfahrt. In meinem vorweihnachtlichen Herzen ist eigentlich kein Platz für Autos. Da gehört Vanille hinein und Kerzenschein und das Lied vom leise rieselnden Schnee. Alle Jahre wieder schön. Aber zum Staunen bringt mich das nicht. Staunen lässt mich ein Moment, mit dem ich nicht rechne. Ein Gefühl, das eigentlich in einer ganz anderen Spur läuft als die Situation, in der es auftaucht. Staunen lässt mich etwas Schönes im Hässlichen. Etwas Zartes im Rohen. Helles im Dunkel. Ein plötzliches Gefühl von Geborgenheit am Rand einer vierspurigen Straße. Das ist das Wunder. Ein Baby im stinkenden Stall. Gott außerhalb der Himmel.

Ich habe mich schon immer gefragt, wie eine so rohe Geschichte wie die Weihnachtsgeschichte so romantisch interpretiert werden kann. Da ist ja nicht viel Schönes: Ein ungeplantes Kind, ein Esel, aber kein Haus, ein abweisender Wirt, ein kalter Stall, ein mordender König, eine Flucht ins Ungewisse. Nichts, wonach man sich sehnt. Und trotzdem eine Sehnsuchtsgeschichte. Vielleicht, dass alles gut werden soll. Wie im Märchen. „Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.“

Darauf hoffe auch ich. Ich will nicht aufhören, darauf zu hoffen, selbst wenn mich die Realität manchmal auslacht. Ich hänge selber Sterne ins Fenster. Ich binde einen Adventskranz und zünde die Kerzen an. Ich backe Kekse und singe Lieder, weil ich das mag und weil das auch eine Art von Geborgenheit ist. Aber der Weihnachtsmoment geschieht woanders. Ich kann ihn nicht planen und ich kann ihn nicht machen. Er geschieht da, wo ich mich aussetze. Er geschieht da, wo ich am allerwenigsten damit rechne. Er geschieht da, wo ich gerettet werde. An sechs Abenden eile ich nach Hause, frierend, müde, genervt. Am siebten Abend geschieht etwas und ich sehe plötzlich etwas, das ich vorher nicht sah. Ein Gefühl klopft an mein Herz und es liegt an mir, ob ich es hereinlasse. Oder ob ich bleibe im Vertrauten, Ärger und Nieselregen und Früher-war-mehr-Schnee.

Der Himmel trifft die Erde auf einer Ampelkreuzung um 16 Uhr 35. Dann ist Weihnachten.

 

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Was kommt

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Alletageregel

Einander groß machen.

Das Beste annehmen. Aus Fehlern Papierflieger falten.

Türen aufhalten, Letzte sein.

Das letzte Hemd oder den letzten Apfel teilen.

Freundlich miteinander reden. Der Neugier das Ruder überlassen,

das Wohlwollen mit ins Boot setzen.

Einander und aufeinander achten.

Höflichkeit lieben wie ein altes Großmütterchen,

und wissen, dass der Welt ohne sie etwas schmerzlich fehlen würde.

Manches nachsehen, auch wenn das Recht auf sein Recht pocht.

Viel lachen, gern lachen.

Für Gerechtigkeit sorgen und manchmal zurückstecken. Das Messer

in die Scheide, den Ärger in den Sand. Den Kopf draußen lassen.

Zuversichtlich sein, dass alles gut gehen kann.

Selber schon mal losgehen.

 

in: Sieben Tage Mut. Ein kreatives Mitmach-Heft

 

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Kleine Selbsterkenntnis

Ich bin die, die immer noch träumt. Ich bin die, die morgens vorm Spiegel steht und sagt: Los geht's, obwohl ich keine Ahnung habe, wohin. Ich zähl' die Tauben vorm Fenster und mache sie zu meinen Boten. Gurrendes Glück. Ich bin die mit der goldenen Schnur, aber was ordentliches Stricken kann ich trotzdem nicht. Ich mag Zartbitter lieber als Vollmilch, allein schon des Wortes wegen. Ich horche auf den Wind, das Heute und sein Geheimnis, und manchmal höre ich nur Heulen. Ich fürchte weder Gespenster noch Wölfe, und mitheulen werde ich nicht. Ich bin heute anders als gestern, nur manchmal habe ich vergessen, wer ich gestern war und wer ich morgen sein will. Dann ist ein guter Tag.

 

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Lieber Martin,

Angst vor der Hölle habe ich nicht. Da geht es mir anders als dir. Die Hölle ist aus der Mode gekommen. Feuerschlünde schrecken uns nicht, und der Teufel ist für die meisten nur noch eine Figur aus dem Märchen. Dass wir in der Hölle schmoren könnten, ist also eine Drohung, die uns kalt lässt. Angst haben wir trotzdem. Allerdings nicht vor dem Leben nach dem Tod. Wir bewegen uns gedanklich eher im Leben vor dem Tod. Du hast dich um das Jenseits gesorgt, wir sorgen uns um das Diesseits. Dass ein Gott gnädig auf uns herabsehen möge, das beschäftigt uns weniger. Aber gnädig angesehen werden, das wollen wir auch. Von Kollegen, von der Lehrerin, von Freunden und Bekannten, von unseren Facebookkontakten ebenso wie von den Leuten im Club oder den Zuhörern eines Vortrags. Wir wollen gemocht werden. Wir wollen dazugehören. Wir haben Angst rauszufallen aus der warmen Stube der Gemeinschaft, denn dann wären wir völlig allein. Und allein zu sein, das ist unsere größte Angst. In deiner Zeit war das ein seltener Zustand. Man hatte seine Familie oder man lebte im Kloster. Wer allein war, hatte entweder eine schlimme Krankheit oder das Pech, als Hexe gebrandmarkt oder in irgendeiner anderen Art ausgestoßen zu sein. Angst war zu deiner Zeit etwas sehr Existenzielles. Ich will nicht sagen, dass das heute nicht mehr so ist. Wir haben auch existenzielle Ängste, aber unsere Alltagsängste sind andere als deine. Es ist nicht die Hölle, die uns bedroht. Es ist die Leere. Ich sehe, wie du erstaunt guckst. Die Leere, könntest du sagen, was soll das denn heißen? Die Leere ist gefüllt durch Gottes Wort. Du setzt alles darauf: „Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen; auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort; das ist mein Trost und treuer Hort, des will ich allzeit harren.“ Ehrlich, das imponiert mir. Deine Sprache ist nicht meine Sprache, aber dass das Wort Kraft hat, das glaube ich auch. Kraft, die Welt zu verändern, meine Angst und mich. Ich kann der Leere Worte entgegen setzen, und deshalb habe ich einen großen Vorrat davon angelegt. Du kanntest wahrscheinlich Psalmen auswendig, Gebete, die zehn Gebote. Du wirst ein Ave Maria im Schlaf aufgesagt haben können. Die Bibel war deine Versicherung. Ich habe andere Worte, Lieblingslieder, Gedichte und, ja - auch ein paar Bibelverse. Ich habe eine Schatzkiste voll mächtiger Worte und wenn die Angst kommt, öffne ich sie. Dann flüstere ich ihr Worte ins Ohr, manchmal singe ich sie, manchmal schleudere ich sie ihr entgegen. Die Angst kann drohen, sie kann sich aufbäumen, sie kann sich wichtig machen, solange ich Worte habe, bin ich nicht verloren. Das ist etwas, das ich von dir gelernt habe. Dem Wort kann man trauen. Weil es der Anfang von allem ist. Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Wo Gott ist, nehme ich an, ist die Angst gut aufgehoben. Und ich bin es auch.

 

Deine Susanne

 

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Unterwegssegen

 

Nimm vom Himmel das Blau

und den Tau von den Wiesen

Nimm die Träume der Kinder

den Blick einer Kuh

Nimm die Sehnsucht der Gänse

nimm den Wind aus den Segeln

Lob den Tag vor dem Abend

und geh

 

Ich geh nochmal wandern...

 

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manchmal einfach Schwein haben

Für alle Geburtstagskinder, Anfänger, Lebenskünstlerinnen, Optimisten.

 

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10 Sachen, die man nicht allein machen kann

1. sich kitzeln

2. einen Gedanken mitteilen, den man selbst nicht kennt

3. sich selbst reanimieren

4. wippen

5. ein Kind

6. sich beerdigen

7. sich mit einem Spontanbesuch überraschen

8. sich segnen

9. synchronschwimmen

10. einen Kanon singen

 

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Nachtisch

Herr Wohllieb hasst Supermärkte. Woher soll man wissen,welche der 52 Nudelsorten die richtige ist? Es gibt verwirrend viele Gänge, die man alle durchstreifen muss auf der Suche nach einem Paket Reis. Am Ende liegen drei Tütensuppen und ein Sparschäler für Artischocken im Wagen, und man weiß nicht, warum.

Dennoch betritt Herr Wohllieb hin und wieder einen Supermarkt, weil er nicht verhungern will. Genauer gesagt: einmal die Woche.

Als er seinen Wagen durch die Reihen schiebt, verspricht ein Glas Apfelmus 20 Prozent mehr Inhalt, und von den Schokoladenriegeln gibt es einen zusätzlich gratis. Auch sein Joghurt hat zugelegt: »50 Gramm Extraschlemmen« befiehlt das Etikett. Da stutzt Herr Wohllieb, denn bisher entsprach ein Becher Joghurt der idealen Nachtisch-Menge. Vielleicht will ich ja gar nicht mehr, denkt Herr Wohllieb, weil mir dann schlecht wird. Ein Glas Schokocreme zum Beispiel reicht für genau drei Wochen, jedenfalls nach Herrn Wohlliebs Berechnungen. Was ich dann essen will, weiß ich noch nicht. Eventuell Hering in Senfsoße. Wer weiß schon, worauf er in drei Wochen Appetit hat? Wenn ein Glas plötzlich 40 Prozent mehr Inhalt enthält, müsste ich also mehr Schokocreme pro Tag essen. Und dann würde mir schlecht.

»Ja«, wendet Sophie ein, »aber stellen Sie sich vor, Sie erhielten plötzlich 40 Prozent mehr Leben. Das wäre doch nicht so schlecht …«

»Woher wüsste ich denn, wie es gemeint ist? Bedeuten 40 Prozent, ich bekäme zu meinen statistischen 78 Jahren weitere 31,2 Jahre dazu? Was, wenn mich in diesen 31 Jahren ständig Zahnschmerzen quälten? Und selbst wenn alles weiterginge wie bisher – wer sagt denn, dass Glück größer wird, wenn es länger dauert?«

 

aus: Herr Wohllieb sucht das Paradies

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Meine Stimme

 

Oma ging immer zur Wahl. Als Kind wollte ich wissen, was sie wählt. Das ist geheim, hat sie gesagt und ich dachte: Das muss ja was Aufregendes sein. Das wollte ich auch. Wie ja überhaupt Großwerden etwas ungeheuer Reizvolles hatte. Für Oma war das kein Spiel. Es war ihr Recht und ihre Pflicht und beides war groß. Groß genug, um im Sonntagsstaat ins Wahllokal zu gehen und ihr Kreuz zu machen. Meine Oma hatte schrumpelige Hände vom vielen Abwaschen und vom Kartoffelschälen. Politische Reden waren nicht ihre Sache. Aber sie war Bürgerin. Und sie hatte eine Meinung. Die vertrat sie alle vier Jahre mit ihrer Stimme. Ich bin jetzt groß und Oma ist tot und allein schon für sie gehe ich zur Wahl. Meine Stimme ist eine Stimme gegen Rechts.

Denn wie sollte ich ihr das erklären, wenn auf einmal wieder Rechte unser Land regierten?

 

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Morgen

Herr Wohllieb hat zwei Paar Schuhe. Ein grünes und eins für besondere Tage.

Das für besondere Tage sieht neuer aus.

Herrn Wohlliebs Mutter sagte immer:

»Was neu ist, muss man schonen!«

Und dann legte sie das just erworbene Küchentuch in den Schrank.

Als sie starb, lagen dort 71 unbenutzte Tücher.

Was soll man mit so vielen Küchentüchern?, denkt Herr Wohllieb ratlos.

Dann sieht er auf seine Schuhe hinab.

Es sind die grünen.

Morgen, beschließt er, trage ich die anderen.

Und dann wird das ein besonderer Tag.

 

aus: Herr Wohllieb sucht das Paradies

 

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Pause

 

.... mein Plan für

die nächsten Wochen. 

 

Am 17. September

geht es hier weiter.

 

Heitere Spätsommertage

für alle! Macht was draus.

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Hm.

 

In den Ritzen der Wörter

liegt der Sinn

zwischen Toastkrümeln

und Wollmäusen

Leg den

Staubsauger aus der Hand

 

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Morgengebet

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kleine Sonntagsbilanz

 

was ich brauche: Zeit. Verstecke. Sonne nicht zu selten. Verbindung. Schuhe, in denen ich wohnen kann. Jemand, der mich hält. Ein Polster aus Geld (um nicht mehr daran zu denken). Ausreichend Schlaf. Einen Stift, der gut schreibt. Eine Gesellschaft, in der niemand unterdrückt wird. Himmel. Ruhe. Bücher. Ideen. 

was ich nicht brauche: Fernseher. Die meisten Apps. Spaghettizange. Schuldgefühle. Rolltreppen. Flugzeuge. Fertiggerichte. Küsschen rechts und links. E-Bike (noch nicht). Nazis. Die AFD. Früher-war-alles-besser-Gläubige. Spinnen mit langen Beinen. Garantieforderungen. Weltraumflüge. Diese Kreuzung aus Grapefruit und Melonen. 

 

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Bolle und Gott

 

Bolle, sagt Gott, wir waren mal auf Du und haben am Lagerfeuer gesessen

und du hast mir erzählt, wovon du träumst

und haben Sterne geguckt

und Rio Reiser gesungen

und unser Haar war zerzaust

und du hattest ein Buch dabei und hast mir vorgelesen

und dein Herz pochte gegen meins

Bolle duckt sich ein bisschen, weil er spät dran ist

Nimm mich halt mit, sagt Gott

Geht nicht, sagt Bolle, das passt nicht

Weil Bolle jetzt Björn ist

Und Gott immernoch Gott

mit seinen Träumereien

ein bisschen Achtziger eben

Ach, Gott

denkt Bolle

 

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Anders

Liebe Randalierer, war das die andere Welt, die möglich ist? Die könnt ihr für euch behalten.

Verwüstet doch in Zukunft einfach euer Wohnzimmer. 

Liebe Menschen außerhalb Hamburgs,

Protest gab es auch in bunt - und wir waren mehr!

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Sonntagsengel

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Oh Mann! Oh Frau!

Es gibt jetzt eine Bibel für Frauen. Und eine für Männer. Weiß der Himmel, warum. An der Auswahl der Geschichten kann es nicht liegen. Wenn die Frauenbibel nur Frauengeschichten enthielte, wäre sie eine dünne Broschüre. Also muss es etwas anderes sein. Der Verlag schreibt, die Männerbibel greife Männerthemen auf: „Entscheidungen treffen, Arbeitsalltag, erfolgreiches Scheitern, Zeit, Sex, Geld, Alkohol, Sport“. Das Leben der Frau ist da überschaubarer. Ihre Themen sind zuerst „mit Sorgen zurecht kommen. Mutter, Tochter oder Single sein.“

Ich fasse zusammen: Der Mann ist erfolgreich (selbst, wenn er scheitert). Die Frau kommt zurecht. Der Mann definiert sich durch sein Tun (Arbeit, Sex, Sport). Die Frau durch ihr Sein (Mutter, Tochter, Single). Und damit auch dem letzten Dummchen klar wird, auf welche Seite es gehört, kommt die Männerbibel in stählerner Metalloptik daher und die Frauenbibel im rosaroten Blümchengewand.

Vielleicht denken Sie: Mir doch egal. Ich habe meine Bibel, und die hat Goldschnitt. Das ist geschlechtsneutral.

Ich glaube aber, es ist nicht egal.

Ich bin in den 70ern groß geworden. Da war auch nicht alles Gold. Aber erst recht nicht rosa. Meine Liebe zu Ringelpullovern führe ich auf ein grün-weißes Exemplar aus der Kindergartenzeit zurück. Pippi Langstrumpf war die damalige Prinzessin Lillifee und sie brauchte kein Krönchen. Hello Kitty wäre von Tom & Jerry zum Teufel gejagt worden. Ich wollte eine Weile Lastwagenfahrerin werden, weil ich es mir aufregend vorstellte, ein so großes Auto zu steuern.

Heute stecken weibliche Babys in rosa Stramplern, die später von rosa Schleifchen abgelöst werden. Lego gendert in rosarote Schlösser für Mädchen und Ninjakämpfer in blauen Kartons für Jungs. Unschuldige Zeiten, als alle zusammen Indianer oder Feuerwehr spielten. Den ersten Preis für sexistische Werbung hat eine Buchreihe zum Lesenlernen gewonnen. Jungs bekommen Piraten-, Polizisten- und Weltraumgeschichten. Bei den Mädchen strahlt eine Prinzessin mit ihrem Pferd um die Wette. Natürlich in rosa.

Und jetzt also die Bibel. „Ihr alle habt Christus als Gewand umgelegt. Es gibt nicht mehr Mann noch Frau.“ Das schrieb Paulus, der sicher kein Feminist war.

Aber es spielt einfach keine Rolle, welche Lieblingsfarbe Maria hatte. Dass Frauen sich ebenfalls für Sex interessieren, wird spätestens im Hohelied klar. Es gibt Frauen, die sind Richterin, Herrscherin oder Schurkin. David spielt Harfe und gibt gleichzeitig den Krieger. Während Judith erst brav in ihren Büchern liest, bevor sie ihr Volk befreit und Holofernes den Kopf abhaut. Ob sie das in einem rosa oder blauen Leibchen tat, ist nicht überliefert.

Ich persönlich trage rosa übrigens sehr gern. Bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts galt sie als typische Jungenfarbe. „Rosa“, schrieb damals eine amerikanische Zeitschrift, sei nun mal „die kräftigere und für Jungen geeignete Farbe.“ Noch so ein Klischee...

 

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Meditation

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

to be continued...

 

 

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Frühjahrsputz

 

alles aufgeräumt

Kopf neben Herz gelegt

das gibt Stress

 

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Lebenslauf des Scheiterns

Das eigene Leben, eine Erfolgsstory. Das gelungene Risotto. Der Halbmarathon. Die entzückenden Kinder samt Minisaxophonen. Retuschiert und in Farbe auf Facebook zu sehen. Toll, denke ich, während ich versuche, meine Strickjacke zu stopfen. Langweilig, denken sich die Macher des Museums des Scheiterns und präsentieren: Misserfolge. Weil in Wirklichkeit bis zu 90% unseres gesamten Tuns nicht klappt. Versuch und Irrtum eben. Nur, dass der Irrtum meist unter den Teppich gekehrt wird, weil er sich doof anfühlt. Johannes Haushofer ist Professor an der Universität Princeton. Er hat seinen Lebenslauf des Scheiterns ins Netz gestellt. Eigentlich wollte er damit nur eine Freundin aufmuntern, die eine Stelle nicht bekommen hatte. Die virale Resonanz war riesig. Als würden die Leute aufatmen, weil sie mit ihren Misserfolgen nicht allein dastehen. Klar: Bei einem Professor an einer Eliteuni hat viel geklappt. Aber vieles eben auch nicht.

Hier mein Lebenslauf des Scheiterns. Unvollständig, versteht sich.

  • Eine Zirkusvorstellung im zarten Alter von fünf. Wir hatten Einladungen für alle Nachbarn gemalt. Dann regnete es. Letztlich war das unser Glück, denn beim Üben des Programms, das zwei Stunden später stattfinden sollte, merkten wir: Wir können nichts, was annähernd nach Zirkus aussieht.
  • Im reiferen Alter von 15 fragte mich eine Freundin, ob ich Flöte spielen kann. Ich dachte: so schwer kann das nicht sein und sagte Ja. Ohne je einen Ton gespielt zu haben. Zwei Wochen später traten wir als Duo im Sonntagsgottesdienst auf. Gut, dass Kirchenbesucher barmherzig sind…
  • Beim Schafsitten hat sich ein Lamm erhängt. Das war ein sehr tragisches Scheitern. Übrigens nachdem zuvor die gesamte Herde ausgebüxt war. Als Schafhirtin tauge ich nicht.
  • Einer meiner ersten Aufträge, ein Text für das Magazin „Junge Soldaten“ wurde abgelehnt. Ich sollte über die Hölle schreiben. Offenbar tat ich das nicht plausibel genug.
  • Auch nicht von Erfolg gekrönt war das Seminar „Wir wollen doch nur spielen“. Anscheinend haben das alle wörtlich genommen. Es gab keine Anmeldungen.
  • Neben einer Kündigung, zahlreichen unbeantworteten Bewerbungen und einer Absage nach einem Vorstellungsgespräch für eine Stelle zur Prävention von Rechtsradikalismus war auch meine Karriere als Pizzafahrerin nach zwei Abenden beendet. Nach zahlreichen Beschwerden über kalte Pizzen wurde ich in die Küche versetzt.
  • Der Versuch, Faber Castell für das Sponsoring meiner Seminarbleistifte zu gewinnen, scheiterte ebenfalls (ich benutze trotzdem keine anderen!).

Meine Teilnahme an den Bundesjugendspielen lassen wir außen vor. Eine Kontaktanzeige brachte nicht den gewünschten Erfolg Mann. (Nein, jetzt brauche ich keine Zuschriften mehr.) Das Meldeverfahren der VG-Wort habe ich bis heute nicht verstanden (was mich quält. Ich dachte, ich sei schlau.).

To be continued.

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Im Himmel

Heute Morgen liegt eine Einladung in deinem Briefkasten. Kein Absender auf dem Umschlag. Du hältst ihn gegen das Licht, das Papier ist dick. Im Inneren liegt eine Karte. Du holst sie raus.

Himmel, steht auf der Karte. Herzlich willkommen!

Einen kurzen Moment bekommst du einen Schreck: Bin ich schon tot?

Nein, du bist nicht tot, ganz im Gegenteil, du fühlst dich lebendiger denn je.

Himmel liest du und denkst an Wellnesstempel und Wattewölkchen, an Himmelbett und Harfenklang.

Aber als du die Karte umdrehst, steht da etwas ganz anderes:

Himmel, hier und jetzt. Himmel, du bist mittendrinn.

Du wunderst dich.

 

Der Himmel ist mitten unter euch, sagt Jesus. Der Himmel ist hier.

Verstohlen blickst du dich um. Jemand hat Zwiebeln gegessen. Ein paar Drogis liegen draußen auf der Straße und du hast Angst um dein Portemonnaie.

Der Himmel ist hier.

In der UBahn musstest du stehen. In den Nachrichten hörst du die Krisen der Welt.

Der Himmel ist hier.

 

Wenn der Himmel hier ist, dann ist der Himmel auch in  Afghanistan. Der Himmel ist im Hauptbahnhof. Der Himmel ist im Käseladen, der Himmel ist im Krankenhaus. Der Himmel ist im Nachbarzimmer, der Himmel ist in Washington. Der Himmel ist in Buchenwald. Der Himmel ist im Internet. Der Himmel ist im Kindergarten. Der Himmel ist am Küchentisch. Der Himmel ist da.

Der Himmel ist die Möglichkeit: Nach oben offen.

Der Himmel ist anders als du denkst:

 

Der Himmel ist ein Feld, das darauf wartet, bestellt zu werden.

Der Himmel ist eine Wolldecke, keiner kriegt kalte Füße.

Der Himmel ist ein Augenblick. Nur die Wachen sehen ihn.

Der Himmel ist ein Apfelkuchen, jeder gibt ein Stück.

Der Himmel ist ein Sack voll Lose, und jedes ist der Hauptgewinn.

Der Himmel ist ein Hase, den der Schuss des Jägers nicht erwischt.

Der Himmel ist ein Kopfstand. Nur die Mutigen wagen ihn.

Der Himmel ist ein Gegenüber, das zum Miteinander wird.

Der Himmel ist ein Gedicht und du bist der Reim.

Der Himmel ist ein Engel, der an den Himmel erinnert.

 

Der Himmel auf dem Kirchentag 2017. Hansaviertel Berlin.

 

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Mauern stürzen

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, einander zu lieben.

Weil Liebe kein Gefühl ist, sondern eine Fähigkeit.

Weil Liebe süßer ist als Milch und Honig.

 

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, zu hoffen.

Weil Hoffnung keine Garantieleistung ist, sondern eine Verheißung.

Vielleicht wird es ganz anders als wir denken.

Vielleicht werden wir ganz anders als wir denken.

 

Der Himmel ist hier.


Wenn wir ihn hier nicht finden, finden wir ihn nirgendwo.


Ich glaube daran, dass wir träumen können.

Weil ein Traum immer der Anfang ist.


Lasst uns zusammen träumen von uns


Die wir sind


Und die wir sein werden


 

Wir sind ein Volk. 

Der Himmel ist: hier 

 

Wohnzimmerkirche am 8. November "Wenn Träume Mauern stürzen". 

 

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Mio sieht was

 

Mio kann Angst sehen. Angst ist orange, ein grelles, beißendes Orange. Mio sieht, wie Schnecken lachen. Er sieht auch, wie sein Kaktus auf der Fensterbank wächst. In einer Nacht im Oktober sieht Mio Gott, vielleicht träumt er auch, da ist er nicht ganz sicher. 

„Das macht keinen Unterschied“, sagt Gott, der einen Hut trägt und das wundert Mio, weil er sich Gott ganz anders vorgestellt hat.

„Das meiste, was man sich vorstellt, ist am Ende ganz anders“, gibt Gott zu bedenken und Mio findet, dass das auch wieder wahr ist. 

„Was willst du?“, fragt Mio.

„Dich“, sagt Gott.

Da ist Mio erstmal sprachlos, weil ihm das so direkt noch keiner gesagt hat. Sein Chef nicht, Merle nicht, nicht mal seine Mutter. Meistens ist es kompliziert, weil es meistens ein Aber gibt. 

„Ich habe dich ausgesucht“, sagt Gott.

„Wann?“, fragt Mio, weil er nichts davon bemerkt hat.

„Schon lange. Schon immer. Schon länger als immer.“

Jetzt würde Mio gern wissen, wofür Gott ihn ausgesucht hat. Aber er scheut sich, zu fragen. Wer weiß, was dann kommt. Wer weiß, ob er das will.

Dann fragt er doch. „Wofür?“

„Du sollst die Welt retten.“

Mio reißt die Augen auf. „Geht’s nicht eine Nummer kleiner?“

„Nein“, sagt Gott. „Bedaure.“

Mio sieht, dass er es ernst meint. Trotz des Hutes.

„Das kann ich nicht!“, ruft Mio. „Wer sollte denn auf mich hören? Ich bin zu jung. Sogar Merle sagt, ich bin sonderbar. Ich kann nicht reden. Jedenfalls verhaspele ich mich an den wichtigen Stellen. Ich habe keine Ahnung, wie man eine Krawatte bindet. Hast du mal geguckt, wie es aussieht da draußen? Die Trumpserdogansvaterlandsverteidigerdieplatzhirschediemeinmöchtegernpanzerdieichzuerst-dielügenpresseerfinderdiehauptsachekohlemacherdie– hast du die gesehen?“

„Darum ja", sagt Gott. "Einer muss ihnen sagen, dass es so nicht geht.“

„Aber nicht ich!“

„Doch!“

„Nein!“

Das Schweigen, das jetzt folgt, ist ein bisschen unangenehm. Die Luft ist orange.

„Hab keine Angst“, sagt Gott. „Ich bin ja bei dir.“

Mio atmet drei Mal ein und wieder aus. Dann atmet er ein viertes Mal. 

„Was siehst du?“, fragt Gott.

„Ich sehe die Nacht, den Schatten der Lampe, ich sehe deinen sonderbaren Hut, ich sehe eine leere Flasche Bier, den Kaktus und dass ich morgen sehr müde sein werde.“

„Sieh darüber hinaus. Was siehst du?“

Mio schluckt. „Ich sehe eine Welt, die tobt. Ich sehe ein Fass, das überläuft. Ich sehe einen brodelnden Kessel. Ich sehe Risse in der Fassade. Ich sehe Zeit, die abläuft. Ihre Füße sind wund. Ich sehe eine Axt im Wald. Ich sehe Menschen, die aufs Kreuz gelegt werden. Ich sehe Asche auf den Häuptern.“

„Ja“, sagt Gott. „Was siehst du noch?“

„Ich sehe einen Zweig, der blüht. Ich sehe Menschen, die tropfenweise das Feuer löschen. Ich sehe Liebende, die sich an einen Strohhalm festhalten. Ich sehe, wie einer eine Lanze bricht. Ich sehe einen Knoten, der sich löst. Ich sehe, Karten, die offen liegen. Ich sehe eine Schwalbe, sie bringt den Sommer. Sie bringt Freiheit. Sie bringt Alletagefrieden. Sie bringt Glück. Es nistet sich ein, überall, wo jemand das Herz öffnet.“

„Ja“, sagt Gott. „Erzähl davon. Vertrau dem, was du siehst.“

„Aber…“, sagt Mio.

Da berührt Gott Mios Lippen, das fühlt sich an wie ein Kuss und Gott legt Worte in Mios Mund, alle Worte, die man braucht. 

Ein Aber ist nicht dabei.

 

(Steht so oder so ähnlich bei Jeremia 1.)

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Was ich gern höre

Stille

die Nationalhymne nachts im Deutschlandfunk

die Europahymne, anschließend

Ich liebe dich

Ungesagtes

die Worte zwischen den Zeilen

meinen Namen

Kirchenglocken

den Ruf des Muezzin, wenn die Nacht weicht

das Gurgeln eines Baches

das Ping einer WhatsApp

Cellomusik

den Eröffnungstango der Nordischen Filmtage

das Knistern alter Schallplatten

Nebelhörner

 

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Hallo Eva,

du bist die Mutter der Neugier. Du willst Erkenntnis. Manche nennen das Sünde.

Ich glaube, sie nehmen dir übel, dass du sie aus ihrem kleinen Paradies vertrieben hast, in dem alles zusammenpasst und es keine Zwischentöne gibt. Zwischentöne sind ihnen unheimlich. Wie, wenn man es nachts im Wald knacken und wispern hört und nicht weiß, ob das Tier, das da ruft, gefährlich ist. 

Schlangen können gefährlich sein. Ich bin bisher nur auf Ringelnattern und Blindschleichen getroffen. Die tun nichts. 

Im Paradies gab es gefährlichere Schlangen. Eigenartig oder?

Ich nehme dir nichts übel. Bei mir brauchst du dich nicht zu entschuldigen. Ich glaube auch nicht, dass du naiv warst. Oder leicht verführbar. Womöglich hattest du einfach ein großes Grundvertrauen. Du hast den Worten der Schlange geglaubt, ihren Argumenten, mit denen sie ja gar nicht falsch lag. Deine Neugier eröffnete einen neuen Horizont, der weiter ist als ein Kindheitsparadies. Du gabst die Sicherheit eines begrenzten Raums zugunsten der Freiheit auf. Ich hätte es genauso gemacht. 

Ich weiß nicht, wie es sich im Paradies lebt, aber auf der Erde gefällt es mir gut. Ich trage deine Kleider auf, jene, die Gott euch damals gab, weil das Leben hier draußen manchmal ruppig und kalt sein kann. Sie halten immer noch warm. 

Mit deinem Wunsch nach Erkenntnis hast du eine Bewegung ausgelöst. So viele Menschen folgen dir. Sie stellen Fragen und suchen Antworten. Sie versuchen, Gut und Böse zu scheiden. Sie bauen hier auf der Erde am Himmel nach den Plänen deiner Erinnerung. Ich gehöre dazu.

Du hattest Mut, Gott kurz den Rücken zu kehren. Ich glaube, du wusstest, er wird nicht verschwinden, wenn du woanders hinguckst. Wenn du die Welt entdeckst. Gott ist gut darin, Rücken zu stärken. 

 

Viele Grüße von unterwegs, deine S.

 

(aus: Was machen Tagträumer nachts?)

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15 Uhr 03, Gleis 5

Als Gott am Bahnhof ankommt, hat die Blaskapelle gerade Aufstellung genommen und die Pfadfindergruppe "Kleine Füchse" ihre Wimpel ausgerollt. Der Frauenkreis hat fünf Kuchen gebacken, von denen einer vegan ist, weil man sich nicht einig war, wie Gott die Sache handhabt. Die einen sind der Meinung, Gott könne kaum Eier, also seine Schöpfung in spe, verspeisen. Das käme doch wohl einer Abtreibung gleich. Die anderen verdrehen die Augen. Am Himmel türmen sich Wolken, die den Bürgermeister besorgt abwechselnd nach oben und auf sein Manuskript blicken lassen.

Als der Zug einfährt, breitet sich eine heilige Stille aus. Nur die Räder quietschen. Dann öffnen sich die Türen. Eine Dame mit exzentrischem Hut steigt aus. Zwei Männer mit einem quengelndem Kind. Der Zugbegleiter, der sich schnell eine Zigarette anzünden will, davon jedoch wieder Abstand nimmt, als ihn die drohenden Blicke des Frauenkreises treffen. Weiterhin steigen aus ein Rucksackträger samt Hund und Frau Birkendahl, die das Wochenende bei ihrem heimlichen Geliebten verbracht hat und sich nun ertappt fühlt. 

Dann kommt niemand mehr. Der Bürgermeister sieht ratlos von einem zur anderen. Die Blaskapelle gibt zwei unsichere Töne von sich. Gott scheint keine Anstalten zu machen, sich zu erkennen zu geben. Der Hund sagt "Wuff". Das Kind ruft "alle einsteigen!" Die Dame lächelt. Der Frauenkreis ist enttäuscht, egal, wer von diesen Leuten Gott ist. Nur die Wolken zeigen sich unbeeindruckt und ziehen.

Gott sieht einer Taube nach, fühlt sich zu Hause und mischt sich unter die Leute.

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Wieder anfangen

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Gott im Fels

Einen Hochsitz gefunden, in den Fels gebaut. Wacholder duckt sich zwischen hellem Stein. Hier ist keiner, aber hier war mal einer. Der Bretterverschlag, aufgelöste Dachpappe und im Inneren eine Bank. Der Blick geht über Fichtenkronen. Nach unten Abhang. Wann hat einer wohl aufgehört zu kommen?

Jetzt treffen sich Rehe hier, auch ein paar Schmetterlinge sind da, wegen der Aussicht oder der lila Blüten, es hat sich herumgesprochen, dass sie köstlich sind. In letzter Zeit kommt auch Gott öfter her, er mag den Blick, besonders am späten Nachmittag, wenn die Sonne die Felsen milde macht. Mit den Felsen hat er immer gehadert, sie schienen ihm so schroff. Nie wusste man, woran man bei ihnen war. Versteinert ihr Blick und immer schwiegen sie. Nie, in all den Jahren nicht ein Wort. Lange nahm er ihnen das übel. Er fand, das hatte er nicht verdient. Die Schmetterlinge waren zutraulich, sie setzten sich auf seinen Arm. Immer fröhlich heiterten sie ihn auf.

Erst im Alter hat Gott die Felsen zu schätzen gelernt, hat sich mit ihnen versöhnt. Nicht angefreundet, das nicht, dafür bleiben sie zu fremd. Aber er hat begonnen zu ahnen, dass es welche geben muss, die einfach da sind und die bleiben, egal, was passiert auf der Welt.

Nach einer Weile steigt er wieder hinab, denn es wird Abend. Da sind sie Menschen nicht gern allein, und Gott ist es auch nicht.

 

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Lebenszeichen

Spiel

Die Erde ist rund, weil man mit runden Dingen besser jonglieren kann. Ich glaube, Gott ist ein Jongleur, ein ziemlich guter noch dazu. 

Ich habe es auch schon probiert und übe noch. Mir gefällt der Gedanke, niemanden fallen zu lassen. 

 

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Draußen

 

Ich mit dir 

In einem Boot

 

Du zaust die Bäume

Schickst Adler los

Und waghalsige Träume

 

Wir schlafen Haut an Haut

Nur eine Zeltwandweit getrennt

 

Ich werfe meine Netze aus

Angle nach dem Unerreichbaren

Mit Geduld

 

Du lehrst mich barfuß zu vertrauen

Mein Herz ist eine begierige Schülerin

 

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Fragen des Tages

1. Fühlt sich das Glück bei dir wohl?

2. Was hält dich wach?
3. Ist die Inspiration eine Diva?

4. Was hilft?

5. Was verschenkst du?

6. Wann ist das Bekenntnis zu Schwäche eine Ausrede?

7. Könnte Schlaf eine Lösung sein?

8. Willst du das wirklich oder freust du dich nur, gefragt zu werden?

9. Wie schnell muss dein Herz klopfen, damit du dich einlässt? 

 

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Himmelfahrt für alle Tage

Der Himmel ist anders als du denkst.

Der Himmel ist ein Feld, das darauf wartet, bestellt zu werden.

Der Himmel ist eine Wolldecke. Keiner kriegt kalte Füße.

Der Himmel ist ein Augenblick. Nur die Wachen sehen ihn. 

Der Himmel ist ein Apfelkuchen. Jeder gibt ein Stück.

Der Himmel ist ein Sack voll Lose, und jedes ist der Hauptgewinn. 

Der Himmel ist ein Hase, den der Schuss des Jägers nicht erwischt.

Der Himmel ist ein Kopfstand. Nur die Mutigen wagen ihn. 

Der Himmel ist ein Gegenüber, das zum Miteinander wird. 

Der Himmel ist ein Gedicht, und du bist der Reim.

Der Himmel ist ein Engel, der an den Himmel erinnert.

Der Himmel ist die Möglichkeit: Nach oben offen.

 

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Liebes Europa,

 

wenn ich dir schreibe, dann schreibe ich 500 Millionen Menschen. Das ist nicht so leicht, weil ich nicht alle dieser Menschen kenne, nicht mal auf einen Kaffee. Ehrlich gesagt, glaube ich auch, ich würde nicht alle mögen. Wahrscheinlich würde es bei so einem Kaffeetrinken ziemlich schnell Streit geben. Spätestens, wenn wir bei der Politik ankommen, würde es laut. Das kenne ich schon von den Weihnachtsfeiern meiner Kindheit. Und da saßen gerade mal zwei Dutzend Menschen an einem Tisch. Trotzdem haben wir uns jedes Mal wiedergetroffen. Verrückt, nicht?

 

Was auch verrückt ist: Ich finde dich wunderbar. Den finnischen Eigenbrötler oben in Karelien, die französische Bäckerin, mit der ich nur radebrechen kann, auch die Zyprioten, von denen ich noch nie einen getroffen habe, möchte ich nicht missen. Sind halt wie entfernte Cousinen, die kennt man auch nicht alle. Und weißt du, was das erstaunliche ist? Trotz aller Unterschiede raufen wir uns, so lange ich lebe, immer wieder zusammen. Das macht Familie aus. Man muss nicht jeden liebhaben. Aber nur, weil man einen nicht mag, das ganze aufs Spiel setzen?

 

Liebes Europa, manchmal bist du wie eine pingelige Tante. Dann nervst du mit deinen Vorschriften und Bestimmungen. Aber im Herzen bist du eine Romantikerin. Das sieht man schon an deinen verspielten Sternchen. Du bringst Kanelbullar und belgische Pommes auf den Tisch, griechischen Joghurt, Dresdner Eierschecke und polnische Piroggen. Genug für alle, das Teilen üben wir noch. 

Ich bin auch Romantikerin. Das ist nicht das Schlechteste: Wenn Liebe im Spiel ist, ist man eher bereit, zu ringen. Nicht aufzugeben, nur weil es mal nicht so gut läuft.

 

Und deshalb, liebes Europa, halt durch. Ich bin auf deiner Seite.

 

Deine Susanne

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Theologie der verständlichen Worte

 

 

Ich liebe dich.

 

 

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(Keine) Randnotiz

Wir fahren über die Grenze, die keine Grenze mehr ist. Die Bäume gleichen sich, aber im Hotel gibt es Schokostreusel zum Frühstück. 

Abends löffeln wir unsere Suppe; 16 Deutsche an einem Tisch, an den Nachbartischen Niederländer. Alle legen um Punkt acht ihr Besteck zur Seite und schlucken: Stille im ganzen Land. Zwei Minuten Gedenken der niederländischen Opfer im Krieg. 

Was für eine Gnade, denke ich, dass wir das zusammen tun können. Opa hat das Land besetzt, und ich bekomme Tomatensuppe.

Das ist Frieden. Wie dankbar ich dafür bin.

 

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Aufstand

                        Als Klappkarte auf editionahoi

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Vor Ostern

In diesen Nächten

rufst du mich hinaus

In diesen Nächten

schläft die Eule

und der Dämon ruht

In diesen Nächten

wehen die jungen

Buchenblätter

und die Luft schmeckt

nach Werden

 

 

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Scheiter heiter!

Sterben kann jeder. Es ist nichts Besonderes, da nützt auch kein Mahagonisarg, kein Staatsbegräbnis, kein weises letztes Wort. Der Tod ist ein Totalversagen. Und ein Gott, der stirbt – naja. Jedenfalls ist er kein Held.

Ich bin auch keine Heldin.

In der vierten Klasse sollten wir unser Lieblingsbuch mitbringen. Stolz legte ich einen Band Donald Duck auf den Tisch. Ob ich denn nichts anderes lese, fragte meine Lehrerin säuerlich. Doch, stammelte ich, was eine glatte Lüge war. Anderes begann ich erst später zu lesen. Donald, Dagobert, Tick, Trick und Track blieb ich trotzdem treu. (...)

Donald ist mein Held, eben weil er kein Held bist. Er ist die menschlichste aller Enten. In ihm finde ich mich wieder, irgendwo zwischen Kleinmut und Größenwahn. Seine Übertreibungen lehren mich Selbstironie. Ständig stolpert Donald über seine kurzen Beine und seine eigenen Ideale. Er ist cholerisch, lächerlich, gewöhnlich. Keine seiner Fähigkeiten ist besonders ausgeprägt. Donald weiß, was Sinnkrisen sind. Er weiß, wie es ist, „ein Niemand, der allernichtigste Niemand in ganz Entenhausen“ zu sein. Ach Donald, du wirst es nie zu etwas Großem bringen. Dennoch lässt du dich nicht unterkriegen: „Heut morgen ist mir die Zunge in den Rührfix gekommen, gestern Abend ist mir das Seifenpulver in die Rühreier gefallen und vorgestern ... na ja!“

Trotzdem gibt er nicht auf. Donald ist ein Stehaufmännchen.

Jesus auch.

Die Verehrung eines Gekreuzigten hat dem Christentum viel Spott eingebracht. Die erste bildliche Darstellung ist ein römisches Graffito aus dem 2. Jahrhundert. Es stellt einen gekreuzigten Esel dar, versehen mit der Unterschrift: „Alexamenos betet seinen Gott an“. Götter hatten glorreich zu sein. Helden eben. Und nun tauchte einer auf, der durch die schändlichste aller Todesstrafen starb. Nur Nichtrömer und Sklaven durften gekreuzigt werden. Warum sollte man an so einen Gott glauben? Warum sollte man einem Gott vertrauen, der in seiner Mission scheitert? Der jämmerlich und hilflos ausgeliefert ist? Ein Gott, der aufs Kreuz gelegt wird?

Im Laufe der Jahrhunderte haben viele Künstler versucht, die Sache geradezubiegen. Sie haben Jesus am Kreuz einen schönen Körper gegeben. Manchmal hat er ein Sixpack, Bauchmuskeln von denen andere träumen. Aber auch, wenn sein Körper ausgemergelt ist, bleibt er ästhetisch. Scheitern ist okay, solange es nicht zu unappetitlich aussieht. Wer will sich schon Sonntag für Sonntag einen Verlierer anschauen? Das wäre eine Zumutung.

Ich glaube, genau das ist es auch. Ein jämmerlicher Gott ist eine Zumutung, weil er in Abgründe zieht. Er zeigt, was Menschsein heißt. Wir sind keine Helden. Wir sind Scheiternde, mal verschuldet und mal unverschuldet. Mal alltäglich und mal existenziell. Mal brennen die Bratkartoffeln an und mal geht eine Beziehung in die Brüche. Immer bleibt Gott an unserer Seite...

 

gesendet in: Deutschlandfunk, Am Sonntagmorgen. Den ganzen Text zum Hören oder Lesen gibt es hier.

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Liebe Höflichkeit,

 

Sei ehrlich: Ehrlichkeit ist nicht deine Stärke. Du willst nicht authentisch sein. Über dein „wahres Ich“ denkst du nicht nach. Du nimmst dir nicht die Freiheit, jemanden zu mögen oder nicht zu mögen und ob dir eine Begegnung etwas bringt, ist keine Frage für dich. Du bist selbstlos. Im wahrsten Sinn des Wortes. Du berechnest nicht und rechnest dich nicht. Du dienst. Ziemlich altmodisch. Wahrscheinlich wurde dir schon oft geraten, mehr auf dich zu achten. Gefühle zu zeigen. Jemanden abzuweisen. Aber das tust du nicht. Du behandelst alle gleich. Du wünscht jedem einen Guten Morgen und sagst „angenehm“ auch dann, wenn dir der vorgestellte Herr Kunzelmann gar nicht angenehm erscheint. 

Das liebe ich an dir. Deinen Großmut. Du baust ein Gerüst, das stabil bleibt, auch wenn Sympathie und Frieden, Geduld und Verständnis wanken. Du erinnerst daran, dass jeder ein Mensch ist. Und darin, vielleicht nur darin, sind alle gleich. Du hältst auch einem Betrüger die Tür auf. Einem Heiratsschwindler wünschst du Gesundheit und selbst deine Antwort auf den übelsten Hetzbrief beginnst du mit „Sehr geehrte“. Du hältst Maß, wo ich mich nicht mehr mäßigen kann. Du gibst meinen Inhalten eine Form. Dabei redest du mir meinen Zorn nicht aus. Du leihst ihm nur deinen Mantel. 

Ich ahne, dass du manchmal aufgeben willst. Dass du dich fremd und unerwünscht fühlst. Dass du dich in schlaflosen Nächten fragst, ob jene nicht doch Recht haben, die behaupten, du seist überflüssig, ein Relikt vergangener Zeit. Lass dir das nicht einreden. Ich glaube an dich. Wir brauchen dich, wenn wir uns nicht zerfleischen wollen.

Halt durch!

 

Deine S.

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Vor dem Aufbruch

 

 

Auf dem Rollfeld warten Schmetterlinge. Das Licht ist sehr hell, wie auf einem Polaroid, das einem gewöhnlichen Ort etwas Unwirkliches gibt. Wind kommt auf. Er treibt Staub vor sich her. Die Flügel der Schmetterlinge zittern. Die Stille rauscht in meinem Ohr. Wenn das ein Traum wäre, würde jetzt etwas geschehen, ein Dinosaurier würde auftauchen oder ein Popcornverkäufer oder die Passagiere würden an Gate 6 gebeten. Daran, das nichts passiert, merke ich: dies ist kein Traum. Die Schmetterlinge warten. Ich warte. Wenn sie aufflögen, denke ich, würde der Himmel eine Blumenwiese. Dann würde ich aufbrechen. Ich versuche, nicht zu blinzeln, um den Augenblick nicht zu verpassen.

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Bedienungsanleitung

Manchmal wäre eine Bedienungsanleitung für Menschen hilfreich. Wie tickt eine? Welche Schwachstellen hat er, wo ist Vorsicht geboten? Ivar Kroghrud hat genau das gemacht. Er ist einer der erfolgreichsten Gründer und IT-Unternehmer Norwegens und hat eine Bedienungsanleitung für sich selbst geschrieben. Super Idee, finde ich. 

 

Bedienungsanleitung für MICH

 

Morgens ab 6 Uhr betriebsbereit, bei ausreichendem Schlaf auch früher.

Ab 22.30 Uhr in den Ruhemodus fahren, in Ausnahmefällen ist eine längere Betriebsdauer möglich.

Bitte vor Lärm und großer Hitze schützen, Feuchtigkeit fügt keinen Schaden zu (Regenschutz ist vorhanden).

Kann standardmäßig reden, schreiben, Kürbiscurry kochen und ein Zelt aufbauen. Selbstlernend, Erweiterung der Fähigkeiten möglich. 

Nicht kompatibel mit Großmäulern und Duckmäusern. 

Bei Störungen gern nach Ursachen fragen.

Gutes Zureden kann hilfreich sein.

Regelmäßige Gaben von Pfefferminzschokolade erhöhen die Zufriedenheit.

Grundeinstellung: Zuversicht.

Bei plötzlich auftretender Antriebslosigkeit bitte einschicken an: Nordseeinsel Spiekeroog, Düne 3.

 

in: Wandeln. Mein Fastenwegweiser 2019, Andere Zeiten

 

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Momentaufnahme

 

 

 

 

 

 

 

 

außen

sonne innen

ist es wild

smarties auf holz wie

doppelpunkte

                                   Schreibwerkstatt mit Elfchen

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Ahoi! Alaaf! Helau!

Füße hoch!

Wisst ihr, was Luxus ist? Vergesst teure Autos und Schnürsenkel aus Schlangenleder. Ob das Schnitzel in Blattgold gewickelt ist, ist mir schnuppe. Ich brauche kein Privatjet, weil ich sowieso nicht gern fliege. Verliebt sein kann man genauso gut im Bus und bei Liebeskummer hilft auch keine Limousine. 5-Sterne-Hotels lassen mich kalt, meinen Urlaub verbringe ich am liebsten im Zelt, allerdings einem, das dichthält, das ist auch schon ein Luxus. Aber den meine ich nicht. 

Luxus ist ein Mittagsschlaf. Sich am helllichten Tag aufs Sofa zu legen und sanft davongetragen zu werden in einen Zustand zwischen Wachsein und Traum. Sich nicht gemeint fühlen von den Alltagsgeräuschen, sondern selig schlummern. Schon das Wort „schlummern“ erzählt von der Süße dieses Zustandes. Wer schlummert schläft nicht, wer schlummert trägt keinen Pyjama, wer schlummert, schlüpft nur kurz aus dem Getriebe des Alltags hinaus. 

Als ich Kind war, schlossen die meisten Läden um 12 Uhr 30, die Welt roch nach Erbseneintopf und Blumenkohl, und im Treppenhaus musste man jetzt leise sein. Wehe, wer es wagte, eine Tür zu knallen. Bis 15 Uhr war Mittagsruhe, sehr zum Leidwesen der Kinder. Wir schlichen auf Zehenspitzen durch die Wohnung, wussten nichts mit uns anzufangen und niemand war da, der uns bespaßt hätte. Der Vater meiner besten Freundin kam mittags nach Hause, aß zügig, um sich dann zwanzig Minuten aufs Sofa zu legen. Anschließend fuhr er zurück an seinen Schreibtisch. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, was daran erstrebenswert sein sollte. Manche Genüsse lernt man eben erst mit dem Alter zu schätzen: Bitterschokolade, Pampelmusen, Sonntagsspaziergänge, geputzte Schuhe. Und den Mittagsschlaf. Sich ausklinken. Die Füße hochlegen. Nicht ansprechbar sein. Mitten am Tag das Tagwerk unterbrechen.

Das ist Luxus. Es ist auch ein Akt der Unverfügbarkeit, und ich glaube, solche Momente brauchen wir immer nötiger. Sie sind Lücken, durch die das Unvorhersehbare schlüpft. Entspannung und Ruhe sowieso, auch Freiheit jenseits der Betriebsamkeit und der Unabkömmlichkeit, eine Freiheit jenseits der persönlichen Produktivität. Es ist, als würde man eine dieser alten Schultafeln wischen, vollgeschrieben mit Formeln, Gedanken, Notizen, bevor die nächste Stunde beginnt. 

Jede dritte Frau und jeder vierte Mann würden Umfragen zufolge gerne Mittagsschlaf halten, wenn es denn möglich wäre. So wird der „Powernap“ zumindest in Zeitschriften gepriesen – aber Powernap: Das klingt ja schon wieder nach Anstrengung und Leistung, so, als müsste ich für meinen Mittagsschlaf Laufschuhe anziehen. Den meisten bleibt die Sache irgendwie peinlich: Ein Mensch, der tagsüber schläft – und das auch noch öffentlich – kann doch eigentlich nur ein Faulpelz sein. Es müsste viel mehr Sofas, Bänke, Hängematten, Ohrensessel, Liegen, Kissen geben und Mutige, die sie benutzen. Handy stumm, Augen zu, Kopf in den Standbymodus. Ein Traum!

 

So geht’s:

„Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und bis tief in die Nacht arbeitet und das Brot der Mühsal esst. Den Seinen gibt es Gott im Schlaf.“ Psalm 127,2

 

in: Welt der Frauen 3/2019

 

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Erleuchtung

Als ich gestern in der Kirche saß, schien die Morgensonne in mein Gesicht. Ich roch den leichten Cremegeruch auf meiner Haut, während ich sang. Alles war hell und freundlich. Die Kerzen flackerten in der Sonne, was für ein Überfluss an Licht. Plötzlich fühlte ich mich genau richtig. Nichts zwickte, kein Gedanke stellte sich quer. Und ich dachte: Wie oft passiert das eigentlich, dass alles passt; dass du dich dort, wo du bist, gerade richtig fühlst?

 

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Jagen

Gott streifte durch die Welt, ein irrer Zickzackkurs von Trondheim nach Aserbaidschan, vom Après-Ski in die Stille der Klöster,

in U-Bahnen, auf Feldwegen, zu den Stränden der Seychellen.

Ich konnte ihm nicht folgen, eine Weile versuchte ich es, immer außer Atem, das war kein Leben. 

Eines Tages stand ich traurig am Gleis, ich denke, es war ein Mittwoch. Eine Taube jagte einer störrischen Pommes hinterher,

und ich gab auf.

Ich stieg in die nächste Bahn und fuhr nach Hause. 

Die Leere dort ängstigte mich. Doch nach ein paar Tagen lag die erste Ansichtskarte im Briefkasten.

Palmen waren darauf zu sehen, es folgten Gipfelkreuze, Lavendelfelder.

Und innige Grüße, immer innige Grüße.

 

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Nimm die Härte von deiner Stirn

Nimm die Härte von deiner Stirn. Sag "Ich weiß nicht" auch wenn das schwer auszuhalten ist. Denk trotzdem weiter. Weich sein heißt nicht, schwach zu sein. Erinnere dich, was deine Großmutter dir beigebracht hat oder der Religionslehrer oder vielleicht hast du es auch in einem dieser Lebensratgeber gelesen: Liebe deinen Nächsten, und wenn du nicht lieben kannst, dann begegne jedem Menschen wenigstens mit Respekt. Weil alles, was du denkst und fühlst auch auf dich zurückfällt. Dein Zorn und dein Hass trifft nicht nur die anderen, er lässt auch dich selbst nicht kalt. Lass dich von ihm nicht zerfressen. 

Du bist ein freundlicher Mensch, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt. Lach der Enttäuschung ins Gesicht. Vielleicht heitert sie das auf. Die Gute hat es schließlich auch nicht leicht. Sei nachsichtig. Mit dir und mit den anderen, nicht immer, aber immer wieder. 

Hör nicht auf, daran zu glauben, dass jeder sein Bestes versucht. Manche scheitern öfter. Verständnis zu haben, heißt noch lange nicht, alles gutzuheißen. Gib die Suche nach der Wahrheit nicht auf. Glaub nicht jeder Schlagzeile, die Welt lässt sich nicht in schwarz und weiß aufteilen. Nicht mal du selbst bist schwarz oder weiß. 

Lerne mit dem Zwiespalt zu leben. Nimm dich an, wie Gott es schon tut.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2:  hier zum Hören

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Was machen Tagträumer nachts?

Was machen Tagträumer nachts? Warum scheint der Hinweg immer weiter als der Rückweg? Fürchtet die Dunkelheit das Licht oder sehnt sie sich danach? Wie heißt das Tuwort von Frieden? Wäre es eine Befreiung, unfrei zu sein, weil wir dann aller Entscheidungen enthoben wären? Der wievielte Tropfen macht aus einer Pfütze einen See? 

Wisst ihr noch, wie es sich anfühlte, als das Leben aus tausend Fragen bestand? Als unsere Kinderaugen die Welt entdeckten? Dann wurden wir groß, fingen an, über Steuererklärungen und Mülltrennung nachzudenken und die Fragen verschwanden. Aber vielleicht sind es gar nicht die Fragen, die nicht mehr da sind, sondern unser Kinderherz, das verschwunden ist. Das neugierig die Welt betrachtet und noch alle Antworten für möglich hält.  Suchende sollen wir sein, nicht Sichere. Lasst uns die Welt staunender verlassen, als wir sie betreten haben. Bleibt dem Geheimnis auf der Spur, nicht jedem Nachrichtenschnipsel. Folgt den Fragen und nicht den Antworten, die verführerisch und leicht verdaulich ins Netz locken. Lasst euch nicht einfangen. Taucht tiefer. Gott hat die Sehnsucht in unser Herz gelegt, nicht die Sicherheit.

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Im Januar

Im Januar fühle ich mich wie aus dem Nest geworfen. Zu früh, unvorbereitet, draußen wird es noch immer vor Abend dunkel, keine Blume wagt sich ans Licht, nur ich soll voller Tatendrang einen neues Jahr beginnen, 5 Kilo abnehmen, ein Buch schreiben, für den nächsten Halbmarathon trainieren (weil das jetzt alle tun), tanzen, zeichnen oder das Badezimmer streichen, während die Räume merkwürdig kahl aussehen, so ohne Lichterketten und Kerzenschein. Der Weihnachtsbaum liegt im Rinnstein, keine Sentimentalitäten. Das Leben geht weiter, fast forward. Dabei fühle ich mich im Winterschlafmodus, die Welt kann gern im März wieder anklopfen. Bis dahin würde ich gern einschneien, nicht so dramatisch, wie im Süden, gerade nur soviel, dass alles still und gedämpft ist und angenehm hell. Januartage machen keinen Lärm. Von Natur aus nicht. Sie schweigen vielversprechend. 

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WG gefunden

Ich lebe mit Papst Franziskus zusammen. Leider auch mit Putin. Wir sind einander noch nie begegnet, aber wir leben gemeinsam in einer ziemlich großen WG. Die nennt sich Welt. Wir haben noch viele weitere Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Nicht alles klappt reibungslos, der eine vergisst notorisch, den Müll rauszubringen, der andere kippt seine Schwermetalle ins Meer, und so richtig saubergemacht wurde schon lange nicht mehr. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass WGs dauernd lustige Partys feiern, gibt es einige, die ständig wegen irgendwas beleidigt sind und nicht mitfeiern. 

Dennoch würde ich niemals ausziehen. Es sind so viele interessante Leute dabei und wir gestalten unser Haus, jeder in seinem Zimmer und manchmal gemeinsam in der Küche. 

Klar, gibt es Großmäuler und ein paar fiese Gestalten sind auch dabei. Aber die gibt es überall. Eine starke Gemeinschaft fängt das auf. Trotz aller Gegensätze gehören wir doch zusammen! Wir atmen dieselbe Luft. Wir rechnen mit denselben Zahlen, unsere Träume schweben in einem Raum, und es ist ein Himmel, der sich über uns spannt. 

Unser Vermieter lässt sich übrigens selten blicken. Er scheint darauf zu vertrauen, dass wir verantwortungsvoll mit seinem Eigentum umgehen. Sein Name ist Gott, einfach Gott; ich weiß nicht mal, ob er ein Mann oder eine Frau ist. Am Ende, wenn ich ausziehe, wird es ein Abnahmeprotokoll geben. Damit der nächste einziehen kann, ohne das totale Chaos vorzufinden.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2.
Hier auch zum Anhören: https://www.ndr.de/ndr2/Moment-mal,audio471970.html

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Frohe Weihnachten!

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Advent

Geh ins Dunkel

stell dich ins Licht

Die drinnen bleiben

finden nicht

 

Sing dein Lied

sieh nach dem Stern

Vielleicht liegt das Wunder 

nicht fern

 

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Funkeln

 

Ich glaube nicht an Sternschnuppen, trotzdem wünsche ich mir heimlich was, wenn eine fällt. Dass der Nikolaus nachts von Tür zu Tür geht, widerspricht meiner Erfahrung. Trotzdem schaue ich jedes Jahr verstohlen in meine Schuhe. Dass Schnee auch nichts Anderes als gefrorenes Wasser ist, weiß ich. Trotzdem stelle ich mir vor, jemand streut Kristall über die Dächer. Dass die Lichter, die sich im Dunkel des Morgens in den Pfützen spiegeln, nur Ampeln und Autoscheinwerfer sind, sehe ich. Trotzdem verzaubern sie den Asphalt. Dass der Advent auch nur eine Kulisse ist vor den Baustellen der Welt, sagen manche. Trotzdem funkelt was.

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Ewigkeitssonntag

"Weißt du, was Gottes erstes Wort war?", fragt Opa.

Er kennt lauter Geschichten aus der Bibel. Er hat sie mir alle erzählt. Papa findet das blöd. "Setz dem Kind nicht solche Flausen in den Kopf", sagt er. "Wir leben im 21. Jahrhundert." Opa hat ihm entgegnet, dass diese Geschichten zum Allgemeinwissen unserer Kultur gehören. Ich weiß nicht, was das ist. Aber ich mag die Geschichten.

"Gott sagte ›werde‹." Opa macht eine Pause. "Das ist sein wichtigstes Wort. Es werde Licht. Es werde Land. Es werden Tiere. Und es werden Menschen. So geht es immer weiter. Die Welt ist nicht fertig. Neues kommt. Altes geht. Damit dann wieder Platz für Neues ist. Deshalb müssen wir alle sterben."

Opa ist sehr klug, glaube ich.

"Hast du dein ganzes Leben daran gedacht?"

"Nein", brummt er. "Das darf man auch nicht. Manchmal musst du den Tod aussperren. Du sagst ihm: 'Ich weiß, dass du kommst, aber nicht jetzt.' Und dann spielst du eine Runde Schach oder heiratest ein Mädchen. Während solcher Dinge soll man nämlich an nichts Trauriges denken. Aber ganz vergessen darfst du ihn auch nicht. Er gehört zum Leben."

 

aus: Wie lang ist ewig? Geschichten über das Leben und Davongehen

 

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Übrigens

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Gott 

 

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Manna to go

Als Gott in die Küche kommt, sind zwei Engel gerade dabei, den Herd abzubauen. „He“, ruft Gott, „was tut ihr da?“ Küchen sind nicht mehr in Mode, klären die Engel ihn auf. Zwar gibt es Kochshows wie Salz im Meer, aber das echte Essen wird jetzt einfach bestellt. „Ist praktischer so“, sagt der Engel. Küchen werden jetzt als Zeilen gebaut. In den Wohnraum integriert. Jeder, der schon mal Hering gebraten hat weiß, dass er den Geruch nicht im Wohnzimmer haben will. Aber für Hering sind die Restküchen sowieso nicht gedacht. Allenfalls für eine chromblitzende Kaffeemaschine, die sprotzend den morgendlichen Macchiato ausspuckt. „Aber“, stottert Gott, „wer backt mir dann das Manna? Und die Wachteln müssen auch in den Ofen!“ Die Engel halten ihm einen Prospekt entgegen. „Kannst du bestellen. Pizza, Pasta, Couscous-Salat, Manna. Wird alles geliefert.“ Gott wischt den Prospekt beiseite. Er will kein geliefertes Manna, und auf eine Küche verzichten will er auch nicht. Da müsste er ja die ganze Bibel umschreiben. In Zukunft hieße es dann nicht mehr: „Das Himmelreich ist wie ein Sauerteig“, sondern „Das Himmelreich ist wie Lieferando“. Verpackt in drei Lagen Styropor, lauwarm und pappig. 

„Sieh“, versucht es der redegewandtere Engel, „es ist doch viel besser so. Die Menschen haben weniger Arbeit. Insbesondere die Frauen. Die Abschaffung der Küche ist also genau genommen ein Beitrag zum Feminismus!“ Der Engel gratuliert sich innerlich zu diesem genialen Einfall. „Ach Unsinn“, wischt Gott das Argument beiseite. „Als ob es besonders fortschrittlich wäre, nicht mehr für das eigene Essen sorgen zu können! Was kommt als nächstes? Ein mobiler Duschservice? Eine Erinnerungs-App, dass der Mensch sich bewegen soll, weil er genau dafür diese Dinger namens Beine hat?“ Gott hat sich ziemlich in Rage geredet, und der Engel verzichtet lieber auf den Hinweis, dass es so etwas längst gibt. „Versteht ihr denn nicht, was eine Küche alles ist? Sie ist ein Ort des Austauschs, an dem beim Kartoffelschälen Liebeskummer oder Weltpolitik besprochen wird. Die Küche ist der Ort der ungeplanten Begegnungen. In der Küche wartet immer ein Kaffee oder ein Rest Auflauf. Sie ist der Ort der Verheißung, an dem aus Mehl, Salz und Öl Brot oder Nudeln wird. Ein Küchentisch ist versöhnlich, lange nicht so offiziell wie ein Arbeitszimmer und auch nicht so privat wie ein Wohnzimmer, ein Küchentisch ist neutraler Boden. Beichtstuhl, Arbeitsfläche und Nachrichtenaustausch in einem. Ich habe sogar von einer Frau gehört, die ihr Kind auf dem Küchentisch zur Welt gebracht hat! Die Küche ist der Ort des alltäglichen Liebesmahls. Die Küche ist der Ort der Alchemie, der Verwandlung. Die könnt ihr doch nicht einfach abschaffen!“

 

PS: Bis in die frühen neunziger Jahre wurde in den meisten Haushalten täglich selbst gekocht. Heute ist das nur noch in weniger als der Hälfte der Fall, in Großstädten schalten viele Menschen ihren Herd sogar fast nie ein. Laut einer Studie der Schweizer Großbank UBS ist es möglich, dass schon im Jahr 2030 die meisten Mahlzeiten online bestellt und geliefert werden.

 

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Wenn

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Mein perfektes Morgenritual

Nach jeder Nacht

bisher

aufgewacht.

 

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Montagmorgen

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E-Mails

Eine Million britische Pfund

geerbt von einem verschollenen Scheich

Fünf Penisvergrößerungen

Die Aufforderung, meine Bankdaten zu ändern,

vorzugsweise unter diesem Link

Drei Hinweise, dass meine Facebookfreunde warten

Eine Warnung, dass mein Speichervolumen bald 

ausgeschöpft ist

und

Eine Mail von dir

 

 

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Wollpullover

Das Paradies ist ein alter, verwahrloster Garten, in dem die Freiheit wartet. Sie ist wild, unberechenbar und verrückt. Sie verrückt Grenzen. Als „Pippi Langstrumpf“ erschien, entfachte sie einen Sturm der Entrüstung. Nicht bei allen, aber bei jenen, denen ihre Freiheit zu viel des Guten war. Zu wild. Zu radikal. Ein Mädchen, das tut was es will, sei „demoralisierend“und „gesellschaftsschädigender Schund“. Pippi sei „etwas Unbehagliches, das auf der Seele kratzt.“ 

Wie Gott.

Schon klar, Pippi Langstrumpf ist nicht Gott. Aber kann sein, dass Gott ein bisschen wie Pippi Langstrumpf ist. Wild. Frei. Unberechenbar. Einer, der auf der Seele kratzt. 

Meistens soll Gott nett sein. Einer, der tröstet und die Dinge ins Lot bringt. Früher durfte er auch zornig sein und beängstigend, aber die Zeit ist vorbei. Nicht, dass ich ihr nachtrauere, aber nur lieb ist auch keine Lösung. Die Geschichten, die ich von Gott kenne, sind verstörend. Mal ist er der große Schöpfer, dann wieder will er alle vernichten. Mal ist Jesus der verständnisvolle Hirte, mal blafft er die Leute an und schwingt die Peitsche. Und auch Gottes Auserwählte sind sonderbare Charaktere. David, der Ehebrecher. Mose, der Totschläger. Maria von Magdala, angeblich eine Prostituierte. Hiob dagegen, dem Mustersohn der Menschenkinder, nimmt Gott alles weg. Gerecht ist das nicht. Und nachvollziehbar schon gar nicht. Hiob hält trotzdem an Gott fest. Ich auch. Weil ich jemanden will, der auf meiner Seele kratzt. Ich mag auch Wollpullover auf der Haut. Die fühlen sich echter an als Microfaserzeug...

 

Der ganze Text war im Deutschlandfunk zu hören. Hier kann man ihn nachlesen (oder hören). 

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Sommerfazit

 

 

 

 

 

 

Mit Elchen Schnitzeljagd spielen. Verlieren. Stille hören.

Drei Hände Nudeln und eine Tütensuppe reichen für ein

Abendessen zu zweit. Heidekraut oder Kiefernzweige

ergeben einen guten Schwamm. Zelten geht auch ohne Zelt.

Die Nacht zur Nacht machen. Von Eichhörnchen geweckt

werden. Den ersten Tee im Schlafsack trinken. Wer die

Wasserflasche beim Wasserholen fallen lässt, muss in

den See springen. Hirschlausfliegen sind nicht wählerisch. Streichholzschachteln werden wirklich schnell feucht.

Tubenkäse ist besser als sein Ruf. Auf warmen Felsen liegen

und fernsehen. Das Leben auf einen Rucksack reduzieren.

Nichts vermissen. Glück ist draußen. 

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Der Engel, der befreit

In letzter Sekunde kam der Engel.

Peter Simonsen ist sechsundvierzig Jahre alt. Den Fischladen der Eltern hat er hinter sich gelassen. Weil er Coach werden wollte. Was die Leute immer noch sonderlich finden, weil man das Wort kaum aussprechen kann und die Alten denken, er verkaufe jetzt Sofas. Wie man ein Sofa einem Fisch vorziehen kann, verstehen sie nicht. Wenn es Spitz auf Knopf steht, kann man auch auf einem Stuhl sitzen, während ein Fisch immer satt macht. Peter Simonsen hat es aufgegeben, sich zu erklären. Warum man wegzieht, muss man hier oben begründen und fest steht von vornherein: Es gibt keinen Grund. Wer ein Haus hat, gehört hierher. Peters Elternhaus steht seit einhundertsiebzehn Jahren hinterm Deich und der Liguster ist mittlerweile hoch genug, um den Wind zu brechen. Das Boot liegt im Hafen. Schollen wollen die Leute immer, besonders die Touristen. Schön mit Butter und Krabben obendrauf. Eine Schande, da einfach auszusteigen. Vaters vorwurfsvolles Schweigen lässt Peter Simonsen bis heute nicht los.

Als kleiner Junge ist er immer mit raus aufs Meer. Da konnte er noch kaum laufen. Mit vollen Netzen sind sie zurückgekehrt. Er liebte die Gischt und den Wind. Angst hatte er nicht. Das war das Wichtigste, keine Angst zu haben. Aber Respekt. Den würde der Junge noch lernen, dachte der Vater. Bloß erstmal keine Angst haben, der Rest fügt sich. Der kleine Junge war so voller Bewunderung für den Vater, dass es schmerzt. Dass es heute noch schmerzt, daran zu denken. Wie konnte er ihn so enttäuschen?

Er hat ihn verlassen. Verraten hat er ihn und alles, was der Vater aufgebaut hat und weitergeben wollte.

»Hast du nicht«, sagen die Freunde. Aber sie wissen nicht, wie es ist. Es gibt ein Foto von ihm mit viel zu großer Fischermütze. Da steht er vorm Boot und hält einen Kabeljau in die Kamera, größer als seine beiden Arme zusammen. Sein Haar ist zerzaust und die Hand des Va- ters liegt auf seiner Schulter. Das Bild stand all die Jahre auf der Kommode in der Stube. Er weiß nicht, was damit geschehen ist.

Vater ist tot. Er könnte befreit sein. Aber er ist es nicht. Den Vater hat er beerdigt, aber seine Enttäuschung hat er nicht beerdigt. Sie hockt in seinem Zimmer und sieht ihn vorwurfsvoll an. Jeden Tag. Sie beherrscht ihn. Und er ist ganz klein und verzagt.

»Du bist verrückt«, sagen die Freunde und lachen. »Sieh dich an – du hast Erfolg! Du hast dir etwas Eigenes aufgebaut. Was kümmert dich die Vergangenheit?« Sie verstehen nichts. Ihre Eltern sind Lehrer und Rechtsanwältinnen und Therapeuten. Die wissen, was ein Coach ist.

Die Enttäuschung hat ihn in Ketten gelegt. Und die Schuld, so ganz genau kann er das nicht trennen. Sie bewacht ihn. Der Abstand zu den Freunden wird immer größer. Niemand kann sich ihm nähern. Sie sind draußen. Jenseits der Mauer. Noch lassen sie nicht locker. Sie rufen an. Sie fragen, wie es ihm geht. Sie laden ihn ein. Die Freunde sorgen sich. Sie versuchen ihn zu erreichen. Er ist sicher: Das wird aufhören. Die Enttäuschung hat gute Wachen. Vier zu seiner Rechten: Du hast ihn verraten. Du hast das Erbe deines Vaters verraten, flüstern sie. Vier zu seiner Linken: Wer hoch hinauswill, wird tief fallen. Sieh, wohin das führt, flüstern sie. Vier in seinem Rücken: Was du bist, verdankst du ihm. Hast du das vergessen? Vier vor seinem Angesicht: Was glaubst du, wer du bist? Nichts, als ein kleiner Fischer.

Die Freunde sind in großer Sorge um ihn. Wenn man nur etwas tun könnte. Wenn sie nur helfen könnten. Aber sie dringen nicht zu ihm vor. Und weil sie wenig Erfahrung damit haben, wie man einen Gefangenen befreit, bleibt nur Hoffen und Beten. Das ist nicht viel. Aber besser als nichts.

Am Vorabend seines siebenundvierzigsten Geburtstags ist Peter Simonsen allein. Er will nicht feiern. Er wüsste nicht, was. In der Wohnung ist es dunkel. Er liegt auf dem Sofa und schaut in die Schwärze. Sie ist überwältigend. In diesem Moment kommt es ihm vor, als würde er sich nie mehr bewegen können. Niemals mehr. Er schließt die Augen. Wahrscheinlich schläft er ein.

Als der Engel in seine Gedanken tritt, wird es hell. Das ist das erste, was geschieht: dass es hell wird. Dann stößt der Engel ihn in die Seite. Es ist ein heftiger Stoß. Er scheint nicht zimperlich zu sein. »Wach auf«, ruft er. »Komm zu dir!« Peter will gar nicht zu sich kommen, aber er blinzelt trotzdem. Der Stoß tat weh.

»Steh auf«, sagt der Engel und es klingt wie ein Befehl. Peter will ihm die Wachen zeigen, er will ihm zeigen, dass er unmöglich aufstehen kann. Aber verwundert stellt er fest, dass sie schlafen. Dass die Stimmen schweigen. Er nähert sich ihnen vorsichtig, aber: Nichts. Keine Regung. Da fallen die Ketten von ihm ab.

»Zieh deine Schuhe an«, befiehlt der Engel. »Wird Zeit, dass du hier rauskommst.«

»Aber«, sagt Peter.

»Nichts aber«, sagt der Engel.

Da steht Peter auf. Der Engel sieht ihm geduldig zu. »Den Mantel«, erinnert ihn der Engel. »Nimm den Mantel. Der schützt dich.«

Mantel, denkt Peter. Mantel ist gut.

»Und jetzt folge mir.«

Peter blickt sich um. Von der Enttäuschung keine Spur. Hat sie sich versteckt? Für gewöhnlich lauert sie immer irgendwo.

»Lass sie«, sagt der Engel. »Wir gehen jetzt raus. Ins Leben.«

Peter stolpert aus seiner Gefangenschaft. Er weiß nicht, wie ihm geschieht. Er weiß nicht, ob er wacht oder träumt. Das eiserne Tor der Schuld öffnet sich. Der Engel führt ihn hinaus. Niemand stellt sich ihnen entgegen. Nicht mal der Vater.

Es ist fünf Uhr morgens. Peter Simonsen schlägt die Augen auf. Es ist hell. Die Vögel erwarten ihn. Der Engel ist verschwunden. Ist das wahr, denkt er oder habe ich geträumt?

Er weiß es nicht. Er weiß nur: Er ist frei.

Wie das zugegangen ist, kann er keinem erklären. 

 

aus: Fliegen lernen. Engelsgeschichten aus der BibelIllustration: Ariane Camus

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Pause

Ich geh' schreiben. Hier geht es weiter am 16. September. Hej då!

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Stolpern

„Agentur für Engel“ steht auf dem Schild. Schlicht und pragmatisch hat es jemand mit zwei Schrauben an die Wand gebracht. Im Treppenhaus riecht es nach scharfem Putzmittel. Die Agentur befindet sich im dritten Stock. 

„Guten Tag“, sage ich zu der Person hinter dem Tresen. Unwillkürlich frage ich mich, ob das jetzt auch schon ein Engel ist. „Das fragen sich alle“, schnarrt ihre Stimme. „Was wollen Sie denn?“

„Einen Engel“, sage ich schüchtern, weil mir der Wunsch auf einmal verwegen vorkommt und ich gar nicht weiß, ob ich mir das leisten kann. Ich habe ja keine Ahnung, wie so etwas abläuft. „Schutzengel sind aus, die wollen alle“, entgegnet die Stimme. „Der Verkündigungsengel ist auf Urlaub, Saisonarbeit, Sie verstehen. Der Drachenkämpfer ist im frühzeitigen Ruhestand mangels Nachfrage. Wo gibt es heute schon noch Drachen? Die Paradiesengel sind nicht abkömmlich. Rachengel bieten wir ungern an, die machen eine schlechte Presse. Und die Friedensengel haben Burnout. Einen Stolperengel können Sie haben!“

„Bitte was? Was soll ich denn damit?“

Sie sieht mich streng an. „Die Frage ist nicht, was Sie damit sollen, sondern was der Engel von Ihnen will.“

Langsam schwant mir, warum diese Agentur nicht bekannter ist. „Also was ist? Nehmen Sie ihn?“

Ich nicke eilig, weil ich Angst habe, dass auch dieser Engel gleich vergriffen sein könnte. „Gut“, sagt die Person hinter dem Tresen und schreibt weiter in ihr Buch. Nichts passiert. Ich schaue mich suchend um.  „Und?“, frage ich schließlich. „Wo ist mein Engel?“

„Er wird Sie finden.“ Ihr Kopf senkt sich wieder und mir bleibt nichts anderes übrig, als zu gehen. 

Seit diesem Tag schaue ich mich öfter verstohlen um. Irgendwo ist er und bringt mich ins Wanken. 

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Sommergebet

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Kleine Geschichte von 1 Dämon

Der Dämon sitzt auf seiner Kiste und starrt. Gestern hat er 15 hartgekochte Eier gegessen und 7 Bananen. Das Leben als Dämon ist hart. Er mag keine Eier. Und auch keine Bananen. Bananen ekeln ihn Allein schon der Geruch. Eigentlich würde er gern mal Heidelbeerquark essen. Aber das gesteht er sich nicht ein. Also hockt er sich halt mit seinen Bananen auf meine Schulter und mampft. Schön ist das nicht. Für keinen. 

Farbe

Gott ist Maler von Beruf, das wissen die Wenigsten, und wenn sie es hören, dann denken sie an Van Gogh und an Sonnenblumen. Aber das ist ein Irrtum. Gott ist ein ganz gewöhnlicher Anstreicher, allerdings ein sehr guter. Welche Farbe denn mein Leben haben solle, fragt er, und ich wähle Rot wegen der Lust. Und Blau wegen der Tiefe. Und Grün für die Verstecke. "Gute Wahl", nickt er, und ich frage mich kurz, ob er das immer sagt.

 

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Sonntagsrätsel

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Grüße aus dem Sommer

 

 

Deines Lebens Traum:

 

"Ich träume davon, dich glücklich zu machen. In meinem Traum scheint die Sonne und alles ist Licht. Die Nacht ist deine Freundin. Du brauchst dich nicht mehr vor Spinnen zu fürchten, und Schlaf deckt dich zu. die Liebe ist eingezogen, um zu bleiben. Die Härchen auf deinem Arm schimmern hell. Gestern ist der Bruder von Morgen und Heute bist du. Dein Kleid hat Streifen und machmal kannst du zaubern."

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Bote

Gestern sprach mich ein Fremder an

dankte 

und ließ mich zurück

Gestern sprach mich ein Fremder an

hob mich einen Millimeter

von der Erde

Gestern sprach mich ein Fremder an

und ließ eine andere zurück

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Was ich im Leben schon gelernt habe I

Natur ist nicht immer nett.

Wenn man einen Mord plant, finden sich unter den heimischen Pflanzen viele Helfer.

Trotzdem lebt es sich besser ohne Leiche im Keller.

In Hamburg regnet es weniger als in Bielefeld. Nicht nur deshalb ist Hamburg schöner. 

Eine geronnene Sauce Hollandaise rettet man, indem man Eiswürfel hineinrührt.

Einen Fahrradreifen flickt man am besten mit einem kundigen Mann. In vielen anderen Situationen hilft ein Schweizer Messer weiter. 

Viele Kindergartenregeln gelten auch im Erwachsenenalter:

Nimm niemandem sein Spielzeug weg. Mittagsschlaf ist trotz anfänglichem Widerwillen eine feine Sache. An dem Weihnachtsmann muss man nicht glauben, um sich über Geschenke zu freuen. 

Mittsommer findet am Anfang des Sommers statt. 

Die Vorfreude, dass noch etwas kommt, ist ein feines Lebensprinzip.

(Egal, ob Erdbeereis oder Ewiges Leben.)

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Matjes. Küssen. Leben

An den ersten Kuss muss man sich irgendwie erinnern. Ich kann es nicht. Ich erinnere mich nicht mal, welchen Jungen ich mit 12 oder 13 Jahren geküsst habe. Wahrscheinlich geschah es beim Flaschendrehen. Ehrlich gesagt habe ich auch keine Ahnung, warum ich mich daran unbedingt erinnern soll, wenn ich doch heute neue Küsse küssen kann. Oder irgendetwas anderes tun kann, das schön ist. Facebook erinnert mich auch ständig an Sachen, die ich vor zwei Jahren getan habe. Als wären das geschichtliche Großereignisse, die eines Denkmals würdig sind. Dabei handelt es sich bloß um ein Foto meines Mittagessens. Warum soll ich mich daran erinnern, dass es vor zwei Jahren Matjes mit Pellkartoffeln gab? Mein eigenes Leben wird zu einem Denkmal. Aber ich will kein Denkmal sein – schon gar nicht mein eigenes. Ich will leben und das funktioniert nur jetzt. Dies ist der einzige Moment, in dem ich leben kann. Gestern ist vorbei und morgen gibt es noch nicht. Allein in diesem schmalen Stück Gegenwart kann ich fühlen, küssen, Matjesessen. 

Die Ewigkeit ist eine endlose Folge von Momentaufnahmen. Wenn ich nur damit beschäftigt bin, alte Fotos anzuschauen, kommt nicht Neues hinzu. Dann habe ich irgendwann nur noch Fotos von mir, auf denen ich Fotos anschaue. Will ich das?

Nö. Das will ich nicht. Deshalb gehe ich jetzt Matjes küssen.

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Phantasie

Im Zug. Kein Netz. Der nächste Halt Lichtjahre entfernt. 

Das Kind auf Platz 61 schüttet Lego aus. Erzählt sich Geschichten von Dinosauriern

und Feuerwehrmann Sam.  Auch ein Hund taucht auf. 

Ich forsche in meinem Kopf, was ich mir erzählen könnte.

 

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Heute Flaute

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Zeitgenossen

Ich habe mit Astrid Lindgren und Stephen Hawking zusammengelebt. Leider auch mit Erich Honecker. Das ist allerdings mittlerweile Geschichte. Jetzt lebe ich mit Papst Franziskus zusammen. Wir sind nicht unbedingt Freunde, tatsächlich sind wir einander noch nie begegnet, aber wir leben gemeinsam in einer ziemlich großen WG. Die nennt sich Welt. Wir haben noch viele weitere Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Wenn ich das so aufschreibe, klingt es fast ein bisschen hippiesk. Nicht alles klappt reibungslos, der eine vergisst notorisch, den Müll rauszubringen, der andere kippt seine Schwermetalle ins Meer, und so richtig saubergemacht wurde schon lange nicht mehr. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass WGs dauernd lustige Partys feiern, gibt es einige, die ständig wegen irgendwas beleidigt sind und nicht mitfeiern. Dennoch würde ich niemals ausziehen. Es sind so viele interessante Leute dabei und wir gestalten unser Haus, jeder in seinem Zimmer und manchmal gemeinsam in der Küche. Selbst wenn wir einander noch nie begegnet sind, sind wir Zeitgenossen. Wir gehören zusammen. Wir leben in derselben Zeit. Wir atmen dieselbe Luft. Wir rechnen mit denselben Zahlen, unsere Träume schweben in einem Raum und es ist ein Himmel, der sich über uns spannt. Ich glaube, es tut gut, sich hin und wieder daran zu erinnern.

 

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Grüße aus dem Alltag

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Im Mai

Immer mittags schlüpft Gott in die Stille der Kirche, seit 800 Jahren schon, und setzt sich in die dritte Reihe links, immer die dritte Reihe links. Anfangs saß er noch auf der Empore, aber das gefiel ihm nicht, da wurde ihm schwindelig. Dann sitzt er da und sieht die Irma mit ihrem Netz voller Äpfel, im Winter auch schon mal Orangen. Manchmal kommen Touristen, die fotografieren das Gold und den heiligen Sebastian mit seinen vielen Pfeilen und ein Mädchen zündet eine Kerze an und ein Liebespaar hält sich an den Händen. Eine Plastiktüte raschelt und Gott weiß, dass die dem Heinz gehört, der sich aufwärmt oder abkühlt, je nach Jahreszeit. 

Und Gottes Gedanken schweifen ab, denn es sind derer viele und er denkt an die Zeit, als hier noch ein Buchenhain stand und an den Wind in den Blättern von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Und plötzlich ist es der Irma, als habe sie eine Nachtigall gehört und die Kerzenflammen flackern im Sommerwind. Das Mädchen kann sich nicht helfen, aber es meint, plötzlich Waldmeister zu riechen auch auch der Heinz wundert sich, denn die harte Bank ist auf einmal weich wie ein Bett aus Gras. 

 

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10 Sachen, die anders sind als gedacht

1.     Gott (nicht logisch)

2.     erwachsen sein (auch nicht logisch)

3.     sterben (von außen betrachtet nicht so leicht)

4.     lieben (von innen betrachtet nicht so leicht)

5.     in einem Sterne-Restaurant essen (mühsam)

6.     1000 Kilometer gehen (weniger mühsam)

7.     wagemutig sein (merkwürdig unspektakulär)

8.     zum neunten Mal durch Norwegen reisen (immer noch spektakulär)

9.     lackierte Fingernägel (halten nie)

10.  seidene Fäden (halten öfter als gedacht)

 

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Schillernd

Als ich klein war, sollte alles für immer sein. Die Prinzessin lebte glücklich bis an ihr Lebensende. Einen Beruf wählte man einmal. Alphaville sangen „Forever young“. Man kaufte ein Haus, in dem man sterben würde. Ein lineares Abarbeiten der Dinge: Geburt, Kindergarten, Konfirmation, Abi, Arbeit, Hochzeit, Kinder, Haus, Rente. Das Leben auf diese Art schien beruhigend, weil planbar.

Leider spielt mein Leben nicht mit. Es scheint nichts von To-Do-Listen zu halten. Spontanität liegt ihm mehr. Es schlägt plötzlich eine neue Richtung ein und ich muss hinterher. Ich schimpfe mit ihm, dass es doch einmal alles so lassen soll, wie es ist. Aber es lächelt nur müde: Meine Eltern ließen sich scheiden. Helmut Schmidt wurde abgewählt. Tschernobyl störte unser Spiel im Wald. Der „Braune Bär“ schmeckte plötzlich nicht mehr. Der Traum, Archäologin zu werden, ist verblasst. Meine erste Liebe verschwunden. Irgendwo bröckelte es immer. Ich habe es als Scheitern gesehen.

„Warum“, fragt mein Leben, „bezeichnest du etwas, das lange gut war, als Scheitern?“ „Weil ich es nicht halten konnte“, antworte ich. Mein Leben runzelt die Stirn: „Meine Liebe“, sagt es, „was du tust, ist Haschen nach dem Wind. Kannst du ihn festhalten? Kannst du den Frühling festhalten? Eine Sternschnuppe? Ein Glühwürmchen, einen Gänsehautmoment, eine Seifenblase? Willst du all dies ernsthaft als Scheitern betrachten, nur weil du es nicht halten kannst?“

Seit diesem Tag übe ich, das Leben als Seifenblase zu betrachten. Schillernd.

 

Kann man auch hören: "Moment mal" auf NDR 2

 

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Großmut

An jenem Tag, an dem ich beschließe, großmütig zu sein, lasse ich den Regen plätschern und dem Leben seinen Lauf. Ich verschenke ein Buch, kaufe eine krumme Gurke, lasse eine Meinung gelten und schicke eine Beschwerde ins Leere. Der Welt traue ich etwas zu. Ich lobe jemanden über den grünen Klee und verteile zweite Chancen, ohne mich um das Ergebnis zu sorgen. Die Kollegin lasse ich schmatzen und das Internet trödeln. Ich nehme nichts persönlich. Ich verzichte auf mein Recht und überlasse den Schnecken ein paar rote Erdbeeren. Meine Erwartungen streue ich in den Wind. Den Kleinkrämern schenke ich einen Cent. Ich runde auf, liebe ohne Vorschuss und füttere die Großmäuler mit Marshmallows. Gott eifere ich nach, ohne besser sein zu wollen. Ich unterstelle ein paar gute Absichten, lasse jemandem die Vorfahrt und sehe über eine Verspätung hinweg. Das Glas betrachte ich als halbvoll und meine Figur als bestmöglich. Dass morgen auch noch ein Tag ist, begrüße ich. Ich verschwende mich. Ich werfe den Müll weg, den ich nicht verursacht habe und helfe, ohne Dank zu erwarten. Dem Ehrgeiz gebe ich frei. Ich fasse mir ein Herz und nehme den Himmel auch in Mittelblau.

 

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Könnte doch sein

 

 

Manchmal tauchst du auf. Aus dem Nichts. Ich nenne dich Gott. Ich rechne nicht mit dir, das Rechnen habe ich aufgegeben. Du bist ein Gleichnis mit zu vielen Unbekannten. Du meldest dich nie an. Verabredungen sind nicht deine Sache. Ich habe keine Chance, einen Kuchen zu backen oder die Küche zu putzen oder mein Leben in Ordnung zu bringen. Du tauchst auf und ehe ich dich fassen kann, bist du wieder weg.

Du erklärst dich auch nicht. Das hat mich lange gestört. Ich fand, wenn du schon willst, dass ich an dich glaube, dann könntest du dir mehr Mühe geben, dein Tun und dein Nicht-Tun etwas nach- vollziehbarer zu machen. Du bist ein Rätsel – nein, eher ein Geheimnis. Ein Rätsel kann man lö- sen, wenn man nur lang genug nachdenkt. Dich kann man nicht lösen. Allerdings verlangst du das auch nicht.

Auf eine Art verstehe ich dich. Ich mag es auch nicht, mich rechtfertigen zu müssen. Du wärst wahrscheinlich ständig damit beschäftigt, dich zu erklären. Irgendwer findet immer irgendwas ungerecht. Man kennt das ja: Die einen finden dich zu lax, die anderen zu streng und ein paar wollen wissen, warum du einen Bart trägst. Nur als Beispiel. Und deshalb denke ich mittlerweile: Wir sind quitt. Du brauchst dich nicht zu erklären, ich nehme dich, wie du bist. Denn das habe ich von dir gelernt. Du nimmst mich, wie ich bin. Damit meine ich kein trotziges „Ich will so bleiben, wie ich bin“. Weil ja auf einmal jede Schrulle Ausdruck von Authentizität ist, und sei sie noch so unhöflich. Nein. Ich versuche, zu werden, die ich sein kann. Das habe ich auch von dir. „Ich werde sein, der ich sein werde“, hast du mal gesagt. Wandel ist dein Programm.

Ich mag es, dass du einfach so auftauchst. Es gibt meinem Leben eine Erwartung. Hinter jeder Ecke könntest du stehen. Obwohl du genaugenommen das ja gerade nicht tust. Du bist nicht eindeutig. Kein Engel rauscht vom Himmel herab. Ich hatte noch nie eine Vision, in der du plötzlich vor mir standest...

 

weiterlesen: Deutschlandfunk Kultur 

 

 

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Pistazieneis und Auferstehung

Manchmal ist alles gut, obwohl nicht alles gut ist. Das Geld reicht nicht, der Arzt sagt, es sieht schlecht aus, die Liebe scheint sich abgesetzt zu haben wer-weiß-wohin. Aber dann leuchtet plötzlich ein Moment auf, ein Moment aus tausend anderen Momenten, der heraussticht: Die Sonne scheint dir in den Nacken, der Fluss des Verkehrs versiegt, ein Geruch steigt in die Nase von Ginster oder Pistazieneis, du weißt nicht, woher er kommt und eigentlich ist nichts besonders daran, aber in diesem Moment ist es besonders. Du lehnst dich zurück und bist im Paradies. Du wirst nicht bleiben, der Verkehr wird weiterrollen, die Lücke wird sich schließen. Vielleicht wirst du morgen wieder auf einem dieser Datingportale nach deiner Traumfrau suchen. Der Boden der Tatsachen bleibt bestehen. Aber etwas hebt dich für einen unerwarteten Moment darüber hinaus, hebt dich über die Schwere der Dinge. Und setzt dich wieder ab, leichter als du denkst.So ein Moment lässt sich nicht machen. So ein Moment blitzt auf, so ein Moment lässt dich verwandelt zurück, wenn auch nicht für immer, so doch für jetzt. Wegen dieser Momente gibst du nicht auf. Manchmal ist das einfach ein Pistazieneismoment. Manchmal nennst du es Auferstehung. 

 

kann man auch hören: NDR2 Moment mal

 

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Ostern

"...that's how the light gets in."

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Leichtfüßig

Der Engel des Verzichts hat Flügel. Entgegen landläufiger Meinung ist er der Vergnügteste von allen. Er ist leichtfüßig. Seine Koffer hat er unterwegs verloren. Er weiß nichts besser. Was er sagen wollte, hat er vergessen. Den Eiligen lässt er den Vortritt. Den Ehrgeizigen räumt er den Weg. Der Engel des Verzichts nimmt niemandem etwas weg. Auch keine Illusion. Er ist frei. Nicht mal an der Freiheit hält er fest.

 

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Überraschung

Als die Inspiration kommt, stehe ich unter der Dusche. „Verdammt, kannst du nicht einmal zur rechten Zeit kommen? Wenn ich am Schreibtisch sitze?“ Schaum rinnt in mein linkes Auge. „Nö.“ Die Inspiration trägt ein grasgrünes Kleid und Lammfellstiefel. Ich blinzele. Dass sie immer so unpassend sein muss. Und dann die Wörter! Natürlich hat sie nicht Sonnenaufgang, Achtsamkeit oder friedvoll dabei, sondern Sachen wie Besenreiser, Oktogramm und flawül. Ich habe keine Ahnung, was flawül ist, aber diese Blöße will ich mir nicht geben. Die Inspiration zuckt mit den Schultern. „Sonnenaufgänge interesieren mich nicht.“ „Aber sie sind schön! Kannst du es nicht einmal einfach schön machen? Warum kommst du überhaupt, wenn du sowas bringst?“

Die Inspiration schaut mich treuherzig an. 

"Na, um dich zu überraschen. Was denn sonst? Das andere kennst du doch schon.“

 

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Übrigens

Frau Angst und Frau Vertrauen sind Schwestern.

Bleib, ruft Frau Angst.

Geh, ruft Frau Vertrauen.

Ich beschütze dich, verspricht Frau Angst.

Ich lasse dich, verspricht Frau Vertrauen.

Bei mir bist du in Sicherheit, verspricht Frau Angst.

Bei mir bist du in Erwartung, verspricht Frau Vertrauen.

Ich bin, sagt Frau Angst.

Ich werde, sagt Frau Vertrauen.

 

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Experiment

Wir machen ein Experiment. Geh zum Hauptbahnhof oder in ein Schuhgeschäft. Ein Schwimmbad geht auch oder der Wochenmarkt. Wähle einen Ort, an dem andere Leute sind. Such dir eine Person aus und stell dir vor: Da steht Gott. Sieh an, denkst du. Sie hat eine Dauerwelle. Er trägt einen Pullunder. Er schaut gerade etwas mürrisch.

Es heißt, Gott kann man in allen Dingen finden. Das kann ganz schön verstörend sein. Wenn Gott überall ist, dann muss er auch im Gemüseverkäufer sein und in diesem nervigen Kind mit seinem plärrenden Smartphone. Ziemlich nah also.

Gott ist ein Vielleicht. Damit muss man leben können. In diesem Vielleicht liegt alles, weil in diesem Vielleicht alles möglich ist.

Ich stelle mir also vor, Gott steht vor mir. Sein Aussehen spielt keine Rolle. Auch die Bibel verliert kein Wort darüber. Gott steht vor mir und sagt: Ich liebe dich.

Wenn ich versuche, all die kitschigen Bilder, die ich in meinem Leben schon gesehen habe, außen vor zu lassen, dann ist das doch ein ganz außerordentlicher Gedanke.

Ich glaube, es wäre ein ichveränderndes Spiel, sich diese schlichte Szene täglich vorzustellen. Morgens nach dem Zähneputzen oder so.

 

in: Mut ist Kaffeetrinken mit der Angst. 40-mal anfangen

 

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abends

Vielen Dank 

für das Erkennen am Morgen,

für die gräsernen Raureifspitzen 

und die Sonne im Nacken.

Vielen Dank für die Schrift und ihre tausend Gestalten

und für die Freiheit von Deniz Yücel.

Für den plüschigen Schwanz des Eichhörnchens

und für das Lachen, das in den Dingen wohnt.

Danke für den Tisch, den Traum

und den Geschmack von Leben.

 

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Ahoi!

Rosenmontag im Norden
Rosenmontag im Norden
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Wie es ist, Gott zu retten

Ich frage mich, was du denkst, Gott. Über die Kirche, die ja irgendwie dein Haus sein soll, überall auf der Welt. Und zuhause, da will man sich doch wohlfühlen.

Ich besuche dich regelmäßig. Egal ob italienisches Bergkloster oder der Dom in Oslo: Ich schaue mal kurz rein. Ob offen ist, ob du da bist und wie es aussieht bei dir. Meistens zünde ich eine Kerze an, das finde ich ganz schön, weil ich mir vorstelle, dass du dann nicht so allein

zurückbleibst, wenn ich wieder gehe.

Manchmal sieht es schön aus bei dir. Licht und leicht. Oder dämmerig und innig. Aber oft ist es anders. Dann ist es steril oder, schlimmer noch, ein bisschen vernachlässigt.

Du weißt, Bilder an den Wänden, die schon lange keiner mehr ansieht und in der Ecke ein verstaubter Gummibaum. Kein Leben drin. Mich deprimiert das. Ich gehe dann und selten komme ich sonntags wieder.

Denn sonntags will ich nicht depressiv sein. Ich will eine Kaffeetafel, da soll Butterkuchen auf den Tisch kommen und alle sind da und reden und lachen und die Woche ist weit weg. Aber so fühlt es sich nicht an. Und ich rede jetzt nicht von den seltenen Orten, in denen alles ganz anders ist. Ich rede von der »guten Stube«, in die ich an solchen Sonntagen kommen soll und in der es sich

immer irgendwie steif und falsch anfühlt, weil das Leben doch eigentlich in der Küche stattfindet.

Bei meinen Großeltern gab es auch so eine gute Stube.

Die Uhr tickte zu laut und immer wenn wir dort saßen, war ich befangen. Ich schielte, ob meine Fingernägel sauber waren, räusperte mich unbehaglich und fühlte mich am falschen Ort.

Ich glaube einfach nicht, dass du solche Stuben magst, Gott. Warum solltest du? Ich glaube nicht, dass du es magst, auf harten Bänken zu sitzen, einer hinter dem anderen. Ich glaube nicht, dass dein Musikgeschmack vor 300 Jahren einfach stehengeblieben ist. Ich will auch nicht mehr hören, was ich mit 16 gehört habe. Man entwickelt sich ja weiter – und du doch auch, oder?

Vielleicht müssen wir dich retten, müssen die gute Stube entern und das Biedermeier rausschmeißen, die Fenster aufreißen und das Leben reinlassen! Du brauchst nichts vorbereiten, wir kommen einfach. Wir bringen mit, was wir haben, wir singen unsere Lieder, die auch nach

2000 Jahren noch von Sehnsucht erzählen, aber andere Namen für dich haben. Wir wollen dich – und wir wollen dich als einen von uns. Du sollst lebendiger sein als dein Abbild an der Wand.

Ich glaube, du willst das auch. Verzeih, wenn ich dich vereinnahme, aber die Geschichten erzählen davon, wie unglaublich alltäglich du mal warst. Hirte, Bauer, Bäckerin.

Heute gibt es kaum noch Schafherden, aber dich gibt es immer noch. Ich will keine gute Stube ordentlich halten, die nur noch an Feiertagen jemand betritt. Ich will in der Küche sitzen, wo das Leben ist, und ich will dort zuhause sein, mit dir und den anderen.

 

in: Mut ist Kaffeetrinken mit der Angst. 40-mal anfangen

 

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kleine Geräusche

das Knacken des Kandis beim Eingießen des Tees 

das Ziehen eines Bleistiftes auf Papier

das Tick-Tick einer Armbanduhr, die noch aufgezogen werden muss

das Knistern von Schaum im Abwaschwasser oder in der Badewanne

das Schmatzen des Watts bei Ebbe

das Knacken der Holzdielen in der Sonne

das Atmen des Windes

 

 

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Tag der Blockflöte

Am 10. Januar war der Tag der Blockflöte. Die Blockflöte ist ja nicht gerade ein vielgerühmtes Instrument. Noch seltener wird es geliebt. Mit einer Blockflöte gewinnt man keinen Blumentopf.

Ich habe mal eine ganze Weile Blockflöte gespielt. Niemand hat mich dazu gezwungen. Ich mochte es. Und als ich las, dass die Flöte einen eigenen Tag hat, erinnerte ich mich daran. Auch fragte ich mich, warum ich eigentlich aufgehört habe zu spielen. Klavierspieler werden verehrt, Gitarrenspieler geliebt, Cellistinnen bewundert. Fest steht: Mit einer Blockflöte werde ich niemanden beeindrucken können.

Ich fühlte mich ertappt. Als ob es darum ginge. Als ob es darum ginge, meine Freizeitbeschäftigungen danach auszuwählen, ob sie präsentabel sind. Mich in ein gutes Licht stellen oder für den Lebenslauf taugen, für die Timeline meines Social-Media-Profils oder zumindest als beiläufig eingestreutes Gesprächsthema auf einer Party. Eine Blockflöte macht mich leider nicht zu einem interessanteren Menschen.

Ich habe einen Freund, der sammelt Sand. Ich glaube er schaut sich dessen Zusammensetzung unterm Mikroskop an und freut sich darüber. Aber sicher bin ich nicht, er spricht nicht viel davon. Eine Freundin puzzelt gern. Nie würde sie das Werk an die Wand hängen, sie puzzelt so vor sich hin und wenn sie fertig ist, kommen alle Teilchen wieder in den Karton. Sie ist Anfang 20, ich schätze, auch dieses Hobby fällt nicht in die Kategorie „cool“. Mein Neffe sammelt Briefmarken. Nicht als Wertanlage, sondern weil ihm die Bilder gefallen.

Wegen solcher Geschichten ist der Tag der Blockflöte ein Akt des Widerstandes. Gegen die Inszenierung des Lebens, gegen den Trend, sich selbst als Gesamtkunstwerk mit möglichst vielen interessanten Facetten zu präsentieren. Puzzles und Briefmarken taugen nicht für Facebook. Sie geben nicht vor, cool zu sein oder zumindest witzig. Unwahrscheinlich, dass es in 2018 auf einmal einen Blockflöten-Hype geben wird.

Ich wünsche mir noch viel mehr solcher Tage: Den Tag des Malen-nach-Zahlen. Den Tag der Strickliesel. Der Patiencen. Des stinknormalen Kreuzworträtsels. Den Tag des unspektakulären Hobbies. Den Tag der vergessenen Sachen, die man mal gemacht, aber aufgegeben hat, weil sie nichts bringen. Keinen Ruhm, keine Aufmerksamkeit, keine Selbstverbesserung.

Ich muss jetzt aufhören. Ich will auf den Dachboden, meine Blockflöte suchen.

 

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Die Lücke lieben

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Nachts

Möglich, dass mir Gott eines Nachts im Traum begegnet. Es ist dunkel. Alles schläft. Draußen scheint ein Stern. Ich stehe an der Krippe und schaue hinein. Gott selbst liegt dort auf Heu und auf Stroh. Ich beuge mich hinab, um ihn anzusehen, da höre ich eine Stimme: „Gib mir einen Namen“, sagt sie, und die Stimme meint mich. Ich sehe Gott an und ich sehe die ganze Welt in seinem Gesicht und alles darüber hinaus. Ich kann mich nicht satt sehen. Was für eine Aufgabe, denke ich, kein Name scheint mir genug. Jesus, fällt mir ein, Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst, aber das alles trifft es nicht. Kein Name kann fassen, was ich sehe. Und schließlich denke ich: „Ach!“ Nur: „Ach!“ Das ist mein Name für Gott.

 

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To Do

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Worüber ich staune

Über etwas, das mich berührt. Manchmal berühren mich die Lichter im Regen. Mein Nacken ist feucht und der Wind fährt in jede Ritze. Ich repetiere die Einkaufsliste, die immer länger wird, je näher das Fest kommt. Und plötzlich sehe ich die Lichter. Es sind nicht mal die weihnachtlichen Lichter der Sterne in den Fenstern, es sind schlicht die Lichter der Autos, wie sie verschwimmen auf den nassen Gläsern meiner Brille, wie sie sich spiegeln in den Pfützen. Und ich staune. Dass ich etwas so Banales so schön finden kann.

Autos sind nicht romantisch. Sie schleudern Dreck in die Luft. Sie sind laut. Sie brauchen viel Platz. Und wenn man Pech hat, nehmen sie einem die Vorfahrt. In meinem vorweihnachtlichen Herzen ist eigentlich kein Platz für Autos. Da gehört Vanille hinein und Kerzenschein und das Lied vom leise rieselnden Schnee. Alle Jahre wieder schön. Aber zum Staunen bringt mich das nicht. Staunen lässt mich ein Moment, mit dem ich nicht rechne. Ein Gefühl, das eigentlich in einer ganz anderen Spur läuft als die Situation, in der es auftaucht. Staunen lässt mich etwas Schönes im Hässlichen. Etwas Zartes im Rohen. Helles im Dunkel. Ein plötzliches Gefühl von Geborgenheit am Rand einer vierspurigen Straße. Das ist das Wunder. Ein Baby im stinkenden Stall. Gott außerhalb der Himmel.

Ich habe mich schon immer gefragt, wie eine so rohe Geschichte wie die Weihnachtsgeschichte so romantisch interpretiert werden kann. Da ist ja nicht viel Schönes: Ein ungeplantes Kind, ein Esel, aber kein Haus, ein abweisender Wirt, ein kalter Stall, ein mordender König, eine Flucht ins Ungewisse. Nichts, wonach man sich sehnt. Und trotzdem eine Sehnsuchtsgeschichte. Vielleicht, dass alles gut werden soll. Wie im Märchen. „Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.“

Darauf hoffe auch ich. Ich will nicht aufhören, darauf zu hoffen, selbst wenn mich die Realität manchmal auslacht. Ich hänge selber Sterne ins Fenster. Ich binde einen Adventskranz und zünde die Kerzen an. Ich backe Kekse und singe Lieder, weil ich das mag und weil das auch eine Art von Geborgenheit ist. Aber der Weihnachtsmoment geschieht woanders. Ich kann ihn nicht planen und ich kann ihn nicht machen. Er geschieht da, wo ich mich aussetze. Er geschieht da, wo ich am allerwenigsten damit rechne. Er geschieht da, wo ich gerettet werde. An sechs Abenden eile ich nach Hause, frierend, müde, genervt. Am siebten Abend geschieht etwas und ich sehe plötzlich etwas, das ich vorher nicht sah. Ein Gefühl klopft an mein Herz und es liegt an mir, ob ich es hereinlasse. Oder ob ich bleibe im Vertrauten, Ärger und Nieselregen und Früher-war-mehr-Schnee.

Der Himmel trifft die Erde auf einer Ampelkreuzung um 16 Uhr 35. Dann ist Weihnachten.

 

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Was kommt

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Alletageregel

Einander groß machen.

Das Beste annehmen. Aus Fehlern Papierflieger falten.

Türen aufhalten, Letzte sein.

Das letzte Hemd oder den letzten Apfel teilen.

Freundlich miteinander reden. Der Neugier das Ruder überlassen,

das Wohlwollen mit ins Boot setzen.

Einander und aufeinander achten.

Höflichkeit lieben wie ein altes Großmütterchen,

und wissen, dass der Welt ohne sie etwas schmerzlich fehlen würde.

Manches nachsehen, auch wenn das Recht auf sein Recht pocht.

Viel lachen, gern lachen.

Für Gerechtigkeit sorgen und manchmal zurückstecken. Das Messer

in die Scheide, den Ärger in den Sand. Den Kopf draußen lassen.

Zuversichtlich sein, dass alles gut gehen kann.

Selber schon mal losgehen.

 

in: Sieben Tage Mut. Ein kreatives Mitmach-Heft

 

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Kleine Selbsterkenntnis

Ich bin die, die immer noch träumt. Ich bin die, die morgens vorm Spiegel steht und sagt: Los geht's, obwohl ich keine Ahnung habe, wohin. Ich zähl' die Tauben vorm Fenster und mache sie zu meinen Boten. Gurrendes Glück. Ich bin die mit der goldenen Schnur, aber was ordentliches Stricken kann ich trotzdem nicht. Ich mag Zartbitter lieber als Vollmilch, allein schon des Wortes wegen. Ich horche auf den Wind, das Heute und sein Geheimnis, und manchmal höre ich nur Heulen. Ich fürchte weder Gespenster noch Wölfe, und mitheulen werde ich nicht. Ich bin heute anders als gestern, nur manchmal habe ich vergessen, wer ich gestern war und wer ich morgen sein will. Dann ist ein guter Tag.

 

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Lieber Martin,

Angst vor der Hölle habe ich nicht. Da geht es mir anders als dir. Die Hölle ist aus der Mode gekommen. Feuerschlünde schrecken uns nicht, und der Teufel ist für die meisten nur noch eine Figur aus dem Märchen. Dass wir in der Hölle schmoren könnten, ist also eine Drohung, die uns kalt lässt. Angst haben wir trotzdem. Allerdings nicht vor dem Leben nach dem Tod. Wir bewegen uns gedanklich eher im Leben vor dem Tod. Du hast dich um das Jenseits gesorgt, wir sorgen uns um das Diesseits. Dass ein Gott gnädig auf uns herabsehen möge, das beschäftigt uns weniger. Aber gnädig angesehen werden, das wollen wir auch. Von Kollegen, von der Lehrerin, von Freunden und Bekannten, von unseren Facebookkontakten ebenso wie von den Leuten im Club oder den Zuhörern eines Vortrags. Wir wollen gemocht werden. Wir wollen dazugehören. Wir haben Angst rauszufallen aus der warmen Stube der Gemeinschaft, denn dann wären wir völlig allein. Und allein zu sein, das ist unsere größte Angst. In deiner Zeit war das ein seltener Zustand. Man hatte seine Familie oder man lebte im Kloster. Wer allein war, hatte entweder eine schlimme Krankheit oder das Pech, als Hexe gebrandmarkt oder in irgendeiner anderen Art ausgestoßen zu sein. Angst war zu deiner Zeit etwas sehr Existenzielles. Ich will nicht sagen, dass das heute nicht mehr so ist. Wir haben auch existenzielle Ängste, aber unsere Alltagsängste sind andere als deine. Es ist nicht die Hölle, die uns bedroht. Es ist die Leere. Ich sehe, wie du erstaunt guckst. Die Leere, könntest du sagen, was soll das denn heißen? Die Leere ist gefüllt durch Gottes Wort. Du setzt alles darauf: „Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen; auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort; das ist mein Trost und treuer Hort, des will ich allzeit harren.“ Ehrlich, das imponiert mir. Deine Sprache ist nicht meine Sprache, aber dass das Wort Kraft hat, das glaube ich auch. Kraft, die Welt zu verändern, meine Angst und mich. Ich kann der Leere Worte entgegen setzen, und deshalb habe ich einen großen Vorrat davon angelegt. Du kanntest wahrscheinlich Psalmen auswendig, Gebete, die zehn Gebote. Du wirst ein Ave Maria im Schlaf aufgesagt haben können. Die Bibel war deine Versicherung. Ich habe andere Worte, Lieblingslieder, Gedichte und, ja - auch ein paar Bibelverse. Ich habe eine Schatzkiste voll mächtiger Worte und wenn die Angst kommt, öffne ich sie. Dann flüstere ich ihr Worte ins Ohr, manchmal singe ich sie, manchmal schleudere ich sie ihr entgegen. Die Angst kann drohen, sie kann sich aufbäumen, sie kann sich wichtig machen, solange ich Worte habe, bin ich nicht verloren. Das ist etwas, das ich von dir gelernt habe. Dem Wort kann man trauen. Weil es der Anfang von allem ist. Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Wo Gott ist, nehme ich an, ist die Angst gut aufgehoben. Und ich bin es auch.

 

Deine Susanne

 

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Unterwegssegen

 

Nimm vom Himmel das Blau

und den Tau von den Wiesen

Nimm die Träume der Kinder

den Blick einer Kuh

Nimm die Sehnsucht der Gänse

nimm den Wind aus den Segeln

Lob den Tag vor dem Abend

und geh

 

Ich geh nochmal wandern...

 

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manchmal einfach Schwein haben

Für alle Geburtstagskinder, Anfänger, Lebenskünstlerinnen, Optimisten.

 

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10 Sachen, die man nicht allein machen kann

1. sich kitzeln

2. einen Gedanken mitteilen, den man selbst nicht kennt

3. sich selbst reanimieren

4. wippen

5. ein Kind

6. sich beerdigen

7. sich mit einem Spontanbesuch überraschen

8. sich segnen

9. synchronschwimmen

10. einen Kanon singen

 

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Nachtisch

Herr Wohllieb hasst Supermärkte. Woher soll man wissen,welche der 52 Nudelsorten die richtige ist? Es gibt verwirrend viele Gänge, die man alle durchstreifen muss auf der Suche nach einem Paket Reis. Am Ende liegen drei Tütensuppen und ein Sparschäler für Artischocken im Wagen, und man weiß nicht, warum.

Dennoch betritt Herr Wohllieb hin und wieder einen Supermarkt, weil er nicht verhungern will. Genauer gesagt: einmal die Woche.

Als er seinen Wagen durch die Reihen schiebt, verspricht ein Glas Apfelmus 20 Prozent mehr Inhalt, und von den Schokoladenriegeln gibt es einen zusätzlich gratis. Auch sein Joghurt hat zugelegt: »50 Gramm Extraschlemmen« befiehlt das Etikett. Da stutzt Herr Wohllieb, denn bisher entsprach ein Becher Joghurt der idealen Nachtisch-Menge. Vielleicht will ich ja gar nicht mehr, denkt Herr Wohllieb, weil mir dann schlecht wird. Ein Glas Schokocreme zum Beispiel reicht für genau drei Wochen, jedenfalls nach Herrn Wohlliebs Berechnungen. Was ich dann essen will, weiß ich noch nicht. Eventuell Hering in Senfsoße. Wer weiß schon, worauf er in drei Wochen Appetit hat? Wenn ein Glas plötzlich 40 Prozent mehr Inhalt enthält, müsste ich also mehr Schokocreme pro Tag essen. Und dann würde mir schlecht.

»Ja«, wendet Sophie ein, »aber stellen Sie sich vor, Sie erhielten plötzlich 40 Prozent mehr Leben. Das wäre doch nicht so schlecht …«

»Woher wüsste ich denn, wie es gemeint ist? Bedeuten 40 Prozent, ich bekäme zu meinen statistischen 78 Jahren weitere 31,2 Jahre dazu? Was, wenn mich in diesen 31 Jahren ständig Zahnschmerzen quälten? Und selbst wenn alles weiterginge wie bisher – wer sagt denn, dass Glück größer wird, wenn es länger dauert?«

 

aus: Herr Wohllieb sucht das Paradies

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Meine Stimme

 

Oma ging immer zur Wahl. Als Kind wollte ich wissen, was sie wählt. Das ist geheim, hat sie gesagt und ich dachte: Das muss ja was Aufregendes sein. Das wollte ich auch. Wie ja überhaupt Großwerden etwas ungeheuer Reizvolles hatte. Für Oma war das kein Spiel. Es war ihr Recht und ihre Pflicht und beides war groß. Groß genug, um im Sonntagsstaat ins Wahllokal zu gehen und ihr Kreuz zu machen. Meine Oma hatte schrumpelige Hände vom vielen Abwaschen und vom Kartoffelschälen. Politische Reden waren nicht ihre Sache. Aber sie war Bürgerin. Und sie hatte eine Meinung. Die vertrat sie alle vier Jahre mit ihrer Stimme. Ich bin jetzt groß und Oma ist tot und allein schon für sie gehe ich zur Wahl. Meine Stimme ist eine Stimme gegen Rechts.

Denn wie sollte ich ihr das erklären, wenn auf einmal wieder Rechte unser Land regierten?

 

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Morgen

Herr Wohllieb hat zwei Paar Schuhe. Ein grünes und eins für besondere Tage.

Das für besondere Tage sieht neuer aus.

Herrn Wohlliebs Mutter sagte immer:

»Was neu ist, muss man schonen!«

Und dann legte sie das just erworbene Küchentuch in den Schrank.

Als sie starb, lagen dort 71 unbenutzte Tücher.

Was soll man mit so vielen Küchentüchern?, denkt Herr Wohllieb ratlos.

Dann sieht er auf seine Schuhe hinab.

Es sind die grünen.

Morgen, beschließt er, trage ich die anderen.

Und dann wird das ein besonderer Tag.

 

aus: Herr Wohllieb sucht das Paradies

 

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Pause

 

.... mein Plan für

die nächsten Wochen. 

 

Am 17. September

geht es hier weiter.

 

Heitere Spätsommertage

für alle! Macht was draus.

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Hm.

 

In den Ritzen der Wörter

liegt der Sinn

zwischen Toastkrümeln

und Wollmäusen

Leg den

Staubsauger aus der Hand

 

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Morgengebet

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kleine Sonntagsbilanz

 

was ich brauche: Zeit. Verstecke. Sonne nicht zu selten. Verbindung. Schuhe, in denen ich wohnen kann. Jemand, der mich hält. Ein Polster aus Geld (um nicht mehr daran zu denken). Ausreichend Schlaf. Einen Stift, der gut schreibt. Eine Gesellschaft, in der niemand unterdrückt wird. Himmel. Ruhe. Bücher. Ideen. 

was ich nicht brauche: Fernseher. Die meisten Apps. Spaghettizange. Schuldgefühle. Rolltreppen. Flugzeuge. Fertiggerichte. Küsschen rechts und links. E-Bike (noch nicht). Nazis. Die AFD. Früher-war-alles-besser-Gläubige. Spinnen mit langen Beinen. Garantieforderungen. Weltraumflüge. Diese Kreuzung aus Grapefruit und Melonen. 

 

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Bolle und Gott

 

Bolle, sagt Gott, wir waren mal auf Du und haben am Lagerfeuer gesessen

und du hast mir erzählt, wovon du träumst

und haben Sterne geguckt

und Rio Reiser gesungen

und unser Haar war zerzaust

und du hattest ein Buch dabei und hast mir vorgelesen

und dein Herz pochte gegen meins

Bolle duckt sich ein bisschen, weil er spät dran ist

Nimm mich halt mit, sagt Gott

Geht nicht, sagt Bolle, das passt nicht

Weil Bolle jetzt Björn ist

Und Gott immernoch Gott

mit seinen Träumereien

ein bisschen Achtziger eben

Ach, Gott

denkt Bolle

 

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Anders

Liebe Randalierer, war das die andere Welt, die möglich ist? Die könnt ihr für euch behalten.

Verwüstet doch in Zukunft einfach euer Wohnzimmer. 

Liebe Menschen außerhalb Hamburgs,

Protest gab es auch in bunt - und wir waren mehr!

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Sonntagsengel

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Oh Mann! Oh Frau!

Es gibt jetzt eine Bibel für Frauen. Und eine für Männer. Weiß der Himmel, warum. An der Auswahl der Geschichten kann es nicht liegen. Wenn die Frauenbibel nur Frauengeschichten enthielte, wäre sie eine dünne Broschüre. Also muss es etwas anderes sein. Der Verlag schreibt, die Männerbibel greife Männerthemen auf: „Entscheidungen treffen, Arbeitsalltag, erfolgreiches Scheitern, Zeit, Sex, Geld, Alkohol, Sport“. Das Leben der Frau ist da überschaubarer. Ihre Themen sind zuerst „mit Sorgen zurecht kommen. Mutter, Tochter oder Single sein.“

Ich fasse zusammen: Der Mann ist erfolgreich (selbst, wenn er scheitert). Die Frau kommt zurecht. Der Mann definiert sich durch sein Tun (Arbeit, Sex, Sport). Die Frau durch ihr Sein (Mutter, Tochter, Single). Und damit auch dem letzten Dummchen klar wird, auf welche Seite es gehört, kommt die Männerbibel in stählerner Metalloptik daher und die Frauenbibel im rosaroten Blümchengewand.

Vielleicht denken Sie: Mir doch egal. Ich habe meine Bibel, und die hat Goldschnitt. Das ist geschlechtsneutral.

Ich glaube aber, es ist nicht egal.

Ich bin in den 70ern groß geworden. Da war auch nicht alles Gold. Aber erst recht nicht rosa. Meine Liebe zu Ringelpullovern führe ich auf ein grün-weißes Exemplar aus der Kindergartenzeit zurück. Pippi Langstrumpf war die damalige Prinzessin Lillifee und sie brauchte kein Krönchen. Hello Kitty wäre von Tom & Jerry zum Teufel gejagt worden. Ich wollte eine Weile Lastwagenfahrerin werden, weil ich es mir aufregend vorstellte, ein so großes Auto zu steuern.

Heute stecken weibliche Babys in rosa Stramplern, die später von rosa Schleifchen abgelöst werden. Lego gendert in rosarote Schlösser für Mädchen und Ninjakämpfer in blauen Kartons für Jungs. Unschuldige Zeiten, als alle zusammen Indianer oder Feuerwehr spielten. Den ersten Preis für sexistische Werbung hat eine Buchreihe zum Lesenlernen gewonnen. Jungs bekommen Piraten-, Polizisten- und Weltraumgeschichten. Bei den Mädchen strahlt eine Prinzessin mit ihrem Pferd um die Wette. Natürlich in rosa.

Und jetzt also die Bibel. „Ihr alle habt Christus als Gewand umgelegt. Es gibt nicht mehr Mann noch Frau.“ Das schrieb Paulus, der sicher kein Feminist war.

Aber es spielt einfach keine Rolle, welche Lieblingsfarbe Maria hatte. Dass Frauen sich ebenfalls für Sex interessieren, wird spätestens im Hohelied klar. Es gibt Frauen, die sind Richterin, Herrscherin oder Schurkin. David spielt Harfe und gibt gleichzeitig den Krieger. Während Judith erst brav in ihren Büchern liest, bevor sie ihr Volk befreit und Holofernes den Kopf abhaut. Ob sie das in einem rosa oder blauen Leibchen tat, ist nicht überliefert.

Ich persönlich trage rosa übrigens sehr gern. Bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts galt sie als typische Jungenfarbe. „Rosa“, schrieb damals eine amerikanische Zeitschrift, sei nun mal „die kräftigere und für Jungen geeignete Farbe.“ Noch so ein Klischee...

 

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Meditation

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

to be continued...

 

 

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Frühjahrsputz

 

alles aufgeräumt

Kopf neben Herz gelegt

das gibt Stress

 

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Lebenslauf des Scheiterns

Das eigene Leben, eine Erfolgsstory. Das gelungene Risotto. Der Halbmarathon. Die entzückenden Kinder samt Minisaxophonen. Retuschiert und in Farbe auf Facebook zu sehen. Toll, denke ich, während ich versuche, meine Strickjacke zu stopfen. Langweilig, denken sich die Macher des Museums des Scheiterns und präsentieren: Misserfolge. Weil in Wirklichkeit bis zu 90% unseres gesamten Tuns nicht klappt. Versuch und Irrtum eben. Nur, dass der Irrtum meist unter den Teppich gekehrt wird, weil er sich doof anfühlt. Johannes Haushofer ist Professor an der Universität Princeton. Er hat seinen Lebenslauf des Scheiterns ins Netz gestellt. Eigentlich wollte er damit nur eine Freundin aufmuntern, die eine Stelle nicht bekommen hatte. Die virale Resonanz war riesig. Als würden die Leute aufatmen, weil sie mit ihren Misserfolgen nicht allein dastehen. Klar: Bei einem Professor an einer Eliteuni hat viel geklappt. Aber vieles eben auch nicht.

Hier mein Lebenslauf des Scheiterns. Unvollständig, versteht sich.

  • Eine Zirkusvorstellung im zarten Alter von fünf. Wir hatten Einladungen für alle Nachbarn gemalt. Dann regnete es. Letztlich war das unser Glück, denn beim Üben des Programms, das zwei Stunden später stattfinden sollte, merkten wir: Wir können nichts, was annähernd nach Zirkus aussieht.
  • Im reiferen Alter von 15 fragte mich eine Freundin, ob ich Flöte spielen kann. Ich dachte: so schwer kann das nicht sein und sagte Ja. Ohne je einen Ton gespielt zu haben. Zwei Wochen später traten wir als Duo im Sonntagsgottesdienst auf. Gut, dass Kirchenbesucher barmherzig sind…
  • Beim Schafsitten hat sich ein Lamm erhängt. Das war ein sehr tragisches Scheitern. Übrigens nachdem zuvor die gesamte Herde ausgebüxt war. Als Schafhirtin tauge ich nicht.
  • Einer meiner ersten Aufträge, ein Text für das Magazin „Junge Soldaten“ wurde abgelehnt. Ich sollte über die Hölle schreiben. Offenbar tat ich das nicht plausibel genug.
  • Auch nicht von Erfolg gekrönt war das Seminar „Wir wollen doch nur spielen“. Anscheinend haben das alle wörtlich genommen. Es gab keine Anmeldungen.
  • Neben einer Kündigung, zahlreichen unbeantworteten Bewerbungen und einer Absage nach einem Vorstellungsgespräch für eine Stelle zur Prävention von Rechtsradikalismus war auch meine Karriere als Pizzafahrerin nach zwei Abenden beendet. Nach zahlreichen Beschwerden über kalte Pizzen wurde ich in die Küche versetzt.
  • Der Versuch, Faber Castell für das Sponsoring meiner Seminarbleistifte zu gewinnen, scheiterte ebenfalls (ich benutze trotzdem keine anderen!).

Meine Teilnahme an den Bundesjugendspielen lassen wir außen vor. Eine Kontaktanzeige brachte nicht den gewünschten Erfolg Mann. (Nein, jetzt brauche ich keine Zuschriften mehr.) Das Meldeverfahren der VG-Wort habe ich bis heute nicht verstanden (was mich quält. Ich dachte, ich sei schlau.).

To be continued.

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Im Himmel

Heute Morgen liegt eine Einladung in deinem Briefkasten. Kein Absender auf dem Umschlag. Du hältst ihn gegen das Licht, das Papier ist dick. Im Inneren liegt eine Karte. Du holst sie raus.

Himmel, steht auf der Karte. Herzlich willkommen!

Einen kurzen Moment bekommst du einen Schreck: Bin ich schon tot?

Nein, du bist nicht tot, ganz im Gegenteil, du fühlst dich lebendiger denn je.

Himmel liest du und denkst an Wellnesstempel und Wattewölkchen, an Himmelbett und Harfenklang.

Aber als du die Karte umdrehst, steht da etwas ganz anderes:

Himmel, hier und jetzt. Himmel, du bist mittendrinn.

Du wunderst dich.

 

Der Himmel ist mitten unter euch, sagt Jesus. Der Himmel ist hier.

Verstohlen blickst du dich um. Jemand hat Zwiebeln gegessen. Ein paar Drogis liegen draußen auf der Straße und du hast Angst um dein Portemonnaie.

Der Himmel ist hier.

In der UBahn musstest du stehen. In den Nachrichten hörst du die Krisen der Welt.

Der Himmel ist hier.

 

Wenn der Himmel hier ist, dann ist der Himmel auch in  Afghanistan. Der Himmel ist im Hauptbahnhof. Der Himmel ist im Käseladen, der Himmel ist im Krankenhaus. Der Himmel ist im Nachbarzimmer, der Himmel ist in Washington. Der Himmel ist in Buchenwald. Der Himmel ist im Internet. Der Himmel ist im Kindergarten. Der Himmel ist am Küchentisch. Der Himmel ist da.

Der Himmel ist die Möglichkeit: Nach oben offen.

Der Himmel ist anders als du denkst:

 

Der Himmel ist ein Feld, das darauf wartet, bestellt zu werden.

Der Himmel ist eine Wolldecke, keiner kriegt kalte Füße.

Der Himmel ist ein Augenblick. Nur die Wachen sehen ihn.

Der Himmel ist ein Apfelkuchen, jeder gibt ein Stück.

Der Himmel ist ein Sack voll Lose, und jedes ist der Hauptgewinn.

Der Himmel ist ein Hase, den der Schuss des Jägers nicht erwischt.

Der Himmel ist ein Kopfstand. Nur die Mutigen wagen ihn.

Der Himmel ist ein Gegenüber, das zum Miteinander wird.

Der Himmel ist ein Gedicht und du bist der Reim.

Der Himmel ist ein Engel, der an den Himmel erinnert.

 

Der Himmel auf dem Kirchentag 2017. Hansaviertel Berlin.

 

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Mauern stürzen

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, einander zu lieben.

Weil Liebe kein Gefühl ist, sondern eine Fähigkeit.

Weil Liebe süßer ist als Milch und Honig.

 

Der Himmel ist hier. 

Wenn ihr ihn hier nicht findet, findet ihr ihn nirgendwo.

Ich glaube daran, dass wir üben können, zu hoffen.

Weil Hoffnung keine Garantieleistung ist, sondern eine Verheißung.

Vielleicht wird es ganz anders als wir denken.

Vielleicht werden wir ganz anders als wir denken.

 

Der Himmel ist hier.


Wenn wir ihn hier nicht finden, finden wir ihn nirgendwo.


Ich glaube daran, dass wir träumen können.

Weil ein Traum immer der Anfang ist.


Lasst uns zusammen träumen von uns


Die wir sind


Und die wir sein werden


 

Wir sind ein Volk. 

Der Himmel ist: hier 

 

Wohnzimmerkirche am 8. November "Wenn Träume Mauern stürzen". 

 

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Mio sieht was

 

Mio kann Angst sehen. Angst ist orange, ein grelles, beißendes Orange. Mio sieht, wie Schnecken lachen. Er sieht auch, wie sein Kaktus auf der Fensterbank wächst. In einer Nacht im Oktober sieht Mio Gott, vielleicht träumt er auch, da ist er nicht ganz sicher. 

„Das macht keinen Unterschied“, sagt Gott, der einen Hut trägt und das wundert Mio, weil er sich Gott ganz anders vorgestellt hat.

„Das meiste, was man sich vorstellt, ist am Ende ganz anders“, gibt Gott zu bedenken und Mio findet, dass das auch wieder wahr ist. 

„Was willst du?“, fragt Mio.

„Dich“, sagt Gott.

Da ist Mio erstmal sprachlos, weil ihm das so direkt noch keiner gesagt hat. Sein Chef nicht, Merle nicht, nicht mal seine Mutter. Meistens ist es kompliziert, weil es meistens ein Aber gibt. 

„Ich habe dich ausgesucht“, sagt Gott.

„Wann?“, fragt Mio, weil er nichts davon bemerkt hat.

„Schon lange. Schon immer. Schon länger als immer.“

Jetzt würde Mio gern wissen, wofür Gott ihn ausgesucht hat. Aber er scheut sich, zu fragen. Wer weiß, was dann kommt. Wer weiß, ob er das will.

Dann fragt er doch. „Wofür?“

„Du sollst die Welt retten.“

Mio reißt die Augen auf. „Geht’s nicht eine Nummer kleiner?“

„Nein“, sagt Gott. „Bedaure.“

Mio sieht, dass er es ernst meint. Trotz des Hutes.

„Das kann ich nicht!“, ruft Mio. „Wer sollte denn auf mich hören? Ich bin zu jung. Sogar Merle sagt, ich bin sonderbar. Ich kann nicht reden. Jedenfalls verhaspele ich mich an den wichtigen Stellen. Ich habe keine Ahnung, wie man eine Krawatte bindet. Hast du mal geguckt, wie es aussieht da draußen? Die Trumpserdogansvaterlandsverteidigerdieplatzhirschediemeinmöchtegernpanzerdieichzuerst-dielügenpresseerfinderdiehauptsachekohlemacherdie– hast du die gesehen?“

„Darum ja", sagt Gott. "Einer muss ihnen sagen, dass es so nicht geht.“

„Aber nicht ich!“

„Doch!“

„Nein!“

Das Schweigen, das jetzt folgt, ist ein bisschen unangenehm. Die Luft ist orange.

„Hab keine Angst“, sagt Gott. „Ich bin ja bei dir.“

Mio atmet drei Mal ein und wieder aus. Dann atmet er ein viertes Mal. 

„Was siehst du?“, fragt Gott.

„Ich sehe die Nacht, den Schatten der Lampe, ich sehe deinen sonderbaren Hut, ich sehe eine leere Flasche Bier, den Kaktus und dass ich morgen sehr müde sein werde.“

„Sieh darüber hinaus. Was siehst du?“

Mio schluckt. „Ich sehe eine Welt, die tobt. Ich sehe ein Fass, das überläuft. Ich sehe einen brodelnden Kessel. Ich sehe Risse in der Fassade. Ich sehe Zeit, die abläuft. Ihre Füße sind wund. Ich sehe eine Axt im Wald. Ich sehe Menschen, die aufs Kreuz gelegt werden. Ich sehe Asche auf den Häuptern.“

„Ja“, sagt Gott. „Was siehst du noch?“

„Ich sehe einen Zweig, der blüht. Ich sehe Menschen, die tropfenweise das Feuer löschen. Ich sehe Liebende, die sich an einen Strohhalm festhalten. Ich sehe, wie einer eine Lanze bricht. Ich sehe einen Knoten, der sich löst. Ich sehe, Karten, die offen liegen. Ich sehe eine Schwalbe, sie bringt den Sommer. Sie bringt Freiheit. Sie bringt Alletagefrieden. Sie bringt Glück. Es nistet sich ein, überall, wo jemand das Herz öffnet.“

„Ja“, sagt Gott. „Erzähl davon. Vertrau dem, was du siehst.“

„Aber…“, sagt Mio.

Da berührt Gott Mios Lippen, das fühlt sich an wie ein Kuss und Gott legt Worte in Mios Mund, alle Worte, die man braucht. 

Ein Aber ist nicht dabei.

 

(Steht so oder so ähnlich bei Jeremia 1.)

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Was ich gern höre

Stille

die Nationalhymne nachts im Deutschlandfunk

die Europahymne, anschließend

Ich liebe dich

Ungesagtes

die Worte zwischen den Zeilen

meinen Namen

Kirchenglocken

den Ruf des Muezzin, wenn die Nacht weicht

das Gurgeln eines Baches

das Ping einer WhatsApp

Cellomusik

den Eröffnungstango der Nordischen Filmtage

das Knistern alter Schallplatten

Nebelhörner

 

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Hallo Eva,

du bist die Mutter der Neugier. Du willst Erkenntnis. Manche nennen das Sünde.

Ich glaube, sie nehmen dir übel, dass du sie aus ihrem kleinen Paradies vertrieben hast, in dem alles zusammenpasst und es keine Zwischentöne gibt. Zwischentöne sind ihnen unheimlich. Wie, wenn man es nachts im Wald knacken und wispern hört und nicht weiß, ob das Tier, das da ruft, gefährlich ist. 

Schlangen können gefährlich sein. Ich bin bisher nur auf Ringelnattern und Blindschleichen getroffen. Die tun nichts. 

Im Paradies gab es gefährlichere Schlangen. Eigenartig oder?

Ich nehme dir nichts übel. Bei mir brauchst du dich nicht zu entschuldigen. Ich glaube auch nicht, dass du naiv warst. Oder leicht verführbar. Womöglich hattest du einfach ein großes Grundvertrauen. Du hast den Worten der Schlange geglaubt, ihren Argumenten, mit denen sie ja gar nicht falsch lag. Deine Neugier eröffnete einen neuen Horizont, der weiter ist als ein Kindheitsparadies. Du gabst die Sicherheit eines begrenzten Raums zugunsten der Freiheit auf. Ich hätte es genauso gemacht. 

Ich weiß nicht, wie es sich im Paradies lebt, aber auf der Erde gefällt es mir gut. Ich trage deine Kleider auf, jene, die Gott euch damals gab, weil das Leben hier draußen manchmal ruppig und kalt sein kann. Sie halten immer noch warm. 

Mit deinem Wunsch nach Erkenntnis hast du eine Bewegung ausgelöst. So viele Menschen folgen dir. Sie stellen Fragen und suchen Antworten. Sie versuchen, Gut und Böse zu scheiden. Sie bauen hier auf der Erde am Himmel nach den Plänen deiner Erinnerung. Ich gehöre dazu.

Du hattest Mut, Gott kurz den Rücken zu kehren. Ich glaube, du wusstest, er wird nicht verschwinden, wenn du woanders hinguckst. Wenn du die Welt entdeckst. Gott ist gut darin, Rücken zu stärken. 

 

Viele Grüße von unterwegs, deine S.

 

(aus: Was machen Tagträumer nachts?)

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15 Uhr 03, Gleis 5

Als Gott am Bahnhof ankommt, hat die Blaskapelle gerade Aufstellung genommen und die Pfadfindergruppe "Kleine Füchse" ihre Wimpel ausgerollt. Der Frauenkreis hat fünf Kuchen gebacken, von denen einer vegan ist, weil man sich nicht einig war, wie Gott die Sache handhabt. Die einen sind der Meinung, Gott könne kaum Eier, also seine Schöpfung in spe, verspeisen. Das käme doch wohl einer Abtreibung gleich. Die anderen verdrehen die Augen. Am Himmel türmen sich Wolken, die den Bürgermeister besorgt abwechselnd nach oben und auf sein Manuskript blicken lassen.

Als der Zug einfährt, breitet sich eine heilige Stille aus. Nur die Räder quietschen. Dann öffnen sich die Türen. Eine Dame mit exzentrischem Hut steigt aus. Zwei Männer mit einem quengelndem Kind. Der Zugbegleiter, der sich schnell eine Zigarette anzünden will, davon jedoch wieder Abstand nimmt, als ihn die drohenden Blicke des Frauenkreises treffen. Weiterhin steigen aus ein Rucksackträger samt Hund und Frau Birkendahl, die das Wochenende bei ihrem heimlichen Geliebten verbracht hat und sich nun ertappt fühlt. 

Dann kommt niemand mehr. Der Bürgermeister sieht ratlos von einem zur anderen. Die Blaskapelle gibt zwei unsichere Töne von sich. Gott scheint keine Anstalten zu machen, sich zu erkennen zu geben. Der Hund sagt "Wuff". Das Kind ruft "alle einsteigen!" Die Dame lächelt. Der Frauenkreis ist enttäuscht, egal, wer von diesen Leuten Gott ist. Nur die Wolken zeigen sich unbeeindruckt und ziehen.

Gott sieht einer Taube nach, fühlt sich zu Hause und mischt sich unter die Leute.

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Wieder anfangen

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Gott im Fels

Einen Hochsitz gefunden, in den Fels gebaut. Wacholder duckt sich zwischen hellem Stein. Hier ist keiner, aber hier war mal einer. Der Bretterverschlag, aufgelöste Dachpappe und im Inneren eine Bank. Der Blick geht über Fichtenkronen. Nach unten Abhang. Wann hat einer wohl aufgehört zu kommen?

Jetzt treffen sich Rehe hier, auch ein paar Schmetterlinge sind da, wegen der Aussicht oder der lila Blüten, es hat sich herumgesprochen, dass sie köstlich sind. In letzter Zeit kommt auch Gott öfter her, er mag den Blick, besonders am späten Nachmittag, wenn die Sonne die Felsen milde macht. Mit den Felsen hat er immer gehadert, sie schienen ihm so schroff. Nie wusste man, woran man bei ihnen war. Versteinert ihr Blick und immer schwiegen sie. Nie, in all den Jahren nicht ein Wort. Lange nahm er ihnen das übel. Er fand, das hatte er nicht verdient. Die Schmetterlinge waren zutraulich, sie setzten sich auf seinen Arm. Immer fröhlich heiterten sie ihn auf.

Erst im Alter hat Gott die Felsen zu schätzen gelernt, hat sich mit ihnen versöhnt. Nicht angefreundet, das nicht, dafür bleiben sie zu fremd. Aber er hat begonnen zu ahnen, dass es welche geben muss, die einfach da sind und die bleiben, egal, was passiert auf der Welt.

Nach einer Weile steigt er wieder hinab, denn es wird Abend. Da sind sie Menschen nicht gern allein, und Gott ist es auch nicht.

 

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Lebenszeichen

Spiel

Die Erde ist rund, weil man mit runden Dingen besser jonglieren kann. Ich glaube, Gott ist ein Jongleur, ein ziemlich guter noch dazu. 

Ich habe es auch schon probiert und übe noch. Mir gefällt der Gedanke, niemanden fallen zu lassen. 

 

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Draußen

 

Ich mit dir 

In einem Boot

 

Du zaust die Bäume

Schickst Adler los

Und waghalsige Träume

 

Wir schlafen Haut an Haut

Nur eine Zeltwandweit getrennt

 

Ich werfe meine Netze aus

Angle nach dem Unerreichbaren

Mit Geduld

 

Du lehrst mich barfuß zu vertrauen

Mein Herz ist eine begierige Schülerin

 

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Fragen des Tages

1. Fühlt sich das Glück bei dir wohl?

2. Was hält dich wach?
3. Ist die Inspiration eine Diva?

4. Was hilft?

5. Was verschenkst du?

6. Wann ist das Bekenntnis zu Schwäche eine Ausrede?

7. Könnte Schlaf eine Lösung sein?

8. Willst du das wirklich oder freust du dich nur, gefragt zu werden?

9. Wie schnell muss dein Herz klopfen, damit du dich einlässt? 

 

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Himmelfahrt für alle Tage

Der Himmel ist anders als du denkst.

Der Himmel ist ein Feld, das darauf wartet, bestellt zu werden.

Der Himmel ist eine Wolldecke. Keiner kriegt kalte Füße.

Der Himmel ist ein Augenblick. Nur die Wachen sehen ihn. 

Der Himmel ist ein Apfelkuchen. Jeder gibt ein Stück.

Der Himmel ist ein Sack voll Lose, und jedes ist der Hauptgewinn. 

Der Himmel ist ein Hase, den der Schuss des Jägers nicht erwischt.

Der Himmel ist ein Kopfstand. Nur die Mutigen wagen ihn. 

Der Himmel ist ein Gegenüber, das zum Miteinander wird. 

Der Himmel ist ein Gedicht, und du bist der Reim.

Der Himmel ist ein Engel, der an den Himmel erinnert.

Der Himmel ist die Möglichkeit: Nach oben offen.

 

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Liebes Europa,

 

wenn ich dir schreibe, dann schreibe ich 500 Millionen Menschen. Das ist nicht so leicht, weil ich nicht alle dieser Menschen kenne, nicht mal auf einen Kaffee. Ehrlich gesagt, glaube ich auch, ich würde nicht alle mögen. Wahrscheinlich würde es bei so einem Kaffeetrinken ziemlich schnell Streit geben. Spätestens, wenn wir bei der Politik ankommen, würde es laut. Das kenne ich schon von den Weihnachtsfeiern meiner Kindheit. Und da saßen gerade mal zwei Dutzend Menschen an einem Tisch. Trotzdem haben wir uns jedes Mal wiedergetroffen. Verrückt, nicht?

 

Was auch verrückt ist: Ich finde dich wunderbar. Den finnischen Eigenbrötler oben in Karelien, die französische Bäckerin, mit der ich nur radebrechen kann, auch die Zyprioten, von denen ich noch nie einen getroffen habe, möchte ich nicht missen. Sind halt wie entfernte Cousinen, die kennt man auch nicht alle. Und weißt du, was das erstaunliche ist? Trotz aller Unterschiede raufen wir uns, so lange ich lebe, immer wieder zusammen. Das macht Familie aus. Man muss nicht jeden liebhaben. Aber nur, weil man einen nicht mag, das ganze aufs Spiel setzen?

 

Liebes Europa, manchmal bist du wie eine pingelige Tante. Dann nervst du mit deinen Vorschriften und Bestimmungen. Aber im Herzen bist du eine Romantikerin. Das sieht man schon an deinen verspielten Sternchen. Du bringst Kanelbullar und belgische Pommes auf den Tisch, griechischen Joghurt, Dresdner Eierschecke und polnische Piroggen. Genug für alle, das Teilen üben wir noch. 

Ich bin auch Romantikerin. Das ist nicht das Schlechteste: Wenn Liebe im Spiel ist, ist man eher bereit, zu ringen. Nicht aufzugeben, nur weil es mal nicht so gut läuft.

 

Und deshalb, liebes Europa, halt durch. Ich bin auf deiner Seite.

 

Deine Susanne

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Theologie der verständlichen Worte

 

 

Ich liebe dich.

 

 

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(Keine) Randnotiz

Wir fahren über die Grenze, die keine Grenze mehr ist. Die Bäume gleichen sich, aber im Hotel gibt es Schokostreusel zum Frühstück. 

Abends löffeln wir unsere Suppe; 16 Deutsche an einem Tisch, an den Nachbartischen Niederländer. Alle legen um Punkt acht ihr Besteck zur Seite und schlucken: Stille im ganzen Land. Zwei Minuten Gedenken der niederländischen Opfer im Krieg. 

Was für eine Gnade, denke ich, dass wir das zusammen tun können. Opa hat das Land besetzt, und ich bekomme Tomatensuppe.

Das ist Frieden. Wie dankbar ich dafür bin.

 

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Aufstand

                        Als Klappkarte auf editionahoi

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Vor Ostern

In diesen Nächten

rufst du mich hinaus

In diesen Nächten

schläft die Eule

und der Dämon ruht

In diesen Nächten

wehen die jungen

Buchenblätter

und die Luft schmeckt

nach Werden

 

 

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Scheiter heiter!

Sterben kann jeder. Es ist nichts Besonderes, da nützt auch kein Mahagonisarg, kein Staatsbegräbnis, kein weises letztes Wort. Der Tod ist ein Totalversagen. Und ein Gott, der stirbt – naja. Jedenfalls ist er kein Held.

Ich bin auch keine Heldin.

In der vierten Klasse sollten wir unser Lieblingsbuch mitbringen. Stolz legte ich einen Band Donald Duck auf den Tisch. Ob ich denn nichts anderes lese, fragte meine Lehrerin säuerlich. Doch, stammelte ich, was eine glatte Lüge war. Anderes begann ich erst später zu lesen. Donald, Dagobert, Tick, Trick und Track blieb ich trotzdem treu. (...)

Donald ist mein Held, eben weil er kein Held bist. Er ist die menschlichste aller Enten. In ihm finde ich mich wieder, irgendwo zwischen Kleinmut und Größenwahn. Seine Übertreibungen lehren mich Selbstironie. Ständig stolpert Donald über seine kurzen Beine und seine eigenen Ideale. Er ist cholerisch, lächerlich, gewöhnlich. Keine seiner Fähigkeiten ist besonders ausgeprägt. Donald weiß, was Sinnkrisen sind. Er weiß, wie es ist, „ein Niemand, der allernichtigste Niemand in ganz Entenhausen“ zu sein. Ach Donald, du wirst es nie zu etwas Großem bringen. Dennoch lässt du dich nicht unterkriegen: „Heut morgen ist mir die Zunge in den Rührfix gekommen, gestern Abend ist mir das Seifenpulver in die Rühreier gefallen und vorgestern ... na ja!“

Trotzdem gibt er nicht auf. Donald ist ein Stehaufmännchen.

Jesus auch.

Die Verehrung eines Gekreuzigten hat dem Christentum viel Spott eingebracht. Die erste bildliche Darstellung ist ein römisches Graffito aus dem 2. Jahrhundert. Es stellt einen gekreuzigten Esel dar, versehen mit der Unterschrift: „Alexamenos betet seinen Gott an“. Götter hatten glorreich zu sein. Helden eben. Und nun tauchte einer auf, der durch die schändlichste aller Todesstrafen starb. Nur Nichtrömer und Sklaven durften gekreuzigt werden. Warum sollte man an so einen Gott glauben? Warum sollte man einem Gott vertrauen, der in seiner Mission scheitert? Der jämmerlich und hilflos ausgeliefert ist? Ein Gott, der aufs Kreuz gelegt wird?

Im Laufe der Jahrhunderte haben viele Künstler versucht, die Sache geradezubiegen. Sie haben Jesus am Kreuz einen schönen Körper gegeben. Manchmal hat er ein Sixpack, Bauchmuskeln von denen andere träumen. Aber auch, wenn sein Körper ausgemergelt ist, bleibt er ästhetisch. Scheitern ist okay, solange es nicht zu unappetitlich aussieht. Wer will sich schon Sonntag für Sonntag einen Verlierer anschauen? Das wäre eine Zumutung.

Ich glaube, genau das ist es auch. Ein jämmerlicher Gott ist eine Zumutung, weil er in Abgründe zieht. Er zeigt, was Menschsein heißt. Wir sind keine Helden. Wir sind Scheiternde, mal verschuldet und mal unverschuldet. Mal alltäglich und mal existenziell. Mal brennen die Bratkartoffeln an und mal geht eine Beziehung in die Brüche. Immer bleibt Gott an unserer Seite...

 

gesendet in: Deutschlandfunk, Am Sonntagmorgen. Den ganzen Text zum Hören oder Lesen gibt es hier.

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Liebe Höflichkeit,

 

Sei ehrlich: Ehrlichkeit ist nicht deine Stärke. Du willst nicht authentisch sein. Über dein „wahres Ich“ denkst du nicht nach. Du nimmst dir nicht die Freiheit, jemanden zu mögen oder nicht zu mögen und ob dir eine Begegnung etwas bringt, ist keine Frage für dich. Du bist selbstlos. Im wahrsten Sinn des Wortes. Du berechnest nicht und rechnest dich nicht. Du dienst. Ziemlich altmodisch. Wahrscheinlich wurde dir schon oft geraten, mehr auf dich zu achten. Gefühle zu zeigen. Jemanden abzuweisen. Aber das tust du nicht. Du behandelst alle gleich. Du wünscht jedem einen Guten Morgen und sagst „angenehm“ auch dann, wenn dir der vorgestellte Herr Kunzelmann gar nicht angenehm erscheint. 

Das liebe ich an dir. Deinen Großmut. Du baust ein Gerüst, das stabil bleibt, auch wenn Sympathie und Frieden, Geduld und Verständnis wanken. Du erinnerst daran, dass jeder ein Mensch ist. Und darin, vielleicht nur darin, sind alle gleich. Du hältst auch einem Betrüger die Tür auf. Einem Heiratsschwindler wünschst du Gesundheit und selbst deine Antwort auf den übelsten Hetzbrief beginnst du mit „Sehr geehrte“. Du hältst Maß, wo ich mich nicht mehr mäßigen kann. Du gibst meinen Inhalten eine Form. Dabei redest du mir meinen Zorn nicht aus. Du leihst ihm nur deinen Mantel. 

Ich ahne, dass du manchmal aufgeben willst. Dass du dich fremd und unerwünscht fühlst. Dass du dich in schlaflosen Nächten fragst, ob jene nicht doch Recht haben, die behaupten, du seist überflüssig, ein Relikt vergangener Zeit. Lass dir das nicht einreden. Ich glaube an dich. Wir brauchen dich, wenn wir uns nicht zerfleischen wollen.

Halt durch!

 

Deine S.

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Vor dem Aufbruch

 

 

Auf dem Rollfeld warten Schmetterlinge. Das Licht ist sehr hell, wie auf einem Polaroid, das einem gewöhnlichen Ort etwas Unwirkliches gibt. Wind kommt auf. Er treibt Staub vor sich her. Die Flügel der Schmetterlinge zittern. Die Stille rauscht in meinem Ohr. Wenn das ein Traum wäre, würde jetzt etwas geschehen, ein Dinosaurier würde auftauchen oder ein Popcornverkäufer oder die Passagiere würden an Gate 6 gebeten. Daran, das nichts passiert, merke ich: dies ist kein Traum. Die Schmetterlinge warten. Ich warte. Wenn sie aufflögen, denke ich, würde der Himmel eine Blumenwiese. Dann würde ich aufbrechen. Ich versuche, nicht zu blinzeln, um den Augenblick nicht zu verpassen.

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Bedienungsanleitung

Manchmal wäre eine Bedienungsanleitung für Menschen hilfreich. Wie tickt eine? Welche Schwachstellen hat er, wo ist Vorsicht geboten? Ivar Kroghrud hat genau das gemacht. Er ist einer der erfolgreichsten Gründer und IT-Unternehmer Norwegens und hat eine Bedienungsanleitung für sich selbst geschrieben. Super Idee, finde ich. 

 

Bedienungsanleitung für MICH

 

Morgens ab 6 Uhr betriebsbereit, bei ausreichendem Schlaf auch früher.

Ab 22.30 Uhr in den Ruhemodus fahren, in Ausnahmefällen ist eine längere Betriebsdauer möglich.

Bitte vor Lärm und großer Hitze schützen, Feuchtigkeit fügt keinen Schaden zu (Regenschutz ist vorhanden).

Kann standardmäßig reden, schreiben, Kürbiscurry kochen und ein Zelt aufbauen. Selbstlernend, Erweiterung der Fähigkeiten möglich. 

Nicht kompatibel mit Großmäulern und Duckmäusern. 

Bei Störungen gern nach Ursachen fragen.

Gutes Zureden kann hilfreich sein.

Regelmäßige Gaben von Pfefferminzschokolade erhöhen die Zufriedenheit.

Grundeinstellung: Zuversicht.

Bei plötzlich auftretender Antriebslosigkeit bitte einschicken an: Nordseeinsel Spiekeroog, Düne 3.

 

in: Wandeln. Mein Fastenwegweiser 2019, Andere Zeiten

 

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Momentaufnahme

 

 

 

 

 

 

 

 

außen

sonne innen

ist es wild

smarties auf holz wie

doppelpunkte

                                   Schreibwerkstatt mit Elfchen

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Ahoi! Alaaf! Helau!

Füße hoch!

Wisst ihr, was Luxus ist? Vergesst teure Autos und Schnürsenkel aus Schlangenleder. Ob das Schnitzel in Blattgold gewickelt ist, ist mir schnuppe. Ich brauche kein Privatjet, weil ich sowieso nicht gern fliege. Verliebt sein kann man genauso gut im Bus und bei Liebeskummer hilft auch keine Limousine. 5-Sterne-Hotels lassen mich kalt, meinen Urlaub verbringe ich am liebsten im Zelt, allerdings einem, das dichthält, das ist auch schon ein Luxus. Aber den meine ich nicht. 

Luxus ist ein Mittagsschlaf. Sich am helllichten Tag aufs Sofa zu legen und sanft davongetragen zu werden in einen Zustand zwischen Wachsein und Traum. Sich nicht gemeint fühlen von den Alltagsgeräuschen, sondern selig schlummern. Schon das Wort „schlummern“ erzählt von der Süße dieses Zustandes. Wer schlummert schläft nicht, wer schlummert trägt keinen Pyjama, wer schlummert, schlüpft nur kurz aus dem Getriebe des Alltags hinaus. 

Als ich Kind war, schlossen die meisten Läden um 12 Uhr 30, die Welt roch nach Erbseneintopf und Blumenkohl, und im Treppenhaus musste man jetzt leise sein. Wehe, wer es wagte, eine Tür zu knallen. Bis 15 Uhr war Mittagsruhe, sehr zum Leidwesen der Kinder. Wir schlichen auf Zehenspitzen durch die Wohnung, wussten nichts mit uns anzufangen und niemand war da, der uns bespaßt hätte. Der Vater meiner besten Freundin kam mittags nach Hause, aß zügig, um sich dann zwanzig Minuten aufs Sofa zu legen. Anschließend fuhr er zurück an seinen Schreibtisch. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, was daran erstrebenswert sein sollte. Manche Genüsse lernt man eben erst mit dem Alter zu schätzen: Bitterschokolade, Pampelmusen, Sonntagsspaziergänge, geputzte Schuhe. Und den Mittagsschlaf. Sich ausklinken. Die Füße hochlegen. Nicht ansprechbar sein. Mitten am Tag das Tagwerk unterbrechen.

Das ist Luxus. Es ist auch ein Akt der Unverfügbarkeit, und ich glaube, solche Momente brauchen wir immer nötiger. Sie sind Lücken, durch die das Unvorhersehbare schlüpft. Entspannung und Ruhe sowieso, auch Freiheit jenseits der Betriebsamkeit und der Unabkömmlichkeit, eine Freiheit jenseits der persönlichen Produktivität. Es ist, als würde man eine dieser alten Schultafeln wischen, vollgeschrieben mit Formeln, Gedanken, Notizen, bevor die nächste Stunde beginnt. 

Jede dritte Frau und jeder vierte Mann würden Umfragen zufolge gerne Mittagsschlaf halten, wenn es denn möglich wäre. So wird der „Powernap“ zumindest in Zeitschriften gepriesen – aber Powernap: Das klingt ja schon wieder nach Anstrengung und Leistung, so, als müsste ich für meinen Mittagsschlaf Laufschuhe anziehen. Den meisten bleibt die Sache irgendwie peinlich: Ein Mensch, der tagsüber schläft – und das auch noch öffentlich – kann doch eigentlich nur ein Faulpelz sein. Es müsste viel mehr Sofas, Bänke, Hängematten, Ohrensessel, Liegen, Kissen geben und Mutige, die sie benutzen. Handy stumm, Augen zu, Kopf in den Standbymodus. Ein Traum!

 

So geht’s:

„Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und bis tief in die Nacht arbeitet und das Brot der Mühsal esst. Den Seinen gibt es Gott im Schlaf.“ Psalm 127,2

 

in: Welt der Frauen 3/2019

 

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Erleuchtung

Als ich gestern in der Kirche saß, schien die Morgensonne in mein Gesicht. Ich roch den leichten Cremegeruch auf meiner Haut, während ich sang. Alles war hell und freundlich. Die Kerzen flackerten in der Sonne, was für ein Überfluss an Licht. Plötzlich fühlte ich mich genau richtig. Nichts zwickte, kein Gedanke stellte sich quer. Und ich dachte: Wie oft passiert das eigentlich, dass alles passt; dass du dich dort, wo du bist, gerade richtig fühlst?

 

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Jagen

Gott streifte durch die Welt, ein irrer Zickzackkurs von Trondheim nach Aserbaidschan, vom Après-Ski in die Stille der Klöster,

in U-Bahnen, auf Feldwegen, zu den Stränden der Seychellen.

Ich konnte ihm nicht folgen, eine Weile versuchte ich es, immer außer Atem, das war kein Leben. 

Eines Tages stand ich traurig am Gleis, ich denke, es war ein Mittwoch. Eine Taube jagte einer störrischen Pommes hinterher,

und ich gab auf.

Ich stieg in die nächste Bahn und fuhr nach Hause. 

Die Leere dort ängstigte mich. Doch nach ein paar Tagen lag die erste Ansichtskarte im Briefkasten.

Palmen waren darauf zu sehen, es folgten Gipfelkreuze, Lavendelfelder.

Und innige Grüße, immer innige Grüße.

 

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Nimm die Härte von deiner Stirn

Nimm die Härte von deiner Stirn. Sag "Ich weiß nicht" auch wenn das schwer auszuhalten ist. Denk trotzdem weiter. Weich sein heißt nicht, schwach zu sein. Erinnere dich, was deine Großmutter dir beigebracht hat oder der Religionslehrer oder vielleicht hast du es auch in einem dieser Lebensratgeber gelesen: Liebe deinen Nächsten, und wenn du nicht lieben kannst, dann begegne jedem Menschen wenigstens mit Respekt. Weil alles, was du denkst und fühlst auch auf dich zurückfällt. Dein Zorn und dein Hass trifft nicht nur die anderen, er lässt auch dich selbst nicht kalt. Lass dich von ihm nicht zerfressen. 

Du bist ein freundlicher Mensch, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt. Lach der Enttäuschung ins Gesicht. Vielleicht heitert sie das auf. Die Gute hat es schließlich auch nicht leicht. Sei nachsichtig. Mit dir und mit den anderen, nicht immer, aber immer wieder. 

Hör nicht auf, daran zu glauben, dass jeder sein Bestes versucht. Manche scheitern öfter. Verständnis zu haben, heißt noch lange nicht, alles gutzuheißen. Gib die Suche nach der Wahrheit nicht auf. Glaub nicht jeder Schlagzeile, die Welt lässt sich nicht in schwarz und weiß aufteilen. Nicht mal du selbst bist schwarz oder weiß. 

Lerne mit dem Zwiespalt zu leben. Nimm dich an, wie Gott es schon tut.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2:  hier zum Hören

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Was machen Tagträumer nachts?

Was machen Tagträumer nachts? Warum scheint der Hinweg immer weiter als der Rückweg? Fürchtet die Dunkelheit das Licht oder sehnt sie sich danach? Wie heißt das Tuwort von Frieden? Wäre es eine Befreiung, unfrei zu sein, weil wir dann aller Entscheidungen enthoben wären? Der wievielte Tropfen macht aus einer Pfütze einen See? 

Wisst ihr noch, wie es sich anfühlte, als das Leben aus tausend Fragen bestand? Als unsere Kinderaugen die Welt entdeckten? Dann wurden wir groß, fingen an, über Steuererklärungen und Mülltrennung nachzudenken und die Fragen verschwanden. Aber vielleicht sind es gar nicht die Fragen, die nicht mehr da sind, sondern unser Kinderherz, das verschwunden ist. Das neugierig die Welt betrachtet und noch alle Antworten für möglich hält.  Suchende sollen wir sein, nicht Sichere. Lasst uns die Welt staunender verlassen, als wir sie betreten haben. Bleibt dem Geheimnis auf der Spur, nicht jedem Nachrichtenschnipsel. Folgt den Fragen und nicht den Antworten, die verführerisch und leicht verdaulich ins Netz locken. Lasst euch nicht einfangen. Taucht tiefer. Gott hat die Sehnsucht in unser Herz gelegt, nicht die Sicherheit.

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Im Januar

Im Januar fühle ich mich wie aus dem Nest geworfen. Zu früh, unvorbereitet, draußen wird es noch immer vor Abend dunkel, keine Blume wagt sich ans Licht, nur ich soll voller Tatendrang einen neues Jahr beginnen, 5 Kilo abnehmen, ein Buch schreiben, für den nächsten Halbmarathon trainieren (weil das jetzt alle tun), tanzen, zeichnen oder das Badezimmer streichen, während die Räume merkwürdig kahl aussehen, so ohne Lichterketten und Kerzenschein. Der Weihnachtsbaum liegt im Rinnstein, keine Sentimentalitäten. Das Leben geht weiter, fast forward. Dabei fühle ich mich im Winterschlafmodus, die Welt kann gern im März wieder anklopfen. Bis dahin würde ich gern einschneien, nicht so dramatisch, wie im Süden, gerade nur soviel, dass alles still und gedämpft ist und angenehm hell. Januartage machen keinen Lärm. Von Natur aus nicht. Sie schweigen vielversprechend. 

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WG gefunden

Ich lebe mit Papst Franziskus zusammen. Leider auch mit Putin. Wir sind einander noch nie begegnet, aber wir leben gemeinsam in einer ziemlich großen WG. Die nennt sich Welt. Wir haben noch viele weitere Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Nicht alles klappt reibungslos, der eine vergisst notorisch, den Müll rauszubringen, der andere kippt seine Schwermetalle ins Meer, und so richtig saubergemacht wurde schon lange nicht mehr. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass WGs dauernd lustige Partys feiern, gibt es einige, die ständig wegen irgendwas beleidigt sind und nicht mitfeiern. 

Dennoch würde ich niemals ausziehen. Es sind so viele interessante Leute dabei und wir gestalten unser Haus, jeder in seinem Zimmer und manchmal gemeinsam in der Küche. 

Klar, gibt es Großmäuler und ein paar fiese Gestalten sind auch dabei. Aber die gibt es überall. Eine starke Gemeinschaft fängt das auf. Trotz aller Gegensätze gehören wir doch zusammen! Wir atmen dieselbe Luft. Wir rechnen mit denselben Zahlen, unsere Träume schweben in einem Raum, und es ist ein Himmel, der sich über uns spannt. 

Unser Vermieter lässt sich übrigens selten blicken. Er scheint darauf zu vertrauen, dass wir verantwortungsvoll mit seinem Eigentum umgehen. Sein Name ist Gott, einfach Gott; ich weiß nicht mal, ob er ein Mann oder eine Frau ist. Am Ende, wenn ich ausziehe, wird es ein Abnahmeprotokoll geben. Damit der nächste einziehen kann, ohne das totale Chaos vorzufinden.

 

Gesendet in "Moment mal" auf NDR 2.
Hier auch zum Anhören: https://www.ndr.de/ndr2/Moment-mal,audio471970.html

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Frohe Weihnachten!

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Advent

Geh ins Dunkel

stell dich ins Licht

Die drinnen bleiben

finden nicht

 

Sing dein Lied

sieh nach dem Stern

Vielleicht liegt das Wunder 

nicht fern

 

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Funkeln

 

Ich glaube nicht an Sternschnuppen, trotzdem wünsche ich mir heimlich was, wenn eine fällt. Dass der Nikolaus nachts von Tür zu Tür geht, widerspricht meiner Erfahrung. Trotzdem schaue ich jedes Jahr verstohlen in meine Schuhe. Dass Schnee auch nichts Anderes als gefrorenes Wasser ist, weiß ich. Trotzdem stelle ich mir vor, jemand streut Kristall über die Dächer. Dass die Lichter, die sich im Dunkel des Morgens in den Pfützen spiegeln, nur Ampeln und Autoscheinwerfer sind, sehe ich. Trotzdem verzaubern sie den Asphalt. Dass der Advent auch nur eine Kulisse ist vor den Baustellen der Welt, sagen manche. Trotzdem funkelt was.

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Ewigkeitssonntag

"Weißt du, was Gottes erstes Wort war?", fragt Opa.

Er kennt lauter Geschichten aus der Bibel. Er hat sie mir alle erzählt. Papa findet das blöd. "Setz dem Kind nicht solche Flausen in den Kopf", sagt er. "Wir leben im 21. Jahrhundert." Opa hat ihm entgegnet, dass diese Geschichten zum Allgemeinwissen unserer Kultur gehören. Ich weiß nicht, was das ist. Aber ich mag die Geschichten.

"Gott sagte ›werde‹." Opa macht eine Pause. "Das ist sein wichtigstes Wort. Es werde Licht. Es werde Land. Es werden Tiere. Und es werden Menschen. So geht es immer weiter. Die Welt ist nicht fertig. Neues kommt. Altes geht. Damit dann wieder Platz für Neues ist. Deshalb müssen wir alle sterben."

Opa ist sehr klug, glaube ich.

"Hast du dein ganzes Leben daran gedacht?"

"Nein", brummt er. "Das darf man auch nicht. Manchmal musst du den Tod aussperren. Du sagst ihm: 'Ich weiß, dass du kommst, aber nicht jetzt.' Und dann spielst du eine Runde Schach oder heiratest ein Mädchen. Während solcher Dinge soll man nämlich an nichts Trauriges denken. Aber ganz vergessen darfst du ihn auch nicht. Er gehört zum Leben."

 

aus: Wie lang ist ewig? Geschichten über das Leben und Davongehen

 

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Übrigens

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Gott 

 

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Manna to go

Als Gott in die Küche kommt, sind zwei Engel gerade dabei, den Herd abzubauen. „He“, ruft Gott, „was tut ihr da?“ Küchen sind nicht mehr in Mode, klären die Engel ihn auf. Zwar gibt es Kochshows wie Salz im Meer, aber das echte Essen wird jetzt einfach bestellt. „Ist praktischer so“, sagt der Engel. Küchen werden jetzt als Zeilen gebaut. In den Wohnraum integriert. Jeder, der schon mal Hering gebraten hat weiß, dass er den Geruch nicht im Wohnzimmer haben will. Aber für Hering sind die Restküchen sowieso nicht gedacht. Allenfalls für eine chromblitzende Kaffeemaschine, die sprotzend den morgendlichen Macchiato ausspuckt. „Aber“, stottert Gott, „wer backt mir dann das Manna? Und die Wachteln müssen auch in den Ofen!“ Die Engel halten ihm einen Prospekt entgegen. „Kannst du bestellen. Pizza, Pasta, Couscous-Salat, Manna. Wird alles geliefert.“ Gott wischt den Prospekt beiseite. Er will kein geliefertes Manna, und auf eine Küche verzichten will er auch nicht. Da müsste er ja die ganze Bibel umschreiben. In Zukunft hieße es dann nicht mehr: „Das Himmelreich ist wie ein Sauerteig“, sondern „Das Himmelreich ist wie Lieferando“. Verpackt in drei Lagen Styropor, lauwarm und pappig. 

„Sieh“, versucht es der redegewandtere Engel, „es ist doch viel besser so. Die Menschen haben weniger Arbeit. Insbesondere die Frauen. Die Abschaffung der Küche ist also genau genommen ein Beitrag zum Feminismus!“ Der Engel gratuliert sich innerlich zu diesem genialen Einfall. „Ach Unsinn“, wischt Gott das Argument beiseite. „Als ob es besonders fortschrittlich wäre, nicht mehr für das eigene Essen sorgen zu können! Was kommt als nächstes? Ein mobiler Duschservice? Eine Erinnerungs-App, dass der Mensch sich bewegen soll, weil er genau dafür diese Dinger namens Beine hat?“ Gott hat sich ziemlich in Rage geredet, und der Engel verzichtet lieber auf den Hinweis, dass es so etwas längst gibt. „Versteht ihr denn nicht, was eine Küche alles ist? Sie ist ein Ort des Austauschs, an dem beim Kartoffelschälen Liebeskummer oder Weltpolitik besprochen wird. Die Küche ist der Ort der ungeplanten Begegnungen. In der Küche wartet immer ein Kaffee oder ein Rest Auflauf. Sie ist der Ort der Verheißung, an dem aus Mehl, Salz und Öl Brot oder Nudeln wird. Ein Küchentisch ist versöhnlich, lange nicht so offiziell wie ein Arbeitszimmer und auch nicht so privat wie ein Wohnzimmer, ein Küchentisch ist neutraler Boden. Beichtstuhl, Arbeitsfläche und Nachrichtenaustausch in einem. Ich habe sogar von einer Frau gehört, die ihr Kind auf dem Küchentisch zur Welt gebracht hat! Die Küche ist der Ort des alltäglichen Liebesmahls. Die Küche ist der Ort der Alchemie, der Verwandlung. Die könnt ihr doch nicht einfach abschaffen!“

 

PS: Bis in die frühen neunziger Jahre wurde in den meisten Haushalten täglich selbst gekocht. Heute ist das nur noch in weniger als der Hälfte der Fall, in Großstädten schalten viele Menschen ihren Herd sogar fast nie ein. Laut einer Studie der Schweizer Großbank UBS ist es möglich, dass schon im Jahr 2030 die meisten Mahlzeiten online bestellt und geliefert werden.

 

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Wenn

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Mein perfektes Morgenritual

Nach jeder Nacht

bisher

aufgewacht.

 

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Montagmorgen

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E-Mails

Eine Million britische Pfund

geerbt von einem verschollenen Scheich

Fünf Penisvergrößerungen

Die Aufforderung, meine Bankdaten zu ändern,

vorzugsweise unter diesem Link

Drei Hinweise, dass meine Facebookfreunde warten

Eine Warnung, dass mein Speichervolumen bald 

ausgeschöpft ist

und

Eine Mail von dir

 

 

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Wollpullover

Das Paradies ist ein alter, verwahrloster Garten, in dem die Freiheit wartet. Sie ist wild, unberechenbar und verrückt. Sie verrückt Grenzen. Als „Pippi Langstrumpf“ erschien, entfachte sie einen Sturm der Entrüstung. Nicht bei allen, aber bei jenen, denen ihre Freiheit zu viel des Guten war. Zu wild. Zu radikal. Ein Mädchen, das tut was es will, sei „demoralisierend“und „gesellschaftsschädigender Schund“. Pippi sei „etwas Unbehagliches, das auf der Seele kratzt.“ 

Wie Gott.

Schon klar, Pippi Langstrumpf ist nicht Gott. Aber kann sein, dass Gott ein bisschen wie Pippi Langstrumpf ist. Wild. Frei. Unberechenbar. Einer, der auf der Seele kratzt. 

Meistens soll Gott nett sein. Einer, der tröstet und die Dinge ins Lot bringt. Früher durfte er auch zornig sein und beängstigend, aber die Zeit ist vorbei. Nicht, dass ich ihr nachtrauere, aber nur lieb ist auch keine Lösung. Die Geschichten, die ich von Gott kenne, sind verstörend. Mal ist er der große Schöpfer, dann wieder will er alle vernichten. Mal ist Jesus der verständnisvolle Hirte, mal blafft er die Leute an und schwingt die Peitsche. Und auch Gottes Auserwählte sind sonderbare Charaktere. David, der Ehebrecher. Mose, der Totschläger. Maria von Magdala, angeblich eine Prostituierte. Hiob dagegen, dem Mustersohn der Menschenkinder, nimmt Gott alles weg. Gerecht ist das nicht. Und nachvollziehbar schon gar nicht. Hiob hält trotzdem an Gott fest. Ich auch. Weil ich jemanden will, der auf meiner Seele kratzt. Ich mag auch Wollpullover auf der Haut. Die fühlen sich echter an als Microfaserzeug...

 

Der ganze Text war im Deutschlandfunk zu hören. Hier kann man ihn nachlesen (oder hören). 

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Sommerfazit

 

 

 

 

 

 

Mit Elchen Schnitzeljagd spielen. Verlieren. Stille hören.

Drei Hände Nudeln und eine Tütensuppe reichen für ein

Abendessen zu zweit. Heidekraut oder Kiefernzweige

ergeben einen guten Schwamm. Zelten geht auch ohne Zelt.

Die Nacht zur Nacht machen. Von Eichhörnchen geweckt

werden. Den ersten Tee im Schlafsack trinken. Wer die

Wasserflasche beim Wasserholen fallen lässt, muss in

den See springen. Hirschlausfliegen sind nicht wählerisch. Streichholzschachteln werden wirklich schnell feucht.

Tubenkäse ist besser als sein Ruf. Auf warmen Felsen liegen

und fernsehen. Das Leben auf einen Rucksack reduzieren.

Nichts vermissen. Glück ist draußen. 

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Der Engel, der befreit

In letzter Sekunde kam der Engel.

Peter Simonsen ist sechsundvierzig Jahre alt. Den Fischladen der Eltern hat er hinter sich gelassen. Weil er Coach werden wollte. Was die Leute immer noch sonderlich finden, weil man das Wort kaum aussprechen kann und die Alten denken, er verkaufe jetzt Sofas. Wie man ein Sofa einem Fisch vorziehen kann, verstehen sie nicht. Wenn es Spitz auf Knopf steht, kann man auch auf einem Stuhl sitzen, während ein Fisch immer satt macht. Peter Simonsen hat es aufgegeben, sich zu erklären. Warum man wegzieht, muss man hier oben begründen und fest steht von vornherein: Es gibt keinen Grund. Wer ein Haus hat, gehört hierher. Peters Elternhaus steht seit einhundertsiebzehn Jahren hinterm Deich und der Liguster ist mittlerweile hoch genug, um den Wind zu brechen. Das Boot liegt im Hafen. Schollen wollen die Leute immer, besonders die Touristen. Schön mit Butter und Krabben obendrauf. Eine Schande, da einfach auszusteigen. Vaters vorwurfsvolles Schweigen lässt Peter Simonsen bis heute nicht los.

Als kleiner Junge ist er immer mit raus aufs Meer. Da konnte er noch kaum laufen. Mit vollen Netzen sind sie zurückgekehrt. Er liebte die Gischt und den Wind. Angst hatte er nicht. Das war das Wichtigste, keine Angst zu haben. Aber Respekt. Den würde der Junge noch lernen, dachte der Vater. Bloß erstmal keine Angst haben, der Rest fügt sich. Der kleine Junge war so voller Bewunderung für den Vater, dass es schmerzt. Dass es heute noch schmerzt, daran zu denken. Wie konnte er ihn so enttäuschen?

Er hat ihn verlassen. Verraten hat er ihn und alles, was der Vater aufgebaut hat und weitergeben wollte.

»Hast du nicht«, sagen die Freunde. Aber sie wissen nicht, wie es ist. Es gibt ein Foto von ihm mit viel zu großer Fischermütze. Da steht er vorm Boot und hält einen Kabeljau in die Kamera, größer als seine beiden Arme zusammen. Sein Haar ist zerzaust und die Hand des Va- ters liegt auf seiner Schulter. Das Bild stand all die Jahre auf der Kommode in der Stube. Er weiß nicht, was damit geschehen ist.

Vater ist tot. Er könnte befreit sein. Aber er ist es nicht. Den Vater hat er beerdigt, aber seine Enttäuschung hat er nicht beerdigt. Sie hockt in seinem Zimmer und sieht ihn vorwurfsvoll an. Jeden Tag. Sie beherrscht ihn. Und er ist ganz klein und verzagt.

»Du bist verrückt«, sagen die Freunde und lachen. »Sieh dich an – du hast Erfolg! Du hast dir etwas Eigenes aufgebaut. Was kümmert dich die Vergangenheit?« Sie verstehen nichts. Ihre Eltern sind Lehrer und Rechtsanwältinnen und Therapeuten. Die wissen, was ein Coach ist.

Die Enttäuschung hat ihn in Ketten gelegt. Und die Schuld, so ganz genau kann er das nicht trennen. Sie bewacht ihn. Der Abstand zu den Freunden wird immer größer. Niemand kann sich ihm nähern. Sie sind draußen. Jenseits der Mauer. Noch lassen sie nicht locker. Sie rufen an. Sie fragen, wie es ihm geht. Sie laden ihn ein. Die Freunde sorgen sich. Sie versuchen ihn zu erreichen. Er ist sicher: Das wird aufhören. Die Enttäuschung hat gute Wachen. Vier zu seiner Rechten: Du hast ihn verraten. Du hast das Erbe deines Vaters verraten, flüstern sie. Vier zu seiner Linken: Wer hoch hinauswill, wird tief fallen. Sieh, wohin das führt, flüstern sie. Vier in seinem Rücken: Was du bist, verdankst du ihm. Hast du das vergessen? Vier vor seinem Angesicht: Was glaubst du, wer du bist? Nichts, als ein kleiner Fischer.

Die Freunde sind in großer Sorge um ihn. Wenn man nur etwas tun könnte. Wenn sie nur helfen könnten. Aber sie dringen nicht zu ihm vor. Und weil sie wenig Erfahrung damit haben, wie man einen Gefangenen befreit, bleibt nur Hoffen und Beten. Das ist nicht viel. Aber besser als nichts.

Am Vorabend seines siebenundvierzigsten Geburtstags ist Peter Simonsen allein. Er will nicht feiern. Er wüsste nicht, was. In der Wohnung ist es dunkel. Er liegt auf dem Sofa und schaut in die Schwärze. Sie ist überwältigend. In diesem Moment kommt es ihm vor, als würde er sich nie mehr bewegen können. Niemals mehr. Er schließt die Augen. Wahrscheinlich schläft er ein.

Als der Engel in seine Gedanken tritt, wird es hell. Das ist das erste, was geschieht: dass es hell wird. Dann stößt der Engel ihn in die Seite. Es ist ein heftiger Stoß. Er scheint nicht zimperlich zu sein. »Wach auf«, ruft er. »Komm zu dir!« Peter will gar nicht zu sich kommen, aber er blinzelt trotzdem. Der Stoß tat weh.

»Steh auf«, sagt der Engel und es klingt wie ein Befehl. Peter will ihm die Wachen zeigen, er will ihm zeigen, dass er unmöglich aufstehen kann. Aber verwundert stellt er fest, dass sie schlafen. Dass die Stimmen schweigen. Er nähert sich ihnen vorsichtig, aber: Nichts. Keine Regung. Da fallen die Ketten von ihm ab.

»Zieh deine Schuhe an«, befiehlt der Engel. »Wird Zeit, dass du hier rauskommst.«

»Aber«, sagt Peter.

»Nichts aber«, sagt der Engel.

Da steht Peter auf. Der Engel sieht ihm geduldig zu. »Den Mantel«, erinnert ihn der Engel. »Nimm den Mantel. Der schützt dich.«

Mantel, denkt Peter. Mantel ist gut.

»Und jetzt folge mir.«

Peter blickt sich um. Von der Enttäuschung keine Spur. Hat sie sich versteckt? Für gewöhnlich lauert sie immer irgendwo.

»Lass sie«, sagt der Engel. »Wir gehen jetzt raus. Ins Leben.«

Peter stolpert aus seiner Gefangenschaft. Er weiß nicht, wie ihm geschieht. Er weiß nicht, ob er wacht oder träumt. Das eiserne Tor der Schuld öffnet sich. Der Engel führt ihn hinaus. Niemand stellt sich ihnen entgegen. Nicht mal der Vater.

Es ist fünf Uhr morgens. Peter Simonsen schlägt die Augen auf. Es ist hell. Die Vögel erwarten ihn. Der Engel ist verschwunden. Ist das wahr, denkt er oder habe ich geträumt?

Er weiß es nicht. Er weiß nur: Er ist frei.

Wie das zugegangen ist, kann er keinem erklären. 

 

aus: Fliegen lernen. Engelsgeschichten aus der BibelIllustration: Ariane Camus

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Pause

Ich geh' schreiben. Hier geht es weiter am 16. September. Hej då!

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Stolpern

„Agentur für Engel“ steht auf dem Schild. Schlicht und pragmatisch hat es jemand mit zwei Schrauben an die Wand gebracht. Im Treppenhaus riecht es nach scharfem Putzmittel. Die Agentur befindet sich im dritten Stock. 

„Guten Tag“, sage ich zu der Person hinter dem Tresen. Unwillkürlich frage ich mich, ob das jetzt auch schon ein Engel ist. „Das fragen sich alle“, schnarrt ihre Stimme. „Was wollen Sie denn?“

„Einen Engel“, sage ich schüchtern, weil mir der Wunsch auf einmal verwegen vorkommt und ich gar nicht weiß, ob ich mir das leisten kann. Ich habe ja keine Ahnung, wie so etwas abläuft. „Schutzengel sind aus, die wollen alle“, entgegnet die Stimme. „Der Verkündigungsengel ist auf Urlaub, Saisonarbeit, Sie verstehen. Der Drachenkämpfer ist im frühzeitigen Ruhestand mangels Nachfrage. Wo gibt es heute schon noch Drachen? Die Paradiesengel sind nicht abkömmlich. Rachengel bieten wir ungern an, die machen eine schlechte Presse. Und die Friedensengel haben Burnout. Einen Stolperengel können Sie haben!“

„Bitte was? Was soll ich denn damit?“

Sie sieht mich streng an. „Die Frage ist nicht, was Sie damit sollen, sondern was der Engel von Ihnen will.“

Langsam schwant mir, warum diese Agentur nicht bekannter ist. „Also was ist? Nehmen Sie ihn?“

Ich nicke eilig, weil ich Angst habe, dass auch dieser Engel gleich vergriffen sein könnte. „Gut“, sagt die Person hinter dem Tresen und schreibt weiter in ihr Buch. Nichts passiert. Ich schaue mich suchend um.  „Und?“, frage ich schließlich. „Wo ist mein Engel?“

„Er wird Sie finden.“ Ihr Kopf senkt sich wieder und mir bleibt nichts anderes übrig, als zu gehen. 

Seit diesem Tag schaue ich mich öfter verstohlen um. Irgendwo ist er und bringt mich ins Wanken. 

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Sommergebet

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Kleine Geschichte von 1 Dämon

Der Dämon sitzt auf seiner Kiste und starrt. Gestern hat er 15 hartgekochte Eier gegessen und 7 Bananen. Das Leben als Dämon ist hart. Er mag keine Eier. Und auch keine Bananen. Bananen ekeln ihn Allein schon der Geruch. Eigentlich würde er gern mal Heidelbeerquark essen. Aber das gesteht er sich nicht ein. Also hockt er sich halt mit seinen Bananen auf meine Schulter und mampft. Schön ist das nicht. Für keinen. 

Farbe

Gott ist Maler von Beruf, das wissen die Wenigsten, und wenn sie es hören, dann denken sie an Van Gogh und an Sonnenblumen. Aber das ist ein Irrtum. Gott ist ein ganz gewöhnlicher Anstreicher, allerdings ein sehr guter. Welche Farbe denn mein Leben haben solle, fragt er, und ich wähle Rot wegen der Lust. Und Blau wegen der Tiefe. Und Grün für die Verstecke. "Gute Wahl", nickt er, und ich frage mich kurz, ob er das immer sagt.

 

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Sonntagsrätsel

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Grüße aus dem Sommer

 

 

Deines Lebens Traum:

 

"Ich träume davon, dich glücklich zu machen. In meinem Traum scheint die Sonne und alles ist Licht. Die Nacht ist deine Freundin. Du brauchst dich nicht mehr vor Spinnen zu fürchten, und Schlaf deckt dich zu. die Liebe ist eingezogen, um zu bleiben. Die Härchen auf deinem Arm schimmern hell. Gestern ist der Bruder von Morgen und Heute bist du. Dein Kleid hat Streifen und machmal kannst du zaubern."

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Bote

Gestern sprach mich ein Fremder an

dankte 

und ließ mich zurück

Gestern sprach mich ein Fremder an

hob mich einen Millimeter

von der Erde

Gestern sprach mich ein Fremder an

und ließ eine andere zurück

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Was ich im Leben schon gelernt habe I

Natur ist nicht immer nett.

Wenn man einen Mord plant, finden sich unter den heimischen Pflanzen viele Helfer.

Trotzdem lebt es sich besser ohne Leiche im Keller.

In Hamburg regnet es weniger als in Bielefeld. Nicht nur deshalb ist Hamburg schöner. 

Eine geronnene Sauce Hollandaise rettet man, indem man Eiswürfel hineinrührt.

Einen Fahrradreifen flickt man am besten mit einem kundigen Mann. In vielen anderen Situationen hilft ein Schweizer Messer weiter. 

Viele Kindergartenregeln gelten auch im Erwachsenenalter:

Nimm niemandem sein Spielzeug weg. Mittagsschlaf ist trotz anfänglichem Widerwillen eine feine Sache. An dem Weihnachtsmann muss man nicht glauben, um sich über Geschenke zu freuen. 

Mittsommer findet am Anfang des Sommers statt. 

Die Vorfreude, dass noch etwas kommt, ist ein feines Lebensprinzip.

(Egal, ob Erdbeereis oder Ewiges Leben.)

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Matjes. Küssen. Leben

An den ersten Kuss muss man sich irgendwie erinnern. Ich kann es nicht. Ich erinnere mich nicht mal, welchen Jungen ich mit 12 oder 13 Jahren geküsst habe. Wahrscheinlich geschah es beim Flaschendrehen. Ehrlich gesagt habe ich auch keine Ahnung, warum ich mich daran unbedingt erinnern soll, wenn ich doch heute neue Küsse küssen kann. Oder irgendetwas anderes tun kann, das schön ist. Facebook erinnert mich auch ständig an Sachen, die ich vor zwei Jahren getan habe. Als wären das geschichtliche Großereignisse, die eines Denkmals würdig sind. Dabei handelt es sich bloß um ein Foto meines Mittagessens. Warum soll ich mich daran erinnern, dass es vor zwei Jahren Matjes mit Pellkartoffeln gab? Mein eigenes Leben wird zu einem Denkmal. Aber ich will kein Denkmal sein – schon gar nicht mein eigenes. Ich will leben und das funktioniert nur jetzt. Dies ist der einzige Moment, in dem ich leben kann. Gestern ist vorbei und morgen gibt es noch nicht. Allein in diesem schmalen Stück Gegenwart kann ich fühlen, küssen, Matjesessen. 

Die Ewigkeit ist eine endlose Folge von Momentaufnahmen. Wenn ich nur damit beschäftigt bin, alte Fotos anzuschauen, kommt nicht Neues hinzu. Dann habe ich irgendwann nur noch Fotos von mir, auf denen ich Fotos anschaue. Will ich das?

Nö. Das will ich nicht. Deshalb gehe ich jetzt Matjes küssen.

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Phantasie

Im Zug. Kein Netz. Der nächste Halt Lichtjahre entfernt. 

Das Kind auf Platz 61 schüttet Lego aus. Erzählt sich Geschichten von Dinosauriern

und Feuerwehrmann Sam.  Auch ein Hund taucht auf. 

Ich forsche in meinem Kopf, was ich mir erzählen könnte.

 

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Heute Flaute

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Zeitgenossen

Ich habe mit Astrid Lindgren und Stephen Hawking zusammengelebt. Leider auch mit Erich Honecker. Das ist allerdings mittlerweile Geschichte. Jetzt lebe ich mit Papst Franziskus zusammen. Wir sind nicht unbedingt Freunde, tatsächlich sind wir einander noch nie begegnet, aber wir leben gemeinsam in einer ziemlich großen WG. Die nennt sich Welt. Wir haben noch viele weitere Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Wenn ich das so aufschreibe, klingt es fast ein bisschen hippiesk. Nicht alles klappt reibungslos, der eine vergisst notorisch, den Müll rauszubringen, der andere kippt seine Schwermetalle ins Meer, und so richtig saubergemacht wurde schon lange nicht mehr. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass WGs dauernd lustige Partys feiern, gibt es einige, die ständig wegen irgendwas beleidigt sind und nicht mitfeiern. Dennoch würde ich niemals ausziehen. Es sind so viele interessante Leute dabei und wir gestalten unser Haus, jeder in seinem Zimmer und manchmal gemeinsam in der Küche. Selbst wenn wir einander noch nie begegnet sind, sind wir Zeitgenossen. Wir gehören zusammen. Wir leben in derselben Zeit. Wir atmen dieselbe Luft. Wir rechnen mit denselben Zahlen, unsere Träume schweben in einem Raum und es ist ein Himmel, der sich über uns spannt. Ich glaube, es tut gut, sich hin und wieder daran zu erinnern.

 

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Grüße aus dem Alltag

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Im Mai

Immer mittags schlüpft Gott in die Stille der Kirche, seit 800 Jahren schon, und setzt sich in die dritte Reihe links, immer die dritte Reihe links. Anfangs saß er noch auf der Empore, aber das gefiel ihm nicht, da wurde ihm schwindelig. Dann sitzt er da und sieht die Irma mit ihrem Netz voller Äpfel, im Winter auch schon mal Orangen. Manchmal kommen Touristen, die fotografieren das Gold und den heiligen Sebastian mit seinen vielen Pfeilen und ein Mädchen zündet eine Kerze an und ein Liebespaar hält sich an den Händen. Eine Plastiktüte raschelt und Gott weiß, dass die dem Heinz gehört, der sich aufwärmt oder abkühlt, je nach Jahreszeit. 

Und Gottes Gedanken schweifen ab, denn es sind derer viele und er denkt an die Zeit, als hier noch ein Buchenhain stand und an den Wind in den Blättern von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Und plötzlich ist es der Irma, als habe sie eine Nachtigall gehört und die Kerzenflammen flackern im Sommerwind. Das Mädchen kann sich nicht helfen, aber es meint, plötzlich Waldmeister zu riechen auch auch der Heinz wundert sich, denn die harte Bank ist auf einmal weich wie ein Bett aus Gras. 

 

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10 Sachen, die anders sind als gedacht

1.     Gott (nicht logisch)

2.     erwachsen sein (auch nicht logisch)

3.     sterben (von außen betrachtet nicht so leicht)

4.     lieben (von innen betrachtet nicht so leicht)

5.     in einem Sterne-Restaurant essen (mühsam)

6.     1000 Kilometer gehen (weniger mühsam)

7.     wagemutig sein (merkwürdig unspektakulär)

8.     zum neunten Mal durch Norwegen reisen (immer noch spektakulär)

9.     lackierte Fingernägel (halten nie)

10.  seidene Fäden (halten öfter als gedacht)

 

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Schillernd

Als ich klein war, sollte alles für immer sein. Die Prinzessin lebte glücklich bis an ihr Lebensende. Einen Beruf wählte man einmal. Alphaville sangen „Forever young“. Man kaufte ein Haus, in dem man sterben würde. Ein lineares Abarbeiten der Dinge: Geburt, Kindergarten, Konfirmation, Abi, Arbeit, Hochzeit, Kinder, Haus, Rente. Das Leben auf diese Art schien beruhigend, weil planbar.

Leider spielt mein Leben nicht mit. Es scheint nichts von To-Do-Listen zu halten. Spontanität liegt ihm mehr. Es schlägt plötzlich eine neue Richtung ein und ich muss hinterher. Ich schimpfe mit ihm, dass es doch einmal alles so lassen soll, wie es ist. Aber es lächelt nur müde: Meine Eltern ließen sich scheiden. Helmut Schmidt wurde abgewählt. Tschernobyl störte unser Spiel im Wald. Der „Braune Bär“ schmeckte plötzlich nicht mehr. Der Traum, Archäologin zu werden, ist verblasst. Meine erste Liebe verschwunden. Irgendwo bröckelte es immer. Ich habe es als Scheitern gesehen.

„Warum“, fragt mein Leben, „bezeichnest du etwas, das lange gut war, als Scheitern?“ „Weil ich es nicht halten konnte“, antworte ich. Mein Leben runzelt die Stirn: „Meine Liebe“, sagt es, „was du tust, ist Haschen nach dem Wind. Kannst du ihn festhalten? Kannst du den Frühling festhalten? Eine Sternschnuppe? Ein Glühwürmchen, einen Gänsehautmoment, eine Seifenblase? Willst du all dies ernsthaft als Scheitern betrachten, nur weil du es nicht halten kannst?“

Seit diesem Tag übe ich, das Leben als Seifenblase zu betrachten. Schillernd.

 

Kann man auch hören: "Moment mal" auf NDR 2

 

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Großmut

An jenem Tag, an dem ich beschließe, großmütig zu sein, lasse ich den Regen plätschern und dem Leben seinen Lauf. Ich verschenke ein Buch, kaufe eine krumme Gurke, lasse eine Meinung gelten und schicke eine Beschwerde ins Leere. Der Welt traue ich etwas zu. Ich lobe jemanden über den grünen Klee und verteile zweite Chancen, ohne mich um das Ergebnis zu sorgen. Die Kollegin lasse ich schmatzen und das Internet trödeln. Ich nehme nichts persönlich. Ich verzichte auf mein Recht und überlasse den Schnecken ein paar rote Erdbeeren. Meine Erwartungen streue ich in den Wind. Den Kleinkrämern schenke ich einen Cent. Ich runde auf, liebe ohne Vorschuss und füttere die Großmäuler mit Marshmallows. Gott eifere ich nach, ohne besser sein zu wollen. Ich unterstelle ein paar gute Absichten, lasse jemandem die Vorfahrt und sehe über eine Verspätung hinweg. Das Glas betrachte ich als halbvoll und meine Figur als bestmöglich. Dass morgen auch noch ein Tag ist, begrüße ich. Ich verschwende mich. Ich werfe den Müll weg, den ich nicht verursacht habe und helfe, ohne Dank zu erwarten. Dem Ehrgeiz gebe ich frei. Ich fasse mir ein Herz und nehme den Himmel auch in Mittelblau.

 

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Könnte doch sein

 

 

Manchmal tauchst du auf. Aus dem Nichts. Ich nenne dich Gott. Ich rechne nicht mit dir, das Rechnen habe ich aufgegeben. Du bist ein Gleichnis mit zu vielen Unbekannten. Du meldest dich nie an. Verabredungen sind nicht deine Sache. Ich habe keine Chance, einen Kuchen zu backen oder die Küche zu putzen oder mein Leben in Ordnung zu bringen. Du tauchst auf und ehe ich dich fassen kann, bist du wieder weg.

Du erklärst dich auch nicht. Das hat mich lange gestört. Ich fand, wenn du schon willst, dass ich an dich glaube, dann könntest du dir mehr Mühe geben, dein Tun und dein Nicht-Tun etwas nach- vollziehbarer zu machen. Du bist ein Rätsel – nein, eher ein Geheimnis. Ein Rätsel kann man lö- sen, wenn man nur lang genug nachdenkt. Dich kann man nicht lösen. Allerdings verlangst du das auch nicht.

Auf eine Art verstehe ich dich. Ich mag es auch nicht, mich rechtfertigen zu müssen. Du wärst wahrscheinlich ständig damit beschäftigt, dich zu erklären. Irgendwer findet immer irgendwas ungerecht. Man kennt das ja: Die einen finden dich zu lax, die anderen zu streng und ein paar wollen wissen, warum du einen Bart trägst. Nur als Beispiel. Und deshalb denke ich mittlerweile: Wir sind quitt. Du brauchst dich nicht zu erklären, ich nehme dich, wie du bist. Denn das habe ich von dir gelernt. Du nimmst mich, wie ich bin. Damit meine ich kein trotziges „Ich will so bleiben, wie ich bin“. Weil ja auf einmal jede Schrulle Ausdruck von Authentizität ist, und sei sie noch so unhöflich. Nein. Ich versuche, zu werden, die ich sein kann. Das habe ich auch von dir. „Ich werde sein, der ich sein werde“, hast du mal gesagt. Wandel ist dein Programm.

Ich mag es, dass du einfach so auftauchst. Es gibt meinem Leben eine Erwartung. Hinter jeder Ecke könntest du stehen. Obwohl du genaugenommen das ja gerade nicht tust. Du bist nicht eindeutig. Kein Engel rauscht vom Himmel herab. Ich hatte noch nie eine Vision, in der du plötzlich vor mir standest...

 

weiterlesen: Deutschlandfunk Kultur 

 

 

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Pistazieneis und Auferstehung

Manchmal ist alles gut, obwohl nicht alles gut ist. Das Geld reicht nicht, der Arzt sagt, es sieht schlecht aus, die Liebe scheint sich abgesetzt zu haben wer-weiß-wohin. Aber dann leuchtet plötzlich ein Moment auf, ein Moment aus tausend anderen Momenten, der heraussticht: Die Sonne scheint dir in den Nacken, der Fluss des Verkehrs versiegt, ein Geruch steigt in die Nase von Ginster oder Pistazieneis, du weißt nicht, woher er kommt und eigentlich ist nichts besonders daran, aber in diesem Moment ist es besonders. Du lehnst dich zurück und bist im Paradies. Du wirst nicht bleiben, der Verkehr wird weiterrollen, die Lücke wird sich schließen. Vielleicht wirst du morgen wieder auf einem dieser Datingportale nach deiner Traumfrau suchen. Der Boden der Tatsachen bleibt bestehen. Aber etwas hebt dich für einen unerwarteten Moment darüber hinaus, hebt dich über die Schwere der Dinge. Und setzt dich wieder ab, leichter als du denkst.So ein Moment lässt sich nicht machen. So ein Moment blitzt auf, so ein Moment lässt dich verwandelt zurück, wenn auch nicht für immer, so doch für jetzt. Wegen dieser Momente gibst du nicht auf. Manchmal ist das einfach ein Pistazieneismoment. Manchmal nennst du es Auferstehung. 

 

kann man auch hören: NDR2 Moment mal

 

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Ostern

"...that's how the light gets in."

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Leichtfüßig

Der Engel des Verzichts hat Flügel. Entgegen landläufiger Meinung ist er der Vergnügteste von allen. Er ist leichtfüßig. Seine Koffer hat er unterwegs verloren. Er weiß nichts besser. Was er sagen wollte, hat er vergessen. Den Eiligen lässt er den Vortritt. Den Ehrgeizigen räumt er den Weg. Der Engel des Verzichts nimmt niemandem etwas weg. Auch keine Illusion. Er ist frei. Nicht mal an der Freiheit hält er fest.

 

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Überraschung

Als die Inspiration kommt, stehe ich unter der Dusche. „Verdammt, kannst du nicht einmal zur rechten Zeit kommen? Wenn ich am Schreibtisch sitze?“ Schaum rinnt in mein linkes Auge. „Nö.“ Die Inspiration trägt ein grasgrünes Kleid und Lammfellstiefel. Ich blinzele. Dass sie immer so unpassend sein muss. Und dann die Wörter! Natürlich hat sie nicht Sonnenaufgang, Achtsamkeit oder friedvoll dabei, sondern Sachen wie Besenreiser, Oktogramm und flawül. Ich habe keine Ahnung, was flawül ist, aber diese Blöße will ich mir nicht geben. Die Inspiration zuckt mit den Schultern. „Sonnenaufgänge interesieren mich nicht.“ „Aber sie sind schön! Kannst du es nicht einmal einfach schön machen? Warum kommst du überhaupt, wenn du sowas bringst?“

Die Inspiration schaut mich treuherzig an. 

"Na, um dich zu überraschen. Was denn sonst? Das andere kennst du doch schon.“

 

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Übrigens

Frau Angst und Frau Vertrauen sind Schwestern.

Bleib, ruft Frau Angst.

Geh, ruft Frau Vertrauen.

Ich beschütze dich, verspricht Frau Angst.

Ich lasse dich, verspricht Frau Vertrauen.

Bei mir bist du in Sicherheit, verspricht Frau Angst.

Bei mir bist du in Erwartung, verspricht Frau Vertrauen.

Ich bin, sagt Frau Angst.

Ich werde, sagt Frau Vertrauen.

 

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Experiment

Wir machen ein Experiment. Geh zum Hauptbahnhof oder in ein Schuhgeschäft. Ein Schwimmbad geht auch oder der Wochenmarkt. Wähle einen Ort, an dem andere Leute sind. Such dir eine Person aus und stell dir vor: Da steht Gott. Sieh an, denkst du. Sie hat eine Dauerwelle. Er trägt einen Pullunder. Er schaut gerade etwas mürrisch.

Es heißt, Gott kann man in allen Dingen finden. Das kann ganz schön verstörend sein. Wenn Gott überall ist, dann muss er auch im Gemüseverkäufer sein und in diesem nervigen Kind mit seinem plärrenden Smartphone. Ziemlich nah also.

Gott ist ein Vielleicht. Damit muss man leben können. In diesem Vielleicht liegt alles, weil in diesem Vielleicht alles möglich ist.

Ich stelle mir also vor, Gott steht vor mir. Sein Aussehen spielt keine Rolle. Auch die Bibel verliert kein Wort darüber. Gott steht vor mir und sagt: Ich liebe dich.

Wenn ich versuche, all die kitschigen Bilder, die ich in meinem Leben schon gesehen habe, außen vor zu lassen, dann ist das doch ein ganz außerordentlicher Gedanke.

Ich glaube, es wäre ein ichveränderndes Spiel, sich diese schlichte Szene täglich vorzustellen. Morgens nach dem Zähneputzen oder so.

 

in: Mut ist Kaffeetrinken mit der Angst. 40-mal anfangen

 

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abends

Vielen Dank 

für das Erkennen am Morgen,

für die gräsernen Raureifspitzen 

und die Sonne im Nacken.

Vielen Dank für die Schrift und ihre tausend Gestalten

und für die Freiheit von Deniz Yücel.

Für den plüschigen Schwanz des Eichhörnchens

und für das Lachen, das in den Dingen wohnt.

Danke für den Tisch, den Traum

und den Geschmack von Leben.

 

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Ahoi!

Rosenmontag im Norden
Rosenmontag im Norden
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Wie es ist, Gott zu retten

Ich frage mich, was du denkst, Gott. Über die Kirche, die ja irgendwie dein Haus sein soll, überall auf der Welt. Und zuhause, da will man sich doch wohlfühlen.

Ich besuche dich regelmäßig. Egal ob italienisches Bergkloster oder der Dom in Oslo: Ich schaue mal kurz rein. Ob offen ist, ob du da bist und wie es aussieht bei dir. Meistens zünde ich eine Kerze an, das finde ich ganz schön, weil ich mir vorstelle, dass du dann nicht so allein

zurückbleibst, wenn ich wieder gehe.

Manchmal sieht es schön aus bei dir. Licht und leicht. Oder dämmerig und innig. Aber oft ist es anders. Dann ist es steril oder, schlimmer noch, ein bisschen vernachlässigt.

Du weißt, Bilder an den Wänden, die schon lange keiner mehr ansieht und in der Ecke ein verstaubter Gummibaum. Kein Leben drin. Mich deprimiert das. Ich gehe dann und selten komme ich sonntags wieder.

Denn sonntags will ich nicht depressiv sein. Ich will eine Kaffeetafel, da soll Butterkuchen auf den Tisch kommen und alle sind da und reden und lachen und die Woche ist weit weg. Aber so fühlt es sich nicht an. Und ich rede jetzt nicht von den seltenen Orten, in denen alles ganz anders ist. Ich rede von der »guten Stube«, in die ich an solchen Sonntagen kommen soll und in der es sich

immer irgendwie steif und falsch anfühlt, weil das Leben doch eigentlich in der Küche stattfindet.

Bei meinen Großeltern gab es auch so eine gute Stube.

Die Uhr tickte zu laut und immer wenn wir dort saßen, war ich befangen. Ich schielte, ob meine Fingernägel sauber waren, räusperte mich unbehaglich und fühlte mich am falschen Ort.

Ich glaube einfach nicht, dass du solche Stuben magst, Gott. Warum solltest du? Ich glaube nicht, dass du es magst, auf harten Bänken zu sitzen, einer hinter dem anderen. Ich glaube nicht, dass dein Musikgeschmack vor 300 Jahren einfach stehengeblieben ist. Ich will auch nicht mehr hören, was ich mit 16 gehört habe. Man entwickelt sich ja weiter – und du doch auch, oder?

Vielleicht müssen wir dich retten, müssen die gute Stube entern und das Biedermeier rausschmeißen, die Fenster aufreißen und das Leben reinlassen! Du brauchst nichts vorbereiten, wir kommen einfach. Wir bringen mit, was wir haben, wir singen unsere Lieder, die auch nach

2000 Jahren noch von Sehnsucht erzählen, aber andere Namen für dich haben. Wir wollen dich – und wir wollen dich als einen von uns. Du sollst lebendiger sein als dein Abbild an der Wand.

Ich glaube, du willst das auch. Verzeih, wenn ich dich vereinnahme, aber die Geschichten erzählen davon, wie unglaublich alltäglich du mal warst. Hirte, Bauer, Bäckerin.

Heute gibt es kaum noch Schafherden, aber dich gibt es immer noch. Ich will keine gute Stube ordentlich halten, die nur noch an Feiertagen jemand betritt. Ich will in der Küche sitzen, wo das Leben ist, und ich will dort zuhause sein, mit dir und den anderen.

 

in: Mut ist Kaffeetrinken mit der Angst. 40-mal anfangen

 

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kleine Geräusche

das Knacken des Kandis beim Eingießen des Tees 

das Ziehen eines Bleistiftes auf Papier

das Tick-Tick einer Armbanduhr, die noch aufgezogen werden muss

das Knistern von Schaum im Abwaschwasser oder in der Badewanne

das Schmatzen des Watts bei Ebbe

das Knacken der Holzdielen in der Sonne

das Atmen des Windes

 

 

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Tag der Blockflöte

Am 10. Januar war der Tag der Blockflöte. Die Blockflöte ist ja nicht gerade ein vielgerühmtes Instrument. Noch seltener wird es geliebt. Mit einer Blockflöte gewinnt man keinen Blumentopf.

Ich habe mal eine ganze Weile Blockflöte gespielt. Niemand hat mich dazu gezwungen. Ich mochte es. Und als ich las, dass die Flöte einen eigenen Tag hat, erinnerte ich mich daran. Auch fragte ich mich, warum ich eigentlich aufgehört habe zu spielen. Klavierspieler werden verehrt, Gitarrenspieler geliebt, Cellistinnen bewundert. Fest steht: Mit einer Blockflöte werde ich niemanden beeindrucken können.

Ich fühlte mich ertappt. Als ob es darum ginge. Als ob es darum ginge, meine Freizeitbeschäftigungen danach auszuwählen, ob sie präsentabel sind. Mich in ein gutes Licht stellen oder für den Lebenslauf taugen, für die Timeline meines Social-Media-Profils oder zumindest als beiläufig eingestreutes Gesprächsthema auf einer Party. Eine Blockflöte macht mich leider nicht zu einem interessanteren Menschen.

Ich habe einen Freund, der sammelt Sand. Ich glaube er schaut sich dessen Zusammensetzung unterm Mikroskop an und freut sich darüber. Aber sicher bin ich nicht, er spricht nicht viel davon. Eine Freundin puzzelt gern. Nie würde sie das Werk an die Wand hängen, sie puzzelt so vor sich hin und wenn sie fertig ist, kommen alle Teilchen wieder in den Karton. Sie ist Anfang 20, ich schätze, auch dieses Hobby fällt nicht in die Kategorie „cool“. Mein Neffe sammelt Briefmarken. Nicht als Wertanlage, sondern weil ihm die Bilder gefallen.

Wegen solcher Geschichten ist der Tag der Blockflöte ein Akt des Widerstandes. Gegen die Inszenierung des Lebens, gegen den Trend, sich selbst als Gesamtkunstwerk mit möglichst vielen interessanten Facetten zu präsentieren. Puzzles und Briefmarken taugen nicht für Facebook. Sie geben nicht vor, cool zu sein oder zumindest witzig. Unwahrscheinlich, dass es in 2018 auf einmal einen Blockflöten-Hype geben wird.

Ich wünsche mir noch viel mehr solcher Tage: Den Tag des Malen-nach-Zahlen. Den Tag der Strickliesel. Der Patiencen. Des stinknormalen Kreuzworträtsels. Den Tag des unspektakulären Hobbies. Den Tag der vergessenen Sachen, die man mal gemacht, aber aufgegeben hat, weil sie nichts bringen. Keinen Ruhm, keine Aufmerksamkeit, keine Selbstverbesserung.

Ich muss jetzt aufhören. Ich will auf den Dachboden, meine Blockflöte suchen.

 

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Die Lücke lieben

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Nachts

Möglich, dass mir Gott eines Nachts im Traum begegnet. Es ist dunkel. Alles schläft. Draußen scheint ein Stern. Ich stehe an der Krippe und schaue hinein. Gott selbst liegt dort auf Heu und auf Stroh. Ich beuge mich hinab, um ihn anzusehen, da höre ich eine Stimme: „Gib mir einen Namen“, sagt sie, und die Stimme meint mich. Ich sehe Gott an und ich sehe die ganze Welt in seinem Gesicht und alles darüber hinaus. Ich kann mich nicht satt sehen. Was für eine Aufgabe, denke ich, kein Name scheint mir genug. Jesus, fällt mir ein, Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst, aber das alles trifft es nicht. Kein Name kann fassen, was ich sehe. Und schließlich denke ich: „Ach!“ Nur: „Ach!“ Das ist mein Name für Gott.

 

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To Do

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Worüber ich staune

Über etwas, das mich berührt. Manchmal berühren mich die Lichter im Regen. Mein Nacken ist feucht und der Wind fährt in jede Ritze. Ich repetiere die Einkaufsliste, die immer länger wird, je näher das Fest kommt. Und plötzlich sehe ich die Lichter. Es sind nicht mal die weihnachtlichen Lichter der Sterne in den Fenstern, es sind schlicht die Lichter der Autos, wie sie verschwimmen auf den nassen Gläsern meiner Brille, wie sie sich spiegeln in den Pfützen. Und ich staune. Dass ich etwas so Banales so schön finden kann.

Autos sind nicht romantisch. Sie schleudern Dreck in die Luft. Sie sind laut. Sie brauchen viel Platz. Und wenn man Pech hat, nehmen sie einem die Vorfahrt. In meinem vorweihnachtlichen Herzen ist eigentlich kein Platz für Autos. Da gehört Vanille hinein und Kerzenschein und das Lied vom leise rieselnden Schnee. Alle Jahre wieder schön. Aber zum Staunen bringt mich das nicht. Staunen lässt mich ein Moment, mit dem ich nicht rechne. Ein Gefühl, das eigentlich in einer ganz anderen Spur läuft als die Situation, in der es auftaucht. Staunen lässt mich etwas Schönes im Hässlichen. Etwas Zartes im Rohen. Helles im Dunkel. Ein plötzliches Gefühl von Geborgenheit am Rand einer vierspurigen Straße. Das ist das Wunder. Ein Baby im stinkenden Stall. Gott außerhalb der Himmel.

Ich habe mich schon immer gefragt, wie eine so rohe Geschichte wie die Weihnachtsgeschichte so romantisch interpretiert werden kann. Da ist ja nicht viel Schönes: Ein ungeplantes Kind, ein Esel, aber kein Haus, ein abweisender Wirt, ein kalter Stall, ein mordender König, eine Flucht ins Ungewisse. Nichts, wonach man sich sehnt. Und trotzdem eine Sehnsuchtsgeschichte. Vielleicht, dass alles gut werden soll. Wie im Märchen. „Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.“

Darauf hoffe auch ich. Ich will nicht aufhören, darauf zu hoffen, selbst wenn mich die Realität manchmal auslacht. Ich hänge selber Sterne ins Fenster. Ich binde einen Adventskranz und zünde die Kerzen an. Ich backe Kekse und singe Lieder, weil ich das mag und weil das auch eine Art von Geborgenheit ist. Aber der Weihnachtsmoment geschieht woanders. Ich kann ihn nicht planen und ich kann ihn nicht machen. Er geschieht da, wo ich mich aussetze. Er geschieht da, wo ich am allerwenigsten damit rechne. Er geschieht da, wo ich gerettet werde. An sechs Abenden eile ich nach Hause, frierend, müde, genervt. Am siebten Abend geschieht etwas und ich sehe plötzlich etwas, das ich vorher nicht sah. Ein Gefühl klopft an mein Herz und es liegt an mir, ob ich es hereinlasse. Oder ob ich bleibe im Vertrauten, Ärger und Nieselregen und Früher-war-mehr-Schnee.

Der Himmel trifft die Erde auf einer Ampelkreuzung um 16 Uhr 35. Dann ist Weihnachten.

 

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Was kommt

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Alletageregel

Einander groß machen.

Das Beste annehmen. Aus Fehlern Papierflieger falten.

Türen aufhalten, Letzte sein.

Das letzte Hemd oder den letzten Apfel teilen.

Freundlich miteinander reden. Der Neugier das Ruder überlassen,

das Wohlwollen mit ins Boot setzen.

Einander und aufeinander achten.

Höflichkeit lieben wie ein altes Großmütterchen,

und wissen, dass der Welt ohne sie etwas schmerzlich fehlen würde.

Manches nachsehen, auch wenn das Recht auf sein Recht pocht.

Viel lachen, gern lachen.

Für Gerechtigkeit sorgen und manchmal zurückstecken. Das Messer

in die Scheide, den Ärger in den Sand. Den Kopf draußen lassen.

Zuversichtlich sein, dass alles gut gehen kann.

Selber schon mal losgehen.

 

in: Sieben Tage Mut. Ein kreatives Mitmach-Heft

 

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Kleine Selbsterkenntnis

Ich bin die, die immer noch träumt. Ich bin die, die morgens vorm Spiegel steht und sagt: Los geht's, obwohl ich keine Ahnung habe, wohin. Ich zähl' die Tauben vorm Fenster und mache sie zu meinen Boten. Gurrendes Glück. Ich bin die mit der goldenen Schnur, aber was ordentliches Stricken kann ich trotzdem nicht. Ich mag Zartbitter lieber als Vollmilch, allein schon des Wortes wegen. Ich horche auf den Wind, das Heute und sein Geheimnis, und manchmal höre ich nur Heulen. Ich fürchte weder Gespenster noch Wölfe, und mitheulen werde ich nicht. Ich bin heute anders als gestern, nur manchmal habe ich vergessen, wer ich gestern war und wer ich morgen sein will. Dann ist ein guter Tag.

 

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Lieber Martin,

Angst vor der Hölle habe ich nicht. Da geht es mir anders als dir. Die Hölle ist aus der Mode gekommen. Feuerschlünde schrecken uns nicht, und der Teufel ist für die meisten nur noch eine Figur aus dem Märchen. Dass wir in der Hölle schmoren könnten, ist also eine Drohung, die uns kalt lässt. Angst haben wir trotzdem. Allerdings nicht vor dem Leben nach dem Tod. Wir bewegen uns gedanklich eher im Leben vor dem Tod. Du hast dich um das Jenseits gesorgt, wir sorgen uns um das Diesseits. Dass ein Gott gnädig auf uns herabsehen möge, das beschäftigt uns weniger. Aber gnädig angesehen werden, das wollen wir auch. Von Kollegen, von der Lehrerin, von Freunden und Bekannten, von unseren Facebookkontakten ebenso wie von den Leuten im Club oder den Zuhörern eines Vortrags. Wir wollen gemocht werden. Wir wollen dazugehören. Wir haben Angst rauszufallen aus der warmen Stube der Gemeinschaft, denn dann wären wir völlig allein. Und allein zu sein, das ist unsere größte Angst. In deiner Zeit war das ein seltener Zustand. Man hatte seine Familie oder man lebte im Kloster. Wer allein war, hatte entweder eine schlimme Krankheit oder das Pech, als Hexe gebrandmarkt oder in irgendeiner anderen Art ausgestoßen zu sein. Angst war zu deiner Zeit etwas sehr Existenzielles. Ich will nicht sagen, dass das heute nicht mehr so ist. Wir haben auch existenzielle Ängste, aber unsere Alltagsängste sind andere als deine. Es ist nicht die Hölle, die uns bedroht. Es ist die Leere. Ich sehe, wie du erstaunt guckst. Die Leere, könntest du sagen, was soll das denn heißen? Die Leere ist gefüllt durch Gottes Wort. Du setzt alles darauf: „Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen; auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort; das ist mein Trost und treuer Hort, des will ich allzeit harren.“ Ehrlich, das imponiert mir. Deine Sprache ist nicht meine Sprache, aber dass das Wort Kraft hat, das glaube ich auch. Kraft, die Welt zu verändern, meine Angst und mich. Ich kann der Leere Worte entgegen setzen, und deshalb habe ich einen großen Vorrat davon angelegt. Du kanntest wahrscheinlich Psalmen auswendig, Gebete, die zehn Gebote. Du wirst ein Ave Maria im Schlaf aufgesagt haben können. Die Bibel war deine Versicherung. Ich habe andere Worte, Lieblingslieder, Gedichte und, ja - auch ein paar Bibelverse. Ich habe eine Schatzkiste voll mächtiger Worte und wenn die Angst kommt, öffne ich sie. Dann flüstere ich ihr Worte ins Ohr, manchmal singe ich sie, manchmal schleudere ich sie ihr entgegen. Die Angst kann drohen, sie kann sich aufbäumen, sie kann sich wichtig machen, solange ich Worte habe, bin ich nicht verloren. Das ist etwas, das ich von dir gelernt habe. Dem Wort kann man trauen. Weil es der Anfang von allem ist. Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Wo Gott ist, nehme ich an, ist die Angst gut aufgehoben. Und ich bin es auch.

 

Deine Susanne

 

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Unterwegssegen

 

Nimm vom Himmel das Blau

und den Tau von den Wiesen

Nimm die Träume der Kinder

den Blick einer Kuh

Nimm die Sehnsucht der Gänse

nimm den Wind aus den Segeln

Lob den Tag vor dem Abend

und geh

 

Ich geh nochmal wandern...

 

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manchmal einfach Schwein haben

Für alle Geburtstagskinder, Anfänger, Lebenskünstlerinnen, Optimisten.

 

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10 Sachen, die man nicht allein machen kann

1. sich kitzeln

2. einen Gedanken mitteilen, den man selbst nicht kennt

3. sich selbst reanimieren

4. wippen

5. ein Kind

6. sich beerdigen

7. sich mit einem Spontanbesuch überraschen

8. sich segnen

9. synchronschwimmen

10. einen Kanon singen

 

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Nachtisch

Herr Wohllieb hasst Supermärkte. Woher soll man wissen,welche der 52 Nudelsorten die richtige ist? Es gibt verwirrend viele Gänge, die man alle durchstreifen muss auf der Suche nach einem Paket Reis. Am Ende liegen drei Tütensuppen und ein Sparschäler für Artischocken im Wagen, und man weiß nicht, warum.

Dennoch betritt Herr Wohllieb hin und wieder einen Supermarkt, weil er nicht verhungern will. Genauer gesagt: einmal die Woche.

Als er seinen Wagen durch die Reihen schiebt, verspricht ein Glas Apfelmus 20 Prozent mehr Inhalt, und von den Schokoladenriegeln gibt es einen zusätzlich gratis. Auch sein Joghurt hat zugelegt: »50 Gramm Extraschlemmen« befiehlt das Etikett. Da stutzt Herr Wohllieb, denn bisher entsprach ein Becher Joghurt der idealen Nachtisch-Menge. Vielleicht will ich ja gar nicht mehr, denkt Herr Wohllieb, weil mir dann schlecht wird. Ein Glas Schokocreme zum Beispiel reicht für genau drei Wochen, jedenfalls nach Herrn Wohlliebs Berechnungen. Was ich dann essen will, weiß ich noch nicht. Eventuell Hering in Senfsoße. Wer weiß schon, worauf er in drei Wochen Appetit hat? Wenn ein Glas plötzlich 40 Prozent mehr Inhalt enthält, müsste ich also mehr Schokocreme pro Tag essen. Und dann würde mir schlecht.

»Ja«, wendet Sophie ein, »aber stellen Sie sich vor, Sie erhielten plötzlich 40 Prozent mehr Leben. Das wäre doch nicht so schlecht …«

»Woher wüsste ich denn, wie es gemeint ist? Bedeuten 40 Prozent, ich bekäme zu meinen statistischen 78 Jahren weitere 31,2 Jahre dazu? Was, wenn mich in diesen 31 Jahren ständig Zahnschmerzen quälten? Und selbst wenn alles weiterginge wie bisher – wer sagt denn, dass Glück größer wird, wenn es länger dauert?«

 

aus: Herr Wohllieb sucht das Paradies

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