Das ist mein Schreibtisch und das ist mein Stift und das ist mein Blog. Hier schreibe ich einmal die Woche über Gott und die Welt. Der Engel-imbiss ist gar nicht weit von hier. Dort gibt es die besten Pommes mit allerschönstem Elbblick. Ich finde, Texte für die Seele sollen genauso schmecken: wie gute Pommes.


So

12

Nov

2017

Kleine Selbsterkenntnis

Ich bin die, die immer noch träumt. Ich bin die, die morgens vorm Spiegel steht und sagt: Los geht's, obwohl ich keine Ahnung habe, wohin. Ich zähl' die Tauben vorm Fenster und mache sie zu meinen Boten. Gurrendes Glück. Ich bin die mit der goldenen Schnur, aber was ordentliches Stricken kann ich trotzdem nicht. Ich mag Zartbitter lieber als Vollmilch, allein schon des Wortes wegen. Ich horche auf den Wind, das Heute und sein Geheimnis, und manchmal höre ich nur Heulen. Ich fürchte weder Gespenster noch Wölfe, und mitheulen werde ich nicht. Ich bin heute anders als gestern, nur manchmal habe ich vergessen, wer ich gestern war und wer ich morgen sein will. Dann ist ein guter Tag.

 

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So

29

Okt

2017

Lieber Martin,

Angst vor der Hölle habe ich nicht. Da geht es mir anders als dir. Die Hölle ist aus der Mode gekommen. Feuerschlünde schrecken uns nicht, und der Teufel ist für die meisten nur noch eine Figur aus dem Märchen. Dass wir in der Hölle schmoren könnten, ist also eine Drohung, die uns kalt lässt. Angst haben wir trotzdem. Allerdings nicht vor dem Leben nach dem Tod. Wir bewegen uns gedanklich eher im Leben vor dem Tod. Du hast dich um das Jenseits gesorgt, wir sorgen uns um das Diesseits. Dass ein Gott gnädig auf uns herabsehen möge, das beschäftigt uns weniger. Aber gnädig angesehen werden, das wollen wir auch. Von Kollegen, von der Lehrerin, von Freunden und Bekannten, von unseren Facebookkontakten ebenso wie von den Leuten im Club oder den Zuhörern eines Vortrags. Wir wollen gemocht werden. Wir wollen dazugehören. Wir haben Angst rauszufallen aus der warmen Stube der Gemeinschaft, denn dann wären wir völlig allein. Und allein zu sein, das ist unsere größte Angst. In deiner Zeit war das ein seltener Zustand. Man hatte seine Familie oder man lebte im Kloster. Wer allein war, hatte entweder eine schlimme Krankheit oder das Pech, als Hexe gebrandmarkt oder in irgendeiner anderen Art ausgestoßen zu sein. Angst war zu deiner Zeit etwas sehr Existenzielles. Ich will nicht sagen, dass das heute nicht mehr so ist. Wir haben auch existenzielle Ängste, aber unsere Alltagsängste sind andere als deine. Es ist nicht die Hölle, die uns bedroht. Es ist die Leere. Ich sehe, wie du erstaunt guckst. Die Leere, könntest du sagen, was soll das denn heißen? Die Leere ist gefüllt durch Gottes Wort. Du setzt alles darauf: „Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen; auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort; das ist mein Trost und treuer Hort, des will ich allzeit harren.“ Ehrlich, das imponiert mir. Deine Sprache ist nicht meine Sprache, aber dass das Wort Kraft hat, das glaube ich auch. Kraft, die Welt zu verändern, meine Angst und mich. Ich kann der Leere Worte entgegen setzen, und deshalb habe ich einen großen Vorrat davon angelegt. Du kanntest wahrscheinlich Psalmen auswendig, Gebete, die zehn Gebote. Du wirst ein Ave Maria im Schlaf aufgesagt haben können. Die Bibel war deine Versicherung. Ich habe andere Worte, Lieblingslieder, Gedichte und, ja - auch ein paar Bibelverse. Ich habe eine Schatzkiste voll mächtiger Worte und wenn die Angst kommt, öffne ich sie. Dann flüstere ich ihr Worte ins Ohr, manchmal singe ich sie, manchmal schleudere ich sie ihr entgegen. Die Angst kann drohen, sie kann sich aufbäumen, sie kann sich wichtig machen, solange ich Worte habe, bin ich nicht verloren. Das ist etwas, das ich von dir gelernt habe. Dem Wort kann man trauen. Weil es der Anfang von allem ist. Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Wo Gott ist, nehme ich an, ist die Angst gut aufgehoben. Und ich bin es auch.

 

Deine Susanne

 

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Fr

20

Okt

2017

Unterwegssegen

 

Nimm vom Himmel das Blau

und den Tau von den Wiesen

Nimm die Träume der Kinder

den Blick einer Kuh

Nimm die Sehnsucht der Gänse

nimm den Wind aus den Segeln

Lob den Tag vor dem Abend

und geh

 

Ich geh nochmal wandern...

 

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Mo

16

Okt

2017

manchmal einfach Schwein haben

Für alle Geburtstagskinder, Anfänger, Lebenskünstlerinnen, Optimisten.

 

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So

08

Okt

2017

10 Sachen, die man nicht allein machen kann

1. sich kitzeln

2. einen Gedanken mitteilen, den man selbst nicht kennt

3. sich selbst reanimieren

4. wippen

5. ein Kind

6. sich beerdigen

7. sich mit einem Spontanbesuch überraschen

8. sich segnen

9. synchronschwimmen

10. einen Kanon singen

 

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So

01

Okt

2017

Nachtisch

Herr Wohllieb hasst Supermärkte. Woher soll man wissen,welche der 52 Nudelsorten die richtige ist? Es gibt verwirrend viele Gänge, die man alle durchstreifen muss auf der Suche nach einem Paket Reis. Am Ende liegen drei Tütensuppen und ein Sparschäler für Artischocken im Wagen, und man weiß nicht, warum.

Dennoch betritt Herr Wohllieb hin und wieder einen Supermarkt, weil er nicht verhungern will. Genauer gesagt: einmal die Woche.

Als er seinen Wagen durch die Reihen schiebt, verspricht ein Glas Apfelmus 20 Prozent mehr Inhalt, und von den Schokoladenriegeln gibt es einen zusätzlich gratis. Auch sein Joghurt hat zugelegt: »50 Gramm Extraschlemmen« befiehlt das Etikett. Da stutzt Herr Wohllieb, denn bisher entsprach ein Becher Joghurt der idealen Nachtisch-Menge. Vielleicht will ich ja gar nicht mehr, denkt Herr Wohllieb, weil mir dann schlecht wird. Ein Glas Schokocreme zum Beispiel reicht für genau drei Wochen, jedenfalls nach Herrn Wohlliebs Berechnungen. Was ich dann essen will, weiß ich noch nicht. Eventuell Hering in Senfsoße. Wer weiß schon, worauf er in drei Wochen Appetit hat? Wenn ein Glas plötzlich 40 Prozent mehr Inhalt enthält, müsste ich also mehr Schokocreme pro Tag essen. Und dann würde mir schlecht.

»Ja«, wendet Sophie ein, »aber stellen Sie sich vor, Sie erhielten plötzlich 40 Prozent mehr Leben. Das wäre doch nicht so schlecht …«

»Woher wüsste ich denn, wie es gemeint ist? Bedeuten 40 Prozent, ich bekäme zu meinen statistischen 78 Jahren weitere 31,2 Jahre dazu? Was, wenn mich in diesen 31 Jahren ständig Zahnschmerzen quälten? Und selbst wenn alles weiterginge wie bisher – wer sagt denn, dass Glück größer wird, wenn es länger dauert?«

 

aus: Herr Wohllieb sucht das Paradies

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So

24

Sep

2017

Meine Stimme

 

Oma ging immer zur Wahl. Als Kind wollte ich wissen, was sie wählt. Das ist geheim, hat sie gesagt und ich dachte: Das muss ja was Aufregendes sein. Das wollte ich auch. Wie ja überhaupt Großwerden etwas ungeheuer Reizvolles hatte. Für Oma war das kein Spiel. Es war ihr Recht und ihre Pflicht und beides war groß. Groß genug, um im Sonntagsstaat ins Wahllokal zu gehen und ihr Kreuz zu machen. Meine Oma hatte schrumpelige Hände vom vielen Abwaschen und vom Kartoffelschälen. Politische Reden waren nicht ihre Sache. Aber sie war Bürgerin. Und sie hatte eine Meinung. Die vertrat sie alle vier Jahre mit ihrer Stimme. Ich bin jetzt groß und Oma ist tot und allein schon für sie gehe ich zur Wahl. Meine Stimme ist eine Stimme gegen Rechts.

Denn wie sollte ich ihr das erklären, wenn auf einmal wieder Rechte unser Land regierten?

 

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Sa

16

Sep

2017

Morgen

Herr Wohllieb hat zwei Paar Schuhe. Ein grünes und eins für besondere Tage.

Das für besondere Tage sieht neuer aus.

Herrn Wohlliebs Mutter sagte immer:

»Was neu ist, muss man schonen!«

Und dann legte sie das just erworbene Küchentuch in den Schrank.

Als sie starb, lagen dort 71 unbenutzte Tücher.

Was soll man mit so vielen Küchentüchern?, denkt Herr Wohllieb ratlos.

Dann sieht er auf seine Schuhe hinab.

Es sind die grünen.

Morgen, beschließt er, trage ich die anderen.

Und dann wird das ein besonderer Tag.

 

aus: Herr Wohllieb sucht das Paradies

 

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Sa

19

Aug

2017

Pause

 

.... mein Plan für

die nächsten Wochen. 

 

Am 17. September

geht es hier weiter.

 

Heitere Spätsommertage

für alle! Macht was draus.

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So

06

Aug

2017

Hm.

 

In den Ritzen der Wörter

liegt der Sinn

zwischen Toastkrümeln

und Wollmäusen

Leg den

Staubsauger aus der Hand

 

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Mo

31

Jul

2017

Morgengebet

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So

23

Jul

2017

kleine Sonntagsbilanz

 

was ich brauche: Zeit. Verstecke. Sonne nicht zu selten. Verbindung. Schuhe, in denen ich wohnen kann. Jemand, der mich hält. Ein Polster aus Geld (um nicht mehr daran zu denken). Ausreichend Schlaf. Einen Stift, der gut schreibt. Eine Gesellschaft, in der niemand unterdrückt wird. Himmel. Ruhe. Bücher. Ideen. 

was ich nicht brauche: Fernseher. Die meisten Apps. Spaghettizange. Schuldgefühle. Rolltreppen. Flugzeuge. Fertiggerichte. Küsschen rechts und links. E-Bike (noch nicht). Nazis. Die AFD. Früher-war-alles-besser-Gläubige. Spinnen mit langen Beinen. Garantieforderungen. Weltraumflüge. Diese Kreuzung aus Grapefruit und Melonen. 

 

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So

16

Jul

2017

Bolle und Gott

 

Bolle, sagt Gott, wir waren mal auf Du und haben am Lagerfeuer gesessen

und du hast mir erzählt, wovon du träumst

und haben Sterne geguckt

und Rio Reiser gesungen

und unser Haar war zerzaust

und du hattest ein Buch dabei und hast mir vorgelesen

und dein Herz pochte gegen meins

Bolle duckt sich ein bisschen, weil er spät dran ist

Nimm mich halt mit, sagt Gott

Geht nicht, sagt Bolle, das passt nicht

Weil Bolle jetzt Björn ist

Und Gott immernoch Gott

mit seinen Träumereien

ein bisschen Achtziger eben

Ach, Gott

denkt Bolle

 

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Mo

10

Jul

2017

Anders

Liebe Randalierer, war das die andere Welt, die möglich ist? Die könnt ihr für euch behalten.

Verwüstet doch in Zukunft einfach euer Wohnzimmer. 

Liebe Menschen außerhalb Hamburgs,

Protest gab es auch in bunt - und wir waren mehr!

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So

02

Jul

2017

Sonntagsengel

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Mo

26

Jun

2017

Oh Mann! Oh Frau!

Es gibt jetzt eine Bibel für Frauen. Und eine für Männer. Weiß der Himmel, warum. An der Auswahl der Geschichten kann es nicht liegen. Wenn die Frauenbibel nur Frauengeschichten enthielte, wäre sie eine dünne Broschüre. Also muss es etwas anderes sein. Der Verlag schreibt, die Männerbibel greife Männerthemen auf: „Entscheidungen treffen, Arbeitsalltag, erfolgreiches Scheitern, Zeit, Sex, Geld, Alkohol, Sport“. Das Leben der Frau ist da überschaubarer. Ihre Themen sind zuerst „mit Sorgen zurecht kommen. Mutter, Tochter oder Single sein.“

Ich fasse zusammen: Der Mann ist erfolgreich (selbst, wenn er scheitert). Die Frau kommt zurecht. Der Mann definiert sich durch sein Tun (Arbeit, Sex, Sport). Die Frau durch ihr Sein (Mutter, Tochter, Single). Und damit auch dem letzten Dummchen klar wird, auf welche Seite es gehört, kommt die Männerbibel in stählerner Metalloptik daher und die Frauenbibel im rosaroten Blümchengewand.

Vielleicht denken Sie: Mir doch egal. Ich habe meine Bibel, und die hat Goldschnitt. Das ist geschlechtsneutral.

Ich glaube aber, es ist nicht egal.

Ich bin in den 70ern groß geworden. Da war auch nicht alles Gold. Aber erst recht nicht rosa. Meine Liebe zu Ringelpullovern führe ich auf ein grün-weißes Exemplar aus der Kindergartenzeit zurück. Pippi Langstrumpf war die damalige Prinzessin Lillifee und sie brauchte kein Krönchen. Hello Kitty wäre von Tom & Jerry zum Teufel gejagt worden. Ich wollte eine Weile Lastwagenfahrerin werden, weil ich es mir aufregend vorstellte, ein so großes Auto zu steuern.

Heute stecken weibliche Babys in rosa Stramplern, die später von rosa Schleifchen abgelöst werden. Lego gendert in rosarote Schlösser für Mädchen und Ninjakämpfer in blauen Kartons für Jungs. Unschuldige Zeiten, als alle zusammen Indianer oder Feuerwehr spielten. Den ersten Preis für sexistische Werbung hat eine Buchreihe zum Lesenlernen gewonnen. Jungs bekommen Piraten-, Polizisten- und Weltraumgeschichten. Bei den Mädchen strahlt eine Prinzessin mit ihrem Pferd um die Wette. Natürlich in rosa.

Und jetzt also die Bibel. „Ihr alle habt Christus als Gewand umgelegt. Es gibt nicht mehr Mann noch Frau.“ Das schrieb Paulus, der sicher kein Feminist war.

Aber es spielt einfach keine Rolle, welche Lieblingsfarbe Maria hatte. Dass Frauen sich ebenfalls für Sex interessieren, wird spätestens im Hohelied klar. Es gibt Frauen, die sind Richterin, Herrscherin oder Schurkin. David spielt Harfe und gibt gleichzeitig den Krieger. Während Judith erst brav in ihren Büchern liest, bevor sie ihr Volk befreit und Holofernes den Kopf abhaut. Ob sie das in einem rosa oder blauen Leibchen tat, ist nicht überliefert.

Ich persönlich trage rosa übrigens sehr gern. Bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts galt sie als typische Jungenfarbe. „Rosa“, schrieb damals eine amerikanische Zeitschrift, sei nun mal „die kräftigere und für Jungen geeignete Farbe.“ Noch so ein Klischee...

 

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So

18

Jun

2017

Meditation

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

to be continued...

 

 

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Mo

12

Jun

2017

Frühjahrsputz

 

alles aufgeräumt

Kopf neben Herz gelegt

das gibt Stress

 

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Sa

03

Jun

2017

Lebenslauf des Scheiterns

Das eigene Leben, eine Erfolgsstory. Das gelungene Risotto. Der Halbmarathon. Die entzückenden Kinder samt Minisaxophonen. Retuschiert und in Farbe auf Facebook zu sehen. Toll, denke ich, während ich versuche, meine Strickjacke zu stopfen. Langweilig, denken sich die Macher des Museums des Scheiterns und präsentieren: Misserfolge. Weil in Wirklichkeit bis zu 90% unseres gesamten Tuns nicht klappt. Versuch und Irrtum eben. Nur, dass der Irrtum meist unter den Teppich gekehrt wird, weil er sich doof anfühlt. Johannes Haushofer ist Professor an der Universität Princeton. Er hat seinen Lebenslauf des Scheiterns ins Netz gestellt. Eigentlich wollte er damit nur eine Freundin aufmuntern, die eine Stelle nicht bekommen hatte. Die virale Resonanz war riesig. Als würden die Leute aufatmen, weil sie mit ihren Misserfolgen nicht allein dastehen. Klar: Bei einem Professor an einer Eliteuni hat viel geklappt. Aber vieles eben auch nicht.

Hier mein Lebenslauf des Scheiterns. Unvollständig, versteht sich.

  • Eine Zirkusvorstellung im zarten Alter von fünf. Wir hatten Einladungen für alle Nachbarn gemalt. Dann regnete es. Letztlich war das unser Glück, denn beim Üben des Programms, das zwei Stunden später stattfinden sollte, merkten wir: Wir können nichts, was annähernd nach Zirkus aussieht.
  • Im reiferen Alter von 15 fragte mich eine Freundin, ob ich Flöte spielen kann. Ich dachte: so schwer kann das nicht sein und sagte Ja. Ohne je einen Ton gespielt zu haben. Zwei Wochen später traten wir als Duo im Sonntagsgottesdienst auf. Gut, dass Kirchenbesucher barmherzig sind…
  • Beim Schafsitten hat sich ein Lamm erhängt. Das war ein sehr tragisches Scheitern. Übrigens nachdem zuvor die gesamte Herde ausgebüxt war. Als Schafhirtin tauge ich nicht.
  • Einer meiner ersten Aufträge, ein Text für das Magazin „Junge Soldaten“ wurde abgelehnt. Ich sollte über die Hölle schreiben. Offenbar tat ich das nicht plausibel genug.
  • Auch nicht von Erfolg gekrönt war das Seminar „Wir wollen doch nur spielen“. Anscheinend haben das alle wörtlich genommen. Es gab keine Anmeldungen.
  • Neben einer Kündigung, zahlreichen unbeantworteten Bewerbungen und einer Absage nach einem Vorstellungsgespräch für eine Stelle zur Prävention von Rechtsradikalismus war auch meine Karriere als Pizzafahrerin nach zwei Abenden beendet. Nach zahlreichen Beschwerden über kalte Pizzen wurde ich in die Küche versetzt.
  • Der Versuch, Faber Castell für das Sponsoring meiner Seminarbleistifte zu gewinnen, scheiterte ebenfalls (ich benutze trotzdem keine anderen!).

Meine Teilnahme an den Bundesjugendspielen lassen wir außen vor. Eine Kontaktanzeige brachte nicht den gewünschten Erfolg Mann. (Nein, jetzt brauche ich keine Zuschriften mehr.) Das Meldeverfahren der VG-Wort habe ich bis heute nicht verstanden (was mich quält. Ich dachte, ich sei schlau.).

To be continued.

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So

28

Mai

2017

Im Himmel

Heute Morgen liegt eine Einladung in deinem Briefkasten. Kein Absender auf dem Umschlag. Du hältst ihn gegen das Licht, das Papier ist dick. Im Inneren liegt eine Karte. Du holst sie raus.

Himmel, steht auf der Karte. Herzlich willkommen!

Einen kurzen Moment bekommst du einen Schreck: Bin ich schon tot?

Nein, du bist nicht tot, ganz im Gegenteil, du fühlst dich lebendiger denn je.

Himmel liest du und denkst an Wellnesstempel und Wattewölkchen, an Himmelbett und Harfenklang.

Aber als du die Karte umdrehst, steht da etwas ganz anderes:

Himmel, hier und jetzt. Himmel, du bist mittendrinn.

Du wunderst dich.

 

Der Himmel ist mitten unter euch, sagt Jesus. Der Himmel ist hier.

Verstohlen blickst du dich um. Jemand hat Zwiebeln gegessen. Ein paar Drogis liegen draußen auf der Straße und du hast Angst um dein Portemonnaie.

Der Himmel ist hier.

In der UBahn musstest du stehen. In den Nachrichten hörst du die Krisen der Welt.

Der Himmel ist hier.

 

Wenn der Himmel hier ist, dann ist der Himmel auch in  Afghanistan. Der Himmel ist im Hauptbahnhof. Der Himmel ist im Käseladen, der Himmel ist im Krankenhaus. Der Himmel ist im Nachbarzimmer, der Himmel ist in Washington. Der Himmel ist in Buchenwald. Der Himmel ist im Internet. Der Himmel ist im Kindergarten. Der Himmel ist am Küchentisch. Der Himmel ist da.

Der Himmel ist die Möglichkeit: Nach oben offen.

Der Himmel ist anders als du denkst:

 

Der Himmel ist ein Feld, das darauf wartet, bestellt zu werden.

Der Himmel ist eine Wolldecke, keiner kriegt kalte Füße.

Der Himmel ist ein Augenblick. Nur die Wachen sehen ihn.

Der Himmel ist ein Apfelkuchen, jeder gibt ein Stück.

Der Himmel ist ein Sack voll Lose, und jedes ist der Hauptgewinn.

Der Himmel ist ein Hase, den der Schuss des Jägers nicht erwischt.

Der Himmel ist ein Kopfstand. Nur die Mutigen wagen ihn.

Der Himmel ist ein Gegenüber, das zum Miteinander wird.

Der Himmel ist ein Gedicht und du bist der Reim.

Der Himmel ist ein Engel, der an den Himmel erinnert.

 

Der Himmel auf dem Kirchentag 2017. Hansaviertel Berlin.

 

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Sa

20

Mai

2017

Dass man was fühlt

„Wie fühlt man Gott?“, fragt Luise.

Herr Wohllieb ist manchmal etwas überfordert von Luises Fragen. Möglicherweise liegt es daran, dass es in seinem Leben bisher niemanden gab, der ihm Fragen stellte. Und seine eigenen Fragen wiederum sind selten dazu geeignet, ihn selbst zu überraschen. Luises Fragen überraschen ihn und vor allem überraschen ihn seine Antworten. Er hat keine Ahnung, woher sie plötzlich kommen.

„Am besten“, sagt er, „man setzt sich in einen Sessel und wartet. Dass man was fühlt.“

„Kann man dabei stricken?“

Herr Wohllieb kennt sich mit Stricken nicht aus, aber seiner Erfahrung nach ist es in siebzehn von achtzehn Fällen schwierig, zwei Sachen gleichzeitig zu tun.

Luise denkt einen Moment darüber nach, wie es wäre, ohne Strickzeug in einem Sessel zu sitzen. „Und wenn man nun nichts fühlt, dass sich wie Gott anfühlt? Nur den Luftstrom eines schlecht schließenden Fensters oder das zwickende Knie oder ein Unbehagen, das, wenn man ihm nachgeht, mit einem unangenehmen Gespräch, das man am Vormittag geführt hat, zu tun hat?“

„Das könnte“, sagt Herr Wohllieb schüchtern, „doch schon ein Anfang sein.“

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So

14

Mai

2017

Arthur und der Herrgott

... hören: Moment Mal oder lesen:

 

Dass der Herrgott seine Lina im Mai geholt hatte, darüber ist Arthur wütend, so richtig wütend. Sein Mund ist ein schmaler Strich. Er will nicht mehr reden. Im Mai! Wenn der Flieder blüht und man alles für möglich hält, nur nicht den Tod. Wenn die Welt viel zu schön ist, um zu gehen. Hätte er doch warten können, bis November ist, denkt Arthur. Wenigstens das. Arthur nimmt dem Herrgott das übel und redet nicht mehr mit ihm. Soll er sehen, was er davon hat.

Ziemlich viel Schweigen ist jetzt in Arthurs Leben, weil die Lina nichts mehr sagt und weil er nicht mehr zum Kegeln geht und auch kein Skat mehr spielt, freitags im "Alten Krug". Weil er nicht mehr weiß, was er da soll, traurig, wie er ist. Da will er keinem mit auf die Nerven gehen, was sollen sie auch sagen, die anderen. Im Wohnzimmer tickt die Uhr, auf einmal hört Arthur sie wieder, bis auch sie aufhört zu ticken, weil Arthur sie nicht mehr aufzieht. Dann ist gar nichts mehr zu hören. Nichts, bis auf Arthurs Atem. Der ist noch zu hören. Und darüber ist Gott erleichtert, sehr erleichtert, nicht auszudenken, wenn er auch noch den Arthur verloren hätte, wo ihm schon die Lina so fehlt, da unten auf der Erde. Die Lina mit ihrem unerschütterlichen Optimismus und ihren aufgekrempelten Ärmeln, damit sie immer anpacken konnte, wo es nötig war. Die Lina, die die Welt ein winziges Stück besser machte. Gott seufzt und setzt sich neben Arthur. Zusammen sitzen sie da und zusammen sind sie eine ganze Weile traurig. Bis sie schließlich aufstehen und rausgehen, um zu gucken, was das Leben macht. 

 

NDR2, Moment mal

 

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So

07

Mai

2017

Randnotiz

Einander groß machen. Und einander groß sein lassen.

Die Geschichte der Kirche ist eine Geschichte des Gegenteils:

Gott groß. Mensch klein. Jesus Retter. Mensch Sünder. Missionare Rechtgläubige. Die Zu-Missionierende Ungläubige. Priester Hüter des Heiligen. Gläubige Bedürftige. Der Mann als Mensch. Die Frau als Gehilfin. Das ist heute alles nicht mehr so offensichtlich. Aber geblieben ist der Ausgang vom Mangel. Vom Defizit. Dir fehlt was, darum brauchst du Gott.

Das wäre doch ein armer Gott, der seine Größe definiert, indem er seine Geschöpfe klein hält.

Denken wir es andersrum: Gott macht Menschen, die wie Gott sind. Lebendig. Leuchtend. Überwältigend. Ansteckend. Mächtig. Wir.

 

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So

30

Apr

2017

Schöne Aussichten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fass dir ein Herz

Lern Träume zu deuten

Schau hinter die Dinge

Führ die Hoffnung spazieren

 

Dann sehen wir weiter.

 

 

(aus: Siehst du mich?)

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So

23

Apr

2017

Nach Ostern

In diesen Nächsten

rufst du mich hinaus

In diesen Nächten

schläft die Eule

und der Dämon ruht

In diesen Nächten

wehen die jungen

Buchenblätter

und die Luft schmeckt

nach Werden

 

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Do

06

Apr

2017

Ach! Ostern!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

... euch allen helle und heitere Ostertage. 

Hier geht es weiter am 23. April.

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Do

06

Apr

2017

Noch offen

Es wird Frühling. Ich merke das, und ich meine nicht die Knospen und die Narzissen und all dies. Ich spüre es, es steckt mir in den Knochen. Plötzlich taucht eine Sehnsucht auf, die nicht mal die dicke Schicht aus Lebkuchen und Dezembergemütlichkeit endgültig hat begraben können. Es ist wie mit dem Schnee. Er taut und darunter kommt alles wieder zum Vorschein.

Nur, was fängt man an mit so einer Sehnsucht, die einen hinaustreibt ohne ein Ziel zu nennen? Denn genauso ist es: Jedes Jahr im April fühle ich mich wie ein liebeskranker Teenager, der nicht mal sagen kann, ob es Jule oder Luise ist, nach der er sich sehnt. Schließlich bin ich nicht fern der Heimat, kein geliebter Mensch ist in den letzten Monaten gestorben (zum Glück!). Ich bin im großen und ganzen gern, wo ich bin. Und trotzdem: Etwas zieht mich. Ich will hinaus. Will die feuchte Abendluft riechen. Die Erde, deren Duft jetzt ganz anders ist, als im Winter oder im Herbst. Ich halte nach Schwalben Ausschau. Alles scheint möglich in diesen Aprilabenden, alles scheint offen. Als hätte mich jemand aus dem Winterschlaf geweckt. Jetzt ist es Zeit für die erste Wanderung und das Zelt lockt, obwohl ich weiß, dass die Nachtfröste sich noch an den Winter klammern.

Aber das ist nicht alles. Meine Sehnsucht geht über das Blühen und Grünen hinaus. Es reicht nicht, einen Strauß Blumen zu kaufen oder einen pastelligen Frühlingspullover. Die Ostereier in den Schaufenstern lassen mich kalt. Zu jeder Sehnsucht gibt es ein Angebot, das mir zuflüstert: Ich stille dich. Mach einen Yogakurs oder kauf einen Bewegungszähler. Lies ein Einrichtungsmagazin, bestell Bettwäsche mit Punkten. Hör auf deine innere Stimme. Wir haben die Antwort. Aber so ist es nicht. Echte Sehnsucht lässt sich damit nicht abspeisen. Es ist, als würde sie mir zurufen: Lass dich nicht einlullen. Wach auf. Zieh aus. Erblühe! Das ist das Leben. Verpass es nicht. An solchen Abenden ist der Himmel rosa, und ich stelle mir vor, wie es wäre, zu fliegen.

Aber nur kurz, wirklich nur ganz kurz. Alles andere wäre gefährlich. Denn Sehnsucht ist nicht rosarot. Sie ist kein Weichzeichner. Sie hat eine andere Seite, nur die Nüchternen sind ihr gewachsen. Sehnsucht weist über sich selbst hinaus. Dazu ist sie da. Sie ist nicht das Ziel, sie ist der Weg.

Wenn du jetzt fragst, was denn das für ein Ziel sei, dann hast du mich. Denn ich weiß es nicht. Es ist kein Ort, den ich erreichen kann. Es ist keine Leistung, die ich erbringen muss. Ich kann es nicht buchen, ich kann es nicht kaufen. Nicht mal Google kennt es. Ich würde es Erfüllung nennen, tiefe Erfüllung, die das Leben bereit hält. Nicht ständig und nicht überall. Aber dann und wann, Augenblicke, in denen der Himmel offen steht.

Und darum bleibe ich unruhig in diesen Aprilabenden, halte Herz und Augen offen und ziehe los. Wie die Schwalben.

 

in: Welt der Frau 4/17

 

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So

02

Apr

2017

Mehr Lücken!

Uns allen eine feine, neue Woche.

 

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So

26

Mär

2017

zur täglichen Übung

Kreuz

 

die Füße auf der Erde

den Kopf im Himmel

die Arme weit offen

 

erstaunlich

was das trägt    

 

 

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So

19

Mär

2017

Eva

Eva war 32 Jahre alt und hatte einen passablen Mann. Der war möglicherweise weniger klug als sie, aber häuslich und verlässlich. Er hieß Adam. Adams Vater war Gott. Damit muss man erst mal klarkommen, auch als Schwiegertochter. Gott hatte ein Universum geschaffen, in dem er der Chef war, über alles Bescheid wusste, bedingungslosen Gehorsam wünschte und dafür bereit war, viel Liebe zu geben. Adam sollte es eines Tages übernehmen, aber wann genau dieser Tag eintreten würde, das wusste niemand, und manchmal fragte sich Eva, ob er überhaupt je kommen würde. Denn dass Gott sich von seiner Macht trennte, das war so schwer vorstellbar wie eine Welt jenseits der Welt.

Adam kam also aus geborgenen Verhältnissen, während Evas Herkunft ungewiss war. Gott gefiel das. Auch deswegen hatte er sie für seinen Sohn ausgesucht. Weil sie ein unbeschriebenes Blatt war. Jedenfalls dachte er das. Aber darin hatte er sich getäuscht (was niemand erfahren sollte). Denn Eva hatte Ziele für ihr Leben, und bisher hatte es keinen Grund gegeben, sie aus dem Blick zu verlieren. Sie wollte

1.     alles hinterfragen und unbedingt unvoreingenommen sein

2.     drei Kinder bekommen, deren Geschlecht ihr egal war

3.     trotzdem die Welt sehen

4.     niemals stricken

5.     Schmerz ertragen und

6.     zuversichtlich sein.

 

Eva fragte Adam Sachen wie: Magst du lieber das Gelbe oder das Weiße vom Ei? Könntest du eher auf ein Bein oder auf einen Arm verzichten? Meinst du, dass es erst Bienen oder erst Honig gab? Adam wurde schwindelig davon. Er dachte nicht soviel nach und verstand auch nicht, warum man sich überhaupt für die eine oder die andere Sache entscheiden soll, wenn man doch alles haben kann. „Es ist hypothetisch“, sagte Eva. „Es geht darum, sich vorzustellen, was sein könnte.“ Adam fand, man könnte sich einfach mit dem begnügen, was ist. Denn das war ja schon eine ganze Menge.

Eva erkannte schnell, dass Gott ein Problem hatte: Das Universum drehte sich um ihn, und wenn sich alles um einen selbst dreht, dann ist das auf Dauer kaum auszuhalten. So gesehen war Eva Gottes Rettung.

Alle beneideten Eva um ihr Dasein. So jung, so klug, die Zukunft schon in der Tasche. Und schön war sie, das muss man schon sagen. Auf eine herbe Art war Eva schön. Es gab also nichts, worum sie sich sorgen musste. Für Eva war gesorgt.

Nur Frau Hickendahl erkannte Evas Freiheitsdrang. Frieda Hickendahl war eine Schlange. Eine Kriecherin. Sie säte Zwietracht. Das wusste jeder. Wer irgend konnte, ging ihr aus dem Weg. Genau genommen war sie eine arme Kreatur. Eva sprach trotzdem mit ihr, allein schon, weil es das erste ihrer Ziele gebot. Manchmal traf sie Frieda im Bus, und weil der Platz neben ihr so gut wie immer leer blieb, setzte sich Eva zu ihr.

„Lange nicht gesehen ...“ Frieda sah Eva bedeutungsvoll an. „Ich dachte, du seist vielleicht schon gar nicht mehr hier.“

„Wo sollte ich denn sein?“, fragte Eva zerstreut, weil draußen ein Zitronenfalter den Bus überholte und das doch erstaunlich war.

Frieda folgte ihrem Blick. „Der ist freier als wir. Und schneller. Warum bleibst du eigentlich? Du könntest es doch viel weiter bringen. Und schlauer als Adam bist zu auch.“

Eva zuckte mit den Schultern. „Wo sollte ich denn hin? Eines Tages erben wir hier doch alles.“

„Und wenn der Alte ewig lebt?“

Darüber hatte Eva selbst schon nachgedacht und auch, wenn sie Gott sehr schätzte, gefiel ihr der Gedanke einer Zukunft zu dritt nicht besonders.

„Drei sind einer zu viel“, sagte Frieda Hickendahl und zeigte beim Lachen viele Zähne.

Im Herbst sprach Eva es schließlich an. Dass sie mehr Freiheit bräuchten, erklärte sie, die Welt selbst entdecken müssten, ihre eigenen Wege gehen. Adam nickte.

„Hat euch die Hickendahl den Floh ins Ohr gesetzt?“ Gott war offensichtlich verärgert.

„Und wenn schon, manchmal muss man sich was sagen lassen.“

„Aber doch nicht von der!“

„Bist du etwa eifersüchtig?“ Eva lächelte. „Auch schlechte Menschen können Wahres sagen. Selbst dann, wenn sie es gar nicht vorhaben.“

Sie ist schlau, dachte Gott. Er konnte nicht umhin, stolz auf sie zu sein. Sie ist mir ebenbürtig. Ein echtes Gegenüber. Sie wird mir fehlen.

Er wusste, er hatte verloren.

Eva sah seinen Blick und legte ihre Hand auf seinen Arm.

„Nicht traurig sein, wir sind doch nicht aus der Welt.“

„Pass mir auf den Jungen auf ...“

Eva nickte. „Besuch uns mal, ja?“

„Ich?“

„Ja, du.“

Da lernte der alte Gott, sich zu bewegen. Das änderte alles. Und Schuld daran war einzig und allein Eva.

„Ruft mich an“, sagte er. „Dann komme ich zu euch.“

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So

12

Mär

2017

Gottes Name

Als ich einmal Gott traf, wusste ich nicht, wie ich ihn nennen sollte. Also sagte ich: Namenloser. Haschem. Es gefiel ihm, und ich ging meiner Wege. Wir begegneten einander erneut, und ich erkannte ihn. Da nannte ich ihn: Gott. Elohim. Beim nächsten Mal dämmerte mir, dass er immer wieder kommen würde, und ich sagte: Ewiger. Adonaj. Er machte mich groß, er stärkte meine Seele und hielt mein Herz. Da rief ich: Allmächtiger. Shaddaj. Ich begann ihm zu vertrauen, ich ließ mich fallen, und er wurde Vater und Mutter für mich: Abba. Imma. Schließlich konnte ich nicht mehr unterscheiden, wo ich aufhörte und er begann. Da nannte ich ihn: Ich-bin-da. 

 

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So

05

Mär

2017

Liebes Zukunfts-Ich,

Du bist mir immer einen Schritt voraus. Was vor mir liegt, hast du schon hinter dir. Wo ich noch zaudere, bist du längst losgegangen. Wo ich mir blutige Knie hole, bist du wieder aufgestanden. Du bist Ich, aber du bist immer ein bisschen klüger als ich. Du bist Ich, wie ich sein könnte. Deshalb vertraue ich dir und bin neugierig, was du zu erzählen hast.

                                                                                         Du zeigst mir: Es geht immer weiter.

                                                                                         Selbst wenn ich Kleingläubige nur

                                                                                         Sackgassen sehe. Irgendwie schaffst du

                                                                                         es, über die Mauer zu klettern. Zeig mir,

                                                                                         wie das geht. Ich bin bereit.

 

 

 

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So

26

Feb

2017

Wichtig

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So

19

Feb

2017

Nö.

Ich will nicht, dass ein Programm kontrolliert, ob mein Kühlschrank gefüllt ist. Wenn ich eine Auskunft will, frage ich einen Menschen und nicht Siri. Ich will nicht kontrollieren, wie viele Ballaststoffe mein Abendessen hat und keine Uhr soll meine Blutfettwerte messen. Ich will darauf vertrauen, dass mein Körper so grob weiß, dass eine Möhrenrohkost gesünder ist als ein Double-Cheese-Doppel-Whopper. (Und gleichzeitig, dass ihn so ein Ding auch nicht umbringen wird.) Ich will nicht kontrollieren, ob Claudia meine WhatsApp gelesen hat. Ich will darauf vertrauen, dass sie sich schon melden wird, wenn es passt. Es ist mir egal, wer mein Facebook-Profil anschaut. Kein Programm soll preisgeben, wo ich mich gerade befinde. Ich will meine Verstecke. Manchmal will ich mich so durchwurschteln, das soll keiner sehen. Ich will Unsicherheit aushalten, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Ich will ein Recht auf Risiko, so wie man als Kind einen Baum erklomm und abwog, ob ein Ast trägt oder nicht. Irgendwann hat man es im Gefühl.

 

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So

12

Feb

2017

Zum Valentinstag

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Mo

06

Feb

2017

Streiten

Hoffnung ist ein Wort mit kleinen Buchstaben, denkt Alma. Weil Hoffnung nie so kommt, wie man denkt. Höchstens ganz anders. Und weil das so ist, lautet die erste Lektion: Gib alle Hoffnung auf. Und hoffe tapfer weiter. Alma übt das seit sechsundneunzig Jahren. Sie hat einen Krieg überlebt und einen Mann. Alma sitzt jetzt oft kopfschüttelnd vor dem Fernseher, wenn sie die Bilder von den Flüchtlingen sieht. Sie kennt das alles. Selbst musste sie nicht fliehen, aber es kamen welche, damals auf den Bauernhof ihrer Eltern. Es waren Menschen, deren bisheriges Leben ein jähes Ende gefunden hatte.Mitgefühl ist Christenpflicht, so sieht Alma das. Ich war hungrig, hat Jesus gesagt, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen. Gilt das denn nicht mehr? Das ist keine Gefühlsduselei. Alma hat sich noch nie vor den Tatsachen gedrückt. Wer Mitgefühl ausnutzt, muss mit den Konsequenzen leben. Es gibt schließlich Gesetze. Aber Menschen ohne Mitgefühl sind gefährlich. Sie wollen sich nicht hineinversetzen in andere. Wer kein Mitgefühl hat, leugnet die eigene Schwäche, die eigene Bedürftigkeit. Jeder ist klein, irgendwo. Manche spielen einfach Riesen und hoffen, es fliegt nicht auf. Auf einmal grölen die Leute wieder. Rüde zu sein ist salonfähig. Sogar manche von den Politikern vergessen ihre gute Kinderstube. Selbst im Fernsehen. Almas kann das nicht begreifen. Ist ihnen das nicht peinlich? Als ob Beleidigungen Argumente wären. Alma hat nichts gegen Streit. Sie hat oft gestritten mit ihrem Hans, wenn der mal wieder seinen Dickkopf hatte. Manchmal muss man sich auseinandersetzen, immer nur heile Welt, das bringt auch nichts. Aber doch bitte mit Respekt. Man muss sich doch hinterher noch in die Augen sehen können. Was bleibt denn sonst von einer Gesellschaft übrig?

Ich hoffe, denkt Alma, dass ein Wunder geschieht und sich diese Großmäuler wieder kleinlaut zurückziehen. Und zwar nicht, weil ein anderer noch lauter schreit, sondern weil sie ihr Mitgefühl entdecken und erkennen: Wir liegen falsch. Alma hat Mitgefühl. Ich habe großes Verständnis dafür, dass die Leute übers Meer kommen, hat sie letztes Mal trotzig beim Seniorenkaffee gesagt. Weil sie hoffen, etwas Besseres zu finden als den Tod. Die meisten haben wissend genickt. Und das ist die zweite Lektion: Hoffnung verleiht Flügel.Du bist blauäugig, schimpft ihr Sohn. Wo sollen die denn alle hin? Aber Alma versteht die Aufregung nicht. Das werden doch nicht alles Halunken sein. Manche wird man doch brauchen können, letztens zum Beispiel las sie von einem jungen Mann aus Syrien, der jetzt in der Bäckerei anfängt. Als Lehrling. Der Meister ist überglücklich, weil: Wer will denn heute noch Bäcker werden? Alma schüttelt den Kopf. Dann wird es eben anders. Aber kann anders denn nicht auch gut sein?

 

So geht’s: Miteinander reden und lachen, dabei aber auch einander Achtung erweisen. Mitunter sich auch streiten – ohne Hass, wie man es auch mit sich selber tut. Manchmal auch in den Meinungen auseinandergehen und damit die Eintracht würzen, einander belehren und voneinander lernen, so dass aus Vielheit Einheit wird. (Augustin, 4. Jh)

 

in: Welt der Frau 2/17

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So

29

Jan

2017

Rüsselkäfer

Lieber Mensch,

ich finde, du bist mir ganz gut gelungen.

Genau wie die Tulpen, die Rüsselkäfer und die Ackerschachtelhalme.

Da gibt es nichts zu optimieren.

Die Rüsselkäfer wissen das.

Du vergisst es manchmal.

Hiermit versichere ich dir:

du darfst einfach sein.

Du darfst lesen ohne dich zu bilden. Spazieren gehen ohne Schrittzähler. Fußball spielen allein aus der Lust heraus, gegen einen Ball zu treten. Du brauchst nicht Weltmeister zu werden.

Tu, was du willst. Wenigstens manchmal.

Es muss nichts bringen.

Wem auch?

 

In inniger Verbundenheit,

Gott

 

 

 

in: Wandeln - Der Fastenwegweiser 2017 (Andere Zeiten)

 

 

 

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So

22

Jan

2017

Wunder dich

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So

15

Jan

2017

Schöne Aussicht

Am Dienstagnachmittag hat Herr Laubenstängel den Möglichkeitssinn entdeckt. Es geschah zufällig. Zusammen mit seiner Gattin saß er bei einem Stück Möhrentorte und schaute aus dem Fenster. »Siehst du das?« Frau L. sah eine Stromleitung, einen halben Supermarkt und drei Schäfchenwolken. Sonst nichts. »Du musst weiter sehen, dort hinten«, drängte Herr L. »Was soll denn da sein?«, fragte Frau L., die ihren Mann kaum wiedererkannte. »Was noch nicht ist, aber sein könnte.« »Und das siehst du?« »Das sehe ich«, bestätigte Herr L., und plötzlich war er ganz aufgeregt, weil sein Leben sich gerade in eine Vielzahl von Möglichkeiten verwandelte.

 

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So

18

Dez

2016

Liebes Weihnachtsfest,

vierundvierzig Mal haben wir jetzt schon zusammen gefeiert. Ein paar Mal gab es Schnee. Wir saßen zusammen in kalten Kirchen. Wir haben zu viel Pute gegessen und später, in vegetarischen Zeiten, den anderen heimlich die Pute geneidet. Wir haben Playmobil aufgebaut, Opas Kiwitorte gepriesen, die Tode der alten Tanten gezählt. Wir haben um echte Kerzen gekämpft, uns dem Konsum verweigert, keine Geschenke verteilt, viele Geschenke verteilt, aber wenigstens alle in Zeitungspapier verpackt. Wir haben nie zusammen Kartoffelsalat gegessen. Wir haben uns in einer dänischen Hütte getroffen, das Jahr, als wir flohen vor einem Höchstaufgebot an Engeln. Einmal haben wir sogar zusammen allein gefeiert. Es war still und überraschend. Wir waren Fremde – du in der Welt und ich bei den Schwiegereltern in spe. Wir haben uns im Rhythmus der alten Worte gewiegt. Du hast die schönsten Lieder und wir haben auch die längste Predigt tapfer angehört, um dann endlich aufzustehen und aus voller Kehle O du fröhliche zu singen. Egal, wie schief. Wir haben Milde geübt, uns das Jesusfigürchen in der Krippe angesehen, mit dem ich nie viel anfangen konnte. Aber ich habe ja auch nie mit Puppen gespielt. Wir sind zusammen im Wald gewesen, kurz vor der Dunkelheit, wenn nur noch Vögel und Hase da waren. Wir haben nach der Stille gegriffen.

Liebes Weihnachtsfest, wir waren nie heil. Die Welt lag im Krieg, ich hatte Liebeskummer. Du kamst trotzdem. Oma starb, Papa starb, du kamst trotzdem. Die Wohnung war nicht fertig, die Kisten waren notdürftig mit Lichterketten geschmückt, du kamst trotzdem. Ich verweigerte mich, ich fand, wir zwei bräuchten mal eine Pause, und du kamst auch dieses Mal trotzdem.

All die Jahre hatte ich den Traum, am Heiligen Abend mit allem fertig zu sein. Aber dann blieben die Fenster doch wieder ungeputzt, die Briefe halb geschrieben, ich war nicht beim Friseur. Die Kekse habe ich auf die Schnelle in den Ofen geschoben und sie kamen irgendwie schiefer als im Kochbuch abgebildet wieder heraus. Die Gedichte blieben ungelesen, das Weihnachtsoratorium habe ich nur beim Abwaschen gehört. Du kamst trotzdem.

Das mag ich an dir. Du setzt meiner Welt deinen Glanz entgegen. Du gehst an Orte, an die ich mich nicht wage. Lass uns das feiern.

 

Deine Susanne

 

(Vorwort in: Das Weihnachtsschaf. 24 wunderbare Geschichten)

 

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Sa

10

Dez

2016

Verheißung

(ist in diesem Jahr unsere Weihnachtskarte)

 

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So

04

Dez

2016

Erfüllung

Was tust du?

Ich warte.

Der Verkehr tröpfelt. Es ist kalt.

Worauf?

Auf Weihnachten.

Das kommt von selbst.

Es ist Advent.

Was soll schon passieren?

Das weiß ich auch nicht. Vielleicht kommt Jesus vorbei.

Hier?

Wo denn sonst?

Woran würdest du ihn erkennen?

Das ist eine gute Frage. Er würde kein Namensschild tragen. Ich weiß nicht, wie er aussieht. Ich beobachte die Leute. Eine Frau trägt zwei Tüten mit dem Aufdruck einer Supermarktkette. Zwei Kinder schieben ihre Räder vorbei. Ein Briefträger macht seine Runde. Woran werde ich ihn erkennen?

Vielleicht erkennt er mich.

Woran?

Daran, dass ich warte.

Der Verkehr setzt einen Moment aus. Es ist still.

Was willst du von ihm?

Erfüllung.

Ach je. Kleiner geht’s nicht?

Ich schüttele den Kopf. Ich bin entschieden.

Vergeudest du nicht deine Zeit?

Ich denke an ungebackene Kekse. Ich könnte Mails beantworten, die möglicherweise warten, aber möglicherweise auch nicht. Ich könnte ein Weihnachtsmenü planen oder eine Wunschliste schreiben. In die Sauna gehen. Schuhe putzen, beim Zahnarzt anrufen wegen eines Prophylaxetermins. Es gibt eine Weihnachtsfeier mit Kollegen, auch einen Kunstmarkt. Ich denke an Reifenwechsel, die besten Hits der Achtziger und Neunziger, Pilatesstunden, Hundefutter, Hausaufgaben und dass die Kinder bald Zeugnisse bekommen. Ich denke an nichts.

Nein, sage ich schließlich.

Willst du ein halbes Marzipanbrot?

Ich nicke.

Wir kauen.

Nichts passiert.

Das heißt, es passiert eine Menge: Die Ampel wird rot und grün und wieder rot. Drei schwarze Autos fahren über die Kreuzung, ein Hund kläfft einen Radfahrer an, der schlingert, flucht und weiter fährt. Im Haus gegenüber wird ein Fenster geöffnet. Jemand fragt sein Telefon, ob er noch Brot mitbringen soll. Ich friere ein bisschen.

Reicht es nicht auch so?

Wofür?

Für’s Leben.

Ich überlege und schüttele den Kopf.

Wie fühlt sich Erfüllung an?

Satt sein ohne gegessen zu haben. Wach sein ohne geschlafen zu haben. Haut spüren, obwohl kein Wind geht. Glücklich sein, obwohl sich nichts verändert hat. Nicht weg wollen. Nichts brauchen, obwohl Manches fehlt.

Und wenn er nicht kommt?

Das Risiko muss ich eingehen.

 

in: Das Weihnachtsschaf. 24 wunderbare Geschichten

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Sa

26

Nov

2016

Advent!

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So

20

Nov

2016

Erinner' dich

Ich stelle mir das so vor: Als Gott fertig war mit der Welt, als alle Blumen, Goldkarpfen, Täler und Windmühlen an ihrem Platz waren, zog er sich ein bisschen zurück, damit der Mensch Raum zum Leben hatte. Gott wollte schließlich nicht aufdringlich sein. Er hatte alles schön gemacht zu seiner Zeit und die Uhr auf „ewig“ gestellt.

Dann kam der Mensch. Er ging hinaus in die Welt, genoss Butterblumen und Pingpongspiel, lobte das Blau des Himmels und die Erfindung der Liebe und gab sich allerlei Vergnügungen hin. Er baute Häuser, zündete Kaminfeuer an, komponierte Opern und strickte Pullover. Es gab so viele wunderbare Dinge zu tun, mehr als man in einem einzigen Leben je schaffen könnte. Gott freute sich darüber, zeigte es doch, dass er mit der Erschaffung der Welt genau richtig gelegen hatte. Irgendwann begann er sich allerdings zu fragen, ob er sie eventuell zu gut gemacht hatte. Der Mensch erinnerte sich nicht an ihn. Er war zu beschäftigt. Gott lag es fern, dem Menschen bösen Willen zu unterstellen. In gewisser Weise trug er ja selbst die Verantwortung dafür. Er hätte die Welt schließlich auch langweilig machen können. „Da müssen wir nachbessern“, murmelte Gott und stellte eine große Kiste auf die Erde.

„Was ist das?“, fragte der Mensch. „Weiß nicht“, antwortete ein anderer. Sie umrundeten die Kiste und fanden einen Aufkleber. „Da steht ‚heilig’ drauf.“ Neugierig schauten sie hinein. In der Kiste war etwas, das aussah wie Goldstaub. „Voll schön! Davon nehme ich was mit!“ Die beiden stopften sich die Taschen voll und alle anderen taten es ihnen nach. Dann liefen sie nach Hause, erfreut über ihren wertvollen Fund.

Aber ach! Als sie den Staub zuhause hervorholten wollten, reichte ein Hauch, und er verteilte sich in alle Himmelsrichtungen. Das Heilige verschwand. Niemand konnte es festhalten. Der Mensch war enttäuscht. Er murrte. Eine so schöne Sache, kaum hatte man sie, schon war sie wieder entfleucht? Das nahm der Mensch übel. Frustrationstoleranz war noch nie seine Stärke.

Doch schon bald entdeckte die erste ein Glänzen. Dann der zweite. Man brauchte nur aufmerksam zu schauen, dann war es da: Es lag in der Stunde des Schlafs. In einem Lied. Es fand sich in dem Moment des Wiedersehens. Es lag auf einem alten Bild. Auf dem Gesicht eines Krankenpflegers. Man konnte es entdecken in einem einzelnen Wort. In einer Erinnerung. Im Schweigen einer Landschaft. Beim Teilen von Brot. Manchmal war es da, wenn alles passte. Und manchmal, wenn man am wenigsten damit rechnete. Es erhellte die Sonne. Und es brachte ein Glimmen in die Dunkelheit. Jeder konnte es an einem anderen Ort finden, in einem anderen Moment, sogar in einer anderen Sache. Aber immer war es, als würde sich für eine Millisekunde der Himmel öffnen. Es hob den Mensch über den Alltag hinaus. Überall konnte es aufblitzen und überall konnte es erinnern: Hier ist Gott.

 

in Welt der Frau 11/16

 

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So

13

Nov

2016

Nachricht

Lieber Gott,

 

ich rette dich,

den Taschendieben schenke ich Schokolinsen,

den Hassprediger entwaffne ich mit einem Lächeln,

den Zynikern begegne ich mit Engelszungen,

ich lasse dich nicht

mit ihnen allein.

 

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So

06

Nov

2016

Umkehr

 

 

 

 

 

Am Dienstagnachmittag war Herr M. sich abhanden gekommen. Irgendwo zwischen Arztbesuch, Einkauf und Telefongespräch musste es geschehen sein, denn am Mittag

war er noch bei sich gewesen. Er erinnert sich ganz genau, wie er sein Butterbrot auspackte – Brie mit Birne – und mit Lust hinein gebissen hatte. Aber dann? Herr M. war ratlos.

Wo hatte er sich bloß verloren? Es nutzte nichts, so konnte der Tag nicht enden. Er würde noch einmal zurückgehen müssen, sich auf die Bank am Ententeich setzen und warten, bis der Tag ihn einholt.

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So

30

Okt

2016

Lieber Martin,

 

Angst vor der Hölle habe ich nicht. Da geht es mir anders als dir. Die Hölle ist aus der Mode gekommen. Feuerschlünde schrecken uns nicht, und der Teufel ist für die meisten nur noch eine Figur aus dem Märchen. Dass wir in der Hölle schmoren könnten, ist also eine Drohung, die uns kalt lässt. Angst haben wir trotzdem. Allerdings nicht vor dem Leben nach dem Tod. Wir bewegen uns gedanklich eher im Leben vor dem Tod. Du hast dich um das Jenseits gesorgt, wir sorgen uns um das Diesseits. Dass ein Gott gnädig auf uns herabsehen möge, das beschäftigt uns weniger. Aber gnädig angesehen werden, das wollen wir auch. Von Kollegen, von der Lehrerin, von Freunden und Bekannten, von unseren Facebookkontakten ebenso wie von den Leuten im Club oder den Zuhörern eines Vortrags. Wir wollen gemocht werden. Wir wollen dazugehören. Wir haben Angst rauszufallen aus der warmen Stube der Gemeinschaft, denn dann wären wir völlig allein. Und allein zu sein, das ist unsere größte Angst. In deiner Zeit war das ein seltener Zustand. Man hatte seine Familie oder man lebte im Kloster. Wer allein war, hatte entweder eine schlimme Krankheit oder das Pech, als Hexe gebrandmarkt oder in irgendeiner anderen Art ausgestoßen zu sein. Angst war zu deiner Zeit etwas sehr Existenzielles. Ich will nicht sagen, dass das heute nicht mehr so ist. Wir haben auch existenzielle Ängste, aber unsere Alltagsängste sind andere als deine. Es ist nicht die Hölle, die uns bedroht. Es ist die Leere. Ich sehe, wie du erstaunt guckst. Die Leere, könntest du sagen, was soll das denn heißen? Die Leere ist gefüllt durch Gottes Wort. Du setzt alles darauf: „Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen; auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort; das ist mein Trost und treuer Hort, des will ich allzeit harren.“ Ehrlich, das imponiert mir. Deine Sprache ist nicht meine Sprache, aber dass das Wort Kraft hat, das glaube ich auch. Kraft, die Welt zu verändern, meine Angst und mich. Ich kann der Leere Worte entgegen setzen, und deshalb habe ich einen großen Vorrat davon angelegt. Du kanntest wahrscheinlich Psalmen auswendig, Gebete, die zehn Gebote. Du wirst ein Ave Maria im Schlaf aufgesagt haben können. Die Bibel war deine Versicherung. Ich habe andere Worte, Lieblingslieder, Gedichte und, ja - auch ein paar Bibelverse. Ich habe eine Schatzkiste voll mächtiger Worte und wenn die Angst kommt, öffne ich sie. Dann flüstere ich ihr Worte ins Ohr, manchmal singe ich sie, manchmal schleudere ich sie ihr entgegen. Die Angst kann drohen, sie kann sich aufbäumen, sie kann sich wichtig machen, solange ich Worte habe, bin ich nicht verloren. Das ist etwas, das ich von dir gelernt habe. Dem Wort kann man trauen. Weil es der Anfang von allem ist. Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Wo Gott ist, nehme ich an, ist die Angst gut aufgehoben. Und ich bin es auch.

 

Deine Susanne

 

in: Reformation: Das Magazin 

 

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Sa

22

Okt

2016

Huch

Himmelwärts geschaut

Engel hat zurückgeschaut

Fühlten uns ertappt

 

 

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So

16

Okt

2016

Pssst.

Fünf Minuten hören. Wie ein Regentropfen am Fenster rinnt. Den Flügelschlag einer Meise. Den Wimpernschlag einer Frau. Das Flackern einer Flamme. Die Schritte einer Katze. Das Herzklopfen eines Verliebten. Nichtgesagte Worte. Das Gebet eines Zweiflers. Die verrinnende Zeit. Einen Einfall. Den Wind, den Himmel, das Ungeheure.

 

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So

09

Okt

2016

Siehst du

Du erforschst mich und kennst mich. 

 

Beim Frühstück gehst du kurz zu Facebook. Guckst, was sich getan hat über Nacht. Und es hat sich was getan. Merles Katze faucht in die Kamera. Jemand hat einen Artikel über veganes Essen geteilt. Zwei deiner Freunde dokumentieren, dass sie nach Mallorca aufbrechen beziehungsweise im Pendlerzug wie so oft keinen Platz ergattert haben. Jetzt bist du dran. Wenn du keiner dieser Voyeure sein willst, die nur gucken aber nichts posten, die nur von anderen wissen, aber selbst nichts preisgeben wollen, dann musst du jetzt auch was schreiben. Dein Müsli fotografieren, die Lage der Welt kommentieren oder dir irgendwas Witziges einfallen lassen. In welchem der sozialen Netzwerke du dich auch tummelst: Es geht darum, dich zu teilen. Dich mitzuteilen. Zeig dich.

Der erste Mensch wollte sich nicht zeigen. Er wollte sich verstecken. Das ist doch interessant. Wir rekapitulieren: Da war einer, der hieß Adam. Übersetzt bedeutet das Mensch. Seine Frau bietet ihm eine Frucht vom Baum der Erkenntnis an. Wie in jedem Märchen will man ihm aus der Ferne zurufen: Tu’s nicht, denn aus der Ferne weiß man es immer besser. Das wird nicht gut ausgehen. Aber natürlich greift er zu, und genau genommen kann man ihm das auch nicht verdenken, denn Erkenntnis – wer wollte die nicht?

Adam erkennt, dass er nackt ist. Klar, die Hose ist noch nicht erfunden, aber wahrscheinlich geht seine Erkenntnis darüber hinaus: Er realisiert, dass er schutzlos ist. Angreifbar. Dass er auf den wohlwollenden Blick anderer angewiesen ist. Der Mensch ist verletzbar. Das macht ihm Angst. Deshalb braucht er Anerkennung. Sein Leben lang. Anerkennung ist genauso ein Grundbedürfnis wie Essen, Trinken und Schlaf. Der Mensch braucht Likes. Schon bei einem freundlichen Blick schütten seine Nervenzellen Botenstoffe aus, körpereigene Opiate und das Kuschelhormon Oxytocin, das entspannt und zufrieden macht.

Du kommst aus einer Jesus-liebt-dich Gemeinde und du konntest noch nie etwas damit anfangen. Du warst gerade sechzehn und dir war das zu abstrakt. Wenn du geliebt werden wolltest, dann von Malte oder Peter oder wer eben gerade aktuell war, aber nicht von Jesus. Den kanntest du schließlich nicht mal, und er kannte dich nicht, auch, wenn die in der Gemeinde das natürlich bestritten hätten. Du brauchst gar nichts zu tun, sagten sie. Jesus findet dich toll, genau wie du bist. Das Problem war nur, du fandest dich nicht toll. Du hattest Pickel auf der Stirn und deine Körbchengröße lag außerhalb des Alphabets.

Mittlerweile sind ein paar Jahre vergangen, die Pickel haben sich verzogen und du bist bei Facebook. Es gibt jetzt einen Like-Button in deinem Leben. Den hättest du damals gut brauchen können. Du hast mittelviele Kontakte, von denen einige auch im echten Leben deine Freunde sind. Andere kennst du nicht persönlich. Manche nutzen als Profilbild nicht mal ein Porträt von sich, sondern haben eine Gänseblumenwiese oder ihren kleinen Zeh hochgeladen. Manchmal postest du etwas. Dann wartest du auf Likes. Das würdest du natürlich niemals zugeben. Du bist ein Kind der Siebziger, da hast du gelernt, dass Dabeisein alles ist, und dass ein Bild nicht gut zu sein braucht, Hauptsache man war kreativ. Das ist natürlich Quatsch. Du willst, dass die Leute dein Bild oder deinen Text mögen. Du willst, dass sie denken, wie witzig/klug/schön du bist. Hundert Likes geben dir ein größeres Hochgefühl als fünf. Deine Hormone führen einen Freudentanz auf. Interessant daran ist: Eigentlich ist es fast egal, wer da seine Begeisterung bekundet. Ob es eine von den „echten“ Freundinnen ist oder der Typ mit der Gänseblümchenwiese. Im Zweifel freust du dich also über die Zustimmung eines wildfremden, völlig abstrakten Users. Es ist dir egal, wer sich hinter dem Like verbirgt. Jesus war dir damals zu abstrakt. Komisch oder?

 

Den gesamten Artikel könnt Ihr in Reformation. Das Magazin zum Jubiläum lesen. Gibt es an vielen Kiosken und online. Ich habe darin ein paar weitere Artikel über Bibelschmugglerinnen, Apfelernter und Alltagsheldinnen geschrieben.

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So

02

Okt

2016

zu Erntedank

Als Gott die Welt erschuf, machte er als erstes die Großzügigkeit. Das hatte praktische Gründe. Er wollte aus dem Vollen schöpfen. Er legte fünf Erbsen in eine Schote, statt einer. Er hängte mehr Kirschen in den Baum als er je hätte essen können. Das Meer füllte er randvoll und mit Sternen warf er um sich. Dem Menschen gab er zehn Finger und der Fliege tausend Augen. Wenn schon, denn schon, dachte er und rief: „Weitermachen!“

 

aus: Damit wir klug werden

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So

25

Sep

2016

Plan B

Hoch lebe Plan B! Er führte viel zu lange ein Schattendasein. Plan B, das sind Patchworkfamilien. Camping an der Müritz statt Trecking in Mexiko. Balkon statt Garten, Ole statt Martin, Gummistiefel statt Flip-Flops. Schuldnerberater statt Wirtschaftsanwalt. Kaiserschmarrn statt Pfannekuchen.

Plan B ist die Antwort des Lebens, wenn das Leben nicht so spielt, wie ich es geplant hatte. Schokolade ist aus, nehmen Sie Maracuja. Muss nicht schlechter sein, ist nur anders.

Mir waren schon immer diese Coachs suspekt, die fragten, was ich in zehn Jahren machen will. Woher soll ich wissen, was das Leben so vorhat?

Die halbe Bibel ist ein Plan B. Ich weiß, der Satz ist gewagt. Aber: Denkt ans Paradies. Die Sache war schnell gescheitert, aber draußen kann man auch ganz gut leben. Denkt an die Sintflut. Die ganze Menschheit wollte Gott vernichten. Im zweiten Anlauf beschloss er: Doch keine so gute Idee. Und schließlich Jesus: Endete am Kreuz.

Manche sagen, Gott habe das alles genau so gewollt und geplant. Glaube ich nicht. Ich glaube, all diese Geschichten zeigen, dass Gott ein Meister des Plan Bs ist. Er kann aus dem größten Mist Gutes machen. Hoffnung siegt über Resignation. Mit Plan B kommt man durchs Leben. Weil es immer weiter geht. Weil es Verwandlung gibt.

Manche nennen das Auferstehung. 

 

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So

18

Sep

2016

Augenblicksbekenntnis

Ich bekenne mich

zu Federbetten, Anfängen und dem lieben Gott

die mich tragen

und auch taugen als Hintertüren

für den Fall der Fälle.

 

Ich bekenne mich

zu allem Wiederkehrenden

zu Weihnachten und Holunder

und der auflaufenden Flut.

 

Ich bekenne mich

keine Ahnung zu haben

ob das reicht für ein Leben

aber es könnte doch sein.

 

Zu allem

was sein könnte

bekenne ich mich auch.

 

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Sa

10

Sep

2016

Sonntag

Liebe Leser und Leserinnen, dankeschön für all die Genesungs- und anderen guten Wünsche. (Und wo ich schon mal dabei bin großen Dank an alle Krankenschwestern, Pfleger, Ärztinnen, Krankenhausköchinnen dieser Welt. Was für ein Glück, umsorgt zu werden!) 

Jetzt geht es weiter. Im Sommer habe ich Herrn W. getroffen. Er gefiel mir...

 

Morgens um sieben steht Gott in der Tür und fragt: „Was machen wir heute?“ Aber Herr W. winkt ab: „Ich bin so müde, mach nur allein.“ Gott sieht ein bisschen enttäuscht aus: „Jetzt habe ich draußen die ganze Welt aufgebaut, komm schon! Schlafen kannst du, wenn du tot bist!“ Doch da muss Herr W. widersprechen, was er nicht oft tut. „Aber Schlaf“, sagt er „Schlaf kennst du eben nicht, denn du schläfst und schlummerst nicht. Schlaf ist das zweitschönste Ding direkt nach der Liebe: es kommt noch vor Zartbitterschokolade essen oder Katzen kraulen; es ist ein wenig besser, als sich in ein Buch zu versenken und vielleicht sogar besser als in der Sonne zu liegen. Wobei das gut zusammenpasst – Sonne und Schlaf.“ Da knipst Gott die Sonne an und Herr W. rückt die Kissen zurecht und sie dösen vor sich hin und haben einen sehr vergnüglichen Vormittag miteinander.

 

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Mo

22

Aug

2016

Krank

... manchmal kommt es anders als man denkt und man stolpert über einen Stock, verschluckt sich an einem Kirschkern oder eine Thrombose streckt einen nieder.

Ich genese. Bis bald!

 

 

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So

14

Aug

2016

Was das Leben lebenswert macht

Der Moment vor dem ersten Stück Pfannkuchen. Warmer Wind. Etwas hinter sich gebracht zu haben. Ornamente malen, auch wenn man nicht telefoniert. Haarbänder. Ein Cocktail aus Nüchternheit und Spiritualität. Weißer Stoff auf brauner Haut. Sich nicht entschuldigen müssen. Pfefferminze. Sonderbare Namen erfinden. Sich gegenseitig etwas vorlesen. Struktur. Lachen über die Steckdosennasen kleiner Schweine. Geordnete Stifte. Arglos sein. Einen Baum nach der Möglichkeit, ihn zu erklettern betrachten. Sonntagnachmittagsdösigkeit.

 

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So

07

Aug

2016

10 Sachen, die man im August machen kann

 

Spontan beim Pippilottaprinzip mitfahren. Weil es für Schweden immer einen Grund gibt (Zimtschnecken. Goldseen. Abschalten. Blaubeeren. Spunks.)

 

 

 

 

 

Sternschnuppen gucken.
(Am besten in Schweden.)

 

 

 

 

Auf einen Baum klettern (Es gibt kein Verbot für alte Weiber auf Bäume zu klettern, sagt Astrid Lindgren. Für junge auch nicht.)

 

 

 

 

 

Ein Gedicht auswendig lernen, einfach, weil es so schön ist (zum Beispiel Walt Whitman)

 

 

 

 

 

 

Die „Große Freiheit“ lesen. Welcher Titel passt besser zum Sommer?

 

 

 

 

Postkarten schreiben. Weil dann mal was anderes als Pizzawerbung im Briefkasten liegt.

 

 

 

 

 

 

 

Am Lagerfeuer sitzen (Und endlich wieder „Lady in Black“ singen: e-moll und D-Dur)

 

 

 

Sachensucher sein. Weil von Zeit zu Zeit was Neues entdeckt werden will.

 

 

 

 

Pilgern. Irgendwo kommt immer ein Weg her. Buen Camino!

 

 

 

 

 

Sommersprossen zählen („Nein, ich leide nicht an Sommersprosen“, sagte Pippi. „Ich habe sie gern. Und wenn Sie vielleicht irgendwelches Zeug hereinbekommen sollten, von dem man noch mehr Sommersprossen kriegt, dann können Sie mir sieben bis acht Dosen zuschicken.“)

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Fr

15

Jul

2016

Pause

Ich geh' angeln. Am 7. August geht es hier weiter.

 

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Mo

11

Jul

2016

Sommer!

Im Sommer sollst du frei sein. Im Sommer sollst du tun, was du willst. Einfach weil Sommer ist. Im Herbst kannst du darüber nachdenken, dass du sterben musst. Im Herbst darfst du die Sinnfrage stellen, über verkorkste Kindertage nachdenken, um verflossene Jugendlieben trauern. Im Herbst darfst du rechtschaffen Trübsal blasen.

Aber im Sommer macht das Leben blau.

Der Sommer lädt ein zum Alltagsglück. Da ist er freigiebig, davon hat er im Überfluss. Im Sommer sollst du barfuß über Wiesen zu laufen, auch wenn du 75 bist. Im Sommer kannst du morgens die Erste im Freibad sein. Im Sommer sollst du Kirschen pflücken und wenn du ein Stadtkind bist, dann heißt es raus aus der Stadt, bis die Finger klebrig sind vom roten Saft. Versetz dich in den Kindheitsmodus. Lutsch Wassereis solange es geht. Im Sommer sollst du schwärmen und tagträumen, im Sommer darfst du hochstapeln und Luftschlösser bauen und alles für möglich halten. Im Sommer hat die Vernunft Urlaub.

Eine Woche Ferien sind genug? Niemals! Freiheit funktioniert nicht häppchenweise. Dein Schreibtisch braucht auch mal eine Pause, der Stuhl will sich erholen von deinem Hinterteil. Dein Anrufbeantworter arbeitet gut. Das Netz hält auch ohne dich. Und die Welt kann gar nichts anfangen mit so vielen Unentbehrlichen.

Der Sommer akzeptiert keine Ausreden. Er richtet sich nicht nach dir. Er ist nicht abrufbar. Der Sommer ist eine Erinnerung ans Paradies. Er kommt, wann er will. Sei bereit.

 

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Sa

02

Jul

2016

Übrigens

Beten ist wie Küssen. Ich küsse auch nicht, weil ich denke, dass es etwas bringt.

 

 

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So

26

Jun

2016

Knobeln im Juni

Als Miss Gott runterkommt, ist es acht Uhr vierzehn. Stadteinwärts staut sich der Verkehr. Die Wettervorhersage meldet Schauer. 117 Menschen in Miss Gotts Blickfeld sind auf dem Weg zur Arbeit, 85 gehen zur Schule, 13 haben keine genaueren Pläne, einer stirbt und zwei kommen zur Welt. Eine Taube fliegt tief.

Miss Gott ist voller Tatendrang. Geht's jetzt los, machen wir was?

Keine Reaktion. 217 ausdruckslose Augenpaare starren durch sie hindurch. Nur der Tote zeigt ein gewisses Interesse nicht ganz uneigennütziger Art: Wo denn jetzt das Paradies sei? 

Aber Miss Gott hat keine Lust, sich mit den Toten zu befassen, die können warten, die haben Zeit. Das Dumme ist nur, dass die Lebendigen nicht viel lebendiger wirken. Leute, was ist los? Miss Gott ist eine Freundin klarer Worte, schon immer gewesen. Sie rüttelt an einem Mädchen und einem pickeligen Bankangestellten. Hallo? Hört ihr mich? Keine Reaktion. Wenn Miss Gott es nicht besser wüsste, würde sie annehmen, es handele sich um Statisten. Was ist los mit euch?, fragt sie und als das nicht hilft, brüllt sie WAS IST LOS MIT EUCH? Ein paar Berge stürzen ein, die Hasen verkriechen sich in ihren Höhlen und die Meere bäumen sich auf vor Schreck. Nur die Menschen zeigen keinerlei Reaktion. 

Miss Gott schüttelt den Kopf über so viel Ignoranz. Was soll's?, denkt sie dann. Versuche ich es eben bei den Ameisen, vielleicht sind die aufgeschlossener. 

Wie das ausgeht, ist nicht überliefert, aber im Wald hört man manchmal, wenn man sehr leise ist, Musik, Gesang und das Klackern der Knobelbecher und Lachen dazu, sehr viel Lachen.

 

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Sa

18

Jun

2016

Was das Leben lebenswert macht

Sich schlaftrunken am Duft des Duschgels erfreuen. In Schreibschrift schreiben. Sprudelndes Wasser trinken. Eine Uhr, die nur in etwa die Zeit angibt. Zuversichtlich sein. Durch die Sonne blonder werdendes Haar. Die Erfindung von Skype. Jemanden singen hören. Früh morgens auf sein und sich als einzige wähnen. Das Fell einer Katze. Höflichkeit. Tee im Allgemeinen und Kluntjes und Sahne im Besonderen. Alte Räume betreten und sich vorstellen, dort gelebt zu haben. Keinen Fußball mögen müssen. Himbeeren im Wald finden, ohne nach ihnen gesucht zu haben. Von einer Reise zurückkehren und die Blumen leben noch. Keine Angst zu haben, dass jemand schießt. Freunde, mit denen es nichts ausmacht, ein halbes Jahr zu schweigen. Mittsommer. Im Feuer gegarte Kartoffeln mit Butter auslöffeln. Saubere Fingernägel. Nachlassender Regen.

 

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So

12

Jun

2016

Heute

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So

05

Jun

2016

Lustifikation

Ich mag Hängematten, weil man darin so wunderbar hängen kann. Neun Stunden Schlaf finde ich ein erstrebenswertes Ziel. Ich brauche auch nicht ständig eine Aufgabe.

Ich sage das lieber nicht ganz so laut, weil der gute Mensch von heute ein Mensch ist, der viel zu tun hat. Je unangenehmer die Pflicht und je größer die Qual an Schreibtisch, Laufband oder Yogamatte, desto mehr Bewunderung. Es ist ein bisschen wie im Mittelalter. Selbstkasteiung ist wieder modern.

Ich finde, da hilft nur Nachsitzen. In Lustifikation. Eine gute Lehrerin darin ist Pippi Langstrumpf. Sie hat sie schließlich auch erfunden. Ein paar Stunden Lustifikation am Tag sind wichtig. Weil die Lippen sonst schmal und die Wangen bleich werden, wenn man immer nur das tut, was getan werden muss. Dann braucht die Seele Vitamine, und zwar ganz dringend.

Ich stelle mir das so vor: Als Gott vor ein paar Fantastilliarden den Menschen gemacht hat, dachte er bei sich: Der soll nicht nur schreiben, rechnen, Grütze kochen, der soll sich auch vergnügen können. Und deshalb schuf er eine Menge Lustbarkeiten.

Aber dann passierte es: Der Teufel wollte auch ein Wörtchen mitreden, weil er seine Felle schon davonschwimmen sah. Glückliche Menschen sind nämlich nicht besonders empfänglich für Versprechen und Verlockungen. Sie haben ja, was sie brauchen. Da erfand er das schlechte Gewissen. Damit hat er dich in seinen Fängen.

Und deshalb ist es wichtig, dass man sie übt, die Lustifikation. Zum Beispiel heute.

 

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So

22

Mai

2016

Selbstprüfung

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So

15

Mai

2016

Pfingsten

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Mo

09

Mai

2016

Hier

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So

01

Mai

2016

Anfangen

Ich stelle mir das so vor, dass Gott selbst keine Ahnung

hatte, wie man eine Welt erschafft. Er hatte das ja auch noch

nie gemacht. Also fing er einfach an, und schließlich kam

doch etwas ganz Interessantes und gar nicht so Schlechtes

dabei heraus. Und er hatte keinen Kurs besucht und konnte

kein Zertifikat vorweisen – jedenfalls soviel man weiß.

Deshalb finde ich, jeder kann etwas versuchen, ein Bild

malen oder einen Gugelhupf backen oder eiskunstlaufen

oder eine Tabellenkalkulation und wenn es nicht gleich

gelingt, na, dann versucht man es noch einmal, weil wir

eben nicht Gott sind, aber vielleicht immerhin seine

Schüler. Irgendwann gelingt etwas, und alles was man dazu

braucht, ist ein bisschen Mut.

 

 

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So

24

Apr

2016

Sonntags Gottesdienst

Auf einem Bettlaken steht Seelenfutter: Eat, pray, love. Ich sehe Bauwagen in allen nur erdenklichen Farben. Rot mit gelben Fensterläden, gelb mit türkisen Rädern und einen Wagen, der ist grün-weiß gepunktet. Das Ganze sieht aus wie Legoland in groß, nur, dass hier und da der Lack abgeblättert ist. Ich habe mich schon oft gefragt, warum Menschen ihre Häuser grau streichen. Oder beige. Oder garnichtfarben. Ist graue Farbe billiger als bunte? Oder ist das ein Statement: Bitte beachten Sie mich nicht, ich tue nichts zur Sache. Ich bin ein durchschnittlicher Bürger und stehe für nichts. Oder haben die Bewohner Angst, man könnte sie in einem gelben Haus für kindisch halten? 

Eine Frau steht vor mir. Ich glaube, sie hat was gesagt.

„Hallo, herzlich willkommen!“, setzt sie nochmal an, dann führt sie mich zu einer Wiese, die mit Kissen und Decken übersät ist. Ein riesiger Flickenteppich, auf dem bereits siebzig oder achtzig Leute Platz genommen haben. Ich setze mich dazu und fühle mich ein bisschen verloren, weil ich keinen kenne. Da geht die Musik los. Sie überfällt mich aus heiterem Himmel. Alle Härchen an meinem Körper stehen Kopf. Trommeln, Trompeten, Gitarren, Akkordeon, es klingt, wie ein riesiges Balkanorchester. Ein paar Leute fangen an zu singen, andere stimmen ein, es werden immer mehr, sie wiederholen nur eine einzige Zeile, und nach und nach verstehe ich, was sie singen: What if God was one of us, just a slob like one of us, try to make his way home. Immer lauter wird der Gesang, immer schneller die Musik. What if God was one of us, wieder und wieder. Nicht möglich, sich dem zu entziehen, lauthals singe ich mit. Ich bin glücklich.

Die Musik bricht ab. Die Stille ist ohrenbetäubend.

„Glücklich“, beginnt Jesus, „sich von dem Leben lösen zu können, das man geplant hat, damit man das Leben findet, das auf einen wartet. Meistens stellen wir uns doch vor, dass wir hier sind und Gott ist ganz weit weg. Es ist aber genau umgekehrt: Gott ist hier und wir sind ganz weit weg. Gott wartet.“ „Wo?“, ruft eine andere. „In deinem eigenen Herz. Wer zu sich kommt, kommt an Gott nicht vorbei. Und umgekehrt auch nicht.“ „Das ist doch nur seichtes Gequatsche! Wir müssen die Welt verändern. Es läuft so viel falsch, den massenhaft gequälten Tieren oder einem gefolterten Oppositionellen wird es kaum helfen, wenn du auf dein Herz hörst. Wir müssen handeln, nicht fühlen!“

Jesus grinst ein bisschen, fast könnte man meinen, es läge Spott darin. Aber seine Augen lächeln mit. „Hast du je davon gehört“, fragt er, „dass es etwas nützt, wenn man über einen kaputten Motor eine neue Karosserie baut? Das Auto wird trotzdem nicht wieder fahren. Oder nützt es etwa, ein Update auf ein völlig veraltetes Betriebssystem zu spielen? Wir müssen von vorn anfangen. Und welcher Anfang liegt näher als du selbst?“

 

aus: Große Freiheit. Die Geschichte des Wasserwandlers

 

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Sa

16

Apr

2016

Alleskönner

Ole ist mein allerkleinster Freund. Er ist vier. Ich bin über vierzig. Wir verstehen uns blendend. Gestern fragte Ole: „Gibt es Alleskönner?“ Ich überlegte, und mir fiel beim besten Willen niemand ein. Nicht mal Großmütter sind Alleskönner, obwohl sie nah dran sind. Also sagte ich: „Vielleicht Gott.“ Ich sah, wie es in Oles Kopf ratterte. Er dachte nach. Ich auch. Wenn Gott alles kann, könnte er Kriege beenden, Brötchen an Bettler verteilen, den Nordpol um ein paar Grad herunterkühlen und den Mördern die Gewehre wegnehmen. Tut er aber nicht. Manche sagen: Er könnte schon, er will nur nicht. Das wiederum will ich mir gar nicht vorstellen. So ein Gott wäre ziemlich kaltherzig. Bleibt nur die Möglichkeit, dass er doch kein Alleskönner ist.

Es gibt Menschen, die tun so, als könnten sie alles. Sie haben immer einen Schraubendreher, fünf Pflaster, ein Apfelkuchenrezept und eine passende Antwort in der Tasche. Sie stellen keine Fragen, weil sie ja schon alles wissen. Sie sind mir unsympathisch. Wenn einer alles kann, braucht er keine anderen mehr. Eine Welt voller Alleskönner wäre eine Welt voller Einzelgänger. Vielleicht dachte Gott: Alles Können ist auf acht Milliarden Menschen besser verteilt, als auf einen einzigen Gott. Ole kann gute Fragen stellen. Und aus Sand Kuchen backen. Ich kann Mut machen und Brötchen schmieren. Wir sind zwei. Das ist doch schon mal ein Anfang.

 

Könnt Ihr auch hören: NDR 2 Moment Mal

 

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So

10

Apr

2016

Tatort

Als Gott den Sonntag geschaffen hatte, machte er auch den Tatort. Dazwischen lagen ein paar Millionen Jahre. Das kam so: Gott schaute irgendwann im 20. Jahrhundert auf die Erde und sah lauter Einzelwesen. Sie hatten eine Menge zu entscheiden: in welchem Stadtteil sie wohnen, welche Yogarichtung sie praktizieren, ob ihr Essen vegan, vegetarisch oder paleo sein soll und worin der Sinn des Lebens besteht. Jeder wollte individuell sein, wogegen grundsätzlich nichts zu sagen ist, aber Gott in seiner großen Weisheit spürte ihre Sehnsucht nach Gemeinschaft. Das Gefühl, einfach so dazuzugehören. Ohne Eintritt. Ohne Aufnahmeprüfung. Ohne etwas leisten zu müssen. Ohne darüber zu diskutieren, ob man nicht doch etwas anderes machen könnte. Einmal in der Woche wollten sie das Gefühl haben, am richtigen Platz zu sein, weil der Nachbar und die Kitaleiterin und Oma genau dasselbe tun. Einmal in der Woche wollten sie Teil eines kollektiven Rituals zu sein. „Sie könnten in die Kirche gehen“, schlug einer der Engel vor und es klang irgendwie vorwurfsvoll. „Sonntags, immer um zehn.“ Gott nickte. Aber er war trotz allem auch Pragmatiker. „Viele trauen dem nicht. Sie fühlen sich dort nicht zu Hause. Deshalb haben sie sich den Tatort gesucht.“ „Einen Krimi?“ „Das spielt keine Rolle. Sie haben das Gefühl, wenigstens einmal in der Woche am richtigen Platz zu sein. Das gefällt mir.“ Der Engel schüttelte den Kopf. Dass der Allmächtige immer so unkonventionelle Wege gehen musste. Wo würde das noch hinführen?

 

Kann man auch hören: NDR 2 Moment mal

 

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Sa

26

Mär

2016

Lebt gut, lacht gut!

 

 

 

 

Hier geht's weiter am 10. April.

 

 

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So

20

Mär

2016

Palmsonntag

Jesus war ein Narr. Er hätte es zu etwas bringen können. Er hätte Karriere machen können. Als Gelehrter. Als Politiker. Vielleicht auch als Therapeut.

Netzwerkend mit den Einflussreichen. Willkommen in den Häusern der Angesehenen. Stattdessen brüskierte er sie alle. Ließ keine Fünfe gerade sein. War anstrengend. Im Zorn warf er ihre Tresen um und ihre Gewohnheiten. Zugleich zeigte er seine Schwächen. Für schöne Frauen und gutes Essen und unglückliche Menschen. Er weinte schon mal in der Öffentlichkeit. Er hielt seinen Spiegel vor ihre Gesichter, so nah, wie sich niemand vor Augen haben wollte. Er störte die Ordnung, die Gewissheit, die Sicherheit. Nicht genug, dass er Kranke heilte. Er zeigte ihnen ihre Stärke. Seine Wunder beschränkte er nicht auf das Notwendige. Er sorgte für guten Wein und Fische im Netz, mehr als man essen könnte. Er spazierte übers Wasser und zeigte einem Freund, wie das geht. Geld interessierte ihn nicht, er rechnete mit Gott. Ärgerlicherweise schien er dennoch kein Moralapostel zu sein. Er wusste zu feiern und zu genießen. Das Himmelreich habe längst begonnen, sagte er. Nämlich hier. Das ist mehr als Mut, das ist Übermut, und der ist unberechenbar. Er hält uns zum Narren. Er stellt uns ein Bein, während wir Karrieren machen, Kompromisse erfinden, der Ordnung dienen oder der Gewöhnung. Er nimmt unsere Eintönigkeit und macht ein Lied draus, und das Lied singt von Freiheit. Wo kommen wir da hin?

 

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So

13

Mär

2016

Kiwitorte und die Wahl

Es ist Sonntagnachmittag. Ich habe diesen Geruch von Bohnenkaffee und Kiwitorte in der Nase, wie es ihn nur bei meinen Großeltern gab. Er wehte mir schon im Treppenhaus entgegen, bevor ich auf dem grünen Sofa Platz nahm.

An solchen Nachmittagen haben wir viel über den Krieg geredet, die Nazizeit. Mein Opa hat sich im Nachhinein immer wieder gefragt, wie es nur so weit kommen konnte. Kopfschüttelnd sehe ich ihn vor mir sitzen, die Stirn zerfurcht.

Ich frage mich, was er heute sagen würde, wenn er wüsste, dass eine Partei zur Wahl steht, die in die Freiheit von Kunst und Presse eingreifen möchte. Die Homosexuelle zählen lassen und Kinder mit Behinderungen von anderen trennen will. Die Schusswaffen gegen Flüchtlinge einsetzen und die „Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern prügeln“ will. Ich frage mich, was er sagen würde, wenn er hörte, dass jeder zehnte Deutsche diese Partei wählen würde.

Ihm bliebe die Torte im Hals stecken. Mir auch.

Ist das wirklich das Deutschland, in dem Ihr leben wollt?

 

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So

06

Mär

2016

Geglückter Tag

An einem geglückten Tag geht die Sonne auf und ich bin dabei.

Auf der Tastatur des Computers wächst Moos. Moos auch auf der Uhr in der Küche und auf dem Display meines Handys. Vögel haben das Kommando der Geräusche übernommen. Die Luft lädt zum Schwimmen ein, sie trägt, wenn ich mich fallen lasse. Ich dümpele dahin, meine Gedanken springen ins kalte Wasser, manchmal fische ich einen heraus und hänge ihn zum Trocknen. Jemand serviert Tee. Die Zeit hat sich längst davon gemacht. Am Abend treffe ich den Schlaf, wir betten uns in Daunen, danken dem Gras, der Gans und dem Glück und holen uns einen Traum vom Himmel.

 

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So

28

Feb

2016

Bringt das was?

Ich war mal in einer römischen Stadt. Den Namen habe ich vergessen. Es lagen viele Steine herum. Man bekam Kopfhörer, in denen eine Stimme erzählte, wie es hier früher aussah, als die Steine noch Häuser waren und in den Häusern Menschen lebten. Der Römer, erfuhr ich, der reiche zumindest, verbrachte viel Zeit im Bad und beim Spiel. Arbeit war eher verpönt, dafür gab es Sklaven. Ich bin nicht für Sklaven. Und ich finde, seinen Abwasch hinzukriegen, gehört irgendwie zum Leben dazu. Aber wenn ich wählen kann, wähle ich ganz klar das Spiel und meinetwegen auch die Badeanstalt.

Ich glaube nicht, dass der Römer gefragt hat, was das bringt. Als ob das ganze Leben etwas bringen müsste. Als ob man andauernd sammeln müsste, Fähigkeiten, Kenntnisse, Erfahrungen, Habseligkeiten. Manchmal ist das sinnvoll, aber alles in allem, würde ich sagen, braucht eine Beschäftigung gar nichts zu bringen.

Ich lese weil ich lese weil ich lese. Füge jedes andere Wort ein: spiele, faulenze, sitze, träume, laufe, bade, pule Erbsen, denke, disputiere, erfinde, bin.

Ich bin weil ich bin weil ich bin. Ich muss nichts bringen.

Wem auch?

 

aus: 7 Tage Leichtsinn. Das kreative Mitmachheft

 

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So

21

Feb

2016

Einfach

Flüchtlinge essen Schwäne. Flüchtlinge entführen Schulkinder. Flüchtlinge erhalten Bordellgutscheine. Das glauben Sie nicht? Es stimmt auch nicht. Aber solche und ähnliche Behauptungen kursieren im Moment im Internet und verbreiten sich schneller als man denken kann. Deshalb gibt es seit letzter Woche eine Gerüchtekarte. Unter www.hoaxmap.org werden auf einer interaktiven Karte Falschmeldungen gesammelt. Dort kann man nachgucken, was dran ist an Meucheleien und Co.

Ich finde das gut. Denn ein Gerücht, das einmal in der Welt ist, wird man so schnell nicht wieder los. Da kann man noch so laut rufen: Ich war’s nicht!

200 Einträge gibt es mittlerweile, von Panzerfäusten über Friedhofsschändungen bis zu Vergewaltigungen ist alles dabei. Und alles ist falsch. Nur was einwandfrei widerlegt ist, wird in die Hoaxmap aufgenommen. Es geht darum Wahrheit und Unwahrheit zu unterscheiden. Man kann es auf den einfachen Satz bringen: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Das steht in den 10 Geboten und die gehören zu den christlichen Werten, die wir hochhalten. Sag nichts Unwahres über deine Mitmenschen. Nun ist genau das ja meistens das Vertrackte an Gerüchten, dass man eben nicht weiß, ob sie wahr sind.

Der Philosoph Sokrates hat mal vorgeschlagen: Lass jede Geschichte, die du erzählst, drei Siebe durchlaufen. Erstens: Ist das, was du erzählst, wahr? Zweitens, erzählst du etwas Gutes? Und: Ist, was du erzählst, förderlich?

Wenn nicht wenigstens eins davon der Fall ist, gilt: Einfach mal die Klappe halten. 

 

Kann man auch hören: NDR2 Moment mal

 

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So

14

Feb

2016

Valentin

Tulpen in Briefkastenschlitze stecken. Für die Kassiererin Erdbeerkuchen backen. Lächeln. Smarties-Smileys legen. Küssen. Dem Neid Lebewohl sagen. Münzen und Milka in Hüte werfen. Sich trauen. Ringelblumensamen verstreuen. Botschaften hinter Scheibenwischer klemmen. Für jemanden Kerzen anzünden. Nicken. Die Dusche putzen. Kleeblätter verschicken. In die Bresche springen. Gott sehen. Von der Autobahnbrücke winken. Tauben mögen. Den eigenen Regenschirm verschenken (wenn es regnet). Wunscherfüller sein. Kreideblumen an Hauswände malen. Irgendwas tun. Glücken.

 

                                                                                        aus: Alle Tage Mut

 

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So

07

Feb

2016

Wäre ein Wunder

Ein Wunder wäre,

wenn all die Pegidaleute nach Hause gingen 

und sagten: "Sieh an, wir haben uns geirrt."

Ein Wunder wäre,

wenn die Männer aus der Silvesternacht

erwachten und fragten: "Was haben wir getan?"

Ein Wunder wäre, wenn die Krieger ihre Waffe zur Seite legten

und schauderten: "Mein Gott, wir könnten wen verletzen."

Ein Wunder wäre, wenn alle unvermittelt ins Freie träten

und in die Sonne blinzelten, ungläubig ob der Stille,

und fragten, ob jemand Kaffee möchte,

ganz gleich wer, auch Zitronenlimonade sei zu haben.

 

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So

31

Jan

2016

Gutmensch

Herr M. ist jetzt auch bei Facebook. Er sieht die Katzenbilder seiner Freunde und Urlaubsschnappschüsse von den Seychellen. Herr M. mag das. Manchmal allerdings liest er Sachen, die er lieber nicht gelesen hätte. Letztens zum Beispiel schrieb eine Elsa in einem Kommentar: „Wie ich sie alle hasse, dieses Gutmenschenpack!“ Abgesehen davon, dass Herr M. den Satz grammatikalisch fragwürdig findet, schämt er sich ein bisschen. Als habe er in einen Teil von Elsas Seele gesehen, den sie besser nicht gezeigt hätte. Hass macht die Welt nicht besser. Herr M. kennt Elsa nicht, aber auf ihrem Profilbild sieht sie eigentlich ganz freundlich aus. Was verleitet sie wohl dazu, gerade die Guten zu hassen? Vielleicht machen sie Elsa Angst.

Herr M. hasst Ungerechtigkeit, fehlenden Respekt, Intoleranz. Er mag keine Häme. Man kann fiese Verbrechen hassen – und sollte es sogar, findet Herr M.

Herr M. ist Christ, jedenfalls theoretisch, und als solcher hat er mal gelernt, dass man eine Tat hassen darf, jedoch nicht den Täter. Wahrscheinlich gibt es Ausnahmen. Aber für den Alltagsgebrauch ist das eine gute Regel. Weil es Herrn M. insgesamt hilfreicher zu sein scheint, böse Taten zu bekämpfen, als Menschen.

Warum man jedoch Gutmenschen bekämpfen sollte, das versteht Herr M. überhaupt nicht. Wer soll denn dann noch übrig bleiben? Die Schlechtmenschen? Herr M. schaudert bei dem Gedanken an eine solche Welt. Zum Glück erinnert er sich an einen anderen Kommentar: „Tut Gutes denen, die euch hassen.“ Er beschließt, bei Elsa anzufangen.

 

kann man auch hören: NDR 2 Moment Mal

 

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Sa

23

Jan

2016

noch zu klären

Wie schmeckt der Frühling? Können Spinnen rückwärts gehen? Hat Gott auch den Tod erschaffen? Was passiert, wenn man einen Tag lang nur „Ja“ sagt? Kann man besser ohne Liebe oder ohne Sicherheit leben? Wie fühlt sich Wollgras an? Ist die Kirche Gottes Sonntagsausflug? Kann man sich selbst entschuldigen? Woran merkt man, dass etwas fehlt? Wer trägt den Himmel? Ist die Angst selber ängstlich? Träumen Quallen? Trägt der Wind die Vögel oder machen viele Vögel Wind? Fühlt sich ein blauer Schal am Hals anders an als ein roter?    

 

aus: Wandeln. Mein Fasten-Wegweiser

 

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Fr

08

Jan

2016

Winterpause

Ich bin bis zum 18. Januar im Schnee.

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So

03

Jan

2016

Alles neu

Das Jahr ist jung. Ich war auch mal jung. Ganz genau erinnere ich mich nicht mehr, aber ich nehme an, ich habe geschrien, wenn ich wütend war, gelacht, wenn sich ein freundlicher Mensch über mich beugte und dass ich inkontinent war, machte mir nichts aus. Meine Neugier war groß. Hielt man mir etwas hin, untersuchte ich es genau. Ich hielt es für selbstverständlich, dass eine Kastanie, ein Löffel oder eine Klorolle gleichermaßen ein Geheimnis bereit halten konnten. Zwischen Polizisten, Prostituierten und Pastoren machte ich keinen Unterschied. Wer lächelte, war gut.

Dann kamen Zwischenprüfungen, verdorbene Fischgerichte, Menschen, die einfach auf Nimmerwiedersehen verschwanden und ich wurde vorsichtiger. Ich glaube, so geht es vielen. Anfänge sind oft voller Zuversicht. Dann beginnt man zu verlernen: zu vertrauen, dass man aufgefangen wird, wenn man springt. Einen Stift anzusetzen, eine Blume, ein Haus, einen Löwen zu malen ohne zu denken: das kann ich nicht. Etwas tun ohne vorher zu fragen, ob es sich lohnt. Sein ohne übertriebene Scham. Es nicht peinlich finden, zu weinen. Einen so selbstbewusst eigenen Stil zu haben, der es erlaubt, eine lila Hose mit einem roten Pullover zu kombinieren.

Gott kam als Kinderseele zur Welt. Das ist merkwürdig. Er hätte diesen Schritt doch genauso gut überspringen können. Ein Gott, der in die Hose macht, kann schnell ein Autoritätsproblem kriegen. Trotzdem hat er sich in eine Krippe gelegt und sich den anderen überlassen. Die ihn wickeln, stillen, füttern. Die ihm zeigen, wie man geht, die ihn an sich drücken. Die ihn schützen vor dem Bösen, vor den Häschern und vor zu steilen Treppen.

Den Himmel, sagte er später, gibt es nur, wenn wir wieder wie Kinder werden. Wenn wir es wagen, klein zu sein, damit wir hineinkriechen können wie in eine Höhle. Weil der Himmel keine Gernegroße braucht und keine Alles-Berechner. Die Erde auch nicht.

Vielleicht wollte er es allen zeigen. Vielleicht wollte er vormachen, wie das geht: Mach dich verletzbar. Nur so bist da echt. Hab Vertrauen. Lass dich tragen. Rechne nicht. Greif zu, wenn sich dir etwas bietet (und lerne, dass du nicht alles haben kannst). Bleib neugierig. Verwirf das Einfache nicht, vielleicht birgt es einen Schatz. Schäm dich nicht für dein Dasein. Lache, wenn du lachen willst und weine, wenn du traurig bist. Vergiss die Wut nicht, sie gehört zu dir. Schlaf ist kein Zeichen von Faulheit. Miss dein Gegenüber nicht an seiner Kleidung (außer, sie glitzert sehr. Da kann man schon mal schwach werden.). Erlaube dir, keinen Brokkoli zu mögen. Fürchte das Scheitern nicht. Male, tanze, singe, wenn du willst. Frag, was du wissen willst. Wer nicht fragt, bleibt dumm. Spar dabei den Tod, das Ende der Welt (oder ihren Anfang), Wunder und andere Alltäglichkeiten nicht aus. Nimm deinen Körper für selbstverständlich. Es gibt dich nicht ohne ihn. Halte vieles für möglich.

 

erschienen in Welt der Frau

 

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So

20

Dez

2015

Heilige Familie

Ich komme aus einer mittelheilen Familie. Geschlagen hat mich niemand und Lametta hing auch immer am Baum. Nur dass es als Scheidungskind immer zwei Bäume gab und spätestens am zweiten Weihnachtstag hatte der Stress Spuren hinterlassen, die auch Marzipankartoffeln nur notdürftig kitten konnten. Aber jetzt mal im Ernst: Gibt es das nicht in fast jeder Familie? Es ist eben nicht alles heil. Und Weihnachten erzählt auch überhaupt nicht davon. Im Gegenteil:

Eine Frau und ein Mann, unverheiratet. Sie ist schwanger. Von wem, das weiß man nicht so genau. Obdachlos irren sie durch die Straßen, auf der Suche nach einem warmen Platz. Schließlich kommt das Kind draußen zur Welt, vor den Türen der geordneten Verhältnisse. Von Kerzenschein wird nicht bereichtet. Schon bald muss die Familie fliehen, politisch verfolgt und ohne Sicherheiten. Mit zwölf läuft dann der Junge zum ersten Mal weg, als pubertärer Revoluzzer herrscht er seine Mutter an: „Was habe ich mit dir zu schaffen?“ Heil klingt das nicht. Trotzdem ist das die heilige Familie.

Wenn Gott an bürgerlichen Verhältnissen in heimeligen Häusern gelegen gewesen wäre, hätte er das anders einfädeln können. Hat er aber nicht. Heilig heißt eben nicht heil. Heilig heißt: Jemand gehört zu Gott. Und Gott scheint nicht danach auszuwählen, ob einer eine vorbildliche Familie, eine weiße Weste oder einen erfolgreichen Lebenswandel vorweisen kann.

Trotzdem will ich nicht aufhören zu träumen. Meinetwegen dürfen Engelskinder und Samtschleifen weiter auf der Mattscheibe flimmern. Drei Nüsse für Aschenbrödel sehe ich auch dieses Jahr. Das sind Märchen und Märchen erzählen von der Sehnsucht, dass am Ende alles gut wird. Dass im großen Festsaal die Lichter angezündet werden und jeder darf hinein. Ich auch. Noch sind wir nicht soweit. Noch müssen wir uns mit Lametta begnügen, noch vergolden wir unsere Realität damit, die nun mal auch Weihnachten nicht aufhört. Aber das ist gut so – denn jeder Streifen Lametta erzählt davon, dass der Traum von einem Zuhause, das beschützt, das birgt und das verzaubert lebt.

Und deshalb öffnet eure Türen. Ladet die Leute von der Straße ein (auch so eine Geschichte aus der Bibel), zumindest aber Tante Agathe, die manchmal wunderlich ist, und trotzdem gern dabei wäre, wenn die anderen feiern. Ich stelle mir vor: Ein großer Tisch und Platz für jeden. Keiner soll draußen bleiben, weil die Gans nicht reicht. Oma ist da und die Nachbarin aus dem vierten Stock auch, weil sie kaum satt wird von ihrer schmalen Rente. Aber ihre Wangen beginnen zu glühen, wenn sie eines der alten Weihnachtslieder anstimmt. Die frisch getrennte Freundin, die zugezogene Arbeitskollegin. Wahlverwandtschaften in dieser Nacht. Eine Nacht, die von Famile erzählt, die nicht ausgrenzt. Damals waren Hirten zu Gast. Unbekannte, die kein festes Dach über dem Kopf hatten, Randfiguren der Gesellschaft. Auch ausländischen Wahrsagern wurde die Tür geöffnet. Offenbar konnte jeder kommen. Ein Kind wurde geboren, und dieses Kind gehörte allen.

Familie ist kein Heileweltwettkampf. Auch nicht an Weihnachten. Wir müssen nicht so tun, als ob wir uns alle lieb hätten. Familie ist Gemeinschaft. Und Gemeinschaft ist nichts Starres. Die Welt ist weit, und wenn sie in dieser Nacht noch ein Stück weiter wird, dann ist wirklich Weihnachten. Die Heilige Familie? Das sind doch wir alle.

 

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So

13

Dez

2015

...

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Sa

05

Dez

2015

Als Gott eine Frau fand

 

„Ich brauche eine Frau“, sagte Gott der Herr und alle Engel erschraken. Damit hatte niemand gerechnet.

„Aber“, hob der erste aller Engel an, „du bist Gott. Du hast für dich keine Frau vorgesehen.“

Gott blitzte ihn ärgerlich an. Wenn ihm etwas missfiel, dann waren es besserwisserische Himmelsbewohner. „Ich habe beschlossen, auf die Erde zu gehen.“

Einen Moment lang herrschte Totenstille (wenn man denn von Totenstille im Himmel sprechen kann). Dann begannen alle gleichzeitig zu reden: „Aber Herr, warum nur?“ „Das gab es noch nie!“ „Hier oben ist es doch so schön!“ „Die Menschen sind roh!“ „Unberechenbar!“ „Hier sind wir in Sicherheit!“ Doch der Herrscher aller Heerscharen ließ sich nicht beirren: „Ich will meinen Geschöpfen nah sein. Ich will fühlen, was sie fühlen. Ich will lieben, wie sie lieben. Ich will sterben, wie sie sterben.“

Voller Entsetzen sogen die Engel die Luft ein. Was der Herr immer mit seinen Geschöpfen hatte. Das war ihnen schon lange ein Dorn im Auge. Sie hatten es doch gut miteinander. Außerdem war es absolut unüblich, dass ein Gott sich unter das Volk mischt. Für Gott gab es den Himmel und für die Menschen die Erde. Das hatte Jahrtausende gut funktioniert. Warum alles durcheinanderbringen?

Aber Gott blieb stur. „Gabriel“, rief er, „such mir eine Frau!“ Gabriel trollte sich grummelnd. Dass der Allmächtige immer so dickköpfig sein musste ... Aber natürlich tat er dennoch wie geheißen und brachte ihm drei geeignete Kandidatinnen.

„Diese“, begann er und zeigte auf eine zierliche Blonde, „ist eine Heilige. Männer interessieren sie nicht. Sie trinkt nicht, flucht nicht und liest erbauliche Gedichte.“ „Langweilig!“, stöhnte Gott.

„Also gut, dann diese“, beeilte sich Gabriel fortzufahren und lenkte Gottes Blick zu einer ernsten Hochgewachsenen. „Sehr intelligent. Sie hat promoviert in Psychologie, Astrophysik und vergleichender Religionswissenschaft. In den aktuellen theologischen Diskussionen kennt sie sich hervorragend aus. Abends besucht sie gelegentlich philosophische Salons.“ „Anstrengend“, winkte Gott der Herr ab. „Hast du nicht jemand weniger Weltfremdes?“

„Wie wäre es mit dieser?“, fragte Gabriel und zeigte auf eine milde Mütterliche. „Sie ist eine wahre Madonna. Opfert sich für andere auf, pflegt Kranke, hat immer ein Ohr für Betrübte und erhebt keinen Anspruch auf ein Privatleben. Man nennt sie auch den Engel des Viertels.“ „Engel habe ich hier schon genug“, brummte Gott der Herr. „Ich will eine normale Frau. Verstehst du? Eine, die wie alle ist. Die da! Was ist mit der?“

„Die? Also, mit der ist nichts. Sie heißt Maria. Nicht mal Marie-Louise oder Nele-Marie. Sie ist mittelmäßig. Durch und durch mittelmäßig. Ihre Haare sind mausbraun. Weder glänzen sie wie Kastanien noch erinnern sie an Schokolade. Wenn sie versucht, Locken hineinzudrehen, hängen sie nach einer halben Stunde wie Linguini auf ihren Schultern. Sie färbt sie nicht mal!“ Der Engel schnaubte. „In der Schule war sie mittelgut. Soweit ich weiß, liest sie ganz gern, aber sie spielt kein Klavier und auch kein Cello. Wenn sie wenigstens singen könnte! Stattdessen schaut sie diese schrecklichen Castingshows und träumt davon, auch einmal entdeckt zu werden. Worin, das weiß sie selber nicht. Sie strengt sich nicht an, hat noch nicht mal Auslandserfahrung. Auch kein Ehrenamt, gar nichts! Ihr größter Traum ist es, auf einem Esel zu reiten. Weil sie eine Reportage über Wanderurlaub in den Cevennen gesehen hat und die Esel so niedlich fand. Dabei könnte sie nicht mal sagen, wo die Cevennen liegen! Und sie hat einen Freund. Du wirst dir ja wohl keine Frau aussuchen, die bereits vergeben ist? Das hast du doch nicht nötig!“ Plötzlich hatte Gabriel eine Idee: „Warum erschaffst du dir nicht eine nach deinem Geschmack?“

Aber Gott ließ sich nicht ablenken. „Erzähl weiter!“

„Sie sind seit einem halben Jahr zusammen“, fuhr Gabriel resigniert fort. „Er arbeitet als Tischler. Einmal schnitzte er ihr eine Blume aus Holz. ‚Die welkt nie’, hat er gesagt. Ihre Mutter fand das romantisch. Es müssen nicht alle studieren, meinte sie und Maria strahlte. Sie ist so gewöhnlich! Ich weiß nicht mal, ob sie gläubig ist. Ihr Freund, ja, der betet manchmal. Aber sie? Hat man noch nichts von gehört. Ich bitte dich. Die willst du doch wohl nicht?“ Unsicher blickte Gabriel zu Gott dem Herrn. Ein Lächeln umspielte dessen Mund und Gabriel schwante nichts Gutes.

„Perfekt“, murmelte Gott. „Sie ist perfekt.“ Fast könnte man meinen, er sei verliebt.

Er sollte aufpassen, dachte Gabriel. Er sollte wirklich aufpassen. Am Ende gerät das ganze schöne Bild von ihm ins Wanken.

 

aus: Jesus klingelt. Neue Weihnachtsgeschichten


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So

29

Nov

2015

Auf Anfang






 

Helle Nächte, leuchtende Tage,

uns allen einen verheißungsvollen Advent!



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So

22

Nov

2015

trösten


Jahreslosung 2016. Gibt es auch als Klappkarte.


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So

15

Nov

2015

Nicht in unserem Namen

Ich bin kein misstrauischer Mensch. Meine Tasche lasse ich unbewacht, wenn ich aufs Zugklo gehe. Wenn mich jemand um einen Euro bittet, öffne ich mein Portemonnaie und habe keine Angst, dass er es mir aus der Hand reißt. Aber es hat sich etwas verändert. Wenn ich heute einen Muslim oder eine Muslima auf der Straße sehe, denke ich nicht mehr „ein Muslim“, sondern „ist der radikal“? Ich weiß, das ist falsch. Aber es passiert.

Es gab eine Zeit, da war das völlig anders. Da habe ich die Schönheit islamischer Dichtung bewundert. Die Weisheit der Sufis gemocht. Den Gesang des Muezzin. Da dachte ich ganz einfach, wir glauben zusammen an den einen Gott, auf unterschiedliche Weise. Ich will das wieder.

Bitte helft mir dabei, liebe Muslime. Bitte sagt laut, dass diese Attentäter nicht in eurem Namen handeln. Dass ihre Taten nichts mit eurer Religion zu tun haben. Ich weiß das, aber ich muss es hören, immer wieder, damit ich daran glauben kann, dass wir mehr sind. Dass wir uns einig sind: Das ist Mord. Und Mord kann niemals gesegnet sein. #notinmyname


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So

08

Nov

2015

Ruhe!

Mein Handy macht ein sonderbares Sauggeräusch, wenn es eine Nachricht verschickt. Die Ampel piepst, sobald sie auf Grün springt. Auch die neuen Autos tun das, wenn man den Rückwärtsgang einlegt. In der Sauna plätschert Sphärenmusik auf mich hinab, und vor der letzten Beerdigung spielte Vivaldi in Dauerschleife den „Herbst“. Es gibt mittlerweile Särge mit eingebauter Musikanlage. Ein Schwede hat das erfunden. Falls die Ewigkeit zu still sein sollte, können Angehörige per Smartphone für die Beschallung des Toten sorgen. Die letzte Ruhe hat ausgedient. Stille scheint nicht mehr zumutbar zu sein. Die Verunsicherung könnte zu groß werden: Was wäre zu hören, wenn nichts mehr zu hören ist?

Ich will Stille. Und zwar jetzt und hier, nicht erst unter der Erde. Ich weiß, das ist ein egoistischer Wunsch, denn den Blinden hilft das Piepsen und den Traurigen die Geige. Und trotzdem: Wie schön wäre es, wenn es einmal am Tag ganz ruhig wäre. Es gibt Luftverschmutzung und Lichtverschmutzung, ich leide unter Lärmverschmutzung. Überall tönt es. Als müssten wir uns ständig versichern, das es uns gibt.

Ich stelle mir vor, wie ein kleiner, hutzeliger Handwerker in blauer Latzhose vor meiner Tür stünde und sagte: „Tschuldigung, aber wir stellen nachher mal die Geräusche ab. So zwischen eins und drei.“ Wer will, kann sich ja vorher eindecken mit den besten Hits der 80er oder einer gehörigen Portion Laubstaubsauger.


erschienen in Welt der Frau, gekürzt


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So

01

Nov

2015

Das Haus

In einer Nacht im Juli, in einer ganz normalen Nacht, in der die Grillen zirpen und die Gräser rauschen, sterben ein Mann, eine Frau und ein Kind. Dunkelheit umfängt sie und keiner von ihnen weiß, was werden wird. Sie sind schließlich noch nie gestorben. Nach einer Weile gewöhnen sich ihre Augen an die Schwärze und am Ende, ganz am Ende ihres Blickfeldes meinen sie, ein Licht zu erkennen.

„Sicher eine Sinnestäuschung“, denkt der Mann.

„Ganz schön weit weg“, denkt die Frau.

Das Kind denkt gar nichts, es geht einfach los.

Sie kommen an ein Haus. Seine Fenster strahlen golden. Die Tür steht offen. Über der Tür hängt ein Schild. „Himmel“ steht darauf.

„Wie albern“, denkt der Mann. Er war sein Leben lang pragmatisch veranlagt und dachte nicht daran, das jetzt aufzugeben. „Als ob der Himmel ein Haus sein könnte. Wie sollen denn da alle hineinpassen?“ Und er fühlt sich in dem bestätigt, was er schon immer gewusst hatte: dass es keinen Himmel geben kann, weil ein Himmel unlogisch ist. Also geht er weiter und verliert sich im Dunkel der Nacht.

Auch die Frau bleibt zögernd vor dem Haus stehen. So hat sie sich das nicht vorgestellt. Die offene Tür verwirrt sie. Kann denn hier einfach jeder rein? Und wieso muss man selbst eintreten, gibt es niemanden, der einen hineinbittet? Wo ist Gott? Die Frau hat gelernt, dass er sie empfangen würde. Dass es ein Himmelstor gäbe und Engel. Und nun ist alles ganz anders. Die Frau ist sehr enttäuscht, so enttäuscht, dass sie sich weigert hineinzugehen: „So nicht“, sagt sie und verliert sich im Dunkel der Nacht.

Das Kind hat viel Zeit gehabt, sich den Himmel auszumalen. Es war lange sehr krank gewesen. Wenn es im Bett lag, stellte es sich Einhörner vor, die unter Bananenpalmen grasten. Manchmal ritt es auf einem Adler. Engel begegneten ihm, die ebenfalls fliegen konnten und auch singen. Großmutter war dort und Stups, sein allererster Hund. Im Himmel gab es genug zu essen, auch die Sachen, die es jetzt nicht mehr essen konnte, weil sein Hals beim Schlucken wehtat und rot und entzündet war. Manchmal träumte das Kind davon, wie es eine riesige Brezel aß. Dann wieder schwamm es im Meer, ohne müde zu werden. Jeden Tag träumte das Kind einen anderen Traum und alle waren schön.

Deshalb ist es nicht erstaunt, vor einem Haus zu stehen. Wer auf Adlers Flügeln reitet, betritt auch ein Haus, dessen Fenster leuchten. Neugierig geht es hinein, du siehst ihm hinterher, bis es verschwindet, aufgenommen vom Licht.


aus: Wie lang ist ewig? Geschichten über das Leben und Davongehen

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So

25

Okt

2015

10 Sachen, die mich tragen

1.    ein Federbett, in das ich jederzeit hineinkriechen kann

2.    Freunde, deren Handynummern auch nachts um zwei funktionieren

3.    ein Liebster

4.    der Himmel über mir (der trotz aller gegenteiligen Anzeichen noch nie eingestürzt ist)

5.    26 Buchstaben zur freien Verfügung 

6.    Nebel im Herbst, der die Luft greifbar macht

7.    der Mut anderer, der leuchtet

8.    das unerklärliche, aber reale Gefühl, meine Toten geborgen zu wissen

9.    das bloße Dasein einer Birke, einer Wollgraswiese oder der Kapuzinerkresse 

10.  das Gefühl, ich bin nicht allein im Raum

 

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So

18

Okt

2015

Du sollst nicht töten. Auch nicht im Zug.

Ich fahre viel Zug. Man kann die Zeit im Zug so schön sinnvoll nutzen. Zum Beispiel, um meditieren zu lernen. Man braucht keine horrende Kursgebühr für irgendein Zenkloster aufzubringen, wo es dann doch nur Reis zum Mittag gibt. Eine Fahrkarte reicht, der Meditationskurs ist dann inklusive.

Man steigt also ein, wählt ein Großraumabteil, nimmt eine aufrechte Sitzposition ein und wartet. Meistens eröffnet den Kurs schon nach wenigen Minuten ein Mann (es kann auch eine Frau sein), der zu seinem Smartphone greift und die Mitreisenden mit Details seines Lebens unterhält. Er tut das so laut, damit auch schwerhörige Reisende nicht ausgeschlossen sind. Ich habe schon eine Trennung, mehrere Krankengeschichten, eine Aktientransaktion und allerlei andere Banalitäten mitgehört, die meinen Geist von dem Buch, das ich zu lesen versuchte, abzogen. Und genau da beginnt der praktische Teil des Kurses: Lass dich nicht ablenken. Fokussiere deine Gedanken auf den Buchstaben A und alle folgenden. Vergiss die Welt um dich herum.

Der Handymann wird irgendwann abgelöst werden von einer monoton sprechenden Mitreisenden, die ihre Sitznachbarin über jegliches Unbill des Bahnfahrens zwischen Nordsee und Adria  aufklärt. Sie hat ohrenscheinlich alles selbst erlebt und fährt immernoch Zug. Wer jetzt aufspringen möchte, der Frau an den Kragen gehen und schreien will: Dann steigen Sie doch aus!, kann Seelenruhe lernen. Das gelingt gut mit Atemübungen.

Schließlich wird irgendjemand sein Mittagessen auspacken. Die Zeiten des Butterbrotes sind dahin und Mittag gibt es mittlerweile sowieso den ganzen Tag. Jetzt gilt es, die Ausdünstungen der frittierten Hähnchenflügel als natürlichen Umgebungsgeruch wahrzunehmen ohne

a)    aufgrund plötzlich auftretenden Heißhungers dem Nachbarn das Essen aus der Hand zu reißen oder

b)    aufgrund eines empfindlichen Magens denselben unkontrolliert zu entleeren.

Sicher eine Übung für Fortgeschrittene, bei der es hilft, Lavendel zu visualisieren.

Wer jemals den Nutzen von Meditation in Frage stellte, wird jetzt begreifen: Es handelt sich um eine Fähigkeit zur Alltagsbewältigung. Das meine ich ganz ernst. Diese Übungsfolge nenne ich mentale Verwandlung: die alltäglichen Widernisse des Lebens als Übungen zu betrachten. Zu denken, das hat alles genau so seinen Sinn, nämlich den, dass ich dadurch etwas lernen kann. Allein dieser Gedanke hilft, ohne handgreiflich zu werden, durchs Leben zu kommen. Und das ist es doch, was zählt.

 

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Fr

09

Okt

2015

Bettwäsche

Ich besitze 14 Sets Bettwäsche und bin noch nie geflohen. Deshalb liegen die Laken wohlsortiert im Wäscheschrank, im Winter hole ich die Rotbestickte heraus und im Sommer lieber die Geblümte. Wenn ich ein Set aufziehe und ein zweites in der Wäsche ist und ein drittes für Gäste parat liegt, bleiben immer noch 11 Sets, die ich nicht akut brauche, es sei denn, es käme überraschend eine Fußballmannschaft zu Besuch, was aber selten passiert.

Wer aus Syrien kommt, hat meistens keine Bettwäsche dabei. Jedenfalls denke ich mir das so, weil Bettwäsche sperrig ist und nicht überlebensnotwendig. Ich habe also einen Bettwäscheüberschuss, jemand anderes ein Defizit, wir könnten uns treffen und die Sache auf kurzem Wege ins Lot bringen.

Im meiner Stadt geschah es so. Eine Tageszeitung veröffentlichte eine Liste der Dinge, die den vielen Flüchtlingen, die täglich kommen, fehlen. Es ging nicht um Häuser, Bankkonten, Lebensversicherungen. Sondern um Alltagssachen wie Hosen, Röcke, Tampons, Duschgel und eben Bettwäsche. Während im Politikteil noch darüber diskutiert wurde, wie mit den Flüchtlingsströmen umzugehen sei, strömten Hunderte in die Zeitungsredaktion und brachten, was gebraucht wurde. Kinder gaben Bälle ab. Männer teilten Jeans. Perlenbesetzte Frauen rollten Koffer voller Toilettenutensilien hinter sich her. Leute brachten Fahrräder, Malzeug und Schreibutensilien. Denn ohne Stift lernt man schwer deutsch.

Ich bin sicher, diese Geschichte ist nicht einzigartig. Deshalb erzähle ich sie. Sprache schafft Wirklichkeit. Wer nur von angezündeten Flüchtlingsunterkünften liest, kann sich irgendwann nichts anderes mehr vorstellen.

Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Manche haben, ohne es zu wissen, Engel beherbergt. Flüchtlinge sind keine Engel. Aber sie sind Menschen. Sie sind keine besseren Menschen, aber auch keine schlechteren. Sie tun das, was ich wahrscheinlich genau so täte, wäre ich nicht in einem Land mit Bettwäscheüberschuss geboren. Sie suchen nach einem besseren Leben. Abraham war Wirtschaftsflüchtling. Sein Sohn Isaak ebenso. Naomi, die Schwiegermutter Ruths, floh ins Nachbarland, um Arbeit zu finden. Jakob suchte Asyl wegen eines Familienstreits. Das wären heute alles keine anerkannten Asylgründe. Und ob Mose, mit einem Totschlag im Gepäck, Asyl erhalten würde, ist ebenso fraglich. Gott war immer mit diesen Leuten. Ach ja, bleibt noch Jesus. Ebenfalls Asylant in seinen ersten Lebensjahren. Hätte Ägypten seine Familie nicht aufgenommen, wäre seine Laufbahn als Gottessohn möglicherweise beendet gewesen, bevor sie richtig begonnen hätte. So gehen die Geschichten, auf die wir uns als christliches Abendland berufen. Wenn das mehr als romantische Märchen sind, dann sollten wir wenigstens für einen Moment in jedem Syrer Jesus sehen und in jeder Albanerin Naomi. Das löst die Flüchtlingsfrage nicht. Aber es erinnert daran, dass zunächst ein Mensch vor uns steht, kein Problem.


(erschienen in Welt der Frau September 2015)

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Fr

02

Okt

2015

Weiterschreiben

"Was macht ihr da eigentlich?" Das war die meistgehörte Frage. Von den anderen, denen, die nicht mitgeschrieben haben, sondern einfach Urlaub machten. Gewandert sind, Yoga gemacht haben oder die Nase in die Sonne hielten, die schwedische oder die türkische. Wir dagegen saßen im Gras, am See, unter Feigenbäumen, im Café, im Sonnenaufgang, in der Hängematte, im Kanu und schrieben. Und lachten. Lachten ziemlich viel. Warum man nun freiwillig in seinem Urlaub über einem schmalen Heft brütet, das war das Rätsel. Ich sag's mal so:


Ich schreibe, damit mir nicht langweilig wird. Nicht, dass die echte Welt, die wirkliche Welt so uninteressant wäre, aber manchmal ist eben einfach Dienstag und der Himmel ist bewölkt und irgendwer muss die Wäsche machen. Dann hilft schreiben. Also nicht, um die Wäsche fertig zu kriegen, sondern um diesen Dienstag doch noch zu etwas Besonderem zu machen. Da tut sich auf diesem weißen Papier eine unendliche Freiheit auf, in der alles, aber auch wirklich alles möglich ist.


Am Ende bleibt ein Heft voller Polaroids aus Buchstaben. Das kann man mitnehmen in den Alltag, für die Dienstage und auch sonst. Schön war's mit so ausnehmend netten Mitschreibern und Mitschreiberinnen. Und das sage ich nicht, weil ich es sagen muss, sondern weil es wirklich so ist. Das Beste: Nächstes Jahr geht es weiter. Ich freue mich jetzt schon.

 

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So

16

Aug

2015

Atem holen

Am 4. Oktober geht es hier weiter. Bis dahin schreibe ich offline.

Euch allen Apfelbacken & Sonnentage!

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So

09

Aug

2015

Mittsommerbilanz

Ich habe es zu Wohlstand gebracht:

auf Butterblumenwiesen, 

auf einem glatten Stein, 

im Boot auf hoher See,

sogar auf Holzwegen.

Ich setze auf die Blattgoldvermehrung der Eichen.

Auch Eschen wachsen hoch im Kurs.

Der Mond versilbert die Nacht.

Meine Millionen leuchten glühwurmhell,

meine Schäfchen liegen im Gras.

Meine Bank heißt Himmel.


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So

02

Aug

2015

Vertreibung aus dem Paradies

In meiner Gießkanne haben Mückenlarven ihren Swimmingpool. Kein Fisch trübt ihr Sein.

Nur was, wenn die Große Gärtnerin befindet, die Rosen brauchen Wasser?

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Mo

27

Jul

2015

Pusteblumen

Bitte erzähl mir von der Auferstehung. Erzähl mir mitten im Sommer, wenn die Linden rauschen. Erzähl mir, wie sie in den Himmel wachsen, ihre Arme ausbreiten und blau machen. Erzähl mir von der Weite jenseits meines kleinen Kopfes, der gut funktioniert, aber nicht alles weiß. Er liebt es, Dinge zu ordnen. Er liebt es, Dinge zu wissen. Dabei vergisst er manchmal, über sich hinauszuschauen. Manchmal ist er ein Hochstapler. Dann besteht er darauf, nur zu glauben, was er sieht. Ach, Kleiner, und was ist mit der Liebe, der Poesie und was ist mit den Träumen? Kannst du die etwa sehen?

Genauso wenig kann er erklären, wie ein Hybridmotor funktioniert oder warum Strom fließt. Er glaubt, was andere wissen; darum erzähl mir. Erzähl mir vom Horizont, der längst nicht endet, wo mein Blickfeld endet. Erzähl von Pusteblumen, die hinüberwehen von dem einen Leben ins andere. Erzähl von Regenbögen und Vergissmeinnicht, von Himmelsleuchten und allem anderen, was das Leben aufbietet, um zu zeigen: Es geht weiter. Dummerchen, sieh nur: Es geht weiter als du denkst. Das hier ist erst die Vorschau!

Erzähl mir von der Auferstehung, damit ich nicht vergesse. Damit ich nicht vergesse, was sein könnte, wenn mein Blick nicht am Boden klebt, hängen bleibt an ungeputzten Schuhen, Gullidecken und allen Abgründen dieser Welt. Erzähl mir, damit ich mein Gesicht in das Leuchten der Geschichten halte, Sonne für dunkle Tage, immer da.

Erzähl mir, wenn die Heckendosen betören mit ihrem Duft und der Weizen sich wiegt. Erzähl mir jetzt, gerade jetzt, wenn die Erde satt ist und der Himmel seine Wolken aufschüttelt. 


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So

19

Jul

2015

Übrigens...

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So

12

Nov

2017

Kleine Selbsterkenntnis

Ich bin die, die immer noch träumt. Ich bin die, die morgens vorm Spiegel steht und sagt: Los geht's, obwohl ich keine Ahnung habe, wohin. Ich zähl' die Tauben vorm Fenster und mache sie zu meinen Boten. Gurrendes Glück. Ich bin die mit der goldenen Schnur, aber was ordentliches Stricken kann ich trotzdem nicht. Ich mag Zartbitter lieber als Vollmilch, allein schon des Wortes wegen. Ich horche auf den Wind, das Heute und sein Geheimnis, und manchmal höre ich nur Heulen. Ich fürchte weder Gespenster noch Wölfe, und mitheulen werde ich nicht. Ich bin heute anders als gestern, nur manchmal habe ich vergessen, wer ich gestern war und wer ich morgen sein will. Dann ist ein guter Tag.

 

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So

29

Okt

2017

Lieber Martin,

Angst vor der Hölle habe ich nicht. Da geht es mir anders als dir. Die Hölle ist aus der Mode gekommen. Feuerschlünde schrecken uns nicht, und der Teufel ist für die meisten nur noch eine Figur aus dem Märchen. Dass wir in der Hölle schmoren könnten, ist also eine Drohung, die uns kalt lässt. Angst haben wir trotzdem. Allerdings nicht vor dem Leben nach dem Tod. Wir bewegen uns gedanklich eher im Leben vor dem Tod. Du hast dich um das Jenseits gesorgt, wir sorgen uns um das Diesseits. Dass ein Gott gnädig auf uns herabsehen möge, das beschäftigt uns weniger. Aber gnädig angesehen werden, das wollen wir auch. Von Kollegen, von der Lehrerin, von Freunden und Bekannten, von unseren Facebookkontakten ebenso wie von den Leuten im Club oder den Zuhörern eines Vortrags. Wir wollen gemocht werden. Wir wollen dazugehören. Wir haben Angst rauszufallen aus der warmen Stube der Gemeinschaft, denn dann wären wir völlig allein. Und allein zu sein, das ist unsere größte Angst. In deiner Zeit war das ein seltener Zustand. Man hatte seine Familie oder man lebte im Kloster. Wer allein war, hatte entweder eine schlimme Krankheit oder das Pech, als Hexe gebrandmarkt oder in irgendeiner anderen Art ausgestoßen zu sein. Angst war zu deiner Zeit etwas sehr Existenzielles. Ich will nicht sagen, dass das heute nicht mehr so ist. Wir haben auch existenzielle Ängste, aber unsere Alltagsängste sind andere als deine. Es ist nicht die Hölle, die uns bedroht. Es ist die Leere. Ich sehe, wie du erstaunt guckst. Die Leere, könntest du sagen, was soll das denn heißen? Die Leere ist gefüllt durch Gottes Wort. Du setzt alles darauf: „Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen; auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort; das ist mein Trost und treuer Hort, des will ich allzeit harren.“ Ehrlich, das imponiert mir. Deine Sprache ist nicht meine Sprache, aber dass das Wort Kraft hat, das glaube ich auch. Kraft, die Welt zu verändern, meine Angst und mich. Ich kann der Leere Worte entgegen setzen, und deshalb habe ich einen großen Vorrat davon angelegt. Du kanntest wahrscheinlich Psalmen auswendig, Gebete, die zehn Gebote. Du wirst ein Ave Maria im Schlaf aufgesagt haben können. Die Bibel war deine Versicherung. Ich habe andere Worte, Lieblingslieder, Gedichte und, ja - auch ein paar Bibelverse. Ich habe eine Schatzkiste voll mächtiger Worte und wenn die Angst kommt, öffne ich sie. Dann flüstere ich ihr Worte ins Ohr, manchmal singe ich sie, manchmal schleudere ich sie ihr entgegen. Die Angst kann drohen, sie kann sich aufbäumen, sie kann sich wichtig machen, solange ich Worte habe, bin ich nicht verloren. Das ist etwas, das ich von dir gelernt habe. Dem Wort kann man trauen. Weil es der Anfang von allem ist. Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Wo Gott ist, nehme ich an, ist die Angst gut aufgehoben. Und ich bin es auch.

 

Deine Susanne

 

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Fr

20

Okt

2017

Unterwegssegen

 

Nimm vom Himmel das Blau

und den Tau von den Wiesen

Nimm die Träume der Kinder

den Blick einer Kuh

Nimm die Sehnsucht der Gänse

nimm den Wind aus den Segeln

Lob den Tag vor dem Abend

und geh

 

Ich geh nochmal wandern...

 

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Mo

16

Okt

2017

manchmal einfach Schwein haben

Für alle Geburtstagskinder, Anfänger, Lebenskünstlerinnen, Optimisten.

 

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So

08

Okt

2017

10 Sachen, die man nicht allein machen kann

1. sich kitzeln

2. einen Gedanken mitteilen, den man selbst nicht kennt

3. sich selbst reanimieren

4. wippen

5. ein Kind

6. sich beerdigen

7. sich mit einem Spontanbesuch überraschen

8. sich segnen

9. synchronschwimmen

10. einen Kanon singen

 

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So

01

Okt

2017

Nachtisch

Herr Wohllieb hasst Supermärkte. Woher soll man wissen,welche der 52 Nudelsorten die richtige ist? Es gibt verwirrend viele Gänge, die man alle durchstreifen muss auf der Suche nach einem Paket Reis. Am Ende liegen drei Tütensuppen und ein Sparschäler für Artischocken im Wagen, und man weiß nicht, warum.

Dennoch betritt Herr Wohllieb hin und wieder einen Supermarkt, weil er nicht verhungern will. Genauer gesagt: einmal die Woche.

Als er seinen Wagen durch die Reihen schiebt, verspricht ein Glas Apfelmus 20 Prozent mehr Inhalt, und von den Schokoladenriegeln gibt es einen zusätzlich gratis. Auch sein Joghurt hat zugelegt: »50 Gramm Extraschlemmen« befiehlt das Etikett. Da stutzt Herr Wohllieb, denn bisher entsprach ein Becher Joghurt der idealen Nachtisch-Menge. Vielleicht will ich ja gar nicht mehr, denkt Herr Wohllieb, weil mir dann schlecht wird. Ein Glas Schokocreme zum Beispiel reicht für genau drei Wochen, jedenfalls nach Herrn Wohlliebs Berechnungen. Was ich dann essen will, weiß ich noch nicht. Eventuell Hering in Senfsoße. Wer weiß schon, worauf er in drei Wochen Appetit hat? Wenn ein Glas plötzlich 40 Prozent mehr Inhalt enthält, müsste ich also mehr Schokocreme pro Tag essen. Und dann würde mir schlecht.

»Ja«, wendet Sophie ein, »aber stellen Sie sich vor, Sie erhielten plötzlich 40 Prozent mehr Leben. Das wäre doch nicht so schlecht …«

»Woher wüsste ich denn, wie es gemeint ist? Bedeuten 40 Prozent, ich bekäme zu meinen statistischen 78 Jahren weitere 31,2 Jahre dazu? Was, wenn mich in diesen 31 Jahren ständig Zahnschmerzen quälten? Und selbst wenn alles weiterginge wie bisher – wer sagt denn, dass Glück größer wird, wenn es länger dauert?«

 

aus: Herr Wohllieb sucht das Paradies

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So

24

Sep

2017

Meine Stimme

 

Oma ging immer zur Wahl. Als Kind wollte ich wissen, was sie wählt. Das ist geheim, hat sie gesagt und ich dachte: Das muss ja was Aufregendes sein. Das wollte ich auch. Wie ja überhaupt Großwerden etwas ungeheuer Reizvolles hatte. Für Oma war das kein Spiel. Es war ihr Recht und ihre Pflicht und beides war groß. Groß genug, um im Sonntagsstaat ins Wahllokal zu gehen und ihr Kreuz zu machen. Meine Oma hatte schrumpelige Hände vom vielen Abwaschen und vom Kartoffelschälen. Politische Reden waren nicht ihre Sache. Aber sie war Bürgerin. Und sie hatte eine Meinung. Die vertrat sie alle vier Jahre mit ihrer Stimme. Ich bin jetzt groß und Oma ist tot und allein schon für sie gehe ich zur Wahl. Meine Stimme ist eine Stimme gegen Rechts.

Denn wie sollte ich ihr das erklären, wenn auf einmal wieder Rechte unser Land regierten?

 

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Sa

16

Sep

2017

Morgen

Herr Wohllieb hat zwei Paar Schuhe. Ein grünes und eins für besondere Tage.

Das für besondere Tage sieht neuer aus.

Herrn Wohlliebs Mutter sagte immer:

»Was neu ist, muss man schonen!«

Und dann legte sie das just erworbene Küchentuch in den Schrank.

Als sie starb, lagen dort 71 unbenutzte Tücher.

Was soll man mit so vielen Küchentüchern?, denkt Herr Wohllieb ratlos.

Dann sieht er auf seine Schuhe hinab.

Es sind die grünen.

Morgen, beschließt er, trage ich die anderen.

Und dann wird das ein besonderer Tag.

 

aus: Herr Wohllieb sucht das Paradies

 

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Sa

19

Aug

2017

Pause

 

.... mein Plan für

die nächsten Wochen. 

 

Am 17. September

geht es hier weiter.

 

Heitere Spätsommertage

für alle! Macht was draus.

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So

06

Aug

2017

Hm.

 

In den Ritzen der Wörter

liegt der Sinn

zwischen Toastkrümeln

und Wollmäusen

Leg den

Staubsauger aus der Hand

 

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Mo

31

Jul

2017

Morgengebet

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So

23

Jul

2017

kleine Sonntagsbilanz

 

was ich brauche: Zeit. Verstecke. Sonne nicht zu selten. Verbindung. Schuhe, in denen ich wohnen kann. Jemand, der mich hält. Ein Polster aus Geld (um nicht mehr daran zu denken). Ausreichend Schlaf. Einen Stift, der gut schreibt. Eine Gesellschaft, in der niemand unterdrückt wird. Himmel. Ruhe. Bücher. Ideen. 

was ich nicht brauche: Fernseher. Die meisten Apps. Spaghettizange. Schuldgefühle. Rolltreppen. Flugzeuge. Fertiggerichte. Küsschen rechts und links. E-Bike (noch nicht). Nazis. Die AFD. Früher-war-alles-besser-Gläubige. Spinnen mit langen Beinen. Garantieforderungen. Weltraumflüge. Diese Kreuzung aus Grapefruit und Melonen. 

 

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So

16

Jul

2017

Bolle und Gott

 

Bolle, sagt Gott, wir waren mal auf Du und haben am Lagerfeuer gesessen

und du hast mir erzählt, wovon du träumst

und haben Sterne geguckt

und Rio Reiser gesungen

und unser Haar war zerzaust

und du hattest ein Buch dabei und hast mir vorgelesen

und dein Herz pochte gegen meins

Bolle duckt sich ein bisschen, weil er spät dran ist

Nimm mich halt mit, sagt Gott

Geht nicht, sagt Bolle, das passt nicht

Weil Bolle jetzt Björn ist

Und Gott immernoch Gott

mit seinen Träumereien

ein bisschen Achtziger eben

Ach, Gott

denkt Bolle

 

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Mo

10

Jul

2017

Anders

Liebe Randalierer, war das die andere Welt, die möglich ist? Die könnt ihr für euch behalten.

Verwüstet doch in Zukunft einfach euer Wohnzimmer. 

Liebe Menschen außerhalb Hamburgs,

Protest gab es auch in bunt - und wir waren mehr!

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So

02

Jul

2017

Sonntagsengel

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Mo

26

Jun

2017

Oh Mann! Oh Frau!

Es gibt jetzt eine Bibel für Frauen. Und eine für Männer. Weiß der Himmel, warum. An der Auswahl der Geschichten kann es nicht liegen. Wenn die Frauenbibel nur Frauengeschichten enthielte, wäre sie eine dünne Broschüre. Also muss es etwas anderes sein. Der Verlag schreibt, die Männerbibel greife Männerthemen auf: „Entscheidungen treffen, Arbeitsalltag, erfolgreiches Scheitern, Zeit, Sex, Geld, Alkohol, Sport“. Das Leben der Frau ist da überschaubarer. Ihre Themen sind zuerst „mit Sorgen zurecht kommen. Mutter, Tochter oder Single sein.“

Ich fasse zusammen: Der Mann ist erfolgreich (selbst, wenn er scheitert). Die Frau kommt zurecht. Der Mann definiert sich durch sein Tun (Arbeit, Sex, Sport). Die Frau durch ihr Sein (Mutter, Tochter, Single). Und damit auch dem letzten Dummchen klar wird, auf welche Seite es gehört, kommt die Männerbibel in stählerner Metalloptik daher und die Frauenbibel im rosaroten Blümchengewand.

Vielleicht denken Sie: Mir doch egal. Ich habe meine Bibel, und die hat Goldschnitt. Das ist geschlechtsneutral.

Ich glaube aber, es ist nicht egal.

Ich bin in den 70ern groß geworden. Da war auch nicht alles Gold. Aber erst recht nicht rosa. Meine Liebe zu Ringelpullovern führe ich auf ein grün-weißes Exemplar aus der Kindergartenzeit zurück. Pippi Langstrumpf war die damalige Prinzessin Lillifee und sie brauchte kein Krönchen. Hello Kitty wäre von Tom & Jerry zum Teufel gejagt worden. Ich wollte eine Weile Lastwagenfahrerin werden, weil ich es mir aufregend vorstellte, ein so großes Auto zu steuern.

Heute stecken weibliche Babys in rosa Stramplern, die später von rosa Schleifchen abgelöst werden. Lego gendert in rosarote Schlösser für Mädchen und Ninjakämpfer in blauen Kartons für Jungs. Unschuldige Zeiten, als alle zusammen Indianer oder Feuerwehr spielten. Den ersten Preis für sexistische Werbung hat eine Buchreihe zum Lesenlernen gewonnen. Jungs bekommen Piraten-, Polizisten- und Weltraumgeschichten. Bei den Mädchen strahlt eine Prinzessin mit ihrem Pferd um die Wette. Natürlich in rosa.

Und jetzt also die Bibel. „Ihr alle habt Christus als Gewand umgelegt. Es gibt nicht mehr Mann noch Frau.“ Das schrieb Paulus, der sicher kein Feminist war.

Aber es spielt einfach keine Rolle, welche Lieblingsfarbe Maria hatte. Dass Frauen sich ebenfalls für Sex interessieren, wird spätestens im Hohelied klar. Es gibt Frauen, die sind Richterin, Herrscherin oder Schurkin. David spielt Harfe und gibt gleichzeitig den Krieger. Während Judith erst brav in ihren Büchern liest, bevor sie ihr Volk befreit und Holofernes den Kopf abhaut. Ob sie das in einem rosa oder blauen Leibchen tat, ist nicht überliefert.

Ich persönlich trage rosa übrigens sehr gern. Bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts galt sie als typische Jungenfarbe. „Rosa“, schrieb damals eine amerikanische Zeitschrift, sei nun mal „die kräftigere und für Jungen geeignete Farbe.“ Noch so ein Klischee...

 

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So

18

Jun

2017

Meditation

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

to be continued...

 

 

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Mo

12

Jun

2017

Frühjahrsputz

 

alles aufgeräumt

Kopf neben Herz gelegt

das gibt Stress

 

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Sa

03

Jun

2017

Lebenslauf des Scheiterns

Das eigene Leben, eine Erfolgsstory. Das gelungene Risotto. Der Halbmarathon. Die entzückenden Kinder samt Minisaxophonen. Retuschiert und in Farbe auf Facebook zu sehen. Toll, denke ich, während ich versuche, meine Strickjacke zu stopfen. Langweilig, denken sich die Macher des Museums des Scheiterns und präsentieren: Misserfolge. Weil in Wirklichkeit bis zu 90% unseres gesamten Tuns nicht klappt. Versuch und Irrtum eben. Nur, dass der Irrtum meist unter den Teppich gekehrt wird, weil er sich doof anfühlt. Johannes Haushofer ist Professor an der Universität Princeton. Er hat seinen Lebenslauf des Scheiterns ins Netz gestellt. Eigentlich wollte er damit nur eine Freundin aufmuntern, die eine Stelle nicht bekommen hatte. Die virale Resonanz war riesig. Als würden die Leute aufatmen, weil sie mit ihren Misserfolgen nicht allein dastehen. Klar: Bei einem Professor an einer Eliteuni hat viel geklappt. Aber vieles eben auch nicht.

Hier mein Lebenslauf des Scheiterns. Unvollständig, versteht sich.

  • Eine Zirkusvorstellung im zarten Alter von fünf. Wir hatten Einladungen für alle Nachbarn gemalt. Dann regnete es. Letztlich war das unser Glück, denn beim Üben des Programms, das zwei Stunden später stattfinden sollte, merkten wir: Wir können nichts, was annähernd nach Zirkus aussieht.
  • Im reiferen Alter von 15 fragte mich eine Freundin, ob ich Flöte spielen kann. Ich dachte: so schwer kann das nicht sein und sagte Ja. Ohne je einen Ton gespielt zu haben. Zwei Wochen später traten wir als Duo im Sonntagsgottesdienst auf. Gut, dass Kirchenbesucher barmherzig sind…
  • Beim Schafsitten hat sich ein Lamm erhängt. Das war ein sehr tragisches Scheitern. Übrigens nachdem zuvor die gesamte Herde ausgebüxt war. Als Schafhirtin tauge ich nicht.
  • Einer meiner ersten Aufträge, ein Text für das Magazin „Junge Soldaten“ wurde abgelehnt. Ich sollte über die Hölle schreiben. Offenbar tat ich das nicht plausibel genug.
  • Auch nicht von Erfolg gekrönt war das Seminar „Wir wollen doch nur spielen“. Anscheinend haben das alle wörtlich genommen. Es gab keine Anmeldungen.
  • Neben einer Kündigung, zahlreichen unbeantworteten Bewerbungen und einer Absage nach einem Vorstellungsgespräch für eine Stelle zur Prävention von Rechtsradikalismus war auch meine Karriere als Pizzafahrerin nach zwei Abenden beendet. Nach zahlreichen Beschwerden über kalte Pizzen wurde ich in die Küche versetzt.
  • Der Versuch, Faber Castell für das Sponsoring meiner Seminarbleistifte zu gewinnen, scheiterte ebenfalls (ich benutze trotzdem keine anderen!).

Meine Teilnahme an den Bundesjugendspielen lassen wir außen vor. Eine Kontaktanzeige brachte nicht den gewünschten Erfolg Mann. (Nein, jetzt brauche ich keine Zuschriften mehr.) Das Meldeverfahren der VG-Wort habe ich bis heute nicht verstanden (was mich quält. Ich dachte, ich sei schlau.).

To be continued.

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So

28

Mai

2017

Im Himmel

Heute Morgen liegt eine Einladung in deinem Briefkasten. Kein Absender auf dem Umschlag. Du hältst ihn gegen das Licht, das Papier ist dick. Im Inneren liegt eine Karte. Du holst sie raus.

Himmel, steht auf der Karte. Herzlich willkommen!

Einen kurzen Moment bekommst du einen Schreck: Bin ich schon tot?

Nein, du bist nicht tot, ganz im Gegenteil, du fühlst dich lebendiger denn je.

Himmel liest du und denkst an Wellnesstempel und Wattewölkchen, an Himmelbett und Harfenklang.

Aber als du die Karte umdrehst, steht da etwas ganz anderes:

Himmel, hier und jetzt. Himmel, du bist mittendrinn.

Du wunderst dich.

 

Der Himmel ist mitten unter euch, sagt Jesus. Der Himmel ist hier.

Verstohlen blickst du dich um. Jemand hat Zwiebeln gegessen. Ein paar Drogis liegen draußen auf der Straße und du hast Angst um dein Portemonnaie.

Der Himmel ist hier.

In der UBahn musstest du stehen. In den Nachrichten hörst du die Krisen der Welt.

Der Himmel ist hier.

 

Wenn der Himmel hier ist, dann ist der Himmel auch in  Afghanistan. Der Himmel ist im Hauptbahnhof. Der Himmel ist im Käseladen, der Himmel ist im Krankenhaus. Der Himmel ist im Nachbarzimmer, der Himmel ist in Washington. Der Himmel ist in Buchenwald. Der Himmel ist im Internet. Der Himmel ist im Kindergarten. Der Himmel ist am Küchentisch. Der Himmel ist da.

Der Himmel ist die Möglichkeit: Nach oben offen.

Der Himmel ist anders als du denkst:

 

Der Himmel ist ein Feld, das darauf wartet, bestellt zu werden.

Der Himmel ist eine Wolldecke, keiner kriegt kalte Füße.

Der Himmel ist ein Augenblick. Nur die Wachen sehen ihn.

Der Himmel ist ein Apfelkuchen, jeder gibt ein Stück.

Der Himmel ist ein Sack voll Lose, und jedes ist der Hauptgewinn.

Der Himmel ist ein Hase, den der Schuss des Jägers nicht erwischt.

Der Himmel ist ein Kopfstand. Nur die Mutigen wagen ihn.

Der Himmel ist ein Gegenüber, das zum Miteinander wird.

Der Himmel ist ein Gedicht und du bist der Reim.

Der Himmel ist ein Engel, der an den Himmel erinnert.

 

Der Himmel auf dem Kirchentag 2017. Hansaviertel Berlin.

 

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Sa

20

Mai

2017

Dass man was fühlt

„Wie fühlt man Gott?“, fragt Luise.

Herr Wohllieb ist manchmal etwas überfordert von Luises Fragen. Möglicherweise liegt es daran, dass es in seinem Leben bisher niemanden gab, der ihm Fragen stellte. Und seine eigenen Fragen wiederum sind selten dazu geeignet, ihn selbst zu überraschen. Luises Fragen überraschen ihn und vor allem überraschen ihn seine Antworten. Er hat keine Ahnung, woher sie plötzlich kommen.

„Am besten“, sagt er, „man setzt sich in einen Sessel und wartet. Dass man was fühlt.“

„Kann man dabei stricken?“

Herr Wohllieb kennt sich mit Stricken nicht aus, aber seiner Erfahrung nach ist es in siebzehn von achtzehn Fällen schwierig, zwei Sachen gleichzeitig zu tun.

Luise denkt einen Moment darüber nach, wie es wäre, ohne Strickzeug in einem Sessel zu sitzen. „Und wenn man nun nichts fühlt, dass sich wie Gott anfühlt? Nur den Luftstrom eines schlecht schließenden Fensters oder das zwickende Knie oder ein Unbehagen, das, wenn man ihm nachgeht, mit einem unangenehmen Gespräch, das man am Vormittag geführt hat, zu tun hat?“

„Das könnte“, sagt Herr Wohllieb schüchtern, „doch schon ein Anfang sein.“

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So

14

Mai

2017

Arthur und der Herrgott

... hören: Moment Mal oder lesen:

 

Dass der Herrgott seine Lina im Mai geholt hatte, darüber ist Arthur wütend, so richtig wütend. Sein Mund ist ein schmaler Strich. Er will nicht mehr reden. Im Mai! Wenn der Flieder blüht und man alles für möglich hält, nur nicht den Tod. Wenn die Welt viel zu schön ist, um zu gehen. Hätte er doch warten können, bis November ist, denkt Arthur. Wenigstens das. Arthur nimmt dem Herrgott das übel und redet nicht mehr mit ihm. Soll er sehen, was er davon hat.

Ziemlich viel Schweigen ist jetzt in Arthurs Leben, weil die Lina nichts mehr sagt und weil er nicht mehr zum Kegeln geht und auch kein Skat mehr spielt, freitags im "Alten Krug". Weil er nicht mehr weiß, was er da soll, traurig, wie er ist. Da will er keinem mit auf die Nerven gehen, was sollen sie auch sagen, die anderen. Im Wohnzimmer tickt die Uhr, auf einmal hört Arthur sie wieder, bis auch sie aufhört zu ticken, weil Arthur sie nicht mehr aufzieht. Dann ist gar nichts mehr zu hören. Nichts, bis auf Arthurs Atem. Der ist noch zu hören. Und darüber ist Gott erleichtert, sehr erleichtert, nicht auszudenken, wenn er auch noch den Arthur verloren hätte, wo ihm schon die Lina so fehlt, da unten auf der Erde. Die Lina mit ihrem unerschütterlichen Optimismus und ihren aufgekrempelten Ärmeln, damit sie immer anpacken konnte, wo es nötig war. Die Lina, die die Welt ein winziges Stück besser machte. Gott seufzt und setzt sich neben Arthur. Zusammen sitzen sie da und zusammen sind sie eine ganze Weile traurig. Bis sie schließlich aufstehen und rausgehen, um zu gucken, was das Leben macht. 

 

NDR2, Moment mal

 

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So

07

Mai

2017

Randnotiz

Einander groß machen. Und einander groß sein lassen.

Die Geschichte der Kirche ist eine Geschichte des Gegenteils:

Gott groß. Mensch klein. Jesus Retter. Mensch Sünder. Missionare Rechtgläubige. Die Zu-Missionierende Ungläubige. Priester Hüter des Heiligen. Gläubige Bedürftige. Der Mann als Mensch. Die Frau als Gehilfin. Das ist heute alles nicht mehr so offensichtlich. Aber geblieben ist der Ausgang vom Mangel. Vom Defizit. Dir fehlt was, darum brauchst du Gott.

Das wäre doch ein armer Gott, der seine Größe definiert, indem er seine Geschöpfe klein hält.

Denken wir es andersrum: Gott macht Menschen, die wie Gott sind. Lebendig. Leuchtend. Überwältigend. Ansteckend. Mächtig. Wir.

 

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So

30

Apr

2017

Schöne Aussichten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fass dir ein Herz

Lern Träume zu deuten

Schau hinter die Dinge

Führ die Hoffnung spazieren

 

Dann sehen wir weiter.

 

 

(aus: Siehst du mich?)

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So

23

Apr

2017

Nach Ostern

In diesen Nächsten

rufst du mich hinaus

In diesen Nächten

schläft die Eule

und der Dämon ruht

In diesen Nächten

wehen die jungen

Buchenblätter

und die Luft schmeckt

nach Werden

 

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Do

06

Apr

2017

Ach! Ostern!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

... euch allen helle und heitere Ostertage. 

Hier geht es weiter am 23. April.

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Do

06

Apr

2017

Noch offen

Es wird Frühling. Ich merke das, und ich meine nicht die Knospen und die Narzissen und all dies. Ich spüre es, es steckt mir in den Knochen. Plötzlich taucht eine Sehnsucht auf, die nicht mal die dicke Schicht aus Lebkuchen und Dezembergemütlichkeit endgültig hat begraben können. Es ist wie mit dem Schnee. Er taut und darunter kommt alles wieder zum Vorschein.

Nur, was fängt man an mit so einer Sehnsucht, die einen hinaustreibt ohne ein Ziel zu nennen? Denn genauso ist es: Jedes Jahr im April fühle ich mich wie ein liebeskranker Teenager, der nicht mal sagen kann, ob es Jule oder Luise ist, nach der er sich sehnt. Schließlich bin ich nicht fern der Heimat, kein geliebter Mensch ist in den letzten Monaten gestorben (zum Glück!). Ich bin im großen und ganzen gern, wo ich bin. Und trotzdem: Etwas zieht mich. Ich will hinaus. Will die feuchte Abendluft riechen. Die Erde, deren Duft jetzt ganz anders ist, als im Winter oder im Herbst. Ich halte nach Schwalben Ausschau. Alles scheint möglich in diesen Aprilabenden, alles scheint offen. Als hätte mich jemand aus dem Winterschlaf geweckt. Jetzt ist es Zeit für die erste Wanderung und das Zelt lockt, obwohl ich weiß, dass die Nachtfröste sich noch an den Winter klammern.

Aber das ist nicht alles. Meine Sehnsucht geht über das Blühen und Grünen hinaus. Es reicht nicht, einen Strauß Blumen zu kaufen oder einen pastelligen Frühlingspullover. Die Ostereier in den Schaufenstern lassen mich kalt. Zu jeder Sehnsucht gibt es ein Angebot, das mir zuflüstert: Ich stille dich. Mach einen Yogakurs oder kauf einen Bewegungszähler. Lies ein Einrichtungsmagazin, bestell Bettwäsche mit Punkten. Hör auf deine innere Stimme. Wir haben die Antwort. Aber so ist es nicht. Echte Sehnsucht lässt sich damit nicht abspeisen. Es ist, als würde sie mir zurufen: Lass dich nicht einlullen. Wach auf. Zieh aus. Erblühe! Das ist das Leben. Verpass es nicht. An solchen Abenden ist der Himmel rosa, und ich stelle mir vor, wie es wäre, zu fliegen.

Aber nur kurz, wirklich nur ganz kurz. Alles andere wäre gefährlich. Denn Sehnsucht ist nicht rosarot. Sie ist kein Weichzeichner. Sie hat eine andere Seite, nur die Nüchternen sind ihr gewachsen. Sehnsucht weist über sich selbst hinaus. Dazu ist sie da. Sie ist nicht das Ziel, sie ist der Weg.

Wenn du jetzt fragst, was denn das für ein Ziel sei, dann hast du mich. Denn ich weiß es nicht. Es ist kein Ort, den ich erreichen kann. Es ist keine Leistung, die ich erbringen muss. Ich kann es nicht buchen, ich kann es nicht kaufen. Nicht mal Google kennt es. Ich würde es Erfüllung nennen, tiefe Erfüllung, die das Leben bereit hält. Nicht ständig und nicht überall. Aber dann und wann, Augenblicke, in denen der Himmel offen steht.

Und darum bleibe ich unruhig in diesen Aprilabenden, halte Herz und Augen offen und ziehe los. Wie die Schwalben.

 

in: Welt der Frau 4/17

 

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So

02

Apr

2017

Mehr Lücken!

Uns allen eine feine, neue Woche.

 

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So

26

Mär

2017

zur täglichen Übung

Kreuz

 

die Füße auf der Erde

den Kopf im Himmel

die Arme weit offen

 

erstaunlich

was das trägt    

 

 

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So

19

Mär

2017

Eva

Eva war 32 Jahre alt und hatte einen passablen Mann. Der war möglicherweise weniger klug als sie, aber häuslich und verlässlich. Er hieß Adam. Adams Vater war Gott. Damit muss man erst mal klarkommen, auch als Schwiegertochter. Gott hatte ein Universum geschaffen, in dem er der Chef war, über alles Bescheid wusste, bedingungslosen Gehorsam wünschte und dafür bereit war, viel Liebe zu geben. Adam sollte es eines Tages übernehmen, aber wann genau dieser Tag eintreten würde, das wusste niemand, und manchmal fragte sich Eva, ob er überhaupt je kommen würde. Denn dass Gott sich von seiner Macht trennte, das war so schwer vorstellbar wie eine Welt jenseits der Welt.

Adam kam also aus geborgenen Verhältnissen, während Evas Herkunft ungewiss war. Gott gefiel das. Auch deswegen hatte er sie für seinen Sohn ausgesucht. Weil sie ein unbeschriebenes Blatt war. Jedenfalls dachte er das. Aber darin hatte er sich getäuscht (was niemand erfahren sollte). Denn Eva hatte Ziele für ihr Leben, und bisher hatte es keinen Grund gegeben, sie aus dem Blick zu verlieren. Sie wollte

1.     alles hinterfragen und unbedingt unvoreingenommen sein

2.     drei Kinder bekommen, deren Geschlecht ihr egal war

3.     trotzdem die Welt sehen

4.     niemals stricken

5.     Schmerz ertragen und

6.     zuversichtlich sein.

 

Eva fragte Adam Sachen wie: Magst du lieber das Gelbe oder das Weiße vom Ei? Könntest du eher auf ein Bein oder auf einen Arm verzichten? Meinst du, dass es erst Bienen oder erst Honig gab? Adam wurde schwindelig davon. Er dachte nicht soviel nach und verstand auch nicht, warum man sich überhaupt für die eine oder die andere Sache entscheiden soll, wenn man doch alles haben kann. „Es ist hypothetisch“, sagte Eva. „Es geht darum, sich vorzustellen, was sein könnte.“ Adam fand, man könnte sich einfach mit dem begnügen, was ist. Denn das war ja schon eine ganze Menge.

Eva erkannte schnell, dass Gott ein Problem hatte: Das Universum drehte sich um ihn, und wenn sich alles um einen selbst dreht, dann ist das auf Dauer kaum auszuhalten. So gesehen war Eva Gottes Rettung.

Alle beneideten Eva um ihr Dasein. So jung, so klug, die Zukunft schon in der Tasche. Und schön war sie, das muss man schon sagen. Auf eine herbe Art war Eva schön. Es gab also nichts, worum sie sich sorgen musste. Für Eva war gesorgt.

Nur Frau Hickendahl erkannte Evas Freiheitsdrang. Frieda Hickendahl war eine Schlange. Eine Kriecherin. Sie säte Zwietracht. Das wusste jeder. Wer irgend konnte, ging ihr aus dem Weg. Genau genommen war sie eine arme Kreatur. Eva sprach trotzdem mit ihr, allein schon, weil es das erste ihrer Ziele gebot. Manchmal traf sie Frieda im Bus, und weil der Platz neben ihr so gut wie immer leer blieb, setzte sich Eva zu ihr.

„Lange nicht gesehen ...“ Frieda sah Eva bedeutungsvoll an. „Ich dachte, du seist vielleicht schon gar nicht mehr hier.“

„Wo sollte ich denn sein?“, fragte Eva zerstreut, weil draußen ein Zitronenfalter den Bus überholte und das doch erstaunlich war.

Frieda folgte ihrem Blick. „Der ist freier als wir. Und schneller. Warum bleibst du eigentlich? Du könntest es doch viel weiter bringen. Und schlauer als Adam bist zu auch.“

Eva zuckte mit den Schultern. „Wo sollte ich denn hin? Eines Tages erben wir hier doch alles.“

„Und wenn der Alte ewig lebt?“

Darüber hatte Eva selbst schon nachgedacht und auch, wenn sie Gott sehr schätzte, gefiel ihr der Gedanke einer Zukunft zu dritt nicht besonders.

„Drei sind einer zu viel“, sagte Frieda Hickendahl und zeigte beim Lachen viele Zähne.

Im Herbst sprach Eva es schließlich an. Dass sie mehr Freiheit bräuchten, erklärte sie, die Welt selbst entdecken müssten, ihre eigenen Wege gehen. Adam nickte.

„Hat euch die Hickendahl den Floh ins Ohr gesetzt?“ Gott war offensichtlich verärgert.

„Und wenn schon, manchmal muss man sich was sagen lassen.“

„Aber doch nicht von der!“

„Bist du etwa eifersüchtig?“ Eva lächelte. „Auch schlechte Menschen können Wahres sagen. Selbst dann, wenn sie es gar nicht vorhaben.“

Sie ist schlau, dachte Gott. Er konnte nicht umhin, stolz auf sie zu sein. Sie ist mir ebenbürtig. Ein echtes Gegenüber. Sie wird mir fehlen.

Er wusste, er hatte verloren.

Eva sah seinen Blick und legte ihre Hand auf seinen Arm.

„Nicht traurig sein, wir sind doch nicht aus der Welt.“

„Pass mir auf den Jungen auf ...“

Eva nickte. „Besuch uns mal, ja?“

„Ich?“

„Ja, du.“

Da lernte der alte Gott, sich zu bewegen. Das änderte alles. Und Schuld daran war einzig und allein Eva.

„Ruft mich an“, sagte er. „Dann komme ich zu euch.“

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So

12

Mär

2017

Gottes Name

Als ich einmal Gott traf, wusste ich nicht, wie ich ihn nennen sollte. Also sagte ich: Namenloser. Haschem. Es gefiel ihm, und ich ging meiner Wege. Wir begegneten einander erneut, und ich erkannte ihn. Da nannte ich ihn: Gott. Elohim. Beim nächsten Mal dämmerte mir, dass er immer wieder kommen würde, und ich sagte: Ewiger. Adonaj. Er machte mich groß, er stärkte meine Seele und hielt mein Herz. Da rief ich: Allmächtiger. Shaddaj. Ich begann ihm zu vertrauen, ich ließ mich fallen, und er wurde Vater und Mutter für mich: Abba. Imma. Schließlich konnte ich nicht mehr unterscheiden, wo ich aufhörte und er begann. Da nannte ich ihn: Ich-bin-da. 

 

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So

05

Mär

2017

Liebes Zukunfts-Ich,

Du bist mir immer einen Schritt voraus. Was vor mir liegt, hast du schon hinter dir. Wo ich noch zaudere, bist du längst losgegangen. Wo ich mir blutige Knie hole, bist du wieder aufgestanden. Du bist Ich, aber du bist immer ein bisschen klüger als ich. Du bist Ich, wie ich sein könnte. Deshalb vertraue ich dir und bin neugierig, was du zu erzählen hast.

                                                                                         Du zeigst mir: Es geht immer weiter.

                                                                                         Selbst wenn ich Kleingläubige nur

                                                                                         Sackgassen sehe. Irgendwie schaffst du

                                                                                         es, über die Mauer zu klettern. Zeig mir,

                                                                                         wie das geht. Ich bin bereit.

 

 

 

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So

26

Feb

2017

Wichtig

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So

19

Feb

2017

Nö.

Ich will nicht, dass ein Programm kontrolliert, ob mein Kühlschrank gefüllt ist. Wenn ich eine Auskunft will, frage ich einen Menschen und nicht Siri. Ich will nicht kontrollieren, wie viele Ballaststoffe mein Abendessen hat und keine Uhr soll meine Blutfettwerte messen. Ich will darauf vertrauen, dass mein Körper so grob weiß, dass eine Möhrenrohkost gesünder ist als ein Double-Cheese-Doppel-Whopper. (Und gleichzeitig, dass ihn so ein Ding auch nicht umbringen wird.) Ich will nicht kontrollieren, ob Claudia meine WhatsApp gelesen hat. Ich will darauf vertrauen, dass sie sich schon melden wird, wenn es passt. Es ist mir egal, wer mein Facebook-Profil anschaut. Kein Programm soll preisgeben, wo ich mich gerade befinde. Ich will meine Verstecke. Manchmal will ich mich so durchwurschteln, das soll keiner sehen. Ich will Unsicherheit aushalten, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Ich will ein Recht auf Risiko, so wie man als Kind einen Baum erklomm und abwog, ob ein Ast trägt oder nicht. Irgendwann hat man es im Gefühl.

 

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So

12

Feb

2017

Zum Valentinstag

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Mo

06

Feb

2017

Streiten

Hoffnung ist ein Wort mit kleinen Buchstaben, denkt Alma. Weil Hoffnung nie so kommt, wie man denkt. Höchstens ganz anders. Und weil das so ist, lautet die erste Lektion: Gib alle Hoffnung auf. Und hoffe tapfer weiter. Alma übt das seit sechsundneunzig Jahren. Sie hat einen Krieg überlebt und einen Mann. Alma sitzt jetzt oft kopfschüttelnd vor dem Fernseher, wenn sie die Bilder von den Flüchtlingen sieht. Sie kennt das alles. Selbst musste sie nicht fliehen, aber es kamen welche, damals auf den Bauernhof ihrer Eltern. Es waren Menschen, deren bisheriges Leben ein jähes Ende gefunden hatte.Mitgefühl ist Christenpflicht, so sieht Alma das. Ich war hungrig, hat Jesus gesagt, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen. Gilt das denn nicht mehr? Das ist keine Gefühlsduselei. Alma hat sich noch nie vor den Tatsachen gedrückt. Wer Mitgefühl ausnutzt, muss mit den Konsequenzen leben. Es gibt schließlich Gesetze. Aber Menschen ohne Mitgefühl sind gefährlich. Sie wollen sich nicht hineinversetzen in andere. Wer kein Mitgefühl hat, leugnet die eigene Schwäche, die eigene Bedürftigkeit. Jeder ist klein, irgendwo. Manche spielen einfach Riesen und hoffen, es fliegt nicht auf. Auf einmal grölen die Leute wieder. Rüde zu sein ist salonfähig. Sogar manche von den Politikern vergessen ihre gute Kinderstube. Selbst im Fernsehen. Almas kann das nicht begreifen. Ist ihnen das nicht peinlich? Als ob Beleidigungen Argumente wären. Alma hat nichts gegen Streit. Sie hat oft gestritten mit ihrem Hans, wenn der mal wieder seinen Dickkopf hatte. Manchmal muss man sich auseinandersetzen, immer nur heile Welt, das bringt auch nichts. Aber doch bitte mit Respekt. Man muss sich doch hinterher noch in die Augen sehen können. Was bleibt denn sonst von einer Gesellschaft übrig?

Ich hoffe, denkt Alma, dass ein Wunder geschieht und sich diese Großmäuler wieder kleinlaut zurückziehen. Und zwar nicht, weil ein anderer noch lauter schreit, sondern weil sie ihr Mitgefühl entdecken und erkennen: Wir liegen falsch. Alma hat Mitgefühl. Ich habe großes Verständnis dafür, dass die Leute übers Meer kommen, hat sie letztes Mal trotzig beim Seniorenkaffee gesagt. Weil sie hoffen, etwas Besseres zu finden als den Tod. Die meisten haben wissend genickt. Und das ist die zweite Lektion: Hoffnung verleiht Flügel.Du bist blauäugig, schimpft ihr Sohn. Wo sollen die denn alle hin? Aber Alma versteht die Aufregung nicht. Das werden doch nicht alles Halunken sein. Manche wird man doch brauchen können, letztens zum Beispiel las sie von einem jungen Mann aus Syrien, der jetzt in der Bäckerei anfängt. Als Lehrling. Der Meister ist überglücklich, weil: Wer will denn heute noch Bäcker werden? Alma schüttelt den Kopf. Dann wird es eben anders. Aber kann anders denn nicht auch gut sein?

 

So geht’s: Miteinander reden und lachen, dabei aber auch einander Achtung erweisen. Mitunter sich auch streiten – ohne Hass, wie man es auch mit sich selber tut. Manchmal auch in den Meinungen auseinandergehen und damit die Eintracht würzen, einander belehren und voneinander lernen, so dass aus Vielheit Einheit wird. (Augustin, 4. Jh)

 

in: Welt der Frau 2/17

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So

29

Jan

2017

Rüsselkäfer

Lieber Mensch,

ich finde, du bist mir ganz gut gelungen.

Genau wie die Tulpen, die Rüsselkäfer und die Ackerschachtelhalme.

Da gibt es nichts zu optimieren.

Die Rüsselkäfer wissen das.

Du vergisst es manchmal.

Hiermit versichere ich dir:

du darfst einfach sein.

Du darfst lesen ohne dich zu bilden. Spazieren gehen ohne Schrittzähler. Fußball spielen allein aus der Lust heraus, gegen einen Ball zu treten. Du brauchst nicht Weltmeister zu werden.

Tu, was du willst. Wenigstens manchmal.

Es muss nichts bringen.

Wem auch?

 

In inniger Verbundenheit,

Gott

 

 

 

in: Wandeln - Der Fastenwegweiser 2017 (Andere Zeiten)

 

 

 

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So

22

Jan

2017

Wunder dich

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So

15

Jan

2017

Schöne Aussicht

Am Dienstagnachmittag hat Herr Laubenstängel den Möglichkeitssinn entdeckt. Es geschah zufällig. Zusammen mit seiner Gattin saß er bei einem Stück Möhrentorte und schaute aus dem Fenster. »Siehst du das?« Frau L. sah eine Stromleitung, einen halben Supermarkt und drei Schäfchenwolken. Sonst nichts. »Du musst weiter sehen, dort hinten«, drängte Herr L. »Was soll denn da sein?«, fragte Frau L., die ihren Mann kaum wiedererkannte. »Was noch nicht ist, aber sein könnte.« »Und das siehst du?« »Das sehe ich«, bestätigte Herr L., und plötzlich war er ganz aufgeregt, weil sein Leben sich gerade in eine Vielzahl von Möglichkeiten verwandelte.

 

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So

18

Dez

2016

Liebes Weihnachtsfest,

vierundvierzig Mal haben wir jetzt schon zusammen gefeiert. Ein paar Mal gab es Schnee. Wir saßen zusammen in kalten Kirchen. Wir haben zu viel Pute gegessen und später, in vegetarischen Zeiten, den anderen heimlich die Pute geneidet. Wir haben Playmobil aufgebaut, Opas Kiwitorte gepriesen, die Tode der alten Tanten gezählt. Wir haben um echte Kerzen gekämpft, uns dem Konsum verweigert, keine Geschenke verteilt, viele Geschenke verteilt, aber wenigstens alle in Zeitungspapier verpackt. Wir haben nie zusammen Kartoffelsalat gegessen. Wir haben uns in einer dänischen Hütte getroffen, das Jahr, als wir flohen vor einem Höchstaufgebot an Engeln. Einmal haben wir sogar zusammen allein gefeiert. Es war still und überraschend. Wir waren Fremde – du in der Welt und ich bei den Schwiegereltern in spe. Wir haben uns im Rhythmus der alten Worte gewiegt. Du hast die schönsten Lieder und wir haben auch die längste Predigt tapfer angehört, um dann endlich aufzustehen und aus voller Kehle O du fröhliche zu singen. Egal, wie schief. Wir haben Milde geübt, uns das Jesusfigürchen in der Krippe angesehen, mit dem ich nie viel anfangen konnte. Aber ich habe ja auch nie mit Puppen gespielt. Wir sind zusammen im Wald gewesen, kurz vor der Dunkelheit, wenn nur noch Vögel und Hase da waren. Wir haben nach der Stille gegriffen.

Liebes Weihnachtsfest, wir waren nie heil. Die Welt lag im Krieg, ich hatte Liebeskummer. Du kamst trotzdem. Oma starb, Papa starb, du kamst trotzdem. Die Wohnung war nicht fertig, die Kisten waren notdürftig mit Lichterketten geschmückt, du kamst trotzdem. Ich verweigerte mich, ich fand, wir zwei bräuchten mal eine Pause, und du kamst auch dieses Mal trotzdem.

All die Jahre hatte ich den Traum, am Heiligen Abend mit allem fertig zu sein. Aber dann blieben die Fenster doch wieder ungeputzt, die Briefe halb geschrieben, ich war nicht beim Friseur. Die Kekse habe ich auf die Schnelle in den Ofen geschoben und sie kamen irgendwie schiefer als im Kochbuch abgebildet wieder heraus. Die Gedichte blieben ungelesen, das Weihnachtsoratorium habe ich nur beim Abwaschen gehört. Du kamst trotzdem.

Das mag ich an dir. Du setzt meiner Welt deinen Glanz entgegen. Du gehst an Orte, an die ich mich nicht wage. Lass uns das feiern.

 

Deine Susanne

 

(Vorwort in: Das Weihnachtsschaf. 24 wunderbare Geschichten)

 

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Sa

10

Dez

2016

Verheißung

(ist in diesem Jahr unsere Weihnachtskarte)

 

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So

04

Dez

2016

Erfüllung

Was tust du?

Ich warte.

Der Verkehr tröpfelt. Es ist kalt.

Worauf?

Auf Weihnachten.

Das kommt von selbst.

Es ist Advent.

Was soll schon passieren?

Das weiß ich auch nicht. Vielleicht kommt Jesus vorbei.

Hier?

Wo denn sonst?

Woran würdest du ihn erkennen?

Das ist eine gute Frage. Er würde kein Namensschild tragen. Ich weiß nicht, wie er aussieht. Ich beobachte die Leute. Eine Frau trägt zwei Tüten mit dem Aufdruck einer Supermarktkette. Zwei Kinder schieben ihre Räder vorbei. Ein Briefträger macht seine Runde. Woran werde ich ihn erkennen?

Vielleicht erkennt er mich.

Woran?

Daran, dass ich warte.

Der Verkehr setzt einen Moment aus. Es ist still.

Was willst du von ihm?

Erfüllung.

Ach je. Kleiner geht’s nicht?

Ich schüttele den Kopf. Ich bin entschieden.

Vergeudest du nicht deine Zeit?

Ich denke an ungebackene Kekse. Ich könnte Mails beantworten, die möglicherweise warten, aber möglicherweise auch nicht. Ich könnte ein Weihnachtsmenü planen oder eine Wunschliste schreiben. In die Sauna gehen. Schuhe putzen, beim Zahnarzt anrufen wegen eines Prophylaxetermins. Es gibt eine Weihnachtsfeier mit Kollegen, auch einen Kunstmarkt. Ich denke an Reifenwechsel, die besten Hits der Achtziger und Neunziger, Pilatesstunden, Hundefutter, Hausaufgaben und dass die Kinder bald Zeugnisse bekommen. Ich denke an nichts.

Nein, sage ich schließlich.

Willst du ein halbes Marzipanbrot?

Ich nicke.

Wir kauen.

Nichts passiert.

Das heißt, es passiert eine Menge: Die Ampel wird rot und grün und wieder rot. Drei schwarze Autos fahren über die Kreuzung, ein Hund kläfft einen Radfahrer an, der schlingert, flucht und weiter fährt. Im Haus gegenüber wird ein Fenster geöffnet. Jemand fragt sein Telefon, ob er noch Brot mitbringen soll. Ich friere ein bisschen.

Reicht es nicht auch so?

Wofür?

Für’s Leben.

Ich überlege und schüttele den Kopf.

Wie fühlt sich Erfüllung an?

Satt sein ohne gegessen zu haben. Wach sein ohne geschlafen zu haben. Haut spüren, obwohl kein Wind geht. Glücklich sein, obwohl sich nichts verändert hat. Nicht weg wollen. Nichts brauchen, obwohl Manches fehlt.

Und wenn er nicht kommt?

Das Risiko muss ich eingehen.

 

in: Das Weihnachtsschaf. 24 wunderbare Geschichten

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Sa

26

Nov

2016

Advent!

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So

20

Nov

2016

Erinner' dich

Ich stelle mir das so vor: Als Gott fertig war mit der Welt, als alle Blumen, Goldkarpfen, Täler und Windmühlen an ihrem Platz waren, zog er sich ein bisschen zurück, damit der Mensch Raum zum Leben hatte. Gott wollte schließlich nicht aufdringlich sein. Er hatte alles schön gemacht zu seiner Zeit und die Uhr auf „ewig“ gestellt.

Dann kam der Mensch. Er ging hinaus in die Welt, genoss Butterblumen und Pingpongspiel, lobte das Blau des Himmels und die Erfindung der Liebe und gab sich allerlei Vergnügungen hin. Er baute Häuser, zündete Kaminfeuer an, komponierte Opern und strickte Pullover. Es gab so viele wunderbare Dinge zu tun, mehr als man in einem einzigen Leben je schaffen könnte. Gott freute sich darüber, zeigte es doch, dass er mit der Erschaffung der Welt genau richtig gelegen hatte. Irgendwann begann er sich allerdings zu fragen, ob er sie eventuell zu gut gemacht hatte. Der Mensch erinnerte sich nicht an ihn. Er war zu beschäftigt. Gott lag es fern, dem Menschen bösen Willen zu unterstellen. In gewisser Weise trug er ja selbst die Verantwortung dafür. Er hätte die Welt schließlich auch langweilig machen können. „Da müssen wir nachbessern“, murmelte Gott und stellte eine große Kiste auf die Erde.

„Was ist das?“, fragte der Mensch. „Weiß nicht“, antwortete ein anderer. Sie umrundeten die Kiste und fanden einen Aufkleber. „Da steht ‚heilig’ drauf.“ Neugierig schauten sie hinein. In der Kiste war etwas, das aussah wie Goldstaub. „Voll schön! Davon nehme ich was mit!“ Die beiden stopften sich die Taschen voll und alle anderen taten es ihnen nach. Dann liefen sie nach Hause, erfreut über ihren wertvollen Fund.

Aber ach! Als sie den Staub zuhause hervorholten wollten, reichte ein Hauch, und er verteilte sich in alle Himmelsrichtungen. Das Heilige verschwand. Niemand konnte es festhalten. Der Mensch war enttäuscht. Er murrte. Eine so schöne Sache, kaum hatte man sie, schon war sie wieder entfleucht? Das nahm der Mensch übel. Frustrationstoleranz war noch nie seine Stärke.

Doch schon bald entdeckte die erste ein Glänzen. Dann der zweite. Man brauchte nur aufmerksam zu schauen, dann war es da: Es lag in der Stunde des Schlafs. In einem Lied. Es fand sich in dem Moment des Wiedersehens. Es lag auf einem alten Bild. Auf dem Gesicht eines Krankenpflegers. Man konnte es entdecken in einem einzelnen Wort. In einer Erinnerung. Im Schweigen einer Landschaft. Beim Teilen von Brot. Manchmal war es da, wenn alles passte. Und manchmal, wenn man am wenigsten damit rechnete. Es erhellte die Sonne. Und es brachte ein Glimmen in die Dunkelheit. Jeder konnte es an einem anderen Ort finden, in einem anderen Moment, sogar in einer anderen Sache. Aber immer war es, als würde sich für eine Millisekunde der Himmel öffnen. Es hob den Mensch über den Alltag hinaus. Überall konnte es aufblitzen und überall konnte es erinnern: Hier ist Gott.

 

in Welt der Frau 11/16

 

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So

13

Nov

2016

Nachricht

Lieber Gott,

 

ich rette dich,

den Taschendieben schenke ich Schokolinsen,

den Hassprediger entwaffne ich mit einem Lächeln,

den Zynikern begegne ich mit Engelszungen,

ich lasse dich nicht

mit ihnen allein.

 

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So

06

Nov

2016

Umkehr

 

 

 

 

 

Am Dienstagnachmittag war Herr M. sich abhanden gekommen. Irgendwo zwischen Arztbesuch, Einkauf und Telefongespräch musste es geschehen sein, denn am Mittag

war er noch bei sich gewesen. Er erinnert sich ganz genau, wie er sein Butterbrot auspackte – Brie mit Birne – und mit Lust hinein gebissen hatte. Aber dann? Herr M. war ratlos.

Wo hatte er sich bloß verloren? Es nutzte nichts, so konnte der Tag nicht enden. Er würde noch einmal zurückgehen müssen, sich auf die Bank am Ententeich setzen und warten, bis der Tag ihn einholt.

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So

30

Okt

2016

Lieber Martin,

 

Angst vor der Hölle habe ich nicht. Da geht es mir anders als dir. Die Hölle ist aus der Mode gekommen. Feuerschlünde schrecken uns nicht, und der Teufel ist für die meisten nur noch eine Figur aus dem Märchen. Dass wir in der Hölle schmoren könnten, ist also eine Drohung, die uns kalt lässt. Angst haben wir trotzdem. Allerdings nicht vor dem Leben nach dem Tod. Wir bewegen uns gedanklich eher im Leben vor dem Tod. Du hast dich um das Jenseits gesorgt, wir sorgen uns um das Diesseits. Dass ein Gott gnädig auf uns herabsehen möge, das beschäftigt uns weniger. Aber gnädig angesehen werden, das wollen wir auch. Von Kollegen, von der Lehrerin, von Freunden und Bekannten, von unseren Facebookkontakten ebenso wie von den Leuten im Club oder den Zuhörern eines Vortrags. Wir wollen gemocht werden. Wir wollen dazugehören. Wir haben Angst rauszufallen aus der warmen Stube der Gemeinschaft, denn dann wären wir völlig allein. Und allein zu sein, das ist unsere größte Angst. In deiner Zeit war das ein seltener Zustand. Man hatte seine Familie oder man lebte im Kloster. Wer allein war, hatte entweder eine schlimme Krankheit oder das Pech, als Hexe gebrandmarkt oder in irgendeiner anderen Art ausgestoßen zu sein. Angst war zu deiner Zeit etwas sehr Existenzielles. Ich will nicht sagen, dass das heute nicht mehr so ist. Wir haben auch existenzielle Ängste, aber unsere Alltagsängste sind andere als deine. Es ist nicht die Hölle, die uns bedroht. Es ist die Leere. Ich sehe, wie du erstaunt guckst. Die Leere, könntest du sagen, was soll das denn heißen? Die Leere ist gefüllt durch Gottes Wort. Du setzt alles darauf: „Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen; auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort; das ist mein Trost und treuer Hort, des will ich allzeit harren.“ Ehrlich, das imponiert mir. Deine Sprache ist nicht meine Sprache, aber dass das Wort Kraft hat, das glaube ich auch. Kraft, die Welt zu verändern, meine Angst und mich. Ich kann der Leere Worte entgegen setzen, und deshalb habe ich einen großen Vorrat davon angelegt. Du kanntest wahrscheinlich Psalmen auswendig, Gebete, die zehn Gebote. Du wirst ein Ave Maria im Schlaf aufgesagt haben können. Die Bibel war deine Versicherung. Ich habe andere Worte, Lieblingslieder, Gedichte und, ja - auch ein paar Bibelverse. Ich habe eine Schatzkiste voll mächtiger Worte und wenn die Angst kommt, öffne ich sie. Dann flüstere ich ihr Worte ins Ohr, manchmal singe ich sie, manchmal schleudere ich sie ihr entgegen. Die Angst kann drohen, sie kann sich aufbäumen, sie kann sich wichtig machen, solange ich Worte habe, bin ich nicht verloren. Das ist etwas, das ich von dir gelernt habe. Dem Wort kann man trauen. Weil es der Anfang von allem ist. Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Wo Gott ist, nehme ich an, ist die Angst gut aufgehoben. Und ich bin es auch.

 

Deine Susanne

 

in: Reformation: Das Magazin 

 

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Sa

22

Okt

2016

Huch

Himmelwärts geschaut

Engel hat zurückgeschaut

Fühlten uns ertappt

 

 

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So

16

Okt

2016

Pssst.

Fünf Minuten hören. Wie ein Regentropfen am Fenster rinnt. Den Flügelschlag einer Meise. Den Wimpernschlag einer Frau. Das Flackern einer Flamme. Die Schritte einer Katze. Das Herzklopfen eines Verliebten. Nichtgesagte Worte. Das Gebet eines Zweiflers. Die verrinnende Zeit. Einen Einfall. Den Wind, den Himmel, das Ungeheure.

 

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So

09

Okt

2016

Siehst du

Du erforschst mich und kennst mich. 

 

Beim Frühstück gehst du kurz zu Facebook. Guckst, was sich getan hat über Nacht. Und es hat sich was getan. Merles Katze faucht in die Kamera. Jemand hat einen Artikel über veganes Essen geteilt. Zwei deiner Freunde dokumentieren, dass sie nach Mallorca aufbrechen beziehungsweise im Pendlerzug wie so oft keinen Platz ergattert haben. Jetzt bist du dran. Wenn du keiner dieser Voyeure sein willst, die nur gucken aber nichts posten, die nur von anderen wissen, aber selbst nichts preisgeben wollen, dann musst du jetzt auch was schreiben. Dein Müsli fotografieren, die Lage der Welt kommentieren oder dir irgendwas Witziges einfallen lassen. In welchem der sozialen Netzwerke du dich auch tummelst: Es geht darum, dich zu teilen. Dich mitzuteilen. Zeig dich.

Der erste Mensch wollte sich nicht zeigen. Er wollte sich verstecken. Das ist doch interessant. Wir rekapitulieren: Da war einer, der hieß Adam. Übersetzt bedeutet das Mensch. Seine Frau bietet ihm eine Frucht vom Baum der Erkenntnis an. Wie in jedem Märchen will man ihm aus der Ferne zurufen: Tu’s nicht, denn aus der Ferne weiß man es immer besser. Das wird nicht gut ausgehen. Aber natürlich greift er zu, und genau genommen kann man ihm das auch nicht verdenken, denn Erkenntnis – wer wollte die nicht?

Adam erkennt, dass er nackt ist. Klar, die Hose ist noch nicht erfunden, aber wahrscheinlich geht seine Erkenntnis darüber hinaus: Er realisiert, dass er schutzlos ist. Angreifbar. Dass er auf den wohlwollenden Blick anderer angewiesen ist. Der Mensch ist verletzbar. Das macht ihm Angst. Deshalb braucht er Anerkennung. Sein Leben lang. Anerkennung ist genauso ein Grundbedürfnis wie Essen, Trinken und Schlaf. Der Mensch braucht Likes. Schon bei einem freundlichen Blick schütten seine Nervenzellen Botenstoffe aus, körpereigene Opiate und das Kuschelhormon Oxytocin, das entspannt und zufrieden macht.

Du kommst aus einer Jesus-liebt-dich Gemeinde und du konntest noch nie etwas damit anfangen. Du warst gerade sechzehn und dir war das zu abstrakt. Wenn du geliebt werden wolltest, dann von Malte oder Peter oder wer eben gerade aktuell war, aber nicht von Jesus. Den kanntest du schließlich nicht mal, und er kannte dich nicht, auch, wenn die in der Gemeinde das natürlich bestritten hätten. Du brauchst gar nichts zu tun, sagten sie. Jesus findet dich toll, genau wie du bist. Das Problem war nur, du fandest dich nicht toll. Du hattest Pickel auf der Stirn und deine Körbchengröße lag außerhalb des Alphabets.

Mittlerweile sind ein paar Jahre vergangen, die Pickel haben sich verzogen und du bist bei Facebook. Es gibt jetzt einen Like-Button in deinem Leben. Den hättest du damals gut brauchen können. Du hast mittelviele Kontakte, von denen einige auch im echten Leben deine Freunde sind. Andere kennst du nicht persönlich. Manche nutzen als Profilbild nicht mal ein Porträt von sich, sondern haben eine Gänseblumenwiese oder ihren kleinen Zeh hochgeladen. Manchmal postest du etwas. Dann wartest du auf Likes. Das würdest du natürlich niemals zugeben. Du bist ein Kind der Siebziger, da hast du gelernt, dass Dabeisein alles ist, und dass ein Bild nicht gut zu sein braucht, Hauptsache man war kreativ. Das ist natürlich Quatsch. Du willst, dass die Leute dein Bild oder deinen Text mögen. Du willst, dass sie denken, wie witzig/klug/schön du bist. Hundert Likes geben dir ein größeres Hochgefühl als fünf. Deine Hormone führen einen Freudentanz auf. Interessant daran ist: Eigentlich ist es fast egal, wer da seine Begeisterung bekundet. Ob es eine von den „echten“ Freundinnen ist oder der Typ mit der Gänseblümchenwiese. Im Zweifel freust du dich also über die Zustimmung eines wildfremden, völlig abstrakten Users. Es ist dir egal, wer sich hinter dem Like verbirgt. Jesus war dir damals zu abstrakt. Komisch oder?

 

Den gesamten Artikel könnt Ihr in Reformation. Das Magazin zum Jubiläum lesen. Gibt es an vielen Kiosken und online. Ich habe darin ein paar weitere Artikel über Bibelschmugglerinnen, Apfelernter und Alltagsheldinnen geschrieben.

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So

02

Okt

2016

zu Erntedank

Als Gott die Welt erschuf, machte er als erstes die Großzügigkeit. Das hatte praktische Gründe. Er wollte aus dem Vollen schöpfen. Er legte fünf Erbsen in eine Schote, statt einer. Er hängte mehr Kirschen in den Baum als er je hätte essen können. Das Meer füllte er randvoll und mit Sternen warf er um sich. Dem Menschen gab er zehn Finger und der Fliege tausend Augen. Wenn schon, denn schon, dachte er und rief: „Weitermachen!“

 

aus: Damit wir klug werden

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So

25

Sep

2016

Plan B

Hoch lebe Plan B! Er führte viel zu lange ein Schattendasein. Plan B, das sind Patchworkfamilien. Camping an der Müritz statt Trecking in Mexiko. Balkon statt Garten, Ole statt Martin, Gummistiefel statt Flip-Flops. Schuldnerberater statt Wirtschaftsanwalt. Kaiserschmarrn statt Pfannekuchen.

Plan B ist die Antwort des Lebens, wenn das Leben nicht so spielt, wie ich es geplant hatte. Schokolade ist aus, nehmen Sie Maracuja. Muss nicht schlechter sein, ist nur anders.

Mir waren schon immer diese Coachs suspekt, die fragten, was ich in zehn Jahren machen will. Woher soll ich wissen, was das Leben so vorhat?

Die halbe Bibel ist ein Plan B. Ich weiß, der Satz ist gewagt. Aber: Denkt ans Paradies. Die Sache war schnell gescheitert, aber draußen kann man auch ganz gut leben. Denkt an die Sintflut. Die ganze Menschheit wollte Gott vernichten. Im zweiten Anlauf beschloss er: Doch keine so gute Idee. Und schließlich Jesus: Endete am Kreuz.

Manche sagen, Gott habe das alles genau so gewollt und geplant. Glaube ich nicht. Ich glaube, all diese Geschichten zeigen, dass Gott ein Meister des Plan Bs ist. Er kann aus dem größten Mist Gutes machen. Hoffnung siegt über Resignation. Mit Plan B kommt man durchs Leben. Weil es immer weiter geht. Weil es Verwandlung gibt.

Manche nennen das Auferstehung. 

 

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So

18

Sep

2016

Augenblicksbekenntnis

Ich bekenne mich

zu Federbetten, Anfängen und dem lieben Gott

die mich tragen

und auch taugen als Hintertüren

für den Fall der Fälle.

 

Ich bekenne mich

zu allem Wiederkehrenden

zu Weihnachten und Holunder

und der auflaufenden Flut.

 

Ich bekenne mich

keine Ahnung zu haben

ob das reicht für ein Leben

aber es könnte doch sein.

 

Zu allem

was sein könnte

bekenne ich mich auch.

 

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Sa

10

Sep

2016

Sonntag

Liebe Leser und Leserinnen, dankeschön für all die Genesungs- und anderen guten Wünsche. (Und wo ich schon mal dabei bin großen Dank an alle Krankenschwestern, Pfleger, Ärztinnen, Krankenhausköchinnen dieser Welt. Was für ein Glück, umsorgt zu werden!) 

Jetzt geht es weiter. Im Sommer habe ich Herrn W. getroffen. Er gefiel mir...

 

Morgens um sieben steht Gott in der Tür und fragt: „Was machen wir heute?“ Aber Herr W. winkt ab: „Ich bin so müde, mach nur allein.“ Gott sieht ein bisschen enttäuscht aus: „Jetzt habe ich draußen die ganze Welt aufgebaut, komm schon! Schlafen kannst du, wenn du tot bist!“ Doch da muss Herr W. widersprechen, was er nicht oft tut. „Aber Schlaf“, sagt er „Schlaf kennst du eben nicht, denn du schläfst und schlummerst nicht. Schlaf ist das zweitschönste Ding direkt nach der Liebe: es kommt noch vor Zartbitterschokolade essen oder Katzen kraulen; es ist ein wenig besser, als sich in ein Buch zu versenken und vielleicht sogar besser als in der Sonne zu liegen. Wobei das gut zusammenpasst – Sonne und Schlaf.“ Da knipst Gott die Sonne an und Herr W. rückt die Kissen zurecht und sie dösen vor sich hin und haben einen sehr vergnüglichen Vormittag miteinander.

 

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Mo

22

Aug

2016

Krank

... manchmal kommt es anders als man denkt und man stolpert über einen Stock, verschluckt sich an einem Kirschkern oder eine Thrombose streckt einen nieder.

Ich genese. Bis bald!

 

 

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So

14

Aug

2016

Was das Leben lebenswert macht

Der Moment vor dem ersten Stück Pfannkuchen. Warmer Wind. Etwas hinter sich gebracht zu haben. Ornamente malen, auch wenn man nicht telefoniert. Haarbänder. Ein Cocktail aus Nüchternheit und Spiritualität. Weißer Stoff auf brauner Haut. Sich nicht entschuldigen müssen. Pfefferminze. Sonderbare Namen erfinden. Sich gegenseitig etwas vorlesen. Struktur. Lachen über die Steckdosennasen kleiner Schweine. Geordnete Stifte. Arglos sein. Einen Baum nach der Möglichkeit, ihn zu erklettern betrachten. Sonntagnachmittagsdösigkeit.

 

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So

07

Aug

2016

10 Sachen, die man im August machen kann

 

Spontan beim Pippilottaprinzip mitfahren. Weil es für Schweden immer einen Grund gibt (Zimtschnecken. Goldseen. Abschalten. Blaubeeren. Spunks.)

 

 

 

 

 

Sternschnuppen gucken.
(Am besten in Schweden.)

 

 

 

 

Auf einen Baum klettern (Es gibt kein Verbot für alte Weiber auf Bäume zu klettern, sagt Astrid Lindgren. Für junge auch nicht.)

 

 

 

 

 

Ein Gedicht auswendig lernen, einfach, weil es so schön ist (zum Beispiel Walt Whitman)

 

 

 

 

 

 

Die „Große Freiheit“ lesen. Welcher Titel passt besser zum Sommer?

 

 

 

 

Postkarten schreiben. Weil dann mal was anderes als Pizzawerbung im Briefkasten liegt.

 

 

 

 

 

 

 

Am Lagerfeuer sitzen (Und endlich wieder „Lady in Black“ singen: e-moll und D-Dur)

 

 

 

Sachensucher sein. Weil von Zeit zu Zeit was Neues entdeckt werden will.

 

 

 

 

Pilgern. Irgendwo kommt immer ein Weg her. Buen Camino!

 

 

 

 

 

Sommersprossen zählen („Nein, ich leide nicht an Sommersprosen“, sagte Pippi. „Ich habe sie gern. Und wenn Sie vielleicht irgendwelches Zeug hereinbekommen sollten, von dem man noch mehr Sommersprossen kriegt, dann können Sie mir sieben bis acht Dosen zuschicken.“)

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Fr

15

Jul

2016

Pause

Ich geh' angeln. Am 7. August geht es hier weiter.

 

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Mo

11

Jul

2016

Sommer!

Im Sommer sollst du frei sein. Im Sommer sollst du tun, was du willst. Einfach weil Sommer ist. Im Herbst kannst du darüber nachdenken, dass du sterben musst. Im Herbst darfst du die Sinnfrage stellen, über verkorkste Kindertage nachdenken, um verflossene Jugendlieben trauern. Im Herbst darfst du rechtschaffen Trübsal blasen.

Aber im Sommer macht das Leben blau.

Der Sommer lädt ein zum Alltagsglück. Da ist er freigiebig, davon hat er im Überfluss. Im Sommer sollst du barfuß über Wiesen zu laufen, auch wenn du 75 bist. Im Sommer kannst du morgens die Erste im Freibad sein. Im Sommer sollst du Kirschen pflücken und wenn du ein Stadtkind bist, dann heißt es raus aus der Stadt, bis die Finger klebrig sind vom roten Saft. Versetz dich in den Kindheitsmodus. Lutsch Wassereis solange es geht. Im Sommer sollst du schwärmen und tagträumen, im Sommer darfst du hochstapeln und Luftschlösser bauen und alles für möglich halten. Im Sommer hat die Vernunft Urlaub.

Eine Woche Ferien sind genug? Niemals! Freiheit funktioniert nicht häppchenweise. Dein Schreibtisch braucht auch mal eine Pause, der Stuhl will sich erholen von deinem Hinterteil. Dein Anrufbeantworter arbeitet gut. Das Netz hält auch ohne dich. Und die Welt kann gar nichts anfangen mit so vielen Unentbehrlichen.

Der Sommer akzeptiert keine Ausreden. Er richtet sich nicht nach dir. Er ist nicht abrufbar. Der Sommer ist eine Erinnerung ans Paradies. Er kommt, wann er will. Sei bereit.

 

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Sa

02

Jul

2016

Übrigens

Beten ist wie Küssen. Ich küsse auch nicht, weil ich denke, dass es etwas bringt.

 

 

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So

26

Jun

2016

Knobeln im Juni

Als Miss Gott runterkommt, ist es acht Uhr vierzehn. Stadteinwärts staut sich der Verkehr. Die Wettervorhersage meldet Schauer. 117 Menschen in Miss Gotts Blickfeld sind auf dem Weg zur Arbeit, 85 gehen zur Schule, 13 haben keine genaueren Pläne, einer stirbt und zwei kommen zur Welt. Eine Taube fliegt tief.

Miss Gott ist voller Tatendrang. Geht's jetzt los, machen wir was?

Keine Reaktion. 217 ausdruckslose Augenpaare starren durch sie hindurch. Nur der Tote zeigt ein gewisses Interesse nicht ganz uneigennütziger Art: Wo denn jetzt das Paradies sei? 

Aber Miss Gott hat keine Lust, sich mit den Toten zu befassen, die können warten, die haben Zeit. Das Dumme ist nur, dass die Lebendigen nicht viel lebendiger wirken. Leute, was ist los? Miss Gott ist eine Freundin klarer Worte, schon immer gewesen. Sie rüttelt an einem Mädchen und einem pickeligen Bankangestellten. Hallo? Hört ihr mich? Keine Reaktion. Wenn Miss Gott es nicht besser wüsste, würde sie annehmen, es handele sich um Statisten. Was ist los mit euch?, fragt sie und als das nicht hilft, brüllt sie WAS IST LOS MIT EUCH? Ein paar Berge stürzen ein, die Hasen verkriechen sich in ihren Höhlen und die Meere bäumen sich auf vor Schreck. Nur die Menschen zeigen keinerlei Reaktion. 

Miss Gott schüttelt den Kopf über so viel Ignoranz. Was soll's?, denkt sie dann. Versuche ich es eben bei den Ameisen, vielleicht sind die aufgeschlossener. 

Wie das ausgeht, ist nicht überliefert, aber im Wald hört man manchmal, wenn man sehr leise ist, Musik, Gesang und das Klackern der Knobelbecher und Lachen dazu, sehr viel Lachen.

 

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Sa

18

Jun

2016

Was das Leben lebenswert macht

Sich schlaftrunken am Duft des Duschgels erfreuen. In Schreibschrift schreiben. Sprudelndes Wasser trinken. Eine Uhr, die nur in etwa die Zeit angibt. Zuversichtlich sein. Durch die Sonne blonder werdendes Haar. Die Erfindung von Skype. Jemanden singen hören. Früh morgens auf sein und sich als einzige wähnen. Das Fell einer Katze. Höflichkeit. Tee im Allgemeinen und Kluntjes und Sahne im Besonderen. Alte Räume betreten und sich vorstellen, dort gelebt zu haben. Keinen Fußball mögen müssen. Himbeeren im Wald finden, ohne nach ihnen gesucht zu haben. Von einer Reise zurückkehren und die Blumen leben noch. Keine Angst zu haben, dass jemand schießt. Freunde, mit denen es nichts ausmacht, ein halbes Jahr zu schweigen. Mittsommer. Im Feuer gegarte Kartoffeln mit Butter auslöffeln. Saubere Fingernägel. Nachlassender Regen.

 

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So

12

Jun

2016

Heute

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So

05

Jun

2016

Lustifikation

Ich mag Hängematten, weil man darin so wunderbar hängen kann. Neun Stunden Schlaf finde ich ein erstrebenswertes Ziel. Ich brauche auch nicht ständig eine Aufgabe.

Ich sage das lieber nicht ganz so laut, weil der gute Mensch von heute ein Mensch ist, der viel zu tun hat. Je unangenehmer die Pflicht und je größer die Qual an Schreibtisch, Laufband oder Yogamatte, desto mehr Bewunderung. Es ist ein bisschen wie im Mittelalter. Selbstkasteiung ist wieder modern.

Ich finde, da hilft nur Nachsitzen. In Lustifikation. Eine gute Lehrerin darin ist Pippi Langstrumpf. Sie hat sie schließlich auch erfunden. Ein paar Stunden Lustifikation am Tag sind wichtig. Weil die Lippen sonst schmal und die Wangen bleich werden, wenn man immer nur das tut, was getan werden muss. Dann braucht die Seele Vitamine, und zwar ganz dringend.

Ich stelle mir das so vor: Als Gott vor ein paar Fantastilliarden den Menschen gemacht hat, dachte er bei sich: Der soll nicht nur schreiben, rechnen, Grütze kochen, der soll sich auch vergnügen können. Und deshalb schuf er eine Menge Lustbarkeiten.

Aber dann passierte es: Der Teufel wollte auch ein Wörtchen mitreden, weil er seine Felle schon davonschwimmen sah. Glückliche Menschen sind nämlich nicht besonders empfänglich für Versprechen und Verlockungen. Sie haben ja, was sie brauchen. Da erfand er das schlechte Gewissen. Damit hat er dich in seinen Fängen.

Und deshalb ist es wichtig, dass man sie übt, die Lustifikation. Zum Beispiel heute.

 

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So

22

Mai

2016

Selbstprüfung

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So

15

Mai

2016

Pfingsten

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Mo

09

Mai

2016

Hier

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So

01

Mai

2016

Anfangen

Ich stelle mir das so vor, dass Gott selbst keine Ahnung

hatte, wie man eine Welt erschafft. Er hatte das ja auch noch

nie gemacht. Also fing er einfach an, und schließlich kam

doch etwas ganz Interessantes und gar nicht so Schlechtes

dabei heraus. Und er hatte keinen Kurs besucht und konnte

kein Zertifikat vorweisen – jedenfalls soviel man weiß.

Deshalb finde ich, jeder kann etwas versuchen, ein Bild

malen oder einen Gugelhupf backen oder eiskunstlaufen

oder eine Tabellenkalkulation und wenn es nicht gleich

gelingt, na, dann versucht man es noch einmal, weil wir

eben nicht Gott sind, aber vielleicht immerhin seine

Schüler. Irgendwann gelingt etwas, und alles was man dazu

braucht, ist ein bisschen Mut.

 

 

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So

24

Apr

2016

Sonntags Gottesdienst

Auf einem Bettlaken steht Seelenfutter: Eat, pray, love. Ich sehe Bauwagen in allen nur erdenklichen Farben. Rot mit gelben Fensterläden, gelb mit türkisen Rädern und einen Wagen, der ist grün-weiß gepunktet. Das Ganze sieht aus wie Legoland in groß, nur, dass hier und da der Lack abgeblättert ist. Ich habe mich schon oft gefragt, warum Menschen ihre Häuser grau streichen. Oder beige. Oder garnichtfarben. Ist graue Farbe billiger als bunte? Oder ist das ein Statement: Bitte beachten Sie mich nicht, ich tue nichts zur Sache. Ich bin ein durchschnittlicher Bürger und stehe für nichts. Oder haben die Bewohner Angst, man könnte sie in einem gelben Haus für kindisch halten? 

Eine Frau steht vor mir. Ich glaube, sie hat was gesagt.

„Hallo, herzlich willkommen!“, setzt sie nochmal an, dann führt sie mich zu einer Wiese, die mit Kissen und Decken übersät ist. Ein riesiger Flickenteppich, auf dem bereits siebzig oder achtzig Leute Platz genommen haben. Ich setze mich dazu und fühle mich ein bisschen verloren, weil ich keinen kenne. Da geht die Musik los. Sie überfällt mich aus heiterem Himmel. Alle Härchen an meinem Körper stehen Kopf. Trommeln, Trompeten, Gitarren, Akkordeon, es klingt, wie ein riesiges Balkanorchester. Ein paar Leute fangen an zu singen, andere stimmen ein, es werden immer mehr, sie wiederholen nur eine einzige Zeile, und nach und nach verstehe ich, was sie singen: What if God was one of us, just a slob like one of us, try to make his way home. Immer lauter wird der Gesang, immer schneller die Musik. What if God was one of us, wieder und wieder. Nicht möglich, sich dem zu entziehen, lauthals singe ich mit. Ich bin glücklich.

Die Musik bricht ab. Die Stille ist ohrenbetäubend.

„Glücklich“, beginnt Jesus, „sich von dem Leben lösen zu können, das man geplant hat, damit man das Leben findet, das auf einen wartet. Meistens stellen wir uns doch vor, dass wir hier sind und Gott ist ganz weit weg. Es ist aber genau umgekehrt: Gott ist hier und wir sind ganz weit weg. Gott wartet.“ „Wo?“, ruft eine andere. „In deinem eigenen Herz. Wer zu sich kommt, kommt an Gott nicht vorbei. Und umgekehrt auch nicht.“ „Das ist doch nur seichtes Gequatsche! Wir müssen die Welt verändern. Es läuft so viel falsch, den massenhaft gequälten Tieren oder einem gefolterten Oppositionellen wird es kaum helfen, wenn du auf dein Herz hörst. Wir müssen handeln, nicht fühlen!“

Jesus grinst ein bisschen, fast könnte man meinen, es läge Spott darin. Aber seine Augen lächeln mit. „Hast du je davon gehört“, fragt er, „dass es etwas nützt, wenn man über einen kaputten Motor eine neue Karosserie baut? Das Auto wird trotzdem nicht wieder fahren. Oder nützt es etwa, ein Update auf ein völlig veraltetes Betriebssystem zu spielen? Wir müssen von vorn anfangen. Und welcher Anfang liegt näher als du selbst?“

 

aus: Große Freiheit. Die Geschichte des Wasserwandlers

 

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Sa

16

Apr

2016

Alleskönner

Ole ist mein allerkleinster Freund. Er ist vier. Ich bin über vierzig. Wir verstehen uns blendend. Gestern fragte Ole: „Gibt es Alleskönner?“ Ich überlegte, und mir fiel beim besten Willen niemand ein. Nicht mal Großmütter sind Alleskönner, obwohl sie nah dran sind. Also sagte ich: „Vielleicht Gott.“ Ich sah, wie es in Oles Kopf ratterte. Er dachte nach. Ich auch. Wenn Gott alles kann, könnte er Kriege beenden, Brötchen an Bettler verteilen, den Nordpol um ein paar Grad herunterkühlen und den Mördern die Gewehre wegnehmen. Tut er aber nicht. Manche sagen: Er könnte schon, er will nur nicht. Das wiederum will ich mir gar nicht vorstellen. So ein Gott wäre ziemlich kaltherzig. Bleibt nur die Möglichkeit, dass er doch kein Alleskönner ist.

Es gibt Menschen, die tun so, als könnten sie alles. Sie haben immer einen Schraubendreher, fünf Pflaster, ein Apfelkuchenrezept und eine passende Antwort in der Tasche. Sie stellen keine Fragen, weil sie ja schon alles wissen. Sie sind mir unsympathisch. Wenn einer alles kann, braucht er keine anderen mehr. Eine Welt voller Alleskönner wäre eine Welt voller Einzelgänger. Vielleicht dachte Gott: Alles Können ist auf acht Milliarden Menschen besser verteilt, als auf einen einzigen Gott. Ole kann gute Fragen stellen. Und aus Sand Kuchen backen. Ich kann Mut machen und Brötchen schmieren. Wir sind zwei. Das ist doch schon mal ein Anfang.

 

Könnt Ihr auch hören: NDR 2 Moment Mal

 

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So

10

Apr

2016

Tatort

Als Gott den Sonntag geschaffen hatte, machte er auch den Tatort. Dazwischen lagen ein paar Millionen Jahre. Das kam so: Gott schaute irgendwann im 20. Jahrhundert auf die Erde und sah lauter Einzelwesen. Sie hatten eine Menge zu entscheiden: in welchem Stadtteil sie wohnen, welche Yogarichtung sie praktizieren, ob ihr Essen vegan, vegetarisch oder paleo sein soll und worin der Sinn des Lebens besteht. Jeder wollte individuell sein, wogegen grundsätzlich nichts zu sagen ist, aber Gott in seiner großen Weisheit spürte ihre Sehnsucht nach Gemeinschaft. Das Gefühl, einfach so dazuzugehören. Ohne Eintritt. Ohne Aufnahmeprüfung. Ohne etwas leisten zu müssen. Ohne darüber zu diskutieren, ob man nicht doch etwas anderes machen könnte. Einmal in der Woche wollten sie das Gefühl haben, am richtigen Platz zu sein, weil der Nachbar und die Kitaleiterin und Oma genau dasselbe tun. Einmal in der Woche wollten sie Teil eines kollektiven Rituals zu sein. „Sie könnten in die Kirche gehen“, schlug einer der Engel vor und es klang irgendwie vorwurfsvoll. „Sonntags, immer um zehn.“ Gott nickte. Aber er war trotz allem auch Pragmatiker. „Viele trauen dem nicht. Sie fühlen sich dort nicht zu Hause. Deshalb haben sie sich den Tatort gesucht.“ „Einen Krimi?“ „Das spielt keine Rolle. Sie haben das Gefühl, wenigstens einmal in der Woche am richtigen Platz zu sein. Das gefällt mir.“ Der Engel schüttelte den Kopf. Dass der Allmächtige immer so unkonventionelle Wege gehen musste. Wo würde das noch hinführen?

 

Kann man auch hören: NDR 2 Moment mal

 

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Sa

26

Mär

2016

Lebt gut, lacht gut!

 

 

 

 

Hier geht's weiter am 10. April.

 

 

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So

20

Mär

2016

Palmsonntag

Jesus war ein Narr. Er hätte es zu etwas bringen können. Er hätte Karriere machen können. Als Gelehrter. Als Politiker. Vielleicht auch als Therapeut.

Netzwerkend mit den Einflussreichen. Willkommen in den Häusern der Angesehenen. Stattdessen brüskierte er sie alle. Ließ keine Fünfe gerade sein. War anstrengend. Im Zorn warf er ihre Tresen um und ihre Gewohnheiten. Zugleich zeigte er seine Schwächen. Für schöne Frauen und gutes Essen und unglückliche Menschen. Er weinte schon mal in der Öffentlichkeit. Er hielt seinen Spiegel vor ihre Gesichter, so nah, wie sich niemand vor Augen haben wollte. Er störte die Ordnung, die Gewissheit, die Sicherheit. Nicht genug, dass er Kranke heilte. Er zeigte ihnen ihre Stärke. Seine Wunder beschränkte er nicht auf das Notwendige. Er sorgte für guten Wein und Fische im Netz, mehr als man essen könnte. Er spazierte übers Wasser und zeigte einem Freund, wie das geht. Geld interessierte ihn nicht, er rechnete mit Gott. Ärgerlicherweise schien er dennoch kein Moralapostel zu sein. Er wusste zu feiern und zu genießen. Das Himmelreich habe längst begonnen, sagte er. Nämlich hier. Das ist mehr als Mut, das ist Übermut, und der ist unberechenbar. Er hält uns zum Narren. Er stellt uns ein Bein, während wir Karrieren machen, Kompromisse erfinden, der Ordnung dienen oder der Gewöhnung. Er nimmt unsere Eintönigkeit und macht ein Lied draus, und das Lied singt von Freiheit. Wo kommen wir da hin?

 

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So

13

Mär

2016

Kiwitorte und die Wahl

Es ist Sonntagnachmittag. Ich habe diesen Geruch von Bohnenkaffee und Kiwitorte in der Nase, wie es ihn nur bei meinen Großeltern gab. Er wehte mir schon im Treppenhaus entgegen, bevor ich auf dem grünen Sofa Platz nahm.

An solchen Nachmittagen haben wir viel über den Krieg geredet, die Nazizeit. Mein Opa hat sich im Nachhinein immer wieder gefragt, wie es nur so weit kommen konnte. Kopfschüttelnd sehe ich ihn vor mir sitzen, die Stirn zerfurcht.

Ich frage mich, was er heute sagen würde, wenn er wüsste, dass eine Partei zur Wahl steht, die in die Freiheit von Kunst und Presse eingreifen möchte. Die Homosexuelle zählen lassen und Kinder mit Behinderungen von anderen trennen will. Die Schusswaffen gegen Flüchtlinge einsetzen und die „Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern prügeln“ will. Ich frage mich, was er sagen würde, wenn er hörte, dass jeder zehnte Deutsche diese Partei wählen würde.

Ihm bliebe die Torte im Hals stecken. Mir auch.

Ist das wirklich das Deutschland, in dem Ihr leben wollt?

 

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So

06

Mär

2016

Geglückter Tag

An einem geglückten Tag geht die Sonne auf und ich bin dabei.

Auf der Tastatur des Computers wächst Moos. Moos auch auf der Uhr in der Küche und auf dem Display meines Handys. Vögel haben das Kommando der Geräusche übernommen. Die Luft lädt zum Schwimmen ein, sie trägt, wenn ich mich fallen lasse. Ich dümpele dahin, meine Gedanken springen ins kalte Wasser, manchmal fische ich einen heraus und hänge ihn zum Trocknen. Jemand serviert Tee. Die Zeit hat sich längst davon gemacht. Am Abend treffe ich den Schlaf, wir betten uns in Daunen, danken dem Gras, der Gans und dem Glück und holen uns einen Traum vom Himmel.

 

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So

28

Feb

2016

Bringt das was?

Ich war mal in einer römischen Stadt. Den Namen habe ich vergessen. Es lagen viele Steine herum. Man bekam Kopfhörer, in denen eine Stimme erzählte, wie es hier früher aussah, als die Steine noch Häuser waren und in den Häusern Menschen lebten. Der Römer, erfuhr ich, der reiche zumindest, verbrachte viel Zeit im Bad und beim Spiel. Arbeit war eher verpönt, dafür gab es Sklaven. Ich bin nicht für Sklaven. Und ich finde, seinen Abwasch hinzukriegen, gehört irgendwie zum Leben dazu. Aber wenn ich wählen kann, wähle ich ganz klar das Spiel und meinetwegen auch die Badeanstalt.

Ich glaube nicht, dass der Römer gefragt hat, was das bringt. Als ob das ganze Leben etwas bringen müsste. Als ob man andauernd sammeln müsste, Fähigkeiten, Kenntnisse, Erfahrungen, Habseligkeiten. Manchmal ist das sinnvoll, aber alles in allem, würde ich sagen, braucht eine Beschäftigung gar nichts zu bringen.

Ich lese weil ich lese weil ich lese. Füge jedes andere Wort ein: spiele, faulenze, sitze, träume, laufe, bade, pule Erbsen, denke, disputiere, erfinde, bin.

Ich bin weil ich bin weil ich bin. Ich muss nichts bringen.

Wem auch?

 

aus: 7 Tage Leichtsinn. Das kreative Mitmachheft

 

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So

21

Feb

2016

Einfach

Flüchtlinge essen Schwäne. Flüchtlinge entführen Schulkinder. Flüchtlinge erhalten Bordellgutscheine. Das glauben Sie nicht? Es stimmt auch nicht. Aber solche und ähnliche Behauptungen kursieren im Moment im Internet und verbreiten sich schneller als man denken kann. Deshalb gibt es seit letzter Woche eine Gerüchtekarte. Unter www.hoaxmap.org werden auf einer interaktiven Karte Falschmeldungen gesammelt. Dort kann man nachgucken, was dran ist an Meucheleien und Co.

Ich finde das gut. Denn ein Gerücht, das einmal in der Welt ist, wird man so schnell nicht wieder los. Da kann man noch so laut rufen: Ich war’s nicht!

200 Einträge gibt es mittlerweile, von Panzerfäusten über Friedhofsschändungen bis zu Vergewaltigungen ist alles dabei. Und alles ist falsch. Nur was einwandfrei widerlegt ist, wird in die Hoaxmap aufgenommen. Es geht darum Wahrheit und Unwahrheit zu unterscheiden. Man kann es auf den einfachen Satz bringen: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Das steht in den 10 Geboten und die gehören zu den christlichen Werten, die wir hochhalten. Sag nichts Unwahres über deine Mitmenschen. Nun ist genau das ja meistens das Vertrackte an Gerüchten, dass man eben nicht weiß, ob sie wahr sind.

Der Philosoph Sokrates hat mal vorgeschlagen: Lass jede Geschichte, die du erzählst, drei Siebe durchlaufen. Erstens: Ist das, was du erzählst, wahr? Zweitens, erzählst du etwas Gutes? Und: Ist, was du erzählst, förderlich?

Wenn nicht wenigstens eins davon der Fall ist, gilt: Einfach mal die Klappe halten. 

 

Kann man auch hören: NDR2 Moment mal

 

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So

14

Feb

2016

Valentin

Tulpen in Briefkastenschlitze stecken. Für die Kassiererin Erdbeerkuchen backen. Lächeln. Smarties-Smileys legen. Küssen. Dem Neid Lebewohl sagen. Münzen und Milka in Hüte werfen. Sich trauen. Ringelblumensamen verstreuen. Botschaften hinter Scheibenwischer klemmen. Für jemanden Kerzen anzünden. Nicken. Die Dusche putzen. Kleeblätter verschicken. In die Bresche springen. Gott sehen. Von der Autobahnbrücke winken. Tauben mögen. Den eigenen Regenschirm verschenken (wenn es regnet). Wunscherfüller sein. Kreideblumen an Hauswände malen. Irgendwas tun. Glücken.

 

                                                                                        aus: Alle Tage Mut

 

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So

07

Feb

2016

Wäre ein Wunder

Ein Wunder wäre,

wenn all die Pegidaleute nach Hause gingen 

und sagten: "Sieh an, wir haben uns geirrt."

Ein Wunder wäre,

wenn die Männer aus der Silvesternacht

erwachten und fragten: "Was haben wir getan?"

Ein Wunder wäre, wenn die Krieger ihre Waffe zur Seite legten

und schauderten: "Mein Gott, wir könnten wen verletzen."

Ein Wunder wäre, wenn alle unvermittelt ins Freie träten

und in die Sonne blinzelten, ungläubig ob der Stille,

und fragten, ob jemand Kaffee möchte,

ganz gleich wer, auch Zitronenlimonade sei zu haben.

 

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So

31

Jan

2016

Gutmensch

Herr M. ist jetzt auch bei Facebook. Er sieht die Katzenbilder seiner Freunde und Urlaubsschnappschüsse von den Seychellen. Herr M. mag das. Manchmal allerdings liest er Sachen, die er lieber nicht gelesen hätte. Letztens zum Beispiel schrieb eine Elsa in einem Kommentar: „Wie ich sie alle hasse, dieses Gutmenschenpack!“ Abgesehen davon, dass Herr M. den Satz grammatikalisch fragwürdig findet, schämt er sich ein bisschen. Als habe er in einen Teil von Elsas Seele gesehen, den sie besser nicht gezeigt hätte. Hass macht die Welt nicht besser. Herr M. kennt Elsa nicht, aber auf ihrem Profilbild sieht sie eigentlich ganz freundlich aus. Was verleitet sie wohl dazu, gerade die Guten zu hassen? Vielleicht machen sie Elsa Angst.

Herr M. hasst Ungerechtigkeit, fehlenden Respekt, Intoleranz. Er mag keine Häme. Man kann fiese Verbrechen hassen – und sollte es sogar, findet Herr M.

Herr M. ist Christ, jedenfalls theoretisch, und als solcher hat er mal gelernt, dass man eine Tat hassen darf, jedoch nicht den Täter. Wahrscheinlich gibt es Ausnahmen. Aber für den Alltagsgebrauch ist das eine gute Regel. Weil es Herrn M. insgesamt hilfreicher zu sein scheint, böse Taten zu bekämpfen, als Menschen.

Warum man jedoch Gutmenschen bekämpfen sollte, das versteht Herr M. überhaupt nicht. Wer soll denn dann noch übrig bleiben? Die Schlechtmenschen? Herr M. schaudert bei dem Gedanken an eine solche Welt. Zum Glück erinnert er sich an einen anderen Kommentar: „Tut Gutes denen, die euch hassen.“ Er beschließt, bei Elsa anzufangen.

 

kann man auch hören: NDR 2 Moment Mal

 

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Sa

23

Jan

2016

noch zu klären

Wie schmeckt der Frühling? Können Spinnen rückwärts gehen? Hat Gott auch den Tod erschaffen? Was passiert, wenn man einen Tag lang nur „Ja“ sagt? Kann man besser ohne Liebe oder ohne Sicherheit leben? Wie fühlt sich Wollgras an? Ist die Kirche Gottes Sonntagsausflug? Kann man sich selbst entschuldigen? Woran merkt man, dass etwas fehlt? Wer trägt den Himmel? Ist die Angst selber ängstlich? Träumen Quallen? Trägt der Wind die Vögel oder machen viele Vögel Wind? Fühlt sich ein blauer Schal am Hals anders an als ein roter?    

 

aus: Wandeln. Mein Fasten-Wegweiser

 

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Fr

08

Jan

2016

Winterpause

Ich bin bis zum 18. Januar im Schnee.

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So

03

Jan

2016

Alles neu

Das Jahr ist jung. Ich war auch mal jung. Ganz genau erinnere ich mich nicht mehr, aber ich nehme an, ich habe geschrien, wenn ich wütend war, gelacht, wenn sich ein freundlicher Mensch über mich beugte und dass ich inkontinent war, machte mir nichts aus. Meine Neugier war groß. Hielt man mir etwas hin, untersuchte ich es genau. Ich hielt es für selbstverständlich, dass eine Kastanie, ein Löffel oder eine Klorolle gleichermaßen ein Geheimnis bereit halten konnten. Zwischen Polizisten, Prostituierten und Pastoren machte ich keinen Unterschied. Wer lächelte, war gut.

Dann kamen Zwischenprüfungen, verdorbene Fischgerichte, Menschen, die einfach auf Nimmerwiedersehen verschwanden und ich wurde vorsichtiger. Ich glaube, so geht es vielen. Anfänge sind oft voller Zuversicht. Dann beginnt man zu verlernen: zu vertrauen, dass man aufgefangen wird, wenn man springt. Einen Stift anzusetzen, eine Blume, ein Haus, einen Löwen zu malen ohne zu denken: das kann ich nicht. Etwas tun ohne vorher zu fragen, ob es sich lohnt. Sein ohne übertriebene Scham. Es nicht peinlich finden, zu weinen. Einen so selbstbewusst eigenen Stil zu haben, der es erlaubt, eine lila Hose mit einem roten Pullover zu kombinieren.

Gott kam als Kinderseele zur Welt. Das ist merkwürdig. Er hätte diesen Schritt doch genauso gut überspringen können. Ein Gott, der in die Hose macht, kann schnell ein Autoritätsproblem kriegen. Trotzdem hat er sich in eine Krippe gelegt und sich den anderen überlassen. Die ihn wickeln, stillen, füttern. Die ihm zeigen, wie man geht, die ihn an sich drücken. Die ihn schützen vor dem Bösen, vor den Häschern und vor zu steilen Treppen.

Den Himmel, sagte er später, gibt es nur, wenn wir wieder wie Kinder werden. Wenn wir es wagen, klein zu sein, damit wir hineinkriechen können wie in eine Höhle. Weil der Himmel keine Gernegroße braucht und keine Alles-Berechner. Die Erde auch nicht.

Vielleicht wollte er es allen zeigen. Vielleicht wollte er vormachen, wie das geht: Mach dich verletzbar. Nur so bist da echt. Hab Vertrauen. Lass dich tragen. Rechne nicht. Greif zu, wenn sich dir etwas bietet (und lerne, dass du nicht alles haben kannst). Bleib neugierig. Verwirf das Einfache nicht, vielleicht birgt es einen Schatz. Schäm dich nicht für dein Dasein. Lache, wenn du lachen willst und weine, wenn du traurig bist. Vergiss die Wut nicht, sie gehört zu dir. Schlaf ist kein Zeichen von Faulheit. Miss dein Gegenüber nicht an seiner Kleidung (außer, sie glitzert sehr. Da kann man schon mal schwach werden.). Erlaube dir, keinen Brokkoli zu mögen. Fürchte das Scheitern nicht. Male, tanze, singe, wenn du willst. Frag, was du wissen willst. Wer nicht fragt, bleibt dumm. Spar dabei den Tod, das Ende der Welt (oder ihren Anfang), Wunder und andere Alltäglichkeiten nicht aus. Nimm deinen Körper für selbstverständlich. Es gibt dich nicht ohne ihn. Halte vieles für möglich.

 

erschienen in Welt der Frau

 

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So

20

Dez

2015

Heilige Familie

Ich komme aus einer mittelheilen Familie. Geschlagen hat mich niemand und Lametta hing auch immer am Baum. Nur dass es als Scheidungskind immer zwei Bäume gab und spätestens am zweiten Weihnachtstag hatte der Stress Spuren hinterlassen, die auch Marzipankartoffeln nur notdürftig kitten konnten. Aber jetzt mal im Ernst: Gibt es das nicht in fast jeder Familie? Es ist eben nicht alles heil. Und Weihnachten erzählt auch überhaupt nicht davon. Im Gegenteil:

Eine Frau und ein Mann, unverheiratet. Sie ist schwanger. Von wem, das weiß man nicht so genau. Obdachlos irren sie durch die Straßen, auf der Suche nach einem warmen Platz. Schließlich kommt das Kind draußen zur Welt, vor den Türen der geordneten Verhältnisse. Von Kerzenschein wird nicht bereichtet. Schon bald muss die Familie fliehen, politisch verfolgt und ohne Sicherheiten. Mit zwölf läuft dann der Junge zum ersten Mal weg, als pubertärer Revoluzzer herrscht er seine Mutter an: „Was habe ich mit dir zu schaffen?“ Heil klingt das nicht. Trotzdem ist das die heilige Familie.

Wenn Gott an bürgerlichen Verhältnissen in heimeligen Häusern gelegen gewesen wäre, hätte er das anders einfädeln können. Hat er aber nicht. Heilig heißt eben nicht heil. Heilig heißt: Jemand gehört zu Gott. Und Gott scheint nicht danach auszuwählen, ob einer eine vorbildliche Familie, eine weiße Weste oder einen erfolgreichen Lebenswandel vorweisen kann.

Trotzdem will ich nicht aufhören zu träumen. Meinetwegen dürfen Engelskinder und Samtschleifen weiter auf der Mattscheibe flimmern. Drei Nüsse für Aschenbrödel sehe ich auch dieses Jahr. Das sind Märchen und Märchen erzählen von der Sehnsucht, dass am Ende alles gut wird. Dass im großen Festsaal die Lichter angezündet werden und jeder darf hinein. Ich auch. Noch sind wir nicht soweit. Noch müssen wir uns mit Lametta begnügen, noch vergolden wir unsere Realität damit, die nun mal auch Weihnachten nicht aufhört. Aber das ist gut so – denn jeder Streifen Lametta erzählt davon, dass der Traum von einem Zuhause, das beschützt, das birgt und das verzaubert lebt.

Und deshalb öffnet eure Türen. Ladet die Leute von der Straße ein (auch so eine Geschichte aus der Bibel), zumindest aber Tante Agathe, die manchmal wunderlich ist, und trotzdem gern dabei wäre, wenn die anderen feiern. Ich stelle mir vor: Ein großer Tisch und Platz für jeden. Keiner soll draußen bleiben, weil die Gans nicht reicht. Oma ist da und die Nachbarin aus dem vierten Stock auch, weil sie kaum satt wird von ihrer schmalen Rente. Aber ihre Wangen beginnen zu glühen, wenn sie eines der alten Weihnachtslieder anstimmt. Die frisch getrennte Freundin, die zugezogene Arbeitskollegin. Wahlverwandtschaften in dieser Nacht. Eine Nacht, die von Famile erzählt, die nicht ausgrenzt. Damals waren Hirten zu Gast. Unbekannte, die kein festes Dach über dem Kopf hatten, Randfiguren der Gesellschaft. Auch ausländischen Wahrsagern wurde die Tür geöffnet. Offenbar konnte jeder kommen. Ein Kind wurde geboren, und dieses Kind gehörte allen.

Familie ist kein Heileweltwettkampf. Auch nicht an Weihnachten. Wir müssen nicht so tun, als ob wir uns alle lieb hätten. Familie ist Gemeinschaft. Und Gemeinschaft ist nichts Starres. Die Welt ist weit, und wenn sie in dieser Nacht noch ein Stück weiter wird, dann ist wirklich Weihnachten. Die Heilige Familie? Das sind doch wir alle.

 

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So

13

Dez

2015

...

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Sa

05

Dez

2015

Als Gott eine Frau fand

 

„Ich brauche eine Frau“, sagte Gott der Herr und alle Engel erschraken. Damit hatte niemand gerechnet.

„Aber“, hob der erste aller Engel an, „du bist Gott. Du hast für dich keine Frau vorgesehen.“

Gott blitzte ihn ärgerlich an. Wenn ihm etwas missfiel, dann waren es besserwisserische Himmelsbewohner. „Ich habe beschlossen, auf die Erde zu gehen.“

Einen Moment lang herrschte Totenstille (wenn man denn von Totenstille im Himmel sprechen kann). Dann begannen alle gleichzeitig zu reden: „Aber Herr, warum nur?“ „Das gab es noch nie!“ „Hier oben ist es doch so schön!“ „Die Menschen sind roh!“ „Unberechenbar!“ „Hier sind wir in Sicherheit!“ Doch der Herrscher aller Heerscharen ließ sich nicht beirren: „Ich will meinen Geschöpfen nah sein. Ich will fühlen, was sie fühlen. Ich will lieben, wie sie lieben. Ich will sterben, wie sie sterben.“

Voller Entsetzen sogen die Engel die Luft ein. Was der Herr immer mit seinen Geschöpfen hatte. Das war ihnen schon lange ein Dorn im Auge. Sie hatten es doch gut miteinander. Außerdem war es absolut unüblich, dass ein Gott sich unter das Volk mischt. Für Gott gab es den Himmel und für die Menschen die Erde. Das hatte Jahrtausende gut funktioniert. Warum alles durcheinanderbringen?

Aber Gott blieb stur. „Gabriel“, rief er, „such mir eine Frau!“ Gabriel trollte sich grummelnd. Dass der Allmächtige immer so dickköpfig sein musste ... Aber natürlich tat er dennoch wie geheißen und brachte ihm drei geeignete Kandidatinnen.

„Diese“, begann er und zeigte auf eine zierliche Blonde, „ist eine Heilige. Männer interessieren sie nicht. Sie trinkt nicht, flucht nicht und liest erbauliche Gedichte.“ „Langweilig!“, stöhnte Gott.

„Also gut, dann diese“, beeilte sich Gabriel fortzufahren und lenkte Gottes Blick zu einer ernsten Hochgewachsenen. „Sehr intelligent. Sie hat promoviert in Psychologie, Astrophysik und vergleichender Religionswissenschaft. In den aktuellen theologischen Diskussionen kennt sie sich hervorragend aus. Abends besucht sie gelegentlich philosophische Salons.“ „Anstrengend“, winkte Gott der Herr ab. „Hast du nicht jemand weniger Weltfremdes?“

„Wie wäre es mit dieser?“, fragte Gabriel und zeigte auf eine milde Mütterliche. „Sie ist eine wahre Madonna. Opfert sich für andere auf, pflegt Kranke, hat immer ein Ohr für Betrübte und erhebt keinen Anspruch auf ein Privatleben. Man nennt sie auch den Engel des Viertels.“ „Engel habe ich hier schon genug“, brummte Gott der Herr. „Ich will eine normale Frau. Verstehst du? Eine, die wie alle ist. Die da! Was ist mit der?“

„Die? Also, mit der ist nichts. Sie heißt Maria. Nicht mal Marie-Louise oder Nele-Marie. Sie ist mittelmäßig. Durch und durch mittelmäßig. Ihre Haare sind mausbraun. Weder glänzen sie wie Kastanien noch erinnern sie an Schokolade. Wenn sie versucht, Locken hineinzudrehen, hängen sie nach einer halben Stunde wie Linguini auf ihren Schultern. Sie färbt sie nicht mal!“ Der Engel schnaubte. „In der Schule war sie mittelgut. Soweit ich weiß, liest sie ganz gern, aber sie spielt kein Klavier und auch kein Cello. Wenn sie wenigstens singen könnte! Stattdessen schaut sie diese schrecklichen Castingshows und träumt davon, auch einmal entdeckt zu werden. Worin, das weiß sie selber nicht. Sie strengt sich nicht an, hat noch nicht mal Auslandserfahrung. Auch kein Ehrenamt, gar nichts! Ihr größter Traum ist es, auf einem Esel zu reiten. Weil sie eine Reportage über Wanderurlaub in den Cevennen gesehen hat und die Esel so niedlich fand. Dabei könnte sie nicht mal sagen, wo die Cevennen liegen! Und sie hat einen Freund. Du wirst dir ja wohl keine Frau aussuchen, die bereits vergeben ist? Das hast du doch nicht nötig!“ Plötzlich hatte Gabriel eine Idee: „Warum erschaffst du dir nicht eine nach deinem Geschmack?“

Aber Gott ließ sich nicht ablenken. „Erzähl weiter!“

„Sie sind seit einem halben Jahr zusammen“, fuhr Gabriel resigniert fort. „Er arbeitet als Tischler. Einmal schnitzte er ihr eine Blume aus Holz. ‚Die welkt nie’, hat er gesagt. Ihre Mutter fand das romantisch. Es müssen nicht alle studieren, meinte sie und Maria strahlte. Sie ist so gewöhnlich! Ich weiß nicht mal, ob sie gläubig ist. Ihr Freund, ja, der betet manchmal. Aber sie? Hat man noch nichts von gehört. Ich bitte dich. Die willst du doch wohl nicht?“ Unsicher blickte Gabriel zu Gott dem Herrn. Ein Lächeln umspielte dessen Mund und Gabriel schwante nichts Gutes.

„Perfekt“, murmelte Gott. „Sie ist perfekt.“ Fast könnte man meinen, er sei verliebt.

Er sollte aufpassen, dachte Gabriel. Er sollte wirklich aufpassen. Am Ende gerät das ganze schöne Bild von ihm ins Wanken.

 

aus: Jesus klingelt. Neue Weihnachtsgeschichten


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So

29

Nov

2015

Auf Anfang






 

Helle Nächte, leuchtende Tage,

uns allen einen verheißungsvollen Advent!



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So

22

Nov

2015

trösten


Jahreslosung 2016. Gibt es auch als Klappkarte.


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So

15

Nov

2015

Nicht in unserem Namen

Ich bin kein misstrauischer Mensch. Meine Tasche lasse ich unbewacht, wenn ich aufs Zugklo gehe. Wenn mich jemand um einen Euro bittet, öffne ich mein Portemonnaie und habe keine Angst, dass er es mir aus der Hand reißt. Aber es hat sich etwas verändert. Wenn ich heute einen Muslim oder eine Muslima auf der Straße sehe, denke ich nicht mehr „ein Muslim“, sondern „ist der radikal“? Ich weiß, das ist falsch. Aber es passiert.

Es gab eine Zeit, da war das völlig anders. Da habe ich die Schönheit islamischer Dichtung bewundert. Die Weisheit der Sufis gemocht. Den Gesang des Muezzin. Da dachte ich ganz einfach, wir glauben zusammen an den einen Gott, auf unterschiedliche Weise. Ich will das wieder.

Bitte helft mir dabei, liebe Muslime. Bitte sagt laut, dass diese Attentäter nicht in eurem Namen handeln. Dass ihre Taten nichts mit eurer Religion zu tun haben. Ich weiß das, aber ich muss es hören, immer wieder, damit ich daran glauben kann, dass wir mehr sind. Dass wir uns einig sind: Das ist Mord. Und Mord kann niemals gesegnet sein. #notinmyname


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So

08

Nov

2015

Ruhe!

Mein Handy macht ein sonderbares Sauggeräusch, wenn es eine Nachricht verschickt. Die Ampel piepst, sobald sie auf Grün springt. Auch die neuen Autos tun das, wenn man den Rückwärtsgang einlegt. In der Sauna plätschert Sphärenmusik auf mich hinab, und vor der letzten Beerdigung spielte Vivaldi in Dauerschleife den „Herbst“. Es gibt mittlerweile Särge mit eingebauter Musikanlage. Ein Schwede hat das erfunden. Falls die Ewigkeit zu still sein sollte, können Angehörige per Smartphone für die Beschallung des Toten sorgen. Die letzte Ruhe hat ausgedient. Stille scheint nicht mehr zumutbar zu sein. Die Verunsicherung könnte zu groß werden: Was wäre zu hören, wenn nichts mehr zu hören ist?

Ich will Stille. Und zwar jetzt und hier, nicht erst unter der Erde. Ich weiß, das ist ein egoistischer Wunsch, denn den Blinden hilft das Piepsen und den Traurigen die Geige. Und trotzdem: Wie schön wäre es, wenn es einmal am Tag ganz ruhig wäre. Es gibt Luftverschmutzung und Lichtverschmutzung, ich leide unter Lärmverschmutzung. Überall tönt es. Als müssten wir uns ständig versichern, das es uns gibt.

Ich stelle mir vor, wie ein kleiner, hutzeliger Handwerker in blauer Latzhose vor meiner Tür stünde und sagte: „Tschuldigung, aber wir stellen nachher mal die Geräusche ab. So zwischen eins und drei.“ Wer will, kann sich ja vorher eindecken mit den besten Hits der 80er oder einer gehörigen Portion Laubstaubsauger.


erschienen in Welt der Frau, gekürzt


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So

01

Nov

2015

Das Haus

In einer Nacht im Juli, in einer ganz normalen Nacht, in der die Grillen zirpen und die Gräser rauschen, sterben ein Mann, eine Frau und ein Kind. Dunkelheit umfängt sie und keiner von ihnen weiß, was werden wird. Sie sind schließlich noch nie gestorben. Nach einer Weile gewöhnen sich ihre Augen an die Schwärze und am Ende, ganz am Ende ihres Blickfeldes meinen sie, ein Licht zu erkennen.

„Sicher eine Sinnestäuschung“, denkt der Mann.

„Ganz schön weit weg“, denkt die Frau.

Das Kind denkt gar nichts, es geht einfach los.

Sie kommen an ein Haus. Seine Fenster strahlen golden. Die Tür steht offen. Über der Tür hängt ein Schild. „Himmel“ steht darauf.

„Wie albern“, denkt der Mann. Er war sein Leben lang pragmatisch veranlagt und dachte nicht daran, das jetzt aufzugeben. „Als ob der Himmel ein Haus sein könnte. Wie sollen denn da alle hineinpassen?“ Und er fühlt sich in dem bestätigt, was er schon immer gewusst hatte: dass es keinen Himmel geben kann, weil ein Himmel unlogisch ist. Also geht er weiter und verliert sich im Dunkel der Nacht.

Auch die Frau bleibt zögernd vor dem Haus stehen. So hat sie sich das nicht vorgestellt. Die offene Tür verwirrt sie. Kann denn hier einfach jeder rein? Und wieso muss man selbst eintreten, gibt es niemanden, der einen hineinbittet? Wo ist Gott? Die Frau hat gelernt, dass er sie empfangen würde. Dass es ein Himmelstor gäbe und Engel. Und nun ist alles ganz anders. Die Frau ist sehr enttäuscht, so enttäuscht, dass sie sich weigert hineinzugehen: „So nicht“, sagt sie und verliert sich im Dunkel der Nacht.

Das Kind hat viel Zeit gehabt, sich den Himmel auszumalen. Es war lange sehr krank gewesen. Wenn es im Bett lag, stellte es sich Einhörner vor, die unter Bananenpalmen grasten. Manchmal ritt es auf einem Adler. Engel begegneten ihm, die ebenfalls fliegen konnten und auch singen. Großmutter war dort und Stups, sein allererster Hund. Im Himmel gab es genug zu essen, auch die Sachen, die es jetzt nicht mehr essen konnte, weil sein Hals beim Schlucken wehtat und rot und entzündet war. Manchmal träumte das Kind davon, wie es eine riesige Brezel aß. Dann wieder schwamm es im Meer, ohne müde zu werden. Jeden Tag träumte das Kind einen anderen Traum und alle waren schön.

Deshalb ist es nicht erstaunt, vor einem Haus zu stehen. Wer auf Adlers Flügeln reitet, betritt auch ein Haus, dessen Fenster leuchten. Neugierig geht es hinein, du siehst ihm hinterher, bis es verschwindet, aufgenommen vom Licht.


aus: Wie lang ist ewig? Geschichten über das Leben und Davongehen

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So

25

Okt

2015

10 Sachen, die mich tragen

1.    ein Federbett, in das ich jederzeit hineinkriechen kann

2.    Freunde, deren Handynummern auch nachts um zwei funktionieren

3.    ein Liebster

4.    der Himmel über mir (der trotz aller gegenteiligen Anzeichen noch nie eingestürzt ist)

5.    26 Buchstaben zur freien Verfügung 

6.    Nebel im Herbst, der die Luft greifbar macht

7.    der Mut anderer, der leuchtet

8.    das unerklärliche, aber reale Gefühl, meine Toten geborgen zu wissen

9.    das bloße Dasein einer Birke, einer Wollgraswiese oder der Kapuzinerkresse 

10.  das Gefühl, ich bin nicht allein im Raum

 

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So

18

Okt

2015

Du sollst nicht töten. Auch nicht im Zug.

Ich fahre viel Zug. Man kann die Zeit im Zug so schön sinnvoll nutzen. Zum Beispiel, um meditieren zu lernen. Man braucht keine horrende Kursgebühr für irgendein Zenkloster aufzubringen, wo es dann doch nur Reis zum Mittag gibt. Eine Fahrkarte reicht, der Meditationskurs ist dann inklusive.

Man steigt also ein, wählt ein Großraumabteil, nimmt eine aufrechte Sitzposition ein und wartet. Meistens eröffnet den Kurs schon nach wenigen Minuten ein Mann (es kann auch eine Frau sein), der zu seinem Smartphone greift und die Mitreisenden mit Details seines Lebens unterhält. Er tut das so laut, damit auch schwerhörige Reisende nicht ausgeschlossen sind. Ich habe schon eine Trennung, mehrere Krankengeschichten, eine Aktientransaktion und allerlei andere Banalitäten mitgehört, die meinen Geist von dem Buch, das ich zu lesen versuchte, abzogen. Und genau da beginnt der praktische Teil des Kurses: Lass dich nicht ablenken. Fokussiere deine Gedanken auf den Buchstaben A und alle folgenden. Vergiss die Welt um dich herum.

Der Handymann wird irgendwann abgelöst werden von einer monoton sprechenden Mitreisenden, die ihre Sitznachbarin über jegliches Unbill des Bahnfahrens zwischen Nordsee und Adria  aufklärt. Sie hat ohrenscheinlich alles selbst erlebt und fährt immernoch Zug. Wer jetzt aufspringen möchte, der Frau an den Kragen gehen und schreien will: Dann steigen Sie doch aus!, kann Seelenruhe lernen. Das gelingt gut mit Atemübungen.

Schließlich wird irgendjemand sein Mittagessen auspacken. Die Zeiten des Butterbrotes sind dahin und Mittag gibt es mittlerweile sowieso den ganzen Tag. Jetzt gilt es, die Ausdünstungen der frittierten Hähnchenflügel als natürlichen Umgebungsgeruch wahrzunehmen ohne

a)    aufgrund plötzlich auftretenden Heißhungers dem Nachbarn das Essen aus der Hand zu reißen oder

b)    aufgrund eines empfindlichen Magens denselben unkontrolliert zu entleeren.

Sicher eine Übung für Fortgeschrittene, bei der es hilft, Lavendel zu visualisieren.

Wer jemals den Nutzen von Meditation in Frage stellte, wird jetzt begreifen: Es handelt sich um eine Fähigkeit zur Alltagsbewältigung. Das meine ich ganz ernst. Diese Übungsfolge nenne ich mentale Verwandlung: die alltäglichen Widernisse des Lebens als Übungen zu betrachten. Zu denken, das hat alles genau so seinen Sinn, nämlich den, dass ich dadurch etwas lernen kann. Allein dieser Gedanke hilft, ohne handgreiflich zu werden, durchs Leben zu kommen. Und das ist es doch, was zählt.

 

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Fr

09

Okt

2015

Bettwäsche

Ich besitze 14 Sets Bettwäsche und bin noch nie geflohen. Deshalb liegen die Laken wohlsortiert im Wäscheschrank, im Winter hole ich die Rotbestickte heraus und im Sommer lieber die Geblümte. Wenn ich ein Set aufziehe und ein zweites in der Wäsche ist und ein drittes für Gäste parat liegt, bleiben immer noch 11 Sets, die ich nicht akut brauche, es sei denn, es käme überraschend eine Fußballmannschaft zu Besuch, was aber selten passiert.

Wer aus Syrien kommt, hat meistens keine Bettwäsche dabei. Jedenfalls denke ich mir das so, weil Bettwäsche sperrig ist und nicht überlebensnotwendig. Ich habe also einen Bettwäscheüberschuss, jemand anderes ein Defizit, wir könnten uns treffen und die Sache auf kurzem Wege ins Lot bringen.

Im meiner Stadt geschah es so. Eine Tageszeitung veröffentlichte eine Liste der Dinge, die den vielen Flüchtlingen, die täglich kommen, fehlen. Es ging nicht um Häuser, Bankkonten, Lebensversicherungen. Sondern um Alltagssachen wie Hosen, Röcke, Tampons, Duschgel und eben Bettwäsche. Während im Politikteil noch darüber diskutiert wurde, wie mit den Flüchtlingsströmen umzugehen sei, strömten Hunderte in die Zeitungsredaktion und brachten, was gebraucht wurde. Kinder gaben Bälle ab. Männer teilten Jeans. Perlenbesetzte Frauen rollten Koffer voller Toilettenutensilien hinter sich her. Leute brachten Fahrräder, Malzeug und Schreibutensilien. Denn ohne Stift lernt man schwer deutsch.

Ich bin sicher, diese Geschichte ist nicht einzigartig. Deshalb erzähle ich sie. Sprache schafft Wirklichkeit. Wer nur von angezündeten Flüchtlingsunterkünften liest, kann sich irgendwann nichts anderes mehr vorstellen.

Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Manche haben, ohne es zu wissen, Engel beherbergt. Flüchtlinge sind keine Engel. Aber sie sind Menschen. Sie sind keine besseren Menschen, aber auch keine schlechteren. Sie tun das, was ich wahrscheinlich genau so täte, wäre ich nicht in einem Land mit Bettwäscheüberschuss geboren. Sie suchen nach einem besseren Leben. Abraham war Wirtschaftsflüchtling. Sein Sohn Isaak ebenso. Naomi, die Schwiegermutter Ruths, floh ins Nachbarland, um Arbeit zu finden. Jakob suchte Asyl wegen eines Familienstreits. Das wären heute alles keine anerkannten Asylgründe. Und ob Mose, mit einem Totschlag im Gepäck, Asyl erhalten würde, ist ebenso fraglich. Gott war immer mit diesen Leuten. Ach ja, bleibt noch Jesus. Ebenfalls Asylant in seinen ersten Lebensjahren. Hätte Ägypten seine Familie nicht aufgenommen, wäre seine Laufbahn als Gottessohn möglicherweise beendet gewesen, bevor sie richtig begonnen hätte. So gehen die Geschichten, auf die wir uns als christliches Abendland berufen. Wenn das mehr als romantische Märchen sind, dann sollten wir wenigstens für einen Moment in jedem Syrer Jesus sehen und in jeder Albanerin Naomi. Das löst die Flüchtlingsfrage nicht. Aber es erinnert daran, dass zunächst ein Mensch vor uns steht, kein Problem.


(erschienen in Welt der Frau September 2015)

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Fr

02

Okt

2015

Weiterschreiben

"Was macht ihr da eigentlich?" Das war die meistgehörte Frage. Von den anderen, denen, die nicht mitgeschrieben haben, sondern einfach Urlaub machten. Gewandert sind, Yoga gemacht haben oder die Nase in die Sonne hielten, die schwedische oder die türkische. Wir dagegen saßen im Gras, am See, unter Feigenbäumen, im Café, im Sonnenaufgang, in der Hängematte, im Kanu und schrieben. Und lachten. Lachten ziemlich viel. Warum man nun freiwillig in seinem Urlaub über einem schmalen Heft brütet, das war das Rätsel. Ich sag's mal so:


Ich schreibe, damit mir nicht langweilig wird. Nicht, dass die echte Welt, die wirkliche Welt so uninteressant wäre, aber manchmal ist eben einfach Dienstag und der Himmel ist bewölkt und irgendwer muss die Wäsche machen. Dann hilft schreiben. Also nicht, um die Wäsche fertig zu kriegen, sondern um diesen Dienstag doch noch zu etwas Besonderem zu machen. Da tut sich auf diesem weißen Papier eine unendliche Freiheit auf, in der alles, aber auch wirklich alles möglich ist.


Am Ende bleibt ein Heft voller Polaroids aus Buchstaben. Das kann man mitnehmen in den Alltag, für die Dienstage und auch sonst. Schön war's mit so ausnehmend netten Mitschreibern und Mitschreiberinnen. Und das sage ich nicht, weil ich es sagen muss, sondern weil es wirklich so ist. Das Beste: Nächstes Jahr geht es weiter. Ich freue mich jetzt schon.

 

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So

16

Aug

2015

Atem holen

Am 4. Oktober geht es hier weiter. Bis dahin schreibe ich offline.

Euch allen Apfelbacken & Sonnentage!

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So

09

Aug

2015

Mittsommerbilanz

Ich habe es zu Wohlstand gebracht:

auf Butterblumenwiesen, 

auf einem glatten Stein, 

im Boot auf hoher See,

sogar auf Holzwegen.

Ich setze auf die Blattgoldvermehrung der Eichen.

Auch Eschen wachsen hoch im Kurs.

Der Mond versilbert die Nacht.

Meine Millionen leuchten glühwurmhell,

meine Schäfchen liegen im Gras.

Meine Bank heißt Himmel.


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So

02

Aug

2015

Vertreibung aus dem Paradies

In meiner Gießkanne haben Mückenlarven ihren Swimmingpool. Kein Fisch trübt ihr Sein.

Nur was, wenn die Große Gärtnerin befindet, die Rosen brauchen Wasser?

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Mo

27

Jul

2015

Pusteblumen

Bitte erzähl mir von der Auferstehung. Erzähl mir mitten im Sommer, wenn die Linden rauschen. Erzähl mir, wie sie in den Himmel wachsen, ihre Arme ausbreiten und blau machen. Erzähl mir von der Weite jenseits meines kleinen Kopfes, der gut funktioniert, aber nicht alles weiß. Er liebt es, Dinge zu ordnen. Er liebt es, Dinge zu wissen. Dabei vergisst er manchmal, über sich hinauszuschauen. Manchmal ist er ein Hochstapler. Dann besteht er darauf, nur zu glauben, was er sieht. Ach, Kleiner, und was ist mit der Liebe, der Poesie und was ist mit den Träumen? Kannst du die etwa sehen?

Genauso wenig kann er erklären, wie ein Hybridmotor funktioniert oder warum Strom fließt. Er glaubt, was andere wissen; darum erzähl mir. Erzähl mir vom Horizont, der längst nicht endet, wo mein Blickfeld endet. Erzähl von Pusteblumen, die hinüberwehen von dem einen Leben ins andere. Erzähl von Regenbögen und Vergissmeinnicht, von Himmelsleuchten und allem anderen, was das Leben aufbietet, um zu zeigen: Es geht weiter. Dummerchen, sieh nur: Es geht weiter als du denkst. Das hier ist erst die Vorschau!

Erzähl mir von der Auferstehung, damit ich nicht vergesse. Damit ich nicht vergesse, was sein könnte, wenn mein Blick nicht am Boden klebt, hängen bleibt an ungeputzten Schuhen, Gullidecken und allen Abgründen dieser Welt. Erzähl mir, damit ich mein Gesicht in das Leuchten der Geschichten halte, Sonne für dunkle Tage, immer da.

Erzähl mir, wenn die Heckendosen betören mit ihrem Duft und der Weizen sich wiegt. Erzähl mir jetzt, gerade jetzt, wenn die Erde satt ist und der Himmel seine Wolken aufschüttelt. 


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So

19

Jul

2015

Übrigens...

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So

12

Nov

2017

Kleine Selbsterkenntnis

Ich bin die, die immer noch träumt. Ich bin die, die morgens vorm Spiegel steht und sagt: Los geht's, obwohl ich keine Ahnung habe, wohin. Ich zähl' die Tauben vorm Fenster und mache sie zu meinen Boten. Gurrendes Glück. Ich bin die mit der goldenen Schnur, aber was ordentliches Stricken kann ich trotzdem nicht. Ich mag Zartbitter lieber als Vollmilch, allein schon des Wortes wegen. Ich horche auf den Wind, das Heute und sein Geheimnis, und manchmal höre ich nur Heulen. Ich fürchte weder Gespenster noch Wölfe, und mitheulen werde ich nicht. Ich bin heute anders als gestern, nur manchmal habe ich vergessen, wer ich gestern war und wer ich morgen sein will. Dann ist ein guter Tag.

 

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So

29

Okt

2017

Lieber Martin,

Angst vor der Hölle habe ich nicht. Da geht es mir anders als dir. Die Hölle ist aus der Mode gekommen. Feuerschlünde schrecken uns nicht, und der Teufel ist für die meisten nur noch eine Figur aus dem Märchen. Dass wir in der Hölle schmoren könnten, ist also eine Drohung, die uns kalt lässt. Angst haben wir trotzdem. Allerdings nicht vor dem Leben nach dem Tod. Wir bewegen uns gedanklich eher im Leben vor dem Tod. Du hast dich um das Jenseits gesorgt, wir sorgen uns um das Diesseits. Dass ein Gott gnädig auf uns herabsehen möge, das beschäftigt uns weniger. Aber gnädig angesehen werden, das wollen wir auch. Von Kollegen, von der Lehrerin, von Freunden und Bekannten, von unseren Facebookkontakten ebenso wie von den Leuten im Club oder den Zuhörern eines Vortrags. Wir wollen gemocht werden. Wir wollen dazugehören. Wir haben Angst rauszufallen aus der warmen Stube der Gemeinschaft, denn dann wären wir völlig allein. Und allein zu sein, das ist unsere größte Angst. In deiner Zeit war das ein seltener Zustand. Man hatte seine Familie oder man lebte im Kloster. Wer allein war, hatte entweder eine schlimme Krankheit oder das Pech, als Hexe gebrandmarkt oder in irgendeiner anderen Art ausgestoßen zu sein. Angst war zu deiner Zeit etwas sehr Existenzielles. Ich will nicht sagen, dass das heute nicht mehr so ist. Wir haben auch existenzielle Ängste, aber unsere Alltagsängste sind andere als deine. Es ist nicht die Hölle, die uns bedroht. Es ist die Leere. Ich sehe, wie du erstaunt guckst. Die Leere, könntest du sagen, was soll das denn heißen? Die Leere ist gefüllt durch Gottes Wort. Du setzt alles darauf: „Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen; auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort; das ist mein Trost und treuer Hort, des will ich allzeit harren.“ Ehrlich, das imponiert mir. Deine Sprache ist nicht meine Sprache, aber dass das Wort Kraft hat, das glaube ich auch. Kraft, die Welt zu verändern, meine Angst und mich. Ich kann der Leere Worte entgegen setzen, und deshalb habe ich einen großen Vorrat davon angelegt. Du kanntest wahrscheinlich Psalmen auswendig, Gebete, die zehn Gebote. Du wirst ein Ave Maria im Schlaf aufgesagt haben können. Die Bibel war deine Versicherung. Ich habe andere Worte, Lieblingslieder, Gedichte und, ja - auch ein paar Bibelverse. Ich habe eine Schatzkiste voll mächtiger Worte und wenn die Angst kommt, öffne ich sie. Dann flüstere ich ihr Worte ins Ohr, manchmal singe ich sie, manchmal schleudere ich sie ihr entgegen. Die Angst kann drohen, sie kann sich aufbäumen, sie kann sich wichtig machen, solange ich Worte habe, bin ich nicht verloren. Das ist etwas, das ich von dir gelernt habe. Dem Wort kann man trauen. Weil es der Anfang von allem ist. Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Wo Gott ist, nehme ich an, ist die Angst gut aufgehoben. Und ich bin es auch.

 

Deine Susanne

 

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Fr

20

Okt

2017

Unterwegssegen

 

Nimm vom Himmel das Blau

und den Tau von den Wiesen

Nimm die Träume der Kinder

den Blick einer Kuh

Nimm die Sehnsucht der Gänse

nimm den Wind aus den Segeln

Lob den Tag vor dem Abend

und geh

 

Ich geh nochmal wandern...

 

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Mo

16

Okt

2017

manchmal einfach Schwein haben

Für alle Geburtstagskinder, Anfänger, Lebenskünstlerinnen, Optimisten.

 

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So

08

Okt

2017

10 Sachen, die man nicht allein machen kann

1. sich kitzeln

2. einen Gedanken mitteilen, den man selbst nicht kennt

3. sich selbst reanimieren

4. wippen

5. ein Kind

6. sich beerdigen

7. sich mit einem Spontanbesuch überraschen

8. sich segnen

9. synchronschwimmen

10. einen Kanon singen

 

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So

01

Okt

2017

Nachtisch

Herr Wohllieb hasst Supermärkte. Woher soll man wissen,welche der 52 Nudelsorten die richtige ist? Es gibt verwirrend viele Gänge, die man alle durchstreifen muss auf der Suche nach einem Paket Reis. Am Ende liegen drei Tütensuppen und ein Sparschäler für Artischocken im Wagen, und man weiß nicht, warum.

Dennoch betritt Herr Wohllieb hin und wieder einen Supermarkt, weil er nicht verhungern will. Genauer gesagt: einmal die Woche.

Als er seinen Wagen durch die Reihen schiebt, verspricht ein Glas Apfelmus 20 Prozent mehr Inhalt, und von den Schokoladenriegeln gibt es einen zusätzlich gratis. Auch sein Joghurt hat zugelegt: »50 Gramm Extraschlemmen« befiehlt das Etikett. Da stutzt Herr Wohllieb, denn bisher entsprach ein Becher Joghurt der idealen Nachtisch-Menge. Vielleicht will ich ja gar nicht mehr, denkt Herr Wohllieb, weil mir dann schlecht wird. Ein Glas Schokocreme zum Beispiel reicht für genau drei Wochen, jedenfalls nach Herrn Wohlliebs Berechnungen. Was ich dann essen will, weiß ich noch nicht. Eventuell Hering in Senfsoße. Wer weiß schon, worauf er in drei Wochen Appetit hat? Wenn ein Glas plötzlich 40 Prozent mehr Inhalt enthält, müsste ich also mehr Schokocreme pro Tag essen. Und dann würde mir schlecht.

»Ja«, wendet Sophie ein, »aber stellen Sie sich vor, Sie erhielten plötzlich 40 Prozent mehr Leben. Das wäre doch nicht so schlecht …«

»Woher wüsste ich denn, wie es gemeint ist? Bedeuten 40 Prozent, ich bekäme zu meinen statistischen 78 Jahren weitere 31,2 Jahre dazu? Was, wenn mich in diesen 31 Jahren ständig Zahnschmerzen quälten? Und selbst wenn alles weiterginge wie bisher – wer sagt denn, dass Glück größer wird, wenn es länger dauert?«

 

aus: Herr Wohllieb sucht das Paradies

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So

24

Sep

2017

Meine Stimme

 

Oma ging immer zur Wahl. Als Kind wollte ich wissen, was sie wählt. Das ist geheim, hat sie gesagt und ich dachte: Das muss ja was Aufregendes sein. Das wollte ich auch. Wie ja überhaupt Großwerden etwas ungeheuer Reizvolles hatte. Für Oma war das kein Spiel. Es war ihr Recht und ihre Pflicht und beides war groß. Groß genug, um im Sonntagsstaat ins Wahllokal zu gehen und ihr Kreuz zu machen. Meine Oma hatte schrumpelige Hände vom vielen Abwaschen und vom Kartoffelschälen. Politische Reden waren nicht ihre Sache. Aber sie war Bürgerin. Und sie hatte eine Meinung. Die vertrat sie alle vier Jahre mit ihrer Stimme. Ich bin jetzt groß und Oma ist tot und allein schon für sie gehe ich zur Wahl. Meine Stimme ist eine Stimme gegen Rechts.

Denn wie sollte ich ihr das erklären, wenn auf einmal wieder Rechte unser Land regierten?

 

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Sa

16

Sep

2017

Morgen

Herr Wohllieb hat zwei Paar Schuhe. Ein grünes und eins für besondere Tage.

Das für besondere Tage sieht neuer aus.

Herrn Wohlliebs Mutter sagte immer:

»Was neu ist, muss man schonen!«

Und dann legte sie das just erworbene Küchentuch in den Schrank.

Als sie starb, lagen dort 71 unbenutzte Tücher.

Was soll man mit so vielen Küchentüchern?, denkt Herr Wohllieb ratlos.

Dann sieht er auf seine Schuhe hinab.

Es sind die grünen.

Morgen, beschließt er, trage ich die anderen.

Und dann wird das ein besonderer Tag.

 

aus: Herr Wohllieb sucht das Paradies

 

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Sa

19

Aug

2017

Pause

 

.... mein Plan für

die nächsten Wochen. 

 

Am 17. September

geht es hier weiter.

 

Heitere Spätsommertage

für alle! Macht was draus.

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So

06

Aug

2017

Hm.

 

In den Ritzen der Wörter

liegt der Sinn

zwischen Toastkrümeln

und Wollmäusen

Leg den

Staubsauger aus der Hand

 

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Mo

31

Jul

2017

Morgengebet

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So

23

Jul

2017

kleine Sonntagsbilanz

 

was ich brauche: Zeit. Verstecke. Sonne nicht zu selten. Verbindung. Schuhe, in denen ich wohnen kann. Jemand, der mich hält. Ein Polster aus Geld (um nicht mehr daran zu denken). Ausreichend Schlaf. Einen Stift, der gut schreibt. Eine Gesellschaft, in der niemand unterdrückt wird. Himmel. Ruhe. Bücher. Ideen. 

was ich nicht brauche: Fernseher. Die meisten Apps. Spaghettizange. Schuldgefühle. Rolltreppen. Flugzeuge. Fertiggerichte. Küsschen rechts und links. E-Bike (noch nicht). Nazis. Die AFD. Früher-war-alles-besser-Gläubige. Spinnen mit langen Beinen. Garantieforderungen. Weltraumflüge. Diese Kreuzung aus Grapefruit und Melonen. 

 

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So

16

Jul

2017

Bolle und Gott

 

Bolle, sagt Gott, wir waren mal auf Du und haben am Lagerfeuer gesessen

und du hast mir erzählt, wovon du träumst

und haben Sterne geguckt

und Rio Reiser gesungen

und unser Haar war zerzaust

und du hattest ein Buch dabei und hast mir vorgelesen

und dein Herz pochte gegen meins

Bolle duckt sich ein bisschen, weil er spät dran ist

Nimm mich halt mit, sagt Gott

Geht nicht, sagt Bolle, das passt nicht

Weil Bolle jetzt Björn ist

Und Gott immernoch Gott

mit seinen Träumereien

ein bisschen Achtziger eben

Ach, Gott

denkt Bolle

 

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Mo

10

Jul

2017

Anders

Liebe Randalierer, war das die andere Welt, die möglich ist? Die könnt ihr für euch behalten.

Verwüstet doch in Zukunft einfach euer Wohnzimmer. 

Liebe Menschen außerhalb Hamburgs,

Protest gab es auch in bunt - und wir waren mehr!

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So

02

Jul

2017

Sonntagsengel

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Mo

26

Jun

2017

Oh Mann! Oh Frau!

Es gibt jetzt eine Bibel für Frauen. Und eine für Männer. Weiß der Himmel, warum. An der Auswahl der Geschichten kann es nicht liegen. Wenn die Frauenbibel nur Frauengeschichten enthielte, wäre sie eine dünne Broschüre. Also muss es etwas anderes sein. Der Verlag schreibt, die Männerbibel greife Männerthemen auf: „Entscheidungen treffen, Arbeitsalltag, erfolgreiches Scheitern, Zeit, Sex, Geld, Alkohol, Sport“. Das Leben der Frau ist da überschaubarer. Ihre Themen sind zuerst „mit Sorgen zurecht kommen. Mutter, Tochter oder Single sein.“

Ich fasse zusammen: Der Mann ist erfolgreich (selbst, wenn er scheitert). Die Frau kommt zurecht. Der Mann definiert sich durch sein Tun (Arbeit, Sex, Sport). Die Frau durch ihr Sein (Mutter, Tochter, Single). Und damit auch dem letzten Dummchen klar wird, auf welche Seite es gehört, kommt die Männerbibel in stählerner Metalloptik daher und die Frauenbibel im rosaroten Blümchengewand.

Vielleicht denken Sie: Mir doch egal. Ich habe meine Bibel, und die hat Goldschnitt. Das ist geschlechtsneutral.

Ich glaube aber, es ist nicht egal.

Ich bin in den 70ern groß geworden. Da war auch nicht alles Gold. Aber erst recht nicht rosa. Meine Liebe zu Ringelpullovern führe ich auf ein grün-weißes Exemplar aus der Kindergartenzeit zurück. Pippi Langstrumpf war die damalige Prinzessin Lillifee und sie brauchte kein Krönchen. Hello Kitty wäre von Tom & Jerry zum Teufel gejagt worden. Ich wollte eine Weile Lastwagenfahrerin werden, weil ich es mir aufregend vorstellte, ein so großes Auto zu steuern.

Heute stecken weibliche Babys in rosa Stramplern, die später von rosa Schleifchen abgelöst werden. Lego gendert in rosarote Schlösser für Mädchen und Ninjakämpfer in blauen Kartons für Jungs. Unschuldige Zeiten, als alle zusammen Indianer oder Feuerwehr spielten. Den ersten Preis für sexistische Werbung hat eine Buchreihe zum Lesenlernen gewonnen. Jungs bekommen Piraten-, Polizisten- und Weltraumgeschichten. Bei den Mädchen strahlt eine Prinzessin mit ihrem Pferd um die Wette. Natürlich in rosa.

Und jetzt also die Bibel. „Ihr alle habt Christus als Gewand umgelegt. Es gibt nicht mehr Mann noch Frau.“ Das schrieb Paulus, der sicher kein Feminist war.

Aber es spielt einfach keine Rolle, welche Lieblingsfarbe Maria hatte. Dass Frauen sich ebenfalls für Sex interessieren, wird spätestens im Hohelied klar. Es gibt Frauen, die sind Richterin, Herrscherin oder Schurkin. David spielt Harfe und gibt gleichzeitig den Krieger. Während Judith erst brav in ihren Büchern liest, bevor sie ihr Volk befreit und Holofernes den Kopf abhaut. Ob sie das in einem rosa oder blauen Leibchen tat, ist nicht überliefert.

Ich persönlich trage rosa übrigens sehr gern. Bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts galt sie als typische Jungenfarbe. „Rosa“, schrieb damals eine amerikanische Zeitschrift, sei nun mal „die kräftigere und für Jungen geeignete Farbe.“ Noch so ein Klischee...

 

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So

18

Jun

2017

Meditation

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

Lieblingssekunde

to be continued...

 

 

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Mo

12

Jun

2017

Frühjahrsputz

 

alles aufgeräumt

Kopf neben Herz gelegt

das gibt Stress

 

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Sa

03

Jun

2017

Lebenslauf des Scheiterns

Das eigene Leben, eine Erfolgsstory. Das gelungene Risotto. Der Halbmarathon. Die entzückenden Kinder samt Minisaxophonen. Retuschiert und in Farbe auf Facebook zu sehen. Toll, denke ich, während ich versuche, meine Strickjacke zu stopfen. Langweilig, denken sich die Macher des Museums des Scheiterns und präsentieren: Misserfolge. Weil in Wirklichkeit bis zu 90% unseres gesamten Tuns nicht klappt. Versuch und Irrtum eben. Nur, dass der Irrtum meist unter den Teppich gekehrt wird, weil er sich doof anfühlt. Johannes Haushofer ist Professor an der Universität Princeton. Er hat seinen Lebenslauf des Scheiterns ins Netz gestellt. Eigentlich wollte er damit nur eine Freundin aufmuntern, die eine Stelle nicht bekommen hatte. Die virale Resonanz war riesig. Als würden die Leute aufatmen, weil sie mit ihren Misserfolgen nicht allein dastehen. Klar: Bei einem Professor an einer Eliteuni hat viel geklappt. Aber vieles eben auch nicht.

Hier mein Lebenslauf des Scheiterns. Unvollständig, versteht sich.

  • Eine Zirkusvorstellung im zarten Alter von fünf. Wir hatten Einladungen für alle Nachbarn gemalt. Dann regnete es. Letztlich war das unser Glück, denn beim Üben des Programms, das zwei Stunden später stattfinden sollte, merkten wir: Wir können nichts, was annähernd nach Zirkus aussieht.
  • Im reiferen Alter von 15 fragte mich eine Freundin, ob ich Flöte spielen kann. Ich dachte: so schwer kann das nicht sein und sagte Ja. Ohne je einen Ton gespielt zu haben. Zwei Wochen später traten wir als Duo im Sonntagsgottesdienst auf. Gut, dass Kirchenbesucher barmherzig sind…
  • Beim Schafsitten hat sich ein Lamm erhängt. Das war ein sehr tragisches Scheitern. Übrigens nachdem zuvor die gesamte Herde ausgebüxt war. Als Schafhirtin tauge ich nicht.
  • Einer meiner ersten Aufträge, ein Text für das Magazin „Junge Soldaten“ wurde abgelehnt. Ich sollte über die Hölle schreiben. Offenbar tat ich das nicht plausibel genug.
  • Auch nicht von Erfolg gekrönt war das Seminar „Wir wollen doch nur spielen“. Anscheinend haben das alle wörtlich genommen. Es gab keine Anmeldungen.
  • Neben einer Kündigung, zahlreichen unbeantworteten Bewerbungen und einer Absage nach einem Vorstellungsgespräch für eine Stelle zur Prävention von Rechtsradikalismus war auch meine Karriere als Pizzafahrerin nach zwei Abenden beendet. Nach zahlreichen Beschwerden über kalte Pizzen wurde ich in die Küche versetzt.
  • Der Versuch, Faber Castell für das Sponsoring meiner Seminarbleistifte zu gewinnen, scheiterte ebenfalls (ich benutze trotzdem keine anderen!).

Meine Teilnahme an den Bundesjugendspielen lassen wir außen vor. Eine Kontaktanzeige brachte nicht den gewünschten