Sie haben alle Smartphones dabei und strömen zum Strand. Sie wollen den Sonnenuntergang fotografieren, aber bis die Sonne untergeht, dauert es noch, also knipsen sie was anderes, die Wellen und die Strandkörbe und die Möwen, wenn die mal stillhalten würden. Hanne kennt das schon. Dass die Sommergäste alles festhalten wollen. Die Bank in Gerdas Vorgarten und sogar den Supermarkt. Wozu bloß, fragt sich Hanne. Haben die zuhause keine Supermärkte? Hanne kennt sich nicht so aus mit dem Anderswo, sie war immer hier. Darum weiß sie, wie der Supermarkt aussieht. Grünes Haus mit Pfandautomat. Erkennt man auch ohne Foto. Sie wundert sich oft, was die Leute mit all diesen Bildern machen. Es müsste doch mittlerweile Millionen identische Sonnenuntergänge geben.
Knuth sagt: „Die brauchen eben ‘ne Erinnerung.“ Hanne wiegt den Kopf, wie sie es immer tut, wenn sie nicht überzeugt ist. Sie hat sie oft genug beobachtet. Heute Mittag noch in der Alten Inselkirche, da passt sie ‘n büschen auf, wenn auf ist. Die Leute fallen ein wie ein Fliegenschwarm, schwirren nervös von links nach rechts und halten mit ihren Handys auf alles, was nicht wegläuft. „Die setzen sich ja nicht mal in’ne Bank. Da fühlt man doch nix! Was soll denn das für ‘ne Erinnerung sein?“
„Tja“, sagt Knut, „Gefühle kannst du eben nicht konservieren. Bilder schon.“ Hanne denkt, dass das ja so auch nicht stimmt. Wie fühlt sich das Meer an? „Sutje“, findet Hanne. Aber das verstehen nicht alle. Schon gar nicht, wenn sie die ganze Zeit auf ihrer Bimmelbüx daddeln. Sutje bedeutet entspannt. Sachte. Unaufgeregt. Besonnen. Davon könnte die Welt mehr brauchen. Wo die Leute immer aufgeregter werden. Am Meer gibt es nichts Aufregendes. Nur Weite. Am Meer kann man der Welt kurz mal den Rücken kehren. Damit man wieder atmen kann. Man steht da und denkt: So. Ab hier geht’s nicht weiter. Wo doch sonst ständig alles weitergehen muss. Das Meer kommt und geht und kommt und geht und bleibt, unbeeindruckt vom Rest. Von Zeit zu Zeit verschluckt es ein Smartphone, wenn wieder mal jemand zu dösbaddelig war. Ein bisschen Schwund ist immer.
Kolumne in: Welt der Frauen

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