Krippenspiel

„Und das muss der kleine Clemens sein. Hallo, ich bin die Nadja!“ Clemens findet sich überhaupt nicht klein, schließlich ist er letzte Woche vier geworden und deshalb findet er die Nadja schon mal doof. Aber Mama will mit Nadja reden.

Ob sie denn auch Weihnachten und Ostern feiern, will Mama wissen. „Aber ja“, nickt Nadja eifrig. „Die religiöse Erziehung der Kinder ist uns sehr wichtig. Genauer gesagt: die interreligiöse Erziehung. Wir feiern zum Beispiel auch das Zuckerfest.“

Clemens hat keine Ahnung, was interreligiös ist, aber Zuckerfest, findet er, das klingt schon mal gut. Dabei fällt ihm etwas ein und er nestelt in seiner Anoraktasche, bis er schließlich befriedigt einen zerdrückten Kinderriegel hervorzieht. Nadja runzelt die Stirn. „Wir legen großen Wert auf gesunde Snacks. Und das Mittagessen ist vegan. Das ist gut für den Säure-Basen-Haushalt.“ Nadja blickt stolz, als erwarte sie, dass ihr jemand auf die Schulter klopft. Aber Mama nickt nur etwas angespannt und Clemens beißt in seinen Schokoriegel.

„In der Adventszeit stellen wir jedes Jahr unsere schöne Krippe auf“, fährt Nadja fort und zeigt auf einen niedrigen Tisch mit Holzfiguren. „Damit sich die Kinder alles so richtig vorstellen können. Wir haben uns bewusst für unlackierte, wenig bearbeitete Figuren entschieden. Das regt die Fantasie der Kleinen an. Sie wurden von einem israelischen Künstler eigens für uns angefertigt.“ Nadja guckt schon wieder stolz und Mama nickt zerstreut. „Zu Hause haben wir Playmobil ...“ „Benutzen wir gar nicht“, fällt Nadja ihr ins Wort. „Die grellen Farben, das unablässige Lachen ...“ Sie schüttelt bedenklich den Kopf, dass ihre Ohrringe nur so wackeln. Clemens versteht nicht, was an Lachen schlecht ist. Paps sagt immer „Lach doch mal“, wenn Mama mal wieder grummelt, und meistens klappt es.

„Kommen Sie, wir machen einen Rundgang. Clemens darf bei den Spielsachen bleiben."

Er geht zu der Krippe hinüber. Er weiß genau, was eine Krippe ist. Paps hat es ihm erklärt. Da sind ein Mann und eine Frau, genau wie Mama und Paps. Und die kriegen ein Kind. Das hatten sie gar nicht geplant, so wie Clemens auch nicht geplant war. Erst dachten sie: „Hui, was machen wir denn jetzt?“ Aber dann freuten sie sich sehr, weil ein Kind doch eigentlich etwas sehr Niedliches ist. Nur eine Wohnung hatten sie nicht, aber dafür fanden sie einen Stall und ganz viele Leute kamen zu Besuch und alle brachten Geschenke mit.

Aber diese Krippe ist komisch. Die Leute haben gar keine Gesichter, nicht mal einen Mund, so dass sie nicht lachen können. Selbst wenn sie wollten. Alle haben die Schultern komisch hochgezogen und scheinen auf den Boden zu starren. Und Geschenke gibt es auch nicht. Vielleicht ist sie noch nicht fertig, denkt Clemens verwundert.

Als Mama wiederkommt, läuft er ihr stolz entgegen. Aber was ist mit Nadja? Ihr Gesicht ist auf einmal ganz weiß und sie guckt so, wie Opa guckt, wenn er eine Zitrone auslutscht. Er wusste ja gleich, dass sie sonderbar ist. „Die Krippe“, japst sie, „was hast du gemacht?“ Clemens denkt, dass das jetzt aber wirklich eine blöde Frage ist. Das sieht man doch. „Ich habe ihnen Gesichter gemalt. Damit sie sich freuen können. Jetzt lachen alle“, stellt er befriedigt fest. 

Mama atmet einmal tief durch, und dann nimmt sie seine Hand und sagt: „Komm Clemens, wir gehen. Vielen Dank für die Führung. Und“, fügt sie hinzu, „Sie haben Recht. Diese Figuren regen

wirklich die Fantasie der Kinder an. Hervorragendes Konzept."



aus: Jesus klingelt. Neue Weihnachtsgeschichten (gekürzt)

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