Geht doch!

Runterzieher schaffen es, eine Hundert-Prozentlaune auf Null zu minimieren. In nur zehn Sekunden. Den Geübten reicht ein einziger Satz. Stell dir vor, du hast diese neuen Sandalen mit roten Riemchen und flachem Absatz. Du freust dich wie eine Königin, weil es normalerweise in Größe 36 nur großmutterpassable Modelle gibt, zeigst sie strahlend und erntest einen gelangweilten Blick: „Ja schön, die haben ja jetzt alle.“ Bäng – vorbei ist das Hochgefühl, vorüber die Freude. Die Botschaft ist klar: Du hast in Null-acht-fünfzehn Schuhe investiert und es nicht mal gemerkt. Armes Hascherl. Nun sind Schuhe nicht der Nabel des Glücks. Aber darum geht es auch nicht. Es geht um die Unfähigkeit, sich mitzufreuen. Oder ist es Unwilligkeit? Für Runterzieher spielt es keine Rolle, ob der Anlass einer Begeisterung klein oder groß ist. „Ach, ein drittes Kind bekommt ihr? Na, hoffentlich schafft ihr das...“ Sie tragen ihre Bedenken vor sich her wie einen Sack Pflanzengift. Klar wollen sie nur das Beste. Sie meinen es gut. Sie denken mit. Jedenfalls ist es das, was sie empört oder gekränkt entgegnen würden würde, wenn man sie auf ihre fehlende Freude anspricht. Und vielleicht glauben sie das sogar. Aber es stimmt nicht. In Wahrheit wollen sie nicht gestört werden. Ihr Leben soll bleiben wie es ist. Und wenn es nicht schön ist, dann sollen es die anderen bitte auch nicht schöner haben. Gemeinsam jammert es sich einfach besser. Ihre Bedenken sind tatsächlich ihre Bedenken. Sie sind es, die es sich nicht erlauben, modische Schuhe zu tragen. Sie selbst haben Angst vor einem dritten Kind (oder sind unzufrieden mit dem eigenen). Sie sind es, die sich etwas wünschen, ohne es sich einzugestehen. Das macht es so schwierig. Mag sein, dass sie manchmal einfach neidisch sind. Vor allem aber mögen sie es nicht, wenn ein anderes Licht ihre dunklen Ecken offenbart. Die unerfüllten Sehnsüchte, die Verletzungen, die Unsicherheit. Dann müssten sie nämlich selber handeln. Davor haben sie Angst. Weil es schiefgehen könnte. Weil sie scheitern könnten. Oder auch einfach nur, weil es fürchterlich anstrengend wäre. Deshalb machen sie lieber madig, was anderen schmeckt. Sie sind der Wurm im Apfel unseres Glücks. So schön wie sie es nicht haben, soll es keiner haben. Man kann da nichts machen. Jeder Versuch, zu erklären, sich zu rechtfertigen, ist zwecklos. Man redet gegen eine Wand. Sie haben sich eingesperrt in ihr mittelgutes Leben und wollen gar nicht befreit werden. Sie wollen, dass man ihnen Gesellschaft leistet. Wenn man selbst in einem Käfig sitzt, will man die anderen nicht vorm Gitter tanzen sehen. Da hilft nur eins: Die Füße in die Hand nehmen und das Weite suchen. Die Freiheit der Möglichkeiten einatmen. Zum Horizont blicken und wissen: da geht was.

Jesus fragte den Gelähmten: „Willst du (überhaupt) gesund werden?“ Zum Glück kann man niemanden zwingen. Aber das eigene lasst uns hegen.


(erschienen in Welt der Frau)

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Kommentare: 15
  • #1

    SB (Montag, 22 Juni 2015 07:53)

    Liebe Susanne,
    ein einfach genialer Artikel, der hundert pro auf eine Person passt, die ausgerechnet uns auch noch nahe steht.
    Wir bleiben am Ball und lassen uns unsere Lebensfreude nicht nehmen.

  • #2

    Susanne (Montag, 22 Juni 2015 09:38)

    Gefällt mir :-)

  • #3

    GoGe (Montag, 22 Juni 2015 20:12)

    Hmmmhhhhh..... So viel Geschimpfe auf Miesepeter? Soviel Herabsehen auf die Runterzieher? Soviel Panzer und Kanonen, um die Freude zu schützen?

    Nächste Entwicklungsstufe: Funkeln! Sprühen! Zur Lebensfreude anstecken!

  • #4

    Dorothea A. (Dienstag, 23 Juni 2015 08:51)

    Liebe Susanne N.,
    was für ein schönes Kompliment an Dich und Deinen Engelimbiss ergibt sich aus diesem Spektrum der Kommentare - der Imbiss nährt offenbar susani-Halleluja-Menschen genauso wie Kein-JA-und-Amen-Sager - und viele irgendwo dazwischen bestimmt auch! So soll ein guter Imbiss sein, oder?
    Lieben Gruß, Dorothea

  • #5

    Werner (Dienstag, 23 Juni 2015 11:24)

    Oh, da hat sich aber jemand mal ordentlich Luft gemacht! ;-)

  • #6

    Susanne (Dienstag, 23 Juni 2015 11:37)

    @ GoGe und @ Werner: Ja, es war mir eine Freude, mal die Tische umzuwerfen... ;-)
    @ Dorothea A.: ... und das ist eine noch größere Freude. Im Ernst: Ich lese mit Begeisterung die unterschiedlichen Gedanken und Ideen. Auch und gerade, wenn sie nicht immer meinen entsprechen.

    Liebe Grüße, Susanne

  • #7

    Ana (Mittwoch, 24 Juni 2015 09:47)

    hm.... ich mag es, wenn mir jemand ehrliche Kommentare gibt. Die Rote-Riemchen-Sandalen haben alle? Ist mir noch gar nicht aufgefallen. Na und? Ist doch auch mal nett, im Kollektiv schöne Schuhe zu tragen (wenn das Wetter es hergibt :o)). Und es mit drei Kindern zu schaffen ist tatsächlich einen Herausforderung. Warum keinen bange Frage evtl. mitfühlender Freunde? Regt es vielleicht auf, dass wir unsere eigenen bangen Zweifel nicht zulassen können (immer positiv denken!!!) und sie dann von anderen hören?

    Mich ärgern seichte "ach wie toll, so wunderbar, ist ja so nett"-Kommentare viel mehr, zumal wenn man spürt, dass die tatsächlichen Gedanken hinter einer Lächel-Fassade verschwinden.

    Wie schade! Die von Dir als "Meckerer" beschriebenen Kritiker habe einen tolle Fähigkeit: mögliche Fallstricke zu erkennen. Und das kann vor Naivitätsstolperfallen schützen.

    Oder so....

  • #8

    Susanne (Mittwoch, 24 Juni 2015 10:20)

    @ Ana: Ja. Wenn beide Seiten ehrlich und zugleich mitfühlend sind, dann kann beides gelingen - Mitfreude und kritische Gedanken. Und nein. Ich finde dennoch, manchmal tut es gut, sich selbst zurückzustellen und sich einfach auf die Gemütslage des oder der anderen einzulassen.

  • #9

    Ana (Mittwoch, 24 Juni 2015 12:14)

    ...okay. Und wenn die Gemütslage der "Runterzieher" (aus vielleicht für sie gerade guten Gründen) so ist wie sie ist, dürfen wir es auch so stehen lassen. Und es nicht auf uns beziehen. Und vielleicht eben nicht die Füße in die Hand nehmen, sondern stehen bleiben. Ohne Bewertung. Was wäre anders?
    Was ich am Christentum mag: vieles. Was ich weniger schätze: den Missionsanspruch.
    Danke für den spannender Disput!
    ;0)

  • #10

    SB (Mittwoch, 24 Juni 2015 12:40)

    Liebe Ana,
    natürlich kann man "Runterzieher" auch aushalten und stehen bleiben. Aber in unserem Fall wenn Dich ständig dieser Mensch runterzieht und überhaupt keine Mitfreude äußert, ist das sehr schwer auszuhalten, dann bleibt nur die Flucht um sich seine eigene Lebensfreude zu erhalten.
    Trotzdem bemühen wir uns immer wieder um diese Person und versuchen unser Bestes, ist aber nicht immer leicht.

  • #11

    Ana (Donnerstag, 25 Juni 2015 13:53)

    ...klingt schön! Viel Kraft ;0)!

  • #12

    Moni (Sonntag, 28 Juni 2015 18:20)

    Es müssen keine roten Sandalen sein, es geht auch roter Tee. Alle lobten meinen Tee und tranken reichlich davon. Meine Mutter probierte auch mal und ihr Kommentar: "Tja ein bisschen wie warmes Wasser" Zack, die gute Stimmung dahin.... Wenn sie eines beherrscht dann das"

  • #13

    Susanne (Montag, 29 Juni 2015 09:07)

    Liebe Moni,
    gut dass "alle" auch noch da waren.
    Aber ich weiß, wie schwer es ist, den Blick von der einen, die verletzt, auf die anderen, die wohlwollen, zu lenken. Darauf ein Tässchen roten Tee ;-)

  • #14

    Ana (Mittwoch, 01 Juli 2015 18:31)

    Liebe Moni,
    immer hat der, der (chronisch) verletzt, auch "seine Geschichte". Dieses Wissen lässt "den Verletzer" in hellerem Licht erscheinen. Und Dein Gefühl...? Ja, warmes Wasser ist auch drin. Sogar sehr viel!
    Verena Kast hat viel über VERGEBUNG referiert. Sehr lohnenswert!
    Genieß die Sonne, sie meint es gut mit Dir!

  • #15

    chane (Sonntag, 05 Juli 2015 21:51)

    Nur nicht zu positiv denken! Und (Selbst)lob stinkt sowieso, das haben wir schon als Kinder gelernt!!!!
    Es ist ziemlich leicht, sich und anderen das Leben (ein wenig) schöner, reicher, fröhlicher, lebenswerter zu machen: mitfreuen, mitlachen, sich nicht zu ernst nehmen! Unglaublich, wie diese Froh-Saat gleich aufgeht und dem Gegenüber Freude ins Gesicht zaubert.

    " Gell, Sie sind ein bissl naiv, ein bissl huschihuschi (wie man in Österreich sagt und sich dabei einige Male mit der flachen HAnd, die Innenfläche Richtung Stirn, vor dem Gesicht hin-und herwischt) " . Aber gern, bitte noch mehr davon! ;)

Au ja! Ich möchte wissen,

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