Liebes Weihnachtsfest,

vierundvierzig Mal haben wir jetzt schon zusammen gefeiert. Ein paar Mal gab es Schnee. Wir saßen zusammen in kalten Kirchen. Wir haben zu viel Pute gegessen und später, in vegetarischen Zeiten, den anderen heimlich die Pute geneidet. Wir haben Playmobil aufgebaut, Opas Kiwitorte gepriesen, die Tode der alten Tanten gezählt. Wir haben um echte Kerzen gekämpft, uns dem Konsum verweigert, keine Geschenke verteilt, viele Geschenke verteilt, aber wenigstens alle in Zeitungspapier verpackt. Wir haben nie zusammen Kartoffelsalat gegessen. Wir haben uns in einer dänischen Hütte getroffen, das Jahr, als wir flohen vor einem Höchstaufgebot an Engeln. Einmal haben wir sogar zusammen allein gefeiert. Es war still und überraschend. Wir waren Fremde – du in der Welt und ich bei den Schwiegereltern in spe. Wir haben uns im Rhythmus der alten Worte gewiegt. Du hast die schönsten Lieder und wir haben auch die längste Predigt tapfer angehört, um dann endlich aufzustehen und aus voller Kehle O du fröhliche zu singen. Egal, wie schief. Wir haben Milde geübt, uns das Jesusfigürchen in der Krippe angesehen, mit dem ich nie viel anfangen konnte. Aber ich habe ja auch nie mit Puppen gespielt. Wir sind zusammen im Wald gewesen, kurz vor der Dunkelheit, wenn nur noch Vögel und Hase da waren. Wir haben nach der Stille gegriffen.

Liebes Weihnachtsfest, wir waren nie heil. Die Welt lag im Krieg, ich hatte Liebeskummer. Du kamst trotzdem. Oma starb, Papa starb, du kamst trotzdem. Die Wohnung war nicht fertig, die Kisten waren notdürftig mit Lichterketten geschmückt, du kamst trotzdem. Ich verweigerte mich, ich fand, wir zwei bräuchten mal eine Pause, und du kamst auch dieses Mal trotzdem.

All die Jahre hatte ich den Traum, am Heiligen Abend mit allem fertig zu sein. Aber dann blieben die Fenster doch wieder ungeputzt, die Briefe halb geschrieben, ich war nicht beim Friseur. Die Kekse habe ich auf die Schnelle in den Ofen geschoben und sie kamen irgendwie schiefer als im Kochbuch abgebildet wieder heraus. Die Gedichte blieben ungelesen, das Weihnachtsoratorium habe ich nur beim Abwaschen gehört. Du kamst trotzdem.

Das mag ich an dir. Du setzt meiner Welt deinen Glanz entgegen. Du gehst an Orte, an die ich mich nicht wage. Lass uns das feiern.

 

Deine Susanne

 

(Vorwort in: Das Weihnachtsschaf. 24 wunderbare Geschichten)

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Gundolf B. (Dienstag, 20 Dezember 2016 16:30)

    Wieder einmal ein wunderbare Geschichte, Danke!
    Insbesondere in dieser Zeit, in der nun auch die Anschläge in Deutschland angekommen sind.
    Möge die alte Geschichte zu Frieden beitragen, die alte Geschichte, die Grundlage von Weihnachten ist.
    Und mit Luthers Worten möchte ich in dieser Zeit schließen, einer anderen Zeit, die hoffentlich so wird wie die folgenden Worte:
    Verleih uns Frieden gnädiglich,
    Herr Gott, zu unsern Zeiten.
    Es ist doch ja kein andrer nicht,
    der für uns könnte streiten,
    denn du, unser Gott, alleine.
    Frohes und gesegnetes, vor allem friedvolles Weihnachten!
    Gundolf

  • #2

    Martina (Donnerstag, 22 Dezember 2016 05:38)

    Liebe Susanne,
    ich liebe deine Geschichten !!!!
    Mit großer Leichtigkeit führen sie mich an den Punkt, auf den es ankommt ! Danke !
    Dein Weihnachtsbrief hat mich veranlasst, auch selber einen (meine Geschichte) zu schreiben, mit deiner Vorlage!!!
    Und deinen letzten 5 Sätzen, die so wichtig sind, aus denen soviel Frieden fließt.
    Weihnachtsfriede. Danke !
    Gesegnetes Fest!
    Martina

  • #3

    Ana (Montag, 16 Januar 2017 10:56)

    ...wie schön!!!!

Au ja! Ich möchte wissen,

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