Heilige Familie

Ich komme aus einer mittelheilen Familie. Geschlagen hat mich niemand und Lametta hing auch immer am Baum. Nur dass es als Scheidungskind immer zwei Bäume gab und spätestens am zweiten Weihnachtstag hatte der Stress Spuren hinterlassen, die auch Marzipankartoffeln nur notdürftig kitten konnten. Aber jetzt mal im Ernst: Gibt es das nicht in fast jeder Familie? Es ist eben nicht alles heil. Und Weihnachten erzählt auch überhaupt nicht davon. Im Gegenteil:

Eine Frau und ein Mann, unverheiratet. Sie ist schwanger. Von wem, das weiß man nicht so genau. Obdachlos irren sie durch die Straßen, auf der Suche nach einem warmen Platz. Schließlich kommt das Kind draußen zur Welt, vor den Türen der geordneten Verhältnisse. Von Kerzenschein wird nicht bereichtet. Schon bald muss die Familie fliehen, politisch verfolgt und ohne Sicherheiten. Mit zwölf läuft dann der Junge zum ersten Mal weg, als pubertärer Revoluzzer herrscht er seine Mutter an: „Was habe ich mit dir zu schaffen?“ Heil klingt das nicht. Trotzdem ist das die heilige Familie.

Wenn Gott an bürgerlichen Verhältnissen in heimeligen Häusern gelegen gewesen wäre, hätte er das anders einfädeln können. Hat er aber nicht. Heilig heißt eben nicht heil. Heilig heißt: Jemand gehört zu Gott. Und Gott scheint nicht danach auszuwählen, ob einer eine vorbildliche Familie, eine weiße Weste oder einen erfolgreichen Lebenswandel vorweisen kann.

Trotzdem will ich nicht aufhören zu träumen. Meinetwegen dürfen Engelskinder und Samtschleifen weiter auf der Mattscheibe flimmern. Drei Nüsse für Aschenbrödel sehe ich auch dieses Jahr. Das sind Märchen und Märchen erzählen von der Sehnsucht, dass am Ende alles gut wird. Dass im großen Festsaal die Lichter angezündet werden und jeder darf hinein. Ich auch. Noch sind wir nicht soweit. Noch müssen wir uns mit Lametta begnügen, noch vergolden wir unsere Realität damit, die nun mal auch Weihnachten nicht aufhört. Aber das ist gut so – denn jeder Streifen Lametta erzählt davon, dass der Traum von einem Zuhause, das beschützt, das birgt und das verzaubert lebt.

Und deshalb öffnet eure Türen. Ladet die Leute von der Straße ein (auch so eine Geschichte aus der Bibel), zumindest aber Tante Agathe, die manchmal wunderlich ist, und trotzdem gern dabei wäre, wenn die anderen feiern. Ich stelle mir vor: Ein großer Tisch und Platz für jeden. Keiner soll draußen bleiben, weil die Gans nicht reicht. Oma ist da und die Nachbarin aus dem vierten Stock auch, weil sie kaum satt wird von ihrer schmalen Rente. Aber ihre Wangen beginnen zu glühen, wenn sie eines der alten Weihnachtslieder anstimmt. Die frisch getrennte Freundin, die zugezogene Arbeitskollegin. Wahlverwandtschaften in dieser Nacht. Eine Nacht, die von Famile erzählt, die nicht ausgrenzt. Damals waren Hirten zu Gast. Unbekannte, die kein festes Dach über dem Kopf hatten, Randfiguren der Gesellschaft. Auch ausländischen Wahrsagern wurde die Tür geöffnet. Offenbar konnte jeder kommen. Ein Kind wurde geboren, und dieses Kind gehörte allen.

Familie ist kein Heileweltwettkampf. Auch nicht an Weihnachten. Wir müssen nicht so tun, als ob wir uns alle lieb hätten. Familie ist Gemeinschaft. Und Gemeinschaft ist nichts Starres. Die Welt ist weit, und wenn sie in dieser Nacht noch ein Stück weiter wird, dann ist wirklich Weihnachten. Die Heilige Familie? Das sind doch wir alle.

 

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Kommentare: 4
  • #1

    SB (Montag, 21 Dezember 2015 13:20)

    Danke für diesen guten Beitrag, den ich auch schon in "Blick in die Kirche" gelesen hatte.
    In diesem Sinne liebe Susanne frohe Weihnachten, ich freue mich immer wieder über Ihre richtig guten Veröffentlichungen.









  • #2

    * freudenwort (Dienstag, 22 Dezember 2015 10:05)

    Dankeschön, liebe SB (oder lieber?) und frohe Weihnachten!
    Susanne Niemeyer

  • #3

    Tatjana (Montag, 05 Dezember 2016 21:00)

    Ach, liebe Susanne, ich stöbere mal wieder (heute habe ich beim Gemeindekreis wieder etwas von Dir vorgelesen, diesmal etwas weihnachtliches) und stolperte in diesen wunderschönen Beitrag hinein - danke!! Da liebt man doch plötzlich diese unheile-heilige Familie (und die Welt drumrum) noch ein kleines bisschen mehr als sonst, in diesem ganzen Erdenkuddelmuddel.
    Liebe Grüße und eine gesegnete Adventszeit für Dich!

  • #4

    *freudenwort (Freitag, 09 Dezember 2016 10:25)

    .. danke liebe Tatjana und allerherzlichste Grüße aus einem unfertigen Advent!

Au ja! Ich möchte wissen,

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