Siehst du

Du erforschst mich und kennst mich. 

 

Beim Frühstück gehst du kurz zu Facebook. Guckst, was sich getan hat über Nacht. Und es hat sich was getan. Merles Katze faucht in die Kamera. Jemand hat einen Artikel über veganes Essen geteilt. Zwei deiner Freunde dokumentieren, dass sie nach Mallorca aufbrechen beziehungsweise im Pendlerzug wie so oft keinen Platz ergattert haben. Jetzt bist du dran. Wenn du keiner dieser Voyeure sein willst, die nur gucken aber nichts posten, die nur von anderen wissen, aber selbst nichts preisgeben wollen, dann musst du jetzt auch was schreiben. Dein Müsli fotografieren, die Lage der Welt kommentieren oder dir irgendwas Witziges einfallen lassen. In welchem der sozialen Netzwerke du dich auch tummelst: Es geht darum, dich zu teilen. Dich mitzuteilen. Zeig dich.

Der erste Mensch wollte sich nicht zeigen. Er wollte sich verstecken. Das ist doch interessant. Wir rekapitulieren: Da war einer, der hieß Adam. Übersetzt bedeutet das Mensch. Seine Frau bietet ihm eine Frucht vom Baum der Erkenntnis an. Wie in jedem Märchen will man ihm aus der Ferne zurufen: Tu’s nicht, denn aus der Ferne weiß man es immer besser. Das wird nicht gut ausgehen. Aber natürlich greift er zu, und genau genommen kann man ihm das auch nicht verdenken, denn Erkenntnis – wer wollte die nicht?

Adam erkennt, dass er nackt ist. Klar, die Hose ist noch nicht erfunden, aber wahrscheinlich geht seine Erkenntnis darüber hinaus: Er realisiert, dass er schutzlos ist. Angreifbar. Dass er auf den wohlwollenden Blick anderer angewiesen ist. Der Mensch ist verletzbar. Das macht ihm Angst. Deshalb braucht er Anerkennung. Sein Leben lang. Anerkennung ist genauso ein Grundbedürfnis wie Essen, Trinken und Schlaf. Der Mensch braucht Likes. Schon bei einem freundlichen Blick schütten seine Nervenzellen Botenstoffe aus, körpereigene Opiate und das Kuschelhormon Oxytocin, das entspannt und zufrieden macht.

Du kommst aus einer Jesus-liebt-dich Gemeinde und du konntest noch nie etwas damit anfangen. Du warst gerade sechzehn und dir war das zu abstrakt. Wenn du geliebt werden wolltest, dann von Malte oder Peter oder wer eben gerade aktuell war, aber nicht von Jesus. Den kanntest du schließlich nicht mal, und er kannte dich nicht, auch, wenn die in der Gemeinde das natürlich bestritten hätten. Du brauchst gar nichts zu tun, sagten sie. Jesus findet dich toll, genau wie du bist. Das Problem war nur, du fandest dich nicht toll. Du hattest Pickel auf der Stirn und deine Körbchengröße lag außerhalb des Alphabets.

Mittlerweile sind ein paar Jahre vergangen, die Pickel haben sich verzogen und du bist bei Facebook. Es gibt jetzt einen Like-Button in deinem Leben. Den hättest du damals gut brauchen können. Du hast mittelviele Kontakte, von denen einige auch im echten Leben deine Freunde sind. Andere kennst du nicht persönlich. Manche nutzen als Profilbild nicht mal ein Porträt von sich, sondern haben eine Gänseblumenwiese oder ihren kleinen Zeh hochgeladen. Manchmal postest du etwas. Dann wartest du auf Likes. Das würdest du natürlich niemals zugeben. Du bist ein Kind der Siebziger, da hast du gelernt, dass Dabeisein alles ist, und dass ein Bild nicht gut zu sein braucht, Hauptsache man war kreativ. Das ist natürlich Quatsch. Du willst, dass die Leute dein Bild oder deinen Text mögen. Du willst, dass sie denken, wie witzig/klug/schön du bist. Hundert Likes geben dir ein größeres Hochgefühl als fünf. Deine Hormone führen einen Freudentanz auf. Interessant daran ist: Eigentlich ist es fast egal, wer da seine Begeisterung bekundet. Ob es eine von den „echten“ Freundinnen ist oder der Typ mit der Gänseblümchenwiese. Im Zweifel freust du dich also über die Zustimmung eines wildfremden, völlig abstrakten Users. Es ist dir egal, wer sich hinter dem Like verbirgt. Jesus war dir damals zu abstrakt. Komisch oder?

 

Den gesamten Artikel könnt Ihr in Reformation. Das Magazin zum Jubiläum lesen. Gibt es an vielen Kiosken und online. Ich habe darin ein paar weitere Artikel über Bibelschmugglerinnen, Apfelernter und Alltagsheldinnen geschrieben.

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