Erfüllung

Was tust du?

Ich warte.

Der Verkehr tröpfelt. Es ist kalt.

Worauf?

Auf Weihnachten.

Das kommt von selbst.

Es ist Advent.

Was soll schon passieren?

Das weiß ich auch nicht. Vielleicht kommt Jesus vorbei.

Hier?

Wo denn sonst?

Woran würdest du ihn erkennen?

Das ist eine gute Frage. Er würde kein Namensschild tragen. Ich weiß nicht, wie er aussieht. Ich beobachte die Leute. Eine Frau trägt zwei Tüten mit dem Aufdruck einer Supermarktkette. Zwei Kinder schieben ihre Räder vorbei. Ein Briefträger macht seine Runde. Woran werde ich ihn erkennen?

Vielleicht erkennt er mich.

Woran?

Daran, dass ich warte.

Der Verkehr setzt einen Moment aus. Es ist still.

Was willst du von ihm?

Erfüllung.

Ach je. Kleiner geht’s nicht?

Ich schüttele den Kopf. Ich bin entschieden.

Vergeudest du nicht deine Zeit?

Ich denke an ungebackene Kekse. Ich könnte Mails beantworten, die möglicherweise warten, aber möglicherweise auch nicht. Ich könnte ein Weihnachtsmenü planen oder eine Wunschliste schreiben. In die Sauna gehen. Schuhe putzen, beim Zahnarzt anrufen wegen eines Prophylaxetermins. Es gibt eine Weihnachtsfeier mit Kollegen, auch einen Kunstmarkt. Ich denke an Reifenwechsel, die besten Hits der Achtziger und Neunziger, Pilatesstunden, Hundefutter, Hausaufgaben und dass die Kinder bald Zeugnisse bekommen. Ich denke an nichts.

Nein, sage ich schließlich.

Willst du ein halbes Marzipanbrot?

Ich nicke.

Wir kauen.

Nichts passiert.

Das heißt, es passiert eine Menge: Die Ampel wird rot und grün und wieder rot. Drei schwarze Autos fahren über die Kreuzung, ein Hund kläfft einen Radfahrer an, der schlingert, flucht und weiter fährt. Im Haus gegenüber wird ein Fenster geöffnet. Jemand fragt sein Telefon, ob er noch Brot mitbringen soll. Ich friere ein bisschen.

Reicht es nicht auch so?

Wofür?

Für’s Leben.

Ich überlege und schüttele den Kopf.

Wie fühlt sich Erfüllung an?

Satt sein ohne gegessen zu haben. Wach sein ohne geschlafen zu haben. Haut spüren, obwohl kein Wind geht. Glücklich sein, obwohl sich nichts verändert hat. Nicht weg wollen. Nichts brauchen, obwohl Manches fehlt.

Und wenn er nicht kommt?

Das Risiko muss ich eingehen.

 

in: Das Weihnachtsschaf. 24 wunderbare Geschichten

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Kommentare: 2
  • #1

    Sebastian (Montag, 05 Dezember 2016 15:52)

    Ich werde warten! Danke!

  • #2

    Elke (Donnerstag, 08 Dezember 2016 09:58)

    Liebe Susanne !
    Die Geschichten sind wunderbar, ich habe alle gelesen. Besonders eindrücklich: Deutsche Weihnacht.
    Danke, es passieren immer wieder ganz wunderbare Dinge mit den Asylsuchenden und den ehrenamtlichen und hauptamtlichen Helferinnen und Helfern... Und ich warte, was noch alles geschehen wird in diesem Advent. Liebe Adventsgrüße von Elke.

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