Noch offen

Es wird Frühling. Ich merke das, und ich meine nicht die Knospen und die Narzissen und all dies. Ich spüre es, es steckt mir in den Knochen. Plötzlich taucht eine Sehnsucht auf, die nicht mal die dicke Schicht aus Lebkuchen und Dezembergemütlichkeit endgültig hat begraben können. Es ist wie mit dem Schnee. Er taut und darunter kommt alles wieder zum Vorschein.

Nur, was fängt man an mit so einer Sehnsucht, die einen hinaustreibt ohne ein Ziel zu nennen? Denn genauso ist es: Jedes Jahr im April fühle ich mich wie ein liebeskranker Teenager, der nicht mal sagen kann, ob es Jule oder Luise ist, nach der er sich sehnt. Schließlich bin ich nicht fern der Heimat, kein geliebter Mensch ist in den letzten Monaten gestorben (zum Glück!). Ich bin im großen und ganzen gern, wo ich bin. Und trotzdem: Etwas zieht mich. Ich will hinaus. Will die feuchte Abendluft riechen. Die Erde, deren Duft jetzt ganz anders ist, als im Winter oder im Herbst. Ich halte nach Schwalben Ausschau. Alles scheint möglich in diesen Aprilabenden, alles scheint offen. Als hätte mich jemand aus dem Winterschlaf geweckt. Jetzt ist es Zeit für die erste Wanderung und das Zelt lockt, obwohl ich weiß, dass die Nachtfröste sich noch an den Winter klammern.

Aber das ist nicht alles. Meine Sehnsucht geht über das Blühen und Grünen hinaus. Es reicht nicht, einen Strauß Blumen zu kaufen oder einen pastelligen Frühlingspullover. Die Ostereier in den Schaufenstern lassen mich kalt. Zu jeder Sehnsucht gibt es ein Angebot, das mir zuflüstert: Ich stille dich. Mach einen Yogakurs oder kauf einen Bewegungszähler. Lies ein Einrichtungsmagazin, bestell Bettwäsche mit Punkten. Hör auf deine innere Stimme. Wir haben die Antwort. Aber so ist es nicht. Echte Sehnsucht lässt sich damit nicht abspeisen. Es ist, als würde sie mir zurufen: Lass dich nicht einlullen. Wach auf. Zieh aus. Erblühe! Das ist das Leben. Verpass es nicht. An solchen Abenden ist der Himmel rosa, und ich stelle mir vor, wie es wäre, zu fliegen.

Aber nur kurz, wirklich nur ganz kurz. Alles andere wäre gefährlich. Denn Sehnsucht ist nicht rosarot. Sie ist kein Weichzeichner. Sie hat eine andere Seite, nur die Nüchternen sind ihr gewachsen. Sehnsucht weist über sich selbst hinaus. Dazu ist sie da. Sie ist nicht das Ziel, sie ist der Weg.

Wenn du jetzt fragst, was denn das für ein Ziel sei, dann hast du mich. Denn ich weiß es nicht. Es ist kein Ort, den ich erreichen kann. Es ist keine Leistung, die ich erbringen muss. Ich kann es nicht buchen, ich kann es nicht kaufen. Nicht mal Google kennt es. Ich würde es Erfüllung nennen, tiefe Erfüllung, die das Leben bereit hält. Nicht ständig und nicht überall. Aber dann und wann, Augenblicke, in denen der Himmel offen steht.

Und darum bleibe ich unruhig in diesen Aprilabenden, halte Herz und Augen offen und ziehe los. Wie die Schwalben.

 

in: Welt der Frau 4/17

 

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