Tag der Blockflöte

Am 10. Januar war der Tag der Blockflöte. Die Blockflöte ist ja nicht gerade ein vielgerühmtes Instrument. Noch seltener wird es geliebt. Mit einer Blockflöte gewinnt man keinen Blumentopf.

Ich habe mal eine ganze Weile Blockflöte gespielt. Niemand hat mich dazu gezwungen. Ich mochte es. Und als ich las, dass die Flöte einen eigenen Tag hat, erinnerte ich mich daran. Auch fragte ich mich, warum ich eigentlich aufgehört habe zu spielen. Klavierspieler werden verehrt, Gitarrenspieler geliebt, Cellistinnen bewundert. Fest steht: Mit einer Blockflöte werde ich niemanden beeindrucken können.

Ich fühlte mich ertappt. Als ob es darum ginge. Als ob es darum ginge, meine Freizeitbeschäftigungen danach auszuwählen, ob sie präsentabel sind. Mich in ein gutes Licht stellen oder für den Lebenslauf taugen, für die Timeline meines Social-Media-Profils oder zumindest als beiläufig eingestreutes Gesprächsthema auf einer Party. Eine Blockflöte macht mich leider nicht zu einem interessanteren Menschen.

Ich habe einen Freund, der sammelt Sand. Ich glaube er schaut sich dessen Zusammensetzung unterm Mikroskop an und freut sich darüber. Aber sicher bin ich nicht, er spricht nicht viel davon. Eine Freundin puzzelt gern. Nie würde sie das Werk an die Wand hängen, sie puzzelt so vor sich hin und wenn sie fertig ist, kommen alle Teilchen wieder in den Karton. Sie ist Anfang 20, ich schätze, auch dieses Hobby fällt nicht in die Kategorie „cool“. Mein Neffe sammelt Briefmarken. Nicht als Wertanlage, sondern weil ihm die Bilder gefallen.

Wegen solcher Geschichten ist der Tag der Blockflöte ein Akt des Widerstandes. Gegen die Inszenierung des Lebens, gegen den Trend, sich selbst als Gesamtkunstwerk mit möglichst vielen interessanten Facetten zu präsentieren. Puzzles und Briefmarken taugen nicht für Facebook. Sie geben nicht vor, cool zu sein oder zumindest witzig. Unwahrscheinlich, dass es in 2018 auf einmal einen Blockflöten-Hype geben wird.

Ich wünsche mir noch viel mehr solcher Tage: Den Tag des Malen-nach-Zahlen. Den Tag der Strickliesel. Der Patiencen. Des stinknormalen Kreuzworträtsels. Den Tag des unspektakulären Hobbies. Den Tag der vergessenen Sachen, die man mal gemacht, aber aufgegeben hat, weil sie nichts bringen. Keinen Ruhm, keine Aufmerksamkeit, keine Selbstverbesserung.

Ich muss jetzt aufhören. Ich will auf den Dachboden, meine Blockflöte suchen.

 

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Kommentare: 6
  • #1

    Tatjana (Freitag, 26 Januar 2018 09:27)

    ....und den "Tag der Autokennzeichen-erraten" nicht zu vergessen! Das mache ich bis heute mit Leidenschaft - und in der Adventszeit dudel ich heimlich auf meiner Blockflöte herum. Vielleicht sollte ich das mal draußen machen...? Danke, für diesen schönen Rebellionstext, liebe Susanne!

  • #2

    Ingrid (Freitag, 26 Januar 2018 11:56)

    Draußen im Wald, an eine ganz vertraute Buche angelehnt, stelle ich mir jetzt vor. Ich freu'mich jetzt schon aufs Erleben. Danke Susanne. Danke Tatjana.

  • #3

    Eva Maria (Freitag, 26 Januar 2018 17:44)

    Am 08.01. hat meine Blockflötenlehrerin Geburtstag. Ob sie den Blockflötentag am 10. kennt? Ich werde sie fragen, wenn ich mit über 50 mal wieder mit ihr in der wunderbaren Schule für Altblockflöte von B.Ertl weiter übe....
    Danke für diesen und viele andere Texte.

  • #4

    Anja (Sonntag, 28 Januar 2018 18:09)

    Wir treffen uns jeden Dienstag und teilen das Hobby des Blockflötespielens für eine Stunde mit Lehrerin und heißen alle willkommen, die mitmachen wollen... Es macht Spaß und ist und bleibt ein schönes Hobby. Ich kenn sogar eine Virtuosin und Blockflötistin, die das Zeug zum Superstar hat und für mich ist sie einer, mit ihrer Blockflöte... Danke für den Hinweis auf den 19. Januar. Und übrigens ist die Briefmarkensammlung ja sprichwörtlich schon mehr als eine Briefmarkensammlung und hat auch schonmal das Tor zur Liebe des Lebens geöffnet. Es kommt doch immer auf den Sammler und die Spielerin an. Freue mich schon auf den nächsten engelimbiss. Herzlichst, Anja

  • #5

    Anja (Sonntag, 28 Januar 2018 18:10)

    10. Januar natürlich...

  • #6

    Gerald (Montag, 29 Januar 2018 08:36)

    Gestern habe ich bei der Gemeindehausmusik (eine Art "offene Bühne" in unserer Gemeinde) einen Freund begleitet, der seit einigen Jahren Blockflöte lernt, weil das ein Instrument ist, das er sich auch im "hohen Alter" jenseits der 40 zutraut. Er erzählte auf der Bühne so begeistert von seiner Flöte und wir spielten ein paar keltische Stücke so lebendig, dass der Funke zum Publikum übersprang und unsere Patzer nicht weiter ins Gewicht fielen. Manchmal kommt es vielleicht auf den richtigen Zusammenhang an, ob eine Sache cool ist oder nicht. Du bist herzlich eingeladen, das nächste Mal mit uns zu spielen, Susanne!

Au ja! Ich möchte wissen,

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