Schillernd

Als ich klein war, sollte alles für immer sein. Die Prinzessin lebte glücklich bis an ihr Lebensende. Einen Beruf wählte man einmal. Alphaville sangen „Forever young“. Man kaufte ein Haus, in dem man sterben würde. Ein lineares Abarbeiten der Dinge: Geburt, Kindergarten, Konfirmation, Abi, Arbeit, Hochzeit, Kinder, Haus, Rente. Das Leben auf diese Art schien beruhigend, weil planbar.

Leider spielt mein Leben nicht mit. Es scheint nichts von To-Do-Listen zu halten. Spontanität liegt ihm mehr. Es schlägt plötzlich eine neue Richtung ein und ich muss hinterher. Ich schimpfe mit ihm, dass es doch einmal alles so lassen soll, wie es ist. Aber es lächelt nur müde: Meine Eltern ließen sich scheiden. Helmut Schmidt wurde abgewählt. Tschernobyl störte unser Spiel im Wald. Der „Braune Bär“ schmeckte plötzlich nicht mehr. Der Traum, Archäologin zu werden, ist verblasst. Meine erste Liebe verschwunden. Irgendwo bröckelte es immer. Ich habe es als Scheitern gesehen.

„Warum“, fragt mein Leben, „bezeichnest du etwas, das lange gut war, als Scheitern?“ „Weil ich es nicht halten konnte“, antworte ich. Mein Leben runzelt die Stirn: „Meine Liebe“, sagt es, „was du tust, ist Haschen nach dem Wind. Kannst du ihn festhalten? Kannst du den Frühling festhalten? Eine Sternschnuppe? Ein Glühwürmchen, einen Gänsehautmoment, eine Seifenblase? Willst du all dies ernsthaft als Scheitern betrachten, nur weil du es nicht halten kannst?“

Seit diesem Tag übe ich, das Leben als Seifenblase zu betrachten. Schillernd.

 

Kann man auch hören: "Moment mal" auf NDR 2

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Heike (Mittwoch, 02 Mai 2018 18:21)

    ...und schillernd ist schön! Und ja, manche Dinge sollten wir los lassen,
    tut übrigens recht gut... ich habe es ausprobiert.
    Danke für den tollen Text

  • #2

    andrea (Mittwoch, 02 Mai 2018 22:02)

    liebe susanne, da muss ich doch ein wenig schmunzeln ... an meinen kindern merke ich immer wie die zeit rast und ich sie nicht fest halten kann und mit ihr auch nicht diese bunten, lebendigen momente ... nicht alle schön ... und doch alle wichtig, wie kleine bunte perlen auf einer schönen schnur ... wollte ich heute noch braunen bär naschen wo ich doch mittlerweile erdbeersorbet kenne ... oder helmut schmidt, so sehr ich ihn schätzte, als never ending story ... alphaville war schon klasse aber heute merke ich das meine beine bei anderer musik anfangen zu tanzen ... wie gut, dass meine perlenkette ab heute nicht nur bunt und lebendig sondern auch wunderbar schillernd ist ... danke!!!