Im Mai

Immer mittags schlüpft Gott in die Stille der Kirche, seit 800 Jahren schon, und setzt sich in die dritte Reihe links, immer die dritte Reihe links. Anfangs saß er noch auf der Empore, aber das gefiel ihm nicht, da wurde ihm schwindelig. Dann sitzt er da und sieht die Irma mit ihrem Netz voller Äpfel, im Winter auch schon mal Orangen. Manchmal kommen Touristen, die fotografieren das Gold und den heiligen Sebastian mit seinen vielen Pfeilen und ein Mädchen zündet eine Kerze an und ein Liebespaar hält sich an den Händen. Eine Plastiktüte raschelt und Gott weiß, dass die dem Heinz gehört, der sich aufwärmt oder abkühlt, je nach Jahreszeit. 

Und Gottes Gedanken schweifen ab, denn es sind derer viele und er denkt an die Zeit, als hier noch ein Buchenhain stand und an den Wind in den Blättern von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Und plötzlich ist es der Irma, als habe sie eine Nachtigall gehört und die Kerzenflammen flackern im Sommerwind. Das Mädchen kann sich nicht helfen, aber es meint, plötzlich Waldmeister zu riechen auch auch der Heinz wundert sich, denn die harte Bank ist auf einmal weich wie ein Bett aus Gras. 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Hedwig (Mittwoch, 16 Mai 2018 17:31)

    Herrlich .

  • #2

    Barbara (Dienstag, 22 Mai 2018 09:36)

    Liebe Susanne, herzlichen Dank für Deine spritzigen Gedanken. Ich genieße jeden Engelimbiss und immer schmeckt er interessant, neu und spannend und er nährt.