Manna to go

Als Gott in die Küche kommt, sind zwei Engel gerade dabei, den Herd abzubauen. „He“, ruft Gott, „was tut ihr da?“ Küchen sind nicht mehr in Mode, klären die Engel ihn auf. Zwar gibt es Kochshows wie Salz im Meer, aber das echte Essen wird jetzt einfach bestellt. „Ist praktischer so“, sagt der Engel. Küchen werden jetzt als Zeilen gebaut. In den Wohnraum integriert. Jeder, der schon mal Hering gebraten hat weiß, dass er den Geruch nicht im Wohnzimmer haben will. Aber für Hering sind die Restküchen sowieso nicht gedacht. Allenfalls für eine chromblitzende Kaffeemaschine, die sprotzend den morgendlichen Macchiato ausspuckt. „Aber“, stottert Gott, „wer backt mir dann das Manna? Und die Wachteln müssen auch in den Ofen!“ Die Engel halten ihm einen Prospekt entgegen. „Kannst du bestellen. Pizza, Pasta, Couscous-Salat, Manna. Wird alles geliefert.“ Gott wischt den Prospekt beiseite. Er will kein geliefertes Manna, und auf eine Küche verzichten will er auch nicht. Da müsste er ja die ganze Bibel umschreiben. In Zukunft hieße es dann nicht mehr: „Das Himmelreich ist wie ein Sauerteig“, sondern „Das Himmelreich ist wie Lieferando“. Verpackt in drei Lagen Styropor, lauwarm und pappig. 

„Sieh“, versucht es der redegewandtere Engel, „es ist doch viel besser so. Die Menschen haben weniger Arbeit. Insbesondere die Frauen. Die Abschaffung der Küche ist also genau genommen ein Beitrag zum Feminismus!“ Der Engel gratuliert sich innerlich zu diesem genialen Einfall. „Ach Unsinn“, wischt Gott das Argument beiseite. „Als ob es besonders fortschrittlich wäre, nicht mehr für das eigene Essen sorgen zu können! Was kommt als nächstes? Ein mobiler Duschservice? Eine Erinnerungs-App, dass der Mensch sich bewegen soll, weil er genau dafür diese Dinger namens Beine hat?“ Gott hat sich ziemlich in Rage geredet, und der Engel verzichtet lieber auf den Hinweis, dass es so etwas längst gibt. „Versteht ihr denn nicht, was eine Küche alles ist? Sie ist ein Ort des Austauschs, an dem beim Kartoffelschälen Liebeskummer oder Weltpolitik besprochen wird. Die Küche ist der Ort der ungeplanten Begegnungen. In der Küche wartet immer ein Kaffee oder ein Rest Auflauf. Sie ist der Ort der Verheißung, an dem aus Mehl, Salz und Öl Brot oder Nudeln wird. Ein Küchentisch ist versöhnlich, lange nicht so offiziell wie ein Arbeitszimmer und auch nicht so privat wie ein Wohnzimmer, ein Küchentisch ist neutraler Boden. Beichtstuhl, Arbeitsfläche und Nachrichtenaustausch in einem. Ich habe sogar von einer Frau gehört, die ihr Kind auf dem Küchentisch zur Welt gebracht hat! Die Küche ist der Ort des alltäglichen Liebesmahls. Die Küche ist der Ort der Alchemie, der Verwandlung. Die könnt ihr doch nicht einfach abschaffen!“

 

PS: Bis in die frühen neunziger Jahre wurde in den meisten Haushalten täglich selbst gekocht. Heute ist das nur noch in weniger als der Hälfte der Fall, in Großstädten schalten viele Menschen ihren Herd sogar fast nie ein. Laut einer Studie der Schweizer Großbank UBS ist es möglich, dass schon im Jahr 2030 die meisten Mahlzeiten online bestellt und geliefert werden.

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Karin Walter (Sonntag, 28 Oktober 2018 22:11)

    ... und genau an diesem regnerischen grauen Waschküchenwetterherbsttag (wer auch immer noch weiß, was eine Waschküche ist) ist der Duft von frischen Zimtschnecken durch unser Haus gekrochen. Hat die Kinder aus ihren Zimmern gelockt und eine vergnügte Zeit am Küchentisch beschert. Danke für diese bestätigenden Worte.....

  • #2

    Gundolf (Montag, 29 Oktober 2018 08:57)

    ... und wie schön ist es doch, bei einer Geburtstagsfeier zusammen in der Küche zu stehen, den frischen Wirsing zu rupfen und waschen, die Zwiebel zu schneiden, den Peccorino zu raspeln, mit Farfalle und Brühe und Frischkäse in einem großen Topf zu kochen - und dann gemeinsam das gemeinsam gekochte zu verspeisen. Dazu gute Gespräche und einen leckeren Wein, fast wie im Himmel, nur dass wir noch eine Küche haben �

  • #3

    Beate Hoppe-Koch (Mittwoch, 31 Oktober 2018)

    ... und nach dem gemeinsamen Essen der gemeinsame Abwasch - mit vier Kindern - was für ein Spaß - und später dann mit Gesang, mehrstimmig "Oh, wie wohl ist mir am Abend...", noch heute klingt es in mir nach...

  • #4

    Mone (Samstag, 03 November 2018 00:46)

    Dankeschön!!! Für diese wunderbare Ode an die Küche....ich liebe sie auch! Ohne sie ist ein Haus kein Haus....sie ist quasi irgendwie der Herzschlag einer Wohnung......