Füße hoch!

Wisst ihr, was Luxus ist? Vergesst teure Autos und Schnürsenkel aus Schlangenleder. Ob das Schnitzel in Blattgold gewickelt ist, ist mir schnuppe. Ich brauche kein Privatjet, weil ich sowieso nicht gern fliege. Verliebt sein kann man genauso gut im Bus und bei Liebeskummer hilft auch keine Limousine. 5-Sterne-Hotels lassen mich kalt, meinen Urlaub verbringe ich am liebsten im Zelt, allerdings einem, das dichthält, das ist auch schon ein Luxus. Aber den meine ich nicht. 

Luxus ist ein Mittagsschlaf. Sich am helllichten Tag aufs Sofa zu legen und sanft davongetragen zu werden in einen Zustand zwischen Wachsein und Traum. Sich nicht gemeint fühlen von den Alltagsgeräuschen, sondern selig schlummern. Schon das Wort „schlummern“ erzählt von der Süße dieses Zustandes. Wer schlummert schläft nicht, wer schlummert trägt keinen Pyjama, wer schlummert, schlüpft nur kurz aus dem Getriebe des Alltags hinaus. 

Als ich Kind war, schlossen die meisten Läden um 12 Uhr 30, die Welt roch nach Erbseneintopf und Blumenkohl, und im Treppenhaus musste man jetzt leise sein. Wehe, wer es wagte, eine Tür zu knallen. Bis 15 Uhr war Mittagsruhe, sehr zum Leidwesen der Kinder. Wir schlichen auf Zehenspitzen durch die Wohnung, wussten nichts mit uns anzufangen und niemand war da, der uns bespaßt hätte. Der Vater meiner besten Freundin kam mittags nach Hause, aß zügig, um sich dann zwanzig Minuten aufs Sofa zu legen. Anschließend fuhr er zurück an seinen Schreibtisch. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, was daran erstrebenswert sein sollte. Manche Genüsse lernt man eben erst mit dem Alter zu schätzen: Bitterschokolade, Pampelmusen, Sonntagsspaziergänge, geputzte Schuhe. Und den Mittagsschlaf. Sich ausklinken. Die Füße hochlegen. Nicht ansprechbar sein. Mitten am Tag das Tagwerk unterbrechen.

Das ist Luxus. Es ist auch ein Akt der Unverfügbarkeit, und ich glaube, solche Momente brauchen wir immer nötiger. Sie sind Lücken, durch die das Unvorhersehbare schlüpft. Entspannung und Ruhe sowieso, auch Freiheit jenseits der Betriebsamkeit und der Unabkömmlichkeit, eine Freiheit jenseits der persönlichen Produktivität. Es ist, als würde man eine dieser alten Schultafeln wischen, vollgeschrieben mit Formeln, Gedanken, Notizen, bevor die nächste Stunde beginnt. 

Jede dritte Frau und jeder vierte Mann würden Umfragen zufolge gerne Mittagsschlaf halten, wenn es denn möglich wäre. So wird der „Powernap“ zumindest in Zeitschriften gepriesen – aber Powernap: Das klingt ja schon wieder nach Anstrengung und Leistung, so, als müsste ich für meinen Mittagsschlaf Laufschuhe anziehen. Den meisten bleibt die Sache irgendwie peinlich: Ein Mensch, der tagsüber schläft – und das auch noch öffentlich – kann doch eigentlich nur ein Faulpelz sein. Es müsste viel mehr Sofas, Bänke, Hängematten, Ohrensessel, Liegen, Kissen geben und Mutige, die sie benutzen. Handy stumm, Augen zu, Kopf in den Standbymodus. Ein Traum!

 

So geht’s:

„Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und bis tief in die Nacht arbeitet und das Brot der Mühsal esst. Den Seinen gibt es Gott im Schlaf.“ Psalm 127,2

 

in: Welt der Frauen 3/2019

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Sigi (Mittwoch, 27 Februar 2019 10:02)

    Jaaaaa!
    Das ist Luxus!
    Aber den leiste ich mir auch fast jeden Tag.
    Anschließend fließen die Ideen und Gedanken am Schreibtisch dann auch wieder.
    Gott sei Dank!

  • #2

    Irene Pitsch (Mittwoch, 27 Februar 2019 19:57)

    Diesen Luxus kann ich mir täglich gönnen, seit ich Rentnerin bin. Im Grunde ist es also für mich gar kein Luxus.
    Und ich habe mich als Kind nicht gelangweilt, wenn z.B. samstags und sonntags die Mittagsruhe eingehalten wurde.
    Da hatte ich wenigstens Ruhe vor all den Anforderungen, die an mich gestellt wurden.
    U n d ich konnte in Ruhe lesen.
    Danke für den Blick zurück.