Scheiter heiter!

Sterben kann jeder. Es ist nichts Besonderes, da nützt auch kein Mahagonisarg, kein Staatsbegräbnis, kein weises letztes Wort. Der Tod ist ein Totalversagen. Und ein Gott, der stirbt – naja. Jedenfalls ist er kein Held.

Ich bin auch keine Heldin.

In der vierten Klasse sollten wir unser Lieblingsbuch mitbringen. Stolz legte ich einen Band Donald Duck auf den Tisch. Ob ich denn nichts anderes lese, fragte meine Lehrerin säuerlich. Doch, stammelte ich, was eine glatte Lüge war. Anderes begann ich erst später zu lesen. Donald, Dagobert, Tick, Trick und Track blieb ich trotzdem treu. (...)

Donald ist mein Held, eben weil er kein Held bist. Er ist die menschlichste aller Enten. In ihm finde ich mich wieder, irgendwo zwischen Kleinmut und Größenwahn. Seine Übertreibungen lehren mich Selbstironie. Ständig stolpert Donald über seine kurzen Beine und seine eigenen Ideale. Er ist cholerisch, lächerlich, gewöhnlich. Keine seiner Fähigkeiten ist besonders ausgeprägt. Donald weiß, was Sinnkrisen sind. Er weiß, wie es ist, „ein Niemand, der allernichtigste Niemand in ganz Entenhausen“ zu sein. Ach Donald, du wirst es nie zu etwas Großem bringen. Dennoch lässt du dich nicht unterkriegen: „Heut morgen ist mir die Zunge in den Rührfix gekommen, gestern Abend ist mir das Seifenpulver in die Rühreier gefallen und vorgestern ... na ja!“

Trotzdem gibt er nicht auf. Donald ist ein Stehaufmännchen.

Jesus auch.

Die Verehrung eines Gekreuzigten hat dem Christentum viel Spott eingebracht. Die erste bildliche Darstellung ist ein römisches Graffito aus dem 2. Jahrhundert. Es stellt einen gekreuzigten Esel dar, versehen mit der Unterschrift: „Alexamenos betet seinen Gott an“. Götter hatten glorreich zu sein. Helden eben. Und nun tauchte einer auf, der durch die schändlichste aller Todesstrafen starb. Nur Nichtrömer und Sklaven durften gekreuzigt werden. Warum sollte man an so einen Gott glauben? Warum sollte man einem Gott vertrauen, der in seiner Mission scheitert? Der jämmerlich und hilflos ausgeliefert ist? Ein Gott, der aufs Kreuz gelegt wird?

Im Laufe der Jahrhunderte haben viele Künstler versucht, die Sache geradezubiegen. Sie haben Jesus am Kreuz einen schönen Körper gegeben. Manchmal hat er ein Sixpack, Bauchmuskeln von denen andere träumen. Aber auch, wenn sein Körper ausgemergelt ist, bleibt er ästhetisch. Scheitern ist okay, solange es nicht zu unappetitlich aussieht. Wer will sich schon Sonntag für Sonntag einen Verlierer anschauen? Das wäre eine Zumutung.

Ich glaube, genau das ist es auch. Ein jämmerlicher Gott ist eine Zumutung, weil er in Abgründe zieht. Er zeigt, was Menschsein heißt. Wir sind keine Helden. Wir sind Scheiternde, mal verschuldet und mal unverschuldet. Mal alltäglich und mal existenziell. Mal brennen die Bratkartoffeln an und mal geht eine Beziehung in die Brüche. Immer bleibt Gott an unserer Seite...

 

gesendet in: Deutschlandfunk, Am Sonntagmorgen. Den ganzen Text zum Hören oder Lesen gibt es hier.

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Kommentare: 2
  • #1

    Mone (Montag, 08 April 2019 23:00)

    Wow! Ein wunderbarer und mutiger Text! Ich bin sehr beeindruckt von diesem neuen Blick auf die alten Geschichten....ein Gott der mit uns Sachen und Situationen durchsteht.....Danke für diese Gedanken!

  • #2

    Herbert Baumert (Dienstag, 16 April 2019 12:17)

    Ein Supertext, der auch wunderbar in die österliche Zeit passt. Ein Text der Mut macht und Freude bereitet.
    Herzliche Dank Susanne Niemeyer für diese Worte.