Nuancen und Pferdefüße

„Guten Morgen, mein Lieber.“ Der Teufel ist erstklassig gekleidet. Weißes Hemd, schwarzer Blazer, während Gott einen gewagten Mustermix trägt. „Ich bin nicht dein Lieber“, widerspricht er. „Nana, wer wird denn so mürrisch sein? Predigst du nicht immer die Liebe? Aber ich verstehe dich. Seit selbst ‚Gutmensch’ zum Schimpfwort geworden ist, schwimmen dir die Felle davon. Du solltest über dein Konzept nachdenken. Es ist einfach zu komplex.“

Seit einigen tausend Jahren treffen die beiden einander regelmäßig. Auf Initiative des Höchsten. Er nennt das „die andere Seite sehen“, was der Teufel insgeheim lächerlich findet. Einseitigkeit liegt ihm mehr, aber da er sich gern präsentiert, lässt er kein Treffen ausfallen. 

Die Zeit des Schwefels und der Pferdefüße ist vorbei. Seriosität ist das Motto des neuen Jahrtausends, seitdem hantiert er nicht mehr mit der Hölle, sondern mit Statistiken. „Und die Quellen?“, fragt Gott. „Die sind doch total zwielichtig. Wenn du sie dir nicht gleich ausgedacht hast!“ Der Teufel sieht ihn mitleidig an. „Als ob die Leute sich für Quellen interessieren. Ich verstehe mich als Dienstleister. Es prasselt heutzutage so viel auf die Leute ein: Klimawandel, Ausländer, neuartige Viren, vegane Leberwurst. Das überfordert viele. Ich vereinfache den Leuten ihr Leben. Ich sortiere vor.“

„Allerdings völlig einseitig!“

„Das ist mein Markenzeichen. Keine Widersprüche. Kein Sowohl als auch. Schwarz oder weiß.“

„Ich habe den Menschen den Regenbogen gegeben“, schwärmt Gott. „Den lieben sie. Gerade wegen der Vielfalt. Die Welt ist nicht eindeutig. Kannst du dir einen Regenbogen in schwarz-weiß vorstellen?“ „Sie lieben deinen Regenbogen auf Postkarten und Facebook-Bildern. Solange er romantisch ist. Metaphorisch hat er ausgedient. Zu viele Nuancen. Das ermüdet und verunsichert nur. So, jetzt muss ich los. Ich bin mal wieder auf eine von diesen Demos als Redner eingeladen. Bis bald, mein Lieber!“ 

Gott rümpft die Nase. Den Schwefelgeruch wird er nicht los, denkt er. Ich muss ihn aushalten. Das gehört wohl zur Ambiguitätstoleranz dazu. Dann bricht auch er auf. „Ich glaube an euch“, flüstert er seinen Menschen ins Ohr. „So einfältig seid ihr nicht. Wer seit Anbeginn der Welt mit Widersprüchen lebt, hat Übung darin.“

 

So geht’s: Ambiguitätstoleranz: Die Fähigkeit, Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen und ertragen zu können und Diskussionen trotz allem wohlwollend fortführen zu können, ohne dabei aggressiv zu reagieren.

 

in: Welt der Frauen www.welt-der-frauen.at (gekürzt)

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Kommentare: 3
  • #1

    Petra (Montag, 28 September 2020 09:16)

    Mit diesem Text in die Woche starten, dass macht Mut!

  • #2

    Gundolf (Montag, 28 September 2020 09:37)

    � Regenbogen, ich liebe dich, egal, ob am Himmel oder als Flagge �️‍�
    Der Regenbogen ist halt das Versprechen Gottes, dass nach Regen (welcher Art auch immer) immer wieder Sonnenschein (wie auch immer) kommt.
    Deo gratias ...

  • #3

    Petra Henning (Freitag, 02 Oktober 2020 18:29)

    Wunderbar! <3
    Danke!