Sandmännchen und Westpakete

3. Oktober 1990

Ich habe den Fernseher angemacht. Die DDR war für mich LPGs und eine Mauer, die unfassbar anmaßend, aber nicht meine ist. Jetzt steht sie offen.

Ich bin schon drüben gewesen. Ostern, mit Zelt. Mal gucken, was für ein Land das ist. Nicht mein Land, soviel ist klar. Das Wort „Wiedervereinigung“ kenne ich nur aus dem Mund der Ewiggestrigen. Die auch Ostpommern und das Elsass wiederhaben wollen.  Ich hocke in Jeans auf dem Sofa und fühle mich fremd im Jetzt. Was da 400 Kilometer östlich geschieht, ist irgendwie nicht mit mir abgesprochen. Warum scheint es für alle so selbstverständlich, dass aus zwei Staaten einer wird? Können wir uns nicht erstmal kennenlernen? Wer sagt denn, dass wir zueinander passen? Kohl sieht satt und zufrieden aus. Er spricht von blühenden Landschaften und klingt, als habe er eine Putzkolonne losgeschickt, die eben mal alles auf Vordermann bringen soll. Ich pule die Kerne aus ein paar letzten Pflaumen und stecke mir eine in den Mund. "Einigkeit und Recht und Freiheit" singen sie im Fernseher, und ich höre "Deutschland, Deutschland über alles". Ich schalte ab. Wie wird das alles werden?

 

30 Jahre später.

Der Zug von Hamburg fährt durch. Landschaft rauscht vorbei. Ackersenf blüht. In knapp vier Stunden werde ich in Erfurt sein. Neben mir sitzt Matthias. Ostkind, sagt er. Wir haben Bleistifte im Koffer und leere Hefte. Wir werden uns zusammenschreiben: Mario aus Zwickau, Silke aus Ostfriesland, Kirstin aus Berlin, Werner aus Köln, Marion aus Magdeburg und all die anderen. Auf den Fluren tragen wir Masken, in unseren Texten zeigen wir uns. Erzählen, was wir gewonnen haben: Reisefreiheit. Hiddensee. Eierschecke. Ich-sagen. Wir-denken.

Den Polizeiruf 110. Deutsche Geschichte an Originalschauplätzen: Goethe, Luther, Effi Briest. Einen Beruf nach eigener Wahl. Studieren in England. Das Elbsandsteingebirge zum Wandern. Gundermann. Wahlfreiheit. Levis-Jeans. Und immer wieder: Freundschaften. Entweder-oder wird zu sowohl-als-auch. Wir schreiben Liebeserklärungen an die Demokratie. Wir lachen über unsere Nostalgie. Probieren Bambina und Milky Way, und beides ist vor allem quietschsüß. Unter freiem Himmel singen wir von Gedanken, die frei sind. Wir finden Utopien für die nächsten 30 Jahre: Der Himmel ist blau. Das Kind fragt, was eine Grenze ist. Einigkeit und Recht und Freiheit. Heimat ist ein Tuwort.

 

Das Ost-West-Schreiben setzen wir fort: Vom 3.-5. Dezember 2021 mit der Ev. Akademie Thüringen in Neudietendorf.

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Kommentare: 2
  • #1

    Dorothea G.-P. (Mittwoch, 07 Oktober 2020 21:43)

    Ein wunderbarer Mutmachtext garniert mir Schmunzelpausen und Verbindungslichter - ich freue mich!

  • #2

    Mario (Freitag, 09 Oktober 2020 10:46)

    Ich war von einigen Texten sehr erstaunt, die da entstanden. Ebenso wie von Einblicken in die "Perspektive der anderen". Ein paar Texte, mit denen ich ganz zufrieden war, habe ich hier veröffentlicht: https://mariokeipert.de/textwaerts/wendejahre
    Vielen Dank!
    Mario