Träumen

Als Josef morgens aus dem Haus ging, war noch alles wie immer. Nur der Kaffee war eine Spur zu stark. Vielleicht würde er das brauchen heute. Bestimmt hatte er einen Plan. Einen kleinen oder einen großen: Tabak kaufen. Ein Boot zimmern. Spontaner sein. In den nächsten Wochen weniger arbeiten (oder mehr). Unbedingt die Tür zum Garten streichen. Nichts deutete darauf hin, dass sich an diesem Tag alles ändern könnte. Vielleicht würde es schneien. Aber damit musste man ja rechnen, um diese Jahreszeit. 

In der Nacht kam der Engel. Er kam im Traum und sah aus wie sein alter Mathelehrer. Nur, dass knapp unter seinen Schulterblättern Flügel wuchsen. So gewichtig waren seine Botschaften. Der Engel hatte viel zu tun. Nacht für Nacht ging er durch die Träume der Menschen und flüsterte ihnen ins Ohr. Die Botschaften unterschieden sich, aber jede einzelne begann mit denselben Worten: „Alles wird anders.“ Der Engel sagte sie langsam und mit bedächtiger Stimme, als wolle er dem Anderen Zeit lassen, zu verstehen. 

Josef mochte Veränderungen nicht besonders. Sie kamen immer so überraschend. Er war zuverlässig und pflichtbewusst, einer, der versuchte, auf alles vorbereitet zu sein. Dafür erwartete er im Gegenzug eine gewisse Kontinuität des Lebens. Er hätte also gern dankend abgelehnt. Die Möglichkeit bestand nicht. „Rechne mit dem Unbekannten“, sagte der Mathelehrer-Engel streng. „Es könnte ein Geschenk des Himmels sein.“ Das Unbekannte war Josef schon immer suspekt gewesen. Besonders zu Weihnachten. Wo doch gerade da alles wie immer sein soll. Um 15 Uhr die Messe und um 17 Uhr gemeinsames Singen mit Oma und danach Semmelknödel zur Gans. Weihnachten war für Josef die Garantie, dass die Welt in Ordnung ist. Der Engel brach in Lachen aus und ähnelte jetzt überhaupt nicht mehr seinem Mathelehrer: „Da hast du das Fest aber gründlich missverstanden! Weihachten heißt: Nichts bleibt, wie es ist. Da wirst du rausgeschmissen aus deiner Bequemlichkeit. Weihnachten ist ein weites Feld. Weihnachten ist der Himmel, der offen steht. Weihnachten ist ein Weg durch die Dunkelheit, denn nur im Dunkeln siehst du den Stern. Weihnachten ist der Strohhalm, nach dem ein König greift. Weihnachten ist Hoffnung, die laufen lernt.“

Der Engel verschwand. Josef wälzte sich ein paar Mal unruhig auf seinem Kissen und schlief noch vier Stunden, bis der Morgen ihn weckte. Seinen Kaffee trank er nachdenklicher als sonst. „Was ist mit dir?“, fragte seine Frau. „Du wirkst so verändert.“ „Ich hatte einen Traum“, sagte Josef. Mehr nicht. Und dann ging er in die Nacht der Nächte ohne Plan, mit einer schiefen Maske auf der Nase verließ er das Haus des Gewohnten und hielt Ausschau nach dem Unbekannten. Vielleicht würde ihm etwas in den Schoß fallen. Ein Stern, ein Wunder, ein Anfang, ein Kind.

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Kommentare: 13
  • #1

    Sabine (Sonntag, 06 Dezember 2020 09:13)

    Seit ich mir im letzten Jahr "Jesus klingelt " gekauft habe,füllen deine Bücher mein Regal. Die Stille Post macht jetzt schon im dritten Jahr meinen Advent hell. Und in diesem Jahr sind deine wunderbaren Texte kleine Lichtkekse,auf die ich mit großer Vorfreude warte. Vielen Dank!

  • #2

    Clara (Sonntag, 06 Dezember 2020 10:45)

    Diese Vorstellung von Josef der besucht wird und neu wird wenn auch nur im Nachdenken lässt mich - wenn auch wohl nur für einen Augenblick - die Sehnsucht spüren. Sehnsucht danach dass ich diese Veränderungen die Gott mit uns vor hat an nehme. Und einen Teil von mir werden lasse. Danke für dieses lichte Wort. Clara

  • #3

    Ute (Sonntag, 06 Dezember 2020 11:01)

    Tausend Dank für diese wunderbare Geschichte....hat ein Licht in meinem Herzen angezündet und mich neugierig gemacht, auf alles was noch (an) kommt!

  • #4

    Brigitte (Sonntag, 06 Dezember 2020 12:18)

    Wenn wir das Neue
    mit unseren alten Augen schauen,
    mit unseren Konditionierungen wie Leben zu sein hat,
    wird es sicher schwierig...

    Wenn wir uns einlassen,
    uns überraschen lassen
    und mit staunenden Augen neu schauen
    wird es 0 hoffentlich
    0 vielleicht
    0 ganz bestimmt
    (bitte ankreuzen)
    w u n d e r b a r.
    Brigitte Schreima

    Danke Susanne für Deine Geschichte.
    Herzliche Grüße
    Brigitte (Schreibwerkstatt Ost-West)

  • #5

    Helene (Sonntag, 06 Dezember 2020 13:30)

    Momentan habe ich nur das Bedürfnis meine Enkelkinder mal wieder in den Arm zu nehmen, mit Freundinnen und Freunden am grossen Tisch zu essen, meine Freunde in Belarus zu besuchen.... uffseufz... nicht auf was Neues warten müssen, ach, das Klagen muss und darf auch mal sein. Dann kommt die Zuversicht auch wieder auf leisen Sohlen angeschlichen.

  • #6

    ulrike stein (Sonntag, 06 Dezember 2020 19:08)

    Irgendwann fiel mir auf: In jeder Fin-stern -is leuchtet ein Stern!

  • #7

    Helene (Montag, 07 Dezember 2020 10:38)

    Liebe Ulrike Stein, Fin-Stern-is! Danke!

  • #8

    Patricia (Dienstag, 08 Dezember 2020 15:36)

    Pommes sind aber äußerst ungesund, außer man isst sie nur ab und zu.

  • #9

    Susanne (Mittwoch, 09 Dezember 2020 07:30)

    @Patricia: ... aber lecker ;-)

  • #10

    Sigi (Mittwoch, 09 Dezember 2020 09:04)

    In Josef entdecke ich mich wieder. Ich hoffe ich kann offen sein für das Unerwartete, das sich in mein Leben schleicht. Vielleicht ein Engel?

  • #11

    Andrea Klein (Sonntag, 13 Dezember 2020 10:41)

    Danke! Diesen schönen Text habe ich in der Zeitschrift "Welt der Frauen" gefunden. Er begleitet mich in dieser Adventzeit!

  • #12

    Patrick (Dienstag, 15 Dezember 2020 11:25)

    Wunderbar - gerade mache ich mich auf die Suche nach dem "Josef in mir"...

  • #13

    Franz (Dienstag, 22 Dezember 2020 10:17)

    Mir gefällt der Satz: Weihnachten ist Hoffnung, die laufen lernt!