Alles offen

Jesus und Maria Magdalena

Sie ist unabhängig. Eben wie man das landläufig so meint: Unverheiratet, mit einem Konto ausgestattet, das sie selber füllt. Eine Bohrmaschine hat sie auch (nutzt sie aber ungern. Wegen des Lärms. Und so viele Löcher braucht man gar nicht im Leben).

Er liebt sie. Mehr als die anderen. Aber ein Paar sind sie nicht.

Sie haben nie zusammen geschlafen. Obwohl es Momente gab, in denen es folgerichtig hätte sein können. Als sie am See saßen und die anderen längst gegangen waren. Sie redeten, während der Mond seine Runde drehte, bis er hinter den Kiefern verschwand. Ich liebe es, sagte sie, wie du meine Geister vertreibst, durch die Nacht mit mir gehst. 

Im ersten Licht des Morgens sind sie geschwommen, vielleicht waren sie nackt, sie hat es vergessen. Später saßen sie zusammen in einem Boot, Schulter an Schulter. Es war eng und nicht unangenehm. Ich liebe es, sagte er, dass du mich berührst.

Er mag ihre Nähe, die immer etwas Waches hat. Sie lässt sich nicht fallen. Er hat nie das Gefühl, der Stärkere sein zu müssen. Sie lehnen aneinander, mit den Füßen auf der Erde. Das Boot schaukelte, sie genossen die Wärme ihrer nackten Haut, Bein und Arm. Sie genossen einander, ohne etwas zu wollen. Falls sie es doch taten, behielten sie es für sich, um das andere nicht zu stören, das leicht war und ihnen Flügel gab. Sie lernten, dass man nicht alles mitnehmen muss, was sich anbietet. Manchmal findet sie ihn schön. Seine Augen würde sie unter allen Augen erkennen. Auch seinen Körper. Er ist glatt, wie Marmor. Aber das sagt sie ihm nicht. Stattdessen: Deine Füße liebe ich. Deinen Kopf liebe ich auch. Er mag ihre Schultern. Sie sind muskulöser, als man zunächst denkt. Sie ist keine Sportlerin, sie gehört nicht zu den Frauen, die diszipliniert und geplant vorgehen. Aber sie bewegt sich gern und er genießt es, ihr dabei zuzusehen. Ich liebe es, sagt sie, wie du mich ansiehst. Nie habe ich das Gefühl, ich müsste mich verstecken. 

Ich liebe es, sagt er, wie du einen Raum betrittst und die Blicke nicht wägst. Wie du dein Ding machst ohne Furcht. 

Ihr Lachen macht sie zu Verschworenen. Wenn sie reden, dann reden sie nicht nur mit dem Kopf, sondern mit allem. Manchmal räkelt er sich wie eine große, schwere Raubkatze, wenn er einen Gedanken verfolgt. Sie fürchtet nichts an ihm. Obwohl er scharf sein kann, sogar verletzend. Bei ihr ist er es nicht. Sie weiß nicht, warum. Dabei kann sie selber auch scharf sein. Und schroff. Er sieht es ihr nach. Sie brauchen nicht miteinander zu kämpfen. Es gibt nicht zu behaupten und nichts zu gewinnen. Sie kennen einander zu gut. 

Ich liebe es, sagt sie, dass du mich sein lässt, wie ich bin. Das verwandelt mich. 

Es heißt, dass sie viele Männer hatte. Viel ist eine schwammige Zahl. Sie liebt Worte mehr als Zahlen. Aber gegen Sex hat sie nichts einzuwenden. So ein Satz kann gegen sie verwendet werden. Es heißt, dass sie versucht hat, ihn zu verführen. Er aber nicht wollte. Er konnte ihr widerstehen. Ihr, der Versuchung. Obwohl es andererseits auch nicht schlimm gewesen wäre, wenn er nicht widerstanden hätte: Sex macht Männern zu echten Männern und Frauen zu fragwürdigen Frauen. Für alleinstehende Frauen wie sie ist das ein Dilemma: Zu viel Sex ist schlecht, kein Sex aber auch. Eine Frau ohne Mann, ohne Kinder muss unglücklich sein. Wenn sie nicht unglücklich ist, dann stimmt etwas nicht mit ihr.Sie weiß, dass die Leute so denken. Er weiß es auch. Aber es spielt keine Rolle. Ich liebe deine heilige Furchtlosigkeit, sagt sie. Dass du dich nicht sorgst, was die Leute reden. 

Manchmal sind ihre Worte wie Küsse. Sie schmecken salzig und süß. Wie Honig-Erdnüsse, denkt sie. Er denkt an Krebsfleisch. Sie essen oft zusammen. Ungeplant, Zufallsessen auf eine beiläufige, verschwenderische Art. Er brät ein Ei und sie öffnet eine Flasche Wein. Dabei reden sie weiter, kauen die Worten oder lassen sie auf der Zunge zergehen. Ich liebe es, sagt er, dass du eine Verschwenderin bist. Du rechnest nicht. Du wärst so eine schlechte Buchhalterin. Selber, denkt sie und lächelt in sich hinein.

Sie zeigen einander viel. Er lernt ihre Dämonen kennen und hält ihnen stand. Zum ersten Mal hat sie das Gefühl, sie nicht verteidigen zu müssen. Er würde nichts gegen sie verwenden. Dafür bleiben sie sich fern genug, sie müssen einander nichts heimzahlen. Auch sie ahnt etwas von seinem Schmerz. Obwohl er ihn nie zur Schau stellt. Auch von seiner Wut. Wie ein Sommergewitter bricht sie manchmal herein, unerwartet und heftig. Aber sie fürchtet sich nicht vor Gewittern. 

Ich liebe es, sagt er, dass du mich nicht festnagelst.

Ich liebe es, sagt sie, dass du dich mir zeigst. 

Ich liebe dich, sagen sie und lassen alles offen.

 

aus: Kirschen essen. Liebesgeschichten aus der Bibel. Edition chrismon

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Beate (Samstag, 13 Februar 2021 18:05)

    Wiedermal eine wunderbare Geschichte, die sich damals oder auch heute genau so zugetragen haben kann.
    Danke für Deine Gabe immer wieder zu zeigen, wie nah uns die Erzählungen der Bibel sind.

  • #2

    Martin (Samstag, 20 Februar 2021 15:47)

    Berührend und offen wie es sein kann