Halber Himmel

Morgens stehe ich aus dem Bett auf. Mittags vom Tisch. Aber vom Tod? Keine Ahnung. Ich glaube es versuchsweise, und wenn es dann nicht klappt, wenn dann alles schwarz und Schlaf ist, dann merke ich es ja nicht mehr. Bis dahin lebe ich. Esse Zimt-schnecken, halte meine Nase in die Sonne, stell mich in den Kirschblütenregen, streite (aber schmolle nicht) und feiere das Leben, so oft ich kann. Muss alles immer erfüllt sein? Ist es sowieso nicht, jedenfalls nicht in meinem Leben. Mir reicht ein halber Apfelkuchen, ich brauche keinen ganzen. Wer immer auf Erfüllung wartet, könnte am Ende mit leeren Händen dastehen. Ich möchte mich erinnern an ein paar spontane Ausflüge ans Meer, an das Lachen meiner kleinen Nachbarin, an Bring-was-du-hast-Abende, an Küsse im Nieselregen, an das ein oder andere gelesene Buch, an den Geruch von Waldmeister im Mai. Ich möchte mich daran erinnern, dass ich schon jetzt mehr Erinnerungen habe, als ich mir träumen ließe. Rette mich, Gott, vor der Vorstellung, dass immer noch was Größeres kommen muss. Der Himmel beginnt hier, mit einem halben Fuß steh ich schon drin.

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Kommentare: 2
  • #1

    Gundolf (Dienstag, 24 Mai 2022 21:04)

    Oh ja, »mit einem halben Fuß steh ich schon drin«. Wie schön ist das wieder ...
    Danke für deine Zeilen und bleib gesund und behütet ❣️

  • #2

    Anita (Donnerstag, 26 Mai 2022 13:07)

    Danke, so wunderba?

 

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